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Berufsethik

    Eine Einführung von Horst Pöttker


    Wortherkunft: mhdt. beruofen = berufen; griech. ethikos = sittlich, moralisch

    Definition:

    Der Begriff der journalistischen Berufsethik umfasst die rationale Reflexion und Begründung des journalistischen Berufsethos, d. h. der sittlichen Prinzipien und Regeln, nach denen sich Journalisten bei ihrem beruflichen Handeln richten sollen. Obwohl begrifflich einerseits zwischen den sittlichen Prinzipien und Regeln selbst und andererseits ihrer Reflexion und Begründung zu unterscheiden ist, wird im Alltag auch oft von Berufsethik gesprochen, wenn das Berufsethos gemeint ist.

    Ebenfalls nicht verwechselt werden sollten die Begriffe journalistische Berufsethik und Medienethik. Während letzterer unspezifisch die Gesamtheit aller sittlichen Fragen meint, die mit der Produktion oder Rezeption von Medien zu tun haben, also z. B. auch das Problem, ob und wie Eltern den Umgang ihrer Kinder mit Medien regulieren sollten, bezieht sich journalistische Berufsethik auf Handlungen oder Handlungsweisen der Produzenten von Medieninhalten, die sich auf die journalistische Öffentlichkeitsaufgabe spezialisieren und daraus Erwerbschancen ableiten.

    Geschichte:

    Eine Berufsethik kann sich erst herausbilden, wenn es den Beruf gibt, dessen Regularien sie zu untersuchen und zu stützen hat. Wenn Daniel Defoe (1660-1731), Joseph Addison (1672-1719) und andere englische Publizisten des beginnenden 18. Jahrhunderts die ersten waren, die sich der Öffentlichkeitsaufgabe und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung bewusst wurden, also die ersten Journalisten, dann zeigen sich schon bei der Entstehung des Berufs in ihren Schriften nicht nur Grundzüge des journalistischen Berufsethos, sondern auch charakteristische Argumentationsfiguren zu deren Begründung. Defoe leitet in selbstreflexiven Stücken in seiner Zeitschrift The Review (1704-1713) die Wahrheitspflicht von Zeitungsproduzenten, die später Journalisten genannt werden sollten, aus der gesellschaftlichen Notwendigkeit der Pressefreiheit ab, die wegen falscher Berichterstattung von der Obrigkeit eingeschränkt werden könnte. Addison begründet die für den Journalistenberuf konstitutive Grundpflicht zum Publizieren in seiner Zeitschrift The Spectator (1711) mit dem Grundrecht des Publikums auf Information und Transparenz.

    Einen entscheidenden Schub erfuhr die journalistische Berufsethik in der Professionalisierungsphase gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als man begann, sittliche Prinzipien und Regeln für journalistisches Handeln explizit zu diskutieren und in Lehrbüchern zu kodifizieren. Karl Bücher hat 1914/15 angesichts der propagandistischen Exzesse in der Presse aller kriegsführenden Länder eine öffentlich finanzierte Erziehung des journalistischen Berufsstandes gefordert, die sicherstellen sollte, dass Journalisten „in jeder, besonders aber in sittlicher Hinsicht den Anforderungen der Gegenwart gewachsen“ sind. Während diese Idee in Deutschland nicht auf fruchtbaren Boden fiel, wo sich journalistische Berufsbildung an staatlichen Hochschulen in der Bundesrepublik erst seit den 1970er Jahren zaghaft entwickelt hat und relativ wenig berufsethische Anteile umfasst, gehört ‘Ethics’ in den USA zu den festen und umfangreichen Bestandteilen der dort seit den 1920er Jahren kräftig entwickelten Journalistenausbildung an Universitäten.

    Auch im Hinblick auf berufsethische Fachliteratur für Journalisten haben die angelsächsischen Länder einen deutlichen Vorsprung. Autoren wie Tony Harcup oder Karen Sanders publizieren dort kontinuierlich in großen Verlagen Bücher zur journalistischen Berufsethik, mit denen Journalisten in ihrem Arbeitsalltag nicht zuletzt deshalb etwas anfangen können, weil ihr A und O die Frage ist: „What is journalism for?“ In Deutschland dagegen steht der unspezifische Begriff der Medienethik im Zentrum fachlicher Diskussionen und Publikationen, die von Berufspraktikern wenig wahr- und ernstgenommen werden.

    In den deutschsprachigen Ländern sind die von den Presseräten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz formulierten Pressekodizes die wichtigsten schriftlichen Fixierungen von journalistischem Berufsethos. Dass sie in → Journalistenausbildung und journalistischer Praxis meist nur als gegeben hingenommen und unhinterfragt eingeübt werden, zeigt die relative Rückständigkeit der journalistischen Berufsethik als Wissenschaft in diesen Ländern. Kritische wissenschaftliche Publikationen zu den Pressekodizes, die auf deren Novellierung zielen, sind hier selten, oft werden darin überdies nur zu schwache Sanktionsmöglichkeiten der journalistischen → Selbstkontrolle beklagt. Nachdem zunächst in der grundlegenden Fachliteratur journalistisches Berufsethos nur aus der allgemeinen Moral abgeleitet und nach dem Modell des Rechts konzipiert wurde, wird heute die Öffentlichkeitsaufgabe des Journalistenberufs als gleichrangige zweite Quelle wie auch das Ordnungsgefüge Sitte als Alternative zu rechtsförmigen Mechanismen von der Berufsethik ernster genommen.

    Gegenwärtiger Zustand:

    Moderne journalistische Berufsethik orientiert sich an zwei Leitideen: Zum einen geht es um die Gleichrangigkeit von allgemeiner Moral und beruflicher Öffentlichkeitsaufgabe als Quellen des journalistischen Berufsethos. Die zweite Leitidee basiert auf der Untauglichkeit rechtsförmiger, auf Sanktionsgewalt von Zentralinstanzen beruhender Mechanismen, die sittlichen Prinzipien und Regeln für berufliches Handeln Geltung verschaffen sollen.

