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Jargon

    Eine Einführung von Gunter Reus

    Wortherkunft: frz. jargon, von altfrz. gargun und galloroman. gargone = Gezwit­scher; vgl. auch frz. gargouiller = plätschern, gluckern, gurgeln sowie frz. gorge = Gurgel, Kehle

    Natürliche Sprachen bestehen aus unterschiedlichen regionalen oder sozialen Ausformungen. Sol­che Varietäten sind z. B. Dialekt, Standardsprache, Fachsprache oder Gruppensprache. Sie zeichnen sich aus durch grammatische, phonetische und lexikalische Eigenheiten. Unter dem Begriff Jargon versteht man eine sowohl fach- als auch gruppensprachliche Ausdrucksweise, die sich vor allem im Wortbe­stand von der Standard­sprache unterscheidet und Außenstehenden als schwer ver­ständliches ‘Kau­der­welsch’ gilt. Kennzeichnend ist der hohe Anteil beruflich ge­brauch­ter Begrif­fe, aber auch die soziale Abgrenzung nach außen durch Verschlüsselung der Lexik (häufig Metaphern).

    Journalistischer Jargon ist in Jahrhunderten entstanden und eng mit Zeitung und Zeitungspro­duk­tion verbunden. Seine fachsprachlichen Begriffe kennzeichnen Bestandteile und Besonderheiten des journalistischen Arbeitsprozesses. Da die Massenpresse seit dem 19. Jahrhundert zunehmend das Alltagsleben mitbestimmte, verloren manche dieser Termini ihre Fremdheit und gingen in die All­tags­sprache über (zum Beispiel → Interview; Reporter; → Schlag­zeile). Ande­re gewerbe­spezi­fische Begriffe bzw. Wortbedeutungen sind nur berufsintern im Um­lauf und erschließen sich Laien nicht ohne Weiteres. Journalisten aber ermöglichen sie eine präzise und ökonomische Kom­mu­nika­tion. Dazu gehören zum Beispiel Vorspann, → Spiegel, → BU, Umbruch, verfiet­schern (an­schaulich in der Art eines Features schreiben), CvD (Chef vom Dienst) oder kontern (ein Foto spie­gelverkehrt abdrucken).

    Eine Gutteil dieses Journalisten-Slangs besteht aus Sprachbildern. Diese wiederum ent­stammen vielfach gar nicht dem Journalismus, sondern gehen auf die Setzer- und Drucker­sprache zu­rück. Seit der Renaissance hat wohl kein Metier eine derartige Fülle an Fachbe­grif­fen her­vor­ge­bracht wie das Druckgewerbe. Das lag zum einen an der Komplexität der Satz- und Druck­ver­fah­ren. Es dürfte aber auch mit Standesdenken zu tun haben, denn die Angehörigen der ‘schwarzen Kunst’ empfan­den sich lange als Gelehrte. Das Bedürfnis, sich mit einer Geheimsprache von anderen Handwer­kern abzugrenzen, war ausgeprägt. Darauf verweisen nicht nur viele lateini­sche (vgl. Imprimatur, Versalie, Kolumne) oder französische (z. B. Vig­nette, Petit) Ter­mini, sondern auch der große Be­stand an metaphorischen Chiffren.

    Journalis­ten arbeiteten jahrhundertelang beim Umbruch mit Setzern, Metteuren und Druckern zusam­men. So lag es nahe, dass sie deren prägnante, zum Teil drastische Sprachbilder übernah­men. Dem Wort­feld ‘Mensch/Familie’ sind zum Beispiel → Hurenkind und → Schuster­junge zuzuord­nen. Als ‘Jungfrau’ galt einst ein fehlerloser Satz, als ‘Witwe’ die nur aus einem Wort bestehende letzte Zeile eines Absat­zes. ‘Mutter und Töchter’ stand für einen Hauptartikel mit Nebenartikeln. Zum The­men­kreis ‘Tier und Natur’ gehören unter anderem die Ente und der Zwie­belfisch (Buchstabe aus falscher Schriftart). ‘Hasenöhrchen’ (heute: ‘Gänsefüßchen’) nannte man die Anführungszeichen, und ‘Bleiwüste’ hieß eine größere Fläche der Zeitungsseite ohne Gestaltungselemente. Mit ‘Ernährung’ haben der ‘Eierku­chen’ (herun­tergefallener und dabei durcheinandergeratener Schriftsatz) oder ‘ko­chen’ (ein Thema im Gespräch halten) zu tun. Auf ‘Kampf und Tod’ verweisen ‘Durchschuss’ (Ab­stand zwischen den Zei­len), ‘Galgen’ (eine große Anzeige lässt am oberen und linken oder rechten Seiten­rand nur noch wenig Platz für die Redaktion), ‘Grabsteine’ (mehrere gleich lange Meldungen neben­einander) oder ‘Leichen’ (fehlen­de Wörter, Sätze oder Zeilen im ge­setz­ten Text). Jüngeren Ursprungs sind Sprachbilder wie ‘abschießen’ (einen Menschen ohne dessen Erlaubnis fotogra­fie­ren), ‘Brief­mar­ke’ (extrem kleines Foto), ‘Flachmann’ (flacher mehr­spaltiger Kasten) oder → Kü­chen­zuruf.

    Mit dem Wandel der Technik bzw. der Abkehr von gedruckten Zeitungen wandelt sich auch der Jar­gon der Journalisten. Viele Termini werden von englischen Begrif­fen verdrängt (z. B. ‘Proof’ statt ‘Fahne’, ‘bold’ statt ‘fett’, → Teaser statt → Anreißer) oder verschwinden im Online-Zeitalter ganz.

