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Geschichte des Journalismus

    Eine Einführung von Horst Pöttker

    Wortherkunft: ahd. scehan = sich ereignen, vermengt mit ags. sciftan = verteilen; frz. Journal = Tagebuch

    Definition:

    Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs und deren wissenschaftliche Rekonstruktion. Als Journalistenberuf wird dabei nach den Berufsdefinitionen Max Webers das auf die gesellschaftlich bedeutsame Aufgabe des Herstellens von Öffentlichkeit, des Vermittelns von möglichst richtigen und wichtigen Informationen an möglichst viele Menschen spezialisierte Bündel von Selbstverständnis, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Regeln und Leistungen verstanden, das mit der Chance auf ein kontinuierliches Einkommen verbunden ist.

    Die Geschichte des Journalismus ist von der Geschichte der Medien (Mediengeschichte) zu unterscheiden. Einerseits sind Medien (Presse, Rundfunk, Internet) als technisch-organisatorische Kanäle von (öffentlicher) Kommunikation eine Sphäre der Voraussetzungen, die Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs beeinflusst haben und noch beeinflussen; andererseits stellen Mediengeschichte und Medienanalyse auch Fragen, die für den Journalistenberuf kaum relevant sind.

    Geschichte:

    Ein früher Titel zur Geschichte des deutschen Journalismus liegt seit 1845 vor. Das 1971 nachgedruckte Buch von Robert Eduard Prutz enthält bereits eine Definition des Journalismus als Selbstgespräch, „welches die Zeit über sich selbst führt“, die der Auffassung der modernen Systemtheorie vom Journalismus als „permanente Selbstbeobachtung der Gesellschaft als Fremdbeobachtung“ sehr nahe kommt. Noch heute lesenswert ist aber vor allem Dieter Paul Baumerts Dissertation zur Entstehung des deutschen Journalismus von 1928. Baumert schlägt eine Phaseneinteilung der Journalismusgeschichte (→ Präjournalismus bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts, → korrespondierender Journalismus bis zur Aufklärungsepoche, → schriftstellerischer Journalismus bis zum Professionalisierungsschub im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und seitdem → redaktioneller Journalismus) vor, die seit des digitalen Medienumbruchs an der Wende zum 21. Jahrhundert zwar der Erweiterung um eine neue Phase bedarf, aber bis zu dieser Zäsur mit Einschränkung nach wie vor brauchbar ist.

    Die zwischen 1966 und 1986 erschienene, vierbändige, im Wesentlichen von Kurt Koszyk verfasste, in ihrem Material- und Detailreichtums bis heute nicht ersetzte Rekonstruktion der Entwicklung zwischen Anfang des 17. und Mitte des 20. Jahrhunderts ist zwar als Presse-, also Medien-Geschichte angelegt, aber gleichwohl als Quellenreservoir für die Geschichte des Journalistenberufs unverzichtbar, ähnlich wie die kurz vor und nach der NS-Zeit erschienenen zeitungswissenschaftlichen Kompendien Otto Groths. Jörg Requate hat in seiner Dissertation Journalismus als Beruf (1995) die Professionalisierungsphase im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts analysiert. Die internationale Verbreitung des in dieser Phase in den USA entstandenen Nachrichtenparadigmas wurde 2005 in einem von Svennik Høyer und Horst Pöttker herausgegebenen Sammelband rekonstruiert.

    2011 hat eine von Horst Pöttker und Christina Kiesewetter herausgegebene Sammelpublikation unterschiedliche Antworten auf die Frage „Wann beginnt der Journalismus?“ präsentiert, die von der Antike bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts reichen. Und 2012 ist mit Thomas Birkners Dissertation der vorläufig aktuellste Überblick über die Entwicklung des Journalistenberufs in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg erschienen. Er zeigt, dass es auch hier mit der üblichen Verspätung gegenüber den westlichen Demokratien die Tendenz zur Lösung des Journalismus von Politik, Literatur und anderen Teilsystemen gab, die allerdings zwischen 1914 und 1945 durch einen deutschen Sonderweg unterbrochen worden ist. Trotz Lücken und Sprüngen ist also eine gewisse Traditionslinie der Geschichtsschreibung zur Entwicklung des Journalistenberufs erkennbar.

    Gegenwärtiger Zustand:

    Auch wenn sich zu zentralen Aspekten der Journalismusgeschichte wie der Phaseneinteilung, der führenden Rolle der angelsächsischen Länder mit ihrer Tradition der Pressefreiheit oder dem Professionalisierungsschub an der Wende zum 20. Jahrhundert Übereinstimmungen abzeichnen, zeigen sich vor dem Hintergrund der Entwicklung des Journalistenberufs bei der Beurteilung seiner gegenwärtigen Lage in der digitalen Medienwelt Unsicherheiten. Während Journalismusforscher wie Siegfried Weischenberg in den durch rapide Anzeigen- und Auflagenrückgänge bedingten Tendenzen einer Deprofessionalisierung eine existentielle Gefährdung sehen, betrachten andere Beobachter die gegenwärtige Krise vor allem als Herausforderung, die Chancen für eine grundlegende Erneuerung im Sinne der notwendigen Anpassung an fundamental veränderte technologische, ökonomische und kulturelle Bedingungen mit sich bringt.

    Diese Sichtweise setzt voraus, dass der Begriff des Journalistenberufs nicht an das konkrete, vor einem Jahrhundert in einem mittlerweile historischen Kontext entstandene, von Nachrichtenfunktion, Anzeigenfinanzierung, redaktioneller Organisation in Großbetrieben und dem Selbstbild des unbeteiligten Beobachters geprägte Modell gebunden wird, sondern allein an die verlässliche Spezialisierung auf die Öffentlichkeitsaufgabe, die in gewandelten sozio-ökonomischen Kontexten ebenfalls gewandelte Mentalitäten, Arbeitstechniken und Regeln erfordert. Ungeklärt in der gegenwärtigen Phase ist vor allem, ob die bisher vorrangige Nachrichtenfunktion mit ihrer Fixierung auf Fakten und ‘news’ sowie die darauf zugeschnittene → Redaktionsorganisation in Großbetrieben hinter die bisher nachrangige Orientierungsfunktion zurücktreten wird, was mit einem Bedeutungszuwachs z. B. von Hintergrundrecherchen, literarischen Darstellungsformen oder einer Renaissance der publizistischen Persönlichkeit verbunden wäre.

    Forschungsstand:

    Geschichte des Journalistenberufs als Rekonstruktion seines Wandels in Vergangenheit und Gegenwart ist auf Selbstverständnis und Arbeitsweise der „Historisch-hermeneutischen Disziplinen“ (Jürgen Habermas) angewiesen. Die anthropogene, durch den Menschen beeinflusste Kulturwelt ist im Gegensatz zu den Naturgesetzen dem Wandel unterworfen und von Geschichtlichkeit geprägt, weshalb ihre Erforschung eine Perspektive verlangt, die sich an der Dynamik ihrer Objekte, der Methode des Verstehens und dem Erkenntnisinteresse an Verständigung orientiert.

    Im Wissenschaftsbetrieb, nicht zuletzt in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung, setzen sich dagegen zunehmend Selbstverständnis und Arbeitsweisen der Natur- und Technikwissenschaften durch. Hinzu kommt, dass in der aus der Literaturwissenschaft hervorgegangenen Medienwissenschaft, die die dynamische Sicht auf den Wandel der anthropogenen Kulturwelt bewahrt hat, das Interesse an der gesellschaftlichen Bedeutung des Journalistenberufs fehlt. So gerät die Geschichte des Journalismus ins Hintertreffen. Kenntnis- und aufschlussreiche Dissertationen wie die von Requate oder Birkner sind Einzelstücke, die kaum in eine kontinuierliche Forschungstradition eingebettet sind. An einer geschlossenen Geschichte des Journalismus in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart einschließlich der mittlerweile abgeschlossenen Phase zwischen 1950 (Pressefreiheit) und 2000 (digitaler Umbruch) fehlt es bis heute, von einer internationalen Gesamtdarstellung zu schweigen. Aus diesem Mangel ist u. a. zu erklären, warum die Hochschulforschung kaum fähig scheint, dem Journalistenberuf zu helfen, seine gegenwärtige Krise zu überwinden.

    Literatur:

    Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013

    Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

    Groth, Otto: Die Zeitung. Ein System der Zeitungskunde (Journalistik). 4 Bände. Mannheim/Berlin/Leipzig [J. Bensheimer] 1928

    Groth, Otto: Die Geschichte der deutschen Zeitungswissenschaft. Probleme und Methoden. München [Weinmayer] 1948

    Groth, Otto: Die unerkannte Kulturmacht. Grundlegung der Zeitungswissenschaft (Periodik). 7 Bände. Berlin [De Gruyter] 1960-1972

    Habermas, Jürgen: Erkenntnis und Interesse. In: Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als „Ideologie“. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1968, S. 146-169

    Høyer, Svennik; Horst Pöttker (Hrsg.): Diffusion of the News Paradigm 1850-2000. Göteborg [Nordicom] 2005

    Kiesewetter, Christina; Horst Pöttker (Hrsg.): Wann beginnt der Journalismus? medien & zeit. Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart, Ausgabe 2/2011. Wien [Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung] 2011

    Koszyk, Kurt: Deutsche Presse im 19. Jahrhundert. Geschichte der deutschen Presse. Band 2. Berlin [Colloquium] 1966

    Koszyk, Kurt: Deutsche Presse 1914-1945. Geschichte der deutschen Presse. Band 3. Berlin [Colloquium] 1972

    Koszyk, Kurt: Pressepolitik für Deutsche 1945-1949. Geschichte der deutschen Presse. Band 4. Berlin [Colloquium] 1986

    Lindemann, Margot: Deutsche Presse bis 1815. Geschichte der deutschen Presse. Teil 1. Berlin [Colloquium] 1969

    Prutz, Robert Eduard: Geschichte des deutschen Journalismus. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1971

    Requate, Jörg: Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1995

    Weischenberg, Siegfried: Das Jahrhundert des Journalismus ist vorbei. Rekonstruktionen und Prognosen zur Formation gesellschaftlicher Selbstbeobachtung. In: Bohrmann, Hans; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Krise der Printmedien: Eine Krise des Journalismus? Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Band 64. Berlin/New York [De Gruyter Saur] 2010, S. 33-60

Horst Pöttker
Horst Pöttker
*1944, Prof. i.R., Dr., war von 1996 bis 2013 Professor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Z. Zt. Lehrbeauftragter an den Universitäten Hamburg, Stawropol und Wien. Seit 2017 Initiator und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Journalistik/Journalism Research. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte des Journalismus, Berufsethik, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: horst.poettker (at) tu-dortmund.de Horst Pöttker hat Einführungsbeiträge geschrieben zur → Geschichte des Journalismus, → Berufsethik, zu → journalistischen Genres sowie zur → Pressefreiheit.

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Die junge Journalisten-Generation beim NWDR

Logo NWDR, gemeinfrei

Kollektivbiographischer Ansatz:
Journalismus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) von Männern und Frauen mit sehr unterschiedlichem Erfahrungs- und Leidenshintergrund in die Praxis umgesetzt (Wagner 2005). Als → Kommunikatoren werden sie in typologische Akteursgruppen gefasst. Das konkurrierende Miteinander sowie die Muster der jeweils angewandten Strategien bei der Positionierung können so nachgezeichnet werden. Drei Gruppen lassen sich im rundfunkjournalistischen Feld der unmittelbaren Nachkriegsjahre unterscheiden: Es waren einerseits Emigranten, die aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrten, und erfahrene Mitarbeiter, die im ‚Dritten Reich‘ Verfolgung erlitten hatten. Sie bildeten die zahlenmäßig kleinste Gruppe, hatten aber nicht selten Schlüsselpositionen inne (Wagner 2015). Andererseits gab es die große heterogene Akteursgruppe derer, die in Deutschland geblieben waren. Ihnen war es in ganz unterschiedlicher Weise gelungen, ihre Lebensentwürfe in den Jahren des NS-Regimes zu gestalten; sie hatten mit mehr oder weniger Opportunismus ihre Berufsbiographien relativ geradlinig fortgesetzt oder zumindest auf weniger sensiblen Positionen gearbeitet. Die dritte Gruppe war die ‚junge Generation‘. Sie wird hier näher vorgestellt.

