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Qualität

    Eine Einführung von Holger Handstein

    Wortherkunft: lat. qualitas = Beschaffenheit, Eigenschaft

    Qualität lässt sich als konkrete, individuelle Eigenschaft einer Sache definieren. Sie bezeichnet die Güte einer Ware oder Dienstleistung sowie allgemein die Beschaffenheit einer Einheit in Bezug auf an sie gestellte Forderungen. Bezogen auf Journalismus wird Qualität 1.) wissenschaftlich als Güte entlang verschiedener Merkmalsgruppen (Dimensionen) diskutiert. 2.) hat sich darüber hinaus die Bezeichnung bestimmter überregionaler Medien als Qualitätszeitungen im Sprachgebrauch etabliert.

    Die journalistikwissenschaftliche Qualitätsforschung gewann im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts massiv an Bedeutung. Qualitätsforderungen wurden dabei aus verschiedenen Quellen abgeleitet – etwa aus Gesetzestexten und Pressekodizes, aus Vorstellungen des Publikums und von Journalisten selbst oder aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, etwa in Bezug auf → Verständlichkeit oder → Relevanzmessung. In jüngerer Zeit ist die systematische Auswertung von digital erhobenen Nutzungsdaten als weiterer wichtiger Faktor hinzugekommen. Zudem kann die Qualität mithilfe ökonomischer Maßstäbe erfasst werden als Fähigkeit eines journalistischen Produktes, sowohl den individuellen Nutzen der Rezipienten als auch der Anzeigenkunden und weiterer Anspruchsgruppen zu maximieren.

    1.) Die zur Diskussion und Messung von Qualität genutzten Kriterien und Dimensionen sind entsprechend heterogen. Sie betreffen ethische Fragen ebenso wie technische und handwerkliche. Beiträge zur Qualitätsdiskussion erörtern, wann → Aktualität gegeben ist, was → Relevanz ausmacht und wie sie erzeugt wird; wodurch sich gute → Recherche auszeichnet und wie bedeutsam → Vielfalt für Qualität im Journalismus ist; welchen Stellenwert gute Vermittlung hat und welche Rolle → Verständlichkeit dabei spielt. Und schließlich: welche Beziehungen und – unter Umständen – Widersprüche zwischen unterschiedlichen Dimensionen der Qualität bestehen. Ein breiter wissenschaftlicher Konsens existiert dabei allenfalls in Bezug auf einzelne Aspekte journalistischer Qualität – etwa die Bedeutung der sachlichen → Richtigkeit journalistischer Informationen oder der Notwendigkeit verständlicher Vermittlung.

    Nicht einmal über die Dimensionen, anhand derer Qualität gemessen werden sollte, besteht Einigkeit. Noch viel weniger Übereinstimmungen existieren über konkrete Qualitätsforderungen, die innerhalb dieser Dimensionen zu stellen sind. Einige Dimensionen und Qualitätsforderungen haben sich dennoch als besonders relevant für die Fachdiskussion herauskristallisiert. Neben den bereits genannten Dimensionen sind dies etwa: → Authentizität, → Personalisierung, → Plausibilität, → Quellenvielfalt, → Spannung, → Unabhängigkeit, → Universalität, → Unterhaltsamkeit, → Vollständigkeit und → Wahrhaftigkeit.

    2.) Relativ unabhängig von dieser wissenschaftlichen Diskussion ist die Bezeichnung bestimmter – meist überregionaler – Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung oder der Zeit als Qualitätszeitungen. Sie basiert nicht auf einer systematischen Prüfung einer oder mehrerer der genannten Qualitätsdimensionen und drückt daher auch nicht die Eigenschaft bestimmter journalistischer Angebote aus, Qualitätsforderungen zu erfüllen. Vielmehr kennzeichnet der Begriff Medien mit besonders hohem Anspruch, etwa an Recherche oder das Themenspektrum, über das berichtet wird. Dadurch liegt allerdings nahe, dass Qualitätszeitungen Qualitätsforderungen bestimmter Gruppen (etwa politischer interessierter Teilöffentlichkeiten) eher erfüllen können als andere Medien.

    Literatur:

    Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

    Heinrich, Jürgen: Medienökonomie. Band 1. Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994

    McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Holger Handstein
Holger Handstein
*1976, Dr., hat an der Technischen Universität Dortmund zum Thema Qualität im Journalismus promoviert. Er arbeitet als Kommunikationsberater in Köln. Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte: Qualität im Journalismus, Verhältnis von Journalismus und PR. Kontakt: post (at) handundstein.de Holger Handstein hat einen Einführungsbeitrag zum Thema → Qualität im Journalismus geschrieben.

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Aktualität

Wortherkunft: frz. actualité = Wirklichkeit, Gegenwärtigkeit, Neuigkeit; gebildet nach lat. actualitas = Wirksamkeit

Der Begriff bezeichnet (1) eines der Merkmale, durch die sich Journalismus von anderen Formen der Kommunikation unterscheidet; (2) eines der journalistischen Qualitätsmerkmale.

(1) Noch im 18. Jahrhundert wird der Begriff Aktualität vorwiegend im Sinne der mittellateinischen Bedeutung als ‘Wirksamkeit’ gebraucht. Im 19. Jahrhundert setzt jedoch im Zuge der Nutzung als journalistisches Konzept ein Bedeutungswandel ein – Gegenwärtigkeit und Neuigkeit rücken in den Vordergrund.

Aktualität in diesem journalistischen Sinne ist gekennzeichnet durch das Ziel, die Zeitspanne zwischen einem Ereignis und der Berichterstattung darüber möglichst stark zu verkürzen. Dies äußert sich auch darin, dass eine häufigere Erscheinungsweise in der Regel mit einer Erhöhung der Aktualität einhergeht. So waren die ersten aktuellen Zeitungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts – die in Straßburg erscheinende Relation und der Wolfenbütteler Aviso – Wochenzeitungen. Das ab 1620 in Frankfurt herausgegebene Diarium Hebdomadale dagegen erschien bereits zweimal wöchentlich. 1650 kam es zur Gründung der ersten Tageszeitung, den Einkommenden Zeitungen aus Leipzig.

In der Gegenwart existieren Medien mit unterschiedlichstem Erscheinungsrhythmus nebeneinander. Daraus ergibt sich, dass Aktualität für verschiedene Mediengattungen eine unterschiedliche Bedeutung hat. Für Tageszeitungen äußert sie sich als Tagesaktualität, also die Berichterstattung über Ereignisse, die längstens 24 Stunden zurückliegen. Wochenzeitungen und Zeitschriften arbeiten mit längerfristigen Zeitrahmen. Rundfunk und Online-Medien dagegen erreichen näherungsweise Gleichzeitigkeit zwischen Ereignis und Berichterstattung. Dies gipfelt in der Live-Reportage.

Neben dieser, rein auf den zeitlichen Aspekt bezogenen Verwendung des Begriffes, kennt der Journalismus auch das Konzept der latenten Aktualität. Es bezeichnet Ereignisse und Entwicklungen, die zwar für die Gegenwart der Gesellschaft und damit auch den Journalismus bedeutsam sind, denen aber nicht ohne weiteres Tagesaktualität zugewiesen werden kann – etwa, weil es an einem konkreten Ereignis fehlt, das Anlass für die Berichterstattung sein könnte.

Wie grundlegend das Aktualitätskonzept für den Journalismus ist, zeigt sich unter anderem darin, dass verschiedene systemtheoretisch geprägte Beschreibungen des Journalismus den binären Code aktuell/nicht-aktuell nutzen, um journalistische Kommunikation von allen anderen gesellschaftlichen Kommunikationsformen abzugrenzen. Eine Folge des Zwangs zur Aktualität ist, dass journalistische Produkte rasch ihren Informationswert verlieren, wenn sie veralten.

