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Nachrichtenfaktoren

    Eine Einführung von Beatrice Dernbach

    Wortherkunft: zusammengesetztes Nomen aus ‘Nachrichten’ und ‘Faktor’, lat. factor = derjenige, der etwas tut, schafft; Multiplikator, Zahl, die mit einer anderen multipliziert wird; figurativ bestimmendes Element, maßgebender Umstand

    Der Begriff des Nachrichtenfaktors wurde im Amerikanischen geprägt und bezieht sich auf engl. news value = Nachrichtenwert. Im Deutschen werden die Begriffe Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwert deshalb häufig synonym verwendet. Sie beschreiben Merkmale von Ereignissen und Themen, die für die Publikation in journalistischen Nachrichten selektiert werden und je nach ihrer Quantität, Intensität und Kombination den Wert einer Nachricht ausmachen. Ein hoher Nachrichtenwert erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Ereignisse von Journalisten wahrgenommen und ausgewählt werden. Darüber hinaus beeinflussen Nachrichtenfaktoren, in welcher Form das Thema bearbeitet wird und welche konkreten Aspekte dargestellt bzw. besonders hervorgehoben werden.

    Ereignisse verfügen nicht per se über diese Kriterien, sondern sie werden ihnen zugeschrieben. Diese Kriterien gelten als manifeste Stereotype, an die sich Journalisten im routinierten Selektionsprozess ihres Mediums, ihrer Redaktion und ihres Themenfeldes halten. Dabei spielen die angenommenen Motive des Publikums, bestimmte Angebote wahrzunehmen und andere zu ignorieren, eine herausragende Rolle (vgl. hierzu das Zwei-Komponenten-Modell nach Kepplinger 1998).

    Die Studien von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge (1965) sowie Winfried Schulz (1976/1990) sind nach wie vor grundlegend für die Nachrichtenfaktorenforschung. Letzterer arbeitete die bis heute gebräuchlichen sechs Dimensionen der Nachrichtenwerte aus, unter die er wiederum 18 Faktoren zusammenfasst:

    1. Dimension: Zeit. Sie bezieht sich auf die Dauer des Geschehens (Kurz- versus Langzeitereignisse) sowie auf die Thematisierung: Handelt es sich um ein langfristig eingeführtes oder ein noch nicht etabliertes Thema?

    2. Dimension: Nähe. Sie lässt sich unterteilen in räumliche (geographische), politische und kulturelle Nähe und ermittelt abhängig von dieser Grundlage die Relevanz, also die Bedeutung des Ereignisses und den Grad der Betroffenheit.

    3. Dimension: Status. Faktoren sind hier die regionale und nationale Zentralität sowie Prominenz und persönlicher Einfluss der am Ereignis beteiligten Menschen.

    4. Dimension: Dynamik. Als entscheidende Faktoren lassen sich hierbei der Grad der Überraschung, aber auch die Struktur des Ereignisses benennen.

    5. Dimension: Valenz. Die Wertigkeit entspricht in dieser Dimension oft dem Wesen einer ‘bad news’ und basiert daher auf Faktoren wie Konflikt, Kriminalität, Schaden und Misserfolgen; zugehörig sind aber im Gegensatz dazu auch Erfolg und Fortschritt.

    6. Dimension: Identifikation. Als ebenso relevant für eine journalistische Berichterstattung können je nach Thema die Faktoren Personalisierung und Ethnozentrismus gelten. Letzterer stellt die Werte und Eigenschaften der eigenen Nation und dabei etwa deren globale Bedeutsamkeit in den Mittelpunkt, wobei der Begriff bereits vor über 100 Jahren in die Wissenschaft eingeführt wurde.

    Viele Forscher haben sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem darum bemüht, für die Operationalisierung des Katalogs in empirischen Studien (primär Inhaltsanalysen) die Faktoren einerseits zu bündeln, beispielsweise unter der Zeit-, der Sach- und der Sozialdimension, und andererseits weiter auszudifferenzieren. Vor allem Langzeitstudien zeigen, dass die Nachrichtenauswahl in den Redaktionen einem historischen und zeitgeschichtlichen Wandel unterworfen ist. Alle Untersuchungen stellen das Nachrichtenfaktoren-Konzept insgesamt nicht infrage, sondern sie zeigen, dass bestimmte Kriterien mehr oder weniger Priorität genießen; bestätigt hat sich die relativ stabile Wirksamkeit der Faktoren Etablierung des Themas, Betroffenenreichweite, Kontroverse und Prominenz, Schaden/Nutzen, Aggression, Nähe und Status der Ereignisnation.

    An den Studien wird vor allem kritisiert, dass sie nicht darüber aufklären können, ob und warum über ein Ereignis berichtet wird, sondern wie. In Inhaltsanalysen wird gezählt, wie viele Zeilen eine Nachricht lang und wo sie platziert ist. Die Herausforderung besteht nach wie vor darin, den Zusammenhang herzustellen zwischen den Nachrichtenfaktoren als Kriterien, die die Aufmerksamkeit von Journalisten und Rezipienten beeinflussen, und den Nachrichtenfaktoren als Merkmale von berichteten Ereignissen, wie sie in Inhaltsanalysen erhoben werden.

    Literatur:

    Galtung, Johan; Mari Holmboe Ruge: The Structure of Foreign News. In: Journal of Peace Research, 2, 1965, S. 64-91

    Kepplinger, Hans Mathias: Der Nachrichtenwert der Nachrichtenfaktoren. In: Holtz-Bacha, Christina; Helmut Scherer; Norbert Waldmann (Hrsg.): Wie die Medien die Welt erschaffen und wie wir darin leben. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1998, S. 19-38

    Kepplinger, Hans Mathias: News factors. In: Donsbach, Wolfgang (Hrsg.): The International Encyclopedia of Communication, Band 7. Oxford/Malden [Blackwell Publishing] 2008, S. 3245-3248

    Östgaard, Einar: Factors Influencing the Flow of News. In: Journal of Peace Research, 2, 1965, S. 39-63

    Ruhrmann, Georg; Roland Göbbel: Veränderung der Nachrichtenfaktoren und Auswirkungen auf die journalistische Praxis in Deutschland. Abschlussbericht für Netzwerk Recherche e.V. http://www.netzwerkrecherche.de/files/nr-studie-nachrichtenfaktoren.pdf. 2007

    Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung. 2. Auflage. Freiburg/München [Karl Alber] 1990

Beatrice Dernbach
Beatrice Dernbach
*1964, Prof. Dr., lehrt und forscht seit März 2014 an der Technischen Hochschule Nürnberg im Studiengang Technikjournalismus/Technik-PR. Arbeitsschwerpunkte: Fachjournalismus, Wissenschaftskommunikation, Nachhaltigkeit und Ökologie im Journalismus, Narration im und Vertrauen in Journalismus. Kontakt: beatrice.dernbach (at) th-nuernberg.de Zu Nachrichtenfaktoren im Journalismus hat Beatrice Dernbach einen → Einführungsbeitrag geschrieben.

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Aktualität

Wortherkunft: frz. actualité = Wirklichkeit, Gegenwärtigkeit, Neuigkeit; gebildet nach lat. actualitas = Wirksamkeit

Der Begriff bezeichnet (1) eines der Merkmale, durch die sich Journalismus von anderen Formen der Kommunikation unterscheidet; (2) eines der journalistischen Qualitätsmerkmale.