    Zur Gleichrangigkeit von allgemeiner Moral und beruflicher Öffentlichkeitsaufgabe sei betont, dass sich das journalistische Berufsethos wie jedes andere aus zwei Quellen speist: Einerseits der allgemeinen Moral, wie sie von der goldenen Regel („Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu!“) oder den 1948 von der UNO erklärten Menschenrechten zum Ausdruck gebracht wird; andererseits der professionellen Aufgabe, ein Optimum an Öffentlichkeit herzustellen, konkreter ausgedrückt: zutreffend, umfassend, unerschrocken und fair Informationen an ein möglichst großes Publikum zu vermitteln. Zwischen Moral und Öffentlichkeitsaufgabe bestehen grundlegende Übereinstimmungen, weil Menschenrechtsverletzungen und andere Missstände vor allem im Verborgenen gedeihen. Es existieren aber auch erhebliche Diskrepanzen, z. B. weil die Privatsphäre des Individuums und damit seine Würde durch öffentliche Wahrnehmbarkeit verletzt werden können. Wo sich in der journalistischen Praxis Widersprüche zwischen Öffentlichkeitsaufgabe und Moral ergeben, muss in Anbetracht der gegebenen Umstände, also von Fall zu Fall verantwortungsvoll abgewogen werden.

    Journalistische Berufsethik hat nicht zuletzt die Aufgabe, für solche Abwägungen rationale Kriterien bereitzustellen. Dazu gehört z. B. der Begriff des besonderen öffentlichen Interesses oder die Figur der öffentlichen Person, die sich zugunsten des Informationsrechts des Publikums mehr Verletzungen ihrer Privatsphäre gefallen lassen muss als der Normalbürger.

    Die zweite Leitidee der journalistischen Berufsethik, die auf der Untauglichkeit rechtsförmiger Verwirklichungsmechanismen beruht, stellt zwei gesellschaftliche Ordnungsgefüge gegenüber: Das Ordnungsgefüge Recht unterscheidet sich von sozialen Ordnungsgefügen wie Brauch oder Sitte durch die schriftliche Fixierung der Regeln sowie durch das Monopol der Sanktionsgewalt beim Staat. In Rechtsstaaten geht Zwang ausschließlich von den staatlichen Gewalten und ihren elaborierten Mechanismen der Normauslegung und Sanktionsanwendung aus. In liberalen Demokratien, in denen sich der Staat bei der Regulierung von Medien und Journalismus bewusst zurückhält, liegt eine nach dem Modell des Rechts gestaltete berufsethische Selbstkontrolle, bei der zentrale Instanzen, z. B. Presseräte, formell gestufte Sanktionen ergreifen, als Ersatz staatlicher Kontrolle zwar nahe, tritt aber in Konkurrenz zum staatlichen Gewaltmonopol. Geeigneter erscheint eine nach dem Modell des Ordnungsgefüges Sitte gestaltete journalistische Selbstkontrolle, die über ihre Erwägungen und Entscheidungen breit informiert und bei der zwanglose Sanktionen, etwa das Abbestellen oder Abschalten berufsethisch heikler Medienangebote, vom Publikum ausgehen.

    Forschungsstand:

    Während sich journalistische Berufsethik im angelsächsischen Bereich auch in der Forschung intensiver Beachtung erfreut, ist ihre Tradition an den Hochschulen der deutschsprachigen Länder kurz, schwach und vorübergehend. Wenn überhaupt, wird bei empirischen Untersuchungen nach Bekanntheit und Beachtung der vorliegenden journalistischen Verhaltenskodizes gefragt, während die Kodizes selbst als unverletzlich vorausgesetzt werden. Eine Forschung, die sich auf Eignung und Verbesserung vorhandener berufsethischer Regelwerke konzentriert, stellt die Ausnahme dar. Dieser beseitigungswürdige Mangel trägt dazu bei, dass journalistische Berufsethik im breiteren medienethischen Diskurs nicht selten für irrelevant gehalten wird. Hinzu kommt, dass die akademische Vorherrschaft systemtheoretischer Begrifflichkeiten und das korporatistische Politikmuster in Deutschland wenig Aufmerksamkeit für den Träger des journalistischen Berufsethos übrig lassen – die verantwortungsvolle publizistische Persönlichkeit.

    Literatur:

    Baum, Achim; Wolfgang R. Langenbucher; Horst Pöttker; Christian Schicha (Hrsg.): Handbuch Medienselbstkontrolle. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2005

    Boventer, Hermann: Ethik des Journalismus. Zur Philosophie der Medienkultur. Konstanz [UVK] 1984

    Harcup, Tony: Journalism. Principles and Practice. London [Sage] 2004

    Pöttker, Horst: Öffentlichkeit und Moral. Zu Kernproblemen journalistischer Berufsethik. In: Zichy, Michael; Jochen Ostheimer; Herwig Grimm (Hrsg.): Was ist ein moralisches Problem? Zur Frage des Gegenstandes angewandter Ethik. Freiburg/München [Karl Alber] 2012, S. 268-292

    Pöttker, Horst: Öffentlichkeit oder Moral? Über den inneren Widerspruch des journalistischen Berufsethos am Beispiel des deutschen Pressekodex. In: Publizistik, 2, 2013, S. 121-139

    Pöttker, Horst; Kenneth Starck: Criss-Crossing Perspectives. Contrasting models of press self-regulation in Germany and the United States. In: Journalism Studies, 1, 2003, S. 47-64

    Sanders, Karen: Ethics and Journalism. London [Sage] 2003

    Schicha, Christian; Carsten Brosda (Hrsg.): Handbuch Medienethik. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

Horst Pöttker
Horst Pöttker
*1944, Prof. i.R., Dr., war von 1996 bis 2013 Professor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Z. Zt. Lehrbeauftragter an den Universitäten Hamburg, Stawropol und Wien. Seit 2017 Initiator und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Journalistik/Journalism Research. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte des Journalismus, Berufsethik, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: horst.poettker (at) tu-dortmund.de Horst Pöttker hat Einführungsbeiträge geschrieben zur → Geschichte des Journalismus, → Berufsethik, zu → journalistischen Genres sowie zur → Pressefreiheit.

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Ente

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Wortherkunft: Lehnbedeutung nach frz. canard = Ente

In übertragener Bedeutung beschreibt der Begriff am häufigsten eine Falschmeldung. Darüber hinaus kann aber auch ein Käseblättchen oder ein falscher Ton gemeint sein (vgl. frz. faire un canard = falsch singen oder spielen).

