Geschichte des Journalismus

    Eine Einführung von Horst Pöttker

    Wortherkunft: ahd. scehan = sich ereignen, vermengt mit ags. sciftan = verteilen; frz. Journal = Tagebuch

    Definition:

    Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs und deren wissenschaftliche Rekonstruktion. Als Journalistenberuf wird dabei nach den Berufsdefinitionen Max Webers das auf die gesellschaftlich bedeutsame Aufgabe des Herstellens von Öffentlichkeit, des Vermittelns von möglichst richtigen und wichtigen Informationen an möglichst viele Menschen spezialisierte Bündel von Selbstverständnis, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Regeln und Leistungen verstanden, das mit der Chance auf ein kontinuierliches Einkommen verbunden ist.

    Die Geschichte des Journalismus ist von der Geschichte der Medien (Mediengeschichte) zu unterscheiden. Einerseits sind Medien (Presse, Rundfunk, Internet) als technisch-organisatorische Kanäle von (öffentlicher) Kommunikation eine Sphäre der Voraussetzungen, die Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs beeinflusst haben und noch beeinflussen; andererseits stellen Mediengeschichte und Medienanalyse auch Fragen, die für den Journalistenberuf kaum relevant sind.

    Geschichte:

    Ein früher Titel zur Geschichte des deutschen Journalismus liegt seit 1845 vor. Das 1971 nachgedruckte Buch von Robert Eduard Prutz enthält bereits eine Definition des Journalismus als Selbstgespräch, „welches die Zeit über sich selbst führt“, die der Auffassung der modernen Systemtheorie vom Journalismus als „permanente Selbstbeobachtung der Gesellschaft als Fremdbeobachtung“ sehr nahe kommt. Noch heute lesenswert ist aber vor allem Dieter Paul Baumerts Dissertation zur Entstehung des deutschen Journalismus von 1928. Baumert schlägt eine Phaseneinteilung der Journalismusgeschichte (→ Präjournalismus bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts, → korrespondierender Journalismus bis zur Aufklärungsepoche, → schriftstellerischer Journalismus bis zum Professionalisierungsschub im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und seitdem → redaktioneller Journalismus) vor, die seit des digitalen Medienumbruchs an der Wende zum 21. Jahrhundert zwar der Erweiterung um eine neue Phase bedarf, aber bis zu dieser Zäsur mit Einschränkung nach wie vor brauchbar ist.

    Die zwischen 1966 und 1986 erschienene, vierbändige, im Wesentlichen von Kurt Koszyk verfasste, in ihrem Material- und Detailreichtums bis heute nicht ersetzte Rekonstruktion der Entwicklung zwischen Anfang des 17. und Mitte des 20. Jahrhunderts ist zwar als Presse-, also Medien-Geschichte angelegt, aber gleichwohl als Quellenreservoir für die Geschichte des Journalistenberufs unverzichtbar, ähnlich wie die kurz vor und nach der NS-Zeit erschienenen zeitungswissenschaftlichen Kompendien Otto Groths. Jörg Requate hat in seiner Dissertation Journalismus als Beruf (1995) die Professionalisierungsphase im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts analysiert. Die internationale Verbreitung des in dieser Phase in den USA entstandenen Nachrichtenparadigmas wurde 2005 in einem von Svennik Høyer und Horst Pöttker herausgegebenen Sammelband rekonstruiert.

    2011 hat eine von Horst Pöttker und Christina Kiesewetter herausgegebene Sammelpublikation unterschiedliche Antworten auf die Frage „Wann beginnt der Journalismus?“ präsentiert, die von der Antike bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts reichen. Und 2012 ist mit Thomas Birkners Dissertation der vorläufig aktuellste Überblick über die Entwicklung des Journalistenberufs in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg erschienen. Er zeigt, dass es auch hier mit der üblichen Verspätung gegenüber den westlichen Demokratien die Tendenz zur Lösung des Journalismus von Politik, Literatur und anderen Teilsystemen gab, die allerdings zwischen 1914 und 1945 durch einen deutschen Sonderweg unterbrochen worden ist. Trotz Lücken und Sprüngen ist also eine gewisse Traditionslinie der Geschichtsschreibung zur Entwicklung des Journalistenberufs erkennbar.

    Gegenwärtiger Zustand:

    Auch wenn sich zu zentralen Aspekten der Journalismusgeschichte wie der Phaseneinteilung, der führenden Rolle der angelsächsischen Länder mit ihrer Tradition der Pressefreiheit oder dem Professionalisierungsschub an der Wende zum 20. Jahrhundert Übereinstimmungen abzeichnen, zeigen sich vor dem Hintergrund der Entwicklung des Journalistenberufs bei der Beurteilung seiner gegenwärtigen Lage in der digitalen Medienwelt Unsicherheiten. Während Journalismusforscher wie Siegfried Weischenberg in den durch rapide Anzeigen- und Auflagenrückgänge bedingten Tendenzen einer Deprofessionalisierung eine existentielle Gefährdung sehen, betrachten andere Beobachter die gegenwärtige Krise vor allem als Herausforderung, die Chancen für eine grundlegende Erneuerung im Sinne der notwendigen Anpassung an fundamental veränderte technologische, ökonomische und kulturelle Bedingungen mit sich bringt.

    Diese Sichtweise setzt voraus, dass der Begriff des Journalistenberufs nicht an das konkrete, vor einem Jahrhundert in einem mittlerweile historischen Kontext entstandene, von Nachrichtenfunktion, Anzeigenfinanzierung, redaktioneller Organisation in Großbetrieben und dem Selbstbild des unbeteiligten Beobachters geprägte Modell gebunden wird, sondern allein an die verlässliche Spezialisierung auf die Öffentlichkeitsaufgabe, die in gewandelten sozio-ökonomischen Kontexten ebenfalls gewandelte Mentalitäten, Arbeitstechniken und Regeln erfordert. Ungeklärt in der gegenwärtigen Phase ist vor allem, ob die bisher vorrangige Nachrichtenfunktion mit ihrer Fixierung auf Fakten und ‘news’ sowie die darauf zugeschnittene → Redaktionsorganisation in Großbetrieben hinter die bisher nachrangige Orientierungsfunktion zurücktreten wird, was mit einem Bedeutungszuwachs z. B. von Hintergrundrecherchen, literarischen Darstellungsformen oder einer Renaissance der publizistischen Persönlichkeit verbunden wäre.

    Forschungsstand:

    Geschichte des Journalistenberufs als Rekonstruktion seines Wandels in Vergangenheit und Gegenwart ist auf Selbstverständnis und Arbeitsweise der „Historisch-hermeneutischen Disziplinen“ (Jürgen Habermas) angewiesen. Die anthropogene, durch den Menschen beeinflusste Kulturwelt ist im Gegensatz zu den Naturgesetzen dem Wandel unterworfen und von Geschichtlichkeit geprägt, weshalb ihre Erforschung eine Perspektive verlangt, die sich an der Dynamik ihrer Objekte, der Methode des Verstehens und dem Erkenntnisinteresse an Verständigung orientiert.

