Recherche

Recherche

    Eine Einführung von Hektor Haarkötter

    Wortherkunft: frz. rechercher = genau suchen, untersuchen

    Recherche ist ein Sammelbegriff für Suchvorgänge zur Informationsgewinnung. Im Französischen meint Recherche eher die wissenschaftliche Informationsgewinnung (frz. recherche scientifiques, vgl. auch engl. research). Es existiert in der französischen Sprache kein semantisch gleichwertiges Pendant zum deutschen Begriff; Recherche-Journalisten müssten als ‘des journalistes d’investigation’ beschrieben werden. Auch im Englischen wird eher von ‘inquiry’ oder ‘investigation’ gesprochen. Mit seinem semantischen Umfang ist Recherche im Deutschen einerseits ein Unikum, andererseits deutet die fremdsprachliche Wurzel darauf hin, dass der dahinter steckende Sachverhalt keine im deutschen Kulturraum verwurzelte Entwicklung ist.

    Definition:
    Recherche ist eine Sammelbezeichnung für eine Vielzahl zielgerichteter Tätigkeiten in sehr unterschiedlichen Berufen sowie im Alltag, deren Durchführung in der Suche, Auswertung, Filterung und Organisation von Wissensressourcen und Daten besteht. Die professionelle journalistische Recherche ist darüber hinaus ein methodisches Vorgehen, das zum Ziel hat, so viele und nur so viele Daten und Fakten zusammenzutragen, um eine schlüssige, relevante und informative Geschichte erzählen zu können. Das mehrstufige Verfahren kann differenziert werden in die Vor-Recherche, die Basis-Recherche, die Erweiterungs-Recherche, die Überprüfungs-Recherche (‘fact checking’) und die Publikation. Typologisch kann die Recherche unterschieden werden nach dem Suchfeld (Was?), dem Suchort (Wo?), ihrem Verfahren (Wie?) oder ihrer Funktion (Warum?).

    Geschichte:
    Der Journalismus fühlte sich ursprünglich nicht der Recherche verpflichtet. Die ‘Zeytungen’, die seit Anfang des 17. Jahrhunderts europaweit Verbreitung fanden, waren voll von Kolportagen und eher subjektiv geprägten → Darstellungsformen. Objektive Darstellung der (politischen) Realität aufgrund professioneller Nachforschung, noch dazu in einem kritischen oder deliberativen Kontext, war in den vordemokratischen → Mediensystemen nicht vorgesehen. Die Einführung der Pressefreiheit war darum ebenso Bedingung für den erstarkenden Recherche-Journalismus wie die ökonomische und medientechnische Entwicklung der Presse, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts zur redaktionellen Ausdifferenzierung des Journalismus und damit einhergehender innerredaktioneller Arbeitsteilung führte.

    So war es in England der Journalist William Thomas Stead, der als einer der Ahnherren des Recherche-Journalismus gilt. Stead war Chefredakteur der in London erscheinenden Pall Mall Gazette und veröffentlichte im Jahr 1885 eine Artikelserie unter dem Titel The Maiden Tribute of Modern Babylon (dt.: Der Beitrag von Jungfrauen zum modernen Babylon), die auch als Eliza Armstrong Case Journalismusgeschichte geschrieben hat und in der er der britischen Oberschicht Kinderprostitution und Menschenhandel nachweist.

    In den USA begann die Reform des Journalismus hin zu investigativen Recherchen, die gesellschaftliche Wirkung zeigen sollten, Ende des 19. Jahrhunderts. Als ‘Muckrakers’, zu Deutsch: Schmierfinken oder Nestbeschmutzer, bezeichnete man eine Reihe von Journalisten, die nicht mehr so sehr Ereignisse, sondern vielmehr die Verhältnisse als solche zum Gegenstand ihrer Nachforschungen machten (am bekanntesten Upton Sinclair).

    Im deutschen Sprachraum war die Presse bis in die Weimarer Zeit stark meinungs- und parteienorientiert, auch wenn es schon in dieser Zeit Ausnahmeerscheinungen in Sachen Recherche-Journalismus gab (z. B. Egon Erwin Kisch, Leo Lania, Max Winter). Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das in publizistischer Hinsicht tatsächlich einer Stunde Null gleichkam, nahmen sich junge Blattmacher wie Rudolf Augstein oder auch Axel Cäsar Springer den britischen und US-amerikanischen Recherche-Journalismus zum Vorbild für ihre Zeitungs- und Magazinneugründungen, während junge Journalisten wie Hanns-Joachim Friedrichs, Gerd Ruge oder Peter von Zahn im Rundfunk und im gerade erst entstehenden Fernsehen sich die BBC als die ‘Mutter aller Rundfunkanstalten’ zum Vorbild nahmen. Die Gründungen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel 1947 und der Illustrierten Stern 1948 waren Wegmarken in der Entwicklung eines eigenen Recherchejournalismus in Westdeutschland, während sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor allem die Politmagazine durch investigative Recherche profilierten.

