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Genres

    Eine Einführung von Horst Pöttker

    Wortherkunft: lat. genus, frz. genre = Gattung, Wesen, Art

    Definition:
    Als journalistische Genres bezeichnet man mehr oder weniger feste, etablierte und durch Lehrbücher formell standardisierte Darstellungsformen im professionellen Journalismus, z. B. → Nachricht, → Reportage, Kommentar oder → Interview.

    Geschichte:

    Die zentralen Genres Nachricht, Kommentar, Reportage und Interview haben sich im Journalismus mit der Massenpresse durchgesetzt, die als gewinnorientiertes kapitalistisches Unternehmen für ein möglichst großes und heterogenes Publikum attraktiv sein sollte und gleichzeitig von den Verlegern nach betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Kalkülen organisiert wurde.

    Da die ersten kommerziellen ‘Penny-Papers’ in den USA bereits in den 1830er Jahren gegründet wurden, hat sich die Entwicklung der Genres zu professionellen Standards zuerst im amerikanischen Journalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen, mit einem Schub in den 1880er Jahren. In Europa, wo die Massenpresse (‘Generalanzeiger’) ein halbes Jahrhundert später entstand, fand die Entwicklung der Genres mit entsprechender Verzögerung statt, wobei sowohl die Orientierung am amerikanischen Muster als auch eigenständige funktionale Faktoren eine Rolle gespielt haben.

    Auch wenn die Genres erst durch die Massenpresse und andere Medienentwicklungen im Journalismus auf breiter Front durchgesetzt worden sind, haben einzelne kreative Journalisten sie schon weit früher praktiziert, weil sie ihr kommunikatives Potential erkannt hatten.

    Gegenwärtiger Zustand:

    Genres sind lern- und trainierbare → Arbeitstechniken. Sie dienen der Aufgabe des Journalismus, → Öffentlichkeit im Sinne eines Optimums an Unbeschränktheit der gesellschaftlichen Kommunikation herzustellen, indem sie für journalistische Mitteilungen (Informationsinhalte) die Chance erhöhen, von Lesern, Hörern oder Zuschauern aufgenommen zu werden. Genres ebnen Informationsinhalten den Weg zum Publikum, indem sie helfen, Rezeptionswiderstände zu überwinden. Durch ihre feste Form wecken alle Genres bei potentiellen Rezipienten bestimmte Erwartungen an das journalistische Produkt. Sie eignen sich als Brücken für den Kommunikationsprozess, der zur Aufnahme des Informationsinhalts durch das Publikum führt. Über die generelle Gewöhnung hinaus wird die Rezeption durch besondere Aufmerksamkeits- und → Verständlichkeitsfaktoren gefördert, die als kommunikative Leistungsprinzipien für das jeweilige Genre charakteristisch sind. Mit den kommunikativen Leistungsprinzipien korrespondieren ebenfalls genrespezifische stilistische Merkmale.

    Aus der kommunikativen und stilistischen Spezifik ergeben sich außerdem Beziehungen zwischen Genres und Typen von Gegenständen des Journalismus. Wegen der unterschiedlichen Gegenstandstypen können darüber hinaus unterschiedliche → Recherchetechniken für Genres spezifisch sein.

    Abgesehen von ihrer kommunikativen Funktion sind Genres journalistische Produktionsroutinen, mit denen sich für die Journalisten und Medienunternehmen ökonomische Funktionen verbinden. Genres bringen eine eingeschliffene Regelhaftigkeit von Arbeitsabläufen mit sich, die Zeit spart und die Koordination von Tätigkeiten im Rahmen der → redaktionellen Organisation erleichtert.

    Forschungsstand:

    Im deutschen Sprachgebiet sind journalistische Genres am intensivsten in der DDR von Wissenschaftlern der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig erforscht und in der → Journalistenausbildung gelehrt worden. Der dortige Wissenschaftsbereich Sprache und Journalismus hat eine reichhaltige Literatur über stilistische Merkmale von Genres hervorgebracht, wobei man durchaus ihre kommunikative Funktion im Auge hatte. Nach 1989 versiegte die Leipziger Genrelehre. In der Kommunikationswissenschaft des vereinten Deutschlands ist es nur vereinzelt zu Anknüpfungsversuchen gekommen. Ähnlich unproduktiv war schon die wissenschaftliche Literatur über journalistische Textgattungen in der Bundesrepublik Deutschland vor 1990.