    Literatur:

    Brielmaier, Peter; Eberhard Wolf: Zeitungs- und Zeitschriftenlayout. Konstanz [UVK] 1997

    Hendlmeier, Wolfgang (Hrsg.): Jägerlatein der Schwarzen Kunst. Bremen [Hanseatische Verlagsanstalt] 1990

    Hiller, Helmut; Stephan Füssel: Wörterbuch des Buches: mit online-Aktualisierung. 7. Auflage. Frankfurt/M. [Vittorio Klostermann] 2006

    Meissner, Michael: Zeitungsgestaltung. Typografie, Satz und Druck, Layout und Umbruch. 3. Auflage. Berlin [Econ] 2007

    Rautenberg, Ursula (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Buches. Stuttgart [Reclam] 2003

    Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Handbuch des Journalismus. Reinbek [Rowohlt] 1996

    Sonderhüsken, Hermann: Kleines Journalisten-Lexikon. Fachbegriffe und Berufsjargon. Konstanz [UVK] 1991

    Wolf, Hans-Jürgen: Geschichte der Druckpressen. Frankfurt/M. [Interprint] 1974

Gunter Reus
Gunter Reus
*1950, Prof. Dr., ist apl. Professor i. R. für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Kulturjournalismus, Pressejournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus (at) ijk.hmtm-hannover.de Gunter Reus hat Einführungsbeiträge zum → journalistischen Jargon sowie zu → Sprache und Stil im Journalismus geschrieben. Gerade erschienen: Reus, Gunter: Marcel Reich-Ranicki. Kritik für alle. Darmstadt [wbg Theiss] 2020

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Eckenbrüller

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Zeitungsseiten haben Stellen, die das Auge der Leser gern als Erstes aufsucht. Da­zu gehören Fotos, der → Aufmacher oder der → Aufsetzer. Auch die linke oder rechte obere Ecke der Seite ist ein solcher Blickfänger. Dorthin stellen Redaktionen gern Spitzenmeldungen, also Mel­dun­gen, die von besonderem → Nachrichtenwert sind. Hier und da heißen sie im Redaktions­jargon Eckenbrüller. Die Metapher erinnert an die Eckensteher: So nannte man im 19. Jahrhundert Tage­löhner und Dienstmänner, die auf der Straße (vermutlich lauthals) ihre Arbeitskraft anboten (vgl. auch → journalis­tischer Jargon).

Ente

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Wortherkunft: Lehnbedeutung nach frz. canard = Ente

In übertragener Bedeutung beschreibt der Begriff am häufigsten eine Falschmeldung. Darüber hinaus kann aber auch ein Käseblättchen oder ein falscher Ton gemeint sein (vgl. frz. faire un canard = falsch singen oder spielen).

Um den Ursprung dieser Tiermetapher im Journalismus ranken sich allerlei Erklärungsversuche. So soll sie auf die frühneuhochdeutsche Wendung ‘blaw (= blaue) Enten’ zurück­gehen, die schon Martin Lu­ther benutzte, wenn er leeres Geschwätz (‘blauen Dunst’) meinte (vgl. Murner 1522: 3156). Aber ein Zusammenhang mit der Pressesprache ist nicht nachgewiesen. Dass der Begriff eine Verballhornung aus dem lateinischen Kürzel ‘N. T.’ (non testatum = nicht belegt) darstelle, mit dem Wissenschaftler, aber auch Herrscher wie Friedrich, der Große, schriftliche Berichte kennzeichneten, die ihnen unglaubwürdig erschienen (vgl. Weber 1961: 34), ist Kolportage. Auch mit ‘Lüg-Ente’ (= Le­gen­de) dürfte er nichts zu tun haben. In beiden Fäl­len wäre die Metapher Ente damit nur für den deut­schen Sprachraum erklärt.

Schon seit dem 18. Jahr­hundert existiert jedoch in Frankreich die Be­zeichnung ‘canard’ für eine Meldung, die in Journalen lanciert wurde, um das → Publi­kum in die Irre zu führen. Nach 1850 hat sich die deutsche Übersetzung des Begriffs für eine erfun­dene → Nachricht oder eine versehentlich weitergegebene Falschmeldung auch hierzulande durchge­setzt. Im Eng­lischen existiert dafür ebenfalls der Begriff ‘canard’, was für den französischen Ursprung der Meta­pher spricht. Allerdings werden bewusst verbreitete Falschmeldungen, insbesondere im Internet, gegenwärtig Hoax genannt (engl. hoax = Scherz, Täuschung). Seit 2016 ist zudem der Begriff → Fake News gebräuchlich, der erfundene, meist politisch motivierte Falschmeldungen bezeichnet, die etwa der Wahlmanipulation dienen sollen.

Die „in zeitungen verbreitete gleichsam fortschwimmende, wieder auftauchende fabel oder lüge“, so das Grimmsche Wörterbuch (Grimm/Grimm 1862: Sp. 509, 6) kann als Konstante der Pressegeschichte gelten. Ob Schnee­mensch Yeti oder geheimnisvolle Kreise in Kornfeldern, ob Ufos oder das Ungeheuer von Loch Ness – sol­che und ähnliche Merkwürdigkeiten beschäftigen Massenmedien seit eh und je. Schon in der Flug­blattpublizistik der Renaissance tauchen Holzschnitte von seltsam ungestalten, aber gewisslich gesichteten Tierwesen auf. Arbeits­tempo, Wettbewerbsdruck und → Nachrichtenfaktoren wie → Ku­riosität oder Sensation machen Jour­nalisten immer wieder anfällig für Fälschungen und Fehler.

Schwierig ist die Situation heutzutage jedoch vor allem im Internet – nicht nur, weil sich dort Gerüchte schneller verbreiten, sondern weil das Netz, anders als journalistische Medien, keinen ‚Gatekeeper’ besitzt, „also niemanden, der kritisch hinterfragt, Dinge als richtig oder falsch einordnet“ (Howahl 2016: 3). Dies provoziert eine mangelnde Sorgfalt und Leichtgläubigkeit im Umgang mit → Quellen (vgl. ebd.), durch die mitunter allerdings auch Journalisten entgleisen: So tauchten 2011 im Internet Blogs einer 25-jährigen lesbischen Frau aus Damaskus namens Amina auf, die sich selbst als „Stimme der syri­schen Opposition“ bezeichnete. Zahlreiche westliche Medien griffen ihre dramatischen Berichte auf. Internet-Aktivisten starteten sogar eine Free Amina-Kampagne, bis sich herausstellte, dass sich ein US-Student in Edinburgh die Heldin des Widerstands einfach ausgedacht hatte. Ein Porträtfoto irgendeiner Frau, das ihm zu seiner Story zu passen schien, hatte er aus dem Netz gefischt.