    Im Wissenschaftsbetrieb, nicht zuletzt in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung, setzen sich dagegen zunehmend Selbstverständnis und Arbeitsweisen der Natur- und Technikwissenschaften durch. Hinzu kommt, dass in der aus der Literaturwissenschaft hervorgegangenen Medienwissenschaft, die die dynamische Sicht auf den Wandel der anthropogenen Kulturwelt bewahrt hat, das Interesse an der gesellschaftlichen Bedeutung des Journalistenberufs fehlt. So gerät die Geschichte des Journalismus ins Hintertreffen. Kenntnis- und aufschlussreiche Dissertationen wie die von Requate oder Birkner sind Einzelstücke, die kaum in eine kontinuierliche Forschungstradition eingebettet sind. An einer geschlossenen Geschichte des Journalismus in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart einschließlich der mittlerweile abgeschlossenen Phase zwischen 1950 (Pressefreiheit) und 2000 (digitaler Umbruch) fehlt es bis heute, von einer internationalen Gesamtdarstellung zu schweigen. Aus diesem Mangel ist u. a. zu erklären, warum die Hochschulforschung kaum fähig scheint, dem Journalistenberuf zu helfen, seine gegenwärtige Krise zu überwinden.

    Literatur:

    Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013

    Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

    Groth, Otto: Die Zeitung. Ein System der Zeitungskunde (Journalistik). 4 Bände. Mannheim/Berlin/Leipzig [J. Bensheimer] 1928

    Groth, Otto: Die Geschichte der deutschen Zeitungswissenschaft. Probleme und Methoden. München [Weinmayer] 1948

    Groth, Otto: Die unerkannte Kulturmacht. Grundlegung der Zeitungswissenschaft (Periodik). 7 Bände. Berlin [De Gruyter] 1960-1972

    Habermas, Jürgen: Erkenntnis und Interesse. In: Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als „Ideologie“. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1968, S. 146-169

    Høyer, Svennik; Horst Pöttker (Hrsg.): Diffusion of the News Paradigm 1850-2000. Göteborg [Nordicom] 2005

    Kiesewetter, Christina; Horst Pöttker (Hrsg.): Wann beginnt der Journalismus? medien & zeit. Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart, Ausgabe 2/2011. Wien [Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung] 2011

    Koszyk, Kurt: Deutsche Presse im 19. Jahrhundert. Geschichte der deutschen Presse. Band 2. Berlin [Colloquium] 1966

    Koszyk, Kurt: Deutsche Presse 1914-1945. Geschichte der deutschen Presse. Band 3. Berlin [Colloquium] 1972

    Koszyk, Kurt: Pressepolitik für Deutsche 1945-1949. Geschichte der deutschen Presse. Band 4. Berlin [Colloquium] 1986

    Lindemann, Margot: Deutsche Presse bis 1815. Geschichte der deutschen Presse. Teil 1. Berlin [Colloquium] 1969

    Prutz, Robert Eduard: Geschichte des deutschen Journalismus. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1971

    Requate, Jörg: Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1995

    Weischenberg, Siegfried: Das Jahrhundert des Journalismus ist vorbei. Rekonstruktionen und Prognosen zur Formation gesellschaftlicher Selbstbeobachtung. In: Bohrmann, Hans; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Krise der Printmedien: Eine Krise des Journalismus? Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Band 64. Berlin/New York [De Gruyter Saur] 2010, S. 33-60

Horst Pöttker
Horst Pöttker
*1944, Prof. i.R., Dr., war von 1996 bis 2013 Professor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Z. Zt. Lehrbeauftragter an den Universitäten Hamburg, Stawropol und Wien. Seit 2017 Initiator und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Journalistik/Journalism Research. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte des Journalismus, Berufsethik, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: horst.poettker (at) tu-dortmund.de Horst Pöttker hat Einführungsbeiträge geschrieben zur → Geschichte des Journalismus, → Berufsethik, zu → journalistischen Genres sowie zur → Pressefreiheit.

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Mettage

Bei der früheren Zeitungsherstellung montierten spezialisierte Schriftsetzer, die Metteure (frz. mettre = setzen, stellen, legen), die Druckform einer Seite. Dazu stellten sie die in Blei gegossenen Textzeilen und Überschriften sowie die Klischees der Fotos oder Anzeigen nach dem Layout der meist anwesenden Redakteure in einen Schließrahmen (auch: Schiff oder Seitenschiff). Dieses Zusammenbauen der Seite war der Umbruch. Die entsprechende Abteilung des Druckunternehmens, auch den Umbruchprozess selbst, nannte man Mettage.

Von der in Blei umbrochenen und spiegelverkehrten Seite erhielten Korrektorat und Redaktion Korrekturabzüge (auch: Fahnen oder Druckfahnen). Nach letzten Änderungen und der Imprimatur (Druckerlaubnis) fuhr man die schweren Schiffe aus der Mettage in die nächste Produktionsabteilung. Dort wurde auf die Bleiseiten ein weicher Karton aus Pappe und Plastik gepresst. Dieser positive Abdruck, die Mater, ließ sich biegen und wiederum mit Blei zur runden Negativform für den Druckzylinder der Rotation ausgießen.

Metteure (Montierer) und Mettage existierten nach dem Ende des Bleisatzes vorübergehend auch noch im Klebeumbruch, als die Zeitungsseiten an Leuchtwänden mit gewachstem Papier zur Druckvorbereitung zusammengestellt wurden. In der modernen Zeitungsproduktion ist die Mettage verschwunden; der Umbruch erfolgt nur noch am Computer. Damit entfällt auch etwas, das jahrhundertelang den Beruf des Journalisten prägte: der unmittelbare Kontakt zwischen Metteuren und Redakteuren. Die selbstbewussten und politisch oft sehr interessierten Facharbeiter in der Mettage waren am Abend die ersten kritischen Leser der Journalisten, die ihnen beim Umbruch nicht selten ihre Meinung sagten (vgl. → Jargon).

Präjournalismus

Der Begriff des Präjournalismus geht auf Dieter Paul Baumerts Dissertation aus dem Jahr 1928 Die Entstehung des deutschen Journalismus zurück. Baumert unterteilte damals die ihm bekannte Geschichte des Journalismus in vier Perioden. Auf eine präjournalistische Periode folgten die Perioden des → korrespondierenden Journalismus sowie des → schriftstellerischen Journalismus und schließlich des → redaktionellen Journalismus.