Journalistisches Arbeiten beim NWDR nach Kriegsende:
Entscheidend zum Erfolg dieser ‚jungen Generation‘ trug bei, dass man sich als Erfahrungsgeneration verstand. Denn weniger das Alter der Personen war für die Zugehörigkeit entscheidend, als vielmehr die gemeinsam geteilte Kriegserfahrung. Man definierte sich über eine Wendezeit bzw. eine ‚Krise‘. Rüdiger Proske und Walter Weymann-Weyhe in schufen 1948 mit dem Essay „Wir aus dem Kriege“ in den Frankfurter Heften eine Gemeinschaftsformel (Proske/Weymann-Weyhe 1948). Dabei war die Krisenzeit mit dem Ende des Krieges nicht beendet, sondern dauerte an. In der NWDR-Sendereihe Sind wir auf dem richtigen Wege? beklagte Volker Starke (*1920), Feature-Assistent des journalistisch erfahrenen Peter von Zahn, den „Verrat an der deutschen Jugend“ (NWDR-Geschichte 2001). Einer der Wortführer, der damals 17-jährige Schüler und freier Mitarbeiter am Sender, Ralf Dahrendorf, wehrte gegenüber Peter von Zahn die „‚Denazifizierung‘ junger Menschen durch Ihren englischen Personalchef“ mit den Worten ab: „…wir jungen Menschen schweben heute haltlos zwischen dem letzten Rest von Optimismus, an den wir uns verzweifelt klammern, und einem Realismus, dessen Erkenntnisse so furchtbar bitter sind“ (Dahrendorf 1946).

Im Zusammenhang mit einer Deutschlandpolitik der Westalliierten, die zwar auf eine Neuordnung des Medienbereichs zielte, dabei aber schnell immer mehr Verantwortung an deutsche Journalisten zurückgeben wollte, rückte die ‚junge Generation‘ ins Blickfeld. Ihre Lebensläufe waren in der Regel wenig NS-belastet; sie selbst waren nach dem Ende der Diktatur auf der Suche nach neuen Zukunftsentwürfen. Freilich hatten viele wenig bis keine Berufserfahrung; einige waren als Frontberichterstatter in nationalsozialistischen Propagandakompanien tätig gewesen. Dieser Mangel an journalistischer Erfahrung konnte durch eine konsequente Praxis des ‚Learning by doing‘ Schritt für Schritt wettgemacht werden bzw. Wissenslücken wurde mit gezielten → Ausbildungsprogrammen, etwa dem der NWDR-Rundfunkschule, begegnet (Schwarzkopf 2007). Viele damals ‚junge‘ → Journalisten betonten immer wieder den Aspekt der Anleitung und der Hilfestellung durch die britischen Kontrolloffiziere. Dabei wurde das Wort ‚Zensur‘, obwohl eine Kontrolle der Manuskripte erfolgte, nicht verwendet. Allen britischen Controllers und besonders den deutschstämmigen ‚Rückkehrern in Uniform‘ unter ihnen wurde bescheinigt, dass sie als Lehrer und als Partner auftraten. Sie zeigten den jungen Leuten, die nur das nationalsozialistische Bildungsregime durchlaufen hatten und in der Hitlerjugend und in der Wehrmacht militärisch gedrillt worden waren, was diskursive Formen sind, welche Spielregeln bei einer Diskussion zu beachten sind und wie man unterschiedliche Meinungen austauscht. Man zeigte ihnen, was ein → Feature ist und was eine solche Programmform zu leisten vermag. Vor allem aber lernten sie, welche Funktion ein Kommentar hat bzw. dass man und wie man → Nachrichten und Kommentar trennt.

„Es gibt eine ganze Menge, was wir damals von den Engländern gelernt haben in Bezug auf die Frage ‚Was ist Journalismus?‘. Zum Beispiel (…) die Einsatzbereitschaft und die Arbeitsweise“, resümierte Claus-Hinrich Casdorff (*1925), damals Jungreporter in Hamburg (NWDR-Geschichte 2002). Der spätere Chef des Magazins Monitor bezeichnete sich rückblickend als einen „englisch angehauchten Journalisten“. Vor allem das kleine Team in der Abteilung outside broadcasts entwickelte schnell ein klares Profil. Voller Neugierde und mit großer Aufbruchsstimmung sorgte es dafür, dass richtiggehend lebenswichtige Hinweise ins Programm kamen: Die Journalisten gaben im Kältewinter 1946/47 Fahrtzeiten von langsam fahrenden Kohlenzügen bekannt und entwickelten ein Engagement, das auch vor deutschen Beamten nicht Halt machte. Jürgen Roland (*1925) soll mit Hilfe der Feuerwehr einem Arbeitsamt buchstäblich aufs Dach gestiegen sein, um zu klären, warum sich vor der Tür der Behörde eine so lange Schlange bildete und es mit der Arbeitsvermittlung so schleppend voranging (NWDR-Geschichte 2000). Das Beispiel zeigt, wie die ‚junge Generation‘ ein journalistisches Selbstverständnis entwickelte mit der Aufgabe, als Anwalt der Bevölkerung handeln zu müssen. Ganz offensichtlich begriff man das Kriegsende als eine Befreiung. Carsten Diercks (*1921) führte generationstypisch aus: „Mit einem Mal waren wir in der Lage, uns über Dinge, die uns politisch bewegten, frei zu äußern (…). Das haben wir natürlich ausgenutzt.“ (NWDR-Geschichte 2001).

In Fall der Rundfunkmitarbeiter des NWDR bestätigt sich eine Entwicklung, die von Zeithistorikern auf vielen gesellschaftlichen Gebieten der Nachkriegszeit als ‚deutsche Karrieren‘ der ‚Frontsoldaten-‘ und der ‚Flakhelfer-Generation‘ gewertet wird. Denn für viele der Anfang der 1920er Jahre geborenen Männer präsentierte sich das nationalsozialistische Regime zunächst einmal als eine Leistungsgesellschaft, die den Jungen Aufstiegschancen bot. Die NSDAP stellte sich als eine Partei der Jugend dar und propagierte eine Zukunftsoption. Nachdem die alten Verständigungsformeln der Konsensdiktatur Nationalsozialismus weggefallen waren, bedurfte es neuer Formeln für die „Leistungsfanatiker“ (Frei 2005: 107-128; Bude 1987; Wehler 2003). Davon profitierte gerade auch der Nachkriegsjournalismus in hohem Maße. Mit den britischen Demokratie-Vorstellungen, dem Leitbild der BBC als einer dienenden publizistischen Kraft des ‚public service‘, waren neue Möglichkeiten für die Selbstverständigung der ‚jungen Generation‘ gegeben. Man griff diese auf, machte sie sich zu eigen, startete durch zu bemerkenswerten Karrieren im westdeutschen Mediensystem und half mit, eine kritische → Medienöffentlichkeit herzustellen (Hodenberg: 2006).

Ähnliches gilt auch für die weiblichen Journalisten. Nach und nach gelang es ihnen, in die traditionell von Männern bestimmte Domäne Einzug zu halten. Das geschah zunächst über die klassisch ‚weiblichen‘ Ressorts, dem Kinder-, Schul- und Frauenfunk, etwa als die promovierte Lehrerin Marga Begiebing (*1915) zum NWDR-Köln wechselte (NWDR-Geschichte 2002). Doch weitere Ressorts folgten. Hansi Eggeling (*1922) arbeitete zunächst als Sekretärin in der Abteilung Talks and Features, bevor sie Redakteurin im Kulturellen Wort wurde. Helga Norden (*1924) und Julia Nusseck (*1921) hatten im Nationalsozialismus studiert. Über ein → Volontariat kam Helga Norden zum Zeitfunk; Dr. Julia Nusseck übernahm schon sehr früh die Leitung der Wirtschaftsredaktion (NWDR-Geschichte 2001). Mehrere Absolventinnen der Rundfunkschule des NWDR wie Hilde Stallmach (*1923), Ursula Klamroth (*1924), Helga Boddin (*1926) und Dagmar Späth (*1922) machten Karriere als Reporterinnen und → Redakteurinnen.

Literatur:

Bude, Heinz: Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation. Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1987.

Dahrendorf, Ralf an Peter von Zahn, 10.12.1946. Staatsarchiv Hamburg. Bestand: NWDR/NDR. 621-1. Nr. 1517.

Frei, Norbert: 1945 und wir. Das dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen. München [Beck] 2005.

Hodenberg, Christina von: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973. Göttingen [Wallstein-Verlag] 2006.

NWDR-Geschichte 2000-2005. Leitfadengestützte Interviews mit ehemaligen NWDR-Mitarbeiter*innen, geführt von Peter von Rüden und Hans-Ulrich Wagner im Forschungsprojekt zur NWDR-Geschichte. Projektdokumentation. Hans-Bredow-Institut, Hamburg.

Proske, Rüdiger; Walter Weymann-Weyhe: Wir aus dem Kriege. Der Weg der jüngeren Generation. In: Frankfurter Hefte, 3, 1948, H. 9, S. 792-803.

Schwarzkopf, Dietrich: Ausbildung und Vertrauensbildung. Die Rundfunkschule des NWDR. Hamburg [Verlag Hans-Bredow-Institut] 2007. (= Nordwestdeutsche Hefte zur Rundfunkgeschichte, 6), https://www.hans-bredow-institut.de/uploads/media/Artikel/cms/media/560a359d8b8c2abaf00d5bd831dc1e714aa4cffb.pdf

Wagner, Hans-Ulrich: Das Ringen um einen neuen Rundfunk: Der NWDR unter der Kontrolle der britischen Besatzungsmacht. In: Rüden, Peter von; Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.): Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks, Bd. 1, Hamburg [Hoffmann und Campe] 2005, S. 13-84.

Wagner, Hans-Ulrich: Repatriated Germans and ‚British Spirit‘. The transfer of public service broadcasting to northern post-war Germany (1945-1950). In: Media History 21(4), 2015, S. 443-458.

Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band. München [Beck] 2003.

Grubenhund

Der Begriff ‚Grubenhund‘ bezeichnet einen besonderen Typ von Falschmeldungen, in den Ironiesignale eingebaut sind, die mit gesundem Menschenverstand zu erkennen wären. Die Urheber wollen damit die Kompetenz der Journalisten testen.

Der Begriff geht zurück auf einen Einfall des Wiener Ingenieurs Arthur Schütz. Am Beginn stand eine Wette: Am 17. November 1911 traf sich eine Gruppe befreundeter Ingenieure im Wiener Grandhotel zum Mittagessen. Das Gespräch drehte sich um die neuesten Nachrichten. Die Neue Freie Presse, die vom Bürgertum favorisierte Zeitung, die sich als unfehlbare Autorität gerierte, hatte ein kleines Erdbeben zu einem bedeutenden Ereignis aufgeblasen. Immer neue Augenzeugenberichte aus dem Kreis der Stammleser wurden gedruckt – gleichsam eine frühe Form des Bürgerjournalismus. Als einer der Teilnehmer am Tischgespräch hatte Schütz eine Idee: Er verfasste einen Text zum geschilderten Erdbeben und schickte ihn per Boten in die Redaktion.

Am nächsten Morgen stand in der Neuen Freien Presse ein langer Artikel, der auf diesem Text basiert. Als Autor ist angegeben ein Dr. Ing. Erich Ritter von Winkler, Assistent der Zentralversuchsanstalt der Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke. Der Beitrag beginnt mit einer Aneinanderreihung von technischem Unsinn, worauf eine erstaunliche Beobachtung folgt: „Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, dass mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“

Beim Grubenhund handelt es sich jedoch um jenen hölzernen Laufwagen, den die Bergleute als ‚Hund‘ bezeichnen und den bereits der Universalgelehrte Georgius Agricola in seinem Werk über den Bergbau beschrieben hat (1556 unter dem Titel De re metallica erschienen). Seit Schütz ist aus dem Grubenhund ein presse- und medientypologischer Begriff mit medienpädagogischer bzw. medienkritischer Mission geworden. Diese ist mit der Absicht verbunden, die Aufmerksamkeit und intellektuelle Potenz der Journalisten zu testen und deren faktische Ignoranz offenzulegen (siehe auch → Authentizität, → Plausibilität).

Arthur Schütz ging bei seinen Feldexperimenten methodisch reflektiert vor. Seine Hypothese lautete, dass ein Bericht abgedruckt werde, sobald er nur „im Gewande der Wissenschaft schillere und von einem gut klingenden Namen gezeichnet sei“ sowie „den ausgefahrenen Gedankenbahnen des Publikums und der Mentalität des Blattes entspreche“ (Schütz 1996: 39). Diese Hypothese konnte er verifizieren, nach dem Grubenhund noch viele weitere Male bei anderen Zeitungen und anderen Themen, darunter frühe → Fake News etwa über Betonwürmer, ovale Wagenräder, plombierte Zahnräder und feuerfeste Kohlen.

Seine Erfolge präsentierte Schütz in dem Sammelband Der Grubenhund, der 1931 erstmals erschien. Die Fallsammlung zeigt, dass der Autor besondere Sorgfalt auf die Konstruktion der Falschmeldungen legte: „Name, Stand des Absenders, äußere Form, Stil, Thema und vor allem der Tonfall müssen der geistigen Atmosphäre, dem Horizont und dem jeweiligen Bedürfnis der auserkorenen Redaktion angepaßt sein“ (Schütz 1996: 56). Schütz, der seine Köder entsprechend der Blattlinie präparierte, spricht vom „Redaktionsaffekt“.

