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Recherche

    Eine Einführung von Hektor Haarkötter

    Wortherkunft: frz. rechercher = genau suchen, untersuchen

    Recherche ist ein Sammelbegriff für Suchvorgänge zur Informationsgewinnung. Im Französischen meint Recherche eher die wissenschaftliche Informationsgewinnung (frz. recherche scientifiques, vgl. auch engl. research). Es existiert in der französischen Sprache kein semantisch gleichwertiges Pendant zum deutschen Begriff; Recherche-Journalisten müssten als ‘des journalistes d’investigation’ beschrieben werden. Auch im Englischen wird eher von ‘inquiry’ oder ‘investigation’ gesprochen. Mit seinem semantischen Umfang ist Recherche im Deutschen einerseits ein Unikum, andererseits deutet die fremdsprachliche Wurzel darauf hin, dass der dahinter steckende Sachverhalt keine im deutschen Kulturraum verwurzelte Entwicklung ist.

    Definition:

    Recherche ist eine Sammelbezeichnung für eine Vielzahl zielgerichteter Tätigkeiten in sehr unterschiedlichen Berufen sowie im Alltag, deren Durchführung in der Suche, Auswertung, Filterung und Organisation von Wissensressourcen und Daten besteht. Die professionelle journalistische Recherche ist darüber hinaus ein methodisches Vorgehen, das zum Ziel hat, so viele und nur so viele Daten und Fakten zusammenzutragen, um eine schlüssige, relevante und informative Geschichte erzählen zu können. Das mehrstufige Verfahren kann differenziert werden in die Vor-Recherche, die Basis-Recherche, die Erweiterungs-Recherche, die Überprüfungs-Recherche (‘fact checking’) und die Publikation. Typologisch kann die Recherche unterschieden werden nach dem Suchfeld (Was?), dem Suchort (Wo?), ihrem Verfahren (Wie?) oder ihrer Funktion (Warum?).

    Geschichte:

    Der Journalismus fühlte sich ursprünglich nicht der Recherche verpflichtet. Die ‘Zeytungen’, die seit Anfang des 17. Jahrhunderts europaweit Verbreitung fanden, waren voll von Kolportagen und eher subjektiv geprägten → Darstellungsformen. Objektive Darstellung der (politischen) Realität aufgrund professioneller Nachforschung, noch dazu in einem kritischen oder deliberativen Kontext, war in den vordemokratischen → Mediensystemen nicht vorgesehen. Die Einführung der Pressefreiheit war darum ebenso Bedingung für den erstarkenden Recherche-Journalismus wie die ökonomische und medientechnische Entwicklung der Presse, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts zur redaktionellen Ausdifferenzierung des Journalismus und damit einhergehender innerredaktioneller Arbeitsteilung führte.

    So war es in England der Journalist William Thomas Stead, der als einer der Ahnherren des Recherche-Journalismus gilt. Stead war Chefredakteur der in London erscheinenden Pall Mall Gazette und veröffentlichte im Jahr 1885 eine Artikelserie unter dem Titel The Maiden Tribute of Modern Babylon (dt.: Der Beitrag von Jungfrauen zum modernen Babylon), die auch als Eliza Armstrong Case Journalismusgeschichte geschrieben hat und in der er der britischen Oberschicht Kinderprostitution und Menschenhandel nachweist.

    In den USA begann die Reform des Journalismus hin zu investigativen Recherchen, die gesellschaftliche Wirkung zeigen sollten, Ende des 19. Jahrhunderts. Als ‘Muckrakers’, zu Deutsch: Schmierfinken oder Nestbeschmutzer, bezeichnete man eine Reihe von Journalisten, die nicht mehr so sehr Ereignisse, sondern vielmehr die Verhältnisse als solche zum Gegenstand ihrer Nachforschungen machten (am bekanntesten Upton Sinclair).

    Im deutschen Sprachraum war die Presse bis in die Weimarer Zeit stark meinungs- und parteienorientiert, auch wenn es schon in dieser Zeit Ausnahmeerscheinungen in Sachen Recherche-Journalismus gab (z. B. Egon Erwin Kisch, Leo Lania, Max Winter). Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das in publizistischer Hinsicht tatsächlich einer Stunde Null gleichkam, nahmen sich junge Blattmacher wie Rudolf Augstein oder auch Axel Cäsar Springer den britischen und US-amerikanischen Recherche-Journalismus zum Vorbild für ihre Zeitungs- und Magazinneugründungen, während junge Journalisten wie Hanns-Joachim Friedrichs, Gerd Ruge oder Peter von Zahn im Rundfunk und im gerade erst entstehenden Fernsehen sich die BBC als die ‘Mutter aller Rundfunkanstalten’ zum Vorbild nahmen. Die Gründungen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel 1947 und der Illustrierten Stern 1948 waren Wegmarken in der Entwicklung eines eigenen Recherchejournalismus in Westdeutschland, während sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor allem die Politmagazine durch investigative Recherche profilierten.

    Gegenwärtiger Zustand:

    Die Zustimmung zu Recherche-Methoden, wie sie im investigativen Journalismus üblich sind, ist unter deutschen Journalisten auch im Vergleich zu amerikanischen Kollegen nicht nur sehr niedrig, sondern hat offenbar in den letzten Jahren sogar noch abgenommen. Dass Journalismus eine Kontrollfunktion hat, wird im bundesdeutschen Diskurs eher kontrovers diskutiert. Kritische Stimmen monieren sogar das Fehlen einer „Recherchekultur“ in Deutschland (Preger 2004: 55). Andererseits ist Recherche im digitalen Zeitalter keine Tätigkeit mehr, die den klassischen Gatekeepern vorbehalten wäre: Im Internet recherchiert jeder. Soll der Journalismus in Zukunft seine öffentliche Aufgabe weiter erfüllen und dabei auch seine Kosten erwirtschaften können, müssen Journalisten Recherchemethoden entwickeln, die über die digitalen Jedermannsfähigkeiten hinausgehen. Das mag der Grund sein, warum ambitionierte Medienhäuser heute eigens Recherche-Redaktionen und Recherche-Pools aufbauen (z. B. Handelsblatt, Stern, WAZ).

    Auch Organisationen wie das Netzwerk Recherche e.V. betonen die besondere Bedeutung der Informationsbeschaffung für den Journalismus. Die neuerdings aufkeimende Idee eines gemeinnützigen Journalismus stellt gerade die gesellschaftliche Funktion der Recherche in den Mittelpunkt: Der Rechercheverbund Correct!v stellt exklusive Storys Presse und Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung, während die Initiative Nachrichtenaufklärung e.V. studentische Recherche-Teams Geschichten recherchieren lässt, die sonst in den Medien vernachlässigt werden.

    Forschungsstand:

    Auch in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung spielt die Recherche, analog zur niedrigen Zustimmungsrate von Recherche-Methoden im praktischen Journalismus, keine allzu große Rolle. Dabei stünde eine Theorie der Recherche in engem Zusammenhang mit anderen wissenschaftlichen Lehrsätzen innerhalb der Journalismusforschung. Ansätze wie die Agenda-Setting-Theorie (McCombs/Shaw 1972) oder die Nachrichtenwert-Theorie (Galtung/Ruge 1965) definieren nichts anderes als das, was Journalisten zu recherchieren haben. Die Recherche ist also kein dem Agenda Setting vorgängiges Phänomen, sondern funktional von ihm abhängig.

    Die Frage, wonach ein Journalist recherchiert, ist naturgemäß aufs Engste mit seinen Thesen darüber verbunden, welchen Themen er oder sie überhaupt einen → Nachrichtenwert zuspricht: „Nachdenken über Relevanz ist gemeinhin der erste Schritt einer systematischen Recherche“ (Welker 2012). Die Auseinandersetzung mit der Recherche ist also, über den berufspraktischen Sinn hinaus, auch theoretisch nützlich, da sie als Scharnier zwischen unterschiedlichen Theorieansätzen innerhalb der Journalismusforschung dienen kann.