    In der englischsprachigen Kommunikationswissenschaft, die stärker am Journalismus und seinen professionellen Standards interessiert ist, konzentriert sich die Genre-Forschung bisher auf die Nachricht. Für die Entstehung der Nachricht im 19. Jahrhundert werden dabei vor allem äußere Faktoren wie die anfängliche Unzuverlässigkeit der Telegraphentechnologie, Machtinteressen der Nordstaaten-Regierung im Amerikanischen Bürgerkrieg, der Umbruch zum technokratischen Bildungsideal in der ‘Progressive Era’ oder als ökonomische Zwänge interpretierte Verlegerinteressen verantwortlich gemacht. Genres hingegen werden nur selten mit der kommunikativen Leistungsfähigkeit des Journalismus in Zusammenhang gebracht. Insgesamt gehört die sowohl historisch als auch funktional orientierte Genre-Forschung, die für die überzeugende Vermittlung der Genres in der Journalistenausbildung eine wichtige Grundlage wäre, zu den Desideraten der Journalistik und Kommunikationswissenschaft.

    Literatur:

    Andriefski, Peter; Peter Hackenschmidt; Kurt Rose: Die Nachricht als journalistisches Genre. Studientexte zur journalistischen Methodik. Leipzig [Karl-Marx Universität, Sektion Journalistik] 1989

    Haller, Michael: Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten. 2. Auflage. München [Ölschläger] 1990

    Haller, Michael: Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. München [Ölschläger] 1991

    Häusermann, Jürg: Journalistisches Texten. Sprachliche Grundlagen für professionelles Informieren. Konstanz [UVK] 2001

    Karl-Marx-Universität, Sektion Journalistik (Hrsg.): Wörterbuch der sozialistischen Journalistik. Leipzig 1984

    Karst, Theodor (Hrsg.): Reportagen. Stuttgart [Reclam] 1976

    Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke; Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

    Langer, Inghard; Friedemann Schulz von Thun; Reinhard Tausch: Sich verständlich ausdrücken. 5. Auflage. München/Basel [Ernst Reinhardt] 1993

    La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege. 11. Auflage. München [List] 1988

    Pöttker, Horst: Heines Tagesberichte für die „Allgemeine Zeitung“. Ein Beitrag zur Geschichte und Bestimmung der Reportage. In: Jarren, Otfried; Gerd G. Kopper; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung – Medium mit Vergangenheit und Zukunft. Eine Bestandsaufnahme. Festschrift aus Anlass des 60. Geburtstags von Hans Bohrmann. München [de Gruyter] 2000, S. 27-46

    Pöttker, Horst: News and its Communicative Quality: The Invertred Pyramid – when and why did it appear? In: Journalism Studies, 4, 2003, S. 501-511

    Roloff, Eckart Klaus (Hrsg.): Journalistische Textgattungen. München [Oldenbourg] 1982

    Schulze, Rolf: Die Reportage in der sozialistischen Presse. Leipzig [Karl-Marx-Universität Sektion, Journalistik] 1980

    Straßner, Erich: Journalistische Texte. Grundlagen der Medienkommunikation. Tübingen [Niemeyer] 2000

Horst Pöttker
Horst Pöttker
*1944, Prof. i.R., Dr., war von 1996 bis 2013 Professor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Z. Zt. Lehrbeauftragter an den Universitäten Hamburg, Stawropol und Wien. Seit 2017 Initiator und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Journalistik/Journalism Research. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte des Journalismus, Berufsethik, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: horst.poettker (at) tu-dortmund.de Horst Pöttker hat Einführungsbeiträge geschrieben zur → Geschichte des Journalismus, → Berufsethik, zu → journalistischen Genres sowie zur → Pressefreiheit.

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Porträt

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Portrait_SamuelCastro_unsplash_comWortherkunft: frz. portrait = Bildnis, Darstellung einer Person, meist als Brustbild; vor 1700 ins Deutsche übernommen

Das Porträt als journalistische Textgattung lebt von der Auseinandersetzung mit einer realen – der porträtierten – Person und lässt diese als Momentaufnahme in der persönli­chen Gestaltung des Porträtisten lebendig werden.

Das Porträt als Text war zunächst eine literarische Form; seine längste Ausgestaltung ist die Biografie. Die Verselbstständigung des Porträts als eigenständiges journalistisches Genre erfolgte erst im 20. Jahrhundert. Heute ist das Porträt eine häufige Form in Presse- wie elektronischen Medien.