(1) Noch im 18. Jahrhundert wird der Begriff Aktualität vorwiegend im Sinne der mittellateinischen Bedeutung als ‘Wirksamkeit’ gebraucht. Im 19. Jahrhundert setzt jedoch im Zuge der Nutzung als journalistisches Konzept ein Bedeutungswandel ein – Gegenwärtigkeit und Neuigkeit rücken in den Vordergrund.

Aktualität in diesem journalistischen Sinne ist gekennzeichnet durch das Ziel, die Zeitspanne zwischen einem Ereignis und der Berichterstattung darüber möglichst stark zu verkürzen. Dies äußert sich auch darin, dass eine häufigere Erscheinungsweise in der Regel mit einer Erhöhung der Aktualität einhergeht. So waren die ersten aktuellen Zeitungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts – die in Straßburg erscheinende Relation und der Wolfenbütteler Aviso – Wochenzeitungen. Das ab 1620 in Frankfurt herausgegebene Diarium Hebdomadale dagegen erschien bereits zweimal wöchentlich. 1650 kam es zur Gründung der ersten Tageszeitung, den Einkommenden Zeitungen aus Leipzig.

In der Gegenwart existieren Medien mit unterschiedlichstem Erscheinungsrhythmus nebeneinander. Daraus ergibt sich, dass Aktualität für verschiedene Mediengattungen eine unterschiedliche Bedeutung hat. Für Tageszeitungen äußert sie sich als Tagesaktualität, also die Berichterstattung über Ereignisse, die längstens 24 Stunden zurückliegen. Wochenzeitungen und Zeitschriften arbeiten mit längerfristigen Zeitrahmen. Rundfunk und Online-Medien dagegen erreichen näherungsweise Gleichzeitigkeit zwischen Ereignis und Berichterstattung. Dies gipfelt in der Live-Reportage.

Neben dieser, rein auf den zeitlichen Aspekt bezogenen Verwendung des Begriffes, kennt der Journalismus auch das Konzept der latenten Aktualität. Es bezeichnet Ereignisse und Entwicklungen, die zwar für die Gegenwart der Gesellschaft und damit auch den Journalismus bedeutsam sind, denen aber nicht ohne weiteres Tagesaktualität zugewiesen werden kann – etwa, weil es an einem konkreten Ereignis fehlt, das Anlass für die Berichterstattung sein könnte.

Wie grundlegend das Aktualitätskonzept für den Journalismus ist, zeigt sich unter anderem darin, dass verschiedene systemtheoretisch geprägte Beschreibungen des Journalismus den binären Code aktuell/nicht-aktuell nutzen, um journalistische Kommunikation von allen anderen gesellschaftlichen Kommunikationsformen abzugrenzen. Eine Folge des Zwangs zur Aktualität ist, dass journalistische Produkte rasch ihren Informationswert verlieren, wenn sie veralten.

(2) Als journalistisches Qualitätsmerkmal kann Aktualität ebenfalls unter dem Aspekt der möglichst schnellen Verbreitung von → Nachrichten betrachtet werden. Journalismus ist demnach umso besser, je kürzer die Zeit zwischen einem Ereignis und dem Bericht darüber ist. Aktualität in diesem Sinne kann in Konflikt mit anderen Qualitätsmerkmalen, vor allem der → Richtigkeit geraten: Wenn die Richtigkeit von Nachrichten aufgrund des Zwangs zur Aktualität weniger genau geprüft werden kann, als dies möglich wäre, wenn mehr Zeit zur Verfügung stünde, dann entsteht ein Zielkonflikt. Neuere wissenschaftliche Ansätze nehmen bei der Beschreibung von Aktualität allerdings zusätzlich in den Fokus, wie gut und auf welche Weise es einer Redaktion gelingt, latent aktuelle Entwicklungen zum Thema ihrer Berichterstattung zu machen, also zu aktualisieren.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege Deutschland • Österreich • Schweiz. 18. Auflage. Berlin [Econ] 2008

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Dramatik

Dramatik_DawnArmfield_unsplash_comWortherkunft: Dramatik = erregende Spannung, erweitert von Drama = aufregendes, erschütterndes Geschehen, basierend auf griech.-lat. drama = Handlung (vgl. Dudenredaktion 2001: 154); Verbform dramatisch: von griech.-lat. dramatikos = aufregend, spannend (vgl. Dudenredaktion 2007: 419); in Verbindung stehend mit griech. drastikos = wirksam

Der hier erläuterte Begriff ist nicht zu verwechseln mit der sachlichen Bezeichnung für eine der drei literarischen Gattungen Lyrik, Epik, Dramatik – auch wenn sie den gleichen Wortursprung hat (s.o.). Gemeint sind in diesem Artikel meist Begebenheiten oder Ereignisse, die einen dramatischen Verlauf nehmen oder genommen haben bzw. aufregend und → spannungsreich sind (vgl. Dudenredaktion 2007: 419; Dudenredaktion 2010: 269). Dadurch können sie auf Grundlage journalistischer → Nachrichtenfaktoren für eine Berichterstattung relevant sein.

Mutter wirft ihre Kinder aus dem zweiten Stock; 48-Jähriger zündet seine Ehefrau an; Junge ertrinkt bei Badeunfall; Mehr als hundert Tote bei Selbstmordanschlag in Bagdad; Flüchtlinge: Dramatische Szenen an der Grenze zur Türkei – derartige → Überschriften und damit zusammenhängende Beiträge finden sich in journalistischen Publikationen und Nachrichtensendungen mehrmals pro Woche. Dramatik ist als Nachrichtenfaktor im Journalismus sehr präsent, weil sie der Berichterstattung neben den sachlichen Fakten eine Handlungsstruktur und emotionale Komponente hinzufügt, die für die Aufmerksamkeit und Leser- bzw. Zuschauerbindung entscheidend sein kann. Dies lässt sich mit der spannungsbasierten Strategie literarischer Veröffentlichungen oder in Spielfilmen vergleichen.

Entsprechend ist die explizite Hervorhebung der Dramatik in Form des zugehörigen Adjektivs oft Teil der Berichterstattung: Lage der Milchbauern wird immer dramatischer; Deutschland […] zieht nach einem dramatischen Elfmeterschießen ins EM-Halbfinale ein (Gartenschläger/Wallrodt 2016).

Grad der Existenzbedrohung
Je existenzbedrohender ein Ereignis ist, desto größer ist dessen Dramatik (Flugzeugabstürze, Terroranschläge, Naturkatastrophen). Für die Live-Berichterstattung haben lebensgefährliche Situationen hohes dramatisches Potenzial, etwa als im Jahr 2010 beim Grubenunglück von San José chilenische Bergbauarbeiter in einer verschütteten Mine eingeschlossen wurden und deren Rettung nach zehn Wochen im Fernsehen und Internet übertragen wurde. Neben solchen häufig international zur Kenntnis genommenen Ereignissen gilt dieser Umstand auch für redaktionelle Entscheidungen in der → Regional- und Lokalberichterstattung: Je dramatischer und folgenschwerer ein Verkehrsunfall, Gebäudebrand oder eine kriminelle Handlung, umso ausführlicher die Berichterstattung und zentraler die Platzierung innerhalb der Publikation.