    Literatur:

    Galtung, Johan; Mari Holmboe Ruge: The Structure of Foreign News. In: Journal of Peace Research, 2, 1965, S. 64-91

    Haarkötter, Hektor: Die Kunst der Recherche. Konstanz/München [UVK] 2015

    Haller, Michael: Recherchieren. 7. Auflage. Konstanz [UVK] 2008

    Machill, Michael; Markus Beiler; Martin Zenker: Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin [Vistas] 2008

    McCombs, Maxwell E.; Donald L. Shaw: The Agenda-Setting Function of Mass Media. In: The Public Opinion Quaterly, 2, 1972, S. 176-187

    Preger, Sven: Mangelware Recherche. Münster [LIT] 2004

    Welker, Martin: Journalistische Recherche als kommunikatives Handeln. Journalisten zwischen Innovation, Rationalisierung und kommunikativer Vernunft. Baden-Baden [Nomos] 2012

Hektor Haarkötter
Hektor Haarkötter
Prof. Dr., ist seit 2018 Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Von 2014 bis 2018 war er Fachbereichsleiter Journalismus und Kommunikation an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln. Er hat 20 Jahre als Fernsehjournalist und -regisseur für beinahe alle öffentlich-rechtlichen Sender sowie Arte gearbeitet. Als Buchautor veröffentlichte er zuletzt im Herbert von Halem Verlag den Band Motor/Reise in der Reihe Basiswissen für die Medienpraxis (2016, mit Evelyn Runge) sowie Die Kunst der Recherche (2015, UVK) – ein Thema, über das er auch in seinem gleichnamigen Weblog (www.kunstderrecherche.de) schreibt. Wissenschaftliche Forschungsschwerpunkte: Medientheorie, Medienphilosophie und empirische Kommunikationsforschung. Kontakt: hektor.haarkoetter (at) h-brs.de Zum Thema Recherche im Journalismus hat Hektor Haarkötter einen → Einführungsbeitrag geschrieben.

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Authentizität

authenticity_geralt_pixabay_comWortherkunft: Ableitung des Adjektivs ‘authentisch’ = echt, glaubhaft, verbürgt, wahr; ursprünglich abstammend vom griech. Adjektiv ‘authentikós’ = zum Urheber in Beziehung stehend, im Deutschen seit dem 16. Jahrhundert in der heutigen Bedeutung gebräuchlich

Im Journalismus wird unter Authentizität (1) die tatsächliche Echtheit einzelner Informationen und kompletter Beiträge sowie (2) das erfolgreiche Erwecken eines Anscheins von Echtheit als Mittel journalistischer Darstellung unabhängig von der tatsächlichen Echtheit der vermittelten Informationen verstanden.

(1) Die Prüfung von Quellen und den von ihnen übermittelten Informationen auf Authentizität ist ein wesentlicher Teil journalistischer → Recherche. Nur authentische Informationen können zur Grundlage korrekter Berichterstattung werden. Schlägt diese Prüfung auf Authentizität fehl, kommuniziert Journalismus also über nicht authentische Informationen, kann dies die Glaubwürdigkeit einzelner Journalisten oder gesamter Redaktionen in Frage stellen. Ein besonders bekanntes Beispiel für einen solchen Fehlschlag ist die Veröffentlichung der vermeintlich authentischen, tatsächlich aber gefälschten Hitler-Tagebücher im Magazin Stern im Jahr 1983. Was als journalistischer Coup geplant war, sorgte weltweit für Negativschlagzeilen.

(2) Authentizität als Vermittlungstechnik ist vor allem in stärker subjektiv geprägten journalistischen Genres von Bedeutung – vor allem in → Reportagen, → Porträts und → Features, aber auch in → Interviews und anderen Stilformen. Für die Reportage forderte bereits Egon Erwin Kisch neben Standpunkt- und Tendenzlosigkeit des Reporters auch Erlebnisfähigkeit sowie „Liebe zu seinem Gewerbe“. Durch die Vermittlung eigenen Erlebens soll die unmittelbare Teilnahme der Rezipienten am wahrheitsgemäß geschilderten Ereignis ermöglicht oder zumindest suggeriert werden.

Während Kisch seine Einstellung zur Tendenzlosigkeit später revidierte, hat sich an der Betonung des eigenen Erlebens in der Reportage bis heute nichts geändert. Dass die Vermittlung von Authentizität indes auch ohne tatsächliches eigenes Erleben möglich ist, zeigte sich beispielhaft etwa am Skandal um die Verleihung und anschließende Aberkennung des Egon-Erwin-Kisch-Preises 2011 an René Pfister für die Reportage Am Stellpult. Pfister hatte in der Reportage detailliert eine Modelleisenbahn im Keller des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer beschrieben, anschließend aber zugegeben, den Keller niemals betreten zu haben. Die Vermittlung des Eindrucks von Authentizität war offenbar gelungen, obwohl der Autor sich dazu nicht auf authentische Informationen stützen konnte. In einem ähnlichen Spannungsfeld bewegen sich häufig journalistische Interviews, die den Eindruck eines authentischen Gesprächs vermitteln sollen, tatsächlich aber regelmäßig nach dem Gespräch stark gekürzt, dramaturgisch verändert oder inhaltlich modifiziert werden.

Literatur:

Haller, Michael: Die Reportage. 6. Auflage. Konstanz [UVK] 2008

Ihl, Daniela: Egon Erwin Kischs Reportagebuch Landung in Australien. Eine historisch-literarische Studie. Frankfurt/M. [Peter Lang] 2010

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Interview

Interview_WikimediaImages_pixabay_comWortherkunft: engl. interview = Befragung; Zusammensetzung aus lat. inter = zwischen u. engl. view = sehen; basierend auf frz. entrevue = (verabredete) Zusammenkunft

Definition:
Der Begriff ‚Interview‘ bezeichnet gleichzeitig ein Genre und eine → Recherchemethode zur Informationsgewinnung. Als journalistisches Genre stellt es einen dialogischen Text dar, in dem der Journalist einen Akteur (gelegentlich auch mehrere) befragt.

Das Frage-Antwort-Schema ist eine Grundregel des Interviews; Abweichungen kommen zwar vor (z. B. Feststellungen oder Meinungsäußerungen des Journalisten; Gegenfragen des Akteurs), werden aber zuweilen als Regelverstöße betrachtet, obwohl sie die kommunikative Qualität erhöhen. Das Interview unterscheidet sich von längeren Formen (Gespräch, Talkshow), die mehr Elemente eines symmetrischen Dialogs enthalten. Im Unterschied zu anderen journalistischen Grundformen (wie → Nachricht und → Bericht) dient das Interview weniger dazu, objektive (auf andere Weise recherchierbare) Fakten zu ermitteln, als vielmehr, subjektive Erfahrungen, Einschätzungen oder Prognosen zu erfragen. Nach reinen Fakten wird dann gefragt, wenn die interviewte Person die einzige Quelle oder eine von mehreren sich widersprechenden Quellen ist. Aus der Sicht des Journalisten hat seine Gesprächsführung ermittelnde sowie vermittelnde Aufgaben. Im Interview werden Informationen (Sachverhalte, Beurteilungen, Standpunkte) nicht nur erfragt, sondern auch dem Zielpublikum verständlich gemacht.