Die Periode des Präjournalismus bezeichnet in Baumerts Geschichte des deutschen Journalismus die Zeit bis zum Beginn des Zeitungswesens. Vor der Erfindung der Zeitung habe es keinen Journalismus gegeben, sondern „sporadische, grundsätzlich nicht berufsmäßige Nachrichtenbedarfsbefriedigung“ (1928: 17). Der Präjournalismus umfasst für Baumert das Mittelalter und die Frühe Neuzeit.

Insgesamt geht Baumert von Journalismus als Beruf aus und orientiert sich hierbei an Max Webers berühmter Schrift Politik als Beruf von 1919. Entsprechend meint Baumert (1928: 8), von Journalismus könne erst „in neuerer Zeit“ gesprochen werden, da er „eine besondere Kombination spezialisierter und spezifizierter Leistungen darstellt, die literarisch wie beruflich, technisch wie sozial zusammen mit anderen Leistungen die materielle Grundlage einer Person bildeten und noch bilden.“ Hieran wird die Akteurszentriertheit von Baumerts Ansatz deutlich, der dann in den folgenden Perioden Korrespondenten und Schriftsteller zu Trägern des Journalismus erklärt.

Für seine Zeit des Präjournalismus erläutert Baumert (1928: 8f.), habe man gar „den berufsmäßigen Dichter und Spielmann wegen seiner teilweise auf die aktuellen Geschehnisse eingestellten Poesie auch einen ‘wandernden‘ Journalisten genannt.“ Tatsächlich suchen auch heute noch Wissenschaftler nach Spuren von Journalismus in der Antike oder aber im Mittelalter (Brandt/Bünting 2011; Huttner 2011). Auf der Akteursebene sieht Baumert (1928: 22) im wandernden Spielmann wegen seiner „beruflich geistigen Tätigkeit im Dienste der Öffentlichkeit“ einen Präjournalisten. Trennschärfer ist sein Begriff auf der Medienebene. Die briefliche oder auch geschriebene Zeitung wie zum Beispiel jene der Fugger nennt er als Frühformen, ebenso die Newe Zeitungen, aber auch politische und religiöse Flug- und Streitschriften (1928: 25).

Baumert arbeitet letztlich mit den uns heute noch geläufigen Kriterien für journalistische Medien im Allgemeinen und Zeitungen im Speziellen. Deshalb können die Publikationen der Epoche, wie die Messrelationen des Michael von Aitzing „wegen ihrer Aktualität, semestralen Periodizität und öffentlichen Verbreitung präjournalistische Erzeugnisse genannt werden. Allerdings weichen sie inhaltlich wegen mangelnder Vielseitigkeit und formell wegen ihrer buchartigen Erscheinungsform – sie wurden später sogar neu aufgelegt – vom Zeitungstyp ab“ (1928: 28). Ohne Zeitung, so Baumert, kein Journalismus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Phaseneinteilung nach Baumert gerade wegen ihrer Holzschnittartigkeit, aber auch wegen ihrer einprägsamen Begriffe, als sehr funktional erwiesen hat und Baumert eine auch heute noch lesbare Beschreibung des Journalismus der Zeit der Napoleonischen Kriege und des Vormärz liefert (Baumert 2013). Kritisch anzumerken bleibt, dass seine Phasen, auch in ihrer Begrifflichkeit, stark an den jeweils prägenden Akteuren orientiert sind, und so die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen unterrepräsentiert bleiben (Birkner 2012).

Literatur:

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München [Duncker & Humblot] 1928

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013

Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

Brandt, Rüdiger; Karl-Dieter Bünting: Journalisten im deutschen Mittelalter? In: Medien und Zeit, 2, 2011, S. 14-25

Huttner, Ulrich: Vorläufer des Journalismus in der Antike. In: Medien und Zeit, 2, 2011, S. 4-13

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

Puškin, Aleksandr

Aleksandr Sergeevič Puškin (1799-1837) ist nicht nur der russische Nationaldichter, dessen Poesie jedes Schulkind kennt und an dessen Geburtstag im ganzen Land der Tag der russischen Sprache gefeiert wird. Er ist auch der erste moderne Journalist Russlands.

Puškin stammte aus der Oberschicht der Hauptstadt St. Petersburg. Er besuchte das später nach ihm benannte Elite-Internat von Zarskoje Selo. Schon als Schüler schloss er sich der Gesellschaft ,Arsamas‘ an, die sich für die Erneuerung der in Traditionen erstarrten russischen Hochsprache einsetzte. Nach Abschluss des Lyzeums trat er der Literatur- und Theatergemeinschaft ,Grüne Lampe‘ bei, durch die er mit Aktivisten der bürgerlich-revolutionären Bewegung der ,Dekabristen‘ in Berührung kam.

Aufgrund dieser Kontakte fiel er bei Zar Alexander I. in Ungnade und entging der Verbannung nach Sibirien nur, weil einflussreiche Freunde sich für ihn einsetzten. St. Petersburg musste er jedoch verlassen und lebte danach an verschiedenen Orten Südrusslands. 1824, nach einem hymnischen Text über Atheismus, wurde er aus dem Staatsdienst entlassen und auf das elterliche Gut verbannt. Dort pflegte er einen intensiven literarischen Briefwechsel mit Freunden und schrieb eines seiner Hauptwerke, das Drama Boris Godunow. Ab 1826, nach dem Tod Alexanders I., durfte sich Puškin wieder in Moskau und St. Petersburg aufhalten, seine Werke wurden aber von Zar Nikolaus I. persönlich zensiert und seine Aktivitäten streng überwacht.

Nachdem Puškin 1831 Natalja Gontscharowa aus reicher Familie geheiratet hatte, folgte eine besonders fruchtbare Schaffensperiode auf dem Land. Später, in St. Petersburg, wo das Ehepaar vier Kinder bekam, konnte es am luxuriösen Leben des Zarenhofs teilhaben. Allerdings haderte der auf Unabhängigkeit bedachte Puškin mit diesem Leben und war froh, 1836 endlich die Genehmigung für die lange von ihm geplante kulturpolitische Vierteljahreszeitschrift Sowremennik (Der Zeitgenosse) zu erhalten.

Wenige Monate später, Anfang 1837, starb Puškin jedoch nach einem Duell, in das er sich wegen einer Eifersuchtsaffäre um seine Frau begeben hatte. Er wurde 37 Jahre alt. Trotz seiner Jugend war er bereits so berühmt, dass man aus Angst vor der Masse der Trauernden seine Leiche in ein Kloster bei Pskov überführte, wo sich sein Grab bis heute befindet (vgl. Wikipedia 2017).

An Puškins journalistischem Werk zeigt sich einerseits, was den „Beruf zur Öffentlichkeit” (vgl. Pöttker 2010) ausmacht, andererseits, was ihn in „verspäteten Nationen” (vgl. Plessner 1959) der Modernisierung wie Russland oder Deutschland beeinträchtigen kann (vgl. Stan’ko 2016).