Der Stil des Grubenhunds wird gern mit der → Zeitungsente verwechselt. Falschmeldungen haben allerdings ganz unterschiedliche Ursachen: Die Journalisten tappen hier zum Beispiel in die → Aktualitätsfalle, die Quoten- und Auflagenfalle, die Originalitätsfalle oder die Instrumentalisierungsfalle – Schütz aber ließ sie in die Kompetenzfalle stolpern (siehe Hömberg 2018a).

Arthur Schütz war eine facettenreiche Persönlichkeit mit einem bewegten Lebenslauf (dazu Hömberg 1996). Er war kein „Wissenschaftsjournalist“, wie fälschlich behauptet (Russ-Mohl 2017: 29), sondern ein Ingenieur mit dem Fachgebiet Riementechnik, ein erfolgreicher Geschäftsmann sowie ein engagierter Journalismuskritiker. Dessen Erfolge als Grubenhund-Züchter würdigte schon Karl Kraus in seiner Zeitschrift Die Fackel.

Welche Chancen Grubenhunde in Zeiten des Internets haben, hat eine Diplomarbeit an der Universität Eichstätt getestet (Stumpf 2004). Eine Presseinformation, die dazu per E-Mail verbreitet wurde, berichtete am 1. Juli 2004 von der Entdeckung eines menschlichen Sex-Gens durch eine Forschergruppe des Münchner Arthur-Schütz-Instituts. Viele Anfragen, darunter einige Bitten um Interviews, waren die Folge. Drei Medien berichteten in enger Anlehnung an die Pressemeldung von dieser „wissenschaftlichen Sensation“. Da aber einige Redaktionen den Fake schon nach kurzer Zeit entlarvten, blieb ein größeres Medienecho für das Sex-Gen aus (vgl. Hömberg/Stumpf 2008; Hömberg 2018b). Ergebnis dieses Experiments: Das Internet ist ein effektives Instrument, um Grubenhunde zu lancieren. Aber es ermöglicht auch, diese durch gründliche → Quellenrecherche schnell aufzuspüren.

Literatur:

Hömberg, Walter: „Majestät in Unterhosen“. Arthur Schütz, Züchter der „Grubenhunde“. Leben und Werk eines Wiener Journalismuskritikers. In: Medien & Zeit, 11(1), 1996, S. 36-45.

Hömberg, Walter; Andreas Stumpf: Die wahre Fälschung. Auf den Spuren von Arthur Schütz als Pionier der journalistischen Qualitätsforschung. In: Pörksen, Bernhard; Wiebke Loosen; Armin Scholl (Hrsg.): Paradoxien des Journalismus. Theorie – Empirie – Praxis. Festschrift für Siegfried Weischenberg. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2008, S. 375-387.

Hömberg, Walter: Echte Falschmeldungen und Medienfälschungen. Qualitätsfallen im Journalismus. In: Aviso, 66, 2018a, S. 10-12.

Hömberg, Walter: Ovale Räder und das Sex-Gen. In: Wiener Zeitung, 29./30.12.2018b, S. 27. https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/vermessungen/1009477-Ovale-Raeder-und-das-Sex-Gen.html?em_cnt_page=4

Russ-Mohl, Stephan: Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde. Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet. Köln [Herbert von Halem] 2017.

Schütz, Arthur: Der Grubenhund. Wien/Leipzig [Jahoda & Siegel] 1931.

Schütz, Arthur: Der Grubenhund. Experimente mit der Wahrheit. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. München [Reinhard Fischer] 1996.

Stumpf, Andreas: F@kes. Typen, Ursprünge und Verbreitungswege von Falschmeldungen und publizistischen Fälschungen im Internet. Diplomarbeit. Eichstätt-Ingolstadt, 2004.

Heine, Heinrich

Heine, Christian Johann Heinrich (geb. Harry), geb. 13.12.1997 in Düsseldorf, gest. 17.02.1857 in Paris.

Heinrich Heine kommt 1797 (vielleicht auch 1799) in Düsseldorf zur Welt, das während seiner Kindheit französisch besetzt und deshalb relativ freiheitlich ist. Er wächst mit drei jüngeren Geschwistern, darunter Gustav, dem späteren Herausgeber des Wiener Fremden-Blatts, in der assimilierten, von starkem Erfolgsstreben geprägten jüdischen Familie des Tuchhändlers Samson Heine auf, der tatsächlich nur mäßig erfolgreich ist. Besonders seine Mutter Betty beseelt ihn früh mit sozialem Ehrgeiz.

Trotz der kommerziellen Misserfolge des Vaters legt die Familientradition ihm nahe, zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet den Erfolg zu suchen. Entsprechende Bemühungen durch Aufenthalte bei den Bankiers Rindskopff in Frankfurt und Salomon Heine, dem Bruder des Vaters in Hamburg, scheitern jedoch früh. Bei Letzterem kommt eine ebenso heftige wie unerwiderte Liebe zu dessen Tochter Amalie hinzu. Die Erfahrung des Liebesschmerzes wird für Heines Lyrik lebenslang prägend bleiben.

Fortan richtet sich sein Ehrgeiz auf das Gebiet von Kunst und Wissen sowie deren öffentliche Präsentation. Er reüssiert mit der Publikation von Gedichten (Buch der Lieder, 1827) und Reiseberichten (Die Harzreise, 1826; Reisebilder, 1826-31). Nebenbei studiert er in Bonn, Göttingen und Berlin Jurisprudenz (Rechtswissenschaft), hört Vorlesungen von August Wilhelm Schlegel und Georg Wilhelm Friedrich Hegel und schließt sich dem Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden sowie dem Salon von Rahel und Karl August Varnhagen von Ense an. Schon 1822 schreibt er eine Serie von Briefen aus Berlin, die anonym in der Kulturbeilage des Rheinisch-Westfälischen Anzeigers in Hamm erscheint und früh seine Affinität zum Journalismus erkennen lässt.

1825, nach der Promotion zum Doktor der Rechte, lässt er sich taufen und nimmt den Vornamen Heinrich an, um seine Berufschancen als Jurist zu verbessern. Aber auch als Getaufter jüdischer Herkunft widerfährt ihm Ausgrenzung, Benachteiligung und Missachtung. Er schlägt mit gleicher Waffe zurück: Über die Homosexualität des Dichters August Graf von Platen macht er sich ebenso lustig wie dieser zuvor über sein Judentum – eine Auseinandersetzung, die beiden „Außenseitern“ (Hans Mayer) geschadet hat. 1831 entschließt er sich zur Übersiedlung nach Paris, wo die Juli-Revolution ihm wie anderen Emigranten Hoffnung auf ein freieres Leben und publizistisches Arbeiten als unter der Zensur in Deutschland macht.

In Paris arbeitet Heine von Anfang an als Journalist – genauer: als Korrespondent der in Augsburg erscheinenden Allgemeinen Zeitung. 1832 erscheint dort anonym eine Artikelserie aus seiner Feder, die er ein Jahr später mit seinem Autorennamen zu einem Buch mit dem Titel Französische Zustände bündelt. Von Literaturwissenschaftlern werden diese Zeitungsartikel als „Vorabdrucke“ (Karl Pörnbacher) klassifiziert. Heine verstand sie jedoch als die entscheidende Publikationsform, wie sein Engagement für möglichst rasches Erscheinen der Tagesberichte (frühe → Reportagen) vom Aufstand gegen das Regime Louis Philippes zeigt.

Heines modernes Journalistentum zeigt sich auch am „Zerwürfnis“ (Hans Magnus Enzensberger) mit Ludwig Börne. In dessen Briefen aus Paris hatte Börne ihm politische Indifferenz, mangelnden Patriotismus, ästhetische Verspieltheit statt republikanischer Gesinnung vorgeworfen und damit eine Tradition der Kritik an Heine begründet, die nicht nur Karl Kraus bis ins 20. Jahrhundert fortgesetzt hat. Heine antwortet mit einer Denkschrift Über Ludwig Börne (1840), in der er über dessen beständiges politisches „Kannengießen“, seinen revolutionären Eifer und aufdringlichen Stil spottet. Damit legt er eine kritische Distanz zu programmatischer Parteilichkeit an den Tag, die in Deutschland erst über ein Jahrhundert später als Kennzeichen → unabhängiger Publizistik anerkannt werden sollte.

In den 1840er Jahren schreibt Heine eine lange Serie von → Feuilletons für die Allgemeine Zeitung, deren analytischer Tenor sich als politische Psychologie kennzeichnen lässt. Wie er sich kritisch in die Handlungsweisen von König Louis Philippe oder Ministerpräsident Adolphe Thiers hineindenkt, ist eine Kunst, die dem deutschen Journalismus im 21. Jahrhundert verloren gegangen zu sein scheint. Heine hat sich nicht gescheut, um der Anschaulichkeit willen auch fiktionale Passagen in seine politischen Feuilletons einzustreuen. Im Unterschied zu Theodor Fontane macht Heine solche Passagen allerdings als fiktionale kenntlich. Auch diese Praxis des Deklarierens spricht für sein Journalistentum.

Am deutlichsten wird Heines modernes journalistisches Selbstverständnis in seiner Einleitung in die französische Version der Lutetia, des Buchs, in dem er später seine Korrespondenzen aus dem Paris dieser Zeit gesammelt hat: Engagement für Kommunikationsfreiheit durch Unterlaufen äußerer und redaktionsinterner „Zensur“, Verbergen eigener Meinung hinter korrekt und leidenschaftslos mitgeteilten Fakten, vor allem aber, dass Informationen mittels reizvollem Stil bei einem möglichst großen Publikum ankommen.

Als professionelles Modell ist Heine für den Journalismus von überragender Bedeutung. Das zeigt sich auch daran, dass er vom Durchschnitt befragter deutschsprachiger Chefredakteure immer noch an die Spitze der bedeutsamten Journalisten aller Zeiten gesetzt wird. Das hat drei Gründe:

Erstens ist an Heine abzulesen, welch produktive Rolle dem Judentum für die Modernisierung der europäischen Literatur und besonders des Journalismus zukommt.

Zweitens zeigt sich an ihm, dass für die Modernisierung des Journalismus eine zunehmende Konzentration auf die Aufgabe → Öffentlichkeit kennzeichnend ist und gleichzeitig eine abnehmende Bindung an politische und andere nicht-publizistische Aufgaben und Programme.

Drittens demonstriert Heine wie kein Zweiter die Wichtigkeit ästhetischen Schöpfertums für die journalistische Arbeit. Dass sich bei ihm ausgerechnet Lyrik mit Journalismus verbindet, ist kein Zufall. Für Lyrik ist Fiktionalität im Unterschied zu Epik und Dramatik nicht charakteristisch, im Journalismus stellt sie eine legitime, im Interesse von Anschaulichkeit und Unterhaltsamkeit nützliche Ausnahme dar, solange sie als solche erkennbar ist.

Vom Vorbild Heine können Journalisten lernen, die erkannt haben, dass in der digitalen Medienwelt die Zukunft ihres Berufs statt in der raschen, ereignisgetriebenen Übermittlung von Nachrichten in einer Orientierungsfunktion liegt, die darauf zielt, den Alltag zu verstehen und neben gründlicher → Recherche auch literarisch anspruchsvolle → Darstellungsformen verlangt.