Geschichte:
Als eigenständiges journalistisches Genre ist das Interview in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in US-Zeitungen nachgewiesen. Bis zu dieser Zeit begrenzten die Journalisten die Wiedergabe des Gesprächs auf Zitate, die den Text beleben sollten. Zuerst erschienen Interviews nur vereinzelt. Seit den 1890er Jahren nahm dieses Genre immer mehr Platz in den Zeitungsspalten ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitete sich das Interview auch in Europa, gewann Popularität und rief Veränderungen im Status des Journalisten hervor. Er wandelte sich von einem unpersönlichen Nacherzähler eines Gesprächs zu einem Gesprächspartner bedeutender politischer Persönlichkeiten oder Künstler. Berichte über Gespräche zwischen Journalisten und Akteuren gab es Ende des 19. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachgebiet. Formen, bei denen der Befrager in kritische Distanz zum Befragten geht, setzten sich allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch.

Gegenwärtiger Zustand:
Das Genre ‚Interview‘ lässt sich nach funktionalen oder thematischen Gesichtspunkten unterteilen. Die hauptsächlichen Funktionen sind Information und Analyse. Im Informationsinterview tritt der Gesprächspartner als Faktenlieferant oder auch Zeuge eines Ereignisses auf. Im analytischen Interview wird eine Sache aus dem Blickwinkel des Interviewpartners beurteilt. Im Vordergrund steht dessen Kompetenz, ein Problem, das die → Öffentlichkeit angeht, zu erklären und zu bewerten. Das analytische Interview besteht in der Regel aus drei Teilen: In der Einleitung macht der Journalist den Gesprächspartner und das Publikum mit dem Thema bekannt. Im Frage-Antwort-Teil leitet er mit Hilfe seiner Fragen die Diskussion und vermittelt die Einschätzungen des Interviewten bezüglich des Themas oder seiner Person. Im abschließenden Teil bietet eine rückblickende oder weiterführende Frage die Möglichkeit zu einer Zusammenfassung oder einem Ausblick. Unter Umständen formuliert der Interviewer selbst eine kurze Schlusssequenz.

Möglich ist auch eine thematische Klassifikation. Traditionell ist die Aufteilung in Interviews zur Sache (z. B. das Fach-lnterview, bei dem ein Experte seine Positionen zu einem Thema oder Ereignis, das der Journalist vorgegeben hat, darlegt, wobei der Journalist durch seine Fragen den Verlauf des Gesprächs modelliert) und Interviews zur Person (z. B. das Prominenteninterview, in dem eine bekannte Persönlichkeit über sich selbst und ihre künstlerische oder politische Biographie spricht).

In der journalistischen Praxis unterscheiden sich Interviews stark durch die Beziehung zwischen Kommunikator und Akteur (Nähe oder Ferne – etwa aus Gründen der persönlichen Bekanntheit, der sozialen Stellung oder der unterschiedlichen fachlichen Kompetenz). Dies drückt sich z. B. in der thematischen Einengung, in der Frageweise oder in der Länge der Wortbeiträge aus. Kritische Distanz zwischen den Beteiligten demonstrieren u.a. Interviews mit Politikern zu kontroversen aktuellen Themen. Sie sind gekennzeichnet durch eine Vielzahl an geschlossenen Fragen, kritische Nachfragen oder auch metakommunikative Kommentare. Wohlwollende Nähe findet man hingegen in Interviews mit Prominenten, die aus ihrem Leben erzählen, oder auch mit sozial benachteiligten Personen, mit deren Anliegen sich der Kommunikator identifiziert. Hier werden eher offene Fragen gestellt, die Ansichten des Interviewten oft nicht problematisiert. Als heikel gelten Interviews mit Experten, die gegenüber dem Befrager einen Informationsvorsprung haben (z. B. Ärzte oder Wissenschaftler), gleichzeitig aber entschieden die Interessen einer Akteursseite (Verband, Forschungsrichtung, politische Instanz) vertreten.

Das Interview wird oft als Element komplexer Informationsangebote eingesetzt, z. B. als Bestandteil einer Nachrichtensendung, einer Hintergrundseite in der Zeitung oder eines thematisch einheitlichen Magazins. Das Interview als eigenständige Form (etwa als wiederkehrende Sendung oder als längerer Printbeitrag) erfordert vom Journalisten umfangreiches Wissen über das Thema und die Persönlichkeit des Gegenübers, Standfestigkeit und Reaktionsfähigkeit, vor allem aber Beharrlichkeit in Bezug auf die vom Interviewten erwartete Information. Die Atmosphäre des Gesprächs hängt stark von den Fragen des Journalisten und der (auch medialen) Umgebungssituation ab. Nicht zuletzt steuert aber auch die interviewte Person mit ihrer Erfahrung und Einstellung den Charakter des Gesprächs – zum Beispiel durch die Länge der Antworten, freiwillige Zusatzinformationen oder Abweichen vom interviewtypischen Rollenverhalten (etwa durch Rückfragen, Schweigen, Metakommunikation).

In Printmedien wird im Interview entweder die Frage-Antwort-Abfolge übernommen oder die Antworten werden in einen berichtenden, reportierenden oder porträtierenden Text eingebaut. In Hörfunk, Fernsehen und Online-Medien ermöglicht die Wiedergabe in Audio- und Video-Formaten (aufgezeichnet oder live) besondere → Authentizität. Im Online-Journalismus sind heute sehr lange und ungekürzte Interviews möglich, die von den dramaturgischen Zwängen der knappen Print- Radio- und Fernsehformen befreit sind.

Forschungsstand:
Als Erhebungsmethode wird das Interview in den Sozialwissenschaften ausführlich beschrieben. Als journalistische Textform wird es seit den 1980er Jahren vermehrt vor allem mit linguistischen und diskursanalytischen Methoden untersucht.

Literatur:

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001

Friedrichs, Jürgen; Ulrich Schwinges: Das journalistische Interview. 4. Auflage. Opladen/Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016

Haller, Michael: Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. 5. Auflage. Konstanz [UVK] 2013

Häusermann, Jürg; Heiner Käppeli: Rhetorik für Radio und Fernsehen. 2. Auflage. Aarau / Frankfurt/M. [Sauerländer] 1994

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

Scannell, Paddy (Hrsg.): Broadcast Talk. London u.a. [Sage] 1991

Pressekonferenz

Die Pressekonferenz ist eine Veranstaltung, auf der Unternehmen, Vereine, Parteien oder andere Institutionen über Begebenheiten informieren, die für sie und die → Öffentlichkeit von Belang sind. Dazu laden sie möglichst viele Medienvertreter ein. Typische Anlässe einer PK (so heißt die Pressekonferenz im → Jargon der Medienmacher) sind zum Beispiel die Jahresbilanz einer Firma, die Eröffnung eines neuen Geschäftes, die Einweihung eines Bauwerkes, personelle Veränderungen an der Spitze von Körperschaften, Vorhaben in der Kommunalpolitik oder der Tourneestart eines Showstars. Aber auch Routineereignisse wie die Spiele der Fußballbundesliga werden regelmäßig von Pressekonferenzen begleitet.

Pressekonferenzen finden gern an besonderen Orten statt (zum Beispiel auf einem Baugelände, im Labor oder im Tonstudio), um die Attraktivität für die geladenen Journalisten zu erhöhen. Denn der Informationswert einer PK ist nicht immer hoch, sie zu besuchen kostet Zeit und ihr Ablauf ist selten spektakulär: Auf die Begrüßung durch die Pressesprecher folgen verschiedene Redebeiträge der Veranstalter; anschließend können die Journalisten Fragen stellen und Fotos machen. Mitschnitte für Hörfunk und Fernsehen sind bei größeren Anlässen üblich. Spartenkanäle wie Phoenix übertragen heute regelmäßig Pressekonferenzen. (Zu Planung, Vorbereitung und praktischem Ablauf vgl. Schneiders 2012; Hooffacker/Lokk 2011; Hoffmann/Müller 2008; Schulz-Bruhdoel/Fürstenau 2008; Erny 1999.)