Harmlos sind jene Enten, die Redaktionen bewusst zum 1. April fliegen lassen, um ihre Leser zu foppen und zugleich selbstironisch auf das eigene Metier zu verweisen. So meldete der Süddeutsche Rund­funk 1989, der Papst wolle den Fußballer Fritz Walter selig sprechen. Laut tz München datiert der „älteste in einer Zeitung in Deutschland veröffentlichte Aprilscherz“ auf den 1. April 1774: „Damals wurde eine Methode angepriesen, mit der man nicht nur Ostereier, sondern angeblich auch Hühner in bunten Farben züchten könne“ (Pientka 2016). Bewusst lancierte Falschmeldungen sind dann problematisch, wenn sie juristisch relevante Straftatbestände wie → üble Nachrede, Verleumdung und Beleidigung enthalten und dadurch möglicherweise auch die Schranken der → Satirefreiheit überschreiten. Bedenklich er­scheinen zudem Irrtümer, die Journa­listen aus Unachtsamkeit, wegen fehlender → Recherche oder Sachkom­petenz unterlaufen. Dazu gehörte im Frühjahr 1964 zum Beispiel die Eilmeldung, der damalige Regierungschef der UdSSR, Nikita Chruschtschow, sei verstorben; die Deutsche Presseagentur ver­breitete die Ente und hielt sich dabei an eine japani­sche Zeitung, die ihrerseits einem Betrüger aufgesessen war.

Um einen Scoop zu landen und groß herausgekommen, wurden Journalisten auch immer wieder vom Opfer zum Täter. So erhielt Janet Cooke 1981 den Pulitzer-Preis für ihren Wa­shing­ton Post-Beitrag über einen heroin­ab­hängigen achtjährigen Jungen, den sie frei erfunden hatte. Mit gefälschten Star­interviews führte der Schwei­zer Journalist Tom Kummer jahrelang Qualitätsmedien und ihre Leser an der Nase herum (→ kalt schreiben). Am meisten Aufsehen in der Pressegeschichte Nach­kriegs­deutschlands erregte 1983 die Veröffentli­chung angeblicher Tagebücher von Adolf Hitler in der Zeitschrift Stern. Der verantwortliche Fälscher Konrad Kujau sowie Reporter Gerd Heidemann wurden wegen schweren Betrugs zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt (vgl. Janßen 1985).

Wie leicht es ist, Redaktionen zur Veröffentlichung von Unsinn zu bewegen, wenn er nur sensatio­nell klingt, bewies schon zwischen 1911 und 1930 der Wiener Ingenieur Arthur Schütz. Er sandte mehre­ren Zeitungen völlig absurde Berichte ein, unter anderem von Betonwürmern und ovalen Wagen­rädern, die tatsächlich gedruckt wurden. „Der Ton, der Titel, die Sensation ist alles. Der Inhalt ist belanglos“, schrieb Schütz (1931: 93) in seinem Buch → Der Grubenhund, in dem er sein aufklärerisches Anliegen festhielt (siehe auch → Authentizität).

Literatur:

Grimm, Jacob; Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Dritter Band. E–Forsche. Leipzig [Verlag von S. Hirzel] 1862

Hollstein, Hans: Zeitungsenten. Kleine Geschichte der Falschmeldung. Heitere und ernste Spielarten vom Aprilscherz bis zur Desinformation. Stuttgart [Bertelsen-Jipp] 1991

Howahl, Georg: Elvis lebt! Und Hitler war eigentlich eine Frau. Im Internet ist die Hemmschwelle geringer, Absurdes zu verbreiten. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Beilage „Wochenende“, 03.09.2016, S. 3

Janßen, Karl-Heinz: Urteil im „stern“-Prozeß. Für jede Million ein Jahr. Die Hitler-Tagebücher: ein Lehrstück auch für die Presse. In: Die Zeit, 29, 12.07.1985, zit. n. Zeit online, 23.09.2016. http://www.zeit.de/1985/29/fuer-jede-million-ein-jahr

Murner, Thomas: von dem grossen lutherischen narren wie in doctor Murner beschworen hat. Straßburg, 1522

Pientka, Andrea/dpa: 1. April 2016: Die besten Aprilscherze der letzten Jahre. Das hat es mit dem Brauch auf sich. In: tz München online, 01.04.2016. http://www.tz.de/welt/1-april-2016-april-scherze-feiertag-4866444.html

Schütz, Arthur: Der Grubenhund. Experimente mit der Wahrheit. Herausgegeben von Walter Hömberg. München [Reinhard Fischer] 1996

Weber, Paul: Woher der Ausdruck? Deutsche Redensarten und ihr Erklärung. Heidelberg [Kemper] 1961

Fake News

Wortherkunft: engl. to fake = fälschen, imitieren; engl. news = Nachrichten

Der Begriff Fake News bezeichnet Artikel, die durch Imitation journalistischer Genres vorsätzlich und wissentlich falsche oder durch Pauschalisierung und Vereinfachung irreführende Informationen präsentieren. Dahinter steckt die Absicht, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren und/oder zu desinformieren. Fake News werden meist auf Online-Plattformen publiziert, insbesondere aber in sozialen Online-Netzwerken verbreitet. In Deutschland sind Fake News bislang vor allem ein Phänomen innerhalb rechtspopulistischer Strömungen (Sängerlaub/Meier/Rühl 2018).

Obwohl gezielte Desinformation kein grundsätzlich neues Phänomen ist, wird es heute als ernsthafte Bedrohung für die politische Meinungsbildung in westlich orientierten Demokratien wahrgenommen. Der Hauptgrund ist, dass sich derartige Fake News in einer digitalisierten Medienumwelt deutlich schneller und räumlich weiter verbreiten und so über soziale Online-Netze wie Facebook starke politische Dynamiken erzeugen können. Symptomatisch dafür war etwa die systematische Verbreitung von Falschinformationen während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 und des Brexit-Referendums im gleichen Jahr (Humprecht 2018). Beides hat dazu beigetragen, politische Entscheider für das Thema zu sensibilisieren. Dies zeigt sich etwa in der Gründung einer Expertengruppe der Europäischen Kommission zu diesem Thema im Jahr 2018 (European Commission 2018).

