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Arbeitstechniken

    Eine Einführung von Gabriele Hooffacker

    Wortherkunft: griech. technikós, von griech. téchne = Handwerk, Kunst, Kunstfertigkeit

    Journalistische Arbeitstechniken umfassen Kenntnisse und Fertigkeiten zur Herstellung professioneller Medienprodukte, die die beruflichen Qualitätsstandards im Journalismus erfüllen und erlernbaren Regeln folgen. Sie beziehen alle Phasen des journalistischen Schaffensprozesses ein: von der Themenfindung und Themenentwicklung über die → Recherche und die medienspezifische Gestaltung und Aufbereitung in → journalistische Genres bis hin zum redaktionellen Management.

    Die Ausdifferenzierung journalistischer Arbeitstechniken ist zentral für die Professionalisierung im Journalismus. Im frühen Zeitungsbuch Zeitungs Lust und Nutz beschrieb Caspar Stieler 1695 erstmals Anforderungen an die Arbeitsweise der Journalisten. Sie reichen von Ratschlägen zu Recherche und sachlicher Richtigkeit bis hin zur Forderung nach „fleissigen Correctores“, die Fehler der Journalisten entdecken und korrigieren. Eine Verbesserung und Professionalisierung der journalistischen Arbeitsweise hatte Karl Bücher im Sinn, als er 1916 in Leipzig das Institut für Zeitungskunde gründete.

    Mit der Abkehr von der Vorstellung, Journalismus sei vor allem ein Begabungsberuf, wurden Anleitungen zum praktischen Journalismus erforderlich. Nach amerikanischem Vorbild erschienen in der Bundesrepublik seit den 1970-er Jahren die ersten Journalismus-Lehrbücher, die das journalistische Handwerk in den Mittelpunkt stellten. Beispielhaft sei hier die Einführung in den praktischen Journalismus von Walther von La Roche 1975 genannt, dem Ausgangspunkt der von La Roche gegründeten Buchreihe Journalistische Praxis. Bald kamen weitere Lehrbücher und Reihen hinzu. Bereits früh entstand in der DDR eine differenzierte Genre-Theorie.

    Walther von La Roche beschrieb den Journalismus nach den grundlegenden Tätigkeiten Recherchieren – Formulieren – Präsentieren – Organisieren. Diese Darstellung ging in das Berufsbild des Journalisten des Deutschen Journalistenverbands ein. Zu den journalistischen Arbeitstechniken gehören demnach Themenfindung und -entwicklung, Kreativitätstechniken und der Umgang mit Schreibblockaden, methodisches Recherchieren, Beherrschen der journalistischen Genres und der Trennungsregeln (Trennung von Information und Meinung sowie Trennung von redaktionellem und werblichem Inhalt) sowie das mediengerechte Präsentieren. Seit dem Jahr 2000 tritt neben die Regeln redaktionellen Arbeitens verstärkt die Ausbildung in organisatorischen, auch ökonomischen Fertigkeiten unter dem Stichwort ‘Entrepeneurship’ im Journalismus.

    Journalistik und Publizistik-Wissenschaft haben sich weniger mit den Arbeitstechniken des praktischen Journalismus beschäftigt. Das Thema ist bislang vorwiegend eine Domäne praxisorientierter Ratgeberliteratur. Diese wiederum ist vor allem zu einzelnen Arbeitstechniken wie dem kreativen Arbeitsprozess, dem Recherchieren oder dem medienspezifischen Aufbereiten vorhanden: Oft werden dort die Genres, Techniken und Tools behandelt, also in Lehrmaterialien zum Radio-Journalismus, zum Video-Journalismus oder zu Social Media.

    Ebenfalls bei La Roche gab es frühzeitig ein Kapitel ‘Hilfsmittel’, in dem vom eigenen Handarchiv bis zum Smartphone grundlegende technische Hilfsmittel genannt werden. Mit den digitalen Tools und Plattformen haben sich eigene Online-Portale entwickelt, die neue Software, Apps und Plattformen vorstellen, beispielsweise rund um das Thema Mobile Journalism. Die amerikanische Society of Professional Journalists stellt auf www.journaliststoolbox.org eine Übersicht bereit.

    Literatur:

    Briggs, Mark: Journalism 2.0. How to Survive and Thrive. A digital literacy guide for the information age. http://www.kcnn.org/images/uploads/Journalism_20.pdf. 2007

    Fischer, Heinz-Dietrich; Horst Minte (Hrsg.): Karl Bücher. Auswahl der publizistikwissenschaftlichen Schriften. Bochum [Brockmeyer] 1981

    Hagelweide, Gert (Hrsg.): Kaspar Stieler: Zeitungs Lust und Nutz. Vollständiger Neudruck der Originalausgabe von 1695. Bremen [Schünemann] 1969

    La Roche, Walther von; Gabriele Hooffacker; Klaus Meier: Einführung in den praktischen Journalismus. Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege Deutschland • Österreich • Schweiz. 19. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Gabriele Hooffacker
Gabriele Hooffacker
*1959, Prof. Dr. phil., seit 2013 Professorin an der HTWK Leipzig. 1999 gründete sie die Journalistenakademie in München, die sie bis 2013 gemeinsam mit Peter Lokk leitete. Sie gibt die Lehrbuchreihe Journalistische Praxis bei Springer VS heraus, die von Walther von La Roche gegründet wurde. Arbeitsschwerpunkte: Online und Crossmedia, Medienwandel, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: gabriele.hooffacker (at) htwk-leipzig.de Zu journalistischen Arbeitstechniken hat Gabriele Hooffacker einen → Einführungsbeitrag geschrieben.

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Bildressort

Wortherkunft: Zusammengesetztes Wort aus Ressort von frz. ressortir = zugehören und Bild (Synonym für Fotografie)

Definition:
Zu den Aufgaben eines Bildressorts – oder synonym einer Bildredaktion bzw. Fotoredaktion – gehört die „Beschaffung und redaktionelle Bearbeitung von Bildern“ (Schulze 2001: 191), entweder durch Bildrecherche bei Bildagenturen oder die Beauftragung von festangestellten → Redaktionsfotograf*innen oder freien Fotograf*innen. Dies geschieht in der Regel durch auf das Thema Bild spezialisierte Redakteur*innen, die als Bindeglied zwischen Fotojournalist*innen, Layout und Textredakteur*innen fungieren (Blecher 2001: 90). Vor allem bei größeren Magazinen und Tageszeitungen sind dem Bildressort auch die Redaktionsfotograf*innen zugeordnet.

Das spezifische Tätigkeitsfeld einzelner Bildredakteur*innen unterscheidet sich dabei von Medium zu Medium je nach Größe, Erscheinungsform und Zielgruppe (Sachsse 2003: 20), so wie auch die Ausdifferenzierung von verschiedenen Arbeitsrollen (z. B. Bildchef oder Bildarchivar) innerhalb der → Ressorts. Die Bildredaktion ist ein „flexibles Tätigkeitsfeld […] dessen journalistische Prägung eindeutig ist, und in das in besonders hohem Maße spezifisch fotografische und organisatorische Aufgaben integriert sind“ (Martin/Werner 1981: 59). Durch „die Selektion, Kontextualisierung und Bearbeitung“ (Isermann 2014: 151) von Transferbildern – von einigen auch als Rohmaterial oder Halbfertigware bezeichnet (Blecher 2001: 58) – produzieren Bildredakteur*innen journalistische Medienbilder (Lobinger 2012: 68).

Im Gegensatz zu den klassischen Ressorts im Journalismus wie Politik, → Kultur oder Wirtschaft ist die Abgrenzung nicht inhaltlicher Natur, sondern zeichenspezifisch. Ob eine Redaktion über ein eigenes Bildressort verfügt, hängt von der Art der → Redaktionsorganisation ab. Während dies für große Zeitungen und Zeitschriften in der Regel zutrifft, werden die Aufgaben bei kleineren, meist lokalen und regionalen Zeitungen oft auf andere → Redakteur*innen verteilt (Schulze 201: 191). Bildredaktionen finden sich auch bei den Bilderdiensten der Nachrichtenagenturen und Bildagenturen.

Geschichte:
Die Geschichte des Bildressorts und dessen Bedeutung für das Zeitungs- und Zeitschriftenwesen ist – anders etwa als die Geschichte der Pressefotografie (Pensold 2015) – bis heute weitestgehend unaufgearbeitet. Während die Entstehung von Redaktionen und Ressorts im Journalismus allgemein auf die Mitte des 19. Jahrhunderts angesetzt wird (vgl. Meier 2002: 119), wird eine historische Untersuchung dadurch erschwert, „dass Bildredakteure in der Öffentlichkeit stets in zweiter Reihe standen“ (Vowinckel 2016: 109). Vowinckel datiert gleichwohl den Prozess der Professionalisierung von Bildredakteur*innen auf das frühe 20. Jahrhundert (ebd.).