In der Regel erhalten Journalisten bei oder nach einer Pressekonferenz Pressemappen (gedruckt oder in elektronischer Form) mit einer Pressemitteilung. In dieser Mappe befinden sich auch noch einmal alle wichtigen Statements, Erläuterungen und Namen, ferner Angaben zu Personen, Statistiken, Bildmaterial und Ähnliches. Viele Journalisten umgehen deshalb den Termin, besorgen sich nur die Pressemappe und versuchen bei wichtigen Themen lieber, ein persönliches Gespräch mit dem Veranstalter zu vereinbaren. Das geschieht auch deshalb, weil sie dann exklusiv arbeiten und oft ganz andere Dinge erfahren als die Medien, die sich mit der Informationsrunde für alle begnügen.

Pressekonferenzen sind „Inszenierungen“ (Schneider/Raue 2012: 127). Interessenvertreter versuchen mit diesem Instrument professioneller Öffentlichkeitsarbeit, Informationen zu lancieren, die ihnen wichtig sind. Ohne solche Informationen ist Journalismus in einer offenen und von Partikularinteressen geprägten Gesellschaft sicher nicht denkbar. Allerdings spekulieren die Veranstalter auch darauf, dass sich ihre Sicht der Dinge, ihre Gewichtung und ihr ,Timing‘ in den Medien möglichst einheitlich wiederfinden. Ob sich die Journalisten diesem Zweck vollständig unterordnen und in ihrer Berichterstattung ,determinieren‘ lassen, hängt wesentlich von ihnen selbst ab. Barbara Baerns (1985) und andere Forscher haben gezeigt, dass dies unter Umständen tatsächlich so ist. Vertreter von Nachrichtenagenturen, von elektronischen und Online-Medien, die besonders schnell arbeiten müssen, laufen stets Gefahr, sich mit der bloßen Wiedergabe von Informationen aus einer Pressekonferenz zu begnügen. Sie tragen dann PR-Inhalte weiter (siehe dazu → PR und Journalismus).

Durch Nachrecherche und Gespräche mit anderen Informanten können Journalisten den Gegenstand einer Pressekonferenz aber auch ganz anderes anpacken, als es in der Absicht der Veranstalter lag. Dies geschieht zum Beispiel in Krisensituationen häufig (etwa nach einem Chemieunfall) oder wenn Journalisten konsequent eigenen Themen oder ihrer redaktionellen Linie folgen. Sie lassen sich dann von Pressearbeit und Pressekonferenzen keineswegs determinieren (einen guten Überblick über Studien zum Einfluss von Public Relations auf den Journalismus gibt Schweiger 2013).

Ergiebiger als Pressekonferenzen ist für Journalisten mitunter die Gesprächsrunde – eine „intime Veranstaltung für einen exklusiven Kreis von Gästen“ (Schulz-Bruhdoel/Fürstenau 2008: 220). Hier verraten Politiker oder andere Interessenvertreter (ebenfalls nicht ohne Absicht) mitunter mehr als bei der PK. Journalisten wiederum sichern im Gegenzug Vertraulichkeit zu oder nennen in ihren Berichten keine Namen, erhalten aber Impulse und Details, mit denen sie kritisch weiterarbeiten können. Diesem Zweck dienen auch Hintergrundgespräche von Berliner Korrespondenten und Politikern.

Eine besondere Rolle spielt die Bundespressekonferenz (BPK) (vgl. Köhler 1988). In ihr sind derzeit rund 1000 Journalistinnen und Journalisten registriert, die für deutsche Medien über Themen der Bundespolitik berichten. Die BPK ist ein eingetragener Verein. Seine Mitglieder, Journalisten also – und nicht Regierung, Opposition oder Parteien –, treten als Veranstalter auf, moderieren die Konferenz und erteilen das Wort. Politiker und Regierungssprecher stellen sich lediglich als Gäste den Fragen der Korrespondenten. Dass ein Regierungsoberhaupt selbst Fragesteller auswählt oder bewusst übergeht (wie US-Präsident Donald Trump, der in der Pressekonferenz des Weißen Hauses den vermeintlichen Verbreitern von → ,fake news‘ keine Fragen erlaubte), wäre bei der Berliner Bundespressekonferenz undenkbar.

In den Hauptstädten der Bundesländer kommen die Landespressekonferenzen (LPK) nach dem gleichen Muster zusammen.

Literatur:

Baerns, Barbara: Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus? Zum Einfluß im Mediensystem. Köln [Verlag Wissenschaft und Poliltik] 1985.

Erny, Hansjörg: Fit für die Medien. Ein praktischer Ratgeber. Zürich [Orell Füssli] 1999.

Hoffmann, Beate; Christina Müller: Public Relations kompakt. Mit journalistischen Zwischenrufen von Christian Sauer. Konstanz [UVK] 2008.

Hooffacker, Gabriele; Peter Lokk: Pressearbeit praktisch. Handbuch für die Media Relations.  Berlin [Econ] 2011.

Köhler, Bernd F.: Die Bundes-Pressekonferenz. Annäherung an eine bekannte Unbekannte. Phil. Diss. Mannheim 1988.

Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus. Reinbek [Rowohl Taschenbuch Verlag] 2012.

Schneiders, Martina K.: Die Pressekonferenz. Konstanz [UVK] 2012.

Schulz-Bruhdoel, Norbert; Katja Fürstenau: Die PR- und Pressefibel. Zielgerichtete Medienarbeit. Ein Praxisbuch für Ein- und Aufsteiger. 4. Auflage. Frankfurt [F.A.Z.-Institut für Management-, Markt- und Medieninformationen] 2008.

Schweiger, Wolfgang: Determination, Intereffikation, Medialisierung. Theorien zur Beziehung zwischen PR und Journalismus. Baden-Baden [Nomos] 2013.

Quelle

Wortherkunft: Das Wort leitet sich vom Althochdeutschen ,quella‘ ab.

Definition:
Das Substantiv ,Quelle‘ verweist auf den Ursprung eines Objekts oder einer Information. Eng gefasst bezieht es sich auf den Austritt von Wasser aus dem Boden oder einem Felsen und den Ursprung eines Gewässers. Im übertragenen Sinn bezieht sich die ,Quelle‘ vor allem auf einen überlieferten Text oder einen Akteur mit direktem Zugang zu einer Information.

Im Journalismus und der Journalismusforschung bezeichnet ,Quelle‘ das Material, das einem journalistischen Beitrag zugrunde liegt. Dabei geht es zugleich um die Herkunft des Materials: Eine Quelle ist diejenige Person, Institution oder Kommunikation, von der eine bestimmte Information herrührt. Auch Dinge können als Quellen bezeichnet werden, wenn ihnen Informationen entnommen werden, beispielsweise Büchern, Gebäuden oder Kunstwerken.

Im wissenschaftlichen Arbeiten werden Primär- Sekundär- und Tertiärquellen unterschieden. Primärquellen sind die Forschungsobjekte selbst, Sekundärquellen Arbeiten, die sich auf diese Objekte beziehen. Tertiärquellen ordnen und erschließen Primär- und Sekundärquellen, beispielsweise Lehrbücher oder Lexika. Diese Einteilung lässt sich auf den Journalismus übertragen: Eine Primärquelle ist dann zum Beispiel eine von einem Journalisten besuchte Veranstaltung samt den dort gehaltenen Reden und Gesprächen. Eine Sekundärquelle könnte ein von anderer Seite veröffentlichter Bericht über die Veranstaltung sein, zum Beispiel in einer Zeitung oder auf der Internetseite des Veranstalters. Eine Tertiärquelle wäre eine Presseschau oder eine Linkliste, die der Journalist in seiner Recherche verwendet.