Literatur:

Enzensberger, Hans Magnus (Bearb.): Ludwig Börne und Heinrich Heine: Ein deutsches Zerwürfnis. Leipzig [Reclam] 1991

Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Gesamtausgabe in sechs Bänden. München [dtv] 1997

Heine, Heinrich: Französische Zustände. In: Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Gesamtausgabe in sechs Bänden. Band 5: Herausgebeben von Karl Pörnbacher. München [dtv] 1997

Karady, Victor: Gewalterfahrung und Utopie. Juden in der europäischen Moderne. Frankfurt/M. [Fischer] 1999

Kraus, Karl: Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur. Ausgewählt und erläutert von Christian Wagenknecht. Stuttgart [Reclam] 1986

Langenbucher, Wolfgang R.; Irmgard Wetzstein: Der real existierende Hochkulturjournalismus. Über Personen, Werke und einen Kanon. In: Eberwein, Tobias; Daniel Müller (Hrsg.): Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2011, S. 387-409

Liedtke, Christian: Heinrich Heine. Reinbek bei Hamburg [Rowohlt] 1997

Mayer, Hans: Außenseiter. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1977

Pöttker, Horst: Heines Tagesberichte für die „Allgemeine Zeitung”. Ein Beitrag zu Geschichte und Bestimmung der Reportage, in: Jarren, Otfried; Gerd G. Kopper; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung. Medium mit Vergangenheit und Zukunft. Eine Bestandsaufnahme. Festschrift aus Anlaß des 60. Geburtstages von Hans Bohrmann. München [Saur] 2000, S. 27-46

Pöttker, Horst: Modellfall Heinrich Heine. Über das Verhältnis von Journalismus und Schriftstellertum in Deutschland. In: Hahn, Oliver; Roland Schröder (Hrsg.): Journalistische Kulturen. Internationale und interdisziplinäre Theoriebausteine. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008, S. 56-75

Pöttker, Horst: Jude und Deutscher. Heinrich Heine als Pionier des modernen Journalismus. In: Marten-Finnis, Susanne; Michael Nagel (Hrsg.): Die PRESSA. Internationale Presseausstellung Köln 1928 und der jüdische Beitrag zum modernen Journalismus. The PRESSA. International Press Exhibition Cologne 1928 and the Jewish Contribution to Modern Journalism. Band/Volume 2, Bremen [edition lumière] 2012, S. 347-373

Pöttker, Horst: „Alles Weltwichtige an Ort und Stelle betrachten und behorchen“. Heinrich Heine als Protagonist des modernen Journalismus. In: Pöttker, Horst; Alexander I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 92-145

Reus, Gunter: Ironie als Widerstand. Heinrich Heines frühe Feuilletons „Briefe aus Berlin” und ihre Bedeutung für den modernen Journalismus. In: Blöbaum, Bernd; Stefan Neuhaus (Hrsg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2003, S. 159-172

Steinberg, Werner: Der Tag ist in die Nacht verliebt. Halle (Saale) [Mitteldeutscher Verlag] 1960

Werner, Michael: Der Journalist Heine. In: Höhn, Gerhard (Hrsg.): Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1991, S. 295-313

Herzl, Theodor

Theodor (ungarisch: Tivadar) Herzl wurde am 2. Mai 1860 in Budapest geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Geschäftsmann und Direktor der Hungaria-Bank, seine Mutter stammte aus einem reichen assimilierten jüdischen Elternhaus. Die deutsche Sprache, das Interesse für deutsche Literatur und die Kultur der Mutter prägten Theodor Herzl. Nachdem er Privatunterricht erhalten hatte, kam er 1875 in Budapest an das Humanistische Evangelische Gymnasium. In dieser Zeit begann Herzl zu schreiben, seine Theater- oder Buchrezensionen wurden in der deutschsprachigen Zeitung Pester Lloyd veröffentlicht. Nachdem die 19-jährige Schwester Pauline an Typhus gestorben war, übersiedelte die Familie nach Wien. Dort studierte Herzl erfolgreich Rechtswissenschaft (Promotion 1884). Da er aber als Jude keine Beamtenkarriere einschlagen und auch nicht Richter werden konnte, wandte sich Herzl wieder dem Schreiben zu. Er verfasste zunächst Bühnenstücke, die aber nicht erfolgreich waren.

Die antisemitische Stimmung in Wien nahm zu, 1882 verließ Herzl wegen antisemitischer Tendenzen die nationale Burschenschaft Albia und reiste durch Europa. Seine Ehe mit Julie Naschauer, die aus einer sehr reichen Familie stammte, entwickelte sich für Herzl nicht sehr glücklich. 1889 fuhr er nach Frankreich und Spanien und schickte von dort Texte an unterschiedliche Zeitungsredaktionen. Als man ihn fragte, ob er als Korrespondent für die Neue Freie Presse nach Paris gehen wolle, sagte er zu.

„Tagesgeschichtsschreibung“ und Dreyfus-Affäre

Als „Tagesgeschichtsschreibung“ (Bein 1974: 122) beschrieb Theodor Herzl seine journalistische Tätigkeit in Paris – bis ein Spionagefall 1894 für viel Aufsehen sorgte: der Prozess gegen den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der beschuldigt wurde, „Verrat am Vaterland“ begangen zu haben, indem er Dokumente des französischen Generalstabs an einen deutschen Militär-Attaché verkauft hätte. Als akkreditierter Korrespondent beobachtete Herzl den Prozess gegen Dreyfus, der Ende 1894 zur lebenslänglichen Deportation verurteilt wurde und dem man alle militärischen Ehren aberkannte. Einer der Schlüsseltexte von Herzl ist die Schilderung der Degradation von Hauptmann Alfred Dreyfus:

„Man sah eine große Anzahl Offiziere, mehrere mit ihren Damen. Der Einlaß in den Hof der Ecole Militaire war nur Offizieren und wenigen Journalisten gestattet. Draußen harrte die Menge der Gaffer, die Hinrichtungen beizuwohnen pflegen. Es war viel Polizei aufgeboten worden. (…) Der militärische Gerichtsvollzieher begann, dem Verurteilten die Knöpfe und Schnüre, die schon vorher gelockert waren, von der Uniform herabzureißen. Dreyfus bewahrte eine ruhige Haltung. Nach wenigen Minuten war die Prozedur vollzogen“
(Herzl in Schoeps 1995: 26f.).

Herzl beendete seine Pariser-Korrespondententätigkeit (1891-95) mit einer Reportage über den Sitz des französischen Parlaments, dem „Palais Bourbon“, in der er mit den Schwächen des französischen Parlamentarismus abrechnete, und erhielt den von ihm gewünschten Posten als Feuilletonchef der Neuen Freien Presse in Wien.

Am Beispiel der Berichterstattung aus dem französischen Parlament lässt sich die Bedeutung Theodor Herzls für die Entwicklung des modernen Journalismus zeigen: Wie Ema Kaiser in ihrer Magisterarbeit herausarbeitet,

„hat Herzl auch die Merkmale des modernen Journalismus verinnerlicht und auch tatsächlich praktiziert, u.a. das der Professionalität in Fragen der Berichterstattung, was sich in seinem Verzicht auf persönliche Meinungsäußerungen bei politisch durchaus brisanten Angelegenheiten ausdrückt“ (Kaiser 2010: 103).

Kaiser führt aus, dass Herzl als Pionier eines liberalen und an den Fakten orientierten Journalismus charakterisiert werden kann, der weder politische noch erzieherische Absichten hatte (vgl. Kaiser 2010: 8). Herzls Berichte über den französischen Parlamentarismus wurden international – von Wien, Berlin über New York und Konstantinopel – gelesen und wahrgenommen:

„Und wenn man diese Beschreibungen von ‚inhaltslosen Nachmittagen, die der Zeitungsschreiber im engen Verschlag zwischen den zwei letzten Säulen des grandiosen Palastes erlebt’ heute liest, ist der Schrecken groß: über so viel Zeitlosigkeit, Schärfe der Beobachtung, Rasiermessersprache“ (Jochimsen 2004a: 92).

Theodor Herzl zeigte im Sinne eines der Aufklärung verpflichteten Journalismus auf, wie über Politik berichtet werden kann – dadurch, dass er für die Öffentlichkeit, für das Publikum seiner Zeit die Mechanismen der Macht und Politik offenlegte.

Zurück aus Paris verfolgte er die Entwicklungen in der Dreyfus-Affäre, die sich über fünf Jahre hinzog, weiter und publizierte Artikel dazu. Der Prozess und der Umgang mit Alfred Dreyfus hat ihn – formulierte Herzl selbst – zum Zionisten gemacht.

Zwischen 1887 und 1904 verfasste Theodor Herzl ca. 280 Feuilletons, „anfangs auch für die Wiener Allgemeine Zeitung, ab 1889 ausschließlich für die Neue Freie Presse“ (Patka 2004: 11f.). Er zählte damals zu den bestbezahlten Feuilletonisten in Wien. In seinen journalistischen Texten – das zeigt auch die ausgewählte Zusammenstellung von Marcus G. Patka (2004) – hat sich Theodor Herzl mit unterschiedlichsten Themen befasst, nur über Zionismus durfte er in den Zeitungen nicht berichten.

1897 wurde die jüdische Wochenzeitung Welt gegründet, Herzl erschien nicht im Impressum, da er bei der Neuen Freien Presse beschäftigt war. Sein Schwager Paul Naschauer wurde Herausgeber, und es entstanden immer wieder Spannungen zwischen den Herausgebern der Neuen Freien Presse und Herzl mit seinem Engagement für den Zionismus und den Judenstaat. Luc Jochimsen schreibt darüber:

„In einer dieser existenziellen Auseinandersetzungen mit der Geschäftsleitung, bei denen stets Gehen oder Bleiben verhandelt wurde, bot man ihm die Literatur-Redaktion an und das höchste Gehalt. Außerdem einigte man sich auf ,unbefangene Berichterstattung‘ für den Fall, daß ein praktisches Ergebnis der zionistischen Bewegung zustande käme“
(Jochimsen 2004b: 179).

Der Journalist als teilnehmender Beobachter

Theodor Herzl recherchierte akribisch, suchte die Orte des Geschehens auf und beobachtete sehr genau. Für die Reportage über „Die Brücke von Neuville“ (1893) begab er sich nach Neuville, um bei einer Wahlversammlung dabei sein zu können, die Menschen zu beschreiben und die Atmosphäre einzufangen. Dies ermöglichte auch „die literarischen Qualitäten dieser Reportage: ihr wunderbarer Erzählrhythmus, die gelungenen Tempo- und Perspektivenwechsel, die pointierte und spannende Sprache“ (Langenbucher 1992: 38). Von der Veranstaltung berichtete Herzl:

„Die Anwesenden – mit mir sind es zwölf – empfangen ihren Abgeordneten ohne Begeisterung. Sie sahen ihn wohl seit der letzten Wahl nicht. Zwei, drei rücken an ihrer Mütze, nur einer steht unwillkürlich auf. Der Abgeordnete bestellt sich ein Glas Kaffee und setzt sich“ (Herzl 1893, in Langenbucher 1992: 42).

Dieser Ausschnitt zeigt deutlich, wie Herzl arbeitete: Er beschrieb die Details der Szenerie, die durch den Einsatz von wiedergegebenen Dialogen einen sehr guten Eindruck von der Atmosphäre zwischen einem Abgeordneten und Bauern vermittelten: „die da oben und wir da unten“. Die „Bauern hegen dumpfes Mißtrauen gegen ihren Vertreter. Warum? Vielleicht nur, weil er etwas von ihnen verlangt; ihre Stimmen nämlich. Sie können niemanden leiden, der etwas verlangt“ (Herzl 1893, in Langenbucher 1992: 46).

Als Paris-Korrespondent war Herzl häufig im französischen Parlament, das er als eine „Schule des Journalisten“ bezeichnete, da er dort erlebte, wie die Parlamentarier agierten. Daraus erwuchs für Herzl eine große Skepsis gegenüber dem politischen System. Langenbucher schreibt dazu:

„Es regiere die Fadesse, weshalb sich die Journalisten auch zunehmend auf die Zwischenrufer konzentrieren und es im Erkennen und Zuordnen dieser Zwischenrufe zu einer bestimmten Meisterschaft gebracht hätten. Aber nicht nur beim Parlamentarismus, auch im politischen Journalismus sah er eine Krise. Für so manchen Redakteur sei die Parlamentsbericht-erstattung lediglich ein Sprungbrett, um selbst zum Abgeordneten oder später gar Minister zu werden“ (Langenbucher 1992: 339).

Herzls journalistisches Oeuvre umfasst ein großes Themenspektrum, das von der Sozial-, über Reise- bis zur Politikberichterstattung reichte. Marcus G. Patka nahm 2004 eine weitere Auswahl der Feuilletons von Herzl vor und wählte zwei Themenbereiche aus, die sonst in der Rezeption des journalistischen Werkes wenig beachtet worden sind: Herzls „Interesse für die Neuerungen der Technik und seine Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen“ (Patka 2004: 13).

Bei der Lektüre dieser Feuilletons findet sich auch eines über Schönheitsoperationen – mit dem Titel „Neue Nasen“:

„Die meisten Menschen halten es ja komischerweise für rühmlich oder wenigstens für klug, sich nach den Übrigen zu richten. Die Folge davon wird sein, dass wir Nasenmoden bekommen werden zu den Haar- und Barttrachten, die schon jetzt üblich sind und von Zeit zu Zeit wechseln. (…) Die Nasen fürstlicher Personen, beliebter Künstler und Schauspieler dürften viel nachgeahmt werden. Dann wird man sie satt kriegen“ (Herzl 1903, in Patka 2004: 56f.).

Hier werden Trends angesprochen, die auch heute Konjunktur haben: Konformität und Konsum.

Theodor Herzl führte drei Leben parallel, wie es Luc Jochimsen (2004b) in ihrem Buch über Herzl analysierte: Er arbeitete nach wie vor als Journalist für die Neue Freie Presse, als Schriftsteller und als Politiker unermüdlich im Einsatz für einen „Judenstaat“. Sein Herzleiden, dies zeigen auch seine Tagebuchaufzeichnungen, verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Mit 44 Jahren starb Theodor Herzl am 3. Juli 1904 in einem Sanatorium in Edlach am Semmering.