(2) Als journalistisches Qualitätsmerkmal kann Aktualität ebenfalls unter dem Aspekt der möglichst schnellen Verbreitung von → Nachrichten betrachtet werden. Journalismus ist demnach umso besser, je kürzer die Zeit zwischen einem Ereignis und dem Bericht darüber ist. Aktualität in diesem Sinne kann in Konflikt mit anderen Qualitätsmerkmalen, vor allem der → Richtigkeit geraten: Wenn die Richtigkeit von Nachrichten aufgrund des Zwangs zur Aktualität weniger genau geprüft werden kann, als dies möglich wäre, wenn mehr Zeit zur Verfügung stünde, dann entsteht ein Zielkonflikt. Neuere wissenschaftliche Ansätze nehmen bei der Beschreibung von Aktualität allerdings zusätzlich in den Fokus, wie gut und auf welche Weise es einer Redaktion gelingt, latent aktuelle Entwicklungen zum Thema ihrer Berichterstattung zu machen, also zu aktualisieren.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege Deutschland • Österreich • Schweiz. 18. Auflage. Berlin [Econ] 2008

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Authentizität

authenticity_geralt_pixabay_comWortherkunft: Ableitung des Adjektivs ‘authentisch’ = echt, glaubhaft, verbürgt, wahr; ursprünglich abstammend vom griech. Adjektiv ‘authentikós’ = zum Urheber in Beziehung stehend, im Deutschen seit dem 16. Jahrhundert in der heutigen Bedeutung gebräuchlich

Im Journalismus wird unter Authentizität (1) die tatsächliche Echtheit einzelner Informationen und kompletter Beiträge sowie (2) das erfolgreiche Erwecken eines Anscheins von Echtheit als Mittel journalistischer Darstellung unabhängig von der tatsächlichen Echtheit der vermittelten Informationen verstanden.

(1) Die Prüfung von Quellen und den von ihnen übermittelten Informationen auf Authentizität ist ein wesentlicher Teil journalistischer → Recherche. Nur authentische Informationen können zur Grundlage korrekter Berichterstattung werden. Schlägt diese Prüfung auf Authentizität fehl, kommuniziert Journalismus also über nicht authentische Informationen, kann dies die Glaubwürdigkeit einzelner Journalisten oder gesamter Redaktionen in Frage stellen. Ein besonders bekanntes Beispiel für einen solchen Fehlschlag ist die Veröffentlichung der vermeintlich authentischen, tatsächlich aber gefälschten Hitler-Tagebücher im Magazin Stern im Jahr 1983. Was als journalistischer Coup geplant war, sorgte weltweit für Negativschlagzeilen.

(2) Authentizität als Vermittlungstechnik ist vor allem in stärker subjektiv geprägten journalistischen Genres von Bedeutung – vor allem in → Reportagen, → Porträts und → Features, aber auch in → Interviews und anderen Stilformen. Für die Reportage forderte bereits Egon Erwin Kisch neben Standpunkt- und Tendenzlosigkeit des Reporters auch Erlebnisfähigkeit sowie „Liebe zu seinem Gewerbe“. Durch die Vermittlung eigenen Erlebens soll die unmittelbare Teilnahme der Rezipienten am wahrheitsgemäß geschilderten Ereignis ermöglicht oder zumindest suggeriert werden.

Während Kisch seine Einstellung zur Tendenzlosigkeit später revidierte, hat sich an der Betonung des eigenen Erlebens in der Reportage bis heute nichts geändert. Dass die Vermittlung von Authentizität indes auch ohne tatsächliches eigenes Erleben möglich ist, zeigte sich beispielhaft etwa am Skandal um die Verleihung und anschließende Aberkennung des Egon-Erwin-Kisch-Preises 2011 an René Pfister für die Reportage Am Stellpult. Pfister hatte in der Reportage detailliert eine Modelleisenbahn im Keller des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer beschrieben, anschließend aber zugegeben, den Keller niemals betreten zu haben. Die Vermittlung des Eindrucks von Authentizität war offenbar gelungen, obwohl der Autor sich dazu nicht auf authentische Informationen stützen konnte. In einem ähnlichen Spannungsfeld bewegen sich häufig journalistische Interviews, die den Eindruck eines authentischen Gesprächs vermitteln sollen, tatsächlich aber regelmäßig nach dem Gespräch stark gekürzt, dramaturgisch verändert oder inhaltlich modifiziert werden.

Literatur:

Haller, Michael: Die Reportage. 6. Auflage. Konstanz [UVK] 2008

Ihl, Daniela: Egon Erwin Kischs Reportagebuch Landung in Australien. Eine historisch-literarische Studie. Frankfurt/M. [Peter Lang] 2010

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Lügenpresse

Definition:
‚Lügenpresse‘ ist ein Schlagwort, das Misstrauen gegenüber den etablierten Medien, häufig sogar eine fundamentale Ablehnung derselben zum Ausdruck bringt. Dem Wortsinn nach unterstellt es Journalisten absichtsvoll falsche Sachverhaltsaussagen bzw. die Verdrehung von Tatsachen. Im erweiterten Sinn meint es Kritik an der vorgenommenen Auswahl von Nachrichten und Meinungen und an den in der Berichterstattung dominierenden Deutungsmustern (Frames) und Narrativen. Ein wesentlicher Teil der Kritik bezieht sich also „nicht auf Wahrheit, sondern auf ein anderes zentrales Qualitätskriterium: Relevanz“ (Hagen 2015: 153) – d.h. auf die Frage, was berichtet und was nicht berichtet wird –, sowie auf
Qualitätskriterien wie Neutralität bzw. Unparteilichkeit, Ausgewogenheit, Kritik und Unabhängigkeit (Arnold 2009: 162-196).

Mit dem Schlagwort ,Lügenpresse‘ verbunden sind häufig verschwörungsideologische Vorstellungen darüber, dass die Medien mit der Politik zusammenarbeiten würden, um die Bevölkerungsmeinung in wichtigen Fragen zu manipulieren (Krüger/Seiffert-Brockmann 2017). Einen ähnlichen Bedeutungsgehalt haben die Schlagwörter ,gleichgeschaltete Medien‘ und ,Systempresse‘. Oft zielt auch der Begriff ,Mainstream-Medien‘ in diese Richtung. Der auf ,Lügenpresse‘ anspielende Begriff ,Lückenpresse‘ transportiert die Kritik in abgeschwächter und weniger aggressiver Form.

Geschichte:
Nach heutigem Kenntnisstand wurde der Begriff ,Lügenpresse‘ erstmals 1835 in der Wiener Zeitung verwendet, in der Übersetzung der Rede eines französischen Abgeordneten, der sich für eine Einschränkung der Pressefreiheit in Frankreich aussprach: „Nur durch Unterdrückung der Lügenpresse kann der wahren Presse aufgeholfen werden“ (Wiener Zeitung 1835: 2). Im Zuge der Märzrevolution 1848 wurde „(jüdische) Lügenpresse“ zu einem antisemitisch konnotierten Schlagwort konservativ-katholischer Kreise gegen die aufkommende liberale demokratische Presse (Heine 2015). Während und nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und während des Ersten und Zweiten Weltkriegs bezog sich ,Lügenpresse‘ in der deutschen Kriegspropaganda auf die Zeitungen in Frankreich und in anderen verfeindeten Staaten (Bsp. Anton 1916). Selbst Intellektuelle wie Literaturnobelpreisträger Gerhard Hauptmann reproduzierten den Topos der „französischen Lügenpresse“ (Essig/Nickisch 2007: 95). In den 1920er Jahren richteten NSDAP-Größen wie Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ wahlweise gegen bürgerlich-liberale und gegen kommunistische Zeitungen. Kommunisten und Sozialisten wiederum richteten den Vorwurf in den 1920er Jahren gegen die bürgerliche bzw. „kapitalistische“ Presse, in der DDR-Propaganda zielte er auf bundesdeutsche oder amerikanische Medien. Seit Anfang der 2000er Jahre verwendeten Rechtsextremisten und Neonazis das Schlagwort gegen die etablierten Medien in Deutschland.