Um den Ursprung dieser Tiermetapher im Journalismus ranken sich allerlei Erklärungsversuche. So soll sie auf die frühneuhochdeutsche Wendung ‘blaw (= blaue) Enten’ zurück­gehen, die schon Martin Lu­ther benutzte, wenn er leeres Geschwätz (‘blauen Dunst’) meinte (vgl. Murner 1522: 3156). Aber ein Zusammenhang mit der Pressesprache ist nicht nachgewiesen. Dass der Begriff eine Verballhornung aus dem lateinischen Kürzel ‘N. T.’ (non testatum = nicht belegt) darstelle, mit dem Wissenschaftler, aber auch Herrscher wie Friedrich, der Große, schriftliche Berichte kennzeichneten, die ihnen unglaubwürdig erschienen (vgl. Weber 1961: 34), ist Kolportage. Auch mit ‘Lüg-Ente’ (= Le­gen­de) dürfte er nichts zu tun haben. In beiden Fäl­len wäre die Metapher Ente damit nur für den deut­schen Sprachraum erklärt.

Schon seit dem 18. Jahr­hundert existiert jedoch in Frankreich die Be­zeichnung ‘canard’ für eine Meldung, die in Journalen lanciert wurde, um das → Publi­kum in die Irre zu führen. Nach 1850 hat sich die deutsche Übersetzung des Begriffs für eine erfun­dene → Nachricht oder eine versehentlich weitergegebene Falschmeldung auch hierzulande durchge­setzt. Im Eng­lischen existiert dafür ebenfalls der Begriff ‘canard’, was für den französischen Ursprung der Meta­pher spricht. Allerdings werden bewusst verbreitete Falschmeldungen, insbesondere im Internet, gegenwärtig Hoax genannt (engl. hoax = Scherz, Täuschung). Seit 2016 ist zudem der Begriff → Fake News gebräuchlich, der erfundene, meist politisch motivierte Falschmeldungen bezeichnet, die etwa der Wahlmanipulation dienen sollen.

Die „in zeitungen verbreitete gleichsam fortschwimmende, wieder auftauchende fabel oder lüge“, so das Grimmsche Wörterbuch (Grimm/Grimm 1862: Sp. 509, 6) kann als Konstante der Pressegeschichte gelten. Ob Schnee­mensch Yeti oder geheimnisvolle Kreise in Kornfeldern, ob Ufos oder das Ungeheuer von Loch Ness – sol­che und ähnliche Merkwürdigkeiten beschäftigen Massenmedien seit eh und je. Schon in der Flug­blattpublizistik der Renaissance tauchen Holzschnitte von seltsam ungestalten, aber gewisslich gesichteten Tierwesen auf. Arbeits­tempo, Wettbewerbsdruck und → Nachrichtenfaktoren wie → Ku­riosität oder Sensation machen Jour­nalisten immer wieder anfällig für Fälschungen und Fehler.

Schwierig ist die Situation heutzutage jedoch vor allem im Internet – nicht nur, weil sich dort Gerüchte schneller verbreiten, sondern weil das Netz, anders als journalistische Medien, keinen ‚Gatekeeper’ besitzt, „also niemanden, der kritisch hinterfragt, Dinge als richtig oder falsch einordnet“ (Howahl 2016: 3). Dies provoziert eine mangelnde Sorgfalt und Leichtgläubigkeit im Umgang mit → Quellen (vgl. ebd.), durch die mitunter allerdings auch Journalisten entgleisen: So tauchten 2011 im Internet Blogs einer 25-jährigen lesbischen Frau aus Damaskus namens Amina auf, die sich selbst als „Stimme der syri­schen Opposition“ bezeichnete. Zahlreiche westliche Medien griffen ihre dramatischen Berichte auf. Internet-Aktivisten starteten sogar eine Free Amina-Kampagne, bis sich herausstellte, dass sich ein US-Student in Edinburgh die Heldin des Widerstands einfach ausgedacht hatte. Ein Porträtfoto irgendeiner Frau, das ihm zu seiner Story zu passen schien, hatte er aus dem Netz gefischt.

Harmlos sind jene Enten, die Redaktionen bewusst zum 1. April fliegen lassen, um ihre Leser zu foppen und zugleich selbstironisch auf das eigene Metier zu verweisen. So meldete der Süddeutsche Rund­funk 1989, der Papst wolle den Fußballer Fritz Walter selig sprechen. Laut tz München datiert der „älteste in einer Zeitung in Deutschland veröffentlichte Aprilscherz“ auf den 1. April 1774: „Damals wurde eine Methode angepriesen, mit der man nicht nur Ostereier, sondern angeblich auch Hühner in bunten Farben züchten könne“ (Pientka 2016). Bewusst lancierte Falschmeldungen sind dann problematisch, wenn sie juristisch relevante Straftatbestände wie → üble Nachrede, Verleumdung und Beleidigung enthalten und dadurch möglicherweise auch die Schranken der → Satirefreiheit überschreiten. Bedenklich er­scheinen zudem Irrtümer, die Journa­listen aus Unachtsamkeit, wegen fehlender → Recherche oder Sachkom­petenz unterlaufen. Dazu gehörte im Frühjahr 1964 zum Beispiel die Eilmeldung, der damalige Regierungschef der UdSSR, Nikita Chruschtschow, sei verstorben; die Deutsche Presseagentur ver­breitete die Ente und hielt sich dabei an eine japani­sche Zeitung, die ihrerseits einem Betrüger aufgesessen war.

Um einen Scoop zu landen und groß herausgekommen, wurden Journalisten auch immer wieder vom Opfer zum Täter. So erhielt Janet Cooke 1981 den Pulitzer-Preis für ihren Wa­shing­ton Post-Beitrag über einen heroin­ab­hängigen achtjährigen Jungen, den sie frei erfunden hatte. Mit gefälschten Star­interviews führte der Schwei­zer Journalist Tom Kummer jahrelang Qualitätsmedien und ihre Leser an der Nase herum (→ kalt schreiben). Am meisten Aufsehen in der Pressegeschichte Nach­kriegs­deutschlands erregte 1983 die Veröffentli­chung angeblicher Tagebücher von Adolf Hitler in der Zeitschrift Stern. Der verantwortliche Fälscher Konrad Kujau sowie Reporter Gerd Heidemann wurden wegen schweren Betrugs zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt (vgl. Janßen 1985).