Literatur:

Bein, Alex: Theodor Herzl. Eine Biographie. Wien/Berlin/Frankfurt/M. [Ullstein] 1983 (Erste Veröffentlichung 1934)

Herzl, Theodor: Feuilletons. Erster Band. Berlin [Benjamin Harz] o.J.

Herzl, Theodor: Feuilletons. Zweiter Band. Berlin [J. Singer & Co.] o.J.

Jochimsen, Luc: Theodor Herzl 1860 – 1904. In: Jakobs, Hans-Jürgen; Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Das Gewissen ihrer Zeit. Fünfzig Vorbilder des Journalismus. Wien [Picus] 2004a, 91-95.

Jochimsen, Luc: Dieses Jahr in Jerusalem. Theodor Herzl. Traum und Wirklichkeit. Berlin [Aufbau] 2004b

Kaiser, Ema: Die Anfänge des modernen Journalismus um die Jahrhundertwende in Österreich am Beispiel von Theodor Herzl und seinem Werk „Das Palais Bourbon“. Magisterarbeit. Universität Wien 2010

Langenbucher, Wolfgang R. (Hrsg.): Sensationen des Alltags. Meisterwerke des österreichischen Journalismus. Wien [Ueberreuter] 1992

Patka, Marcus G. (Hrsg.): Theodor Herzl. Die treibende Kraft. Feuilletons. Wien [Picus] 2004

Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Theodor Herzl 1860-1904. Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen. Wien [Brandstätter] 1995

Joseph Roth

Moses Joseph Roth wurde am 2. September 1894 in Brody in der damaligen galizisch-russischen Grenzstadt bei Lemberg (heute Ukraine) geboren. Seinen Vater Nachum hat er nie kennengelernt, dieser war bereits vor seiner Geburt verschwunden. Nachum Roth war von einer Geschäftsreise nicht mehr zurückgekehrt, da er nach einem Nervenzusammenbruch von seiner Familie bei einem Wunderrabbi untergebracht wurde. Mit seiner Mutter Maria lebte Joseph Roth daher bei seinem Großvater, finanziell wurde die Familie von einem Onkel unterstützt.

Bereits im deutschsprachigen Gymnasium in Brody verfasste Joseph Roth Gedichte; nach der Matura 1913 begann er ein Germanistikstudium in Wien. 1916 meldete er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Militärdienst und schrieb Artikel für die Frontzeitung Illustrierte Kriegszeitung. Zwei Jahre später kehrte er nach Wien zurück, arbeitete für die A.Z. am Abend sowie die Zeitschrift Die Filmwelt.

Erste → Feuilletons veröffentlichte Roth 1919 bei der Tageszeitung Der Neue Tag. Nach einem Jahr und mehr als hundert Artikeln, die er für die Zeitung verfasst hatte, musste diese eingestellt werden. Aus finanzieller Not ging Roth nach Berlin. Hier berichtete er für die Berliner Zeitung, den Berliner Börsen-Courier, für die Zeitung Vorwärts und ab 1923 für die Feuilletonredaktion der Frankfurter Zeitung, die für Roth – mit Unterbrechungen – bis 1932 Hauptauftraggeber war. Parallel dazu schrieb er für das Prager Tagblatt und den Wiener Tag.

Roth war in dieser Zeit viel unterwegs, er fungierte als Sonderberichterstatter für die Frankfurter Zeitung in Paris und Südfrankreich, berichtete aus dem Ruhrgebiet, der Sowjetunion, Polen und Belgrad und unternahm Reportagereisen nach Albanien und Italien.

Nicht nur Roths journalistisches Werk wuchs, sondern auch seine literarischen Produktionen. Nachdem sein erster Roman Das Spinnennetz 1923 noch in Fortsetzungen in der Wiener Arbeiter-Zeitung abgedruckt wurde, gehören seine späteren Werke wie Die Flucht ohne Ende, Hiob, Die Geschichte von der 1002. Nacht oder Die Legende vom heiligen Trinker heute zur Weltliteratur.

Als sich der Gesundheitszustand seiner Frau Friederike immer mehr verschlechterte, sodass sie zunächst privat betreut werden musste, dann in einem Sanatorium untergebracht und schließlich in die Wiener Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke eingeliefert wurde, war Joseph Roth in ständiger Sorge. Er fühlte sich durch sein unstetes Leben für ihre psychische Erkrankung verantwortlich.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht übernahmen, ging Joseph Roth, der über jüdische Wurzeln verfügte, nach Paris in die Emigration. Dort lebte er in kleinen Hotels und schrieb in den Cafés. Er reiste weiterhin viel, aber nie wieder nach Deutschland. Im Mai 1939 erreichte Roth die Nachricht vom Selbstmord des Schriftstellers Ernst Toller in den USA. Dessen Tod erschütterte Roth so sehr, dass er zusammenbrach. Er wurde in ein Armenhospital eingeliefert und starb am 27. Mai 1939 im Alter von 44 Jahren. Sein Herz war schwach, der schwere Alkoholkonsum forderte seinen Tribut, es erfassten ihn ein Delirium tremens, hohes Fieber und eine Lungenentzündung noch dazu. Nach seinem Tod gab es viele Diskussionen, ob Roth in einem anderen Krankenhaus hätte gerettet werden können.

Seine Frau wurde von den Nationalsozialisten in der Euthanasieanstalt Schloss Hartheim 1940 ein Jahr nach Roths Tod ermordet.

Journalistisches Werk: „Ich zeichne das Gesicht der Zeit“
Joseph Roth war als Journalist sehr produktiv und veröffentlichte mehr als 1.300 Artikel in unterschiedlichen Zeitungen. Er zählte zu den bestbezahlten Journalisten seiner Zeit in Deutschland. Sein journalistisches Oeuvre „umfaßt Reportagen, Berichte, Rezensionen, Feuilletons, Glossen, Portraits und anderes mehr“ (Westermann 1987: 7). Immer wieder schrieb Roth auch über sein journalistisches Selbstverständnis, etwa, als er festhielt, dass man Feuilletons nicht mit der linken Hand schreiben kann:

„Man darf nicht nebenbei Feuilletons schreiben. Es ist eine arge Unterschätzung des ganzen Fachs. (…) Ich mache keine „witzigen Glossen“. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung. Ich bin ein Journalist, kein Berichterstatter, ich bin ein Schriftsteller, kein Leitartikelschreiber.“
(Roth in einem Brief an Gustav Kiepenheuer, 10.06.1930, 1970: 220)

Roth war nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur in eine Trümmerlandschaft zurückgekehrt, die Menschen waren schwer traumatisiert. Kriegsversehrte taumelten durch die Straßen, die Bürger versuchten, so gut es ging, wieder einen Alltag aufzubauen. Roth war mittendrin und beobachtete die Menschen. In seiner Reportage „Das Antlitz der Zeit“ befasste sich Roth mit der Frage der Darstellung von Wirklichkeit, den Erfahrungen, die er durch die Beobachtungen von Menschen und Umgebungen gewann. Darin schrieb er:

„Das Antlitz der Zeit ist zernichtet. Das Leben ist zerlebt. Häßlich ist sie, die Zeit. Aber wahr. Sie läßt sich nicht malen, sondern photographieren. Ob sie wahr ist, weil sie häßlich ist? Oder häßlich, weil wahr?“
(Roth 1920: 215)

Der ewige Rastlose ohne festen Wohnsitz unternahm viele Reportagereisen. Für die Frankfurter Zeitung reiste er im Spätsommer 1925 nach Südfrankreich. Seine Artikelserie „Im mittäglichen Frankreich“ wurde von September bis November 1925 gedruckt. Die Berichte über „Die weißen Städte“ erschienen posthum, in diesen beschrieb Roth seine Beobachtungen u.a. in Lyon, Avignon, St. Rémy, Nimes, Arles und Marseille. Dabei stellte er zu seinem eigenen journalistischen Vorgehen fest:

„Ehe ich zu leben angefangen hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen. (…) Seitdem glaube ich nicht, dass wir, Fahrpläne in der Hand, in einen Zug steigen können. Ich glaube nicht, dass wir mit der Sicherheit eines für alle Fälle ausgerüsteten Touristen wandern dürfen. (…) Der „gute Beobachter“ ist der traurigste Berichterstatter.“
(Roth 1925: 451f.)

Die Themen, mit denen sich Joseph Roth in seinen journalistischen Arbeiten befasste, waren breit gestreut. Er schrieb nicht nur über Länder und Orte, sondern auch über neue technologische Entwicklungen, Umweltzerstörung, Politik, den Prozess über die im Mordfall Walther Rathenau Angeklagten, Filmkritiken, Emigration, über den Literaturbetrieb und besonders gegen Adolf Hitler und den Nationalsozialismus. Als Beobachter erfasste er die jeweiligen Stimmungen, schaute hinter die Kulissen und setzte die Beobachtungen zusammen. In seinen 1929 erschienen Beiträgen über die „Hotelwelt“, schrieb er in Ankunft im Hotel:

„Ich hebe das Telephon ab. Nicht, um zu telephonieren – – nur, um dem Telephonisten in der Zentrale des Hotels Guten Tag! zu sagen. Er verbindet mich oft und fleißig. Er verleugnet mich. Er warnt mich. Er teilt mir des Morgens wichtige Begebenheiten aus der Zeitung mit. Und wenn der Geldbriefträger zu mir kommt, verkündet er es mit einem diskreten Jubel. Er ist ein Italiener. Der Kellner ist ein Österreicher. Der Portier ein Franzose aus der Provence. Der Empfangschef ein Mann aus der Normandie. Der Oberkellner ein Bayer. Das Zimmermädchen eine Schweizerin. Der Lohndiener ein Holländer. Der Direktor ein Levantiner; und seit Jahren hege ich den Verdacht, daß der Koch ein Tscheche ist. Aus den übrigen Teilen der Welt kommen die Gäste. (…) Von der Enge ihrer Heimatliebe befreit, von der Dumpfheit ihrer patriotischen Gefühle gelöst, von ihrem nationalen Hochmut ein wenig beurlaubt, kommen hier die Menschen zusammen und scheinen wenigstens, was sie immer sein sollten: Kinder der Welt.“
(Roth 1929: 5)

Auch hier zeigt sich seine Vorgehensweise – das Aufzeigen des Zusammenlebens von verschiedenen Personen an einem speziellen Ort, hier wird die Frage der Heimat auf eine eigene Art und Weise thematisiert.

Akribisch, verzweifelt und letzlich vergeblich schrieb Roth gegen den Nationalsozialismus an:

„Liebe Redaktion, Sie fragen mich, ob ich nach einer Pause, die Ihnen ungerechtfertigt lang erscheint, nicht wieder einen Aufsatz veröffentlichen wolle. (…) Es gibt für mich – um unsern Metier-Ausdruck zu gebrauchen – kein „Thema“, das mir gestatten würde, einen Artikel mit jenem Mindestmaß von Zuversicht zu schließen, dessen eine Äußerung in einer Zeitschrift selbstverständlich bedarf. (…) Im übrigen aber zweifle ich daran, daß es in der ganzen europäischen Vergangenheit eine Periode gegeben hat, die mit der unsrigen zu vergleichen wäre. Von allen dunklen und grausamen Menschen, die in der Schreckenskammer der europäischen Geschichte verewigt sind, sehe ich keinen einzigen, der die typischen Kennzeichen der zeitgenössischen Tyrannen aufzuweisen hätte: nämlich die Armseligkeit der Persönlichkeit. Selbst ihre Feigheit noch ist ja substanzlos! (…) Was soll mein Wort gegen Kanonen, Lautsprecher, Mörder, törichte Minister, ratlose Diplomaten, dumme Interviewer und Journalisten, die durch den Nürnberger Trichter die ohnehin verworrenen Stimmen dieser Babel-Welt vernehmen? Wenn Sie wollen, veröffentlichen Sie diesen Brief als einen wirklich – „offenen“ – statt eines Artikels. In trauriger Resignation, Ihr Joseph Roth, Das Neue Tage-Buch, Paris, 17.10.1936“
(Roth 1936: 687)

Klaus Westermann (1987: 216) zitiert am Ende seiner Publikation über Joseph Roth den Schriftsteller Ludwig Marcuse, der über Roths journalistisches Werk geschrieben hatte: „Man kommt noch nicht zu spät, wenn man die Berichte heute liest.“ Marcuse hatte diese Zeilen 1949 in der Rhein-Neckar-Zeitung anlässlich Roths zehnten Todestages mit der Überschrift „Ein Gast auf dieser Erde“ formuliert. 70 Jahre danach hat dieser Satz nach wie vor Gültigkeit.