Inszenierte Dramatik
Vorsicht ist geboten bei Medien, die Dramatik künstlich erzeugen, also inszenieren, Dramatik aus Aufmerksamkeitsgründen absichtlich forcieren (wie 1997 in der Mediensatire Mad City gezeigt, in der es um eine Geiselnahme geht, die ein Reporter eskalieren lassen will) oder ohnehin schon dramatische Ereignisse reißerisch aufbereiten – besonders im Boulevard. Hierfür ist das Verb ‘dramatisieren’ geläufig („etwas aufregender, schlimmer oder bedeutungsvoller darstellen, als es eigentlich ist“, Dudenredaktion 2007: 419). Bei dieser meist vorsätzlich angewandten Methode wird u.a. die Verhältnismäßigkeit der Mittel bei der Informationsverarbeitung missachtet (vgl. Roegele 1994: 433, zit. n. Mast 1994: 90), was zu „moralischen Defiziten im Journalismus“ führt (Mast 1994: 88). Trauer und Verzweiflung von Opfern und Angehörigen werden respektlos ausgeschlachtet (vgl. ebd.) mit der Absicht, „die Erregung des Publikums auflagen- und einschaltquotenfördernd zu steigern“ (ebd.: 89).

Dies kann – etwa bei → Ehrverletzungen oder Verletzungen der Privatsphäre – zu juristischen Sanktionen führen und grundsätzlich zu einer Rüge durch den Deutschen Presserat (vgl. Schneider 1998: 126). Der Presserat hat im Pressekodex publizistische Grundsätze festgehalten, von denen in diesem Zusammenhang Ziffer 11 zur Sensationsberichterstattung relevant ist. Darin heißt es: „Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“ (Deutscher Presserat 2015: 9). Dies gilt auch für Medizinberichterstattung, die in Ziffer 14 eigens berücksichtigt wird: „Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte“ (Deutscher Presserat 2015: 10).

Dramatik wird im Journalismus nicht nur in dafür prädestinierten Ressorts wie der Kriminalberichterstattung, sondern u.a. auch in politischen Entscheidungsprozessen hervorgehoben bzw. erzeugt – im Printjournalismus etwa durch stilistische Formulierungen wie Klimawandel: Ist die Erde noch zu retten?, Rentenniveau sinkt dramatisch: „Deutschen droht die Armut“ (Focus online 2016), 140.000 Tote in Syrien: Friedensverhandlungen in Genf drohen zu scheitern oder gleich als metaphorisches Szenario wie in einem Zeitungsbericht über Vermutungen, der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy habe seinen Wahlkampf mit Schwarzgeld finanziert (Niewerth 2010):

Über dem Präsidentenpalast in Paris braut sich ein monströses Unwetter zusammen. Ein Orkan, der so gefährlich ist, dass die Zeitung „Le Monde“ in düsterer Vorahnung bereits das Totenglöcklein für Nicolas Sarkozy klingelt. „Ein mörderischer Sommer“ drohe dem Hausherrn im Élysée, orakelt das Blatt.

Akute und latente Dramatik
Zu unterscheiden ist außerdem zwischen akuter und latenter Dramatik, d.h. zwischen Ereignissen, die sich über einen kurzen oder einen längeren Zeitraum erstrecken (Geiselnahme im Einkaufszentrum vs. Scheidungsdrama geht in die nächste Runde). Hier sind auch Geschehnisse einzubeziehen, die in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen wiederkehren (Flüchtlingsdrama im Mittelmeer – Schon wieder 200 Tote!).

Prominenz
Auch hier steigt die Relevanz der Berichterstattung, sofern zur Dramatik der Faktor der → Prominenz hinzukommt, also eine Person des öffentlichen Lebens in das Geschehen involviert oder zentraler Akteur ist – etwa als sich Formel1-Weltmeister Michael Schumacher beim Skifahren schwer verletzte und mehrere Monate im Koma lag (2013/2014) oder die ehemalige Gattin des britischen Thronfolgers Prinz Charles, Diana Spencer, 1997 in Paris auf der Flucht vor Paparazzi in einer von einem betrunkenen Chauffeur gesteuerten Limousine in einem Verkehrstunnel gegen einen Pfeiler prallte und wenige Stunden später ihren Verletzungen erlag.

Positive Dramatik
Obwohl Dramatik stark mit negativen Vorgängen und dem Nachrichtenfaktor Schaden verbunden ist, werden auch positive Ereignisse im Zusammenhang mit dem Faktor → Spannung berücksichtigt (vgl. u.a. F.A. Brockhaus 1973: 181, hier wird das Adjektiv ‘dramatisch’ auf Berichte oder Ereignisse bezogen, „die mit Leidenschaft oder Spannung erfüllt sind“). Dies ist vor allem in der Sportberichterstattung der Fall. Wenn das Finale eines bedeutenden Tennisturniers fast sechs Stunden dauert und das Ergebnis am Ende 5:7, 6:4, 6:2, 6:7, 7:5 lautet (Novak Djokovic gegen Rafael Nadal, Australien Open 2012), ist die Dramatik und damit das Wertmaß der Berichterstattung größer, als wenn ein Spiel relativ unspektakulär mit 6:3, 6:0, 6:2 endet – es sei denn, beim Verlierer des Duells handelt es sich um einen Spieler, der in der Weltrangliste weit oben steht, dann greifen die Faktoren der Sensation und Überraschung.

Dies trifft auch auf Ereignisse zu, deren Handlungsverläufe sich ‘in letzter Minute’ umkehren (im Filmjargon ‘Showdown’ und ‘Twist’ genannt): Als im Jahr 2001 am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga Bayern München durch ein Tor in der Nachspielzeit Schalke 04 den wenige Minuten zuvor eigentlich errungenen Meistertitel wegschnappte, war dies an Dramatik kaum zu überbieten, wurde journalistisch weit über die aktuelle Berichterstattung hinaus thematisiert und gilt heute als legendär (vgl. auch das Elfmeterschießen der Partie Deutschland gegen Italien im Viertelfinale der Fußball-EM 2016).

Forschungsstand
Die gegenwärtige Forschung befasst sich nicht nur mit der Dramatik an sich (etwa im Bereich der Medienethik), sondern vor allem mit Ereignissen, die ihr zugrunde liegen, und den journalistischen Umgang mit ihnen. Dazu hat sich im Zuge der Terroranschläge vom 11. September 2001, durch kontinuierliche Anschläge präsenter Terrororganisationen sowie Amokläufe auch in jüngster Zeit ein Forschungsschwerpunkt verstärkt, der dem Forschungsfeld der Kriegs- und Krisenberichterstattung angegliedert ist. Hier finden Versuche statt, Faktoren wie mediale Berücksichtigung und Interpretation, Ereignisstrukturen und Handlungsmotivationen auf unterschiedlichen Analysewegen zu durchleuchten. Diese beziehen sich einerseits auf kommunikationswissenschaftliche Aspekte wie in den Publikationen School Shootings. Interdisziplinäre Analyse und empirische Untersuchung der journalistischen Berichterstattung (Melanie Verhovnik 2015), Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt (Frank J. Robertz/Robert Kahr 2016) oder Reden. Reden? Reden! Spricht man mit Terroristen? (Frank Westerman 2016).

Andererseits existieren zeitdiagnostische Auseinandersetzungen (basierend auf Psychologie und Soziologie) durch die Zunahme gesellschaftlicher Polarisierung, Radikalismus und Rassismus, siehe u.a. Amok und Schulmassaker. Kultur- und medienwissenschaftliche Annäherungen (Ralf Junkerjürgen/Isabella von Treskow 2015), Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels. Angriff und Flucht in deutschsprachigen Theatertexten zwischen 9/11 und Flüchtlingsdrama (Artur Pelka 2016) und Geil auf Gewalt. Eine Studie über den Reiz von Mord und Totschlag in der Zeitung (Katja Fischborn 2009).