Wie leicht es ist, Redaktionen zur Veröffentlichung von Unsinn zu bewegen, wenn er nur sensatio­nell klingt, bewies schon zwischen 1911 und 1930 der Wiener Ingenieur Arthur Schütz. Er sandte mehre­ren Zeitungen völlig absurde Berichte ein, unter anderem von Betonwürmern und ovalen Wagen­rädern, die tatsächlich gedruckt wurden. „Der Ton, der Titel, die Sensation ist alles. Der Inhalt ist belanglos“, schrieb Schütz (1931: 93) in seinem Buch → Der Grubenhund, in dem er sein aufklärerisches Anliegen festhielt (siehe auch → Authentizität).

Literatur:

Grimm, Jacob; Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Dritter Band. E–Forsche. Leipzig [Verlag von S. Hirzel] 1862

Hollstein, Hans: Zeitungsenten. Kleine Geschichte der Falschmeldung. Heitere und ernste Spielarten vom Aprilscherz bis zur Desinformation. Stuttgart [Bertelsen-Jipp] 1991

Howahl, Georg: Elvis lebt! Und Hitler war eigentlich eine Frau. Im Internet ist die Hemmschwelle geringer, Absurdes zu verbreiten. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Beilage „Wochenende“, 03.09.2016, S. 3

Janßen, Karl-Heinz: Urteil im „stern“-Prozeß. Für jede Million ein Jahr. Die Hitler-Tagebücher: ein Lehrstück auch für die Presse. In: Die Zeit, 29, 12.07.1985, zit. n. Zeit online, 23.09.2016. http://www.zeit.de/1985/29/fuer-jede-million-ein-jahr

Murner, Thomas: von dem grossen lutherischen narren wie in doctor Murner beschworen hat. Straßburg, 1522

Pientka, Andrea/dpa: 1. April 2016: Die besten Aprilscherze der letzten Jahre. Das hat es mit dem Brauch auf sich. In: tz München online, 01.04.2016. http://www.tz.de/welt/1-april-2016-april-scherze-feiertag-4866444.html

Schütz, Arthur: Der Grubenhund. Experimente mit der Wahrheit. Herausgegeben von Walter Hömberg. München [Reinhard Fischer] 1996

Weber, Paul: Woher der Ausdruck? Deutsche Redensarten und ihr Erklärung. Heidelberg [Kemper] 1961

Fake News

Wortherkunft: engl. to fake = fälschen, imitieren; engl. news = Nachrichten

Der Begriff Fake News bezeichnet Artikel, die durch Imitation journalistischer Genres vorsätzlich und wissentlich falsche oder durch Pauschalisierung und Vereinfachung irreführende Informationen präsentieren. Dahinter steckt die Absicht, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren und/oder zu desinformieren. Fake News werden meist auf Online-Plattformen publiziert, insbesondere aber in sozialen Online-Netzwerken verbreitet. In Deutschland sind Fake News bislang vor allem ein Phänomen innerhalb rechtspopulistischer Strömungen (Sängerlaub/Meier/Rühl 2018).

Obwohl gezielte Desinformation kein grundsätzlich neues Phänomen ist, wird es heute als ernsthafte Bedrohung für die politische Meinungsbildung in westlich orientierten Demokratien wahrgenommen. Der Hauptgrund ist, dass sich derartige Fake News in einer digitalisierten Medienumwelt deutlich schneller und räumlich weiter verbreiten und so über soziale Online-Netze wie Facebook starke politische Dynamiken erzeugen können. Symptomatisch dafür war etwa die systematische Verbreitung von Falschinformationen während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 und des Brexit-Referendums im gleichen Jahr (Humprecht 2018). Beides hat dazu beigetragen, politische Entscheider für das Thema zu sensibilisieren. Dies zeigt sich etwa in der Gründung einer Expertengruppe der Europäischen Kommission zu diesem Thema im Jahr 2018 (European Commission 2018).

In der aktuellen kommunikationswissenschaftlichen Forschung zu diesem neuen, sich erst entwickelnden Forschungsfeld gibt es noch keine einheitliche Definition des Phänomens (Tandoc Jr./Lim/Ling 2018). Ein wesentlicher Streitpunkt ist hier, ob ,Fake News‘ als wissenschaftlicher Begriff verwendet werden sollte oder ob es angemessener wäre, stattdessen von Desinformation zu sprechen. Skeptiker verweisen darauf, dass der Ausdruck Fake News von populistischen Bewegungen und Politikern als Kampfbegriff verwendet wird, um die Glaubwürdigkeit von Meldungen zu untergraben, die von professionellen Journalisten erstellt wurden (Vosoughi/Roy/Aral 2018). Diese Taktik ist eingebunden in einen elitenkritischen Populismus, der unabhängige Medien als Medium und Faktor der Meinungsbildung systematisch diskreditiert. Andere Wissenschaftler wie zum Beispiel David Lazer et al. (2018) plädieren dafür, den Begriff gerade nicht populistischen Bewegungen zu überlassen, weil er zum einen den Kern des Phänomens präzise beschreibe und als eingeführter Begriff eine große → öffentliche Aufmerksamkeit auf das Phänomen lenke.

Mit diesen Grundeinschätzungen korrespondieren unterschiedliche Schwerpunktsetzungen hinsichtlich des Kerns des Phänomens. Vosoughi et al. (2018) legen Wert auf die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen → Nachrichten. Sie unterstreichen damit die Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten mit professionellen journalistischen und wissenschaftlichen Methoden systematisch zu überprüfen (sog. Debunking). Dieser erkenntnistheoretische Aspekt sei deutlich wichtiger als das Kalkül der politischen Akteure, die Fake News verbreiten, und die Kommunikationsstrategien, in die Fake News eingebunden seien. Lazer et al. (2018) heben dagegen ausdrücklich hervor, dass der Begriff Fake News die spezifische Kombination aus Falschaussagen einerseits und der Adaption professioneller Nachrichtenformate andererseits reflektiere, die im Ergebnis dazu führen solle, die Aufmerksamkeit des Publikums für eine Botschaft zu maximieren.

Diese strategische Komponente von Fake News wird auch von weiteren Autoren betont: So unterscheiden Allcott und Gentzkow (2017) explizit zwischen Fake News als absichtlich verbreiteten Falschaussagen und anderen Falschmeldungen, die aufgrund von Fehlern in redaktionellen Abläufen der Nachrichtenerstellung trotz aller professionellen Routinen zur →  Qualitätssicherung nicht vermeidbar seien und die umso eher aufträten, je schlechter die Ausbildung von Nachrichtenredakteuren und/oder die Ressourcenausstattung eines → Newsrooms sei (Wardle 2017, siehe dazu auch → Ente).

