Journalistische Kulturen

Journalistische Kulturen

    Eine Einführung von Andreas Sträter

    Der Begriff ‘Journalistische Kulturen’ beschreibt die Kulturabhängigkeit des Journalismus. Er fasst die Bereiche journalistische Ethik, Praktiken und professionelle Standards eines Landes oder mehrerer benachbarter Länder zusammen (vgl. Hahn et al. 2008: 7). Journalistische Kulturen werden als Konzept zur komparativen Forschung innerhalb der Journalistik betrachtet. Je nach den Gesellschaftsstrukturen eines Staates (oder einer Region) ergeben sich unterschiedliche Erwartungen und Rollenzuweisungen an die Institutionen Journalismus und Medien. Relevant sind hierbei die Rahmen- und Entwicklungsbedingungen des Landes. Dahinter steht die Überlegung, dass der Journalismus sowie die Rollen, Ziele und Normen der journalistischen Akteure vom nationalen Mediensystem und einer spezifischen politischen Kultur beeinflusst werden (vgl. Pfetsch/Maurer 2008: 109; Hallin/Mancini 2004).

    Das theoretische Konzept der ‘Journalistischen Kulturen’ innerhalb der Journalistik ist noch relativ jung. Die komparatistische Erforschung journalistischer Kulturen legt den Fokus häufig auf eine Innen- und eine Außensicht (vgl. Hahn et al. 2008: 7). Im Vergleich mit anderen journalistischen Kulturen werden nicht nur Erkenntnisse über andere Kulturen gewonnen, sondern rückbezüglich auch über die eigene journalistische Kultur (vgl. Hahn et al. 2007). Eine journalistische Kultur könne sich nach Machill (vgl. 1997: 11) nur in einem Beziehungsgeflecht ergeben: „Die journalistische Kultur eines Landes ist kein absoluter Wert; sie offenbart ihre Wesenszüge nur in Abhängigkeit zu anderen Rahmenbedingungen“ (Machill: 13). Infolge dessen lässt sich eine journalistische Kultur auch nur mit Annäherungswerten analysieren, deren Eckdaten Machill zufolge (vgl. ebd.: 14-20) das journalistische Selbstverständnis, das Verständnis anderer Akteure in der journalistischen Umwelt, die Arbeitsorganisation der Medien, der akademische Diskurs, die journalistischen Produkte sowie das → Mediensystem mit seinen sozialen, politischen, rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen sind.

    Die international vergleichende Journalismusforschung hat sich lange Zeit auf die Studie Four Theories of The Press (1954) von Frederick Siebert, Theodore Peterson und Wilbur Schramm gestützt. Die Forscher haben versucht, Verbindungen zwischen Modellen und Mediensystem zu erklären. Ihnen zufolge besteht eine Abhängigkeit zwischen der Entwicklung der Presse und den sozialen und politischen Strukturen, in denen sie existiert. Die Autoren arbeiteten vier Modelle heraus – ein autoritäres Modell, ein marktwirtschaftliches Modell, ein Modell fußend auf sozialer Verantwortung und ein sowjet-kommunistisches Modell.

    Besonders prominent ist die systematische Modellierung journalistischer Kulturen nach Hallin und Mancini (2004). Sie arbeiten drei Modelle für journalistische Kulturen in der westlichen Welt heraus: das in Nordeuropa vorherrschende → demokratisch-korporatistische Modell, das im südeuropäischen Raum anzutreffende → polarisiert-pluralistische Modell und das angelsächsisch geprägte → liberale Modell. In einem Fortsetzungsband (2012) dehnen die Kommunikationswissenschaftler ihr Modell über die westliche Welt hinaus und schließen u.a. arabische, asiatische und afrikanische Sphären ein.

    Literatur:

    Hahn, Oliver; Julia Lönnendonker; Karen K. Rosenwerth; Roland Schröder: Comparability and Comparativity in Researching Journalism Cultures in Europe. The Eye-Opener Effect. In: Bohrmann, Hans; Elisabeth Klaus; Marcel Machill (Hrsg.): Media Industry, Journalism Culture and Communication Policies in Europe. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2007

    Hahn, Oliver; Roland Schröder (Hrsg.): Journalistische Kulturen. Internationale und interdisziplinäre Theoriebausteine. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008

    Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Comparing Media Systems. Three Models of Media and Politics. Cambridge [Cambridge University Press] 2004

    Hallin, Daniel C; Paolo Mancini (Hrsg.): Comparing Media Systems Beyond the Western World. Cambridge [Cambridge University Press] 2012

    Hanitzsch, Thomas: Journalismus in Indonesien. Akteure, Strukturen, Orientierungshorizonte, Journalismuskulturen. Wiesbaden [Deutscher Universitäts-Verlag] 2004

    Machill, Marcel: Journalistische Kultur. Identifikationsmuster für nationale Besonderheiten im Journalismus. In: Machill, Marcel (Hrsg.): Journalistische Kultur. Rahmenbedingungen im internationalen Vergleich. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1997

    Pfetsch, Barbara; Petra Maurer: Mediensysteme und politische Kommunikationsmilieus im internationalen Vergleich. Theoretische Überlegungen zur Untersuchung ihres Zusammenhangs. In: Melischek, Gabriele; Josef Seethaler; Jürgen Wilke (Hrsg.): Medien & Kommunikationsforschung im Vergleich. Grundlagen, Gegenstandsbereiche, Verfahrensweisen. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2008

    Siebert, Fred S.; Theodore Peterson; Wilbur Schramm: Four Theories of The Press. The Authoritarian, Libertarian, Social Responsibility, and Soviet Communist Concepts of What the Press Should Be and Do. Urbana [University of Illinois Press] 1956

Andreas Sträter
Andreas Sträter
*1985, Master of Arts Journalistik, promoviert an der Technischen Universität Dortmund über das Öffentlichkeitsverständnis der Länder auf der Arabischen Halbinsel. Freiberuflich arbeitet er für den WDR und verschiedene Tageszeitungen. Arbeitsschwerpunkte: Journalistische Kulturen, Journalismus in der Arabischen Welt, Transparenz und Media Accountability, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: andreas.straeter(at)tu-dortmund.de

Zu journalistischen Kulturen hat Andreas Sträter einen → Einführungsbeitrag geschrieben.