In der aktuellen kommunikationswissenschaftlichen Forschung zu diesem neuen, sich erst entwickelnden Forschungsfeld gibt es noch keine einheitliche Definition des Phänomens (Tandoc Jr./Lim/Ling 2018). Ein wesentlicher Streitpunkt ist hier, ob ,Fake News‘ als wissenschaftlicher Begriff verwendet werden sollte oder ob es angemessener wäre, stattdessen von Desinformation zu sprechen. Skeptiker verweisen darauf, dass der Ausdruck Fake News von populistischen Bewegungen und Politikern als Kampfbegriff verwendet wird, um die Glaubwürdigkeit von Meldungen zu untergraben, die von professionellen Journalisten erstellt wurden (Vosoughi/Roy/Aral 2018). Diese Taktik ist eingebunden in einen elitenkritischen Populismus, der unabhängige Medien als Medium und Faktor der Meinungsbildung systematisch diskreditiert. Andere Wissenschaftler wie zum Beispiel David Lazer et al. (2018) plädieren dafür, den Begriff gerade nicht populistischen Bewegungen zu überlassen, weil er zum einen den Kern des Phänomens präzise beschreibe und als eingeführter Begriff eine große → öffentliche Aufmerksamkeit auf das Phänomen lenke.

Mit diesen Grundeinschätzungen korrespondieren unterschiedliche Schwerpunktsetzungen hinsichtlich des Kerns des Phänomens. Vosoughi et al. (2018) legen Wert auf die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen → Nachrichten. Sie unterstreichen damit die Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten mit professionellen journalistischen und wissenschaftlichen Methoden systematisch zu überprüfen (sog. Debunking). Dieser erkenntnistheoretische Aspekt sei deutlich wichtiger als das Kalkül der politischen Akteure, die Fake News verbreiten, und die Kommunikationsstrategien, in die Fake News eingebunden seien. Lazer et al. (2018) heben dagegen ausdrücklich hervor, dass der Begriff Fake News die spezifische Kombination aus Falschaussagen einerseits und der Adaption professioneller Nachrichtenformate andererseits reflektiere, die im Ergebnis dazu führen solle, die Aufmerksamkeit des Publikums für eine Botschaft zu maximieren.

Diese strategische Komponente von Fake News wird auch von weiteren Autoren betont: So unterscheiden Allcott und Gentzkow (2017) explizit zwischen Fake News als absichtlich verbreiteten Falschaussagen und anderen Falschmeldungen, die aufgrund von Fehlern in redaktionellen Abläufen der Nachrichtenerstellung trotz aller professionellen Routinen zur →  Qualitätssicherung nicht vermeidbar seien und die umso eher aufträten, je schlechter die Ausbildung von Nachrichtenredakteuren und/oder die Ressourcenausstattung eines → Newsrooms sei (Wardle 2017, siehe dazu auch → Ente).

Andere Autoren heben hervor, dass der strategische Einsatz von Falschmeldungen nicht nur aus politischen, sondern auch aus ökonomischen Motiven heraus stattfinde, um im Sinne des → Click-Baitings mit reißerischen Überschriften und → Teasern die Zugriffszahlen auf das eigene Angebot und damit die eigenen Werbeeinnahmen zu optimieren (Hunt 2016). Gerade deshalb, argumentieren Autoren wie Baym (2005), spiele bei der Analyse von Fake News der Kontext der Veröffentlichung eine wichtige Rolle, um Wirkungspotenziale korrekt einschätzen zu können.

Unabhängig von den strategischen Intentionen kommerzieller und politischer Akteure, die Fake News verbreiten, verwenden sie ähnliche Instrumente, um ihre Ziele zu erreichen (Tandoc/Lim/Ling 2018). Beide streben danach, professionell erstellte Nachrichten hinsichtlich Sprache, Aufbau und visueller Gestaltung möglichst stark zu imitieren, um an eingespielte Routinen zur Nachrichtenrezeption anknüpfen zu können. Insofern lassen sich Fake News entlang ihres Faktengehalts und ihrer Täuschungsabsicht differenzieren von der Nachrichtenparodie bis hin zur geschickt getarnten politischen Falschmeldung einer sorgfältig orchestrierten Desinformationsstrategie.

Gerade der letzte Aspekt prägt die wissenschaftliche Sicht auf die gesellschaftliche Relevanz des Phänomens Fake News. Benannt werden zuallererst negative Auswirkungen auf die Qualität politischer Debatten und das politische Wissen der Wähler (Vosoughi/Roy/Aral 2018). Verbunden damit sind zudem Befürchtungen, dass Fake News die Polarisierung und Aufspaltung von Gesellschaften förderten, da sich bestimmte Subsegmente zunehmend über soziale Medien aus Quellen informierten, die die eigene Sicht auf die Welt bestärken. Die Algorithmen von sozialen Online-Netzwerken oder Newsbots verstärkten diesen Effekt noch (Sunstein 2017).

Literatur:

Allcott, Hunt; Matthew Gentzkow: Social media and fake news in the 2016 Election. In: Journal of Economic Perspectives, 31, 2017, S. 211-236.

Baym, Geoffrey: The Daily Show. Discursive Integration and the Reinvention of Political Journalism. In: Political Communication, 22(3), 2005, S. 259-276. DOI: 10.1080/10584600591006492.

European Commission: A multi-dimensional approach to disinformation – Report of the independent High Level Group on fake news and online disinformation. Luxemburg [Publications Office of the European Union] 2018. Online verfügbar unter: http://ec.europa.eu/newsroom/dae/document.cfm?doc_id=50271

Humprecht, Edda: Where ‘Fake News’ flourishes: A comparison across four western democracies. In: Information, Communication & Society, 2018, S. 1-16.