Gegenwärtiger Zustand:
Weite Verbreitung und große öffentliche Resonanz erlangte das Schlagwort seit Herbst 2014, als es erstmals auf Pegida-Demonstrationen in Dresden und in anderen Städten skandiert wurde – hier häufig verbunden mit Gewaltandrohungen gegen und tätlichen Angriffen auf Journalisten (Hoffmann 2017). Vom rechtsextremen Rand ist der Begriff damit in die gesellschaftliche Mitte gerückt und wird vor allem in rechtspopulistischen, rechtskonservativen, fremden- und islamfeindlichen Kreisen benutzt (Elsässer/Dassen 2015, Gärtner 2015, Denk 2015, Ulfkotte 2015). Die sprachkritische Initiative Unwort des Jahres wählte ,Lügenpresse‘ zum Unwort des Jahres 2014, weil die pauschale Diffamierung fundierte Medienkritik verhindere und die Pressefreiheit gefährde (vgl. Unwort des Jahres 2014). Verteidigt wurde der Begriff jedoch von einigen linken Publizisten wie Arno Klönne (2015), Eckart Spoo (2015) und Walter van Rossum (Wernicke 2017), da er zur Kritik von Desinformation tauge.

Laut Bevölkerungsumfragen ist der Vorwurf einer ,Lügenpresse‘ weit verbreitet. In einer Allensbach-Umfrage für die FAZ vom Dezember 2015 gaben 39 Prozent der Befragten an, am Vorwurf der ,Lügenpresse‘ sei etwas dran (Köcher 2015). In einer Emnid-Umfrage für den Bayerischen Rundfunk vom März 2016 stimmten der Aussage „Ich glaube, dass in den Medien häufig absichtlich die Unwahrheit gesagt wird“ 27 Prozent der Befragten „völlig“ und weitere 28 Prozent „eher“ zu (Bayerischer Rundfunk 2016). Eine Umfrage der Universität Mainz vom Herbst 2016 ergab, dass die Aussage „Die Bevölkerung in Deutschland wird von den Medien systematisch belogen“ von 19 Prozent mit „trifft eher/voll und ganz zu“ und weiteren 36 Prozent mit „teils/teils“ eingeschätzt wurde; ähnlich hohe Zustimmungswerte erhielt die verschwörungstheoretische Aussage „Die Medien und die Politik arbeiten Hand in Hand, um die Bevölkerungsmeinung zu manipulieren“ (26 Prozent „trifft eher/voll und ganz zu“, weitere 31 Prozent „teils/teils“) (Schultz et al. 2017: 253). In gewissem Widerspruch dazu steht der Befund, dass Langzeitdaten keinen Verlust des Vertrauens in die Medien zeigen (Reinemann et al. 2017).

Die Ursachen der gegenwärtig recht hohen Zustimmung zum ,Lügenpresse‘-Topos dürften darin zu suchen sein, dass größere Teile der Bevölkerung in ihren grundlegenden Werten und politischen Einstellungen bzw. Präferenzen nicht mit dem Tenor des medialen Mainstreams übereinstimmen. Speziell in geo- und bündnispolitischen Fragen (v.a. in der Haltung zu den USA und Russland) sowie in Fragen von Einwanderung und Integration bestehen Meinungsklüfte zwischen Teilen der Bevölkerung und den Eliten aller gesellschaftlichen Sektoren, die als hauptsächliche Quellen für Journalisten häufig Themenwahl, Tonlage und Deutungsmuster der Berichterstattung mitbestimmen (Krüger 2017). Hinzu kommt, dass die Journalisten in Bildungsgrad, Parteineigung und Milieuzugehörigkeit kein repräsentatives Abbild der Bevölkerung darstellen, sondern tendenziell höher gebildet, progressiver und liberaler sind als der Bevölkerungsdurchschnitt (Krüger 2016: 71-84). Zusätzlich oder alternativ kann fundamentale Ablehnung von Berichterstattung mit Medienwirkungseffekten wie dem ,Hostile Media Effect‘ und dem ,Third Person Effect‘ erklärt werden (Neverla 2017: 29-30). Der ,Hostile Media Effect‘ bezeichnet die Neigung vieler Menschen, mediale Berichterstattung als unausgewogen und ihren eigenen politischen Einstellungen entgegengesetzt wahrzunehmen, während ,Third Person Effect‘ das Phänomen meint, dass Menschen die Wirkung von Massenmedien auf andere als höher einschätzen als auf sich selbst.

Literatur:

Anton, Reinhold: Der Lügenfeldzug unserer Feinde. Band 4: Die Lügenpresse. Leipzig [Zehrfeld] 1916.

Arnold, Klaus: Qualitätsjournalismus. Die Zeitung und ihr Publikum. Konstanz [UVK] 2009.

Bayerischer Rundfunk: BR stellt Studie vor: Medien in der Glaubwürdigkeitskrise? 02.05.2016. http://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/glaubwuerdigkeitsstudie-br-b5-geburtstag-100.html

Denk, Peter: Lügenpresse. Gelnhausen/Roth [J-K-Fischer-Verlag] 2015.

Elsässer, Jürgen; Marc Dassen (Hrsg.): Schwarzbuch Lügenpresse. Wie uns Medien und Politiker für dumm verkaufen. Compact Edition, Ausgabe Nr. 2. Werder [Compact Magazin GmbH] 2015

Essig, Rolf-Bernhard; Reinhard M.G. Nickisch (Hrsg.): „Wer schweigt, wird schuldig!“ Offene Briefe von Martin Luther bis Ulrike Meinhof. Göttingen [Wallstein] 2007.

Gärtner, Markus: Lügenpresse. Wie uns die Massenmedien durch Fälschen, Verdrehen und Verschweigen manipulieren. Rottenburg am Neckar [Kopp] 2015.

Hagen, Lutz: Nachrichtenjournalismus in der Vertrauenskrise. „Lügenpresse“ wissenschaftlich betrachtet: Journalismus zwischen Ressourcenkrise und entfesseltem Publikum. In: Communicatio Socialis, 2, 2015, S. 152-163.

Heine, Matthias: „Lügenpresse“ versteht man jetzt auch im Ausland. In: Welt.de, 09.03.2015, https://www.welt.de/kultur/article138227327/Luegenpresse-versteht-man-jetzt-auch-im-Ausland.html

Hoffmann, Martin: Das Feindbild II – „Lügenpresse“ und Journalistische Selbstbehauptung. Studie des European Centre for Press and Media Freedom, Mai 2017. https://ecpmf.eu/files/feindbild_presse_web.pdf

Klönne, Arno: „Lügenpresse“ – ein böses Wort? In: Telepolis, 14.01.2015. https://www.heise.de/tp/features/Luegenpresse-ein-boeses-Wort-3369533.html

Köcher, Renate: Allensbach-Studie: Mehrheit fühlt sich über Flüchtlinge einseitig informiert. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2015. http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/allensbach-umfrage-zu-medienberichterstattung-in-fluechtlingskrise-13967959.html. Die Dokumentation liegt hier als PDF-Datei vor.

Krüger, Uwe: Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen. 2. Auflage. München [C.H.Beck] 2016.

Krüger, Uwe: Medien-Mainstream. Eine Streitrede wider Konformität im Journalismus und für eine kritische Journalistik. In: Lilienthal, Volker; Irene Neverla (Hrsg.): Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2017, S. 248-265.