Wie Historiker sind Journalisten auf die Arbeit mit Quellen angewiesen. Nur in seltenen Fällen haben sie einen direkten eigenen Zugang zu den Sachverhalten ihrer Berichterstattung. Während Historiker in der Regel Quellen aus der Vergangenheit erschließen, hat der Journalismus überwiegend mit Quellen aus der Gegenwart zu tun.

Menschliche Quellen, auch personale Quellen genannt, sind leibhaftige Personen, die den Journalisten Auskunft geben. Oft sind es Amts- und Funktionsträger, beispielsweise Politiker, Pressesprecher oder Prominente. Es gibt jedoch auch menschliche Quellen, die als Betroffene oder Augenzeugen ohne professionellen oder institutionellen Hintergrund zitiert werden.

Die Informationen einer Quelle können direkt oder indirekt zitiert werden. Unter Umständen bilden sie sogar nur den Hintergrund für die Journalisten und fließen gar nicht oder nicht erkennbar in einen Beitrag ein. Im Zuge einer Recherche gehört es zur journalistischen Sorgfaltspflicht, möglichst viele Quellen, die für einen Sachverhalt bedeutsam sein könnten, zu erschließen und Informationen von ihnen zu erlangen (siehe → Quellenvielfalt).

Bei einer Recherche nutzen Journalisten Gesprächs- und Zitierregeln, in denen festgelegt wird, ob eine Quelle bzw. eine Äußerung in einem Beitrag genannt werden kann (siehe → unter drei). In besonders sensiblen Fällen kann der so genannte Informantenschutz greifen, bei dem vertrauliche Quellen die Zusicherung erhalten, dass sie anonym bleiben. Der Informantenschutz ist in journalistischen Ethik-Kodizes verankert, in Deutschland beispielsweise im Pressekodex des Deutschen Presserats.

Im Journalismus ist ein kritischer Umgang mit Quellen angezeigt. Ob eine Information stimmt, muss überprüft werden, so gut dies möglich ist. Relevant ist zudem die Frage, ob eine Quelle nur einen bestimmten Ausschnitt eines Sachverhalts berichtet bzw. unter welchem Blickwinkel sie dies tut. Dabei spielt eine Rolle, welche Interessen Personen und Institutionen haben, wenn sie Journalisten Auskunft geben.

Bestimmten Quellen wird in der Praxis oft ein Vertrauensvorschuss gewährt. Dieser kann darauf beruhen, dass ein Journalist in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit der Quelle und ihren Informationen gemacht hat. Zudem gibt es ,privilegierte Quellen‘. Damit sind Quellen gemeint, bei denen Journalisten unterstellen dürfen, dass ihre Informationen stimmen. Dies kann presserechtlich, im Falle einer juristischen Auseinandersetzung, bedeutsam sein. Als privilegierte Quellen gelten in Deutschland die etablierten Nachrichtenagenturen, aber auch die Mitteilungen von Behörden, die zu wahrheitsgemäßen Auskünften verpflichtet sind, wie die Pressestellen der Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden. Ein naives Vertrauen gilt allerdings auch hier als unprofessionell, das Konzept ,privilegierter Quellen‘ ist daher umstritten. Erstens unterlaufen auch Nachrichtenagenturen oder Staatsanwaltschaften Fehler. Zweitens sind die von ihnen gelieferten Informationen nicht frei von inhaltlichen Färbungen und Interessen. Die journalistische Neigung, sich auf etablierte Institutionen, auf Behörden, Parteien und Verbände zu stützen, kann zu Defiziten in der Berichterstattung führen. Es besteht die Gefahr, dass die lebensweltlichen Perspektiven von Betroffenen und Bürgern aus dem Blick geraten.

Geschichte:
Sozialer und technologischer Wandel verändert die Arten der Quellen, die Journalisten häufig nutzen. Während in früheren Jahrzehnten Recherchen per Telefon und das Besuchen von Pressekonferenzen sehr wichtig waren, sind in der digitalen Ära die Internetrecherche und speziell das Nutzen von → Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen von herausgehobener Bedeutung. Mit dem wachsenden Einfluss von Daten und Algorithmen in der Gesellschaft haben auch in den Medien gezielte Daten-Recherchen und ein so genannter Datenjournalismus Einzug gehalten.

In der Geschichte des Journalismus konnten Berichte zunächst lediglich auf den Mitteilungen von Augenzeugen oder dem eigenen Erleben der Autoren beruhen, beispielsweise in frühen Formen der Reisereportage. Schon im 17. Jahrhundert entwickelten sich Ideen und Standards für Sorgfalt in der Berichterstattung und speziell für die Arbeit mit Quellen. So verlangte Tobias Peucer 1690 in der ersten bekannten Dissertation zur Zeitungskunde Wahrheitsliebe, eine kritische Prüfung von Quellen und die Einhaltung eines Zwei- oder Mehrquellen-Prinzips: Es sei darauf zu achten, „ob ein Ereignis der jüngsten Zeit aus verschiedenen Gegenden gleichzeitig gemeldet und durch die Zeugnisse mehrerer bestätigt wird“ (Peucer 1690, zit. n. Wilke 2015: 116). Im Jahr 1695 forderte Kaspar Stieler in der Schrift „Zeitungs Lust und Nutz“ nicht nur die Unparteilichkeit der Zeitungsmacher, sondern auch die Transparenz ihrer Quellen, nämlich die Angabe von Zeit, Ort und Urheberschaft einer Nachricht (Schönhagen 1998: 41ff.).

Gegenwärtiger Zustand:
In der Gegenwart gehören im Journalismus freier Mediensysteme die Quellentransparenz und das Prinzip der zwei Quellen bzw. das Mehrquellen-Prinzip sowie das Gebot der Quellenvielfalt zum Kernbestand professioneller Normen und zu den Kriterien für → Qualität im Journalismus. Eng damit verbunden ist die Forderung, stets auch die Seite der Betroffenen bzw. Kritisierten oder Verdächtigen anzuhören (audiatur et altera pars).

Gleichwohl gibt es auch im modernen Journalismus sogenannte Eine-Quelle-Beiträge, in denen nur eine Quelle bzw. nur eine Seite zu Wort kommen. Dies trifft beispielsweise auf kürzere Artikel (Meldungen) zu, in denen lediglich die Verlautbarung einer Organisation verbreitet wird (zum Beispiel durch → PR-Maßnahmen).

Zu den Herausforderungen im Journalismus gehört das Erschließen guter Quellen. Nicht immer sind Personen und Institutionen auskunftsbereit. Teilweise unterstützen Auskunftsansprüche die Arbeit der Medien. In Deutschland haben Journalisten vor allem gegenüber dem Staat und seinen Behörden das Recht, Informationen anzufragen und zu erhalten. Dazu kommen weitere Gesetze, wie das Informationsfreiheitsgesetz sowie Transparenzgesetze, die den Zugang zu Daten und Informationen der Behörden für die Bürger und die Öffentlichkeit regeln.

Forschungsstand:
In der Journalismusforschung spielt der journalistische Umgang mit Quellen auf verschiedene Weise eine Rolle. In Inhaltsanalysen wird regelmäßig untersucht, welche Quellen bzw. Quellentypen in Beiträgen vorkommen, beispielsweise mit Blick auf das (numerische) Verhältnis professioneller Akteure und Laien oder mit Blick auf die Frequenz, in der Vertreter verschiedener Parteien oder politischer Richtungen in den Medien zu Wort kommen (vgl. Page 1996). Welche Quellen in welchem Ausmaß auftauchen, kann ein Indiz sein für mediale Verzerrungen, die im Rahmen der Forschungen zu Nachrichtenfaktoren, zum ,News Bias‘ und zur Konstruktion der „Medienrealität“ untersucht werden (vgl. Schulz 1976; Berkowitz 1997). Darunter fällt auch das Phänomen ,opportuner Zeugen‘, also das gezielte Zitieren solcher Quellen, die der – politischen – Linie eines Beitrags bzw. eines Journalisten oder einer Redaktion entsprechen (Hagen 1992).