Literatur:

Deutscher Presserat: Publizistische Grundsätze (Pressekodex). Richtlinien für die publizistische Arbeit nach den Empfehlungen des Deutschen Presserats. Berlin, Fassung vom 11. März 2015. Der Pressekodex ist hier als PDF abrufbar.

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 6. Auflage. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich [Dudenverlag] 2007

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 5. Das Fremdwörterbuch. 10. Auflage. Mannheim/Zürich [Dudenverlag] 2010

F.A. Brockhaus Lexikon-Redaktion (Hrsg.): Lingen Lexikon, Band 4 Deut-Einq. Wiesbaden [Lingen Verlag] 1973

Focus online: Rentenniveau sinkt dramatisch. „Deutschen droht die Armut“: Rente wird für Bundesregierung immer größeres Problem. In: Focus online/Huffington Post, 14.04.2016. http://www.focus.de/politik/videos/merkel-muss-jetzt-handeln-dieser-skandal-ist-das-groesste-versagen-in-ihrer-kanzlerschaft_id_5435810.html

Gartenschläger, Lars; Lars Wallrodt: Drama im Elfmeterschießen. Ein neues Kapitel in der deutsch-italienischen Fußballgeschichte. In: Die Welt, 03.07.2016. http://www.welt.de/sport/fussball/em-2016/article156035035/Ein-neues-Kapitel-in-der-deutsch-italienischen-Fussballgeschichte.html

Mast, Claudia: Ethik im Journalismus. In: Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. 7., völlig neue Ausgabe. Konstanz [Ölschläger/UVK], 1994, S. 87-97

Niewerth, Gerd: Sarkozys mörderischer Sommer. Eine Schwarzgeld-Affäre macht dem französischen Staatspräsidenten zu schaffen. Ihm stehen nun schwere Wochen bevor. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 07.07.2010, S. 6

Roegele, Otto B.: Verantwortung des Journalisten. In: Schiwy, Peter; Walter J. Schütz (Hrsg.): Medienrecht. Lexikon für Wissenschaft und Praxis. 3. Auflage. Neuwied/Kriftel/Berlin [Luchterhand] 1994, S. 427-439

Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Handbuch des Journalismus. Reinbek [Rowohlt] 1998

Inhalt

Alltagssprachlich ist ein Inhalt das, was in einer Form enthalten ist. In der Geometrie sind Inhalte umgrenzte Flächen oder Räume. In den Medien bezeichnen sie das Dargestellte, also Objekte oder Handlungen. Der Inhalt eines Begriffs wird wiederum durch seine Merkmale definiert, z. B. der Begriff Zeitung durch die Merkmale → Aktualität, Periodizität, → Universalität und Publizität.

Medieninhalte bestehen materiell aus Zeichen (Texten, Tönen, bewegten oder unbewegten Bildern), die es ermöglichen, etwas darzustellen, zu speichern, zu verbreiten und wahrzunehmen. Diese sind zugleich Bedeutungsträger, also Symbole, die Informationen vermitteln können, und werden folglich als Kommunikationsmittel verwendet. Eine Unterscheidung von Form und Inhalt ist dabei allerdings manchmal schwierig, etwa in der Musik oder in abstrakten Kunstwerken, die keine Referenzobjekte haben.

Das antiquierte ‚Container-Modell‘ beruht auf der Annahme, Kommunikation sei ein Transport- oder Tauschvorgang, unterscheidet also nicht zwischen Form und Inhalt. Inzwischen stimmen die meisten Kommunikationswissenschaftler jedoch überein, dass Produzenten und Rezipienten von Texten, Bildern oder Klängen diesen unabhängig voneinander Bedeutungen zuschreiben können, auch wenn sie sich im Rahmen kultureller Konventionen gewöhnlich darüber verständigen, was jeweils gemeint ist.

Inhalte können analog dargestellt werden (Bilder, Filme) oder arbiträr (Buchstaben, Zahlen), sie können verbal oder nonverbal artikuliert werden, sie können sich auf vorausgesetzte Wirklichkeiten beziehen (faktisch) oder auf erfundene (fiktional) und sie können nach Themen oder → Genres geordnet werden. Um sie hinreichend zu verstehen, sollte man wissen, nach welchen Kriterien, Regeln und Routinen sie produziert werden. So sind journalistische Medieninhalte keineswegs ‚objektive‘ Darstellungen von Fakten und Ereignissen, sondern spezifische Konstrukte von Wirklichkeit, die nach Maßgabe bestimmter Aufmerksamkeitsregeln (z.B. → Nachrichtenfaktoren) ausgewählt werden, aber auch aufgrund leicht verfügbarer oder besonders aktiver Quellen wie Nachrichtenagenturen oder Pressestellen. Neben → Aktualität, → Relevanz und → Prominenz spielt dabei vor allem Negativität eine große Rolle (‚bad news‘), während in Werbung und PR ‚good news‘ dominieren (z. B. Attraktivität oder Erfolge). Im Entertainment geht es wiederum weniger um Fakten als um Abwechslung und affektive Appelle. Am erfolgreichsten sind hier triviale Muster, weil sie leicht verstanden werden.

Bei der Kommunikation von Medieninhalten orientiert man sich zwar an etablierten Schemata (→ Darstellungsformen, Stile, Sparten, Rubriken), doch weil deren Grenzen oft durch sogenannte ‚Hybridformate‘ verwischt werden, weiß man oft nicht mehr, worum es sich gerade handelt und ob man sich informieren, animieren lassen oder amüsieren soll. So müssen sich Leser, Hörer und Zuschauer immer öfter fragen, womit sie eigentlich konfrontiert werden und wie sie dieses auffassen sollen: Sind es Fakten oder Fantasieprodukte, sind sie ernst gemeint oder Spaß, sind Behauptungen wahr oder gelogen und nicht zuletzt: Wer steckt dahinter und kann man den Absendern vertrauen, besonders im oft anonymen Netz?

Als wissenschaftliche Methoden zur exakten Beschreibung und Messung von Medieninhalten haben sich qualitative und quantitative Inhaltsanalysen (Content Analysis) bewährt (Maurer 2006; Früh 2017). Sie liefern wertvolle Basisdaten und Erkenntnisse für die Nachrichten- und Werbeforschung, aber auch für die Literatur- und Filmwissenschaft.

Literatur:

Bonfadelli, Heinz: Medieninhaltsforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Konstanz [UVK] 2002.

Früh, Werner: Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis. 9. Auflage. Konstanz [UVK] 2017.

Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 5. Auflage. Wiesbaden [Springer] 2017.

Maurer, Marcus: Medieninhalte. Eine Einführung. Wiesbaden [VS Verlag] 2006.

Schmidt, Siegfried J.; Siegfried Weischenberg: Mediengattungen, Berichterstattungsmuster, Darstellungsformen. In: Merten, Klaus; Siegfried J. Schmidt; Siegfried Weischenberg (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen [Westdt. Verlag] 1994, S. 212-236.

Westerbarkey, Joachim: Die Assimilationsfalle, oder was eigentlich vorgeht. In: Baerns, Barbara (Hrsg.): Leitbilder von gestern? Zur Trennung von Werbung und Programm. Wiesbaden [Westdt. Verlag] 2004, S.193-204.