Krüger, Uwe; Jens Seiffert-Brockmann: Lügenpresse: Eine Verschwörungstheorie? Hintergründe, Ursachen, Auswege. In: Haarkötter, Hektor; Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Nachrichten und Aufklärung. Medien- und Journalismuskritik heute: 20 Jahre Initiative Nachrichtenaufklärung. Wiesbaden [Springer VS] 2017, S. 67-88.

Neverla, Irene: „Lügenpresse“ – Begriff ohne jede Vernunft? Eine alte Kampfvokabel in der digitalen Mediengesellschaft. In: Lilienthal, Volker; Irene Neverla (Hrsg.): Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2017, S. 18-41.

Reinemann, Carsten; Nayla Fawzi; Magdalena Obermaier: Die „Vertrauenskrise” der Medien – Fakt oder Fiktion? Zu Entwicklung, Stand und Ursachen des Medienvertrauens in Deutschland. In: Lilienthal, Volker; Irene Neverla (Hrsg.): Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2017, S. 77-94.

Schultz, Tanjev; Nickolaus Jackob; Marc Ziegele; Oliver Quiring; Christian Schemer: Erosion des Vertrauens zwischen Medien und Publikum? Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. In: Media Perspektiven, 5, 2017, S. 246-259. http://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2017/0517_Schultz_Jackob_Ziegele_Quiring_Schemer.pdf (12.10.2017)

Spoo, Eckart: Spoos Presseschau. „Lügenpresse” – Ein wahres Wort. In: WeltnetzTV, 04.02.2015. https://weltnetz.tv/video/620-spoos-presseschau-luegenpresse-ein-wahres-wort

Ulfkotte, Udo: Gekaufte Journalisten. Vortrag auf dem Regentreff, Kongress für Grenzwissen. In: Nuoviso TV, 29.10.2015. https://nuoviso.tv/home/kongresse/gekaufte-journalisten-udo-ulfkotte/

Wernicke, Jens: Ja, lügen die Medien denn nun oder nicht? Interview mit Walter van Rossum. In: Wernicke, Jens: Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Das Medienkritik-Kompendium. Frankfurt/M. [Westend] 2017, S. 19-28. Auszug online: https://www.heise.de/tp/features/Ja-luegen-die-Medien-denn-nun-oder-nicht-3821723.html

Personalisierung

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Wortherkunft: Substantivierung des Verbes ‚personalisieren‘ = etwas auf Einzelpersonen beziehen; abstammend vom lateinischen Substantiv ‚persona‘ = Person, Charakter

Der Begriff wird im Journalismus gebraucht als (1) Bezeichnung für einen Nachrichtenfaktor in der Nachrichtentheorie und (2) Bezeichnung für das journalistische Stilmittel, bei der Berichterstattung Einzelpersonen, deren Handeln und Schicksale in den Vordergrund zu stellen.

(1) In der von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge geprägten Nachrichtentheorie taucht die Personalisierung als einer von zwölf → Nachrichtenfaktoren auf, die den Nachrichtenwert von Ereignissen bestimmen. Der Theorie zufolge wird ein Ereignis eher zu einer Nachricht, wenn es sich im Handeln oder im Schicksal von Personen darstellt bzw. darstellen lässt. Personalisierung in diesem Sinne ist eine Ereignissen innewohnende Eigenschaft, die als Indikator für journalistische Relevanz dient. Spätere Experimente bestätigten, dass Personalisierung nicht nur für Journalisten als Relevanzindikator dient, sondern auch für das journalistische Publikum: Rezipienten erinnerten sich besser an die Inhalte journalistischer Beiträge, wenn diese stark personalisiert waren.

(2) Personalisierung als journalistisches Stilmittel bezeichnet den bewussten Versuch, bei der Berichterstattung über Ereignisse und Entwicklungen anstelle von Strukturen oder Organisationen Personen in den Vordergrund zu stellen. Dies geschah offenbar schon in der Frühzeit des Pressewesens, als die Zeitungen vor allem über die Handlungen hoher Adliger und Militärs berichteten. Die Technik der Personalisierung soll dazu dienen, die Relevanz von Nachrichten für das Publikum zu erhöhen bzw. diesem die Relevanz von Nachrichten zu verdeutlichen.

Um Beiträge zu personalisieren, treffen Journalisten Entscheidungen über die → Relevanz bestimmter Aspekte eines Themas (interne Relevanz) – sie entscheiden sich dafür, die personenbezogenen Aspekte von Ereignissen zu betonen und andere Aspekte gegebenenfalls wegzulassen. Ein häufig vorgebrachter Kritikpunkt gegen das Stilmittel der Personalisierung ist daher auch, dass die Fokussierung auf Personen unter Umständen vom eigentlichen Kern einer Nachricht ablenke – besteht doch bei der Nutzung von Personalisierung die Gefahr, dass Organisationen, in die handelnde Akteure eingebettet sind, und Zwänge, denen sie unterliegen, ausgeblendet werden. Personalisierung vermindert also tendenziell die Komplexität der Berichterstattung. Darüber hinaus verweisen Kritiker auch darauf, dass Personalisierung Sensationalismus begünstige und zu einer Boulevardisierung des Journalismus führe. In der Tat machen vor allem Boulevardmedien intensiv Gebrauch von dieser Technik.

Andererseits fordern Befürworter der Personalisierung den häufigeren Einsatz dieses Stilmittels gerade zur Vermittlung komplexer Themen, über die typischerweise auf einer eher abstrakten Ebene berichtet wird. Ein Beispiel für einen derartigen Themenkomplex ist die Wirtschaftsberichterstattung. Personalisierung könnte hier, aber auch in anderen Bereichen des Journalismus, als Mittel dienen, um die Zugänglichkeit der Berichterstattung für das Publikum zu erhöhen.

Literatur:

Donsbach, Wolfgang: Medienwirkung trotz Selektion. Einflußfaktoren auf die Zuwendung von Zeitungsinhalten. Köln/Weimar/Wien [Böhlau] 1991

Eilders, Christiane: Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung politischer Information. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1997

Galtung, Johan; Mari Holmboe Ruge: The Structure of Foreign News. In: Journal of Peace Research, 1, 1965, S. 64-91

Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse de aktuellen Berichterstattung. Freiburg/München [Karl Alber] 1976

Plausibilität

Wortherkunft: Ableitung aus dem Adjektiv ‘plausibel’, im 17. Jahrhundert aus dem frz. plausible = gefallend, von den Leuten gebilligt, ins Deutsche übernommen; ursprünglich vom lat. plausibilis = Beifall verdienend, einleuchtend, abstammend

Im Journalismus ist Plausibilität ein Kriterium zur Überprüfung von (anderweitig nicht überprüfbaren) Aussagen auf ihre Richtigkeit. Alternative Umschreibungen sind Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit. Je plausibler eine Aussage erscheint, desto höher ist demnach die Wahrscheinlichkeit, dass sie zutreffend ist.

Die Prüfung auf Plausibilität kann anhand verschiedener Einzelkriterien erfolgen – etwa anhand der Übereinstimmung eines von einer Quelle oder in einem journalistischen Beitrag behaupteten Sachverhaltes auf Übereinstimmung mit Naturgesetzen, sozialen Normen oder den Prinzipien der Logik. Erfüllt eine Information eines oder mehrere dieser Kriterien nicht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Falschaussage handelt.

Die Prüfung auf Plausibilität kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden – zunächst im journalistischen Arbeitsprozess als Teil der → Recherche, darüber hinaus aber auch während der Rezeption durch das journalistische Publikum. Insbesondere für dieses ist die Prüfung auf Plausibilität wichtig, da oftmals kein direkter Zugriff auf die Quellen besteht, die einem Beitrag zugrunde liegen. Aufgrund dieses Zusammenhangs ist es für Journalisten wichtig, nicht nur über plausible Informationen zu verfügen, sondern die Plausibilität dieser Informationen in ihren Beiträgen auch überzeugend zu vermitteln – etwa durch einen stringenten inhaltlichen Aufbau von Texten.