Anders als → Heinrich Heine (vgl. Pöttker 2016) hat Puškin sein Land nur einmal kurz verlassen: 1829 begleitete er die Armee auf dem Feldzug ins armenisch-türkische Arzrum. Sein Bericht über diese „Reise nach Arzrum” (Puschkin 1998) gehört zu den schöpferischen Leistungen Puškins für den Journalismus, weil alle Merkmale des Genres → Reportage, das den Leser die geschilderten Situationen miterleben lässt, hier bereits hevortreten. Nur die Betonung von Echtzeit ist bei Puškin schwächer ausgeprägt als in Heines Tagesberichten aus dem Pariser Aufstand von 1832 (vgl. Pöttker 2000). Das liegt daran, dass Puškin nicht für eine aktuelle Tageszeitung schrieb.

Eine weitere journalistische Leistung Puškins ist die Herausgabe des Sovremennik nach dem Modell englischer Blätter. In den 1860er Jahren sollte die Zeitschrift zum führenden Organ der revolutionären Demokraten werden. Typisch für den → schriftstellerischen Journalismus vor der Ausdifferenzierung von Berufsrollen war, dass Puškin als Verleger, Herausgeber, (Chef-)Redakteur und Autor in einer Person für den Sovremennik arbeitete. Sein publizistisches Programm hat er im dritten Heft als fiktiven Leserbrief „An den Verleger” erklärt. Aufschlussreich ist das Selbstverständnis, das daraus und aus anderen programmatischen Schriften spricht, mit denen er sich gegen seinen Widersacher, Journalist und Schriftsteller Fadej Bulgarin (1789-1859), zur Wehr setzte. Auch seine Lust auf öffentliche Kontroversen zeigte Puškin als einen Pionier des modernen Journalismus.

Puškin hat sein Schreiben nicht „als eine elegante und aristokratische Beschäftigung” (Puschkin 1973b: 417) betrachtet, wie es bis dahin üblich war, sondern als Beruf, der als „Grundlage einer kontinuierlichen Versorgungs- oder Erwerbschance” (Weber 1972: 80) taugen musste. Das zeigte der Kampf um Honorare, den er sein Leben lang geführt hat. Außerdem setzte er sich für Pressefreiheit als notwendige Bedingung journalistischer Arbeit ein. Das demonstrieren die Auseinandersetzungen mit der Zensur, in die er immer wieder verwickelt war. Und wie jeder journalistische Profi wusste er eine Grenze zwischen gesellschaftlich notwendiger Öffentlichkeit und zu respektierender Privatsphäre zu ziehen. In einer Verteidigungsschrift gegen Bulgarin steht der Satz: „Allmählich beginnt man die persönliche Ehre des Bürgers zu achten und es wächst die Macht der öffentlichen Meinung, auf die sich in einer entwickelten Gesellschaft die Reinheit der Sitten stützt” (Puschkin 1973a: 113).

Puškin hat sich nicht gescheut, sein ästhetisches Sprachvermögen zu nutzen, um bei den Lesern anzukommen. Wer sich über die Kombination von Journalismus mit Dichtung wundert, sei daran erinnert, dass Lyrik diejenige belletristische Gattung ist, die ohne Fiktionalität auskommt. Wo sich Fiktionalität in Puškins Balladen doch findet, weist die russische Journalistik darauf hin, dass z. B. seine berühmte Fontäne von Bachčisaraj reportagehafte Züge trägt. Wenn journalistische Werke in Russland mehr als im Westen nach ihrer literarischen Qualität beurteilt werden, mag das auch am traditionellen Mangel an Pressefreiheit liegen, der → Recherche als Qualitätsmaßstab nicht aufkommen lässt.

Die autokratische Tradition Russlands hat in Puškins journalistischer Mentalität Spuren hinterlassen. Das gilt vor allem für seine Haltung gegenüber dem Publikum. Hier zeigt sich eine Kluft zwischen seiner privaten Korrespondenz und den zur Veröffentlichung bestimmten Schriften (vgl. Pöttker 2006). In den Briefen mokiert sich Puškin über die Dummheit der Leser (vgl. Puschkin 1973b: 420). In seinen programmatischen Äußerungen dagegen äußert er Respekt sogar vor den → Unterhaltungsbedürfnissen des Publikums und warnt ausdrücklich davor, in Journalismus oder Literatur eine „pädagogische Beschäftigung” (vgl. Puschkin 1973a: 118) zu sehen.

Dies kann man auch als Fähigkeit des Journalisten Puškin betrachten, zwischen privaten Ansichten und professionellen Notwendigkeiten wie dem Respekt vor der Mündigkeit des Publikums zu unterscheiden. Aber auch dann bleibt der Eindruck, dass sich in Puškins privater Abschätzigkeit gegenüber dem Publikum ein elitäres Kommunikationsklima niederschlägt, das für das Bildungsbürgertum verspäteter Nationen charakteristisch ist.

Dass bei ihm eine moderne Berufsauffassung schon Anfang des 19. Jahrhunderts im autokratischen Russland nachzuweisen ist, spricht für die Entwicklung des Journalismus als kulturübergreifender Prozess, der mit dem wachsenden Bedarf an Öffentlichkeit in komplexen Gesellschaften generell zusammenhängt. Die Deformationen, von denen Puškins Selbstverständnis nicht frei ist, weisen dagegen auf Gefährdungen hin, denen der Journalismus dort ausgesetzt ist, wo ihm Voraussetzungen wie die kulturelle Verankerung der Kommunikationsfreiheit fehlen. Die Widersprüche zwischen Autokratie und Öffentlichkeit früh erfahren, ausgehalten und zum Ausdruck gebracht zu haben, ist eine bleibende Leistung Puškins für den Journalismus.

Literatur:

Plessner, Helmuth: Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. Stuttgart [Kohlhammer] 1959 (1935).

Pöttker, Horst: Heines Tagesberichte für die „Allgemeine Zeitung“. Ein Beitrag zu Geschichte und Bestimmung der Reportage. In: Jarren, Otfried; Gerd G. Kopper; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung – Medium mit Vergangenheit und Zukunft. München [Saur] 2000, S. 27-46.

Pöttker, Horst: Öffentlichkeit und Autokratie. Aleksandr Puškin und die Anfänge des modernen Journalismus in Russland. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi), 142, 2006, S. 8-42.

Pöttker, Horst: Der Beruf zur Öffentlichkeit. In: Publizistik, 2, 2010, S. 107-128.

Pöttker, Horst: „Alles Weltwichtige an Ort und Stelle betrachten und behorchen“. Heinrich Heine als Protagonist des modernen Journalismus. In: Pöttker, Horst; Aleksandr I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 92-145.

Puschkin, Alexander Sergejewitsch: Gesammelte Werke. Fünfter Band. Aufsätze und Tagebücher. Frankfurt/M. [Insel] 1973a.