Trotz dieses beginnenden Prozesses und der herausragenden Bedeutung von Illustrierten waren Bildressorts bis in die 1930er nicht flächendeckend etabliert (Dussel 2019: 99). Noch Ende der 1920er Jahre soll die Berliner Morgenpost die einzige Tageszeitung mit einer Bildredaktion gewesen sein (Weise 2015: 267). Erstmalig ausführlich beschrieben wird das Tätigkeitsfeld Bildredakteur*in beim den Nationalsozialisten nahestehenden Zeitungswissenschaftler Willy Stiewe (1933). Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts galt, dass Bildredakteur*innen überwiegend Autodidakt*innen waren und ihr Berufsbild selbst entwerfen mussten (Vowinckel 2019: 111).

Spezifische Untersuchungen zu Bildressorts bzw. Bildredaktionen im Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus des Nachkriegsdeutschlands liegen nicht vor. Dass jedoch abgesehen von den überregionalen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen nicht von deren flächendeckender Existenz ausgegangen werden kann, darauf verweist etwa das Ergebnis einer Fallstudie zur Organisation der Zeitungsredaktion, da bei nur einer von sechs untersuchten Blättern eine eigenständige Bildredaktion existierte (Moss 1998).

Gegenwärtiger Zustand:
Der Umstieg von analoger auf digitale Fotografie sowie die flächendeckende Verbreitung der elektronischen Bildverarbeitung (EBV) und des Desktop-Publishings im Journalismus (Macias 1990) haben auch zu einem tiefgreifenden Wandel bildredaktioneller Arbeit geführt. Während auf der einen Seite komplette Arbeitsrollen wie Laborant*innen oder Archivar*innen aus den Bildressorts verschwanden, konzentrierte sich die Arbeit auf den Bildschirm bzw. den Computer, wo heute alle Recherche-, Bearbeitungs-, Archivierungs- sowie Layouttätigkeiten stattfinden. Gleichzeitig ist die Anzahl der zu verarbeitenden Bilder extrem gestiegen. Verarbeitete die Bildredaktion der FAZ im Jahr 1999 1200 Bilder pro Tag (Pohlert 1999: 14), so sind es heute mehr als 20.000 (Runge 2016: 281). Vor allem im tagesaktuellen Nachrichtenjournalismus wird dabei so gut wie ausschließlich mit Agenturmaterial gearbeitet.

Der weitgehende Umstieg auf online first in vielen Redaktionen hat die Arbeitsprozesse fundamental verändert und zu einer engen Arbeitstaktung geführt. Dazu kommt, dass im Rahmen von Prozessen redaktioneller Konvergenz bei Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen eigenständige Bildressorts auf den Prüfstand kommen. Innerhalb der Redaktionen war die Bildauswahl von Print und Online lange getrennt und je nach Verlag wird dies bis heute sehr unterschiedlich gehandhabt. Eine einheitliche Ausbildung zur/zum Bildredakteur*in existiert weiterhin nicht. Bildressorts finden sich heute nicht mehr nur bei Nachrichtenmagazinen, Zeitungen und Onlinemedien, sondern auch bei Fernseh- und Radiosendern, etwa der Deutschen Welle oder dem Deutschlandfunk. Dort sind die Bildredakteur*innen sowohl für die Bebilderung der jeweiligen Online-Angebote als auch die Gestaltung der Hintergrundbilder für Fernsehbeiträge zuständig.

Forschungsstand:
In der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft sind Arbeiten, die sich spezifisch mit dem Bildressort und Bildredakteur*innen befassen, extrem rar gesät. In Arbeiten, die sich konkret der Redaktions- und Ressortforschung widmen (vgl. Wyss 2002; Meier 2012), fehlen Hinweise zu Bildressorts oft völlig oder werden nur am Rande erwähnt (vgl. Rühl 1979; Moss 1998). Positive Ausnahme ist die 1979/80 von Martin/Werner durchgeführte Bildjournalisten-Enquete.

Angesichts der Tatsache, dass es zu visueller Publizistik eine ganze Reihe von Inhaltsstudien gibt, erscheint die Nicht-Berücksichtigung der Produktion erstaunlich. Einzig Rössler et al. (2011) untersuchten mit einer Studie über → Fotonachrichtenfaktoren journalistische Selektionsentscheidungen. Die Beobachtung der Stern-Bildredaktion ergab, dass neben den Fotonachrichtenfaktoren persönliche Einstellungen, Hintergrundwissen sowie redaktionelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen die entscheidenden Einflussfaktoren auf die journalistische Bildselektion darstellen (Rössler et al 2011: 216). Eine theoretische Modellierung bildredaktioneller Arbeit ausgehend von einer systemtheoretischen Bestimmung des → Fotojournalismus hat Koltermann (2020) vorgenommen.

Etwas umfangreicher sieht der Forschungsstand in der englischsprachigen Literatur aus, wobei die Ergebnisse aufgrund unterschiedlicher Journalismuskulturen nur bedingt auf Deutschland übertragbar sind. Bereits die Klassiker der Fotojournalismusforschung aus den USA (Newton 2001; Langton 2009) nehmen ganz selbstverständlich Bezug auf die bildredaktionellen Praktiken bei amerikanischen Zeitungen. Mortensen und Gade (2018) haben anhand der Tageszeitung The Times Herald-Record untersucht, inwieweit sich die Arbeitsprozesse einer Bildredaktion nach dem Entlassen der Staff-Fotograf*innen verändert haben, während Láb und Štefaniková (2017) fotojournalistische und bildredaktionelle Routinen im Fotojournalismus Zentraleuropas untersucht haben.

Interessante Erkenntnisse gab es in den Studien dahingehend, dass die Verantwortung für die Bildauswahl mit der Digitalisierung stärker auf die Fotojournalist*innen verlagert wurde (Láb/Štefaniková 2017), Bildredakteur*innen tendenziell den individuellen Einfluss auf die Bildauswahlprozesse gegenüber redaktionellen Routinen zu überschätzen (de Smaele et al. 2017) und sich ihre Rolle von Gatekeeper*innen zu Gatechecker*innen des „visual news stream“ gewandelt hat (Schwalbe, Silcock et al. 2015). Die umfassendste Arbeit zum Thema stammt von der Ethnologin Zeynep Gürsel (2016), die in einer medienanthropologischen Studie die Bildredaktionen internationaler Agenturen und Magazine untersucht hat.

Literatur:

Blecher, Helmut: Fotojournalismus. Hamburg [Rotbuch-Verlag] 2001.

de Smaele, Hedwig; Eline Geenen et al.: Visual Gatekeeping – Selection of News Photographs at a Flemish Newspaper. A Qualitative Inquiry into the Photo News Desk. In: Nordicom Review 38, 2017, S. 57-70.

Dussel, Konrad: Bilder als Botschaft. Bildstrukturen deutscher Illustrierter 1905-1945 im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Publikum, Köln [von Halem] 2019.

Grittman, Elke: Fotojournalismus und journalistische Bildkommunikation in der digitalen Ära. In: Lobinger, Katharina (Hrsg.): Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung, Wiesbaden [Springer VS] 2019, S. 125-143.

Gürsel, Zeynep Devrim: Image Brokers: Visualizing World News in the Age of Digital Circulation. Oakland [University of California Press] 2016.

Isermann, Holger: Digitale Augenzeugen: Entgrenzung, Funktionswandel und Glaubwürdigkeit im Bildjournalismus. Wiesbaden [Springer VS] 2014.

Koltermann, Felix: Bildredaktion und bildredaktionelles Handeln. Die Fotografie im redaktionellen Arbeitsprozess. In: Grittmann, Elke; Felix Koltermann: Hybrid, Multimedial, Prekär: Fotojournalismus im Um- und Aufbruch, Köln [Springer VS] 2020 (In Vorbereitung)

Láb, Filip / Štefaniková, Sandra: Photojournalism in Central Europe. Editorial and Working Practices. In: Nordicom Review 38, 2017, S. 7-23.

Langton, Loup: Photojournalism and today’s news: Creating visual reality. Chichester [Wiley-Blackwell] 2009.

Lobinger, Katharina: Visuelle Kommunikationsforschung: Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden [VS Verlag] 2012.

Macias, José: Die Entwicklung des Bildjournalismus, München [Saur] 1990.