Kuriosität

Wortherkunft: lat. curiositas = Neugierde

Definition:
Eine Kuriosität ist eine Handlung, Situation, Sache oder Begebenheit, die deutlich von gesellschaftlichen Konventionen und etablierten Gegebenheiten abweicht. Das Duden Universalwörterbuch (2007: 1034) beschreibt die Kuriosität als etwas, das „auf unverständliche, fast spaßig anmutende Weise sonderbar“ ist. Gängige verbbezogene Synonyme sind – je nach Ausprägung der Kuriosität – seltsam, bizarr, lustig, skurril oder verrückt.

Geschichte:
Kuriositäten werden aufgrund ihrer Auffälligkeit schon seit Jahrhunderten wahrgenommen und kommuniziert. Bereits zu biblischen Zeiten verbreiteten sich Berichte über Wunder, insbesondere die Taten Jesus Christus‘, der etwa Wasser in Wein verwandelte (Joh 2,1-11) oder mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Menschen speiste (u.a. Mt 14,13-19; vgl. Freedman/Robinson et al. 1992: 214).

Im Mittelalter wurden menschliche Kuriositäten zur Volksbelustigung auf Jahrmärkten angepriesen, darunter Kleinwüchsige und Riesen. Hartzman (2006) datiert das erste Auftreten solcher „human oddities“ auf das Jahr 1102, „when the first St. Bartholomew Fair was held in London” (ebd.: 2; Semonin 1996: 76f.). Diese Tradition hatte bis ins 19. Jahrhundert Bestand (vgl. Turunen 2016: 115) und lebte „in der Institution des Zirkus fort, wo noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle möglichen Absonderlichkeiten gezeigt wurden: die fettleibigsten Menschen der Welt, dreibeinige Männer oder bärtige Frauen“ (ebd.). Hierzu gehörten seit den 1920er Jahren auch die US-amerikanischen Sideshows, in denen ,Freaks‘ öffentlich zur Schau gestellt wurden (vgl. ebd.: 115f.; Ostman 1996; siehe ausführlich Bogdan 1988). Abseits dessen etablierten sich ab dem 15. Jahrhundert Kuriositätenkabinette als frühe Form der Museen.

Mit dem Aufkommen der Zeitungen hielten Kuriositäten Einzug in die Pressebericherstattung: Ihre mediale Berücksichtigung lässt sich mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Kuriose Nachrichten fanden sich aber nur vereinzelt, meist als Polizei- oder Gerichtsmeldung (z.B. Volks-Zeitung Berlin, Drittes Blatt, 25.01.1890: 2; B.Z. am Mittag, 24.06.1929: 2) oder in der Rubrik ,Vermischtes‘. So vermeldete die Kölnische Zeitung am 15.12.1857 (3):

„In Lyon ist in voriger Woche ein junger Ehemann seiner Frau sogleich nach der Trauung durchgegangen und hat in Belgien eine Stelle in einer Fabrik angenommen. Veranlassung war der Umstand, daß die Braut während der Rede des Pastors in der Kirche eingeschlafen war.“

Gelegentlich beschrieb die Presse auch Geschehnisse und Protagonisten der Jahrmärkte und im Zirkus, die sich darüber hinaus im Anzeigenteil wiederfanden (z.B. Erlanger Real-Zeitung, 07.06.1782: 8; Neuer bayerischer Kurier für Stadt und Land, 07.08.1867: 8).

Im Zuge der massenmedialen Verbreitung wurden Kuriositäten schließlich zu Ereignissen, die sich zu Nachrichtenklassikern entwickelten, zum Beispiel Weißwal Moby Dick, der 1966 im Rhein gesichtet wurde.

Gegenwärtiger Zustand:
Wie Schneider und Raue es formulieren (1998: 98), gehört die Kuriosität zu dem Teil des Nachrichtenangebots, der „für die meisten hochinteressant, aber alles andere als wichtig“ ist; das heißt, „es hilft weder Entscheidungen zu fällen noch vermittelt es Wissen über den Zustand der Erde“. Damit zählt sie überwiegend zu den weichen Nachrichtenfaktoren.

Im Print- und Onlinejournalismus ist sie weiterhin meist im → Ressort ,Vermischtes‘ oder ,Panorama‘ zu finden, im Fernsehen häufig in Boulevardmagazinen, in Nachrichtensendungen gelegentlich als letzte Meldung vor der Wettervorhersage. So berichtete u.a. die ZDF-Nachrichtensendung heute am 25.06.2018 über ein Känguru, das während eines Fußballspiels in Australien über den Platz hüpfte.

Kuriositäten lassen sich thematisch gliedern in unterhaltsame Nachrichten, wissenschaftliche Erkenntnisse und Meldungen mit (partiell) gesellschaftlicher Relevanz.

Unterhaltung:
Beispiele für kuriose Nachrichten, denen das Merkmal der → Unterhaltsamkeit zu eigen ist, sind ein Trauerschwan, der sich auf einem See in Münster in ein Tretboot verliebte, worüber sogar das japanische Fernsehen berichtete (2006), und der britische Künstler Ben Wilson, der Kaugummis auf Bürgersteigen bemalt (2012). Wenn eine Frau sich selbst oder einen Bahnhof heiratet (2017), touchiert dies bereits die Grenze zum Trash, von dem u.a. die RTL-Rankingshow Die 25… lebt.

Der Journalismus kann ferner selbst zur Grundlage kurioser Erlebnisse werden – sei es, dass sich ein Nachrichtensprecher verspricht oder im Studio von einem Putzmann irritiert wird (Susanne Daubner, 2000), Kommentare von Fußballern am Spielfeldrand oder Interviews, die kuriose Züge annehmen: So wurde der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny immer wieder auf sein Interview mit Willy Brandt im Jahr 1972 angesprochen, bei dem der Bundeskanzler aufgrund der vorherigen Bitte, er möge sich kurz fassen, nur einsilbige Antworten gab (Bayerischer Rundfunk 1998: 8f., zum Video).

Hiervon abzugrenzen ist die vorsätzliche Kuriosität in Form der Mediensatire – etwa in den TV-Sendungen heute show, Neo Magazin Royale (ZDF) und Kalkofes Mattscheibe (Tele 5).

Wissenschaft:
Neben kuriosen Erkenntnissen aus dem Tierreich, der Natur oder zum menschlichen Körper (zusammengefasst in Publikationen wie Wenn Frösche vom Himmel fallen. Die verrücktesten Naturphänomene, Froböse 2007) ist hierbei eine Berichterstattung üblich, wenn eine Frau neun Monate lang nicht zu bemerken scheint, dass sie schwanger ist (2014), oder ein hochbegabter Junge aus Amsterdam mit acht Jahren Abitur gemacht hat und nun auf die Universität geht (2018). Auch manche Dokumentarfilme widmen sich kuriosen populärwissenschaftlichen Themen, darunter Am Anfang war das Licht (2010) über Menschen, die sich nur von Licht ernähren sollen. Aus solchen Fakten generieren viele Wissenschaftssendungen, aber auch Quizshows wie Da kommst du nie drauf! (ZDF) ihre Inhalte und ihre Popularität.