Puschkin, Alexander Sergejewitsch: Gesammelte Werke. Sechster Band. Briefe. Frankfurt/M. [Insel] 1973b.

Puschkin, Aleksandr: Die Reise nach Arzrum während des Feldzugs im Jahre 1829. Berlin [Friedenauer Presse] 1998.

Stan’ko, Aleksandr I.: Die fantastische Wirklichkeit in der Publizistik Aleksandr S. Puškins. In: Pöttker, Horst; Aleksandr I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 148-163.

Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Auflage. Tübingen [J.C.B. Mohr] 1972.

Wikipedia: Alexander Sergewitsch Puschkin. In: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, 2017. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sergejewitsch_Puschkin

Redaktioneller Journalismus

Der redaktionelle Journalismus, prägend für das „Jahrhundert des Journalismus“ (Birkner 2010), stellt gewissermaßen den Fluchtpunkt von Dieter Paul Baumerts Werk Die Entstehung des deutschen Journalismus dar. In seiner Dissertation unterteilte er 1928 die ihm damals bekannte Geschichte des Journalismus in eine → präjournalistische Periode, eine Periode des → korrespondierenden und des → schriftstellerischen Journalismus sowie, als Kombination und Weiterentwicklung der beiden letzteren, schließlich des redaktionellen Journalismus.

Diese Periode beginnt für Baumert Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis dahin waren die „Träger des referierenden und des räsonierenden Journalismus verschiedene Personen“ (Baumert 1928: 47). Er hatte die entsprechenden Vorformen als korrespondierenden und schriftstellerischen Journalismus benannt und in eine Reihenfolge gebracht. Beiden Perioden aber fehlte das jeweils andere, um tatsächlich Journalismus genannt werden zu können. Im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es dann zum „Zusammenwirken von Nachrichtenwesen und Tagesliteratur“ (Baumert 1928: 48) in der Redaktion.

Tatsächlich ist Baumerts redaktioneller Journalismus auch moderner Journalismus (Birkner 2012). Dabei meint Redaktion dreierlei: die Bearbeitung der Texte in Form des Redigierens als journalistisches Handeln, die in einer Redaktion versammelten Redakteure als journalistische Akteure und schließlich den Ort der Redaktion als journalistische Institution im Verlagshaus.

Die „Entstehung der besonderen Redaktion“ (Groth 1928: 378ff.) ist dann auszumachen, so der Forschungsstand heute, wenn sich auch auf der Ebene der Akteure die Integration von „Nachrichtenübermittlung und Nachrichtenbewertung zu einem neuen Beruf“ (Requate 1995: 118) vollziehen sollte. Als historische Rahmenbedingungen sind hierbei Umwälzungen in den Dimensionen Sozialstruktur und Kultur, Wirtschaft und Technologie sowie Politik und Recht zu betrachten (Birkner 2012). Hierzu gehörte unter anderem die Entstehung von urbanen Ballungszentren, die neue Formen der → Lokalberichterstattung provozierte. Ebenso entscheidend waren technologische Innovationen wie der elektrische Telegraph und die Setzmaschine Linotype. Zudem schuf in Deutschland erst das Reichspressegesetz von 1874 einen relativ sicheren → Rechtsrahmen für den Journalismus. Dennoch blieb das deutsche Kaiserreich ein schwieriger Ort für Journalisten, und die Redaktionen waren gezwungen, mit der Einrichtung des Sitzredakteurs zu arbeiten. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 war es dann auch mit dieser labilen Pressefreiheit wieder vorbei.

Als außerordentlich stabil aber erwies sich die Redaktion für den Journalismus, und dies macht Baumerts Bezeichnung so treffend. Allerdings ist auch seine Beschreibung des redaktionellen Journalismus stark akteurszentriert, etwa bei seiner Typologisierung von Journalisten als „Trägern der Nachrichtenversorgung“ (Baumert 1928: 75). Nichtsdestotrotz hat seine Periodisierung gerade auch mit dem Begriff des redaktionellen Journalismus eine sehr lange Halbwertszeit bewiesen (Baumert 2013). Ob sich dagegen neuere Bezeichnungen wie → redaktionstechnischer Journalismus (Pürer/Raabe 2002) oder digitaler Journalismus (Hömberg 2013: 35) durchsetzen werden, bleibt abzuwarten.

Literatur:

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München [Duncker & Humblot] 1928

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013

Birkner, Thomas: Das Jahrhundert des Journalismus. Ökonomische Grundlagen und Bedrohungen. In: Publizistik, 55(1), 2010, S. 41-54

Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

Groth, Otto: Die Zeitung. Ein System der Zeitungskunde (Journalistik). Band 1. Mannheim [Bensheimer] 1928

Hömberg, Walter: Zum Strukturwandel des Journalistenberufs. Dieter Paul Baumert: Leben, Werk und Wirkung. In: Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013, S. 9-39

Requate, Jörg: Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1995

Pürer, Heinz; Johannes Raabe: Zur Berufsgeschichte des Journalismus. In: Neverla, Irene; Elke Grittmann; Monika Pater (Hrsg.): Grundlagentexte zur Journalistik. Konstanz [UTB/UVK] 2002, S. 408-416

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

Redaktionstechnischer Journalismus

Ausgehend von Dieter Paul Baumerts Werk Die Entstehung des deutschen Journalismus entwickelten Heinz Pürer und Johannes Raabe den Begriff des redaktionstechnischen Journalismus. Baumert hatte in seiner Dissertation 1928 die ihm bekannte Geschichte des Journalismus in vier Perioden unterteilt. Nach einer → präjournalistischen Periode folgten die Perioden des → korrespondierenden Journalismus und des → schriftstellerischen Journalismus sowie schließlich des → redaktionellen Journalismus. Zu Beginn des 21. Jahrhundert haben Pürer und Raabe (2002) dies in einer Kurzzusammenfassung von Baumerts Perioden für das 20. Jahrhundert mit dem redaktionstechnischen Journalismus fortgeschrieben, allerdings auf nur eineinhalb Seiten.

Die Periode des redaktionstechnischen Journalismus beginnt für die beiden Autoren in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Bis dahin reicht demnach die Baumertsche Periode des redaktionellen Journalismus. Ab etwa 1975, so Pürer und Raabe (2002: 415), habe die „Einführung elektronischer, computergesteuerter Texterfassungs- und bearbeitungssysteme in den Zeitungsredaktionen“ den Journalismus dramatisch verändert. Entscheidend ist für sie im Unterscheid zur vorangegangenen Periode des redaktionellen Journalismus, dass nun die Grenzen zwischen den „geistigen Arbeit[ern]“, den Journalisten auf der einen und den Schriftsetzern und Druckern auf der anderen Seite verschwimmen würden: „Seither führen Journalisten an hochleistungsfähigen Computern auch Arbeiten der Texterfassung und -gestaltung durch und sind in vielen Redaktionen nicht mehr nur für die Inhalte, sondern auch für die äußere Form ihrer Beiträge verantwortlich“ (2002: 415).