Martin, Ludwig; Wolfgang Werner: Bildjournalisten Enquete, Baden-Baden [PIAG] 1981.

Meier, Klaus: Ressort, Sparte, Team. Wahrnehmungsstrukturen und Redaktionsorganisation im Zeitungsjournalismus, Konstanz [UVK] 2002.

Mortensen, Mette; Peter J. Gade: Does Photojournalism Matter? News Image Content and Presentation in the Middletown (NY) Times Herald-Record Before and After Layoffs of the Photojournalism Staff. In: Journalism & Mass Communciation Quarterly 95 (4) 2018. S. 990-1010.

Moss, Christoph: Die Organisation der Zeitungsredaktion. Wiesbaden [Westdeutscher Verlag] 1998.

Newton, Julianne Hickerson: The burden of visual truth: The role of photojournalism in mediating reality. Mahwah, NJ [Erlbaum] 2001.

Nilsson, Maria: A Faster Kind of Photojournalism? Image-Selection Processes in a Swedish Newsroom, In: Nordicom Review 38, 2017, S. 41-55.

Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus: Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Pohlert, Christian-Matthias: Bilder in der Zeitung, München [Keyser] 1999.

Rössler, Patrick; Jan Kersten et al.: Fotonachrichtenfaktoren als Instrument zur Untersuchung journalistischer Selektionsentscheidungen. In:  Jandura, Olaf; Thorsten Quandt, Jens Vogelsang (Hrsg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden [VS Verlag] 2011, S. 205-221.

Runge, Evelyn: Ökonomie der Fotografie. Beobachtungen zum globalen Markt der Bilder. In:

Medienwissenschaft, 3, 2016, S. 274-296.

Rühl, Manfred: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System, Freiburg [Universitätsverlag Freiburg] 1979.

Sachsse, Rolf: Bildjournalismus heute: Beruf, Ausbildung, Praxis, München [List Verlag] 2003.

Schulze, Volker: Die Zeitung. Ein medienkundlicher Leitfaden, Aachen [Hahner Verlagsgesellschaft] 2001.

Schwalbe, Carol B./William B. Silcock et al.: Gatecheckers at the Visual News Stream. In: Journalism Practice 9 (4) 2015, S. 465-483.

Stiewe, Willy: Das Bild als Nachricht, Berlin [Carl Duncker] 1933.

Weise, Bernd: „ullstein bild“ – vom Archiv zur Fotoagentur – Fotografie im Presseverlagsgeschäft. In: Oels, David; Ute Schneider: „Der ganze Verlag ist einfach eine Bonbonniere“. Ullstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin [de Gruyter] 2015, S. 259-286.

Wyss, Vinzenz: Redaktionelles Qualitätsmanagement. Konstanz [UVK] 2002.

Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.

Blattkritik

Den Teil der Redaktionskonferenz, der der Kritik an der letzten Zeitungs- oder Heft­ausgabe gewidmet ist, nennen Journalisten Blattkritik. Oft übernimmt bei jeder Zusammenkunft ein anderer Redakteur oder eine andere Redakteurin diese Aufgabe und verteilt Tadel und Lob zur Qualität der Themenauswahl und des Layouts, der → Recherche, der Sprache oder der Bilder. Da­zu gehört auch der Vergleich mit Konkurrenzme­dien. In den Rundfunk- und Fernsehmedien nennt man diese Form der redaktionsinternen Beurteilung Sendekritik. Je nachdem, wie ernst eine Redaktion diese Auf­gabe nimmt, ist die Blatt- bzw. Sendekritik ein wichtiges Instrument der internen → Qualitätskontrolle (vgl. auch → journalis­tischer Jargon).

Fotojournalismus

Wortherkunft: Der Begriff Fotojournalismus setzt sich aus den Wörtern „Foto“ (Abkürzung von Fotografie, aus dem Altgriechischen, frei übersetzt „Zeichnen mit Licht“) und „Journalismus“ zusammen.

Definition:
Der Fotojournalismus ist ein Handlungsfeld des Journalismus, „das sich mit der Herstellung, Distribution für und Publikation von Fotografien in journalistischen Medien befasst“ (Grittmann 2019: 130). Zuweilen werden auch die Begriffe Pressefotografie, Dokumentarfotografie, Bildjournalismus oder Editorial Photography verwendet. Im Vordergrund des Fotojournalismus stehen unbewegte (Einzel-)Bilder in Form von Fotografien, die als Medienbilder (Lobinger 2012) in journalistischen Publikationen kontextualisiert und in einem speziellen Bildermarkt gehandelt werden (vgl. Wilke 2008: 38 ff.). Als ein professionelles Arbeitsgebiet orientiert sich der Fotojournalismus „sowohl an fotografischen als auch journalistischen Normen und Funktionen“ und weist darüber hinaus „spezifische Produktionsstrukturen, Organisationen und Arbeitsweisen auf, die die Bilder, ihre Gestaltung und Ikonografie bestimmen“ (Grittmann 2019: 131). Der Fotojournalismus entfaltet sich innerhalb eines komplexen Prozesses journalistischer Bildkommunikation (vgl. Isermann 2014: 127 ff.).

Die beiden wichtigsten Berufsrollen sind der Fotojournalist, auch als Fotoreporter oder Pressefotograf bezeichnet, und der Bildredakteur. Sie unterscheiden sich in Bezug auf verschiedene Arbeitsrollen und arbeiten sowohl festangestellt als auch frei. Während der Fotoreporter für die Produktion zuständig ist, liegt Distribution, Redaktion und Publikation in den Händen des Bildredakteurs. Zu einem gewissen Grad ist heute eine Auflösung der Arbeitsrollen zu beobachten, etwa weil Fotoreporter bildredaktionelle Aufgaben übernehmen oder Textredakteure fotografieren. Innerhalb des Fotojournalismus lassen sich die beiden Felder der Nachrichtenfotografie und der Dokumentarfotografie ausdifferenzieren, die sich vor allem in Bezug auf die involvierten Akteure und Prozesse hinsichtlich der Produktion, der Distribution und der Publikation unterscheiden (vgl. Koltermann 2018: 14). Während die Nachrichtenfotografie tagesaktuell und an Ereignissen orientiert ist, fokussiert sich die Dokumentarfotografie eher auf Themen und nutzt vorrangig die Reportage als Darstellungsform. Als fotojournalistische Formate/Genres werden News Photograph (Nachrichtenbild), unterteilt in Spot News und General News, → Porträt, Feature, Illustration und die Reportage angesehen (vgl. Newton 2008: 3604), die ihre Umsetzung entweder in Form von Einzelbildern oder Serien finden.

Die zentrale gesellschaftliche Aufgabe des Fotojournalismus ist es, den Lesern und Rezipienten visuelle Informationen zur Verfügung zu stellen, um damit über die kritische Begleitung von Ereignissen und Themen zur Meinungsbildung beizutragen. Die zentrale Referenzgröße im Fotojournalismus ist die → Authentizität, die eng mit dem Prinzip der Augenzeugenschaft verbunden ist. Die → Authentizität gilt dabei nicht als eine dem fotografischen Bild inhärente Eigenschaft, sondern als ein professioneller Standard (vgl. Grittmann 2003: 125). Die rechtlichen Bedingungen des Fotojournalismus, vor allem in Bezug auf das Recht am eigenen Bild und die Bildverwertung, sind in Deutschland im Kunsturhebergesetz (KUG) zusammengefasst (vgl. Feldmann 2008: 137 ff.). Darüber hinaus ist der Pressekodex von Relevanz, insbesondere als Leitlinie für bildethische Debatten im Rahmen medialer Selbstkontrolle (vgl. Leifert 2007: 165 ff.). Formen kodifizierter Bildethik finden sich in Form von Codes of Conduct auch innerhalb von Institutionen wie den Nachrichtenagenturen oder den Verbänden. Die wichtigsten Interessenvertretungen für den Fotojournalismus in Deutschland sind der Fotografenverband FREELENS sowie die Journalistengewerkschaften DJV und DJU in ver.di.