Gesellschaftliche Relevanz:
Die dritte Kategorie setzt sich aus kuriosen Nachrichten zusammen, die eine gesellschaftliche → Relevanz haben, etwa wenn in Lasagneprodukten heimlich Pferdefleisch verarbeitet (2013) oder Sahra Wagenknecht beim Parteitag der Linken mit einer Torte beworfen wurde (2016). Medial sehr präsent war auch die ,Ice Bucket Challenge‘ (2014), eine Charity-Aktion, die über eine kuriose Herausforderung (sich mit Eiswasser übergießen) auf eine Nervenkrankheit aufmerksam machen sollte.

In diese Kategorie gehören zudem Polizei- und Kriminalitätsmeldungen sowie politische Querelen mit kurioser Dimension, die häufig in der → Lokalberichterstattung als Lokalposse oder Schildbürgerstreich beschrieben werden.

Forschungsstand:
Wie die Nachrichtenforschung zeigt (Wendelin/Engelmann/Neubarth 2014; Ruhrmann/Göbbel 2007; Scholl/Renger/Blöbaum 2007; Krüger/Zapf-Schramm 2001), hat die Verbreitung von relevanzschwächeren, dafür aber unterhaltungsbasierten Nachrichten zugenommen – einerseits, da durch das Internet neue niederschwellige Informationsquellen entstanden sind, die vor allem von privaten Nutzern ,gefüttert‘ und von den Massenmedien ausgewertet werden (beispielsweise Youtube-Videos). Andererseits, um Aufmerksamkeit zu erreichen, da vermeintlich normale Nachrichten von den Rezipienten nicht mehr in dem Maß registriert werden, wie es noch bis in die 1990er-Jahre der Fall war. Die Grenzen dessen, was als normal empfunden wird und dadurch auch die Grenze für Kuriosita beschreibt, haben sich verschoben.

Schon Östgaard vermerkte 1965 (39ff.), dass Sensationalismus als Information höher bewertet wird als normale Ereignisse (vgl. Arnold 1999: 126). In der gleichen Publikation findet sich der Klassiker von Galtung und Ruge, die darauf hinweisen, dass es einen Schwellenwert der Auffälligkeit gibt, den ein Ereignis überschreiten muss, bevor es registriert wird (1965: 66; Mast 1994: 54). Gleichzeitig schränken sie dies durch den Faktor der Variation ein, der dann greift, wenn Ereignisse einen Kontrast zu etwas Bekanntem bilden („a very different kind of signal“, Galtung/Ruge 1965: 65; Arnold 1999: 126).

Wendelin et al. (2014: 1) beobachten aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage eine neue Publikumsorientierung im Journalismus, die sich den „den Relevanzstrukturen des Internetpublikums“ anpasst. Während im Offline-Journalismus gesellschaftlich bedeutungsvolle Nachrichten noch präsenter sind, dominieren online bei der Nachrichtenauswahl des Publikums „unterhaltungsorientierte Nachrichtenfaktoren“ (ebd.: 5). So enthielten einer Studie aus dem Jahr 2012 zufolge 21 bis 22 Prozent der Nachrichten in den geprüften Zeitungen den Faktor Kuriosität, während die Spanne bei Online-Medien zwischen 18 und 48 % lag, je nach Charakter der Publikation (Focus vs. Yahoo News) (vgl. ebd.: 12).

Kuriose Informationen werden von den Rezipienten zudem eher affektiv als kognitiv verarbeitet (siehe Frerichs 2000: 27) und in der Nachrichtenforschung dem Bereich ,Human Touch‘ untergeordnet, zu dem auch Personalisierung, Emotionalität, → Dramatik und Überraschung gehören (siehe u.a. La Roche 2006; Schwiesau/Ohler 2003; Weischenberg 2001).

Weitere Aspekte sind die mediale Inszenierung und damit verbundene ethische Normen. Während Berichterstattungen über Events wie Badewannen-Rennen oder Kuhfladen-Bingo harmlos erscheinen, erlebt die Freakshow durch TV-Talkshows sowie Casting- und Realityformate eine Transformation (vgl. Stulman Dennett 1996: 320). Ihr grundlegender Reiz sei „pure voyeurism“ (ebd.: 321): „People in bizarre situations more or less beyond their control, either psychologically or physically, hold themselves up for public scrutiny” (ebd.). Darauf weist auch Turunen hin (2016: 116): „Viele Formate des Reality-TV basieren darauf, dass ganz normale Menschen sich durch albernes Verhalten in Alltagssituationen lächerlich machen.“ Relevant sind zudem medienrechtliche Aspekte wie die Verletzung der Persönlichkeitsrechte (siehe Pörksen/Krischke 2012, insb. S. 266-280; siehe auch Wenmakers 2009). Letztlich ist auf den Grad der Manipulation zu achten (vgl. Stulman Dennett 1996: 322), vor allem, wenn Kuriositäten konstruiert sind und als → Ente oder → Fake News Eingang in die Medienberichterstattung finden (→ Authentizität).

Ansonsten beschränkt sich die Forschung auf Sammelwerke, die Kuriosita vorstellen – vom Lexikon der kuriosesten Reliquien (2003) und den Atlas der seltsamen Häuser und ihrer Bewohner (2016) bis zu Fundgruben wie Polizei überwältigt Stofftier. Kurioses aus der Presseschau (2017) oder das Guinness-Buch der Rekorde (1955ff.).

Literatur:

Arnold, Bernd-Peter: ABC des Hörfunks. 2. Auflage. Konstanz [UVK] 1999.

Bayerischer Rundfunk: alpha Forum. Sendung vom 29.12.1998. Friedrich Nowottny. Ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks im Gespräch mit Werner Reuß. PDF-Datei. [http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-forum/friedrich-nowottny-gespraech100.pdf]

Bogdan, Robert: Freak Show. Presenting Human Oddities for Amusement and Profit. Chicago/London [University of Chicago Press] 1988.

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 6. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2007.

Freedman, David Noel; Robinson, Thomas L. et al.: 1000 Fragen an die Heilige Schrift. Neue Einblicke in die faszinierende Welt der Bibel. Stuttgart [Das Beste] 1992.

Frerichs, Stefan: Grundlagen der Nachrichtenforschung. Eine allgemein verständliche Einführung für Laien. Aufsatz. Mainz 2016.

Froböse, Rolf: Wenn Frösche vom Himmel fallen. Die verrücktesten Naturphänomene. Weinheim [WILEY-VCH] 2007.

Galtung, Johan; Mari Holmboe Ruge: The structure of foreign news. In: Journal of Peace Research, 2 (1), 1965, S. 64-90.

Hartzman, Marc: American Sideshow. An encyclopedia of history’s most wondrous and curiously strange performers. New York [TarcherPerigee] 2006.

Krüger, Udo Michael; Thomas Zapf-Schramm: Die Boulevardisierungskluft im deutschen Fernsehen. Programmanalyse 2000: ARD, ZDF, RTL, SAT.1 und ProSieben im Vergleich. In: Media Perspektiven, 7, 2001, S. 326-344.

La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. 17. Auflage. Berlin [Econ] 2006.

Mast, Claudia: Journalistische Arbeit als Forschungsfeld. In: Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. 7. Auflage. Konstanz [UVK/Ölschläger] 1994, S. 52-55.

Östgaard, Einar: Factors influencing the flow of news. In: Journal of Peace Research, 2(1), 1965, S. 39-63.

Ostman, Ronald E.: Photography and Persuasion: Farm Security Administration Photographs of Circus and Carnival Sideshows, 1935-1942. In: Thomson, Rosemarie Garland (Hrsg.): Freakery. Cultural Spectacles of the Extraordinary Body. New York/London [New York University Press] 1996, S. 121-136.