Es lassen sich manche Unter- und Sonderformen unterscheiden, so etwa der Nachruf (Nekrolog) oder das Porträt historischer Persönlichkeiten z. B. anlässlich von Jahrestagen. Für die Praxis besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen im engeren Sinne personen- und eher sachbezogenen Porträts. Die im engeren Sinne personenbezogenen Formen zielen tatsächlich auf die meist prominente Person der/des Porträtierten ab, wollen ihren Charakter, ihren Werdegang und/oder ihre Ziele darstellen. Sachbezogene Porträts dagegen nutzen den Rezeptionsanreiz, den die Personifizierung bietet, um – über die konkrete Person hinausweisend – z. B. Institutionen in ihrer Tätigkeit vorzustellen. Der Rezeptionsanreiz ist hier oft mit der journalistischen Qualitätsdimension Anschaulichkeit gleichzusetzen: Es ist zweifellos anschaulicher, einen in Deutschland arbeitenden spanischen Handwerksmeister seinen Tagesablauf und ggf. die eine oder andere Anekdote aus seinem Arbeitsleben schildern zu lassen (was freilich auch, etwas anders, im Interview oder der Reportage geschehen kann), als Statistiken über Betriebsgründungen von Migranten zu präsentieren. So erklärt sich die Bedeutungszunahme des Genres daher, dass es besonders geeignet ist, dem Wunsch nach Personifizierung (‘human interest’) zu entsprechen.

Besonders im Prominentenporträt ist es mitunter schwierig, Neues mitzuteilen oder überhaupt an die eigentliche Person hinter der Selbstdarstellung heranzukommen. Das zentrale Problem beim sachbezogenen Porträt liegt dagegen wohl darin, dass die porträtierte Person völlig in den Hintergrund tritt und als bloßes Beiwerk, als → Aufhänger für die eigentliche → Story, erkennbar wird. Der erwünschte menschlich-empathische Aspekt geht gerade dann verloren; er verkehrt sich im Extremfall in sein Gegenteil. Ein Porträt wirkt umso stärker, je mehr es gelingt, den porträtierten Menschen tatsächlich im Mittelpunkt zu halten.

Zen­trale Elemente im Presse-Porträt sind das beigegebene Porträt-Bild und/oder eine konkrete Beschreibung sowie die sorgfältige Wiedergabe mündlicher Äußerungen. Hörfunk-, Fernseh- und Multimedia-Porträt haben hier größere technische Möglichkeiten (im Radio natürlich mit Ausnah­me des Bildes). In allen Medien eher selten genutzt werden die Möglichkeiten der Reflexionsdarstellung (etwa des inneren Monologs), die es dem Rezipienten unmittelbar ermöglichen, sich in die Rolle des Porträtierten zu versetzen. Allen Formen gemeinsam ist schließlich die Notwendigkeit, eine für den Rezipienten nachvoll­ziehbare Ordnung bzw. Struktur zu finden, und sei es auch die teils als simpel verpönte chronologische. Zu vermeiden ist aber eine Aneinanderreihung von letztlich unpersönlichen biographischen Versatzstücken wie im tabellarischen Lebenslauf.

Viele bedeutende Einzelprobleme bei der Gestaltung von Porträts lassen sich aus dem Prinzip erklären, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. So fehlt im Presse-Porträt häufig die konkrete Beschreibung, die durch das Bild keineswegs ersetzt wird (Mimik, Gestik). Auch die persönlich charakterisierende – also oft umgangssprachliche, von idiomatischen Wendungen und Eigenschöpfungen geprägte – Sprechweise wird häufig, meist in der redlichen Absicht, den Porträtierten nicht bloßzustellen, in blutleeres Schriftdeutsch verwandelt, das weder authentisch ist noch zur Annäherung an die Person beiträgt. Sicher ist nicht dahingehend zu übertreiben, dass unter dem Vorwand der Authentizität der Porträtierte durch seine eigenen Äußerungen der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Mündlicher und oft treffender, Empathie auslösender Ausdruck darf jedoch nicht entindividualisiert werden.

In diesen Problemzusammenhang gehört auch das häufige Ausblenden aller negativen Aspekte (Misserfolge, Fehler), ohne die aber kein Mensch(enleben) auskommt. Kommt beides zusammen, ergibt sich das Porträt eines Übermenschen, der druckreif spricht und dem nie etwas schiefgeht; bei dieser Form von Heiligenvita geht die Empathie beim Rezipienten fast zwangsläufig verloren.