Geschichte:
Die Wurzeln des Fotojournalismus liegen in Bezug auf die Fotografie in der Entwicklung fotografischer Negativ-Verfahren und, was den Journalismus betrifft, in der Entstehung einer illustrierten Massenpresse (vgl. Pensold 2015: 7 ff.). Förderlich waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts zudem die Entwicklung von Verfahren, um Fotografie zu drucken (Macias 1990: 21 ff.), die sich im Weiteren verfeinerten, sowie ab den 1920er Jahren die Entwicklung der modernen Kleinbildkamera (vgl. Gidal 1972: 14). Die ideellen Werte liegen hingegen in einer humanistischen Tradition – also einer weltanschaulichen Orientierung an der Menschenwürde und einer thematischen Fokussierung auf sozial Benachteiligte und gesellschaftliche Randgruppen – was vor allem im 20. Jahrhundert die Ausbildung der Dokumentarfotografie entscheidend mitprägte. Zu einer ersten großen Blütezeit des Fotojournalismus kam es in den Zwischenkriegsjahren, zum einen aufgrund der Entstehung bildorientierter Massenblätter wie der „Berliner Illustrirte Zeitung“, zum anderen aufgrund neuer, auf die Fotografie fokussierter, Medienunternehmen wie Dephot oder Ullstein (vgl. Bauernschmitt/Ebert 2015: 43 ff.). Vor allem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Medienkrise der 1970er Jahre gilt als das „goldene Zeitalter des Fotojournalismus“ (vgl. ebd.: 72). Die Expansion von Nachrichtenagenturen wie Associated Press trug zudem zur Entstehung einer globalen visuellen → Öffentlichkeit bei (vgl. Vowinckel 2016: 31). Parallel dazu entstanden Fotografenagenturen wie Magnum, die ausschließlich von Fotojournalisten kontrolliert wurden und eine fotojournalistische Autorenschaft propagierten. Zu einer radikalen Umorientierung im Fotojournalismus, insbesondere hinsichtlich der Arbeitsroutinen und -praktiken, kam es spätestens zum Ende des 20. Jahrhunderts mit dem flächendeckenden Umstieg von analoger auf digitale Fotografie.

Gegenwärtiger Zustand:
Die stetige Bedeutungszunahme fotografischer Bilder im Journalismus in den letzten Jahrzehnten hat erstaunlicherweise nicht zu einer Stärkung des Fotojournalismus geführt. So gibt es – im Unterschied zu den Bilderdiensten der Nachrichtenagenturen und den Bildnachrichtenagenturen – bei Zeitungen und Nachrichtenmagazinen immer weniger festangestellte Fotojournalisten. Darüber hinaus ist der Bildermarkt starken Konzentrations- und Rationalisierungsprozessen ausgesetzt, in den zusätzlich Amateure und semi-professionelle Fotografen als Akteure hinzugestoßen sind und Phänomene wie die Stockfotografie immer wichtiger werden. Für die zunehmend freischaffend arbeitenden Fotojournalisten ist das Corporate Publishing zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle geworden. Des Weiteren wird nach neuen Vermarktungswegen und -strategien gesucht, für die Ausstellungen, Fotobücher und Crowdfunding die zentralen Stichworte darstellen. Die Arbeitsroutinen in der digitalen Bildpraxis entwickeln sich dahingehend weiter, dass von Fotojournalisten immer öfter auch die Produktion von Tonaufnahmen und Bewegtbild gefordert wird. So geht die Entwicklung zunehmend in Richtung von Video-Journalismus und Multimedia-Storytelling. Auch das Smartphone als Arbeitsgerät wird immer wichtiger. Dies nutzen natürlich auch Amateure, deren Bilder vor allem bei → Breaking News in direkter Konkurrenz zu den Fotografien professioneller Fotojournalisten stehen.

Forschungsstand:
Eine eigenständige Fotojournalismusforschung ist trotz der Bedeutung von Bildern im Journalismus bis heute nicht auszumachen, auch wenn diese immer wieder eingefordert wird (Koltermann 2020). Teilbereiche des Fotojournalismus werden jedoch von unterschiedlichen Disziplinen wie der Visuellen Kommunikationsforschung, den Visual Culture Studies, der Visual History sowie der Kunst- und Bildwissenschaft beforscht. Grundsätzlich ist dabei eine Präferenz für das fotografische Bild gegenüber der Beschäftigung mit Akteuren und Strukturen des Fotojournalismus zu beobachten. Anknüpfungspunkte an andere Forschungsfelder der Kommunikationswissenschaft bieten etwa die Untersuchung zu Fotonachrichtenfaktoren (Rössler/Kersten et al. 2011). Ein zentraler Forschungsgegenstand der letzten Jahre war die Rolle von Amateurfotografien (Andén-Papadopoulos 2011; Isermann 2015). Verschiedene, eher medienethnographisch ausgerichtete Arbeiten nahmen darüber hinaus die Produktionsbedingungen bei den Nachrichtenagenturen in den Blick (Gürsel 2016; lan 2019). Neuere Forschungen beschäftigen sich mit dem Fotojournalismus aus einer multimodalen Perspektive (Pfurtscheller 2017), → Stockfotografie (Runge 2018) sowie journalistischen Bildern auf verschiedenen Ausspielkanälen, insbesondere den Social-Media-Plattformen (Kanter/Koltermann 2020).

Literatur:

Andén-Papadopoulos, Kari; Mervi Pantti: Amateur images and global news. Bristol/Chicago [intellect] 2011.

Bauernschmitt, Lars; Michael Ebert: Handbuch des Fotojournalismus. Heidelberg [dpunkt] 2015.

Feldmann, Dirk: Rechtliche Bedingungen im Fotojournalismus. In:  Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammann (Hrsg.): Global, lokal, digital: Fotojournalismus heute. Köln [von Halem] 2008, S. 137-164.

Gidal, Tim: Deutschland. Beginn des modernen Photojournalismus. Bucher [Luzern] 1972.

Grittmann, Elke: Die Konstruktion von Authentizität. Was ist echt an den Pressefotos im Informationsjournalismus? In: Knieper, Thomas; Marion G. Müller (Hrsg.): Authentizität und Inszenierung von Bilderwelten. Köln [von Halem] 2003, S. 123-149.

Grittman, Elke: Fotojournalismus und journalistische Bildkommunikation in der digitalen Ära. In: Lobinger, Katharina (Hrsg.): Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung, Wiesbaden [Springer VS] 2019, S. 125-143.

Gürsel, Zeynep Devrim: Image Brokers: Visualizing World News in the Age of Digital Circulation. Oakland [University of California Press] 2016.

Ilan, Jonathan: The international photojournalism industry. New York [Routledge] 2019.

Isermann, Holger: Digitale Augenzeugen: Entgrenzung, Funktionswandel und Glaubwürdigkeit im Bildjournalismus. Wiesbaden [Springer VS] 2014.

Kanter, Heike; Felix Koltermann: Astro-Alex auf dem Weg zur ISS: Kontextwandel bildjournalistischer Kommunikation im digitalen Journalismus. In: Brantner, Cornelia; Katharina Lobinger; Maria Schreiber: Vernetzte Bilder. Visuelle Kommunikation in Sozialen Medien. Köln [von Halem] 2020 (In Vorbereitung).

Koltermann, Felix: Fotoreporter im Konflikt: Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina. Bielefeld [transcript] 2017.

Koltermann, Felix: Auf dem Weg zu einer Fotojournalistik – Plädoyer für eine angewandte Fotojournalismusforschung. In: Journalistik 3, 2019.

Leifert, Stefan: Bildethik: Theorie und Moral im Bildjournalismus der Massenmedien. München [Fink] 2007.

Lobinger, Katharina: Visuelle Kommunikationsforschung: Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden [VS Verlag] 2012.

Macias, José: Die Entwicklung des Bildjournalismus. München [Saur] 1990.

Newton, Julianne H.: Photojournalism. In: Donsbach, Wolfgang (Hrsg.): The International Encyclopedia of Communication Band 8, Malden [Blackwell Publishing] 2008, S. 3604 – 3609.

Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus: Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Pfurtscheller, Daniel: Visuelle Zeitschriftengestaltung Nachrichtenmagazine als multimodale Kommunikationsformen. Insbruck [Insbruck University Press] 2017.

Runge, Evelyn: Bilddatenbanken, Social Media und Artificial Intelligence. In: POP. Kultur und Kritik, Jg. 12 (2018), S. 108-113.

Rössler, Patrick; Jan Kersten, et al.: Fotonachrichtenfaktoren als Instrument zur Untersuchung journalistischer Selektionsentscheidungen. In:  Jandura, Olaf; Thorsten Quandt, Jens Vogelsang (Hrsg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden [VS Verlag] 2011, S. 205-221.

Stiftung Deutsches Historisches Museum/ullstein bild: Die Erfindung der Pressefotografie, Berlin [Hatje Cantz] 2017.

Wilke, Jürgen: Der Bildermarkt in Deutschland – Akteure, Vermarktungswege, Handelsgebräuche, Markttendenzen. In: Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammann (Hrsg.): Global, lokal, digital: Fotojournalismus heute. Köln [von Halem] 2008, S. 36-50.

Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.

hängen

rheinischepost_andreasendermann1Definition: 1.) eine aktive Handlung im Bereich journalistischer Arbeitstechniken zur Begutachtung journalistischer Produkte, überwiegend in Tageszeitungsredaktionen. 2.) eine problematische Situation im Produktionsprozess journalistischer Werke, üblicherweise in audiovisuellen Medien, die eine zeitliche Überschreitung des geplanten Ablaufs betont.

1.) umgangssprachliche Bezeichnung für den üblichen Vorgang, in der Nachmittagskonferenz einer Zeitungsredaktion bisher vorproduzierte Zeitungsseiten auszudrucken und an einer Präsentationsleiste im Konferenzraum aufzuhängen. Dort werden die Seiten vom Kollegium gemeinsam begutachtet. Es handelt sich daher um eine Art kollektives Basis-Redigat, das der → Qualitätssicherung dient. Der tatsächliche Vorgang des ‘Aufhängens’ ist durch die Digitalisierung seltener geworden: In vielen Redaktionen existiert mittlerweile eine Monitorwand (auch engl. ‚panel‘ genannt), auf der die Seiten als Datei angezeigt und auf diese Weise betrachtet werden (siehe Foto).

2.) Vor allem im Showbusiness und bei Live-Übertragungen im Fernsehen steht der Ausdruck ‘hängen’ für die Feststellung, dass sich der geplante Programmablauf/Sendeablauf verzögert. Die Äußerung „Wir hängen zehn Minuten“ bedeutet, dass die Produktion zum aktuellen Zeitpunkt zehn Minuten länger dauert als im Zeitplan vorgesehen. Wird das Defizit im weiteren Verlauf nicht wieder ausgeglichen (oder bei aufgezeichneten Sendungen durch kürzende Schnitte in der Postproduktion korrigiert), kommt es zur ‘Überziehung’, das heißt, die Sendezeit wird überschritten und verändert damit (im Fernsehen) das weitere Sendeschema. Allgemein bekannt wurde dieser Umstand in den vergangenen Jahrzehnten oft durch live ausgestrahlte Samstagabend-Shows wie Einer wird gewinnen mit Hans-Joachim Kulenkampff (ARD) und Wetten, dass..? mit Thomas Gottschalk (ZDF). Eingeblendete Hinweise wie „Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um 45 Minuten“ gingen in den deutschen Sprachgebrauch über.

kalt schreiben

Oft verläuft eine journalistische → Recherche nicht wie geplant, ein → Interview kommt nicht oder käme nur unter riesigem Aufwand zustande, für den Besuch einer Veranstaltung bleibt keine Zeit. Dann ist die Ver­suchung groß, einen Beitrag kalt zu schreiben, also mithilfe ande­rer Materialien (z. B. aus dem In­ternet oder dem eigenen Archiv) zu verfassen, obwohl man eigent­lich vor Ort hätte recherchieren müssen.

Bundesweit sorgte 2011 René Pfister für Aufsehen: Der Spiegel-Journalist hatte mit einem Porträt über den bayrischen Ministerpräsiden­ten Horst Seehofer den Henri-Nannen-Preis für die beste Reportage erhalten. Sie begann mit einer plasti­schen Schilderung von Seehofers Modelleisenbahn. Bei der Preisverleihung räumte Pfister dann ein, nie in Seehofers Eisenbahnkeller gewesen zu sein. Das hatte er allerdings auch nie behauptet.

Kalt geschriebene Texte müssen keine Täuschung der Leser sein, sofern die Urheber klarmachen, wel­che Quellen ihren Schilderungen zugrunde liegen oder wo sie sich gar der Fiktion bedie­nen. Ver­schleiern sie dies alles, ist freilich die Grenze zum Leserbetrug überschritten. Dafür steht das Bei­spiel Tom Kummer: Der Schweizer Journalist machte zwischen 1990 und 2000 mit Künst­ler-Inter­views in Qualitätsmedien Furore, bis aufflog, dass er mit den Stars nie selbst ge­spro­chen, sondern die Interviews aus anderen Texten collagiert hatte.

In der Geschichte des → Feuille­tons gibt es wie­derholt Beispiele dafür, dass Kritiker über Konzerte schrieben, die gar nicht stattge­fun­den hatten, oder dass sie Programmteile rezensierten, die am Abend der Aufführung kurzfristig ge­strichen wor­den waren. Die Rezensenten hatten kalt geschrieben, weil sie zum Beispiel von an­deren Tournee­stationen und aus Archivtexten zu wissen glaubten, wie der Abend ablaufen werde.

Kalt zu schreiben kann aber auch redlich und sinnvoll zu sein – zum Beispiel, wenn man vor einem anstrengenden Abend­termin schon einmal sachliche Bestandteile (Vorgeschichte, faktische Zusam­menhänge, Parallelen etc.) zusammenschreibt, um diese Bausteine später schnell in den Beitrag einfügen zu können. Auch Routinebeiträge zum Beispiel über Jubiläen, Gedenk- oder Geburtstage werden oft vorgeschrieben. Selbst Nekrologe (Nachrufe) liegen mitunter schon ‘in der Schub­lade’, um im Falle des bald zu erwartenden Todes einer Persönlichkeit rasch und doch fun­diert reagieren zu können (vgl. auch → journalis­tischer Jargon).

lokal herunterbrechen

Der umgangssprachliche Begriff „lokal herunterbrechen“ meint die journalistische Methode, sich überregionale oder regionale → Nachrichten für die lokale Berichterstattung zunutze zu machen und ihnen dadurch eine lokale Relevanz zu verleihen.

Der metaphorische Ausdruck „herunterbrechen“ steht dabei für das Verfahren, ein bedeutsames Ereignis oder eine gesellschaftliche Entwicklung auf ihren Gehalt für die Lokalberichterstattung zu reduzieren, sich quasi ,ein Stück davon abzuschneiden‘. Mit diesem Vorgehen lässt sich der Nachrichtenfaktor der räumlichen, mitunter auch emotionalen Nähe erzeugen. So porträtierte das Campus-Magazin pflichtlektüre der Technischen Universität Dortmund Teilnehmer der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro, die an der TU Dortmund studieren (pflichtlektüre 2016: 20-25). Dadurch gab die Redaktion dem weit entfernten Großereignis eine lokale Bedeutung. Dies kann auch sinnvoll sein, um komplexe Themen verständlicher aufzubereiten, indem sie auf das direkte Lebensumfeld der Leser projiziert werden. Entsprechend ist diese Form der Themengenerierung im → Lokaljournalismus von Tageszeitungen oder in anderen lokal begrenzten Publikationen gebräuchlich.

Für die Methode ist überwiegend einer der folgenden Untersuchungsansätze üblich:

1) Tragweite: Was bedeutet die Nachricht für den lokalen Berichterstattungsraum, in dem die Publikation erscheint? (z.B. Welche Auswirkungen haben die Terroranschläge auf das Sicherheitskonzept der Stadt? Welche Folgen hätten die Handelsabkommen TTIP und CETA für die Verbraucher und Firmen der Stadt?)

2) Situationsvergleich: Welche Situation ist im lokalen Berichterstattungsraum vorhanden und wie lässt sie sich mit der Situation vergleichen, die in der bestehenden Nachricht geschildert wird? (z.B. Mangel an Fachärzten, Pflegenotstand in Seniorenheimen)

3) Meinungsbildung: Welche persönliche Auffassung hat die heimische Bevölkerung zu dem überregionalen Geschehen? Je nach Thema wird sich die journalistische Recherche auf eine Straßen- oder Expertenumfrage konzentrieren. (z.B. Was halten Sie von einem Verbot von Plastiktüten im Einzelhandel? Was halten Sie von der Hygiene-Ampel für Gaststätten? Brauchen wir mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum?)

Cynthia Hardy nennt diesen Vorgang im Kontext der Diskursanalyse „bearing down“ (dt. etwas niederdrücken) und weist darauf hin, dass er auch in umgekehrter Richtung möglich ist – als „scaling up“: Hierbei werden lokale Nachrichten adaptiert und generalisiert, wodurch sie eine institutionalisierte Bedeutung gewinnen (vgl. Hardy 2004: 422; Hardy 2011: 195, zit. n. Zschiesche 2015: 154).

