Bildressort

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Wortherkunft: Zusammengesetztes Wort aus Ressort von frz. ressortir = zugehören und Bild (Synonym für Fotografie)

Definition:
Zu den Aufgaben eines Bildressorts – oder synonym einer Bildredaktion bzw. Fotoredaktion – gehört die „Beschaffung und redaktionelle Bearbeitung von Bildern“ (Schulze 2001: 191), entweder durch Bildrecherche bei Bildagenturen oder die Beauftragung von festangestellten → Redaktionsfotograf*innen oder freien Fotograf*innen. Dies geschieht in der Regel durch auf das Thema Bild spezialisierte Redakteur*innen, die als Bindeglied zwischen Fotojournalist*innen, Layout und Textredakteur*innen fungieren (Blecher 2001: 90). Vor allem bei größeren Magazinen und Tageszeitungen sind dem Bildressort auch die Redaktionsfotograf*innen zugeordnet.

Das spezifische Tätigkeitsfeld einzelner Bildredakteur*innen unterscheidet sich dabei von Medium zu Medium je nach Größe, Erscheinungsform und Zielgruppe (Sachsse 2003: 20), so wie auch die Ausdifferenzierung von verschiedenen Arbeitsrollen (z. B. Bildchef oder Bildarchivar) innerhalb der → Ressorts. Die Bildredaktion ist ein „flexibles Tätigkeitsfeld […] dessen journalistische Prägung eindeutig ist, und in das in besonders hohem Maße spezifisch fotografische und organisatorische Aufgaben integriert sind“ (Martin/Werner 1981: 59). Durch „die Selektion, Kontextualisierung und Bearbeitung“ (Isermann 2014: 151) von Transferbildern – von einigen auch als Rohmaterial oder Halbfertigware bezeichnet (Blecher 2001: 58) – produzieren Bildredakteur*innen journalistische Medienbilder (Lobinger 2012: 68).

Im Gegensatz zu den klassischen Ressorts im Journalismus wie Politik, → Kultur oder Wirtschaft ist die Abgrenzung nicht inhaltlicher Natur, sondern zeichenspezifisch. Ob eine Redaktion über ein eigenes Bildressort verfügt, hängt von der Art der → Redaktionsorganisation ab. Während dies für große Zeitungen und Zeitschriften in der Regel zutrifft, werden die Aufgaben bei kleineren, meist lokalen und regionalen Zeitungen oft auf andere → Redakteur*innen verteilt (Schulze 201: 191). Bildredaktionen finden sich auch bei den Bilderdiensten der Nachrichtenagenturen und Bildagenturen.

Geschichte:
Die Geschichte des Bildressorts und dessen Bedeutung für das Zeitungs- und Zeitschriftenwesen ist – anders etwa als die Geschichte der Pressefotografie (Pensold 2015) – bis heute weitestgehend unaufgearbeitet. Während die Entstehung von Redaktionen und Ressorts im Journalismus allgemein auf die Mitte des 19. Jahrhunderts angesetzt wird (vgl. Meier 2002: 119), wird eine historische Untersuchung dadurch erschwert, „dass Bildredakteure in der Öffentlichkeit stets in zweiter Reihe standen“ (Vowinckel 2016: 109). Vowinckel datiert gleichwohl den Prozess der Professionalisierung von Bildredakteur*innen auf das frühe 20. Jahrhundert (ebd.).

Trotz dieses beginnenden Prozesses und der herausragenden Bedeutung von Illustrierten waren Bildressorts bis in die 1930er nicht flächendeckend etabliert (Dussel 2019: 99). Noch Ende der 1920er Jahre soll die Berliner Morgenpost die einzige Tageszeitung mit einer Bildredaktion gewesen sein (Weise 2015: 267). Erstmalig ausführlich beschrieben wird das Tätigkeitsfeld Bildredakteur*in beim den Nationalsozialisten nahestehenden Zeitungswissenschaftler Willy Stiewe (1933). Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts galt, dass Bildredakteur*innen überwiegend Autodidakt*innen waren und ihr Berufsbild selbst entwerfen mussten (Vowinckel 2019: 111).

Spezifische Untersuchungen zu Bildressorts bzw. Bildredaktionen im Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus des Nachkriegsdeutschlands liegen nicht vor. Dass jedoch abgesehen von den überregionalen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen nicht von deren flächendeckender Existenz ausgegangen werden kann, darauf verweist etwa das Ergebnis einer Fallstudie zur Organisation der Zeitungsredaktion, da bei nur einer von sechs untersuchten Blättern eine eigenständige Bildredaktion existierte (Moss 1998).