In der Forschung wird das Porträt noch immer vielfach als Neben- oder Mischform anderer Genres, mit denen es zu tun hat (Reportage, Interview) behandelt, sodass ein eigener Eintrag in vielen Genreübersichten o. Ä. bis heute fehlt. Entsprechende Monographien wurden erst sehr spät vorgelegt, zuerst 1988 in der DDR.

Literatur:

Egli von Matt, Sylvia; Hanspeter Gschwend; Hans-Peter von Peschke; Paul Riniker: Das Porträt. 2. Auflage. Konstanz [UVK] 2008

Müller, Daniel: Porträt. In: Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke; Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010, S. 189-199

Schulze, Rolf: Das Porträt. Lehrheft zur journalistischen Methodik. Leipzig [Karl-Marx-Universität Sektion Journalistik] 1988

Reportage

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Reporter_Alexas_Fotos_pixabay_comWortherkunft: lat. reportare = weitergeben, mitteilen; engl. to report = berichten, beschreiben

Definition:
Die Reportage ist ein Informationsgenre, das der Aufgabe dient, dem Publikum Situationen so zu vermitteln, als erlebe der Rezipient sie unmittelbar mit. Die Situationen können, müssen aber nicht mit aktuellen Ereignissen verbunden sein. Ist das nicht der Fall, spricht man von Alltags- oder Sozialreportage.

Das kommunikative Leistungsprinzip der Reportage ist der Anspruch auf → Authentizität (Echtheit, Unmittelbarkeit). Charakteristisch ist, dass das Reportage-Subjekt (der Reporter) sich als bloßes Medium versteht und darstellt, durch das sich die Situation den Rezipienten quasi selbst mitteilt.

Das Authentizitäts-Prinzip manifestiert sich in vier Merkmalen der Reportage:

1) Simultaneität: Der anwesende Reporter berichtet unmittelbar aus der Situation. In der Presse kann Simultaneität nur fingiert werden, im Rundfunk gehört Live-Berichterstattung zur echten Reportage.

2) Subjektivität: Der Reporter gibt sich als Subjekt mit begrenztem Horizont zu erkennen; Reportagen können deshalb in der Ich-Form verfasst werden. Meinungen des Reporters sind nicht völlig ausgeschlossen, in erster Linie handelt es sich bei der Reportage jedoch um das Eingeständnis einer Subjektivität der begrenzten Sinneswahrnehmung.

3) Präzision: Es werden wichtige Details mitgeteilt, die schon vorher oder von einer herausgehobenen Position des Reporters aus recherchiert werden.

4) Atmosphäre: Es werden auch unwichtige Details, vor allem Sinneseindrücke des Reporters mitgeteilt, die belegen, dass er in der Situation tatsächlich anwesend (gewesen) ist.

Im Gegensatz zur → Nachricht, die möglichst kurz und prägnant sein soll (Sprachökonomie, Nominalstil), ist für die Reportage der → Verständlichkeitsfaktor ‘Anregende Zusätze’ maßgeblich. Reportagen haben deshalb oft relativ großen Umfang.

Geschichte:
Literarische Ursprünge hat die Reportage im Reise- und Schlachtenbericht, wobei das Merkmal Simultaneität solange wenig ausgeprägt war, wie solche Berichte nicht in aktuellen Periodika erschienen. 1704 hat Daniel Defoe, einer der ersten Journalisten mit professionellem Selbstverständnis, die Beschreibung eines Unwetters über England publiziert (The Storm), die reportagehafte Elemente wie die genaue Bezifferung der Schäden (Präzision) oder unmittelbare Äußerungen Betroffener (Simultaneität, Atmosphäre) enthielt. 1832 hat Heinrich Heine für die in Augsburg erscheinende Allgemeine Zeitung vom Aufstand gegen das Regime des Bürgerkönigs Louis Philippe über eine Woche lang ‘Tagesberichte’ geschrieben, die in allen vier Merkmalen dem Idealtypus einer Reportage nahe kommen. Ähnlich ausgeprägt waren die Reportagemerkmale in William Howard Russells Kriegsreportagen vom Krimkrieg 1855/56 oder vom Amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1865 für die Londoner Times.

