Authentizität

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authenticity_geralt_pixabay_comWortherkunft: Ableitung des Adjektivs ‘authentisch’ = echt, glaubhaft, verbürgt, wahr; ursprünglich abstammend vom griech. Adjektiv ‘authentikós’ = zum Urheber in Beziehung stehend, im Deutschen seit dem 16. Jahrhundert in der heutigen Bedeutung gebräuchlich

Im Journalismus wird unter Authentizität (1) die tatsächliche Echtheit einzelner Informationen und kompletter Beiträge sowie (2) das erfolgreiche Erwecken eines Anscheins von Echtheit als Mittel journalistischer Darstellung unabhängig von der tatsächlichen Echtheit der vermittelten Informationen verstanden.

(1) Die Prüfung von Quellen und den von ihnen übermittelten Informationen auf Authentizität ist ein wesentlicher Teil journalistischer → Recherche. Nur authentische Informationen können zur Grundlage korrekter Berichterstattung werden. Schlägt diese Prüfung auf Authentizität fehl, kommuniziert Journalismus also über nicht authentische Informationen, kann dies die Glaubwürdigkeit einzelner Journalisten oder gesamter Redaktionen in Frage stellen. Ein besonders bekanntes Beispiel für einen solchen Fehlschlag ist die Veröffentlichung der vermeintlich authentischen, tatsächlich aber gefälschten Hitler-Tagebücher im Magazin Stern im Jahr 1983. Was als journalistischer Coup geplant war, sorgte weltweit für Negativschlagzeilen.

(2) Authentizität als Vermittlungstechnik ist vor allem in stärker subjektiv geprägten journalistischen Genres von Bedeutung – vor allem in → Reportagen, → Porträts und → Features, aber auch in → Interviews und anderen Stilformen. Für die Reportage forderte bereits Egon Erwin Kisch neben Standpunkt- und Tendenzlosigkeit des Reporters auch Erlebnisfähigkeit sowie „Liebe zu seinem Gewerbe“. Durch die Vermittlung eigenen Erlebens soll die unmittelbare Teilnahme der Rezipienten am wahrheitsgemäß geschilderten Ereignis ermöglicht oder zumindest suggeriert werden.

Während Kisch seine Einstellung zur Tendenzlosigkeit später revidierte, hat sich an der Betonung des eigenen Erlebens in der Reportage bis heute nichts geändert. Dass die Vermittlung von Authentizität indes auch ohne tatsächliches eigenes Erleben möglich ist, zeigte sich beispielhaft etwa am Skandal um die Verleihung und anschließende Aberkennung des Egon-Erwin-Kisch-Preises 2011 an René Pfister für die Reportage Am Stellpult. Pfister hatte in der Reportage detailliert eine Modelleisenbahn im Keller des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer beschrieben, anschließend aber zugegeben, den Keller niemals betreten zu haben. Die Vermittlung des Eindrucks von Authentizität war offenbar gelungen, obwohl der Autor sich dazu nicht auf authentische Informationen stützen konnte. In einem ähnlichen Spannungsfeld bewegen sich häufig journalistische Interviews, die den Eindruck eines authentischen Gesprächs vermitteln sollen, tatsächlich aber regelmäßig nach dem Gespräch stark gekürzt, dramaturgisch verändert oder inhaltlich modifiziert werden.

Literatur:

Haller, Michael: Die Reportage. 6. Auflage. Konstanz [UVK] 2008

Ihl, Daniela: Egon Erwin Kischs Reportagebuch Landung in Australien. Eine historisch-literarische Studie. Frankfurt/M. [Peter Lang] 2010

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

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Holger Handstein
*1976, Dr., hat an der Technischen Universität Dortmund zum Thema Qualität im Journalismus promoviert. Er arbeitet als Kommunikationsberater in Köln. Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte: Qualität im Journalismus, Verhältnis von Journalismus und PR. Kontakt: post(at)handundstein.de

Holger Handstein hat einen Einführungsbeitrag zum Thema → Qualität im Journalismus geschrieben.