Hunt, Elle: What is fake news? How to spot it and what you can do to stop it. In: The Guardian, 17.12.2016. Online verfügbar unter: https://www.theguardian.com/media/2016/dec/18/what-is-fake-news-pizzagate

Lazer, David M. J.; Matthew A. Baum; Yochai Benkler; Adam J. Berinsky; Kelly M. Greenhill; Filippo Menczer et al.: The Science of Fake News. In: Science, 359, 2018, S. 1094-1096.

Sängerlaub, Alexander; Miriam Meier; Wolf-Dieter Rühl: Fakten statt Fakes. Verursacher, Verbreitungswege und Wirkungen von Fake News im Bundestagswahlkampf 2017. Berlin [Stiftung Neue Verantwortung e.V.] 2018. Online verfügbar unter: https://www.stiftung-nv.de/sites/default/files/snv_fakten_statt_fakes.pdf

Sunstein, Cass R.: #Republic: Divided Democracy in the Age of Social Media. Princeton [Princeton University Press] 2017.

Tandoc Jr., Edson C.; Zheng Wei Lim; Rich Ling: Defining “Fake News”: A typology of scholarly definitions. In: Digital Journalism, 6, 2018, S. 137-153.

Vosoughi, Soroush; Deb Roy; Sinan Aral: The spread of true and false news online. In: Science, 359, 2018, S. 1146-1151.

Wardle, Claire: Fake News. It’s Complicated. 2017. In: First Draft, 16.02.2017. Online verfügbar unter: https://firstdraftnews.com/fake-news-complicated/

Fotostrecke

Abfolge von Bildern zu einem bestimmten Thema in (1) Print- und (2) Online-Medien. Im angelsächsischen Journalismus wird unterschieden zwischen ‘picture story’ (abgeschlossene Geschichte, die in Bildern erzählt wird), ‘picture sequence’ (Bewegungsablauf in ausgewählten Bildern ähnlich dem Film) und ‘picture essay’ (Fotoreportage).

(1) Mit dem Aufkommen der Illustrierten begann die Hochphase der Bildreportage im Magazin. Sie bebildert Reiseberichte ebenso wie Berichte von Mode-Events oder People-Storys.

(2) Online begann der Siegeszug der Bildfolge mit der Erfindung grafischer Web-Browser (wie Mosaic, 1993) und der zunehmend höheren Übertragungsgeschwindigkeit. Fotostrecken spielen eine wesentliche Rolle bei der Anstrengung, die Page Impressions (Klickzahlen) zu erhöhen.

Vorreiter der Bildberichterstattung war in Deutschland die Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ). Sie druckte 1883 die ersten Fotografien. In der Weimarer Republik waren der Fotograf Erich Salomon (1886-1944) in der BIZ wegweisend für den Fotojournalismus, Wolfgang Weber (1902-1985) für die Münchner Illustrierte Zeitung sowie die BIZ. Fotoreportagen prägten die Boulevardmedien des Hugenberg-Konzerns ebenso wie Willi Münzenbergs Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ). In der NS-Zeit wurden sie für Propagandazwecke eingesetzt. „Nach dem zweiten Weltkrieg besannen sich die Illustrierten zunächst auf ihre unpolitische Vergangenheit“, bemerkt Rudolf Stöber.

Bis heute sollen sich Text- und Bildreportage ergänzen. Dabei erfolgte die Bildauswahl zunächst aufgrund des Texts. Mit der Verbesserung der Drucktechnik gewann die Auswahl geeigneter Fotos die Oberhand in den Magazinen.

Fotostrecken sind bei Online-Medien im Rahmen des ‘User Generated Content’ beliebt und haben durch den Aufschwung der Digitalfotografie in den vergangenen Jahren erheblich an Quantität zugenommen. Dramaturgisch stehen sie allerdings nur selten in der Tradition der Foto-Lovestory, die 1972 erstmals in der Jugendzeitschrift BRAVO veröffentlicht wurde und sich für mehrere Jugendgenerationen zu einer der bekanntesten medialen Fotostrecken im deutschen Zeitschriftenjournalismus entwickelte.

Literatur:

Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammanno (Hrsg.): Global, lokal, digital – Fotojournalismus heute. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008

Rossig, Julian J.: Fotojournalismus. Konstanz [UVK] 2006

Sachsse, Rolf: Bildjournalismus heute. Beruf, Ausbildung, Praxis. München [List] 2003

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

Gebauter Beitrag

Hierbei handelt es sich um eine Darstellungsform im Radio-Journalismus aus → O-Ton und Sprechertext.

Als gebauter Beitrag werden sowohl der O-Ton-Bericht, O-Ton-Collagen sowie → Reportagen und → Mini-Features im Hörfunk bezeichnet. Gesendet werden sie meist im Rahmen einer Magazin-Sendung. Dabei sind O-Töne und Berichtstext in der Regel gleichwertig. Während der O-Ton-Bericht sachlich informiert, gibt die Reportage auch Atmosphäre und Stimmungen vor Ort wieder.

Der Text leistet die Verbindung (als roter Faden) der O-Töne sowie die Erklärung komplexer Zusammenhänge. Der O-Ton im Beitrag verteilt sich auf mehrere Takes (von engl. to take = nehmen, als Substantiv ‘take’ = Aufnahme; gemeint sind also Einzelaufnahmen bzw. Abschnitte eines Beitrags). Der O-Ton liefert authentische Aussagen sowie persönliche Statements. Er darf nicht zu lang sein und soll nicht im Übermaß eingesetzt werden.