Diese Veränderungen im Printjournalismus lassen zusammen mit dem Aufstieg der elektronischen Medien Radio und Fernsehen im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts den Begriff des redaktionstechnischen Journalismus gerechtfertigt erscheinen. Allerdings hatte Siegfried Weischenberg bereits Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre über die elektronische Redaktion (1978) und über Journalismus in der Computergesellschaft (1982) geschrieben. Insofern verwundert es, dass Pürer und Raabe 2002 nicht darüber hinausgehen und das Internet mit keinem Wort erwähnen. Denn die seither beobachtbaren Deformierungen des Journalismus lassen die Veränderungen der 1970er Jahre in einem neuen Licht erscheinen. Unbedingt müssen diese mitgedacht werden, will man die Periodisierung von Baumert ins 21. Jahrhundert fortschreiben. Bei Pürer und Raabe ist die inhaltliche Verkürzung sicherlich auch der Kürze der Darstellung geschuldet.

Kritisch anzumerken bleibt deshalb, dass der Begriff des redaktionstechnischen Journalismus der Komplexität der jüngeren Journalismusgeschichte nur unzureichend gerecht wird.

Literatur:

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München [Duncker & Humblot] 1928

Pürer, Heinz; Johannes Raabe: Zur Berufsgeschichte des Journalismus. In: Neverla, Irene; Elke Grittmann; Monika Pater (Hrsg.): Grundlagentexte zur Journalistik. Konstanz [UTB/UVK] 2002, S. 408-416

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

Weischenberg, Siegfried: Die elektronische Redaktion. Publizistische Folgen der Neuen Technik. München/New York [Saur] 1978

Weischenberg, Siegfried: Journalismus in der Computergesellschaft. Informatisierung, Medientechnik und die Rolle der Berufskommunikatoren. München/New York/London/Paris [Saur] 1982

Reich-Ranicki, Marcel

Reich-Ranicki, Marcel (Marceli Reich), geb. 2.6.1920 in Włocławek (Polen), gest. 18.9.2013 in Frankfurt am Main

Er hatte wahrhaftig seine Fans: Bei den Dreharbeiten für eine Fernsehdokumentation zu seinem 85. Geburtstag stießen der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und das Kamerateam in der Frankfurter Innenstadt zufällig auf Anhänger von Eintracht Frankfurt. Die Fußballfreunde erkannten ihn sofort. Sie hoben begeistert ihre Bierflaschen und skandierten lautstark seinen Namen.

Feuilleton trifft Popularkultur – kein anderer Kritiker in Deutschland genoss je eine derartige „Street credibility“ (Detering 2014: 11) wie der langjährige Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das verdankte er unter anderem der ZDF-Sendung Das Literarische Quartett. Darin präsentierte er von 1988 bis 2001 im Streitgespräch vor einem Millionenpublikum neue Bücher – und auch sich selbst, sein Temperament, seinen Witz und seine Streitbarkeit.  Anders als die Kulturteile der Zeitungen erreichte das bis dahin unbekannte Gesprächsformat nicht nur die Eingeweihten und Gebildeten: Mehr als die Hälfte der Zuschauer hatte kein Abitur. Und oft stieg der Absatz der in der Sendung vorgestellten Bücher schlagartig um viele tausend Exemplare.

Für sein Bemühen, Literatur über das Fernsehen zu popularisieren, erhielt Reich-Ranicki 1989 den Bambi und 2000 die Goldene Kamera. Als er 2008 den Deutschen Fernsehpreis vor laufender Kamera zurückwies, wurde er sogar in den sozialen Medien zum Star: Das YouTube-Video von der Veranstaltung ist bis heute über 1,5 Millionen Mal angeklickt worden.

Aber auch bei großen Teilen des buchaffinen Bildungsbürgertums genoss Reich-Ranicki Achtung und Vertrauen. Sein rastloses Engagement für die Buchwelt, sein Um- und Ausbau des FAZ-Feuilletons, seine Vorträge, die ungezählten → Interviews, → Essays und Jurytätigkeiten (unter anderem beim Ingeborg-Bachmann-Preis) machten ihn zweifellos zum einflussreichsten Feuilletonisten der Bundesrepublik. Selbst die akademische Elite konnte ihm schließlich den Respekt nicht verweigern. Viele namhafte Hochschullehrer schrieben als Kritiker für Reich-Ranicki in der FAZ – auch wenn die deutsche Germanistik den ,Parvenu‘, der nie studiert hatte, lange ignorierte. Reich-Ranicki erhielt im Laufe seines Lebens die Ehrendoktorwürde von neun Universitäten im In- und Ausland und insgesamt 25 bedeutende Literaturpreise und Auszeichnungen, darunter das große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland. Die Laudatio bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises 2008 hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel (vgl. Merkel 2008).

Nie zuvor in Deutschland hatte ein Kulturjournalist einen derartigen Bekanntheitsgrad erreicht. Dabei war Reich-Ranicki im persönlichen und beruflichen Umgang schwierig. Sein kompromissloser Stil, seine mitunter schroffe und apodiktische Art zu urteilen und seine Lust am persönlich geführten Streit verschafften ihm auch viele Gegner und Feinde. Vor allem in der Welt der Autoren mischten sich Bewunderung und Dankbarkeit für seine journalistische Mittlertätigkeit mit Angst, Wut und sogar Hass. Man sehnte sein Lob herbei und fürchtete nichts so sehr wie seine Verrisse. Häufig kam es zu schweren Konflikten, zum Beispiel mit Peter Rühmkorf (vgl. Hilse/Opitz 2015), Günter Grass (vgl. Weidermann 2019) oder Martin Walser, der in seinem Roman Tod eines Kritikers auf höchst fragwürdige Art ein Zerrbild von ihm zeichnete.

Reich-Ranicki sezierte Literatur nicht nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten, sondern betonte den gesunden Menschenverstand als Maßstab. Bücher durften vor allem nicht langweilen, sie mussten Menschen berühren, wichtige Themen zur Sprache bringen. Diese Literatur ins öffentliche Gespräch zu bringen, war sein Lebensziel. Das entsprach jenem Ideal, mit dem sich das → Feuilleton vor gut 200 Jahren von der Wissenschaft gelöst hatte, ohne sie als höhere, gleichsam historische Instanz in Frage zu stellen.