Das Herunterbrechen ist nicht nur innerhalb der Redaktionen etabliert, sondern wird auch von offiziellen Einrichtungen unterstützt: So veranstaltete die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) im März 2017 eine Konferenz mit dem Titel „Jede Stimme zählt“. Zuhören, berichten, bewegen – die Bundestagswahl 2017 im Lokalen. Darin erarbeiteten Redakteure u.a., wie Bundesthemen auf die lokale Ebene kommen: „Wie hoch die Steuern ausfallen, wie viele Betreuungsplätze es für Kinder gibt, ob schnelles Internet vorhanden ist oder in welchem Zustand die Fernstraßen sind – die Bundespolitik wirkt sich auf jeden von uns aus. Wie lässt sich über die Auswirkungen vor Ort berichten? Und wie lassen sich Parteiprogramme ins Lokale übersetzen?“ (Bundeszentrale für politische Bildung 2017: 3).

Zudem stellt die drehscheibe, das Forum für Lokaljournalisten der bpb, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Presse-Agentur auf ihrer Website kontinuierlich Möglichkeiten vor, wie sich überregionale Nachrichten lokal aufgreifen lassen – von der deutschlandweit steigenden Geburtenrate über die Frauenquote in der Unternehmensführung bis zur Präsenz des Extremismus.

Literatur:

Bundeszentrale für politische Bildung: „Jede Stimme zählt“. Zuhören, berichten, bewegen – die Bundestagswahl 2017 im Lokalen. Redaktionskonferenz für Lokaljournalistinnen und Lokaljournalisten von Tageszeitungen. Flyer, 2017. (Hier als PDF-Datei verfügbar.)

Hardy, Cynthia: Scaling Up and Bearing Down in Discourse Analysis: Questions Regarding Textual Agencies and Their Context. In: Organization, 11(3), 2004, S. 415-425.

Hardy, Cynthia: How Institutions Communicate; or How Does Communication Institutionalize? In: Management Communication Quarterly, 25(1), 2011, S. 191-199.

pflichtlektüre: Rio! Zehn Studierende aus Dortmund und Bochum über ihren Weg zu den Olympischen Spielen in Brasilien. In: pflichtlektüre. Studierendenmagazin für Dortmund, 4, 2016, S. 20-25. (Die Ausgabe ist hier online abrufbar.)

Pöttker, Horst; Anke Vehmeier (Hrsg.): Das verkannte Ressort. Probleme und Perspektiven des Lokaljournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013.

Zschiesche, Sandra Morticia: Kulturorganisationen und Corporate Cultural Responsibility. Eine neoinstitutionalistische Analyse am Beispiel der Festivalregion Rhein-Neckar. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2015.

Moderation

Wortherkunft: Bereits im 16. Jahrhundert ist das Verb ‘moderieren’ aus dem Lateinischen ‘moderare’ (= mäßigen) entlehnt worden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es erstmals im deutschen Rundfunk verwendet in der Bedeutung von ‘eine Sendung mit einleitenden Worten versehen/durch eine Sendung führen’. Abgeleitet wurde es von engl. to moderate (= eine Versammlung, ein Gespräch leiten).

Definition:
Bezug nehmend auf die Wortherkunft ist ein Moderator die Person, die eine Sendung moderiert und eine Moderation die Tätigkeit des Moderierens. Moderation und die Sonderform ‘Talk’ gibt es nur in Fernsehen oder Hörfunk, weil ein Gespräch als simultane Kommunikation zwischen Menschen stattfinden soll. Der Moderator oder Talkmaster übernimmt hierbei die Funktion der Gesprächsleitung. Im alltäglichen Gebrauch wird mit Moderation all das bezeichnet, was ein Rundfunkjournalist tut, um ein Programm anzusagen, einzuleiten oder zu einem anderen Programmteil überzuleiten. Moderierte Sendungen sind gestaltete Sendungen, die häufig live ausgestrahlt werden. Im Unterschied zu Sprechern oder Ansagern, die nur vorgefertigte Texte verlesen, übernimmt der Moderator eine Vielzahl an Aufgaben. Grundsätzlich muss er vermitteln (vgl. Buchholz 2000: 63) und „Orientierungen im Umfeld der Sendung geben können“ (Wachtel 2000: 92). Neben den Ankündigungen von Beiträgen (Anmoderation) und der Nachinformation (Abmoderation) führt er → Interviews und reagiert auf aktuelle Meldungen.

Moderatoren gestalten sehr unterschiedliche Sendeformate wie Nachrichten- und Magazinsendungen, Unterhaltungs- und Musikprogramme, Gameshows oder Publikumsbeteiligungen. Die Moderation zeigt und fordert die ganze Person, die fachliche und kommunikative Kompetenz sowie authentischen Sprach- und Sprechstil (vgl. Wachtel 2000: 91). Auch seine Meinung darf der Moderator in vielen Sendungen äußern. Dies gehört besonders bei Magazinen zum Format. Dennoch sollte die Moderation in erster Linie informationsbetont sein.

Der Moderator hat zugleich die Aufgabe, für sein Programm zu werben und die Neugier des Publikums zu wecken. Hierbei leistet er Identifikation für Hörer und Zuschauer, indem er dem Programm eine Stimme bzw. ein Gesicht gibt und über seine Person eine Bindung zum Kunden schafft (vgl. Buchholz 2000: 65). Jedoch ist Moderator kein Beruf, sondern eine Form journalistischer Arbeit (vgl. Buchholz 2000: 62). Daher wird sie überwiegend von Journalisten ausgeübt, die meist als Redakteur oder Reporter auch andere Aufgaben haben. Bisweilen allerdings werden Personen aus ganz anderen Branchen (Ärzte, Köche, Sportler) durch ihre thematische Kompetenz und/oder ihr Charisma zu Moderatoren (v.a. im Fernsehen) und infolgedessen wiederum zu → Prominenten.

Ein bedeutsames Genre für die Aufgabe der Moderation ist die Talkshow. Mit diesem Begriff wird eine Sendung bezeichnet, in der ein Gesprächsleiter (Talkmaster) Personen durch Fragen zu Äußerungen anregen will. Der Talkmaster soll dabei neutral bleiben. Eine Talkshow kann ihren Schwerpunkt auf politische und gesellschaftliche Themen oder auch auf den Alltag legen. Die Abgrenzung zu Interview und Diskussion fällt oft schwer. In der Regel ist in einer Talkshow jedoch mehr als eine Person zu Gast, und das Thema der Sendung muss sich nicht zwangsläufig für kontroverse Standpunkte eignen. Ziel einer Talkshow kann auch sein, Personen vorzustellen (Porträt-Talk) oder Fachleute einzuladen, die ein schwieriges Thema verständlich machen (Experten-Talk). Zudem haben viele Talkshows Seriencharakter: Sie werden entweder jeden Tag (Daily Talk), einmal pro Woche oder in anderen Zeitabständen gesendet.

Gegenwärtiger Zustand:
Neben diversen populären Showformaten sowie unterhaltungs- oder serviceorientierten Magazinen ist im Bereich der Fernsehpublizistik das Format der politischen Talkshow sehr präsent. In diese Rubrik gehört als Vorreiter der seit 1987 fast unveränderte und daher in seiner Form anachronistisch wirkende Presseclub (ARD), in dem sonntags mittags Journalisten wechselnder Zeitungen, Nachrichtenmagazine und Rundfunksender ein aktuelles Thema diskutieren – jeweils moderiert von Intendanten, Chefredakteuren oder Programmgruppenleitern der ARD. Die Sendung ist ein direkter Nachfolger des Internationalen Frühschoppen, den Werner Höfer von 1952 bis 1987 leitete und dessen Konzept (fünf Journalisten aus fünf Ländern) seit 2002 gelegentlich beim Sender Phoenix wieder aufgegriffen wird. Der Frühschoppen basiert seinerseits auf dem US-amerikanischen Talk Meet the Press (NBC, seit 1947). Es handelt sich bei dem Genre der politischen Talkshow also um keine Erfindung der Neuzeit. Durch die Eingliederung mehrerer Sendungen mit ähnlichen Konzepten und Gästen sowie prominenten Moderatoren ins Programmschema erfuhr das Format seit der Jahrtausendwende jedoch einen medialen Aufschwung. Ausschlaggebend mag hier Journalistin Sabine Christiansen gewesen sein, die von 1998 bis 2007 die nach ihr benannte Abend-Talkshow in der ARD moderierte, mit der sie bis zu fünf Millionen Zuschauer erreichte (vgl. Riedner 2007). Zu den gegenwärtig populärsten Sendungen, die zum Teil ebenfalls den Namen der Moderatoren tragen, gehören Anne Will (ARD), Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Hart aber fair (ARD, Moderation: Frank Plasberg) sowie einige Formate der Landesprogramme wie die Münchner Runde (BR, Moderation: Sigmund Gottlieb) und der Bürgertalk jetzt red i (BR, Moderation: Tilmann Schöberl, Franziska Storz).