Andere Autoren heben hervor, dass der strategische Einsatz von Falschmeldungen nicht nur aus politischen, sondern auch aus ökonomischen Motiven heraus stattfinde, um im Sinne des → Click-Baitings mit reißerischen Überschriften und → Teasern die Zugriffszahlen auf das eigene Angebot und damit die eigenen Werbeeinnahmen zu optimieren (Hunt 2016). Gerade deshalb, argumentieren Autoren wie Baym (2005), spiele bei der Analyse von Fake News der Kontext der Veröffentlichung eine wichtige Rolle, um Wirkungspotenziale korrekt einschätzen zu können.

Unabhängig von den strategischen Intentionen kommerzieller und politischer Akteure, die Fake News verbreiten, verwenden sie ähnliche Instrumente, um ihre Ziele zu erreichen (Tandoc/Lim/Ling 2018). Beide streben danach, professionell erstellte Nachrichten hinsichtlich Sprache, Aufbau und visueller Gestaltung möglichst stark zu imitieren, um an eingespielte Routinen zur Nachrichtenrezeption anknüpfen zu können. Insofern lassen sich Fake News entlang ihres Faktengehalts und ihrer Täuschungsabsicht differenzieren von der Nachrichtenparodie bis hin zur geschickt getarnten politischen Falschmeldung einer sorgfältig orchestrierten Desinformationsstrategie.

Gerade der letzte Aspekt prägt die wissenschaftliche Sicht auf die gesellschaftliche Relevanz des Phänomens Fake News. Benannt werden zuallererst negative Auswirkungen auf die Qualität politischer Debatten und das politische Wissen der Wähler (Vosoughi/Roy/Aral 2018). Verbunden damit sind zudem Befürchtungen, dass Fake News die Polarisierung und Aufspaltung von Gesellschaften förderten, da sich bestimmte Subsegmente zunehmend über soziale Medien aus Quellen informierten, die die eigene Sicht auf die Welt bestärken. Die Algorithmen von sozialen Online-Netzwerken oder Newsbots verstärkten diesen Effekt noch (Sunstein 2017).

Literatur:

Allcott, Hunt; Matthew Gentzkow: Social media and fake news in the 2016 Election. In: Journal of Economic Perspectives, 31, 2017, S. 211-236.

Baym, Geoffrey: The Daily Show. Discursive Integration and the Reinvention of Political Journalism. In: Political Communication, 22(3), 2005, S. 259-276. DOI: 10.1080/10584600591006492.

European Commission: A multi-dimensional approach to disinformation – Report of the independent High Level Group on fake news and online disinformation. Luxemburg [Publications Office of the European Union] 2018. Online verfügbar unter: http://ec.europa.eu/newsroom/dae/document.cfm?doc_id=50271

Humprecht, Edda: Where ‘Fake News’ flourishes: A comparison across four western democracies. In: Information, Communication & Society, 2018, S. 1-16.

Hunt, Elle: What is fake news? How to spot it and what you can do to stop it. In: The Guardian, 17.12.2016. Online verfügbar unter: https://www.theguardian.com/media/2016/dec/18/what-is-fake-news-pizzagate

Lazer, David M. J.; Matthew A. Baum; Yochai Benkler; Adam J. Berinsky; Kelly M. Greenhill; Filippo Menczer et al.: The Science of Fake News. In: Science, 359, 2018, S. 1094-1096.

Sängerlaub, Alexander; Miriam Meier; Wolf-Dieter Rühl: Fakten statt Fakes. Verursacher, Verbreitungswege und Wirkungen von Fake News im Bundestagswahlkampf 2017. Berlin [Stiftung Neue Verantwortung e.V.] 2018. Online verfügbar unter: https://www.stiftung-nv.de/sites/default/files/snv_fakten_statt_fakes.pdf

Sunstein, Cass R.: #Republic: Divided Democracy in the Age of Social Media. Princeton [Princeton University Press] 2017.

Tandoc Jr., Edson C.; Zheng Wei Lim; Rich Ling: Defining “Fake News”: A typology of scholarly definitions. In: Digital Journalism, 6, 2018, S. 137-153.

Vosoughi, Soroush; Deb Roy; Sinan Aral: The spread of true and false news online. In: Science, 359, 2018, S. 1146-1151.

Wardle, Claire: Fake News. It’s Complicated. 2017. In: First Draft, 16.02.2017. Online verfügbar unter: https://firstdraftnews.com/fake-news-complicated/

Lügenpresse

Definition:
‚Lügenpresse‘ ist ein Schlagwort, das Misstrauen gegenüber den etablierten Medien, häufig sogar eine fundamentale Ablehnung derselben zum Ausdruck bringt. Dem Wortsinn nach unterstellt es Journalisten absichtsvoll falsche Sachverhaltsaussagen bzw. die Verdrehung von Tatsachen. Im erweiterten Sinn meint es Kritik an der vorgenommenen Auswahl von Nachrichten und Meinungen und an den in der Berichterstattung dominierenden Deutungsmustern (Frames) und Narrativen. Ein wesentlicher Teil der Kritik bezieht sich also „nicht auf Wahrheit, sondern auf ein anderes zentrales Qualitätskriterium: Relevanz“ (Hagen 2015: 153) – d.h. auf die Frage, was berichtet und was nicht berichtet wird –, sowie auf
Qualitätskriterien wie Neutralität bzw. Unparteilichkeit, Ausgewogenheit, Kritik und Unabhängigkeit (Arnold 2009: 162-196).

Mit dem Schlagwort ,Lügenpresse‘ verbunden sind häufig verschwörungsideologische Vorstellungen darüber, dass die Medien mit der Politik zusammenarbeiten würden, um die Bevölkerungsmeinung in wichtigen Fragen zu manipulieren (Krüger/Seiffert-Brockmann 2017). Einen ähnlichen Bedeutungsgehalt haben die Schlagwörter ,gleichgeschaltete Medien‘ und ,Systempresse‘. Oft zielt auch der Begriff ,Mainstream-Medien‘ in diese Richtung. Der auf ,Lügenpresse‘ anspielende Begriff ,Lückenpresse‘ transportiert die Kritik in abgeschwächter und weniger aggressiver Form.