Eine andere Forschungsfrage betrifft das Verhältnis von Public Relations (PR) und Journalismus. Hier wird untersucht, wie stark Quellen in journalistischen Beiträgen aus der PR stammen und wie stark die Beiträge PR-getrieben sind (Baerns 1985). Bedeutsam ist dies auch im Rahmen von Untersuchungen zum Agenda Setting und Agenda Building: Welchen Akteuren gelingt es (wie stark), in den Medien Gehör zu finden, also als Quellen Eingang in die Berichterstattung zu finden? Ein weiteres Thema ist die Glaubwürdigkeit verschiedener Quellen. Die kann einerseits das Verhältnis zwischen Quellen und Journalisten betreffen oder andererseits die Sicht des Publikums auf verschiedene Medienangebote sowie verschiedene Quellen in den medialen Angeboten (vgl. Kohring 2004).

Und schließlich befasst sich die Forschung auch mit der Ethik im Umgang mit Quellen. Aspekte dabei sind etwa der Informantenschutz oder die Frage, ob Journalisten ihren menschlichen Quellen Geld zahlen (dürfen). Welche Methoden im Umgang mit Quellen Journalisten für akzeptabel halten, wird in Befragungen untersucht (z.B. Weischenberg et al. 2006). Für die Journalistenausbildung gibt es Ratgeber- und Praxisliteratur, die Techniken der Recherche und des effektiven Umgangs mit Quellen vermittelt (z.B. Haarkötter 2015).

Literatur:

Baerns, Barbara: Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus? Zum Einfluss im Mediensystem. Köln [Verlag Wissenschaft und Politik] 1985.

Berkowitz, Dan: Social Meanings of News. A Text-Reader. Thousand Oaks [Sage] 1997.

Haarkötter, Hektor: Die Kunst der Recherche. Konstanz [UVK] 2015.

Hagen, Lutz M.: Die opportunen Zeugen. Konstruktionsmechanismen von Bias in der Volkszählungsberichterstattung von FAZ, FR, SZ, taz und Welt. In: Publizistik, 37(4), 1992, S. 444-460.

Kohring, Matthias: Vertrauen in Journalismus. Theorie und Empirie. Konstanz [UVK] 2004.

Page, Benjamin I.: Who Deliberates? The Mass Media in Modern Democracy. Chicago [Chicago University Press] 1996.

Phillips, Angela: Old Sources: New Bottles. In: Natalie Fenton (Hrsg.): New Media, Old News. Los Angeles [Sage] 2010, S. 87-101.

Schönhagen, Philomen: Unparteilichkeit im Journalismus. Tradition einer Qualitätsnorm. Tübingen [Niemeyer] 1998.

Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Freiburg/München [Alber] 1976.

Weischenberg, Siegfried; Maja Malik; Armin Scholl: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz [UVK] 2006.

Wilke, Jürgen (Hrsg.): Die frühesten Schriften für und wider die Zeitung. Baden-Baden [Nomos] 2015.

Scoop

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Die Journalistensatire The Scoop (2006) des US-Regisseurs Woody Allen heißt im deutschen Untertitel Der Knüller. Das trifft die Bedeutung des aus dem Englischen übernommenen Begriffes: Unter einem Scoop (wörtlich: Schaufel, Schöpfkelle) versteht man in Redaktionen einen journalistischen Exklusivbeitrag, der beim Publikum und bei anderen Medien großes Aufsehen erregt. Das Wort bezeichnet also eine sensationelle Story, die man ,abgeschöpft‘ und gleichsam sich selbst auf den Teller ,geschaufelt‘ hat, bevor andere Medien zugreifen konnten.

Der inhaltlich gleiche Begriff Knüller (abgeleitet von der mittelhochdeutschen, mundartlich noch  erhaltenen Wendung ,knüllen‘ = mit der Faust zuschlagen, stoßen) kam im → Jargon deutscher Journalisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf, als die Boulevardpresse aufblühte.

Scoops/Knüller verweisen auf eine dem Journalismus eigene Problematik: das ständige Ringen um Aufmerksamkeit, um → Schlagzeilen und wirtschaftlichen wie publizistischen Erfolg. Einerseits kann das Ziel, mit einer Geschichte in aller Munde zu sein, den investigativen Ehrgeiz von Redaktionen erhöhen und sie in ihrer politischen und gesellschaftlichen Kontrollfunktion bestärken. Andererseits verführt die Jagd nach Scoops Journalisten immer wieder dazu, Themen reißerisch zuzuspitzen und zu überdehnen, bis hin zu Fälschungen wie der Veröffentlichung angeblicher Hitler-Tagebücher durch das Magazin Stern 1983
(→ vgl. Ente).

Zu den aufsehenerregendsten Scoops der jüngsten Vergangenheit zählt der Überwachungsskandal der US-Sicherheitsbehörde NSA (2013), ausgehend von den Schilderungen des ehemaligen Mitarbeiters und Whistleblowers Edward Snowden, veröffentlicht durch US-Journalist Glen Greenwald in der britischen Tageszeitung The Guardian. Nicht exklusiv, aber dennoch als Scoop bezeichnet, wurde die durch ein Recherche-Netzwerk verantwortete Enthüllung der so genannten Panama Papers (2016), die massenhafte Steuerdelikte mit Briefkastenfirmen aufdeckten.

Suchmaschine

Wortherkunft: Kompositum aus ‚Suchen‘ und ‚Maschine‘, analog zum englischen Begriff ‚search engine‘.

Definition:
Mit dem Begriff ,Suchmaschine‘ werden Programme bezeichnet, die die Suche nach digitalen Dokumenten mittels Suchbegriffen ermöglichen. Das alltägliche Begriffsverständnis meint damit zumeist Web-Suchmaschinen, die also das World Wide Web nach Dokumenten (wie z. B. Webseiten) durchsuchen. Es existieren jedoch auch zahlreiche andere Arten von Suchmaschinen, die beispielsweise Internet-Datenbanken oder die Dateien eines einzelnen Computers durchsuchen.

Web-Suchmaschinen werden zudem unterschieden in 1) Universalsuchmaschinen, die das Web möglichst in seiner Gesamtheit durchsuchen sollen, 2) Spezialsuchmaschinen, die sich thematisch oder formal auf bestimmte Dokumente konzentrieren (z. B. → Nachrichten oder Bilddateien), sowie 3) Metasuchmaschinen, die Suchanfragen an mehrere Suchmaschinen gleichzeitig weiterleiten und deren Ergebnisse bündeln.

Suchmaschinen bestehen zum einen aus Komponenten zur Beschaffung und Erschließung von Dokumenten, zum anderen aus Komponenten zum Verarbeiten von Suchanfragen und der Aufbereitung der Ergebnisse. Web-Suchmaschinen nutzen vorrangig sogenannte Crawler, Programme, die automatisiert die → Link-Strukturen des Webs verfolgen und so Dokumente sammeln. Diese Dokumente werden mit Attributen (z. B. mit Schlagworten und einem Erstellungsdatum) versehen und in den Index der Suchmaschine übernommen. Diese Prozesse laufen kontinuierlich und unabhängig von Nutzerinteraktionen ab. Auf eine Suchanfrage erfolgt ein Abgleich mit den indexierten Dokumenten und eine Reihung (Ranking) der relevanten Ergebnisse. Die Darstellung erfolgt schließlich zumeist mittels sogenannter Snippets, kurzen Textauszügen aus dem jeweiligen Dokument (vgl. → Teaser).