Auch in Podcast-Episoden werden neben Interviews überwiegend gebaute Beiträge eingesetzt. Zudem stellen viele Sendeanstalten gebaute Beiträge als Podcast zur Verfügung. Einige Beispiele: Der WDR-Klassiker ZeitZeichen existiert seit über 40 Jahren und beleuchtet seitdem täglich in einem etwa 15-minütigen Beitrag Ereignisse der Weltgeschichte und historische Persönlichkeiten. Dem aktuellen Zeitgeschehen wiederum widmet sich die Nahaufnahme des Inforadio rbb mit Kurzreportagen und einem Schwerpunkt auf Berlin und Brandenburg. Auch Kulturrezensionen werden im Rundfunk in der Regel als gebaute Beiträge realisiert. So stammen die O-Töne bei den Filmtipps von NDR Kultur aus den besprochenen Kinofilmen. Schließlich kann auch die im Radio beliebte Form der Wissenscomedy eine gezielte Mischung aus Sprechertext, O-Tönen, Geräuschen und Musik sein, die mitunter zu erläuternden Spielszenen arrangiert werden – wie in Tiemanns Wortgeflecht bei WDR 5, das der Herkunft von Wörtern und Redewendungen auf den Grund geht.

Literatur:

Buchholz, Axel; Walther von La Roche (Hrsg.): Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. 10. Auflage. Wiesbaden [Springer Fachmedien] 2013

Linke, Norbert: Radio-Lexikon. 1200 Stichwörter von A-cappella-Jingle bis Zwischenband. Berlin [List] 1997

Grubenhund

Der Begriff ‚Grubenhund‘ bezeichnet einen besonderen Typ von Falschmeldungen, in den Ironiesignale eingebaut sind, die mit gesundem Menschenverstand zu erkennen wären. Die Urheber wollen damit die Kompetenz der Journalisten testen.

Der Begriff geht zurück auf einen Einfall des Wiener Ingenieurs Arthur Schütz. Am Beginn stand eine Wette: Am 17. November 1911 traf sich eine Gruppe befreundeter Ingenieure im Wiener Grandhotel zum Mittagessen. Das Gespräch drehte sich um die neuesten Nachrichten. Die Neue Freie Presse, die vom Bürgertum favorisierte Zeitung, die sich als unfehlbare Autorität gerierte, hatte ein kleines Erdbeben zu einem bedeutenden Ereignis aufgeblasen. Immer neue Augenzeugenberichte aus dem Kreis der Stammleser wurden gedruckt – gleichsam eine frühe Form des Bürgerjournalismus. Als einer der Teilnehmer am Tischgespräch hatte Schütz eine Idee: Er verfasste einen Text zum geschilderten Erdbeben und schickte ihn per Boten in die Redaktion.

Am nächsten Morgen stand in der Neuen Freien Presse ein langer Artikel, der auf diesem Text basiert. Als Autor ist angegeben ein Dr. Ing. Erich Ritter von Winkler, Assistent der Zentralversuchsanstalt der Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke. Der Beitrag beginnt mit einer Aneinanderreihung von technischem Unsinn, worauf eine erstaunliche Beobachtung folgt: „Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, dass mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“

Beim Grubenhund handelt es sich jedoch um jenen hölzernen Laufwagen, den die Bergleute als ‚Hund‘ bezeichnen und den bereits der Universalgelehrte Georgius Agricola in seinem Werk über den Bergbau beschrieben hat (1556 unter dem Titel De re metallica erschienen). Seit Schütz ist aus dem Grubenhund ein presse- und medientypologischer Begriff mit medienpädagogischer bzw. medienkritischer Mission geworden. Diese ist mit der Absicht verbunden, die Aufmerksamkeit und intellektuelle Potenz der Journalisten zu testen und deren faktische Ignoranz offenzulegen (siehe auch → Authentizität, → Plausibilität).

Arthur Schütz ging bei seinen Feldexperimenten methodisch reflektiert vor. Seine Hypothese lautete, dass ein Bericht abgedruckt werde, sobald er nur „im Gewande der Wissenschaft schillere und von einem gut klingenden Namen gezeichnet sei“ sowie „den ausgefahrenen Gedankenbahnen des Publikums und der Mentalität des Blattes entspreche“ (Schütz 1996: 39). Diese Hypothese konnte er verifizieren, nach dem Grubenhund noch viele weitere Male bei anderen Zeitungen und anderen Themen, darunter frühe → Fake News etwa über Betonwürmer, ovale Wagenräder, plombierte Zahnräder und feuerfeste Kohlen.

Seine Erfolge präsentierte Schütz in dem Sammelband Der Grubenhund, der 1931 erstmals erschien. Die Fallsammlung zeigt, dass der Autor besondere Sorgfalt auf die Konstruktion der Falschmeldungen legte: „Name, Stand des Absenders, äußere Form, Stil, Thema und vor allem der Tonfall müssen der geistigen Atmosphäre, dem Horizont und dem jeweiligen Bedürfnis der auserkorenen Redaktion angepaßt sein“ (Schütz 1996: 56). Schütz, der seine Köder entsprechend der Blattlinie präparierte, spricht vom „Redaktionsaffekt“.

Der Stil des Grubenhunds wird gern mit der → Zeitungsente verwechselt. Falschmeldungen haben allerdings ganz unterschiedliche Ursachen: Die Journalisten tappen hier zum Beispiel in die → Aktualitätsfalle, die Quoten- und Auflagenfalle, die Originalitätsfalle oder die Instrumentalisierungsfalle – Schütz aber ließ sie in die Kompetenzfalle stolpern (siehe Hömberg 2018a).

Arthur Schütz war eine facettenreiche Persönlichkeit mit einem bewegten Lebenslauf (dazu Hömberg 1996). Er war kein „Wissenschaftsjournalist“, wie fälschlich behauptet (Russ-Mohl 2017: 29), sondern ein Ingenieur mit dem Fachgebiet Riementechnik, ein erfolgreicher Geschäftsmann sowie ein engagierter Journalismuskritiker. Dessen Erfolge als Grubenhund-Züchter würdigte schon Karl Kraus in seiner Zeitschrift Die Fackel.