Geschichte:
Nach heutigem Kenntnisstand wurde der Begriff ,Lügenpresse‘ erstmals 1835 in der Wiener Zeitung verwendet, in der Übersetzung der Rede eines französischen Abgeordneten, der sich für eine Einschränkung der Pressefreiheit in Frankreich aussprach: „Nur durch Unterdrückung der Lügenpresse kann der wahren Presse aufgeholfen werden“ (Wiener Zeitung 1835: 2). Im Zuge der Märzrevolution 1848 wurde „(jüdische) Lügenpresse“ zu einem antisemitisch konnotierten Schlagwort konservativ-katholischer Kreise gegen die aufkommende liberale demokratische Presse (Heine 2015). Während und nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und während des Ersten und Zweiten Weltkriegs bezog sich ,Lügenpresse‘ in der deutschen Kriegspropaganda auf die Zeitungen in Frankreich und in anderen verfeindeten Staaten (Bsp. Anton 1916). Selbst Intellektuelle wie Literaturnobelpreisträger Gerhard Hauptmann reproduzierten den Topos der „französischen Lügenpresse“ (Essig/Nickisch 2007: 95). In den 1920er Jahren richteten NSDAP-Größen wie Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ wahlweise gegen bürgerlich-liberale und gegen kommunistische Zeitungen. Kommunisten und Sozialisten wiederum richteten den Vorwurf in den 1920er Jahren gegen die bürgerliche bzw. „kapitalistische“ Presse, in der DDR-Propaganda zielte er auf bundesdeutsche oder amerikanische Medien. Seit Anfang der 2000er Jahre verwendeten Rechtsextremisten und Neonazis das Schlagwort gegen die etablierten Medien in Deutschland.

Gegenwärtiger Zustand:
Weite Verbreitung und große öffentliche Resonanz erlangte das Schlagwort seit Herbst 2014, als es erstmals auf Pegida-Demonstrationen in Dresden und in anderen Städten skandiert wurde – hier häufig verbunden mit Gewaltandrohungen gegen und tätlichen Angriffen auf Journalisten (Hoffmann 2017). Vom rechtsextremen Rand ist der Begriff damit in die gesellschaftliche Mitte gerückt und wird vor allem in rechtspopulistischen, rechtskonservativen, fremden- und islamfeindlichen Kreisen benutzt (Elsässer/Dassen 2015, Gärtner 2015, Denk 2015, Ulfkotte 2015). Die sprachkritische Initiative Unwort des Jahres wählte ,Lügenpresse‘ zum Unwort des Jahres 2014, weil die pauschale Diffamierung fundierte Medienkritik verhindere und die Pressefreiheit gefährde (vgl. Unwort des Jahres 2014). Verteidigt wurde der Begriff jedoch von einigen linken Publizisten wie Arno Klönne (2015), Eckart Spoo (2015) und Walter van Rossum (Wernicke 2017), da er zur Kritik von Desinformation tauge.

Laut Bevölkerungsumfragen ist der Vorwurf einer ,Lügenpresse‘ weit verbreitet. In einer Allensbach-Umfrage für die FAZ vom Dezember 2015 gaben 39 Prozent der Befragten an, am Vorwurf der ,Lügenpresse‘ sei etwas dran (Köcher 2015). In einer Emnid-Umfrage für den Bayerischen Rundfunk vom März 2016 stimmten der Aussage „Ich glaube, dass in den Medien häufig absichtlich die Unwahrheit gesagt wird“ 27 Prozent der Befragten „völlig“ und weitere 28 Prozent „eher“ zu (Bayerischer Rundfunk 2016). Eine Umfrage der Universität Mainz vom Herbst 2016 ergab, dass die Aussage „Die Bevölkerung in Deutschland wird von den Medien systematisch belogen“ von 19 Prozent mit „trifft eher/voll und ganz zu“ und weiteren 36 Prozent mit „teils/teils“ eingeschätzt wurde; ähnlich hohe Zustimmungswerte erhielt die verschwörungstheoretische Aussage „Die Medien und die Politik arbeiten Hand in Hand, um die Bevölkerungsmeinung zu manipulieren“ (26 Prozent „trifft eher/voll und ganz zu“, weitere 31 Prozent „teils/teils“) (Schultz et al. 2017: 253). In gewissem Widerspruch dazu steht der Befund, dass Langzeitdaten keinen Verlust des Vertrauens in die Medien zeigen (Reinemann et al. 2017).

Die Ursachen der gegenwärtig recht hohen Zustimmung zum ,Lügenpresse‘-Topos dürften darin zu suchen sein, dass größere Teile der Bevölkerung in ihren grundlegenden Werten und politischen Einstellungen bzw. Präferenzen nicht mit dem Tenor des medialen Mainstreams übereinstimmen. Speziell in geo- und bündnispolitischen Fragen (v.a. in der Haltung zu den USA und Russland) sowie in Fragen von Einwanderung und Integration bestehen Meinungsklüfte zwischen Teilen der Bevölkerung und den Eliten aller gesellschaftlichen Sektoren, die als hauptsächliche Quellen für Journalisten häufig Themenwahl, Tonlage und Deutungsmuster der Berichterstattung mitbestimmen (Krüger 2017). Hinzu kommt, dass die Journalisten in Bildungsgrad, Parteineigung und Milieuzugehörigkeit kein repräsentatives Abbild der Bevölkerung darstellen, sondern tendenziell höher gebildet, progressiver und liberaler sind als der Bevölkerungsdurchschnitt (Krüger 2016: 71-84). Zusätzlich oder alternativ kann fundamentale Ablehnung von Berichterstattung mit Medienwirkungseffekten wie dem ,Hostile Media Effect‘ und dem ,Third Person Effect‘ erklärt werden (Neverla 2017: 29-30). Der ,Hostile Media Effect‘ bezeichnet die Neigung vieler Menschen, mediale Berichterstattung als unausgewogen und ihren eigenen politischen Einstellungen entgegengesetzt wahrzunehmen, während ,Third Person Effect‘ das Phänomen meint, dass Menschen die Wirkung von Massenmedien auf andere als höher einschätzen als auf sich selbst.

Literatur:

Anton, Reinhold: Der Lügenfeldzug unserer Feinde. Band 4: Die Lügenpresse. Leipzig [Zehrfeld] 1916.

Arnold, Klaus: Qualitätsjournalismus. Die Zeitung und ihr Publikum. Konstanz [UVK] 2009.