Literatur:

Sämtliche Texte von Joseph Roth sind der sechsbändigen Werkausgabe entnommen:

Roth, Joseph: Werke I – III. Hrsg. v. Klaus Westermann 1989-1991. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1991.

Roth, Joseph: Brief an Gustav Kiepenheuer, 10.6.1930. In: Roth, Joseph: Briefe 1911-1939. Hrsg. und eingel. v. Hermann Kesten. Köln/Berlin [Kiepenheuer & Witsch] 1970.

Sternburg, Wilhelm von: Joseph Roth. Eine Biographie. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2009.

Westermann, Klaus: Joseph Roth, Journalist. Eine Karriere 1915-1939. Bonn [Bouvier Verlag Herbert Grundmann] 1987.

Kästner, Emil Erich

Kästner, Emil Erich, geb. 23.02.1899 in Dresden, gest. 29.07.1974 in München

Es gebe keine Dichter mehr, schreibt Erich Kästner 1926 in einem Nachruf auf Rainer Maria Rilke. „Es gibt nur noch Schriftsteller.“ (Kästner 1998a: 52f.) Damit zielte er auf das Ende starrer Grenzen zwischen ,hoher‘ Literatur und Alltags-Publizistik im Zeitalter der sogenannten Neuen Sachlichkeit. Kästner beklagte zwar den Tod des Dichters Rilke. Aber er beklagte keineswegs den modernen Schriftsteller-Typus. Er selbst war ein Schreiber für den Tag. Mehr noch: Der „écrivain journaliste“ (Brons 2002) folgte in all seinen Werken journalistischen Qualitätskriterien und dem Prinzip der Öffentlichkeit (vgl. ausführlich Reus 2018; zum Begriff der Öffentlichkeit vgl. Pöttker 2010).

Im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts geboren, will Kästner schon früh andere vom Lauf der Welt ,unterrichten‘. Das Lehrerseminar muss er jedoch mit 18 Jahren verlassen, um noch knapp vor Ende des Ersten Weltkriegs eine Offiziersausbildung zu beginnen. Die kurze Zeit macht ihn zum lebenslangen Pazifisten. Ab 1919 belegt er an der Leipziger Universität Vorlesungen zur Literatur und zur Zeitungskunde. Er schreibt für die Neue Leipziger Zeitung (NLZ), wird rasch Redakteur, zuerst in Unterhaltungsmagazinen des Verlags, 1926 dann im Politikressort der NLZ. Die Pressekommentare des frisch Promovierten zum Zeitgeschehen fallen so entschieden aus, dass man bald einen Vorwand nutzt, ihm zu kündigen.

Als freier Kulturkorrespondent zieht Kästner nach Berlin. In Reportagen und Rezensionen fängt er das Großstadtleben ein. Rasend schnell, mit Sekretärin und professionellem „Bauchladen“ (vgl. Bemmann 1999: 98; Brons 2002: 111-216), baut er an seiner journalistischen Karriere, schreibt unter anderem für die Weltbühne, den Uhu, den Simplicissimus, das Tagebuch, das Berliner Tageblatt und die Vossische Zeitung. Seine Gedichte, von denen viele mit tagesaktuellem Bezug im linksliberalen Montag Morgen erscheinen, gibt er bis 1932 in vier Lyrikbänden mit ungewöhnlich hohen Auflagen heraus. Der moralisierende, oft melancholische, aber auch (vor allem in seinem Anti-Militarismus) scharfe Ton dieser Stellungnahmen zur Zeit lässt ihm zum Shooting-Star der Berliner Publizistik werden. Von der politischen Rechten wird er dafür gehasst – und von der marxistischen Linken nicht geliebt.

Kästner bemüht sich um „optimale multimediale Verwertung“ (Schikorsky 1999: 73) seiner Arbeiten. Er schreibt für Kabarett, Radio und Theater, bespricht Schallplatten. Er liest in Kaufhäusern und Bibliotheken (diese „Öffentlichkeit“ entsteht damals gerade, vgl. Hanuschek 2010: 149). Er veröffentlicht den Journalistenroman Fabian und Kinderbücher wie Emil und die Detektive, die ihn weltberühmt machen.

Einer Partei gehört Erich Kästner nie an. Er engagiert sich gegen den Nationalsozialismus, den er gleichwohl unterschätzt. Seine Bücher werden 1933 verbrannt, die Gestapo verhaftet und verhört ihn. Dennoch bleibt er bis Kriegsende in Deutschland. Später wird er von der „Berufspflicht“ schreiben, die es geboten habe, „Augenzeuge [zu] bleiben und eines Tages schriftlich Zeugnis“ abzulegen (Kästner 1998b: 25). Ein solches Zeitzeugnis der nationalsozialistischen Barbarei schreibt Kästner allerdings nie. Bis heute bleibt umstritten, wie sehr er sich mit dem Regime arrangiert und sich selbst über dieses Arrangement hinweggetäuscht hat (vgl. ausführlich Hanuschek 2010; Görtz/Sarkowicz 1998). Nach 1933 erhält er zwar Publikationsverbot im ,Dritten Reich‘, hat aber durch Verfilmungen im Ausland und 26 Übersetzungen seiner Bücher bis zum Berufsverbot 1943 ein gutes Auskommen.

1945 tritt er allerdings so entschieden wie wenige andere für eine neue demokratische Öffentlichkeit ein. Er übernimmt in München für einige Jahre die Leitung des Feuilletons der Neuen Zeitung (eines Blattes der US-Militärregierung). Zugleich gibt er die Jugendzeitschrift Pinguin heraus. Wie zwei Jahrzehnte zuvor schreibt Kästner wieder Reportagen, Kritiken und Essays, arbeitet für Kabarett, Kino und Theater, engagiert sich als PEN-Präsident und Redner gegen Militarisierung, Wiederbewaffnung und Vietnamkrieg, bevor er sich bis zu seinem Tod 1974 aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzieht.

Dass Schriftsteller die Öffentlichkeit suchen und sich auch politisch engagieren, ist nicht ungewöhnlich. Ein Autor wie Kästner aber, der (von den Jahren 1933 bis 1945 abgesehen) sein gesamtes Werk, ob journalistisch oder belletristisch, dem Ziel unterwirft, gesellschaftliche Vorgänge transparent zu machen, ist eine Seltenheit. Vor allem sticht hervor, wie konsequent Kästner sich in all seinen Publikationen an → journalistischen Qualitätskriterien orientiert:

  • Aktualität und → Relevanz bestimmen seine Reportagen, Essays, Kommentare und Feuilletons. Darin wirft er vor 1933 und nach 1945 Schlaglichter auf Straßenkämpfe, Gerichtsurteile oder Wahlen, vor allem auf die zeitbedingten Nöte und Sorgen der „kleinen Leute“. So wie er dem Theater seiner Zeit die „Vorzüge der Reportagen“ (Kästner 1998b: 253) empfiehlt, so trägt er Aktualität in seine Kabarett-Couplets und in seine Lyrik hinein. Seine Kommentargedichte für Leopold Schwarzschilds Wochenzeitung Montag Morgen setzen sich zum Beispiel mit Debatten im Völkerbund oder Vorgängen im Reichstag, mit den Ruhrbaronen, Gewalt im Alltag oder auch mit aktuellen Sportereignissen auseinander.
  • Die Maximen der → Glaubwürdigkeit und → Wahrhaftigkeit (er selbst spricht von der „Aufrichtigkeit des Empfindens“; Kästner 1998b: 326) bestimmen sein literarisches Werk ebenso wie seine Zeitungsartikel. Er kennt den Alltag der kleinen Angestellten, der Hinterhofkinder, der Trinker, Bardamen, Witwen und Kriegsversehrten in seinen Gedichten aus eigener Herkunft und eigener Anschauung.
  • Die Fairness und Unbestechlichkeit, mit der er sie beschreibt, wie die → Richtigkeit in den faktischen Grundlagen auch seiner Gedichte dürften zu einem großen Teil zur Beliebtheit dieses Autors beigetragen haben.
  • Transparenz und Reflexivität durchziehen Kästners Werk vielfach. So gesteht er ein, dass er als Journalist an Grenzen stößt und versagt, als er zum Beispiel eine US-Filmdokumentation über die Grauen in den Konzentrationslagern rezensieren will (Kästner 1998b: 67). Der vielfach resignierende Ton seiner Kabarett-Texte und Gedichte weist auf eine ähnlich ehrliche Einsicht in Limitationen des Zeitbeobachters hin.
  • Am auffälligsten ist wohl das journalistische Qualitätskriterium der → Verständlichkeit. Zu „Einfachheit in Wort und Satz“ (Kästner 1998b: 327) bekennt sich Kästner mehrfach theoretisch. Lebenslang verstößt er in keinem einzigen seiner Texte, auch in den Gedichten und Romanen nicht, gegen diese Maxime; nie wird man bei ihm eine schwierige Satzkonstruktion, fremdartiges Vokabular oder eine rätselhafte Metapher finden. Weltweit wurden seine Kinderbücher aufgrund der klaren Sprache im Deutschunterricht eingesetzt (vgl. Bemmann 1999: 370).
  • Gleichwohl sind seine Texte in hohem Maße ausgeformt. Rhythmus, Klang und Dramaturgie prägen auch seine Reportagen und Berichte und sind als literarische Gütesiegel in das journalistische Kriterium der Attraktivität

Weitere journalistische Maximen sind für den „écrivain journaliste“ Erich Kästner Richtschnur seines Schreibens, etwa → Unabhängigkeit, Gebrauchswert, → Unterhaltsamkeit und Originalität (vgl. im Einzelnen Reus 2018). Dass er sie wie die anderen Qualitätskriterien unbeirrt seinem gesamten Werk zugrunde legt, macht diesen Autor zu einer Ausnahmegestalt in der Publizistik des 20. Jahrhunderts.

Literatur:

Bemmann, Helga: Erich Kästner. Leben und Werk. 2. Auflage. Berlin [Ullstein] 1999.

Brons, Patricia: Erich Kästner, un écrivain journaliste. Bern [Lang] 2002.

Görtz, Franz Josef; Hans Sarkowicz: Erich Kästner. Eine Biographie. Unter Mitarbeit von Anja Johann. München [Piper] 1998.

Hanuschek, Sven: „Keiner blickt dir hinter das Gesicht“. Das Leben Erich Kästners. 2. Auflage. München [dtv] 2010.

Kästner, Erich: Gemischte Gefühle. Literarische Publizistik aus der „Neuen Leipziger Zeitung“ 1923-1933. Band 1 und 2. Hrsg. v. Alfred Klein. Zürich [Atrium] 1989.

Kästner, Erich: Splitter und Balken. Publizistik. Hrsg. v. Hans Sarkowicz und Franz Josef Görtz in Zusammenarbeit mit Anja Johann (= Werke Bd. 6, hrsg. v. Franz Josef Görtz). München [Hanser] 1998(a).

Kästner, Erich:  Wir sind so frei. Chanson, Kabarett, Kleine Prosa. Hrsg. v. Hermann Kurzke in Zusammenarbeit mit Lena Kurzke (= Werke Bd. 2, hrsg. v. Franz Josef Görtz). München [Hanser] 1998(b).

Pöttker, Horst: Der Beruf zur Öffentlichkeit. Über Aufgabe, Grundsätze und Perspektiven des Journalismus in der Mediengesellschaft aus der Sicht praktischer Vernunft. In: Publizistik, 55, 2010, S. 107-128.

Reus, Gunter: Was Journalisten von Erich Kästner lernen können. Im Werk des Publizisten verschwimmen die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2018. http://journalistik.online/2017/12/04/erich-kaestner/

Schikorsky, Isa: Erich Kästner. 3. Auflage. München [dtv] 1999.

Kleist, Heinrich von

Kleist, Bernd Wilhelm Heinrich von, geb. 18.10.1777 in Frankfurt/Oder, gest. 21.11.1811 am Wannsee bei Berlin.

Niemand hat ihm das Blattmachen in die Wiege gelegt. Herkunft und Stand sehen eine Karriere als Offizier oder hoher Beamter vor. Er selbst ersehnt nichts mehr als Dichterruhm, den er aber nie erlebt. Heinrich von Kleist, menschenscheu, gehemmt, führt ein glückloses Leben und rennt immer wieder in berufliche Sackgassen. Schließlich treiben ihn Geldnot und politisches Ressentiment in den Journalismus. Auch hier scheitert er – und doch macht ihn ein Leitsatz auch zum Pionier moderner Publizistik.