    Gegenwärtiger Zustand:
    Die Zustimmung zu Recherche-Methoden, wie sie im investigativen Journalismus üblich sind, ist unter deutschen Journalisten auch im Vergleich zu amerikanischen Kollegen nicht nur sehr niedrig, sondern hat offenbar in den letzten Jahren sogar noch abgenommen. Dass Journalismus eine Kontrollfunktion hat, wird im bundesdeutschen Diskurs eher kontrovers diskutiert. Kritische Stimmen monieren sogar das Fehlen einer „Recherchekultur“ in Deutschland (Preger 2004: 55). Andererseits ist Recherche im digitalen Zeitalter keine Tätigkeit mehr, die den klassischen Gatekeepern vorbehalten wäre: Im Internet recherchiert jeder. Soll der Journalismus in Zukunft seine öffentliche Aufgabe weiter erfüllen und dabei auch seine Kosten erwirtschaften können, müssen Journalisten Recherchemethoden entwickeln, die über die digitalen Jedermannsfähigkeiten hinausgehen. Das mag der Grund sein, warum ambitionierte Medienhäuser heute eigens Recherche-Redaktionen und Recherche-Pools aufbauen (z. B. Handelsblatt, Stern, WAZ).

    Auch Organisationen wie das Netzwerk Recherche e.V. betonen die besondere Bedeutung der Informationsbeschaffung für den Journalismus. Die neuerdings aufkeimende Idee eines gemeinnützigen Journalismus stellt gerade die gesellschaftliche Funktion der Recherche in den Mittelpunkt: Der Rechercheverbund Correct!v stellt exklusive Storys Presse und Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung, während die Initiative Nachrichtenaufklärung e.V. studentische Recherche-Teams Geschichten recherchieren lässt, die sonst in den Medien vernachlässigt werden.

    Forschungsstand:
    Auch in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung spielt die Recherche, analog zur niedrigen Zustimmungsrate von Recherche-Methoden im praktischen Journalismus, keine allzu große Rolle. Dabei stünde eine Theorie der Recherche in engem Zusammenhang mit anderen wissenschaftlichen Lehrsätzen innerhalb der Journalismusforschung. Ansätze wie die Agenda-Setting-Theorie (McCombs/Shaw 1972) oder die Nachrichtenwert-Theorie (Galtung/Ruge 1965) definieren nichts anderes als das, was Journalisten zu recherchieren haben. Die Recherche ist also kein dem Agenda Setting vorgängiges Phänomen, sondern funktional von ihm abhängig.

    Die Frage, wonach ein Journalist recherchiert, ist naturgemäß aufs Engste mit seinen Thesen darüber verbunden, welchen Themen er oder sie überhaupt einen → Nachrichtenwert zuspricht: „Nachdenken über Relevanz ist gemeinhin der erste Schritt einer systematischen Recherche“ (Welker 2012). Die Auseinandersetzung mit der Recherche ist also, über den berufspraktischen Sinn hinaus, auch theoretisch nützlich, da sie als Scharnier zwischen unterschiedlichen Theorieansätzen innerhalb der Journalismusforschung dienen kann.

    Literatur:

    Galtung, Johan; Mari Holmboe Ruge: The Structure of Foreign News. In: Journal of Peace Research, 2, 1965, S. 64-91

    Haarkötter, Hektor: Die Kunst der Recherche. Konstanz/München [UVK] 2015

    Haller, Michael: Recherchieren. 7. Auflage. Konstanz [UVK] 2008

    Machill, Michael; Markus Beiler; Martin Zenker: Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin [Vistas] 2008

    McCombs, Maxwell E.; Donald L. Shaw: The Agenda-Setting Function of Mass Media. In: The Public Opinion Quaterly, 2, 1972, S. 176-187

    Preger, Sven: Mangelware Recherche. Münster [LIT] 2004

    Welker, Martin: Journalistische Recherche als kommunikatives Handeln. Journalisten zwischen Innovation, Rationalisierung und kommunikativer Vernunft. Baden-Baden [Nomos] 2012

Hektor Haarkötter
Hektor Haarkötter
Prof. Dr., ist seit 2014 Fachbereichsleiter Journalismus und Kommunikation an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln. Zuvor hat er 20 Jahre als Fernsehjournalist und -regisseur für beinahe alle öffentlich-rechtlichen Sender sowie Arte gearbeitet. Als Buchautor veröffentlichte er zuletzt im Herbert von Halem Verlag den Band Motor/Reise in der Reihe Basiswissen für die Medienpraxis (2016, mit Evelyn Runge) sowie Die Kunst der Recherche (2015, UVK) – ein Thema, über das er auch in seinem gleichnamigen Weblog (www.kunstderrecherche.de) schreibt. Wissenschaftliche Forschungsschwerpunkte: Medientheorie, Medienphilosophie und empirische Kommunikationsforschung. Kontakt: h.haarkoetter(at)hmkw.de

Zum Thema Recherche im Journalismus hat Hektor Haarkötter einen → Einführungsbeitrag geschrieben.