Bayerischer Rundfunk: BR stellt Studie vor: Medien in der Glaubwürdigkeitskrise? 02.05.2016. http://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/glaubwuerdigkeitsstudie-br-b5-geburtstag-100.html

Denk, Peter: Lügenpresse. Gelnhausen/Roth [J-K-Fischer-Verlag] 2015.

Elsässer, Jürgen; Marc Dassen (Hrsg.): Schwarzbuch Lügenpresse. Wie uns Medien und Politiker für dumm verkaufen. Compact Edition, Ausgabe Nr. 2. Werder [Compact Magazin GmbH] 2015

Essig, Rolf-Bernhard; Reinhard M.G. Nickisch (Hrsg.): „Wer schweigt, wird schuldig!“ Offene Briefe von Martin Luther bis Ulrike Meinhof. Göttingen [Wallstein] 2007.

Gärtner, Markus: Lügenpresse. Wie uns die Massenmedien durch Fälschen, Verdrehen und Verschweigen manipulieren. Rottenburg am Neckar [Kopp] 2015.

Hagen, Lutz: Nachrichtenjournalismus in der Vertrauenskrise. „Lügenpresse“ wissenschaftlich betrachtet: Journalismus zwischen Ressourcenkrise und entfesseltem Publikum. In: Communicatio Socialis, 2, 2015, S. 152-163.

Heine, Matthias: „Lügenpresse“ versteht man jetzt auch im Ausland. In: Welt.de, 09.03.2015, https://www.welt.de/kultur/article138227327/Luegenpresse-versteht-man-jetzt-auch-im-Ausland.html

Hoffmann, Martin: Das Feindbild II – „Lügenpresse“ und Journalistische Selbstbehauptung. Studie des European Centre for Press and Media Freedom, Mai 2017. https://ecpmf.eu/files/feindbild_presse_web.pdf

Klönne, Arno: „Lügenpresse“ – ein böses Wort? In: Telepolis, 14.01.2015. https://www.heise.de/tp/features/Luegenpresse-ein-boeses-Wort-3369533.html

Köcher, Renate: Allensbach-Studie: Mehrheit fühlt sich über Flüchtlinge einseitig informiert. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2015. http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/allensbach-umfrage-zu-medienberichterstattung-in-fluechtlingskrise-13967959.html. Die Dokumentation liegt hier als PDF-Datei vor.

Krüger, Uwe: Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen. 2. Auflage. München [C.H.Beck] 2016.

Krüger, Uwe: Medien-Mainstream. Eine Streitrede wider Konformität im Journalismus und für eine kritische Journalistik. In: Lilienthal, Volker; Irene Neverla (Hrsg.): Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2017, S. 248-265.

Krüger, Uwe; Jens Seiffert-Brockmann: Lügenpresse: Eine Verschwörungstheorie? Hintergründe, Ursachen, Auswege. In: Haarkötter, Hektor; Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Nachrichten und Aufklärung. Medien- und Journalismuskritik heute: 20 Jahre Initiative Nachrichtenaufklärung. Wiesbaden [Springer VS] 2017, S. 67-88.

Neverla, Irene: „Lügenpresse“ – Begriff ohne jede Vernunft? Eine alte Kampfvokabel in der digitalen Mediengesellschaft. In: Lilienthal, Volker; Irene Neverla (Hrsg.): Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2017, S. 18-41.

Reinemann, Carsten; Nayla Fawzi; Magdalena Obermaier: Die „Vertrauenskrise” der Medien – Fakt oder Fiktion? Zu Entwicklung, Stand und Ursachen des Medienvertrauens in Deutschland. In: Lilienthal, Volker; Irene Neverla (Hrsg.): Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2017, S. 77-94.

Schultz, Tanjev; Nickolaus Jackob; Marc Ziegele; Oliver Quiring; Christian Schemer: Erosion des Vertrauens zwischen Medien und Publikum? Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. In: Media Perspektiven, 5, 2017, S. 246-259. http://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2017/0517_Schultz_Jackob_Ziegele_Quiring_Schemer.pdf (12.10.2017)

Spoo, Eckart: Spoos Presseschau. „Lügenpresse” – Ein wahres Wort. In: WeltnetzTV, 04.02.2015. https://weltnetz.tv/video/620-spoos-presseschau-luegenpresse-ein-wahres-wort

Ulfkotte, Udo: Gekaufte Journalisten. Vortrag auf dem Regentreff, Kongress für Grenzwissen. In: Nuoviso TV, 29.10.2015. https://nuoviso.tv/home/kongresse/gekaufte-journalisten-udo-ulfkotte/

Wernicke, Jens: Ja, lügen die Medien denn nun oder nicht? Interview mit Walter van Rossum. In: Wernicke, Jens: Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Das Medienkritik-Kompendium. Frankfurt/M. [Westend] 2017, S. 19-28. Auszug online: https://www.heise.de/tp/features/Ja-luegen-die-Medien-denn-nun-oder-nicht-3821723.html

Selbstkontrolle

Definition:
Der Begriff wird meist verstanden als freiwillige Selbstkontrolle, die speziell im Bereich der Medien den (undemokratischen) Modellen der Regulierung und Kontrolle durch den Staat oder andere hoheitliche Einrichtungen vorbeugen soll. Daher ist er als Gegensatz von Fremd-Kontrolle anzusehen.

Die Minimalform der Selbstkontrolle im Sinne einer Selbstregulierung gesellschaftlichen Handelns besteht darin, dass die Akteure einer Branche sich auf die Ziele ihres Handelns verständigen und sich selbst verpflichten, ihre Ziele auf der Grundlage einer allgemeinen Moral zu erreichen. Oft werden diese Verfahrensregeln in ethischen Prinzipien und Richtlinien wie dem Pressekodex fixiert. Sie schließen die allgemeinen Rechtspflichten – denen die Branchenangehörigen wie jeder andere Bürger auch unterliegen – ein, spezifizieren sie jedoch auf eine Standesethik mit verbindlichem Charakter. Diese ist bei weitem umfassender und detaillierter angelegt als die allgemeinen Gesetze. Besonders bei publizistischen Berufen wird so (neben der Abwehr fremder Kontrolle) vor allem das Ansehen der Akteure gewahrt, die in einer demokratisch verfassten Gesellschaft großen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung besitzen und dafür eine Reihe von Privilegien in Anspruch nehmen können (siehe u. a. die Ausführungen zum → Medienrecht).