Geschichte:
Mitte der 1990er-Jahre erlebte das World Wide Web seinen Durchbruch, was sich nicht nur durch stark steigende Nutzungszahlen, sondern auch eine exponentiell ansteigende Menge an Web-Dokumenten äußerte. Entsprechend schnell wuchs der Bedarf, Orientierung über die stetig wachsende Anzahl an Inhalten zu erhalten. Zunächst in universitären Forschungs- und Hobbyprojekten, bald auch in kommerziellen Unternehmungen wurden eine Vielzahl an Suchmaschinen mit unterschiedlichen Herangehensweisen und Geschäftsmodellen entwickelt. An diese Phase des Pioniergeists und technischer Innovationen schloss sich ab der Jahrtausendwende eine Phase der Konsolidierung und Konzentration an, im Zuge derer sich durch Schließungen, Zusammenschlüsse und Übernahmen ein Oligopol einiger weniger Suchmaschinenanbieter gebildet hat (vgl. Dominikowski 2013; Van Couwering 2008).

Gegenwärtiger Zustand:
In Deutschland – wie in nahezu allen europäischen Ländern und weiteren Suchmaschinenmärkten weltweit – kann von einem Quasi-Monopol der Suchmaschine Google gesprochen werden, was sich in vielen Ländern durch einen Markanteil von über 90 Prozent ausdrückt. Die Bedeutung von Google zeigt sich nicht zuletzt darin, dass der Begriff ‚googeln‘ als Synonym für die (Web-)Informationssuche auch in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen ist. Zu den ‚großen Drei‘ werden neben Google noch Bing sowie Yahoo gezählt – letztere verwendet jedoch inzwischen keine eigene Suchtechnologie mehr, sondern zeigt Ergebnisse von Bing an. Von regional großer Bedeutung sind zudem Baidu (China) sowie Yandex (Russland), die in ihren jeweiligen Märkten noch vor Google Marktführer sind (Lewandowski 2018).

Durch ihre enorme Bedeutung für die Informationssuche spielen Suchmaschinen als Zugangsweg zu Nachrichten eine große Rolle für den Online-Journalismus. Im Reuters Institute Digital News Report 2018, einer Repräsentativbefragung deutscher Internetnutzer, geben mehr als ein Drittel der Befragten an, in der vergangenen Woche über eine Suchmaschine zu Nachrichten gelangt zu sein – entweder durch die Suche nach einer spezifischen Nachrichten-Website oder der Suche zu einem bestimmten Nachrichten-Thema (Hölig/Hasebrink 2018). Dies verweist auf die Relevanz von → Suchmaschinenoptimierung für den Online-Journalismus.

Forschungsstand:
Für den Journalismus sind insbesondere zwei kommunikationswissenschaftliche Forschungsperspektiven zu Suchmaschinen relevant. Zum einen werden Suchmaschinen als Zugangsweg zu Journalismus betrachtet. Der Journalismus profitiert hier davon, dass Suchmaschinen Leser an Online-Nachrichten vermitteln. Diskutiert wird, inwiefern Suchmaschinen dadurch eine Gatekeeper-Rolle zukommt, sie also Funktionen wie die Selektion und Gewichtung von Informationen vornehmen, die traditionell dem Journalismus vorbehalten waren (Barzilai-Nahon 2008; Gennis/Gundlach 2014; Machill/Beiler 2008; Röhle 2010). Erforscht wird auch, wie sich durch Suchmaschinen die Wahrnehmung journalistischer Produkte und Marken verändert. So konnten sich in einer aktuellen Studie nur rund ein Drittel derjenigen Probanden, die über eine Suchmaschine auf eine bestimmte politische Nachricht gestoßen waren, an die konkrete Nachrichten-Website erinnern, auf der diese Nachricht gelesen wurde (Kalogeropoulos/Newman 2017). Daher wird in der Forschung ebenfalls ergründet, ob sich daraus ein Konkurrenz- oder Komplementärverhältnis zwischen Suchmaschinen und Journalismus entwickelt (Neuberger 2013).

Zum anderen wird die Nutzung von Suchmaschinen durch Journalisten in den Blick genommen. Unter Stichworten wie ,Googleisierung des Journalismus‘ wird dabei beleuchtet, inwiefern Journalisten vorrangig Suchmaschinen als Werkzeug zur → Recherche nutzen. Empirische Untersuchungen zeigen, dass insbesondere Google eine enorme Bedeutung für die journalistische Recherche zukommt und dass Journalisten mit Suchmaschinen kaum reflektierter umgehen als Durchschnittsnutzer (seltene Verwendung elaborierter Suchtechniken, z. B. durch die Verwendung von Operatoren; Konzentration auf die ersten Suchresultate; Machill/Beiler/Zenker 2008; Springer/Wolling 2008; Wegner 2007). Der große publizistische Einfluss, der Suchmaschinen inzwischen zukommt, besteht daher nicht nur im Einfluss auf die Nachrichtenselektion durch das Publikum, sondern auch auf die Nachrichtenproduktion durch Journalisten.

Literatur:

Barzilai-Nahon, Karine: Toward a Theory of Network Gatekeeping. A Framework for Exploring Information Control. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology, 59 (9), 2008, S. 1493-1512. https://doi.org/10.1002/asi.20857.

Dominikowski, Thomas: Zur Geschichte der Websuchmaschinen in Deutschland. In: Lewandowski, Dirk (Hrsg.): Handbuch Internet-Suchmaschinen 3. Suchmaschinen zwischen Technik und Gesellschaft. Heidelberg [Akademische Verlagsgesellschaft AKA] 2013, S. 3-34.

Gennis, Martin; Hardy Gundlach: Wer sind die Gatekeeper der Konvergenzmedien? Kriterien und Bestimmung vorherrschender Meinungsmacht in konvergenten Medienumgebungen. In: Media Perspektiven, 10, 2014, S. 507-524.

Hölig, Sascha; Uwe Hasebrink: Reuters Institute Digital News Report 2018. Ergebnisse für Deutschland. Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 44. Hamburg [Hans-Bredow-Institut] 2018. https://hans-bredow-institut.de/uploads/media/Publikationen/cms/media/t611qnd_44RDNR18_Deutschland.pdf.

Kalogeropoulos, Antonis; Nic Newman: ‘I saw the news on Facebook’. Brand attribution when accessing news from distributed environments. In: Digital News Project. Oxford [Reuters Institute for the Study of Journalism] 2017. http://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/Brand%20attributions%20report.pdf.

Lewandowski, Dirk: Suchmaschinen verstehen. 2. Auflage. Berlin [Springer Vieweg] 2018.

Machill, Marcel; Markus Beiler: Suchmaschinen als Vertrauensgüter. Internet-Gatekeeper für die Informationsgesellschaft? In: Klummp, Dieter; Herbert Kubicek; Alexander Roßnagel; Wolfgang Schulz (Hrsg.): Informationelles Vertrauen für die Informationsgesellschaft. Berlin/Heidelberg [Springer] 2008, S. 159-172.

Machill, Marcel; Markus Beiler; Martin Zenker: Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin [Vistas] 2008.

Neuberger, Christoph: Competition or complementarity? Journalism, social network sites, and news search engines. In: Nienstedt, Heinz-Werner; Stephan Ruß-Mohl; Bartosz Wilczek (Hrsg.): Journalism and media convergence. Berlin [de Gruyter] 2013, S. 119-129.

Röhle, Theo. Der Google-Komplex. Über Macht im Zeitalter des Internets. Bielefeld [Transcript] 2010.

Springer, Nina; Jens Wolling: Recherchoogeln. Wie Zeitungsjournalisten das Internet für ihre Arbeit nutzen. In: Quandt, Thorsten; Wolfgang Schweiger (Hrsg.): Journalismus online – Partizipation oder Profession? Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2008, S. 45-59.

Van Couvering, Elizabeth: The history of the Internet search engine. Navigational media and the traffic commodity. In: Spink, Amanda; Michael Zimmer (Hrsg.): Web search. Multidisciplinary perspectives. Berlin/Heidelberg [Springer] 2008, S. 177-206.