Pörksen, Bernhard; Wolfgang Krischke (Hrsg.): Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien. 2. Auflage. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012.

Reichardt, Anne; Reichardt, Ingo (Hrsg.): „Das glaub‘ ich jetzt nicht – Kuriose Nachrichten“. Band 1-3. Berlin [Epubli] 2015.

Ruhrmann, Georg; Jens Woelke; Michaela Maier; Nicole Diehlmann: Der Wert von Nachrichten im deutschen Fernsehen. Ein Modell zur Validierung von Nachrichtenfaktoren. Wiesbaden [Springer Fachmedien] 2003.

Ruhrmann, Georg; Roland Göbbel: Veränderung der Nachrichtenfaktoren und Auswirkungen auf die journalistische Praxis in Deutschland. Abschlussbericht für netzwerk recherche e.V. Wiesbaden [netzwerk recherche e.V.] 2007.

Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Handbuch des Journalismus. Reinbek [Rowohlt] 1998.

Scholl Armin; Rudi Renger; Bernd Blöbaum (Hrsg.): Journalismus als Unterhaltung. Theoretische Ansätze und empirische Befunde. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2007.

Schwiesau, Dietz; Josef Ohler: Die Nachricht in Presse, Radio, Fernsehen, Nachrichtenagentur und Internet. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München [List] 2003.

Semonin, Paul: Monsters in the Marketplace: The Exhibition of Human Oddities in Early Modern England. In: Thomson, Rosemarie Garland (Hrsg.): Freakery. Cultural Spectacles of the Extraordinary Body. New York/London [New York University Press] 1996, S. 69-81.

Stulman Dennett, Andrea: The Dime Museum Freak Show Reconfigured as Talk Show. In: Thomson, Rosemarie Garland (Hrsg.): Freakery. Cultural Spectacles of the Extraordinary Body. New York/London [New York University Press] 1996, S. 315-326.

The New York Medical Journal: Circus and Museum Freaks – Curiosities of Pathology. In: Scientific American, April 1908, S. 222.

Thomson, Rosemarie Garland (Hrsg.): Freakery. Cultural Spectacles of the Extraordinary Body. New York/London [New York University Press] 1996.

Turunen, Ari: Bitte nach Ihnen, Madame. Eine kurze Geschichte des guten Benehmens. München [Nagel & Kimche] 2016.

Weischenberg, Siegfried: Nachrichten-Journalismus. Anleitungen und Qualitäts-Standards für die Medienpraxis. Wiesbaden [Westdeutscher Verlag] 2001.

Wendelin, Manuel; Ines Engelmann; Julia Neubarth: Nachrichtenfaktoren und Themen des Nutzerrankings. Ein Vergleich der journalistischen Nachrichtenauswahl und der Selektionsentscheidungen des Publikums im Internet. In: Medien & Kommunikationswisssenschaft, 62(3), 2014, S. 439-458. DOI: 10.5771/1615-634x-2014-3-439.

Wenmakers, Julia: Rechtliche Grenzen der neuen Formen von Satire im Fernsehen. Wo hört bei Stefan Raab und Harald Schmidt der Spaß auf? Hamburg [Dr. Kovač] 2009.

Prominenz

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Wortherkunft: lat. prominentia = Vorsprung, zum lat. Verb prominere = hervorragen; engl. prominence, celebrity

Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit der Prominenten im Sinne von herausragenden Personen oder auch den Bekanntheitsgrad eines Menschen oder eines Ortes in der Öffentlichkeit. Im Deutschen ist er erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts gebräuchlich, als Äquivalent zum Begriff Eminenz (= Anrede von hohen katholischen Würdenträgern).

Prominenz ist ein zentraler → Nachrichtenfaktor, vor allem im Boulevardjournalismus. Winfried Schulz hat ihn in seiner Analyse über die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien der Dimension Status untergeordnet (vgl. Schulz 1976: 32 ff.). Alltagssprachlich wird zwischen mehreren Hierarchiestufen der Prominenz unterschieden: Zur A-Prominenz – genannt Promis, Celebrities oder VIPs (= very important persons) – gehören vor allem absolute und relative Personen der Zeitgeschichte, die entweder aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit (zum Beispiel zu einem Königshaus) oder ihrer politischen, ökonomischen, sozialen oder kulturellen Funktion in weiten Teilen der Gesellschaft bekannt sind (als Bundespolitiker, Wirtschaftsbosse, Künstler, Musiker, Schauspieler, Sportler). Diese werden häufig auch mit dem Begriff Elite bezeichnet; dazu wiederum gehören Menschen, die Positionen mit einem hohen Machtpotenzial aufweisen und damit in der Lage sind, gesellschaftlichen Wandel zu beeinflussen (vgl. Berger 2002: 93-94). Äußere Merkmale der Elite sind ein hoher sozialer Status, verbunden mit einem entsprechenden ökonomischen bzw. finanziellen Hintergrund, der Ausdruck in einem bestimmten Lebensstil finden kann.

Es werden weitere Stufen unterschieden, die weniger aufgrund ihres Status‘, sondern ihrer Präsenz in den Medien definiert sind: die B-Prominenz, zum Beispiel Schauspieler, die nicht zu den Bestverdienern zählen, sondern in eher zweitklassigen Filmen oder Serien auftreten und gerne ihre privaten Türen für Homestorys öffnen. Weitere Abstufungen von C-, D- bis Z-Promis erfolgen oft ironiebasiert. Dabei geht es um Personen, die meist aufgrund eines Skandals eher im negativen Sinne und zeitlich befristet Aufmerksamkeit erregen; zu sehen sind sie beispielsweise in Fernsehsendungen wie Promi Big Brother (Sat. 1) oder Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! (RTL). Personen, die etwa als Germanys Next Topmodel oder Superstar aus einem medialen Wettbewerb herausgehen, sind für relativ kurze Zeit pseudo-prominent. Zentrale Merkmale sind physische Besonderheiten wie Schönheit und Sportlichkeit (oder das jeweilige kuriose Gegenteil).

Prominenz ist im sozialwissenschaftlichen Verständnis (vgl. Weingart/Pansegrau 1998; Peters 1994 und 1996; Wippersberg 2007) weniger durch Kompetenz definiert, sondern entsteht in einem „Kreislauf aus medialer Vermittlung, Inszenierung und Annahme durch das Publikum“ (Wippersberg 2007: 40). Durch die zunehmende Personalisierung und Boulevardisierung auch in seriösen Medien hat die Fokussierung der Berichterstattung auf prominente Personen zugenommen. Sie bieten weniger den Stoff für informativen Nachrichtenjournalismus, sondern für ‘Soft News’ und ‘Human Interest’-Storys, die sich inzwischen auch auf den bunten Weltspiegelseiten der Qualitätspresse etabliert haben, da sie das → Unterhaltungsbedürfnis bedienen.