Literatur:

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

Langer, Inghard; Friedemann Schulz von Thun; Reinhard Tausch: Sich verständlich ausdrücken. 9. Auflage. München [Ernst Reinhardt] 2011

Quelle

Wortherkunft: Das Wort leitet sich vom Althochdeutschen ,quella‘ ab.

Definition:
Das Substantiv ,Quelle‘ verweist auf den Ursprung eines Objekts oder einer Information. Eng gefasst bezieht es sich auf den Austritt von Wasser aus dem Boden oder einem Felsen und den Ursprung eines Gewässers. Im übertragenen Sinn bezieht sich die ,Quelle‘ vor allem auf einen überlieferten Text oder einen Akteur mit direktem Zugang zu einer Information.

Im Journalismus und der Journalismusforschung bezeichnet ,Quelle‘ das Material, das einem journalistischen Beitrag zugrunde liegt. Dabei geht es zugleich um die Herkunft des Materials: Eine Quelle ist diejenige Person, Institution oder Kommunikation, von der eine bestimmte Information herrührt. Auch Dinge können als Quellen bezeichnet werden, wenn ihnen Informationen entnommen werden, beispielsweise Büchern, Gebäuden oder Kunstwerken.

Im wissenschaftlichen Arbeiten werden Primär- Sekundär- und Tertiärquellen unterschieden. Primärquellen sind die Forschungsobjekte selbst, Sekundärquellen Arbeiten, die sich auf diese Objekte beziehen. Tertiärquellen ordnen und erschließen Primär- und Sekundärquellen, beispielsweise Lehrbücher oder Lexika. Diese Einteilung lässt sich auf den Journalismus übertragen: Eine Primärquelle ist dann zum Beispiel eine von einem Journalisten besuchte Veranstaltung samt den dort gehaltenen Reden und Gesprächen. Eine Sekundärquelle könnte ein von anderer Seite veröffentlichter Bericht über die Veranstaltung sein, zum Beispiel in einer Zeitung oder auf der Internetseite des Veranstalters. Eine Tertiärquelle wäre eine Presseschau oder eine Linkliste, die der Journalist in seiner Recherche verwendet.

Wie Historiker sind Journalisten auf die Arbeit mit Quellen angewiesen. Nur in seltenen Fällen haben sie einen direkten eigenen Zugang zu den Sachverhalten ihrer Berichterstattung. Während Historiker in der Regel Quellen aus der Vergangenheit erschließen, hat der Journalismus überwiegend mit Quellen aus der Gegenwart zu tun.

Menschliche Quellen, auch personale Quellen genannt, sind leibhaftige Personen, die den Journalisten Auskunft geben. Oft sind es Amts- und Funktionsträger, beispielsweise Politiker, Pressesprecher oder Prominente. Es gibt jedoch auch menschliche Quellen, die als Betroffene oder Augenzeugen ohne professionellen oder institutionellen Hintergrund zitiert werden.

Die Informationen einer Quelle können direkt oder indirekt zitiert werden. Unter Umständen bilden sie sogar nur den Hintergrund für die Journalisten und fließen gar nicht oder nicht erkennbar in einen Beitrag ein. Im Zuge einer Recherche gehört es zur journalistischen Sorgfaltspflicht, möglichst viele Quellen, die für einen Sachverhalt bedeutsam sein könnten, zu erschließen und Informationen von ihnen zu erlangen (siehe → Quellenvielfalt).

Bei einer Recherche nutzen Journalisten Gesprächs- und Zitierregeln, in denen festgelegt wird, ob eine Quelle bzw. eine Äußerung in einem Beitrag genannt werden kann (siehe → unter drei). In besonders sensiblen Fällen kann der so genannte Informantenschutz greifen, bei dem vertrauliche Quellen die Zusicherung erhalten, dass sie anonym bleiben. Der Informantenschutz ist in journalistischen Ethik-Kodizes verankert, in Deutschland beispielsweise im Pressekodex des Deutschen Presserats.

Im Journalismus ist ein kritischer Umgang mit Quellen angezeigt. Ob eine Information stimmt, muss überprüft werden, so gut dies möglich ist. Relevant ist zudem die Frage, ob eine Quelle nur einen bestimmten Ausschnitt eines Sachverhalts berichtet bzw. unter welchem Blickwinkel sie dies tut. Dabei spielt eine Rolle, welche Interessen Personen und Institutionen haben, wenn sie Journalisten Auskunft geben.

Bestimmten Quellen wird in der Praxis oft ein Vertrauensvorschuss gewährt. Dieser kann darauf beruhen, dass ein Journalist in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit der Quelle und ihren Informationen gemacht hat. Zudem gibt es ,privilegierte Quellen‘. Damit sind Quellen gemeint, bei denen Journalisten unterstellen dürfen, dass ihre Informationen stimmen. Dies kann presserechtlich, im Falle einer juristischen Auseinandersetzung, bedeutsam sein. Als privilegierte Quellen gelten in Deutschland die etablierten Nachrichtenagenturen, aber auch die Mitteilungen von Behörden, die zu wahrheitsgemäßen Auskünften verpflichtet sind, wie die Pressestellen der Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden. Ein naives Vertrauen gilt allerdings auch hier als unprofessionell, das Konzept ,privilegierter Quellen‘ ist daher umstritten. Erstens unterlaufen auch Nachrichtenagenturen oder Staatsanwaltschaften Fehler. Zweitens sind die von ihnen gelieferten Informationen nicht frei von inhaltlichen Färbungen und Interessen. Die journalistische Neigung, sich auf etablierte Institutionen, auf Behörden, Parteien und Verbände zu stützen, kann zu Defiziten in der Berichterstattung führen. Es besteht die Gefahr, dass die lebensweltlichen Perspektiven von Betroffenen und Bürgern aus dem Blick geraten.

Geschichte:
Sozialer und technologischer Wandel verändert die Arten der Quellen, die Journalisten häufig nutzen. Während in früheren Jahrzehnten Recherchen per Telefon und das Besuchen von Pressekonferenzen sehr wichtig waren, sind in der digitalen Ära die Internetrecherche und speziell das Nutzen von → Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen von herausgehobener Bedeutung. Mit dem wachsenden Einfluss von Daten und Algorithmen in der Gesellschaft haben auch in den Medien gezielte Daten-Recherchen und ein so genannter Datenjournalismus Einzug gehalten.

In der Geschichte des Journalismus konnten Berichte zunächst lediglich auf den Mitteilungen von Augenzeugen oder dem eigenen Erleben der Autoren beruhen, beispielsweise in frühen Formen der Reisereportage. Schon im 17. Jahrhundert entwickelten sich Ideen und Standards für Sorgfalt in der Berichterstattung und speziell für die Arbeit mit Quellen. So verlangte Tobias Peucer 1690 in der ersten bekannten Dissertation zur Zeitungskunde Wahrheitsliebe, eine kritische Prüfung von Quellen und die Einhaltung eines Zwei- oder Mehrquellen-Prinzips: Es sei darauf zu achten, „ob ein Ereignis der jüngsten Zeit aus verschiedenen Gegenden gleichzeitig gemeldet und durch die Zeugnisse mehrerer bestätigt wird“ (Peucer 1690, zit. n. Wilke 2015: 116). Im Jahr 1695 forderte Kaspar Stieler in der Schrift „Zeitungs Lust und Nutz“ nicht nur die Unparteilichkeit der Zeitungsmacher, sondern auch die Transparenz ihrer Quellen, nämlich die Angabe von Zeit, Ort und Urheberschaft einer Nachricht (Schönhagen 1998: 41ff.).