Weniger politisch, sondern thematisch weit gestreut ausgerichtet, ist die Moderation von Personality-Talkshows wie dem Kölner Treff (WDR), Riverboat (MDR), der NDR Talkshow oder Markus Lanz (ZDF). Hier sind in einer Sendung mehrere (meist prominente) Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Branchen zu Gast, die in der Regel nacheinander und daher episodisch ein ‘Interview zur Person’ geben, häufig basierend auf aktuell verfügbaren Produkten des Gastes.

Die journalistische Moderation setzt auch im Hörfunk, vor allem in den öffentlich-rechtlichen Programmen, noch immer beispielhafte Akzente. Hervorzuheben sind hierbei etablierte Interview-Formate, in denen über eine längere Sendestrecke in Gesprächsblöcken Interviews zur Person geführt werden, wie im MonTalk (WDR 2, 1991-2017), bei Mensch, Otto! / Mensch, Theile! (Bayern 3, seit 1998, vormals unter dem Namen Stars & Hits – Die Promi-Show mit Thorsten Otto), in der Hörbar Rust (radioeins, seit 2002) oder auf der Blauen Couch (Bayern 1, seit 2005). Dabei variieren journalistischer Stil und Atmosphäre von sachlich-nüchterner Interviewstrategie mit klarer Frage-Antwort-Konstellation (hr2 Doppelkopf) bis zum lebhaft-dynamischen Gesprächscharakter (Mensch, Otto!). Manche Moderatoren beweisen hierbei, dass es funktioniert, in einem entspannten Umfeld gleichzeitig tiefgründige Konversation zu betreiben bzw. diese erst durch ein gelöste Atmosphäre zu ermöglichen. Die „Moderationsstile sind programmabhängig“ (Buchholz 2000: 68) und orientieren sich an Format und Anspruch, etwa ob es sich um ein Begleit- oder ein Einschaltprogramm handelt (vgl. ebd.).

Forschungsstand:
Die Medien- und Kommunikationsforschung befasst sich vor allem mit den Ressorts bzw. Formaten, in denen Moderation stattfindet (wie Talkshow, Quizshow, Sportmoderation) sowie der Darstellungsform Interview. Kommunikationswissenschaftliche Ansätze finden sich vereinzelt in der Rollenanalyse (z. B.: Gottschalk, Kerner & Co. Funktionen der Telefigur „Spielleiter“ zwischen Exzeptionalität und Normalität, hrsg. v. Rolf Parr/Matthias Thiele, Suhrkamp, 2001) sowie sehr umfangreich in der praktischen Ratgeberliteratur (etwa zu Sprechtraining und Rhetorik). Diese widmet sich in der Gestalt von ,Backstage- Publikationen’ auch dem beruflichen Einstieg (aktuell: Traumberuf Moderator. Hinter den Kulissen der TV-Welt von Ernst-Marcus Thomas, Tectum, 2015). Hier ist zudem ein stetig wachsendes Feld zu finden, das auf der Prominenz der Moderatoren basiert und einen biographischen Ansatz beansprucht (etwa Achtung Aufnahme! Erfolgsgeheimnisse prominenter Fernsehmoderatoren, hrsg. v. Nina Ruge/Stefan Wachtel, Econ, 1997) oder gleich als (Auto-)Biographie erscheint, insbesondere über Persönlichkeiten aus dem Showbusiness.

Literatur:

Arnold, Bernd-Peter (1999): ABC des Hörfunks. Konstanz [UVK] 1999

Blaes, Ruth; Georg Alexander Heussen (Hrsg.): ABC des Fernsehens. Konstanz [UVK] 1997

Buchholz, Axel: Moderation. In: La Roche, Walther von; Axel Buchholz (Hrsg.): Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. 7. Auflage. München [List] 2000, S. 62-89

Gehrau, Volker: Fernsehgenres und Fernsehgattungen. München [Reinhard Fischer] 2001

Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. Konstanz [UVK] 2000

Riedner, Fabian: Quotencheck: „Sabine Christiansen“. Die Politshow „Sabine Christiansen” wurde nach zehn Jahren beendet. Quotenmeter.de analysiert die Einschaltquoten. In: quotenmeter.de, 25.06.2007. http://www.quotenmeter.de/n/20767/quotencheck-sabine-christiansen (23.01.2017)

Roloff, Eckart Klaus: Journalistische Textgattungen. München [Oldenbourg] 1982

Steinbrecher, Michael; Martin Weiske: Die Talkshow. 20 Jahre zwischen Klatsch und News. München [Ölschläger] 1992

Wachtel, Stefan: Sprechen und Moderieren in Hörfunk und Fernsehen. 4. Auflage, Konstanz [UVK] 2000

Multimediales Storytelling

Wortherkunft: lat. multus = viel; engl. media, von lat. medius = in der Mitte befindlich, vermitteln; engl. story, aus lat. historia = Geschichte; engl. to tell = erzählen

Multimediales Storytelling beschreibt die Möglichkeit des Journalisten, im Internet innerhalb eines journalistischen Beitrags verschiedenste Medien zu nutzen und zu verbinden. Hier schöpfen Journalisten (wie zum Beispiel auch beim Datenjournalismus oder bei Newsgames, bei denen journalistische Inhalte interaktiv in Form eines einfachen Computerspiels vermittelt werden) die Möglichkeiten des digitalen Mediums aus, statt klassische Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Radio oder Fernsehen lediglich im Digitalen abzubilden.

Das Genre wird auch als ,Onepager‘ bezeichnet, weil die Inhalte zum Thema auf einer Internetseite und nicht auf mehreren Unterseiten verteilt sind. Weil der Nutzer, statt zu klicken, mit den Pfeiltasten nach unten navigiert, sprechen andere auch von ,Scrollytelling‘. Alternativ werden auch die Begriffe Multimedia-Story, Multimedia-Reportage, Multimedia-Feature oder Multimedia-Porträt genutzt. Diese lehnen sich an die jeweiligen → journalistischen Darstellungsformen aus dem Printjournalismus an.

Vorreiter für dieses neue journalistische Genre war die New York Times: Im Dezember 2012 war „Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek“ von Reporter John Branch das nach eigenen Angaben erste Multimedia-Feature. Im Jahr 2013 wurde es dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Angeblich soll die New York Times in die Mischform aus Text, interaktiven Grafiken, Simulationen und Videos bis zu einer Million US-Dollar gesteckt haben. Neben Journalisten waren auch zahlreiche Programmierer und Grafiker an „Snow Fall“ beteiligt. The Guardian zog im Mai 2013 mit „Firestorm“ nach. Die erste bekannte deutsche Multimedia-Story heißt „Pop auf’m Dorf“ über das Haldern-Pop-Festival, das der Westdeutsche Rundfunk erstellt und damit den Grimme-Online-Award gewonnen hat.

Bei Multimedialem Storytelling verbinden Journalisten sämtliche Medien, um die jeweiligen Stärken zu nutzen: Sie setzen Videos vor allem ein, um Bewegung oder Emotionen zu transportieren. (Interaktive) Grafiken eignen sich besonders, um Zahlen und Datenmaterial zu visualisieren. Text eignet sich nicht nur als Bindeglied, sondern auch für Analyse. Eine Audioslideshow lässt den Protagonisten zu den gezeigten Fotos eine Geschichte erzählen. In einem Loop wiederholen sich Sequenzen. Möglich ist es auch, Comics, Bildergeschichten, Zeitraffer oder Landkarten einzubinden. Beschränkt wird der Journalist nur durch die technischen Möglichkeiten.

Anders als in einem multimedialen Dossier gibt es beim Multimedialen Storytelling nur einen Erzählstrang. Die verschiedensten Medien wechseln sich ab. Es gibt keine redundanten Informationen. Die Medien werden so eingesetzt, wie es für die Geschichte am besten ist. Das heißt: Idealerweise denkt der Journalist vom Thema her und nicht vom Medium. Dennoch erkennt man zumindest bei den ersten Multimedia-Storys noch sehr gut das Ausgangsmedium: Bei „Snow Fall“ das Muttermedium Tageszeitung, bei „Pop auf’m Dorf“ die Rundfunkanstalt.

Während in der Anfangszeit des Internets Multimedia-Storys aus Gründen der Datenmenge noch nicht möglich waren, waren bei den ersten Scrollytelling-Projekten noch die Programmierkosten für zahlreiche Medien eine Hürde. Diese verschwindet zunehmend: Der WDR hat die Software Pageflow in Auftrag gegeben, der Bayerische Rundfunk als Pendant Linius, das mit der Weblog-Standardsoftware WordPress genutzt werden kann. Einfache Projekte, die wenig Wert auf Design legen, können auch mit Blog-Programmen umgesetzt werden, wie das studentische Projekt „Fridablogger“ gezeigt hat.