1777 in eine Offiziersfamilie hineingeboren, wird der junge Adlige schon mit 14 Jahren Gefreiter-Korporal im Garderegiment Potsdam. Sieben Jahre später quittiert er als Leutnant den Militärdienst (damals ein Affront) und beginnt in Frankfurt/Oder ein Studium (Jura und Kameralia). Nach drei Semestern gibt er auf. Er reist, nach kurzem Volontariat im preußischen Wirtschaftsministerium, rastlos durch Deutschland, nach Paris, in die Schweiz. Der Plan, als Bauer auf einer Insel bei Thun zu leben, bleibt Utopie. Erste Dramen und Novellen entstehen, bringen aber keine Anerkennung. Seine finanziellen Mittel sind erschöpft, er überwirft sich mit seinem engsten Freund, zu Frauen findet er keine Bindung. In seiner Not dient sich der preußische Ex-Leutnant mit 26 Jahren Napoleon an, will mit ihm nach England übersetzen. Man weist ihn zurück. Der Gedemütigte bricht zusammen, lässt sich in Mainz behandeln, kehrt nach obskuren Paris-Reisen in den preußischen Staatsdienst zurück – um nach zwei Jahren erneut aufzugeben.

1807 nehmen ihn Bonapartes Agenten im besetzten Berlin als vermeintlichen Spion gefangen. Nach sechs Monaten Festungshaft in Frankreich übersiedelt Kleist nach Dresden. Er plant eine Verlagsbuchhandlung und hofft, einen Druckauftrag für den napoleonischen Code Civil zu erhalten. Auch das zerschlägt sich. Was unterdessen gedeiht, ist sein schriftstellerisches Werk (u.a. Amphitryon, Penthesilea, Der zerbrochene Krug, Michael Kohlhaas) – und sein Ressentiment gegen den Kaiser der Franzosen. In Auszügen veröffentlicht Kleist seine Werke in der mit Adam Müller edierten Zeitschrift Phoebus. Nach gut einem Jahr ist auch dieses Projekt finanziell am Ende, das keine journalistischen, sondern ausschließlich literarische Ziele verfolgt. Kleist zieht nach Prag, wo er erneut ein literarisches Magazin ins Leben rufen will. Diese Germania soll nun mit anti-napoleonischem Pathos „den Schlachtgesang herabdonnern ins Tal! Dich, o Vaterland, will sie singen; und deine Heiligkeit und Herrlichkeit; und welch ein Verderben seine Wogen auf dich heranwälzt!“ (Kleist 1982: 889f.) Auch Germania, das Projekt eines Gekränkten und Verzweifelten, wird nie erscheinen.

„Keine Vollendung, nirgends“ – so bilanziert Kleists Biograph Jens Bisky (2007: 7) dieses kurze, schnelle, bizarre Leben. Vollendung könnte sich noch einstellen mit der letzten Chance, die Kleist 1810 in Berlin erhält. Völlig unerwartet tritt er hier, wohl aus schierer Geldnot, als Herausgeber und Alleinredakteur eines neuartigen Lokalblattes in Erscheinung, der Berliner Abendblätter. Die Hauptstadt Preußens bestaunt eine publizistische Innovation – für einige Wochen. Dann hat Kleist erneut verspielt. Schon nach einem halben Jahr ist die Zeitung am Ende. 1811 erschießt sich Kleist zusammen mit seiner krebskranken Bekannten Henriette Vogel am Wannsee bei Berlin. Erst jetzt beginnt, was er ersehnte: der Welterfolg als Dramatiker und Erzähler.

Ein Platz kommt Heinrich von Kleist gleichwohl auch in der Ahnengalerie des modernen Journalismus zu. Denn dieses von Affekten, Sprüngen und Widersprüchen gekennzeichnete Leben war auch ein Leben im Widerspruch zu den Konventionen und Institutionen seiner Zeit. „Ich soll thun was der Staat von mir verlangt, und doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbekannten Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein – ich kann es nicht“ (Kleist 1999: 156). So schrieb er an seine Schwester Wilhelmine. Die Ungebundenheit, die Distanz zur Staatsmacht, zu der sich der junge Adlige hier bekannte, war in Preußen damals höchst ungewöhnlich. Bemerkenswert ist, dass Kleist diese Haltung auch in einem journalistischen Manifest formulierte – seiner einzigen theoretischen Äußerung zu dem Beruf, den er kurz vor seinem Tod noch ergriff.

Dieses Dokument, das Lehrbuch der französischen Journalistik (Kleist 1982: 892-897), hat Egon Erwin Kisch aus gutem Grund in seine Sammlung Klassischer Journalismus aufgenommen (Kisch o.J.: 89-93). Denn es enthält, weitsichtig genug, erstmals in Deutschland eine entschiedene Abgrenzung von Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus und erklärt dessen Unabhängigkeit zur obersten Maxime – wenngleich Kleist auch hier von Ressentiment getrieben war.

Der Text, ebenfalls geplant für die Germania, ist eine Polemik gegen die Pressepolitik Napoleons. Dieser hatte viele Zeitungen verboten und das einstige Revolutionsblatt Moniteur in ein PR-Organ des Kaiserreichs umgedreht. Gegen diese Verkehrung freier Berichterstattung in die „Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet“ (Kleist 1982: 893), schreibt Kleist in einer (etwas verworrenen) Mischung aus Ironie und Empörung an. Bedeutsam für die Journalismusgeschichte aber ist das aus dem Negativbeispiel gewonnene positive Prinzip einer demokratischen Presse, das Kleist an den Anfang seiner Streitschrift stellt: „§ I. Die Journalistik [= der Journalismus, G.R.] überhaupt, ist die treuherzige und unverfängliche Kunst, das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen, wie man wolle, sind ihr fremd“ (Kleist 1982: 892).

Aber ohne Widerspruch ist Kleist nicht zu haben. Schon bald war er bereit, sein Axiom zu widerrufen. Als er mit den Abendblättern an die Öffentlichkeit trat, machte er zunächst Furore mit ungewohnten Kriminalmeldungen. Er bewies Gespür für den Boulevard, für das Kleine wie für das Spektakuläre im Alltag der Hauptstädter, „erfand“ gleichsam den Lokaljournalismus (vgl. im Einzelnen Reus 2016). Berlins Polizeipräsident unterstützte ihn dabei mit Material. Kleist entwickelte in Ansätzen auch einen reportageähnlichen Stil. Polemische Leidenschaft investierte er in seine Theaterberichte. In beidem, dem Lokalen wie dem Feuilleton, hätte er professionelle Weiterentwicklung und „Vollendung“ anstreben können.

Aber es kam nicht dazu. Mit ständigen Attacken auf Berlins allgewaltigen Theaterintendanten Iffland trieb er es zu weit. Der hatte Kleists Drama Käthchen von Heilbronn abgelehnt; Kleist rächte sich schäbig, indem er Iffland der Homosexualität bezichtigte. Er beschuldigte ihn, sich mit Gefälligkeiten die Berliner Theaterkritik gewogen zu machen.  Als es in anderem Zusammenhang zu einem Bühnentumult kam, wurde ihm verboten, weiterhin über Theater in Berlin zu berichten. Nach einem Konflikt um Beiträge von Kleists Mitarbeiter Adam Müller lieferte auch der Polizeipräsident keine Nachrichten mehr. Die gewohnten Themen gingen aus. Um neue bemühte sich Kleist nicht, stopfte dagegen mit seinen literarischen Texten und Zusammengeklaubtem aus anderen Zeitungen die Spalten voll. Die Auflage der Abendblätter sackte rapide ab. Kleist versuchte, den Niedergang zu verhindern. Er flehte, buckelte, schwor ab im Kontakt mit der preußischen Regierung (vgl. im Einzelnen Reus 2016). Er diente sein Blatt als „eine Art Staatsanzeiger“ (Hohoff 1958: 147) an – und verleugnete seinen eigenen Lehrsatz von der Staatsferne des Journalismus: In einem Brief an Kanzler Hardenberg vom 13. Februar 1811 pochte er auf staatliche Unterstützung, redigiere er doch ein „halb-ministerielles Blatt […] in Zwecken der Staatskanzlei“ (Kleist 1999: 469; Hervorh. v. G. R.). Die Berliner Abendblätter wurden dennoch am 30. März 1811 eingestellt, nach nur sechs Monaten.

Kleists „§ 1“ aber ist auch nach über 200 Jahren der wichtigste Leitsatz eines demokratischen Journalismus geblieben.

Literatur:

Aretz, Heinrich: Heinrich von Kleist als Journalist. Untersuchungen zum ‚Phöbus‘, zur ‚Germania‘ und den ‚Berliner Abendblättern‘. Stuttgart [Heinz] 1984.

Bisky, Jens: Kleist. Eine Biographie. Berlin [Rowohlt] 2007.

Grathoff, Dirk: Die Zensurkonflikte der Berliner Abendblätter. Zur Beziehung von Journalismus und Öffentlichkeit bei Heinrich von Kleist. In: Peter, Klaus; Dirk Grathoff; Charles N. Hayes; Gerhard Loose (Hrsg.): Ideologiekritische Studien zur Literatur. Essays I. Frankfurt/M. [Athenäum] 1972, S. 35-168.

Hohoff, Curt: Heinrich von Kleist in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg [Rowohlt] 1958.

Jessen, Hans: Heinrich von Kleist (1777-1811). In: Fischer, Heinz-Dietrich (Hrsg.): Deutsche Publizisten des 15. bis 20. Jahrhunderts. Pullach/Berlin [Verlag Dokumentation] 1971, S. 171-178.

Kleist, Heinrich von (Hrsg.): Berliner Abendblätter. Nachwort und Quellenregister von Helmut Sembdner. Darmstadt [Wissenschaftliche Buchgesellschaft] 1959.

Kleist, Heinrich von: Sämtliche Briefe. Herausgegeben von Dieter Heimböckel. Stuttgart [Reclam] 1999.

Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. Nach dem Text der Ausgaben letzter Hand unter Berücksichtigung der Erstdrucke und Handschriften. Mit einem Nachwort und Anmerkungen von Curt Grützmacher. 6. Auflage. München. [Winkler] 1982.

Kisch, Egon Erwin: Klassischer Journalismus. Die Meisterwerke der Zeitung. Nachwort Christian Siegel. München [Rogner & Bernhard] o. J.

Reus, Gunter: Sinn für den Boulevard und die ,Nationalidee‘. Heinrich von Kleist und sein Lehrsatz von der Staatsferne des Journalismus. In: Pöttker, Horst; Alexander I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 20-69.

Schulz, Gerhard: Kleist. Eine Biographie. München [Beck] 2007.

Sembdner, Helmut: Die Berliner Abendblätter Heinrich von Kleists, ihre Quellen und ihre Redaktion. Mit 1 Faksimile und 9 Abbildungen auf 7 Tafeln. Berlin 1939.

Sembdner, Helmut (Hrsg.): Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. 7. Auflage. München [Hanser] 1996.

Knobloch, Heinz

Knobloch, Heinz, geb. 3.3.1926 in Dresden, gest. 24.7.2003 in Berlin

Anspielungen auf die Tristesse der Plattenbausiedlungen, auf sowjetische Panzer in Prag, Spott über Kleingeister und Dogmatismus im Erziehungswesen, über Stechschritt, Bonzengehabe und den Protz der staatlichen Aufmärsche – dass so etwas in der rigide gelenkten DDR-Presse möglich war, mag vielen heute unglaublich vorkommen. Und doch gab es sie, die Nadelstiche, das schalkhafte Augenzwinkern, die frechen Zweideutigkeiten. Sie waren für das System schwer zu ertragen, aber für seine Zensoren auch nur schwer zu greifen. Die Freiheit lag, wie so oft in der Geschichte des → Feuilletons in Deutschland, zwischen den Zeilen. Einer, der sie sich dort nahm, war Heinz Knobloch.

1926 in Dresden geboren und in Berlin aufgewachsen, wird der Halbwüchsige 1943 zur Wehrmacht eingezogen und nach Frankreich geschickt. Er entzieht sich der Besatzungsmaschine sofort und desertiert, kaum 18 Jahre alt. Ein Leben lang wird er fortan auf Gleichschritt und Militär allergisch reagieren – auch im sich sozialistisch nennenden Teil Deutschlands, in dessen Staatspartei SED er nach der Kriegsgefangenschaft 1949 eintritt. Wie so viele sucht er in der DDR das bessere, antifaschistische Deutschland, ein Fragender, Zweifelnder gleichwohl, der zum Widerspruch neigt, dem die Staatssicherheit „revisionistische Auffassungen“ und fehlenden „Klassenstandpunkt“ bescheinigt (zit. n. Walther 1999: 853). Dennoch bleibt Knobloch loyal. Ein Widerstandskämpfer ist er nicht. Erst 1990, nach der Wende, wird er die SED verlassen – „um einiges zu spät“ (Knobloch 1999: 55), bekennt er später selbst.