Wie die meisten Genres wurde die Reportage erst mit der Massenpresse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum verbreiteten journalistischen Standard. Die Sozialreportage erlebte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Amerika, aber auch in Europa z. B. mit den Arbeiten des Wiener Journalisten Max Winter einen Höhepunkt. In den 1920er Jahren erfuhr die Entwicklung der Reportage mit dem neuen Medium Radio einen Innovationsschub, weil es nun die Möglichkeiten der Live-Berichterstattung (echte Simultaneität) und der Wiedergabe originaler Hintergrundgeräusche (Atmosphäre) gab. Echte Radio-Reportagen, z. B. von den Olympischen Sommerspielen 1936, aus Industriebetrieben oder von der Situation nach dem Attentat auf Adolf Hitler am 9. November 1939, hat es auch im NS-Regime gegeben, da Joseph Goebbels den Hörfunk wegen seiner Eindringlichkeit für Propagandazwecke schätzte und im Frühjahr 1933 auch selbst Radioreportagen von Aufmärschen und Wahlveranstaltungen der NSDAP gesprochen hat.

In der Sowjetunion und anderen Ostblockländern war – mit Ausnahme der Sportberichterstattung – die Rundfunkreportage verpönt, weil die Machthaber das mit Live-Übertragungen verbundene Risiko scheuten, bei unvorhergesehenen Ereignissen und Pannen hinter der Propagandafassade verborgene Realitäten öffentlich werden zu lassen. In der Bundesrepublik Deutschland erfuhr die Sozialreportage, allerdings nur in Buchform veröffentlicht, mit den Arbeiten von Michael Holzach und dem verdeckt recherchierenden Günter Wallraff in den 1970er- und 80er Jahren eine Renaissance.

Gegenwärtiger Zustand:
Im Gegenwartsjournalismus sind echte Reportagen – mit Ausnahme der Sportberichterstattung in Hörfunk und Fernsehen – selten. So genannte Reportagen in den elektronischen Medien werden in der Regel nicht in Echtzeit übertragen, wobei Live-Charakter oft mit Hilfe ausgefeilter Redaktionstechnik vorgetäuscht wird. In der Presse finden sich zwar viele Texte, die reportagehaft beginnen, aber in den meisten Fällen handelt es sich nur um einen eingängigen Einstieg. Die unmittelbare Vermittlung einer Situation geht dann bald über in einen → Bericht oder in die Erörterung eines allgemeinen Themas, möglicherweise wird der Reportagecharakter am Ende noch einmal aufgegriffen (Ringbau). Für diese Mischform, die die Reportage heute nahezu aus Zeitungen und Zeitschriften verdrängt hat, hat sich die unscharfe Genrebezeichnung → Feature eingebürgert. Die echte Reportage ist zu einem Edelgenre für literarisch ambitionierte Journalisten geworden, die solche Arbeiten nicht zuletzt veröffentlichen, um Journalistenpreise zu gewinnen und in Sammelbände (Buchjournalismus) zu gelangen. Bekannte Autoren, von denen Reportagen in Buchform vorliegen, sind z. B. Kai Hermann, Alexander Smoltczyk oder Margrit Sprecher.

Forschungsstand:
Neben der Nachricht ist die Reportage das journalistische Genre, über die die meiste Lehr- und Forschungsliteratur vorliegt. Allerdings finden sich in vielen Lehrkonzepten und Forschungen sowohl Lücken als auch Irrtümer. So gilt Egon Erwin Kisch einem Großteil der deutschsprachigen Journalistik nach wie vor als der Schöpfer der Reportage, obwohl → Heinrich Heine schon ein Jahrhundert zuvor Berichte mit allen Charakteristika der Reportage publiziert hat. Kisch mag als Schöpfer einer Theorie der Reportage anerkannt werden, in deren Zentrum das für alle Informationsgenres charakteristische Gebot zur Faktizität steht, auch wenn die Bedeutung dieser Komponente in seiner Reportagetheorie umgekehrt proportional zu seinem politischen Engagement als Kommunist schwankte. In einer frühen Phase der Theorieentwicklung hat Kisch den Reporter mit einer fotografischen Platte verglichen, in die sich die Eindrücke von der Reportagesituation detailgenau und ohne subjektive Beimengungen einprägen. Das kommt der Vorstellung vom Reporter als bloßem Medium nahe, durch das sich die Situation dem Rezipienten so vermittelt, als erlebe er sie selbst mit.