Welche Chancen Grubenhunde in Zeiten des Internets haben, hat eine Diplomarbeit an der Universität Eichstätt getestet (Stumpf 2004). Eine Presseinformation, die dazu per E-Mail verbreitet wurde, berichtete am 1. Juli 2004 von der Entdeckung eines menschlichen Sex-Gens durch eine Forschergruppe des Münchner Arthur-Schütz-Instituts. Viele Anfragen, darunter einige Bitten um Interviews, waren die Folge. Drei Medien berichteten in enger Anlehnung an die Pressemeldung von dieser „wissenschaftlichen Sensation“. Da aber einige Redaktionen den Fake schon nach kurzer Zeit entlarvten, blieb ein größeres Medienecho für das Sex-Gen aus (vgl. Hömberg/Stumpf 2008; Hömberg 2018b). Ergebnis dieses Experiments: Das Internet ist ein effektives Instrument, um Grubenhunde zu lancieren. Aber es ermöglicht auch, diese durch gründliche → Quellenrecherche schnell aufzuspüren.

Literatur:

Hömberg, Walter: „Majestät in Unterhosen“. Arthur Schütz, Züchter der „Grubenhunde“. Leben und Werk eines Wiener Journalismuskritikers. In: Medien & Zeit, 11(1), 1996, S. 36-45.

Hömberg, Walter; Andreas Stumpf: Die wahre Fälschung. Auf den Spuren von Arthur Schütz als Pionier der journalistischen Qualitätsforschung. In: Pörksen, Bernhard; Wiebke Loosen; Armin Scholl (Hrsg.): Paradoxien des Journalismus. Theorie – Empirie – Praxis. Festschrift für Siegfried Weischenberg. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2008, S. 375-387.

Hömberg, Walter: Echte Falschmeldungen und Medienfälschungen. Qualitätsfallen im Journalismus. In: Aviso, 66, 2018a, S. 10-12.

Hömberg, Walter: Ovale Räder und das Sex-Gen. In: Wiener Zeitung, 29./30.12.2018b, S. 27. https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/vermessungen/1009477-Ovale-Raeder-und-das-Sex-Gen.html?em_cnt_page=4

Russ-Mohl, Stephan: Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde. Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet. Köln [Herbert von Halem] 2017.

Schütz, Arthur: Der Grubenhund. Wien/Leipzig [Jahoda & Siegel] 1931.

Schütz, Arthur: Der Grubenhund. Experimente mit der Wahrheit. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. München [Reinhard Fischer] 1996.

Stumpf, Andreas: F@kes. Typen, Ursprünge und Verbreitungswege von Falschmeldungen und publizistischen Fälschungen im Internet. Diplomarbeit. Eichstätt-Ingolstadt, 2004.

hängen

rheinischepost_andreasendermann1Definition: 1.) eine aktive Handlung im Bereich journalistischer Arbeitstechniken zur Begutachtung journalistischer Produkte, überwiegend in Tageszeitungsredaktionen. 2.) eine problematische Situation im Produktionsprozess journalistischer Werke, üblicherweise in audiovisuellen Medien, die eine zeitliche Überschreitung des geplanten Ablaufs betont.

1.) umgangssprachliche Bezeichnung für den üblichen Vorgang, in der Nachmittagskonferenz einer Zeitungsredaktion bisher vorproduzierte Zeitungsseiten auszudrucken und an einer Präsentationsleiste im Konferenzraum aufzuhängen. Dort werden die Seiten vom Kollegium gemeinsam begutachtet. Es handelt sich daher um eine Art kollektives Basis-Redigat, das der → Qualitätssicherung dient. Der tatsächliche Vorgang des ‘Aufhängens’ ist durch die Digitalisierung seltener geworden: In vielen Redaktionen existiert mittlerweile eine Monitorwand (auch engl. ‚panel‘ genannt), auf der die Seiten als Datei angezeigt und auf diese Weise betrachtet werden (siehe Foto).

2.) Vor allem im Showbusiness und bei Live-Übertragungen im Fernsehen steht der Ausdruck ‘hängen’ für die Feststellung, dass sich der geplante Programmablauf/Sendeablauf verzögert. Die Äußerung „Wir hängen zehn Minuten“ bedeutet, dass die Produktion zum aktuellen Zeitpunkt zehn Minuten länger dauert als im Zeitplan vorgesehen. Wird das Defizit im weiteren Verlauf nicht wieder ausgeglichen (oder bei aufgezeichneten Sendungen durch kürzende Schnitte in der Postproduktion korrigiert), kommt es zur ‘Überziehung’, das heißt, die Sendezeit wird überschritten und verändert damit (im Fernsehen) das weitere Sendeschema. Allgemein bekannt wurde dieser Umstand in den vergangenen Jahrzehnten oft durch live ausgestrahlte Samstagabend-Shows wie Einer wird gewinnen mit Hans-Joachim Kulenkampff (ARD) und Wetten, dass..? mit Thomas Gottschalk (ZDF). Eingeblendete Hinweise wie „Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um 45 Minuten“ gingen in den deutschen Sprachgebrauch über.

Hurenkind

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Die Derbheit des Begriffs lässt keine Zweifel daran, dass Setzer und Zeitungsjour­na­listen damit etwas Illegitimes und Unerwünschtes bezeichnen wollten. Wenn beim Umbruch die letzte Zeile eines Absatzes (der ‘Ausgang’) unglücklicherweise in die nächste Spalte rutschte, spra­chen sie von einem Hurenkind.

Ein solcher Zeilenstummel am Spalten- oder gar Seitenbeginn störte das Er­schei­nungsbild, weil er den Eindruck einer Stufe bewirkte. Das galt als häss­lich und als gro­ber Regelverstoß. Um ein Hurenkind zu ver­hin­dern, musste der Journalist eine Zeile einbringen (aus dem Absatz streichen), oder er musste dazudichten und den Absatz um eine Zeile verlängern. Auch der Setzer konnte durch Verkleinern oder Vergrö­ßern der Wortzwischenräume Zeilen ein- oder ausbringen.

Layoutsoftware unterdrückt heute die Entste­hung von Hurenkindern, die man in profes­sionellen Druckerzeugnissen im Gegensatz zu → Schusterjungen kaum mehr sieht. Der Be­griff Hurenkind greift in der Metaphorik des Druckgewerbes die Isolation und den Verstoß unehe­lich geborener Kinder aus der ‘ordent­lichen’ Gesell­schaft auf (vgl. auch → journalis­tischer Jargon).