Knobloch arbeitet im Berliner Verlag als Hilfskraft und kaufmännischer Angestellter, durchläuft ein Volontariat bei der Berliner Zeitung, wird → Redakteur der Bildagentur Illus und 1953 der Wochenpost. Es ist das Jahr der Unruhen in Ostberlin, ohne die es das neue Wochenblatt wohl nicht geben würde. Nach dem Aufstand der Bauarbeiter ahnt man in der Partei, dass die Menschen noch anderes brauchen als Parolen, Propaganda und Parteilichkeit im Neuen Deutschland und den Bezirkszeitungen. In den 50er Jahren entstehen deshalb die Unterhaltungszeitschrift Magazin, der Comic Mosaik, das Modejournal Sybille, das Satireblatt Eulenspiegel. Und eben die Wochenpost (vgl. Polkehn: 1997). Wie alle anderen Blätter unterliegt sie der Nachzensur, und sie hängt an der Leine der SED, der der Berliner Verlag gehört. Und dennoch eröffnet sie kleine Spielräume. Die Zeitung bietet nicht nur Service und Unterhaltung, sondern auch Themen, über die man sonst in der DDR nichts lesen kann – eigenwillige Gerichtsreportagen, Geschichten über Trinker, über AIDS-Kranke, über Menschen, die nicht den Strahlenkranz der Partei tragen, kritische Rezensionen, Auslandsreportagen oder die → Reportagen aus Bitterfeld von Monika Maron. Der publizistische Erfolg ist gewaltig: Von 1973 bis zur Wiedervereinigung erscheint das Blatt mit einer Auflage von knapp 1,3 Millionen. Legt man zugrunde, dass auf jedes Exemplar vier Leser kommen, so erreicht die Wochenpost etwa jeden dritten erwachsenen DDR-Bürger.

Hier also findet Knobloch seine publizistische Heimat, zunächst als Rätsel-, dann als Politikredakteur, schließlich im Kulturressort, das er bis 1965 leitet. Zu seiner eigentlichen Berufung aber wird die wöchentliche → Feuilleton-Kolumne Mit beiden Augen, die ihn weit heraushebt aus dem Kreis der DDR-Journalisten und mit der er sich einreiht in die Traditionslinie deutschsprachiger Schriftsteller-Journalisten wie → Heine, Tucholsky oder → Kästner.

Der Lyriker, Prosaist und spätere Dissident Reiner Kunze hat ihn während seines → Journalistik-Studiums am ,Roten Kloster‘ in Leipzig mit der Textform des → Feuilletons vertraut gemacht. Knobloch sieht darin eine Verbindung von ,Prosagedicht‘ und ,Zeitungsaufsatz‘: „Das Etwas-Mitteilen des Journalisten mischt sich mit dem Sich-Mitteilen des Dichters.“ (Knobloch 1973: 457) Es sind Miniaturen, die ihren Gegenstand nicht in den üblichen tagesaktuellen Begebenheiten suchen. Stattdessen greifen sie – oft mit den Stilmitteln der Ironie, der Analogie, der Parodie oder der Verfremdung – ungewöhnliche Themen, Figuren und Zitate auf, gestalten Reiseeindrücke aus, greifen zu historischen Reminiszenzen, begeben sich an vergessene Orte oder erinnern an Persönlichkeiten, an Hintergründiges und Übersehenes abseits der journalistischen Trampelpfade. Das führt Heinz Knobloch zwangsläufig immer wieder hinter den engen DDR-Horizont oder an die Ränder der scheinbar sozialistischen Gesellschaft.

Über Jahrzehnte hinweg schreibt Knobloch etwa 1700 solcher Feuilletons, die meisten erscheinen Woche für Woche auf Seite 22 der Wochenpost. Es sind Texte, die zum Schmunzeln einladen, eine Wissenslücke füllen oder ein lokalhistorisches Detail erzählen wollen und in die dann oft doch kleine Widerhaken, Stolpersteine und Anspielungen auf den DDR-Alltag eingebaut sind. So beschreibt er 1977 in Marxwalde: Vorgefundene Geschichte ein Denkmal von Karl Marx, das „etwas verwittert“ sei und „Moos angesetzt“ habe. Und der Feuilletonist empfiehlt listig: „Scheuerbürste und (meinetwegen) ,Ajax‘.“ (Knobloch 2002: 95) In Bei uns in Pankow (1980) erwähnt er die Staatsbesuche, die sich schon am frühen Morgen dadurch ankündigen, „daß in der Grünanlage unterschiedliche junge Männer auf den Bänken sitzen und die gleiche Sorte Wurstbrote verzehren“ (Knobloch 2002: 34). Auch ohne dass das Wort „Stasi“ fiel, wusste jeder sofort, auf wen Knobloch hier mit dem Finger zeigte. Aber da die jungen Männer nur Wurstbrote verzehrten, konnte die Zensur schlecht eingreifen. Im Feuilleton Zum Jubiläum des Rattenfängers erwähnt er 1984 die Geschichte zweier Kinder, die zu spät auf die Flötentöne reagierten und so dem Rattenfänger entgingen, „dem fast alle blindlings folgten“. Aber natürlich, so die augenzwinkernde Pointe, sei das nur erfunden: „Von klugen Kindern, die auf Gängeln und Drängeln pfeifen. Sogenannte Bummelletzte.“ (Knobloch 2002: 220) ,Bummelanten‘, auch das assoziierte jeder sofort, hießen in der frühen DDR Menschen, die sich nicht am ,Aufbau des Sozialismus‘ beteiligen wollten.

Andere Texte waren von vornherein direkter und führten zu Auseinandersetzungen mit der Partei. Wegen eines Beitrages über das Vorzeige-Neubaugebiet Marzahn (vgl. Knobloch 2002: 41-47) wurde 1982 in der Zeitungsredaktion eigens eine Parteiversammlung einberufen. Manche der Feuilletons von Heinz Knobloch, auf die Millionen Leserinnen und Leser jede Woche warteten, wagten sich schließlich so weit vor, dass die Wochenpost sie nicht veröffentlichen wollte. So Im Lustgarten: Mit Zeitung (1983), wo es, historisch verkleidet, erkennbar um die Unterdrückung einer freien Berichterstattung in der DDR-Presse ging (vgl. Knobloch 2002: 39f.). Zum Teil konnte Knobloch solche Texte daraufhin in Büchern unterbringen. Der Grund dafür lag in der unterschiedlichen Zensurpraxis: Die Kontrolle von Büchern unterlag dem weniger rigiden Kulturministerium, die Presse aber dem Zentralkomitee der SED.

Insgesamt hat Heinz Knobloch bis zur Wende rund 30 Anthologien mit eigenen → Feuilletons, einige Monographien sowie Sammelbände mit Feuilletons anderer Autoren veröffentlicht. Nach der Wiedervereinigung erhielt er 1998 für sein Lebenswerk den Verdienstorden des Landes Berlin. Aber auch jener Teil Deutschlands, der ihn oft genug plagte und dem er doch schmerzlich verbunden blieb, hatte ihn ausgezeichnet, unter anderem 1965 mit dem Heinrich-Heine-Preis und 1986 mit dem Nationalpreis der DDR dritter Klasse. Das sollte gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutsche Publizistik in ihm nicht nur einen außerordentlichen und originellen Stilisten hatte, sondern auch ein Beispiel für Zivilcourage.

Literatur:

Knobloch, Heinz (Hrsg.): Allerlei Spielraum. Feuilletons aus 225 Jahren. Berlin [Der Morgen] 1973.

Knobloch, Heinz: „Lässt sich das drucken?“ Feuilletons gegen den Strich. Hrsg. v. Gunter Reus und Jürgen Reifarth. Mit Illustrationen von Wolfgang Würfel. Konstanz [UVK] 2002.

Knobloch, Heinz: Mit beiden Augen. Mein Leben zwischen den Zeilen. Frankfurt/Main [Fischer] 1999.

Polkehn, Klaus: Das war die Wochenpost. Geschichte und Geschichten einer Zeitung. Berlin [Links] 1997.

Walther, Joachim: Sicherungsbereich Literatur: Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin [Links] 1999.

Zum Weiterlesen:

Knobloch, Heinz: Mit beiden Augen. Von Dresden nach Tennessee. Frankfurt/Main [Fischer] 1999.

Reifarth, Jürgen; Gunter Reus: „Mich aber mag das Gesetz recht eigentlich nicht“. Publizistische Opposition gegen den SED-Staat in den Feuilletons von Heinz Knobloch. In: Publizistik, 47, 2002, S. 1-20.

Korrespondierender Journalismus

In seiner Dissertation aus dem Jahr 1928 Die Entstehung des deutschen Journalismus unterteilte Dieter Paul Baumert die ihm damals bekannte Geschichte des Journalismus in vier Perioden. Die Periode nach dem → Präjournalismus und vor dem → schriftstellerischen Journalismus und schließlich dem → redaktionellen Journalismus bezeichnete er als korrespondierenden Journalismus.

Diese Periode umfasst in Baumerts Geschichte des deutschen Journalismus die Zeit unmittelbar nach Beginn des Zeitungswesens. Der Wolfenbütteler Aviso von 1609 galt lange Zeit als älteste Zeitung der Welt und gab der damaligen Presse als Avisen (vom frz. Wort für ‘Nachricht’) ihren Namen. Neuere Forschung aber konnte nachweisen, dass Johann Carolus 1605 in Straßburg mit seiner Relation die Zeitung erfunden hat (Weber 2005; Welke 2008). Anschließend verbreitete sich das neue Medium vor allem im Laufe des Dreißigjährigen Krieges in Europa.

Dennoch kann man in dieser Periode des korrespondierenden Journalismus kaum Spuren von Journalismus erkennen. Baumert benennt sie nach den Korrespondenten der Zeit. Diese waren „mehrheitlich nebenberufliche Lohnschreiber“ (Adrians 2011: 28) und berichteten recht wahllos von dem, was sie in den Städten, meist Verkehrsknotenpunkte, erfuhren. Anschließend fanden die Korrespondenzen der Korrespondenten ihren Weg zumeist unverändert in die Zeitungen; eine Redaktion des Stoffes fand nicht statt. Eine entsprechende Verarbeitung oder Einordnung hätte den Drucker oder Postmeister, der die Zeitung machte, schlichtweg überfordert, wie Holger Böning (2008: 222f.) treffend formuliert hat: „Jede Kommentierung oder gar Meinungsäußerung des im Verhältnis zu den Abonnenten zumeist weniger qualifizierten Nachrichtenübermittlers war nicht nur entbehrlich, sondern sie wäre absurd gewesen.“ Insofern trugen Korrespondenten in Baumerts Augen die einzige journalistische Funktion und auch einzige journalistische Erwerbschance (1928: 34).

Weil diese Akteure aber eindeutig außerhalb der Zeitungsunternehmung standen, muss auch die Phase des korrespondierenden Journalismus eigentlich als präjournalistisch klassifiziert werden (vgl. Stöber 2005: 15). Dies sieht im Übrigen auch Baumert so, für den der korrespondierende Journalismus nur ein halber Journalismus ist. Denn begibt er sich von der Akteursebene auf die Medienebene, so bezeichnet er die Zeitungen im 17. und 18. Jahrhundert als reine Nachrichtenblätter. Auch aufgrund noch nicht ausdifferenzierter Darstellungsformen und fehlender Einordnung der Nachrichten ist diesem Urteil über die Epoche zuzustimmen.

Baumert orientierte sich stark an den jeweils prägenden Akteuren, weshalb die bedeutenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in seiner Bestandsaufnahme deutlich unterrepräsentiert bleiben (Birkner 2012). Davon abgesehen ist Baumerts Beschreibung des Journalismus der Zeit der Napoleonischen Kriege und des Vormärz auch heute noch lesbar und eingängig, gerade aufgrund ihrer Holzschnittartigkeit (Baumert 2013).

Literatur:

Adrians, Frauke: Journalismus und Journalisten im frühen 17. Jahrhundert. In: Medien und Zeit, 2, 2011, S. 26-34

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München [Duncker & Humblot] 1928

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013

Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

Böning, Holger: Von der ‚unpartheyischen’ Berichterstattung zum Meinungsjournalismus. Der pressegeschichtliche Umbruch nach dem Ende des Alten Reiches. In: North, Michael; Robert Riemer (Hrsg.): Das Ende des Alten Reiches im Ostseeraum. Wahrnehmungen und Transformationen. Köln/Weimar/Wien [Böhlau] 2008, S. 221-237

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

Weber, Johannes: Straßburg 1605: Die Geburt der Zeitung. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 7, 2005, S. 3-26

Welke, Martin: Johann Carolus und der Beginn der periodischen Tagespresse. Versuch, einen Irrweg der Forschung zu korrigieren. In: Welke, Martin; Jürgen Wilke (Hrsg.): 400 Jahre Zeitung. Die Entwicklung der Tagespresse im internationalen Kontext. Bremen [Edition Lumière] 2008, S. 9-122