Literatur:

Haller, Michael u.a.: Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten. 2. Auflage. München [Ölschläger] 1990

Hermann, Kai; Margrit Sprecher: Sich aus der Flut des Gewöhnlichen herausheben. Die Kunst der Großen Reportage. Wien [Picus] 2001

Holzach, Michael: Deutschland umsonst. Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland. Hamburg [Hoffmann und Campe] 1982

Karst, Theodor (Hrsg.): Reportagen. Stuttgart [Reclam] 1976

Kisch, Egon Erwin: Der rasende Reporter. Klassische Reportagen. Hamburg [Rütten und Loening] 1961

Kürbisch, Friedrich G. (Hrsg.): Der Arbeitsmann, er stirbt, verdirbt, wann steht er auf? Sozialreportagen 1880-1918. Berlin/Bonn [J.H.W. Dietz] 1982

Pöttker, Horst: Journalismus unter Goebbels. Über die Kraft der Radioreportage. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 111, 1998, S. 57-76

Pöttker, Horst: Heines Tagesberichte für die „Allgemeine Zeitung“. Ein Beitrag zur Geschichte und Bestimmung der Reportage. In: Jarren, Otfried; Gerd G. Kopper; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung. Medium mit Vergangenheit und Zukunft. Eine Bestandsaufnahme. Festschrift aus Anlass des 60. Geburtstages von Hans Bohrmann. München [K.G. Saur] 2000, S. 27-46

Russell, William Howard: Meine sieben Kriege. Die ersten Reportagen von den Schlachtfeldern des 19. Jahrhunderts. Frankfurt/M. [Eichborn] 2000

Siegel, Christian: Die Reportage. Stuttgart [J.B. Metzler] 1978

Smoltczyk, Alexander: Der Wald ohne Schatten. Auf der Suche nach letzten Orten dieser Welt. Berlin [Ch. Links] 1996

Wallraff, Günter: Der Aufmacher. Der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1977

Rezension

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siehe → Kritik

Story

Wortherkunft: engl. story = Geschichte

Die journalistische Story ist ein Magazintext mit Elementen von → Nachricht, → Reportage und Hintergrundbericht.

Ausschlaggebend für die Entwicklung dieser Darstellungsform ist die (meist wöchentliche) Erscheinungsweise des Mediums Nachrichtenmagazin oder Zeitschrift. Dort eignet sich die Nachricht im Tageszeitungsstil nicht als Hauptgenre; denn das aktuelle Ereignis ist in der Regel schon von anderen Medien gemeldet worden. Deshalb müssen Zusatzleistungen erbracht werden: erklärende und subjektiv kommentierende Passagen sowie ein erzählender, unterhaltender Stil. Der Textaufbau ist im Vergleich zur Nachricht, aber auch zum → Bericht, gelockert.

Das Genre wird auf die ‘News story’ zurückgeführt, wie sie das US-Magazin Time entwickelt hat. In Deutschland wurde das Genre vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel übernommen. Hier wird ein besonderes Gewicht auf unterhaltsame Wortwahl und ironische Pointen gelegt.

In der Story sind oft zwei Fäden der Textentwicklung ineinander verwoben: das aktuelle Ereignis und die argumentative Entfaltung der Information über einen politischen Sachverhalt, einen gesellschaftlichen Trend, eine wissenschaftliche Erkenntnis usw. Die Struktur, oft mit dem Ziel eines Spannungsaufbaus, kann sich aus dem Ablauf des Ereignisses oder auch aus der argumentativen Entwicklung des Themas ergeben. Der Schluss weist oft auf den Anfang zurück, indem er auf eine Person oder eine Episode aus den ersten Zeilen zurückkommt (Ringbau). Längere Texte, besonders die Titelstory, sind meist deutlich als Produkt einer Zusammenarbeit verschiedener Redaktionsmitglieder erkennbar. Nachrichtenelemente, Informationen aus (Archiv-)Recherchen, Einzelbeispiele und argumentative Kommentarpassagen ergeben in bunter Folge einen Text von mehreren Seiten.

Im journalistischen Alltag hat der Begriff ‘Geschichte’ allerdings eine weitere Bedeutung: Er steht oft allgemein für gut lesbare Texte (z. B. in den Beilagen von Tageszeitungen) und auch für den Handlungsablauf oder auch nur die Hauptinformation einer Nachricht.

Literatur:

Krüger, Christiane: Journalistische Berichterstattung im Trend der Zeit. Stilstrategie und Textdesign des Nachrichtenmagazins FOCUS. Münster [LIT] 1995

Schwitalla, Johannes: Textsortenwandel in den Medien nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Überblick. In: Biere, Bernd Ulrich; Helmut Henne (Hrsg.): Sprache in den Medien nach 1945. Tübingen [Niemeyer] 1993, S. 1-29

Straßner, Erich: Journalistische Texte. Grundlagen der Medienkommunikation, Band 10. Tübingen [Niemeyer] 2000