Häufig wird für Prominenz der Begriff der Reputation synonym verwendet. Nach Peter Weingart und Petra Pansegrau (1998) meinen beide nicht das Gleiche, sind sich aber ähnlich, da es in beiden Fällen um Anerkennung geht, die allerdings in zwei unterschiedlichen Arenen vergeben wird: Prominenz in der öffentlich-medialen, Reputation in der (wissenschaftlich) fachlichen. Dieses Renommee wiederum ist differenzierbar in die funktionale, die soziale und die expressive Reputation (vgl. Eisenegger/Imhof 2009): Die funktionale ist gekennzeichnet durch Fachkompetenz, Leistung, Zweckrationalität und Erfolg; sie wird vergeben von Wissenschaftlern, Experten, Analysten und Fachjournalisten. Soziale Reputation basiert auf sozialen Normen und Werten, auf Legitimität, Integrität und ethischer Korrektheit. Für Charisma, innovative Kraft und emotionale Attraktivität und Authentizität hingegen wird expressive Reputation vergeben. Häufig korrelieren Prominenz und Reputation miteinander, nicht selten stehen sie aber auch im Konflikt.

Vor allem Wissenschaftler wandern häufig auf einem schmalen Grat: Einerseits sind sie darauf angewiesen, über ihre Kompetenz in der Scientific Community Reputation zu gewinnen; andererseits gilt es auch, in der Mediengesellschaft wahrgenommen zu werden und über diese Aufmerksamkeit wiederum ihre wissenschaftliche Forschung voranzubringen. Bisweilen wird dieses Verhalten in der Kollegenschaft negativ bewertet: Dr. Peter Lösche war bis 2007 Professor für Politikwissenschaften an der Universität Göttingen, häufig Gast in politischen Gesprächsrunden der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sowie Experte für Zeitungsinterviews. Nach seiner Auffassung gehört es zum Selbstverständnis eines Hochschullehrers, auch über Massenmedien zu kommunizieren und damit ein Publikum zu erreichen, das nicht die wissenschaftlichen Zeitschriften rezipiert, sondern über populäre Formate erreichbar ist (vgl. Dernbach 2012: 187). Die Ambivalenz der Reaktionen sei im Kollegium jedoch deutlich zu spüren gewesen: Einerseits freue man sich, wenn die Universität „schon wieder“ in den Medien erwähnt worden sei. Andererseits sei er durch seine außeruniversitäre Präsenz als „Dünnbrettbohrer“ bezeichnet worden (ebd.: 191). Kollegenneid, insbesondere aus Fachrichtungen, die kaum mediales Interesse erzeugen, spiele hier nach Lösches Erfahrung eine wesentliche Rolle (vgl. ebd.).

Prominenz hat den Effekt, dass sie die Aufmerksamkeit der Medien auf ein Thema lenken kann und dadurch die Berichterstattung fördert, manchmal sogar erst begründet. Wenn beispielsweise für eine wissenschaftliche Veranstaltung als Gäste unterhaltsame und durch die Medien prominente Wissenschaftler wie Ranga Yogeshwar (WDR), Harald Lesch (ZDF), Vince Ebert (ARD) oder auch ein Vertreter der Sendung mit der Maus (der die „Maus“ gleich mitbringt), angekündigt werden, wird die mediale Aufmerksamkeit für die Veranstaltung ungleich größer sein als eine Diskussionsrunde mit relativ unbekannten Wissenschaftlern, mögen sie auch noch so fachkompetent sein. Das gilt auch für die Funktionalität von Spendenshows, Benefizaktionen, Hilfsorganisationen und Stiftungen: Steht eine prominente Person als Schirmherr oder Markenbotschafter und damit als Anreiz zur Verfügung, ist die Chance auf mediales Interesse und publikumswirksame Berichterstattung definitiv größer, oft sogar gesichert.

Forschungsstand:
Die Fülle von Biographien und Autobiographien Prominenter, insbesondere aus dem Kulturbereich, ist fast unüberschaubar geworden. Oft sind sie je nach Dramaturgie und Darstellungsanspruch ein Stück Zeitgeschichte, persönliches Porträt, Dokumentation, romanhafte Erzählung oder sie zelebrieren die prominente Person. Kritische Auseinandersetzungen, sofern sie von außen kommen, sind in diesem Sachbuch-Genre rar, es sei denn, sie wollen ‚enthüllen‘, was jedoch dem angesprochenen Boulevardjournalismus dient und mitunter Behauptung bleibt.

In der Wissenschaft befassen sich kritische Analysen mit unterschiedlichen Branchen sowie Darstellungsformen der Prominenz – etwa Prominenz in den Medien. Zur Genese und Verwertung von Prominenten in Sport, Wirtschaft und Kultur (hrsg. von Thomas Schierl 2007), Die Individualität der Celebrity. Eine Mediengeschichte des Interviews (Jens Ruchatz 2014) sowie aktuell Mensch bleiben in der Politik. Zwischen Bühne und Besonnenheit (Clemens Sedmak 2016).

Medienwissenschaftliche Untersuchungen lassen die ‚Betroffenen‘ auch selbst zu Wort kommen, um Faktoren wie Handlungsmotivationen, Medienstrategien und gesellschaftliche Automatismen in Bezug auf Prominenz zu reflektieren. Hier seien zwei Werke unter der Mitherausgeberschaft von Bernhard Pörksen genannt, die einen ähnlichen Ansatz durch Forschungsinterviews verfolgen: Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit inszeniert (hrsg. von Jens Bergmann und Bernhard Pörksen 2007) sowie Die Casting-Gesellschaft: Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien (hrsg. von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke 2012).

Die Zwiespältigkeit der öffentlichen Präsenz ist wiederholt Thema in kommunikationswissenschaftlich oder psychologisch geprägten Untersuchungen. Speziell erwähnt sei Ulrich F. Schneiders Analyse Der Januskopf der Prominenz. Zum ambivalenten Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit (2004) und die populärwissenschaftliche Publikation Celebrities. Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein (Borwin Bandelow 2006). Auch juristische Betrachtungen nehmen sich dieses Feldes an (z. B. Persönlichkeitsrechte von Prominenten im internationalen Vergleich, Kirstin Kastell 2013). Zudem richtet die Wissenschaft ein Augenmerk auf die andere Seite des ‚Geben und Nehmen‘-Prozesses: die Fankultur, etwa in Fans – Soziologische Perspektiven (hrsg. von Jochen Roose, Mike S. Schäfer und Thomas Schmidt-Lux, 2. Auflage 2010).

Literatur:

Berger, Gerhard: Elite. In: Endruweit, Günter; Gisela Trommsdorf (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie. 2. Auflage. Stuttgart [Lucius und Lucius] 2002, S. 93-94

Dernbach, Beatrice (Hrsg.): Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht. Prominente Wissenschaftler in populären Massenmedien. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2012

Eisenegger, Mark; Kurt Imhof: Funktionale, soziale und expressive Reputation – Grundzüge einer Reputationstheorie. In: Röttger, Ulrike (Hrsg.): Theorien der Public Relations. Grundlagen und Perspektiven der PR-Forschung. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2009, S. 243-264

Peters, Birgit: „Öffentlichkeitselite“ – Bedingungen und Bedeutungen von Prominenz. In: Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Opladen [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 1994, S. 191-213

Peters, Birgit: Prominenz. Eine soziologische Analyse ihrer Entstehung und Wirkung. Opladen [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 1996

Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung. Freiburg [Karl Alber] 1976

Weingart, Peter; Petra Pansegrau: Reputation in der Wissenschaft und Prominenz in den Medien: Die Goldhagen-Debatte. In: Rundfunk und Fernsehen. Die Medien der Wissenschaft 46, 2-3, 1998, S. 193-208

Wippersberg, Julia (2007): Prominenz. Entstehung, Erklärungen, Erwartungen. Konstanz [UVK] 2007