Jingle

Amplitudes_sxwx_clipdealer_comWortherkunft: engl. to jingle = klingeln, klimpern

Der Jingle ist ein akustisches Element zur Identifizierung eines Inhalts und lässt sich für zwei Sparten differenziert definieren: (1) Radiojournalismus: kurzes Verpackungselement zum Wiedererkennen einer Sendung, eines Programms oder eines Senders. (2) Marketing: Werbespot zur Identifizierung einer Marke (Audio oder Video). Der Begriff wird von Sender zu Sender gelegentlich unterschiedlich verwendet.

(1) Im Radiojournalismus ist Jingle der Oberbegriff für Verpackungselemente mit der Funktion, einerseits Sender, Sendungen und Rubriken anzukündigen, andererseits Programmteile zu trennen und zu verbinden. Es gibt Spezialformen wie den Bumper (engl.: = Stoßstange), der speziell zum Wiedererkennen eines festen Programminhalts wie der Verkehrsnachrichten dient. Der Brückenjingle (auch ‘die Bridge’ genannt) verbindet zwei Musikstücke unterschiedlichen Tempos. Jingles, die nur gesungen sind (also ohne Musik), heißen A-cappella-Jingles. Jingles werden in der Regel vorproduziert, manche werden live vom Moderator ergänzt.

Jingles können nach Intensität und Tempo unterteilt werden: Beim ‘Musikbett’ (oder kurz ‘Bett’) handelt es sich um ein instrumentales Musikstück, das im Hintergrund läuft, während der Moderator spricht. ‘Transition’ bezeichnet einen Jingle für den Übergang zwischen zwei Programm-Elementen, während ‘Stinger’ (Stachel) ein Jingle ist, der am Ende einer mit Musikbett unterlegten Rubrik steht.

Produziert werden Jingles meist im Paket. Ein Jingle-Paket umfasst verschiedene Jingles (Cuts), etwa für Nachrichten, Wetter, unterschiedliche Transitions und einige Musikbetten. Aus den Grundelementen können in der Post-Production weitere Varianten produziert werden.

(2) On-air-Promotion: Jingles bewerben hierbei Frequenzen oder Moderatoren und transportieren Image-Slogans (Claims). Die als ‘Promo’ abgekürzten Versionen umfassen Werbung für Programmsegmente, Sondersendungen, Musikformat, Präsentationen oder Höreraktionen in Form vorproduzierter Spots und werden oft auch als Trailer bezeichnet. Die Länge beträgt maximal 60 Sekunden.

Spezielle Jingles kennzeichnen die ‘Station-ID’ (kurz: ID, für engl. identification), das akustische Logo eines Senders und daher mitverantwortlich für den Wiedererkennungswert. Die Stationsansage steht für die akustische ‘Corporate Identity’ (CI) der Station. Dabei bleibt die Grundmelodie gleich; Tempo, Rhythmus, Intensität können variieren.

Literatur:

Buchholz, Axel; Walther von La Roche (Hrsg.): Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. 10. Auflage. Wiesbaden [Springer Fachmedien] 2013

Linke, Norbert: Radio-Lexikon. 1200 Stichwörter von A-cappella-Jingle bis Zwischenband. Berlin [List] 1997

kalt schreiben

Oft verläuft eine journalistische → Recherche nicht wie geplant, ein → Interview kommt nicht oder käme nur unter riesigem Aufwand zustande, für den Besuch einer Veranstaltung bleibt keine Zeit. Dann ist die Ver­suchung groß, einen Beitrag kalt zu schreiben, also mithilfe ande­rer Materialien (z. B. aus dem In­ternet oder dem eigenen Archiv) zu verfassen, obwohl man eigent­lich vor Ort hätte recherchieren müssen.

Bundesweit sorgte 2011 René Pfister für Aufsehen: Der Spiegel-Journalist hatte mit einem Porträt über den bayrischen Ministerpräsiden­ten Horst Seehofer den Henri-Nannen-Preis für die beste Reportage erhalten. Sie begann mit einer plasti­schen Schilderung von Seehofers Modelleisenbahn. Bei der Preisverleihung räumte Pfister dann ein, nie in Seehofers Eisenbahnkeller gewesen zu sein. Das hatte er allerdings auch nie behauptet.

Kalt geschriebene Texte müssen keine Täuschung der Leser sein, sofern die Urheber klarmachen, wel­che Quellen ihren Schilderungen zugrunde liegen oder wo sie sich gar der Fiktion bedie­nen. Ver­schleiern sie dies alles, ist freilich die Grenze zum Leserbetrug überschritten. Dafür steht das Bei­spiel Tom Kummer: Der Schweizer Journalist machte zwischen 1990 und 2000 mit Künst­ler-Inter­views in Qualitätsmedien Furore, bis aufflog, dass er mit den Stars nie selbst ge­spro­chen, sondern die Interviews aus anderen Texten collagiert hatte.

In der Geschichte des → Feuille­tons gibt es wie­derholt Beispiele dafür, dass Kritiker über Konzerte schrieben, die gar nicht stattge­fun­den hatten, oder dass sie Programmteile rezensierten, die am Abend der Aufführung kurzfristig ge­strichen wor­den waren. Die Rezensenten hatten kalt geschrieben, weil sie zum Beispiel von an­deren Tournee­stationen und aus Archivtexten zu wissen glaubten, wie der Abend ablaufen werde.

Kalt zu schreiben kann aber auch redlich und sinnvoll zu sein – zum Beispiel, wenn man vor einem anstrengenden Abend­termin schon einmal sachliche Bestandteile (Vorgeschichte, faktische Zusam­menhänge, Parallelen etc.) zusammenschreibt, um diese Bausteine später schnell in den Beitrag einfügen zu können. Auch Routinebeiträge zum Beispiel über Jubiläen, Gedenk- oder Geburtstage werden oft vorgeschrieben. Selbst Nekrologe (Nachrufe) liegen mitunter schon ‘in der Schub­lade’, um im Falle des bald zu erwartenden Todes einer Persönlichkeit rasch und doch fun­diert reagieren zu können (vgl. auch → journalis­tischer Jargon).