Reich-Ranickis Leben war ein Leben für dieses Ideal. Es war zugleich ein Leben, das von der politischen Zerrissenheit und den Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts geprägt war. 1920 in der polnischen Grenzstadt Włocławek als Marceli Reich geboren, siedelt er neun Jahre später mit der Familie nach Berlin um, wo er 1938 das Abitur ablegt. In der Schule ist er noch wenig antisemitischer Diskriminierung ausgesetzt. Gleichwohl fühlt er sich als Außenseiter. Er entdeckt die Welt der Bücher als Gegenwelt, verschlingt die Klassiker, entdeckt vor allem die ,Schriftstellerjournalisten‘ wie → Heine, Tucholsky, → Kästner oder Kisch.

Zum Germanistikstudium wird er als Jude 1938 nicht mehr zugelassen. Noch im gleichen Jahr weisen ihn die NS-Machthaber mit Tausenden anderer Polen aus dem Deutschen Reich aus. Er schlägt sich nach Warschau durch, wohin auch seine Familie zurückgekehrt ist. Ein Jahr später überfällt die Wehrmacht Polen und legt Warschau in Trümmern. Es beginnt eine Zeit des Terrors, der Razzien, Verhaftungen und willkürlichen Erschießungen. Ende 1940 lassen die Deutschen den von Juden bewohnten Stadtbezirk der polnischen Hauptstadt einmauern – mit Hunderttausenden sind Reich und seine Familie im Warschauer Getto gefangen. Erst in buchstäblich letzter Minute entgehen er und seine Frau dem Abtransport ins Vernichtungslager und können aus dem Getto fliehen. Beide schließen sich der polnischen Armee an. Reich tritt nach dem Krieg in die Kommunistische Partei ein, arbeitet für den Geheimdienst, wird unter dem neuen Namen Ranicki polnischer Konsul in London. 1949 aber bittet er um Abberufung, kehrt nach Warschau zurück, wird kurz inhaftiert und aus der KP ausgestoßen.

Nach dieser bis heute umstrittenen Lebensphase arbeitet er noch neun Jahre in Polen als Lektor und Literaturkritiker mit marxistischer Prägung, die aber zunehmend schwächer wird. Kontakte mit Westautoren und westlichen Zeitungen führen schließlich 1958 zur Übersiedlung in die Bundesrepublik, wo er sich fortan Marcel Reich-Ranicki nennt. Er schreibt frei für die FAZ und die Welt und wird für 13 Jahre ständiger → Literaturkritiker der ZEIT, die ihm aber nie eine feste Stelle anbietet. 1973 schließlich holt ihn Joachim Fest nach Frankfurt, wo er bis 1988 als leitender Redakteur für Literatur und literarisches Leben arbeitet, bevor er das Literarische Quartett übernimmt.

Reich-Ranicki hat die Stationen seines Lebens in seiner bewegenden, in 18 Sprachen übersetzten und 2009 verfilmten Autobiographie Mein Leben (Reich-Ranicki 1999) geschildert. Seine Erinnerungen lassen nachempfinden, wie sich durch Leseerfahrungen und menschliche Begegnungen sein Berufsziel des Literaturvermittlers herausbildete und festigte. Dabei zeigen sich vier Säulen, die seine Arbeit bis ans Lebensende tragen sollten:

  • Literaturkritik als journalistisches Angebot dient dem Medienpublikum, nicht den Autoren. Sie hat die Voraussetzungen und Reaktionen der Leserinnen und Leser zu berücksichtigen und ihnen Orientierung zu geben: „Wir sind nicht dazu da, die Autoren zu belehren, wie sie schreiben sollen, sondern dem Publikum zu sagen, was und wie die Autoren geschrieben haben.“ (Reich-Ranicki 1984: 100). Dabei sah er sich nicht als Richter (was ihm oft unterstellt wurde), sondern als Anwalt – ein Anwalt, der freilich nicht den Geschmack des Publikums bedienen, sondern „Bedürfnisse von Lesern“ (Reich-Ranicki 2006: 346) wecken will.
  • Um das Publikum zu interessieren, muss Literaturkritik in der Lage sein, es anzusprechen, ohne es zu überfordern. Sie muss sich um Verständlichkeit bemühen. Es war eine der großen Stärken Reich-Ranickis, unprätentiös zu sprechen und zu schreiben, jedes Imponiergehabe und das, was man als Feuilletonstil beklagt, zu vermeiden.
  • Literaturkritik muss, will sie neugierig auf Bücher machen, unterhaltsam sein. Das heißt nicht, dass sie an der Oberfläche der Dinge entlangtanzen soll. Es ist auch nicht als Plädoyer für sogenannte Unterhaltungsliteratur zu verstehen (die hat Reich-Ranicki nie interessiert). Vielmehr soll sie selbst stilistisch jene Lust am Lesen widerspiegeln, die sie wecken will.
  • Schließlich muss Literaturkritik von einem festen Standpunkt aus über die Qualität von Büchern urteilen. Darin sah sich Reich-Ranicki in der Tradition seiner journalistischen Vorbilder (vgl. Reich-Ranicki 1994), von Lessing über Fontane bis Tucholsky. Vermutlich überschätzte er dabei, welchen Wert ein mündiges, informationsorientiertes Feuilletonpublikum heute dem Verdikt des → Kritikers beimisst. Dennoch hat er es über Lob und Verriss in kaum einer Rezension versäumt, auch zu informieren und argumentativ zu belegen, worauf seine Haltung gründet.

Haltung war insgesamt die größte Stärke des Journalisten Marcel Reich-Ranicki. Stets blieb er auf Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen bedacht. Er stellte sich gegen die Linie seiner Zeitung, als 1972 der sogenannte Radikalenerlass erging. Er verteidigte, obwohl selbst längst kein Linker mehr, linke Autoren im sogenannten Deutschen Herbst 1977. Auch zum Handlungsgehilfen des Buchbe­triebs ließ er sich nicht machen. Nie hat er Gefälligkeitsrezensionen geschrieben, nie auf Schmeicheleien von Autoren mit Schmeicheleien reagiert, nie Verlegerinteressen bedienen wollen – auch um den Preis zerstörter Freundschaften. Niemand hat das glaubwürdiger (weil seufzend) attestiert als der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld: „Marcel Reich-Ranicki mag gelegentlich Missverständnisse oder gar leichtere Fehlurteile eingestehen, in einem ist er unbeugsam: in seiner Haltung gegenüber Verlegern: ,Wir [Literaturkritiker] sind nicht da, Ihnen zu helfen. Man kann sogar sagen, wir sind dazu da, Sie zu stören. Wir sind nicht Ihr verlängerter Arm, sondern eine Opposition!‘“ (Unseld 1985: 47)

Literatur:

Detering, Heinrich: Wenn Liebe sich als Angriff kostümiert. Was die Germanistik Marcel Reich-Ranicki alles zu verdanken hat – eine Würdigung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2014, S. 11.

Hilse, Christoph; Stephan Opitz: Marcel Reich-Ranicki/Peter Rühmkorf. Der Briefwechsel. Göttingen [Wallstein] 2015.