Gegenwärtiger Zustand:
Der Umstieg von analoger auf digitale Fotografie sowie die flächendeckende Verbreitung der elektronischen Bildverarbeitung (EBV) und des Desktop-Publishings im Journalismus (Macias 1990) haben auch zu einem tiefgreifenden Wandel bildredaktioneller Arbeit geführt. Während auf der einen Seite komplette Arbeitsrollen wie Laborant*innen oder Archivar*innen aus den Bildressorts verschwanden, konzentrierte sich die Arbeit auf den Bildschirm bzw. den Computer, wo heute alle Recherche-, Bearbeitungs-, Archivierungs- sowie Layouttätigkeiten stattfinden. Gleichzeitig ist die Anzahl der zu verarbeitenden Bilder extrem gestiegen. Verarbeitete die Bildredaktion der FAZ im Jahr 1999 1200 Bilder pro Tag (Pohlert 1999: 14), so sind es heute mehr als 20.000 (Runge 2016: 281). Vor allem im tagesaktuellen Nachrichtenjournalismus wird dabei so gut wie ausschließlich mit Agenturmaterial gearbeitet.

Der weitgehende Umstieg auf online first in vielen Redaktionen hat die Arbeitsprozesse fundamental verändert und zu einer engen Arbeitstaktung geführt. Dazu kommt, dass im Rahmen von Prozessen redaktioneller Konvergenz bei Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen eigenständige Bildressorts auf den Prüfstand kommen. Innerhalb der Redaktionen war die Bildauswahl von Print und Online lange getrennt und je nach Verlag wird dies bis heute sehr unterschiedlich gehandhabt. Eine einheitliche Ausbildung zur/zum Bildredakteur*in existiert weiterhin nicht. Bildressorts finden sich heute nicht mehr nur bei Nachrichtenmagazinen, Zeitungen und Onlinemedien, sondern auch bei Fernseh- und Radiosendern, etwa der Deutschen Welle oder dem Deutschlandfunk. Dort sind die Bildredakteur*innen sowohl für die Bebilderung der jeweiligen Online-Angebote als auch die Gestaltung der Hintergrundbilder für Fernsehbeiträge zuständig.

Forschungsstand:
In der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft sind Arbeiten, die sich spezifisch mit dem Bildressort und Bildredakteur*innen befassen, extrem rar gesät. In Arbeiten, die sich konkret der Redaktions- und Ressortforschung widmen (vgl. Wyss 2002; Meier 2012), fehlen Hinweise zu Bildressorts oft völlig oder werden nur am Rande erwähnt (vgl. Rühl 1979; Moss 1998). Positive Ausnahme ist die 1979/80 von Martin/Werner durchgeführte Bildjournalisten-Enquete.

Angesichts der Tatsache, dass es zu visueller Publizistik eine ganze Reihe von Inhaltsstudien gibt, erscheint die Nicht-Berücksichtigung der Produktion erstaunlich. Einzig Rössler et al. (2011) untersuchten mit einer Studie über → Fotonachrichtenfaktoren journalistische Selektionsentscheidungen. Die Beobachtung der Stern-Bildredaktion ergab, dass neben den Fotonachrichtenfaktoren persönliche Einstellungen, Hintergrundwissen sowie redaktionelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen die entscheidenden Einflussfaktoren auf die journalistische Bildselektion darstellen (Rössler et al 2011: 216). Eine theoretische Modellierung bildredaktioneller Arbeit ausgehend von einer systemtheoretischen Bestimmung des → Fotojournalismus hat Koltermann (2020) vorgenommen.

Etwas umfangreicher sieht der Forschungsstand in der englischsprachigen Literatur aus, wobei die Ergebnisse aufgrund unterschiedlicher Journalismuskulturen nur bedingt auf Deutschland übertragbar sind. Bereits die Klassiker der Fotojournalismusforschung aus den USA (Newton 2001; Langton 2009) nehmen ganz selbstverständlich Bezug auf die bildredaktionellen Praktiken bei amerikanischen Zeitungen. Mortensen und Gade (2018) haben anhand der Tageszeitung The Times Herald-Record untersucht, inwieweit sich die Arbeitsprozesse einer Bildredaktion nach dem Entlassen der Staff-Fotograf*innen verändert haben, während Láb und Štefaniková (2017) fotojournalistische und bildredaktionelle Routinen im Fotojournalismus Zentraleuropas untersucht haben.

Interessante Erkenntnisse gab es in den Studien dahingehend, dass die Verantwortung für die Bildauswahl mit der Digitalisierung stärker auf die Fotojournalist*innen verlagert wurde (Láb/Štefaniková 2017), Bildredakteur*innen tendenziell den individuellen Einfluss auf die Bildauswahlprozesse gegenüber redaktionellen Routinen zu überschätzen (de Smaele et al. 2017) und sich ihre Rolle von Gatekeeper*innen zu Gatechecker*innen des „visual news stream“ gewandelt hat (Schwalbe, Silcock et al. 2015). Die umfassendste Arbeit zum Thema stammt von der Ethnologin Zeynep Gürsel (2016), die in einer medienanthropologischen Studie die Bildredaktionen internationaler Agenturen und Magazine untersucht hat.