Wegner, Jochen: Die Googleisierung der Medien. In: Lehmann, Kai; Michael Schetsche (Hrsg.): Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens. Bielefeld [Transcript] 2007, S. 235-240.

Suchmaschinenoptimierung (SEO)

Wortherkunft: Kompositum aus ‚Suchmaschine‘ und ‚Optimierung‘ (von lat. optimus = Bester, Hervorragendster). Die auch im Deutschen gebräuchliche Abkürzung SEO bezieht sich auf den englischen Begriff ‚search engine optimization‘.

Definition:
Suchmaschinenoptimierung (SEO) bezeichnet alle Techniken und Maßnahmen, mit denen die Platzierung von Webseiten in Ergebnislisten von → Suchmaschinen verbessert werden soll (d.h., dass die optimierten Webseiten weiter oben im Ranking aufgeführt werden). Dies umfasst meist drei Bereiche: a) technische Maßnahmen, um Webseiten und deren Inhalte für Suchmaschinen besser auffindbar, zugänglich und lesbar zu machen (z. B. durch das Bereitstellen von Meta-Informationen im HTML-Code); b) inhaltliche Maßnahmen, um die Inhalte der optimierten Webseite für Suchmaschinen bzw. Suchanfragen relevanter zu gestalten (z. B. Verwendung von relevanten Schlagwörtern in → Überschriften und anderen prominenten Stellen); c) Maßnahmen zur Erhöhung der Popularität von Webseiten (z. B. durch die Erhöhung externer Verlinkungen; vgl. Erlhofer 2016; Lewandowski 2018).

Geschichte und gegenwärtiger Zustand:
Frühe Suchmaschinen-Algorithmen waren vergleichsweise einfach strukturiert und bewerteten Webseiten etwa danach, wie häufig der Suchbegriff auf der Webseite vorkommt oder nach der Anzahl der eingehenden → Links von anderen Webseiten. Entsprechend einfach und gezielt konnten Webseiten für Suchanfragen optimiert werden. Heutige Suchalgorithmen sind deutlich komplexer und undurchsichtiger aufgebaut – beim Marktführer Google fließen mehr als 200 Faktoren in die Bestimmung der Ergebnisreihenfolge ein (Erlhofer 2016) –, sodass sich die Suchmaschinenoptimierung zu einem eigenen Berufszweig entwickelt hat. Im Allgemeinen erhalten Webseiten schätzungsweise zwischen 30 und 40 Prozent ihrer Aufrufe durch Suchmaschinen vermittelt (Lewandowski 2018) – dies unterstreicht die enorme Bedeutung, die eine gute Platzierung in den Ergebnislisten von Suchmaschinen für den Erfolg einer Webseite hat.

Auch journalistische Online-Angebote erhalten große Teile ihrer Leserschaft über Suchmaschinen (siehe hierzu den Artikel zu → Suchmaschinen). Entsprechend relevant ist Suchmaschinenoptimierung für den Journalismus geworden. Um das Jahr 2008 begannen Medienhäuser daher, eigene SEO-Stellen zu schaffen oder externe Dienstleister mit der Suchmaschinenoptimierung der eigenen Angebote zu beauftragen, die Mitarbeiter im Umgang mit SEO zu schulen sowie Möglichkeiten für SEO in die Redaktionssysteme einzupflegen (vgl. Giomelakis/Vegis 2016). In vielen Fällen hat eine konsequente SEO-Strategie zu einer Erhöhung der Reichweite geführt (vgl. Usher 2010a).

Zugleich wird Suchmaschinenoptimierung im Journalismus von der → Öffentlichkeit – und auch von Journalisten selbst – kritisch beäugt (vgl. z. B. Dick 2011; Plöchinger 2013; Usher 2010b). Befürchtet wird ein Qualitätsverlust, wenn Themen weniger nach Kriterien journalistischer → Relevanz und mehr nach ihrem Klickpotenzial ausgewählt sowie Texte primär für Suchmaschinen – und nicht für menschliche Leser – geschrieben werden.

Forschungsstand:
Der Einsatz von Techniken zur Suchmaschinenoptimierung im Journalismus sowie deren Auswirkungen auf den Arbeitsalltag von Journalisten wurden bisher in nur wenigen Fallstudien untersucht. In einer qualitativen Studie britischer Nachrichtenwebseiten kommt Murray Dick 2011 zu dem Schluss, dass Suchmaschinenoptimierung im Journalismus noch in den Kinderschuhen stecke. In nur einem betrachteten Fall wurden redaktionelle Entscheidungen direkt durch SEO-Überlegungen beeinflusst (vgl. Dick 2011).

Insbesondere bei web-affinen Nachrichtenwebseiten sprechen die ersten empirischen Befunde jedoch für einen kritisch zu betrachtenden Einfluss von Suchmaschinenoptimierung. So äußert sich ein Journalist der US-amerikanischen Huffington Post: „Almost all of our posts are written, or should be written with SEO in mind” (Usher 2010b). Auch eine Reporterin der Washington Post berichtet von der Vorgabe, ‚SEO-taugliche‘ Begriffe in den Überschriften und → Leads der Texte zu platzieren. Andere befragte Journalisten wiesen einen großen Einfluss von Suchmaschinenoptimierung auf ihre Arbeit allerdings von sich.

In einer quantitativen Untersuchung von 30 griechischen Nachrichtenwebseiten finden Dimitrios Giomelakis und Andreas Veglis (2016) schließlich einen Zusammenhang zwischen den Besucherzahlen und den SEO-Aktivitäten der betrachteten Webseiten: Je mehr SEO-Maßnahmen diese einsetzten, desto höher war auch die Besucherzahl. Insgesamt fanden sich SEO-Maßnahmen in zumindest gewissem Umfang bei allen betrachteten Nachrichtenwebseiten. Das Studiendesign konzentrierte sich jedoch auf technische SEO-Maßnahmen, sodass kaum Rückschlüsse auf inhaltliche Einflüsse der Suchmaschinenoptimierung gezogen werden konnten. Systematische und komparative Untersuchungen dieses Einflusses stehen demnach noch aus.

Literatur:

Dick, Murray: Search Engine Optimisation in UK News Production. In: Journalism Practice 5 (4), 2011, S. 462-477. https://doi.org/10.1080/17512786.2010.551020.

Erlhofer, Sebastian: Suchmaschinen-Optimierung. Das umfassende Handbuch. 8. Auflage. Bonn [Rheinwerk] 2016.

Giomelakis, Dimitrios; Andreas Veglis: Investigating Search Engine Optimization Factors in Media Websites. The Case of Greece. In: Digital Journalism 4 (3), 2016, S. 379-400. https://doi.org/10.1080/21670811.2015.1046992.

Lewandowski, Dirk: Suchmaschinen verstehen. 2. Auflage. Berlin [Springer Vieweg] 2018.

Plöchinger, Stefan: Innovation | Journalismus | INNOVATION. In: Kramp, Leif; Leonard Novy, Dennis Ballwieser; Karsten Wenzlaff: Journalismus in der digitalen Moderne. Einsichten – Ansichten – Aussichten. Wiesbaden [Springer VS] 2013, S. 161-172.

Usher, Nikki: What impact is SEO having on journalists? Reports from the field. In: Nieman Lab (blog), 2010a. http://www.niemanlab.org/2010/09/what-impact-is-seo-having-on-journalists-reports-from-the-field/.

Usher, Nikki: Why SEO and audience tracking won’t kill journalism as we know it. In: Nieman Lab (blog), 2010b. http://www.niemanlab.org/2010/09/why-seo-and-audience-tracking-won%e2%80%99t-kill-journalism-as-we-know-it-2/.