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Redaktionsorganisation

    Eine Einführung von Bernd Blöbaum

    Redaktionsorganisation steht für die Redaktion eines Medienunternehmens und bezeichnet den Aufbau und die Abläufe in einer Medienredaktion. Der Begriff verdeutlicht, dass die Produktion von Medieninhalten in einer Struktur nach spezifischen Regeln und Routinen abläuft. Die Redaktionsorganisation eines Mediums ist die Redaktion, die bei vielen Medien entlang bestimmter Themen- und Ereignisfelder (Ressorts wie Sport, Politik, Wissenschaft) oder Tätigkeiten (etwa Planungs-Redaktion, Recherche-Redaktion) in Subredaktionen ausdifferenziert ist. Personell setzt sich die Redaktion aus Redakteuren zusammen, die über ihre Mitgliedsrolle Teil der Redaktion sind.

    Die historische Entwicklung von Redaktionen ist gekennzeichnet durch Größenwachstum und Spezialisierung. Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Aufgaben von Satz, Druck, Sammeln und Bearbeiten von → Nachrichten sowie Anzeigenwesen kaum getrennt. Insbesondere ab Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich redaktionelle Einheiten in den Medienunternehmen, die sich von verlegerischen und technischen Tätigkeiten abgrenzten und auf die Sammlung, Verarbeitung und Präsentation von aktuellen und relevanten Nachrichten spezialisierten.

    Die Journalismusforschung analysiert, wie Redaktionen aufgebaut sind, wie die Arbeits-, Kommunikations- und Entscheidungsprozesse in ihnen ablaufen und nach welchen Regeln und mit welchen Routinen Redaktionen agieren. Die Pionierstudie zur Redaktionsforschung in Deutschland hat Manfred Rühl 1969 veröffentlicht: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System.

    Auf der Basis von Beobachtungen und Gesprächen in der Redaktion einer Regionalzeitung schildert der Wissenschaftler, wie redaktionelle Entscheidungen zustande kommen, wie die Redaktion mit anderen Abteilungen des Medienunternehmens und mit ihrer gesellschaftlichen Umwelt kommuniziert.

    Die Redaktionsforschung hat herausgearbeitet, dass Redaktionsorganisationen vertikal entlang einer Hierarchie (Chefredaktion, Redaktionsleiter, Redakteur, Volontär) und horizontal (Politik-, Sport-, Wirtschaftsredaktionen etc.) differenziert sind. Teilredaktionen arbeiten jeweils auf Grundlage von eigenen redaktionellen Entscheidungsprogrammen, die Redakteure in ihrer → Ausbildung und während ihrer beruflichen Sozialisation erlernen. Redaktionsmitglieder haben diese Programme anzuerkennen. Die Ausgestaltung der redaktionellen Programme ist abhängig von den spezifischen Umweltbereichen (thematisch wie Kultur und Sport oder aber räumlich gesehen wie Überregionales und Lokales) oder Tätigkeiten (wie Recherchieren, Gestalten, Koordinieren), auf die sich die Redaktionsmitglieder spezialisiert haben, sowie von den Redaktionszielen (z. B. Information, Unterhaltung, Aufdeckung). Die Koordination der Gesamtredaktion sowie der Teilredaktionen erfolgt über Redaktionskonferenzen, in denen die inhaltliche Planung und die Arbeitsprozesse abgesprochen werden.

    Ökonomische und technische Bedingungen haben die Redaktionsorganisation immer beeinflusst. Nach einer Phase des Ausbaus von Redaktionen seit den 1970er Jahren und der Entstehung von neuen redaktionellen Einheiten (z. B. Medien- und Wissenschaftsredaktionen) verlieren Redaktionen etwa seit dem Jahr 2000 eher festangestellte Redakteure. Mit Online-Redaktionen reagieren aktuelle Massenmedien auf die Prozesse der Digitalisierung. In modernen Redaktionen wird die aktuelle Medienproduktion in so genannten Newsrooms bzw. am Newsdesk gesteuert. Dort sind alle Teilredaktionen und Vertriebswege vertreten. Redaktionen haben sich – auch unter ökonomischem Druck – dahingehend verändert, dass sie immer mehr zur koordinierenden, planenden und entscheidenden Zentraleinheit geworden sind, die von (freien) Journalisten angelieferte Themen verarbeitet.