Geschichte:
Erste Ansätze einer Selbstkontrolle für die Medien liegen mehr als hundert Jahre zurück. Zunächst gingen alle Überlegungen dahin, die Selbstkontrolle der Presse auf gesetzlicher Basis zu etablieren. So wurde im Reichspressegesetz von 1874 erstmals der Begriff des ‘verantwortlichen Redakteurs’ geprägt, womit der Staat der Presse zugleich eine selbst kontrollierende Tätigkeit zugestand.

Es folgten verschiedene Versuche, Standesgerichtsbarkeiten für Journalisten – vergleichbar derjenigen von Ärzten und Rechtsanwälten – zu schaffen. Der Reichsverband der Presse, die damalige Standesorganisation der Journalisten, entwickelte 1924 den ersten Vorschlag, eine Selbstkontrolle auf gesetzlicher Grundlage einzurichten. An jedem Oberlandesgericht sollten Pressekammern – unter dem Vorsitz eines Richters und in gleichberechtigter Zusammensetzung von Journalisten und Verlegern – angesiedelt werden. Bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hielt die Diskussion um eine Standesgerichtsbarkeit für die Presse an. Noch im April 1933 legte der Reichsverband der deutschen Presse den Entwurf eines Pressegesetzes vor, in dem die Journalisten ihre Selbstverwaltung festzuschreiben versuchten. Doch nach der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus tauchte der Begriff ‘Selbstkontrolle’ im Schriftleitergesetz vom Oktober 1933 nur noch als Leerformel auf.

Nach 1945 herrschte vor allem in den drei westlichen Besatzungszonen Einigkeit darüber, dass Organe der Selbstkontrolle für die Presse geschaffen werden müssten. In einzelnen Bundesländern schufen die Landespressegesetze ab 1948/49 eine neue rechtliche Basis: Verleger, Journalisten und regionale Verbände verfassten Ehrengerichtsordnungen zur Durchsetzung ihres Berufsethos. Den unmittelbaren Anstoß für die Gründung des Deutschen Presserats lieferte schließlich der Entwurf zu einem Bundespressegesetz, den die Regierung im März 1952 vorlegte. Vergleichbar der bereits 1949 gegründeten Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) sah der Entwurf die Einrichtung von Aufsichtsinstanzen auf Landes- und Bundesebene sowie eine Beteiligung der → Öffentlichkeit an der publizistischen Selbstkontrolle vor. Darauf reagierten Verleger und Journalisten mit heftiger Kritik und gründeten – nach dem Vorbild des britischen Presserats General Council of the Press – im November 1956 den Deutschen Presserat.

Gegenwärtiger Zustand:
Bereits im historischen Überblick wird deutlich, dass die Abgrenzung der freiwilligen Selbstkontrolle von staatlichen regulierten Formen der Selbstregulierung bis heute konfliktträchtig ist. So unterliegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, deren (Selbst-)Kontrollorgane nach parteipolitischen und so genannten korporatistischen Kriterien (durch die Beteiligung gesellschaftlicher Gruppen) von den Parlamenten beschickt werden, von Beginn an einer heftigen Kritik. Weil es nach den Erfahrungen unter der nationalsozialistischen Herrschaft im deutschen Journalismus keinen Standeszwang gibt, kann andererseits die Selbstkontrolle, wie sie etwa im Presserat organisiert ist, bspw. keine standesrechtlichen Sanktionen aussprechen und wird darum regelmäßig der Wirkungslosigkeit bezichtigt.

Aus den gleichen historischen Erwägungen ist jedoch auch eine Selbstkontrolle mit „staatlicher Regulierung ‘im Hintergrund’“ (Hoffmann-Riem/Schulz/Held 2000: xy), wie sie etwa im Jugend-, Daten- und Verbraucherschutz bekannt ist, nur schwer realisierbar. Die Selbstkontrolle hat also dauerhaft mit Problemen der Legitimation und der Durchsetzbarkeit ihrer Normen zu ringen. Zudem gerät sie schließlich auch aufgrund ihrer mangelnden Transparenz in die Kritik: Denn angesichts der wachsenden Macht der Medien in einer medialisierten Gesellschaft „fällt die Ohnmacht der Selbstkontrolle besonders auf“ (Pöttker 2005: 40). Gefordert wird deshalb eine Demokratisierung der Selbstkontrolle, die vom engen Begriff der Lobbyvertretung auf einen weit gefassten Begriff der gesellschaftlich transparenten Selbstregulierung umschwenkt.

Forschungsstand:
Mit der Kritik an den bestehenden, sehr unterschiedlichen Formen der Selbstkontrolle wächst seit einigen Jahren auch die Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit ihr auseinandersetzen. Neben einer Vielzahl staats- und medienrechtlich orientierter Studien, die entweder den standesrechtlichen Aspekt oder einzelne ethische Problembereiche hervorheben, befassen sich nun auch gesellschaftstheoretische Erörterungen zunehmend mit der Frage, welche Rolle die Selbstkontrolle in einer Gesellschaft spielen kann, die durch eine → Ökonomisierung und Globalisierung der Medien bestimmt wird.

Literatur:

Baum, Achim: Lernprozess und Interessenkonflikt. Die freiwillige Selbstkontrolle der Presse dient der ganzen Gesellschaft. In: Baum, Achim; Wolfgang R. Langenbucher; Horst Pöttker; Christian Schicha (Hrsg.): Handbuch Medienselbstkontrolle. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2005, S. 117-129

Hoffmann-Riem, Wolfgang; Wolfgang Schulz; Thorsten Held (Hrsg.): Konvergenz und Regulierung. Optionen für rechtliche Regelungen und Aufsichtsstrukturen im Bereich Information, Kommunikation und Medien. Baden-Baden [Nomos] 2000

Löffler, Martin; Reinhart Ricker: Handbuch des Presserechts. 4. Auflage. München [C.H. Beck] 2000

Pöttker, Horst: Publizistische Selbstkontrolle im Wandel. Über zivilgesellschaftliche Notwendigkeit und mediengesellschaftliche Irrwege. In: Zeitschrift für Kommunikationsökologie und Medienethik, 1, 2005, S. 40-48

Suhr, Oliver: Europäische Presse-Selbstkontrolle. Baden-Baden [Nomos] 1998