Literatur:

Eick, Dennis: Digitales Erzählen. Die Dramaturgie der Neuen Medien. Konstanz [UVK] 2014

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. 4. Auflage. Wiesbaden [SpringerVS] 2016

Hooffacker, Gabriele; Cornelia Wolf (Hrsg.): Technische Innovationen – Medieninnovationen? Wiesbaden [SpringerVS] 2017

Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. 2. Auflage. München [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015

Sturm, Simon: Digitales Storytelling. Wiesbaden [SpringerVS] 2013

 

online first

„online first“ (selten auch als „web first“ bezeichnet) beschreibt das Prinzip von Zeitungsverlagen, aktuelle Nachrichten zuerst für ihre Website aufzubereiten und dort zu veröffentlichen, bevor diese in der gedruckten Tageszeitung erscheinen. Leser werden damit über Neuigkeiten so schnell wie möglich im Internet oder über Social-Media-Kanäle informiert, statt dass Meldungen von Redaktionen zunächst zurückgehalten werden, um den Printlesern einen zeitlichen Vorzug zu gewähren.

In Deutschland waren ab Mitte der 2000er Jahre Spiegel online und Welt online Vorreiter dieser Methode, weltweit waren es der Guardian und die Times in London. Bis dahin herrschte in Verlagen die Meinung vor, dass insbesondere Exklusivnachrichten zuerst in der Printausgabe veröffentlicht werden sollten. Andernfalls würde der Anreiz zum Kauf einer Zeitung oder Zeitschrift wegfallen und sich Internet und Print kannibalisieren, wenn die Texte bereits kostenfrei im Netz abrufbar seien. Diese Sichtweise setzte allerdings voraus, dass es sich beim Internetangebot um kein Paid-Content-Modell handelt.

Redaktionen nahmen „online first“ anfangs unterschiedlich auf: Es wurde vermutet, dass der Zeitdruck und die Arbeitsbelastung für Journalisten steigt; schließlich werden die Texte häufig nicht 1:1 vom Internet in die gedruckte Zeitung übernommen, sondern Redakteure müssen eine für das Internet aufbereitete Kurzfassung schreiben. Dies erfolgt bei Presseterminen teilweise bereits vor Ort statt erst in den Redaktionsräumen, was auch als „mobile reporting“ beschrieben wird.

Das Prinzip „online first“ ging bei zahlreichen Redaktionen mit einer Umstrukturierung einher: Vielfach wurden Print- und Online-Redaktionen zusammengelegt; ein gemeinsamer Newsroom entstand, aus dem heraus die verschiedenen Medien der Marke produziert werden.

Je aktueller und bedeutender ein Ereignis für die Leser ist, umso eher wird „online first“ angewandt. Bei Hintergrundgeschichten oder Servicebeiträgen wird diese Richtlinie teilweise außer Kraft gesetzt. Bei exklusiven Beiträgen erfolgt eine Abwägung und genaue Planung über den zeitlichen Verlauf der crossmedialen Veröffentlichung.

Die Weiterentwicklung ist das System „Online to Print“, das in Deutschland als erste überregionale Tageszeitung Die Welt (2013) und als erste Regionalzeitung der Nordbayerische Kurier aus Bayreuth (2015) für sich reklamieren. Nach diesem Grundsatz wird zunächst für die Website recherchiert und geschrieben und erst im Anschluss die Tageszeitung für eine Art „Best of“ berücksichtigt. Redaktionen lösen sich damit vom zeitungszentrierten Denken, da sich der Blick nicht ständig auf den nächsten Tag richtet, wenn die gedruckte Zeitung erscheint, sondern auf den aktuellen.

Verwandt ist der Begriff zudem mit „mobile first“. Dieser bezieht sich jedoch nicht auf den redaktionellen Arbeitsprozess, sondern auf die Webkonzeption. Während ursprünglich Internetseiten für die Darstellung am PC oder Laptop konzipiert waren und darauf aufbauend mobile Versionen für Tablets und Smartphones entwickelt wurden, wird dies bei „mobile first“ umgedreht: Zuerst werden mobile Seiten (zum Beispiel auch Apps) konzipiert und programmiert. Diese Vorgehensweise wählen Webentwickler aufgrund der veränderten Nutzungsgewohnheiten von Usern, die immer öfter mobil ins Internet gehen.

Literatur:

ARD/ZDF-Medienkommission (Hrsg.): ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/ (28.04.2017)

ARD/ZDF-Medienkommission: Geräte für die Internetnutzung. In: ARD/ZDF-Medienkommission (Hrsg.): ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=557 (28.04.2017)

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. Texten und Konzipieren für das Internet. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 4. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016.

Hooffacker, Gabriele; Cornelia Wolf (Hrsg.): Technische Innovationen – Medieninnovationen? Herausforderungen für Kommunikatoren, Konzepte und Nutzerforschung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2017.

Jakubetz, Christian: Universalcode 2020. Content + Kontext + Endgerät. Konstanz [UVK] 2016.

Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. Crossmedia Storytelling Change Management. 2. Auflage. München [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015.

Pressefotograf

Der Pressefotograf ist neben dem Bildredakteur die zentrale Berufsrolle im → Fotojournalismus. Der Begriff findet für Akteure im Journalismus Verwendung, die aktuelle Fotografien von Ereignissen oder Personen für den redaktionellen Teil journalistischer Publikationen produzieren. Sie arbeiten sowohl für Zeitungs- und Zeitschriftenverlage als auch für Bild- und Nachrichtenagenturen. Synonym werden auch die Begriffe Zeitungsfotograf, Fotoreporter oder Fotojournalist benutzt. Der Berufszugang erfolgt entweder über eine Fotografenausbildung, bzw. ein Fotostudium, oder ein Volontariat bei einer Zeitung, bzw. einer Bildagentur. Pressefotograf ist keine geschützte Berufsbezeichnung, weshalb der Beruf, wenn nicht festangestellt ausgeübt, unter die freien Berufe fällt und somit nicht als Gewerbe gilt. Bei journalistischen Medien angestellte Pressefotografen zählen laut Tarifvertrag zur Gruppe der → Redakteure.

Die Entwicklung hin zu einer eigenständigen Pressefotografie und die Ausbildung des Berufsbildes Pressefotograf gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Entscheidend dafür war die Entwicklung von Verfahren, um Fotografien in der Presse drucken zu können (vgl. Vowinckel 2016: 55). Erste hauptberuflich arbeitende Pressefotografen lassen sich in Deutschland um die Jahrhundertwende nachweisen, womit eine Phase der Professionalisierung einsetzt (vgl. Grittmann 2007: 25). Einen Dämpfer bekommt die Entwicklung im zweiten Weltkrieg durch die Degradierung freier Pressefotografen durch das NS-Regime zu „uniformierten Bildberichterstattern in den Reihen der Propaganda-Kompanien“ (Pensold 2015: 75). Mit der Weiterentwicklung der Fotografie-, Druck- und Übertragungstechnik, wie etwa der Einführung der elektronischen Bildverarbeitung (vgl. Macias 1990: 71 ff.) oder dem flächendeckenden Umstieg auf die Digitalfotografie ging immer auch eine Anpassung der Arbeitspraktiken und -routinen einher.

Heute finden sich festangestellte Pressefotografen vor allem bei Lokal- und Regionalzeitungen sowie den Bilderdiensten der Nachrichtenagenturen, wie etwa der Deutschen Presse Agentur (dpa). Im → Lokaljournalismus arbeitende Pressefotografen führen weitestgehend redaktionelle Aufträge aus und verfügen somit nur über einen geringen Grad an Autonomie. Angesichts der Krise im Zeitungsjournalismus sowie eines damit verbundenen Wandels von Arbeitsformen ist die Zukunft des Berufs Pressefotograf unklar. Vor allem überregionale Tageszeitungen ebenso wie Magazine verfügen heute kaum noch über eigene Fotoreporter. Aktuelle Zahlen zur Anzahl festangestellter Pressefotografen gibt es jedoch nicht. Mit dem heute eher gebräuchlichen Begriff Fotojournalist wird ein hybrides Berufsfeld umschrieben, in dem vor allem frei arbeitende Fotografen sowohl für journalistische Medien als auch Corporate Publikationen tätig sind.

Literatur:

Grittmann, Elke: Das politische Bild: Fotojournalismus und Pressefotografie in Theorie und Empirie. Köln [von Halem] 2007.

Macias, José: Die Entwicklung des Bildjournalismus. München [Saur] 1990.

Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus: Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.