Gegenwärtiger Zustand:
In der Gegenwart gehören im Journalismus freier Mediensysteme die Quellentransparenz und das Prinzip der zwei Quellen bzw. das Mehrquellen-Prinzip sowie das Gebot der Quellenvielfalt zum Kernbestand professioneller Normen und zu den Kriterien für → Qualität im Journalismus. Eng damit verbunden ist die Forderung, stets auch die Seite der Betroffenen bzw. Kritisierten oder Verdächtigen anzuhören (audiatur et altera pars).

Gleichwohl gibt es auch im modernen Journalismus sogenannte Eine-Quelle-Beiträge, in denen nur eine Quelle bzw. nur eine Seite zu Wort kommen. Dies trifft beispielsweise auf kürzere Artikel (Meldungen) zu, in denen lediglich die Verlautbarung einer Organisation verbreitet wird (zum Beispiel durch → PR-Maßnahmen).

Zu den Herausforderungen im Journalismus gehört das Erschließen guter Quellen. Nicht immer sind Personen und Institutionen auskunftsbereit. Teilweise unterstützen Auskunftsansprüche die Arbeit der Medien. In Deutschland haben Journalisten vor allem gegenüber dem Staat und seinen Behörden das Recht, Informationen anzufragen und zu erhalten. Dazu kommen weitere Gesetze, wie das Informationsfreiheitsgesetz sowie Transparenzgesetze, die den Zugang zu Daten und Informationen der Behörden für die Bürger und die Öffentlichkeit regeln.

Forschungsstand:
In der Journalismusforschung spielt der journalistische Umgang mit Quellen auf verschiedene Weise eine Rolle. In Inhaltsanalysen wird regelmäßig untersucht, welche Quellen bzw. Quellentypen in Beiträgen vorkommen, beispielsweise mit Blick auf das (numerische) Verhältnis professioneller Akteure und Laien oder mit Blick auf die Frequenz, in der Vertreter verschiedener Parteien oder politischer Richtungen in den Medien zu Wort kommen (vgl. Page 1996). Welche Quellen in welchem Ausmaß auftauchen, kann ein Indiz sein für mediale Verzerrungen, die im Rahmen der Forschungen zu Nachrichtenfaktoren, zum ,News Bias‘ und zur Konstruktion der „Medienrealität“ untersucht werden (vgl. Schulz 1976; Berkowitz 1997). Darunter fällt auch das Phänomen ,opportuner Zeugen‘, also das gezielte Zitieren solcher Quellen, die der – politischen – Linie eines Beitrags bzw. eines Journalisten oder einer Redaktion entsprechen (Hagen 1992).

Eine andere Forschungsfrage betrifft das Verhältnis von Public Relations (PR) und Journalismus. Hier wird untersucht, wie stark Quellen in journalistischen Beiträgen aus der PR stammen und wie stark die Beiträge PR-getrieben sind (Baerns 1985). Bedeutsam ist dies auch im Rahmen von Untersuchungen zum Agenda Setting und Agenda Building: Welchen Akteuren gelingt es (wie stark), in den Medien Gehör zu finden, also als Quellen Eingang in die Berichterstattung zu finden? Ein weiteres Thema ist die Glaubwürdigkeit verschiedener Quellen. Die kann einerseits das Verhältnis zwischen Quellen und Journalisten betreffen oder andererseits die Sicht des Publikums auf verschiedene Medienangebote sowie verschiedene Quellen in den medialen Angeboten (vgl. Kohring 2004).

Und schließlich befasst sich die Forschung auch mit der Ethik im Umgang mit Quellen. Aspekte dabei sind etwa der Informantenschutz oder die Frage, ob Journalisten ihren menschlichen Quellen Geld zahlen (dürfen). Welche Methoden im Umgang mit Quellen Journalisten für akzeptabel halten, wird in Befragungen untersucht (z.B. Weischenberg et al. 2006). Für die Journalistenausbildung gibt es Ratgeber- und Praxisliteratur, die Techniken der Recherche und des effektiven Umgangs mit Quellen vermittelt (z.B. Haarkötter 2015).

Literatur:

Baerns, Barbara: Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus? Zum Einfluss im Mediensystem. Köln [Verlag Wissenschaft und Politik] 1985.

Berkowitz, Dan: Social Meanings of News. A Text-Reader. Thousand Oaks [Sage] 1997.

Haarkötter, Hektor: Die Kunst der Recherche. Konstanz [UVK] 2015.

Hagen, Lutz M.: Die opportunen Zeugen. Konstruktionsmechanismen von Bias in der Volkszählungsberichterstattung von FAZ, FR, SZ, taz und Welt. In: Publizistik, 37(4), 1992, S. 444-460.

Kohring, Matthias: Vertrauen in Journalismus. Theorie und Empirie. Konstanz [UVK] 2004.

Page, Benjamin I.: Who Deliberates? The Mass Media in Modern Democracy. Chicago [Chicago University Press] 1996.

Phillips, Angela: Old Sources: New Bottles. In: Natalie Fenton (Hrsg.): New Media, Old News. Los Angeles [Sage] 2010, S. 87-101.

Schönhagen, Philomen: Unparteilichkeit im Journalismus. Tradition einer Qualitätsnorm. Tübingen [Niemeyer] 1998.

Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Freiburg/München [Alber] 1976.

Weischenberg, Siegfried; Maja Malik; Armin Scholl: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz [UVK] 2006.

Wilke, Jürgen (Hrsg.): Die frühesten Schriften für und wider die Zeitung. Baden-Baden [Nomos] 2015.

Quellenvielfalt

Wortherkunft: zusammengesetztes Substantiv aus ‘Quelle’ in der Bedeutung des Ursprungs von etwas, abstammend vom germ. ‘kwellaz’ und ahd. ‘quella’, und ‘Vielfalt’, also Verschiedenartigkeit, Mannigfaltigkeit, einer Rückbildung aus dem älteren Adjektiv ‘vielfältig’ aus dem 18. Jahrhundert

Im Journalismus ist Quellenvielfalt (1) eines der wichtigsten Mittel zur Sicherung der Richtigkeit der Berichterstattung und (2) ein Teilaspekt der Qualitätsdimension der Vielfalt, deren Ziel in der Widerspiegelung der in der Gesellschaft tatsächlich herrschenden Vielfalt in der → Öffentlichkeit besteht.

(1) Definitionsgemäß ist Quellenvielfalt frühestens dann gegeben, wenn es zwei voneinander unabhängige Quellen für eine → Nachricht gibt. Eine Vielzahl von Quellen ist somit notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Quellenvielfalt. Um echte Quellenvielfalt zu erreichen, müssen die verwendeten Quellen auch möglichst unterschiedlich sein. So kann in der Berichterstattung über politische Konflikte Vielfalt zum Beispiel dadurch erreicht werden, dass neben Stimmen aus der Regierung auch die parlamentarische und außerparlamentarische Opposition zu Wort kommen. Quellenvielfalt in Berichten über Tarifverhandlung kann durch Verwendung von Äußerungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen, zusätzlich aber auch durch die Einbeziehung nicht organisierter Arbeitgeber und Arbeitnehmer erreicht werden. Diese Beispiele verdeutlichen: Quellenvielfalt ist vor allem in der Berichterstattung über konfliktträchtige Themen ein wichtiges Mittel zur Gewährleistung von → Richtigkeit, da gerade bei diesen Themen nicht davon auszugehen ist, dass einzelne Quellen sich frei von eigenen Interessen äußern können.