    Literatur:

    Altmeppen, Klaus-Dieter: Redaktionen als Koordinationszentren. Beobachtungen journalistischen Handelns. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1999

    Meier, Klaus: Ressort, Sparte, Team. Wahrnehmungsstrukturen und Redaktionsorganisationen im Zeitungsjournalismus. Konstanz [UVK] 2002

    Rühl, Manfred: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System. 2. Auflage. Freiburg im Üchtland [Universitätsverlag] 1979

Bernd Blöbaum
Bernd Blöbaum
*1957, ist seit 2001 Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medientheorie und Medienpraxis an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Arbeitsschwerpunkte: Journalismusforschung, Wissenschaftskommunikation, Medien und Vertrauen. Kontakt: bernd.bloebaum (at) uni-muenster.de Zum Thema Redaktionsorganisation hat Bernd Blöbaum einen → Einführungsbeitrag geschrieben.

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Chef vom Dienst (CvD)

Definition:
Der Chef vom Dienst (CvD) arbeitet in Medienorganisationen und hat eine koordinierende Funktion zwischen der Redaktion, der technischen Produktion sowie (insbesondere bei Printmedien) der Anzeigenabteilung. Häufig ist der CvD Mitglied der Chefredaktion (und fungiert deshalb bei deren Abwesenheit auch als Redaktionsleiter), trägt aber für den Inhalt des journalistischen Produkts presserechtlich nicht die Verantwortung wie der Chefredakteur und dessen Stellvertreter. In Zeitungsredaktionen ist die Position besetzt mit einem → Redakteur, der diese Funktion täglich und über einen längeren Zeitraum ausübt. In Rundfunkredaktionen kann es aufgrund des Schichtdienstes zu einem Wechsel kommen. In großen Regionalzeitungen mit zahlreichen Außenredaktionen und → Lokalausgaben kommuniziert der CvD häufig mit den Kollegen vor Ort, um zu entscheiden, was in der Gesamtausgabe, also im Mantelteil, erscheint. In Rundfunkorganisationen hat der CvD eine ähnliche Vermittlungsfunktion zum Beispiel zwischen den Landesrundfunkanstalten und Landesfunkhäusern sowie zwischen diesen und der aktuellen zentralen Nachrichtenredaktion (wie ARD aktuell). Außerdem können weitere organisatorische Aufgaben hinzukommen, darunter die Erstellung von Dienstplänen sowie die Einführung neuer Redaktionstechniken.

Geschichte:
Die Position des CvD ist zu datieren auf die Phase der Ausdifferenzierung publizistischer Organisationen in den Verlag, die Redaktion und die Technik, also etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts, sowie die Phase, in der die Verantwortung in redaktionelle, organisatorische und technische Tätigkeiten getrennt wurde, wodurch sich neue Berufsfelder ergaben. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich in den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen diese Rollendifferenzierung gefestigt, die später auch in den anderen Mediengattungen, vor allem bei Hörfunk und Fernsehen, eingeführt wurde.