Literatur:

Blecher, Helmut: Fotojournalismus. Hamburg [Rotbuch-Verlag] 2001.

de Smaele, Hedwig; Eline Geenen et al.: Visual Gatekeeping – Selection of News Photographs at a Flemish Newspaper. A Qualitative Inquiry into the Photo News Desk. In: Nordicom Review 38, 2017, S. 57-70.

Dussel, Konrad: Bilder als Botschaft. Bildstrukturen deutscher Illustrierter 1905-1945 im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Publikum, Köln [von Halem] 2019.

Grittman, Elke: Fotojournalismus und journalistische Bildkommunikation in der digitalen Ära. In: Lobinger, Katharina (Hrsg.): Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung, Wiesbaden [Springer VS] 2019, S. 125-143.

Gürsel, Zeynep Devrim: Image Brokers: Visualizing World News in the Age of Digital Circulation. Oakland [University of California Press] 2016.

Isermann, Holger: Digitale Augenzeugen: Entgrenzung, Funktionswandel und Glaubwürdigkeit im Bildjournalismus. Wiesbaden [Springer VS] 2014.

Koltermann, Felix: Bildredaktion und bildredaktionelles Handeln. Die Fotografie im redaktionellen Arbeitsprozess. In: Grittmann, Elke; Felix Koltermann: Hybrid, Multimedial, Prekär: Fotojournalismus im Um- und Aufbruch, Köln [Springer VS] 2020 (In Vorbereitung)

Láb, Filip / Štefaniková, Sandra: Photojournalism in Central Europe. Editorial and Working Practices. In: Nordicom Review 38, 2017, S. 7-23.

Langton, Loup: Photojournalism and today’s news: Creating visual reality. Chichester [Wiley-Blackwell] 2009.

Lobinger, Katharina: Visuelle Kommunikationsforschung: Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden [VS Verlag] 2012.

Macias, José: Die Entwicklung des Bildjournalismus, München [Saur] 1990.

Martin, Ludwig; Wolfgang Werner: Bildjournalisten Enquete, Baden-Baden [PIAG] 1981.

Meier, Klaus: Ressort, Sparte, Team. Wahrnehmungsstrukturen und Redaktionsorganisation im Zeitungsjournalismus, Konstanz [UVK] 2002.

Mortensen, Mette; Peter J. Gade: Does Photojournalism Matter? News Image Content and Presentation in the Middletown (NY) Times Herald-Record Before and After Layoffs of the Photojournalism Staff. In: Journalism & Mass Communciation Quarterly 95 (4) 2018. S. 990-1010.

Moss, Christoph: Die Organisation der Zeitungsredaktion. Wiesbaden [Westdeutscher Verlag] 1998.

Newton, Julianne Hickerson: The burden of visual truth: The role of photojournalism in mediating reality. Mahwah, NJ [Erlbaum] 2001.

Nilsson, Maria: A Faster Kind of Photojournalism? Image-Selection Processes in a Swedish Newsroom, In: Nordicom Review 38, 2017, S. 41-55.

Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus: Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Pohlert, Christian-Matthias: Bilder in der Zeitung, München [Keyser] 1999.

Rössler, Patrick; Jan Kersten et al.: Fotonachrichtenfaktoren als Instrument zur Untersuchung journalistischer Selektionsentscheidungen. In:  Jandura, Olaf; Thorsten Quandt, Jens Vogelsang (Hrsg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden [VS Verlag] 2011, S. 205-221.

Runge, Evelyn: Ökonomie der Fotografie. Beobachtungen zum globalen Markt der Bilder. In:

Medienwissenschaft, 3, 2016, S. 274-296.

Rühl, Manfred: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System, Freiburg [Universitätsverlag Freiburg] 1979.

Sachsse, Rolf: Bildjournalismus heute: Beruf, Ausbildung, Praxis, München [List Verlag] 2003.

Schulze, Volker: Die Zeitung. Ein medienkundlicher Leitfaden, Aachen [Hahner Verlagsgesellschaft] 2001.

Schwalbe, Carol B./William B. Silcock et al.: Gatecheckers at the Visual News Stream. In: Journalism Practice 9 (4) 2015, S. 465-483.

Stiewe, Willy: Das Bild als Nachricht, Berlin [Carl Duncker] 1933.

Weise, Bernd: „ullstein bild“ – vom Archiv zur Fotoagentur – Fotografie im Presseverlagsgeschäft. In: Oels, David; Ute Schneider: „Der ganze Verlag ist einfach eine Bonbonniere“. Ullstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin [de Gruyter] 2015, S. 259-286.

Wyss, Vinzenz: Redaktionelles Qualitätsmanagement. Konstanz [UVK] 2002.

Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.

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Felix Koltermann
*1979, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover. Leitung eines Postdoc-Forschungsprojekts über bildredaktionelle Praktiken im digitalen Zeitungsjournalismus. Arbeitsschwerpunkte: Visuelle Kommunikation, zeitgenössischer Fotojournalismus, visuelle Medienkompetenz. Kontakt: felix.koltermann (at) hs-hannover.de

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