(2) Das Ziel, die → Vielfalt der gesellschaftlichen Realität möglichst adäquat widerzuspiegeln, können journalistische Medien auf unterschiedlichen Wegen erreichen. Einerseits ist es möglich, Akteure aus möglichst allen gesellschaftlichen Schichten und Interessengruppen in der Berichterstattung auftreten zu lassen, andererseits ist es möglich, diese Akteure zwar als Quellen zu nutzen, in der Berichterstattung selbst aber nicht auftreten zu lassen. Derartige Vielfalt kann im Journalismus auf verschiedenen Ebenen hergestellt werden.

Die unmittelbarste Ebene ist der einzelne journalistische Beitrag, der auf möglichst vielen, möglichst unterschiedlichen Quellen beruhen sollte, um das Ziel der Quellenvielfalt zu erreichen. Die zweite Ebene ist gesamte Berichterstattung eines einzelnen Mediums über einen definierten Zeitraum hinweg. Die dritte Ebene ist das → Mediensystem insgesamt. In der Bundesrepublik Deutschland wird im Pressebereich und bei Online-Medien externe Vielfalt angestrebt. Dies bedeutet, dass es einzelnen Medien freigestellt ist, einseitig zu berichten beziehungsweise auf Quellenvielfalt zu verzichten. Das Mediensystem insgesamt soll dagegen dafür sorgen, dass Quellenvielfalt durch eine möglichst große Zahl möglichst unterschiedlicher Einzelmedien gewährleistet ist.

Im Rundfunkbereich, wo traditionell aufgrund der technischen Gegebenheiten eine höhere Konzentration herrscht, wird dagegen interne Vielfalt verlangt: Die Rundfunksender sollen zwar nicht notwendig in einzelnen Beiträgen, wohl aber in ihrem Gesamtprogramm Meinungspluralismus gewährleisten, also die Vielfalt der in der Gesellschaft herrschenden Meinungen adäquat wiedergeben. Dies gilt grundsätzlich sowohl für öffentlich-rechtliche als auch für private Sender. Quellenvielfalt ist ein Teilaspekt dieses geforderten Meinungspluralismus.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Schatz, Heribert; Winfried Schulz: Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen Fernsehsystem. In: Media Perspektiven, 11, 1992, S. 690-712

Relevanz

Wortherkunft: aus dem Adjektiv ‘relevant’ abgeleitetes Substantiv; vermutlich abstammend vom lat. Verb ‘relevare’ = in die Höhe heben

Der Begriff bezeichnet im Journalismus (1) die Bedeutsamkeit von Ereignissen und Entwicklungen für die Öffentlichkeit als journalistisches Selektions- und Qualitätskriterium; (2) die Bedeutsamkeit von Einzelaspekten eines Ereignisses oder einer Entwicklung.

(1) Die Aufgabe bzw. in systemtheoretischen Ansätzen die Funktion des Journalismus wird in der Regel in der Kommunikation über Geschehnisse gesehen, die für die Öffentlichkeit von Bedeutung sind. Problematisch ist es allerdings, im konkreten Einzelfall zu entscheiden, welche Sachverhalte für den Journalismus relevant sind und welche nicht. Dies ergibt sich daraus, dass in modernen, pluralistisch und arbeitsteilig organisierten Gesellschaften keine einzelne Instanz in der Lage ist, verbindliche Entscheidung über die Relevanz von Ereignissen zu treffen.

Der Journalismus hat daher eigene Entscheidungsroutinen zur Bestimmung der Relevanz, die oft auch als → Nachrichtenwert bezeichnet wird, entwickelt. Zu deren Beschreibung wird häufig auf die wesentlich von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge im Jahr 1965 begründete Nachrichtentheorie zurückgegriffen. Die beiden Wissenschaftler identifizierten insgesamt zwölf von Journalisten angewandte Selektionskriterien, so genannte Nachrichtenfaktoren. Ähnliche Kataloge von Selektionskriterien waren schon Jahrzehnte vor der Entwicklung der Nachrichtentheorie in journalistischen Lehrbüchern (etwa von Walter Lippmann 1922) zu finden. Feste Regeln zur Nachrichtenauswahl gab es offenbar sogar schon in den Neuen Zeitungen des 16. Jahrhunderts. Eine systematische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Relevanzkriterien entwickelte sich in Europa jedoch erst nach der Veröffentlichung von Galtung und Ruge. Die Theorie wurde seither vielfach geprüft, bestätigt und weiterentwickelt. Zu den am häufigsten genannten Nachrichtenfaktoren zählen dabei Reichweite, Wirkungsintensität (Schaden oder Nutzen), Prominenz, Macht, Nähe, Überraschung, Personalisierung, Kontroverse und Themenetablierung.

Diese Selektionskriterien haben sowohl Einfluss auf die Entscheidung, ob ein Ereignis überhaupt zum Thema der Berichterstattung wird, als auch auf die Entscheidung über Platzierung und Umfang der Berichterstattung. In der Journalismusforschung werden jedoch nicht alle dieser Nachrichtenfaktoren als positiv zu wertende professionelle Relevanzindikatoren betrachtet. Vielmehr wird ihnen oft auch eine verzerrende Wirkung bescheinigt – etwa im Hinblick auf eine Bevorzugung mächtiger gegenüber weniger mächtigen Personen oder Organisationen. Auch deshalb hat die journalismuswissenschaftliche Qualitätsforschung teilweise auf andere Methoden zur Bestimmung von Relevanz zurückgegriffen – etwa auf die Beurteilung der Berichterstattung durch Experten, den Vergleich mit statistischen Daten oder die Befragung des Publikums bzw. die Messung des Nutzungsverhaltens in elektronischen Medien.

(2) Ergänzt wird das oben dargestellte Konzept der ‘externen Relevanz’ durch die ‘interne Relevanz’. Bei der Bestimmung der internen Relevanz geht es darum, die wichtigsten unter verschiedenen, miteinander um redaktionellen Raum konkurrierenden Einzelaspekte innerhalb eines Themas zu finden. Dies kann wie bei der Bestimmung der externen Relevanz durch den Rückgriff auf Nachrichtenfaktoren erfolgen – etwa dann, wenn Journalisten in Deutschland entscheiden, ausführlicher über deutsche Opfer einer Naturkatastrophe in Südostasien zu berichten als über asiatische. Darüber hinaus nutzen Journalisten zur Bestimmung interner Relevanz aber auch stärker formal geprägte Kriterien wie die in der journalistischen Praxis bekannten W-Fragen. Sie dienen dazu, sicherzustellen, dass in kurzen Nachrichten die wichtigsten Elemente von Ereignissen – etwa Ort, Zeit und Ablauf des Geschehens sowie die handelnden Personen – genannt werden und in längeren Beiträgen darüber hinaus auch Informationen zu Hintergründen und möglichen Folgen sowie Kommentare des Autors sinnvoll eingesetzt werden.

Literatur:

Galtung, Johan; Mari Holmboe Ruge: The Structure of Foreign News. In: Journal of Peace Research, 1, 1965, S. 64-91

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

Lippmann, Walter: Public Opinion. New York [Macmillan] 1965

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Richtigkeit

Wortherkunft: abstammend von frühnhd. richticheit, geläufig seit dem 18. Jahrhundert; abgeleitet vom ahd. Adjektiv ‘rihtig’ und dem mhd. rihtec, rihtic, rihtig = gerade, in die rechte Ordnung gebracht; daher ist Richtigkeit hier auch als ordnungsgemäße Beschaffenheit zu verstehen

Der Begriff bezeichnet eines der zentralen journalistischen Qualitätskriterien, das – als Forderung nach Wahrheit – unter anderem Eingang in den Pressekodex des Deutschen Presserates gefunden hat. Gemeint ist damit in der Regel die intersubjektive Überprüfbarkeit der Inhalte journalistischer Berichterstattung. Gesichert wird diese vor allem durch gründliche → Recherche.