Merkel, Angela: Die Zeit ist reif, eine Ikone des Feuilletons zu ehren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2008, S. 26.

Reich-Ranicki, Marcel: Die Anwälte der Literatur. Stuttgart [DVA] 1994.

Reich-Ranicki, Marcel: Erst die Poesie, dann die Theorie. In: Jochen Jung (Hrsg.): Was Kritiker gerne läsen. Literaturalmanach 1984. Salzburg [Residenz] 1984, S. 99-101.

Reich-Ranicki, Marcel: „Ich will Bedürfnisse wecken“ (Interview mit Gerrit Bartels). In: Marcel Reich-Ranicki: Aus persönlicher Sicht. Gespräche 1999 bis 2006. Hrsg. v. Christiane Schmidt. München [DVA] 2006, S. 341-356.

Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. Stuttgart [DVA] 1999.

Reich-Ranicki, Marcel; Sigrid Löffler; Hellmuth Karasek: … und alle Fragen offen. Das Beste aus dem Literarischen Quartett. Hrsg. v. Stephan Reichenberger unter Mitarbeit von Alex Rühe. Mit einem Vorwort von Johannes Willms. München [Heyne] 2000.

Reus, Gunter: Marcel Reich-Ranicki. Kritik für alle. Darmstadt [wbg Theiss] 2020.

Unseld, Siegfried: Marcel Reich-Ranicki zu ehren. In: Jens Jessen (Hrsg.): Über Marcel Reich-Ranicki. Aufsätze und Kommentare. München [dtv] 1985, S. 45-51.

Weidermann, Volker: Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2019.

Zum Weiterlesen:

Anz, Thomas: Marcel Reich-Ranicki. München [dtv] 2004.

Reich-Ranicki, Marcel: Der doppelte Boden. Ein Gespräch mit Peter von Matt. Frankfurt am Main [Fischer] 1994.

Reich-Ranicki, Marcel: Lauter Lobreden. München [dtv] 1992.

Reich-Ranicki, Marcel: Lauter Verrisse. Mit einem einleitenden Essay. Erweiterte Neuausgabe. München [dtv] 1992.

Reich-Ranicki, Marcel: Meine deutsche Literatur seit 1945. Hrsg. v. Thomas Anz. München [Pantheon] 2017.

Wittstock, Uwe: Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie. München [Blessing] 2015.

Schriftstellerischer Journalismus

Dieter Paul Baumert unterteilte 1928 in seiner Dissertation Die Entstehung des deutschen Journalismus die ihm damals bekannte Geschichte des Journalismus in vier Perioden. Dabei stellt der schriftstellerische Journalismus den Übergang vom → korrespondierenden Journalismus hin zum → redaktionellen Journalismus dar.

Die Periode des schriftstellerischen Journalismus beginnt für Baumert Ende des 18. Jahrhunderts und reicht bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die damaligen gesellschaftlichen Veränderungen durch die Urbanisierung, aber auch durch die Französische Revolution 1789, machten in seinen Augen auch eine Veränderung des Journalismus notwendig, denn die zeitgenössische „Avisen- und Intelligenzpresse“, schien „dem allgemeinen und aktuellen Lesebedarf nicht mehr zu genügen“ (Baumert, 1928: 35). Baumert unterstellte dem damaligen Zeitgeist, dass eine „literarische Veredelung der eigentlichen Tagespresse“ (Baumert 1928: 43) durch Schriftsteller notwendig sei.

Doch aufgrund der langen Unterdrückung insbesondere der Tageszeitungen durch die Zensur fand der aufklärerische Geist seinen Ausdruck in Zeitschriften, die zunächst losgelöst von der Aktualität räsonierten. Diese standen in der Tradition der ‘Moralischen Wochenzeitungen’, Papier gewordene Aufklärung des 18. Jahrhunderts, und bilden für Baumert (1928: 36) den „Keim schriftstellerischer Journalistik“. Auf diesem Wege entstand die „tagesschriftstellerische Arbeit“, die dann mit „den Schriftstellern des ‚Neuen Deutschland‘ ihren Höhepunkt“ erreichen sollte.

Baumert nennt als besonders auffällig, dass sich der schriftstellerische oder auch literarische Journalismus (Eberwein 2013) wirtschaftlich unabhängig vom Zeitungswesen entwickelte. Denn Kennzeichen der literarisch und politisch ambitionierten Zeitschriften der Revolutionszeit war, dass sie zumeist das Werk wirtschaftlich unabhängiger Herausgeber wie Joseph Görres waren, die, so Baumert, nur „nebenberuflich als Journalisten tätig“ waren und denen die „politische Journalistik nicht Erwerbschance, sondern sittliche Pflicht“ (Baumert 1928: 42) schien. Zugleich ist dies aber auch seine Kritik. Baumert betonte die „wirtschaftsberufliche Unzulänglichkeit des schriftstellerischen Journalismus“ (Baumert 1928: 40) und die Notwendigkeiten des Verlagswesens.

Die bedeutenden Schriftsteller konnten sich schließlich wenig mit der Tagesschriftstellerei anfreunden, aber, so Baumert (1928: 46), auf dem Weg hin zum modernen redaktionellen Journalismus „ergaben sich gerade für diejenigen Schriftsteller, die nicht die literarische Elite darstellten, feste Arbeitsverhältnisse, die eine hauptberufliche, tagesschriftstellerische Betätigung ermöglichten“.

Mit der Professionalisierung des Journalismus, die erst in politisch freieren und wirtschaftlich prosperierenden Zeiten – nach 1848 für Baumert, eigentlich erst nach der Wende zum 20. Jahrhundert in Deutschland – einsetzte, konnten auch korrespondierender und schriftstellerischer Journalismus zum redaktionellen Journalismus werden. Rudolf Stöber (2005: 15) hat zu Recht bemerkt, dass korrespondierende wie schriftstellerische Phasen deshalb ebenfalls präjournalistisch seien. Und auch schon für Baumert war der von ihm so genannte schriftstellerische Journalismus eben nur halber Journalismus, denn er hatte zu wenig mit der Redaktion von Nachrichten zu tun.

Die einprägsamen Begriffe, orientiert an den jeweils dominierenden Akteuren, haben sich zur Unterteilung der Journalismusgeschichte als sehr funktional erwiesen. Noch heute bietet Baumert eine lesbare Beschreibung des Journalismus der Zeit der Napoleonischen Kriege und des Vormärz (Baumert 2013). Allerdings bleiben bei ihm die großen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen insgesamt unterrepräsentiert (Birkner 2012).

Literatur:

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München [Duncker & Humblot] 1928

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013

Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914 Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

Eberwein, Tobias: Literarischer Journalismus. Theorie – Traditionen – Gegenwart Köln [Herbert von Halem Verlag] 2013

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005