Auch in der Journalismusforschung werden die Begriffe Richtigkeit und Wahrheit oft zusammen diskutiert – wenn auch in durchaus unterschiedlichen Zusammenhängen. So bezeichnet etwa Günther Rager (1994) die Richtigkeit als Qualitätskriterium, das gegenüber der erkenntnistheoretisch nicht mehr haltbaren Forderung nach Wahrheit einen verminderten Anspruch besitzt. Lutz M. Hagen (1995) dagegen konzipiert die beiden Kriterien Wahrheit und Genauigkeit als untergeordnete Teilaspekte der Richtigkeit. Unstrittig erscheint angesichts dieser Differenzen allein die Forderung nach intersubjektiver Überprüfbarkeit journalistischer Aussagen.

Zu beachten ist dabei, dass nicht alle Typen (journalistischer) Aussagen der intersubjektiven Überprüfbarkeit gleichermaßen zugänglich sind. Hagen unterscheidet daher Aussagen über physikalische Sachverhalte, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich und daher in der Theorie unproblematisch überprüfbar sind. Aussagen über psychische oder soziale Sachverhalte dagegen können zwar richtig oder falsch sein, sind der Überprüfbarkeit aber nicht ohne weiteres zugänglich. Meinungsäußerungen und Wertungen wiederum haben überhaupt keinen Wahrheitswert, können also nicht richtig oder falsch sein.

Genauigkeit als Teilaspekt der Richtigkeit ist deshalb von Bedeutung, weil nicht jede sachlich richtige Aussage auch genau und damit für das Publikum relevant ist. So ist etwa die Behauptung „Hamburg und München sind weniger als 20.000 Kilometer voneinander entfernt“ zwar intersubjektiv überprüfbar und richtig, allerdings sehr ungenau. Damit journalistische Berichterstattung Handlungsrelevanz für das Publikum entfalten kann, muss sie jedoch sowohl richtig sein als auch hinreichend genau.

Die Recherche als wichtigstes Mittel zur Gewährleistung der Richtigkeit journalistischer Berichterstattung zielt im Wesentlichen darauf ab, Fehler dadurch zu reduzieren, dass Journalisten selbst Zeuge der Ereignisse werden, über die sie berichten, oder ihre Aussagen zumindest auf seriöse Quellen stützen können. Hierbei hat sich die klassische Anforderung ausgebildet, mit der Veröffentlichung von Informationen zu warten, bis mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen eine Aussage bestätigt haben. Diese Vorgehensweise steht allerdings im Konflikt mit anderen journalistischen Qualitätskriterien, insbesondere mit der → Aktualität. Je höher der Aktualitätsdruck daher ist, desto eher sind Journalisten unter gleichen Umständen (fachlich: ceteris paribus) bereit, Abstriche bei der Richtigkeit zu machen. Dies zeigt sich insbesondere in Medien, die einen schnellen Veröffentlichungsrhythmus erlauben (etwa Online-Medien), und bei Themen, die nicht exklusiv sind, über die also eine Vielzahl von Journalisten berichtet oder berichten kann.

Neben Quellenvielzahl und → Quellenvielfalt gilt teilweise auch → Vollständigkeit als Teilaspekt der Richtigkeit. Hierbei wird darauf abgestellt, dass in der Berichterstattung möglichst kein relevanter Aspekt eines Sachverhaltes fehlen sollte, um Verzerrungen durch – unter Umständen sogar gezielte – Auslassungen zu vermeiden.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Rager, Günther: Dimensionen der Qualität. Weg aus den allseitig offenen Richterskalen? In: Bentele, Günter; Kurt R. Hesse (Hrsg.): Publizistik in der Gesellschaft. Festschrift für Manfred Rühl. Konstanz [UVK] 1994, S. 189-209

Spannung

Spannung_ThomasWolter_pixabay_comWortherkunft: Ableitung vom Stamm des Verbes ‘spannen’, das wohl vom ahd. spannan aus dem neunten Jahrhundert abstammt und sich ursprünglich vor allem auf das Spannen einer Bogensehne bezog

Spannung ist eine Eigenschaft, die Aufmerksamkeit und Interesse erregt, verbunden mit einem auf die Zukunft gerichteten starken Interesse an der Auflösung einer Situation. Der Journalismus nutzt Spannung vorwiegend in subjektiv geprägten, erzählenden Genres wie → Feature oder → Reportage als anregendes Element und damit letztlich zur Steigerung der Unterhaltsamkeit und Verständlichkeit von Beiträgen.

Während der klassische Aufbau journalistischer → Nachrichten in Form einer (umgekehrten) Pyramide darauf abzielt, Spannung zu eliminieren, indem die wichtigste Information den Rezipienten als erstes vermittelt wird, lassen erzählende journalistische Genres wie die Reportage oder das → Porträt Autoren größere Freiheiten. Gerade Beiträge mit dem Ziel, Rezipienten über eine längere Zeitspanne zu fesseln, sind darauf angewiesen, entsprechende Anreize zu schaffen. Göpfert etwa nennt in diesem Zusammenhang die Eigenschaft von Beiträgen, durch Spannung Aha-Effekte zu erzeugen, als einen Aspekt des Qualitätsmerkmals Unterhaltsamkeit. Als solcher lässt Spannung sich zudem in das von Inghard Langer u. a. entwickelte Hamburger Modell der → Verständlichkeit einordnen – als Teil der Verständlichkeitsdimension ‘Anregende Zusätze’. Richtig eingesetzt können Spannungsbögen, eingestreute Fragen und andere Techniken zur Erzeugung von Spannung danach nicht nur die → Unterhaltsamkeit von Beiträgen erhöhen, sondern auch ihre Verständlichkeit.

Von besonderer Bedeutung ist Spannung allerdings nicht nur in erzählenden Darstellungsformen, sondern auch für kurze Textelemente, die eigens dazu geschaffen sind, Mediennutzer zur Rezeption von Beiträgen anzuregen, etwa in Überschriften und Bildern. Indem hier gezielt Fragen aufgeworfen werden, die – so das implizite Versprechen einer derartigen Aufmachung – im Beitrag selbst beantwortet werden, wird ein Anreiz geschaffen, sich eingehender mit einem Beitrag auseinanderzusetzen. Wichtig sind derartige Techniken, vom Stellen einer Frage in einer → Überschrift bis hin zum verpixelten Foto auf der Startseite einer Website – vor allem für diejenigen Medien, die darauf angewiesen sind, Mediennutzern ohne hohe intrinsische Nutzungsmotivation (also unabhängig und aus sich selbst heraus) einen Teil ihres Zeitbudgets abzutrotzen. In diese Gruppe können klassische, am Kiosk verkaufte Boulevardzeitungen ebenso fallen wie Reportage-Magazine im Fernsehen oder Special-Interest-Magazine, die soziale Netzwerke gezielt zur Erzeugung von Traffic (d.h. Besucherstrom und damit hohe Zugriffszahlen) auf ihrer Website einsetzen wollen.

Literatur:

Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (Hrsg.): Spannung. Warum wir Medieninhalte interessant finden. In: tv diskurs, 63(1), 2013, S. 18-53

Göpfert, Winfried: Publizistische Qualität: ein Kriterien-Katalog. In: Bammé, Arno; Ernst Kotzmann; Hasso Reschenberg (Hrsg.): Publizistische Qualität. Probleme und Perspektiven ihrer Bewertung. München/Wien [Profil] 1993, S. 99-109

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

Langer, Inghard; Friedemann Schulz von Thun; Reinhard Tausch: Sich verständlich ausdrücken. 9. Auflage. München [Ernst Reinhardt] 2011

Wilke, Jürgen: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Köln [Böhlau/UTB] 2008