Gegenwärtiger Zustand:
Obwohl sich die inneren Redaktionsstrukturen seit Jahren aufgrund des Einflusses einer beschleunigten Nachrichtenproduktion und der Digitalisierung verändern, existiert die Funktion des CvD noch immer. Der koordinierende Redakteur ist in der Regel als einer der ersten an seinem Arbeitsplatz, erfragt in der Anzeigenabteilung den redaktionellen Platz für die nächste Ausgabe und übermittelt dies an die Redaktion. Am Abend überwacht er die Produktion und entscheidet beispielsweise, wann der Druckprozess für das Nachschieben aktueller Nachrichten unterbrochen wird. Neben diese Position hat sich jedoch eine weitere koordinierende geschoben, die häufig als → ,Leitung Newsdesk‘ bezeichnet wird. Die Aufgabe dieses Redakteurs liegt im Wesentlichen darin, zwischen den Ressorts und vor allem zwischen der (analogen Zeitungs-)Redaktion und den Redakteuren der digitalen Angebote zu vermitteln bzw. zu besprechen, welche Themen in welcher Form zu welchem Zeitpunkt publiziert werden.

Forschungsstand:
Weder die deutsche Journalismus- noch konkret die Redaktionsforschung haben sich bis dato für die Funktion des CvD interessiert. Weder in den Werken der frühen Zeitungsforscher (wie Otto Groth) noch in den Publikationen der Redaktionsforscher (wie Manfred Rühl, Bernd Blöbaum oder Torsten Quandt) wird diese Berufsrolle beschrieben oder gar analysiert. Auch in der Praktikerliteratur (wie der „Einführung in den praktischen Journalismus“ von Walther von La Roche) oder in empirischen Studien (u.a. Siegfried Weischenberg oder die aktuelle Worlds of Journalism Study, Steindl u.a.) findet sich nichts über diese besondere Berufsrolle.

Literatur:

Blöbaum, Bernd: Journalismus als Funktionssystem der Gesellschaft. In: Löffelholz, Martin; Liane Rothenberger (Hrsg.): Handbuch Journalismustheorien. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016, S. 151-163.

Deutscher Journalisten-Verband (Hrsg.): Berufsbild Journalistin – Journalist. DJV Wissen: 4. Berlin [Deutscher Journalisten-Verband] 2015. http://www.djv.de/fileadmin/user_upload/Infos_PDFs/Flyer_Broschuren/wissen4_Berufsbild.pdf (09.05.2017).

La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. Hrsg. v. Gabriele Hooffacker und Klaus Meier. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013.

Quandt, Thorsten: Journalisten im Netz. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2005.

Rühl, Manfred: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System. Freiburg (Schweiz) [Universitätsverlag] 1979.

Steindl, Nina; Corinna Lauerer; Thomas Hanitzsch, Thomas: Journalismus in Deutschland. Aktuelle Befunde zu Kontinuität und Wandel im deutschen Journalismus. In: Publizistik, 4, 2017, S. 401-423.

Weischenberg, Siegfried; Maja Malik; Armin Scholl: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz [UVK] 2006.

Wilke, Jürgen; Emil Dovifat: Zeitungslehre I und II. Berlin/ New York [Walter de Gruyter] 1976.

Fotojournalismus

Wortherkunft: Der Begriff Fotojournalismus setzt sich aus den Wörtern „Foto“ (Abkürzung von Fotografie, aus dem Altgriechischen, frei übersetzt „Zeichnen mit Licht“) und „Journalismus“ zusammen.

Definition:
Der Fotojournalismus ist ein Handlungsfeld des Journalismus, „das sich mit der Herstellung, Distribution für und Publikation von Fotografien in journalistischen Medien befasst“ (Grittmann 2019: 130). Zuweilen werden auch die Begriffe Pressefotografie, Dokumentarfotografie, Bildjournalismus oder Editorial Photography verwendet. Im Vordergrund des Fotojournalismus stehen unbewegte (Einzel-)Bilder in Form von Fotografien, die als Medienbilder (Lobinger 2012) in journalistischen Publikationen kontextualisiert und in einem speziellen Bildermarkt gehandelt werden (vgl. Wilke 2008: 38 ff.). Als ein professionelles Arbeitsgebiet orientiert sich der Fotojournalismus „sowohl an fotografischen als auch journalistischen Normen und Funktionen“ und weist darüber hinaus „spezifische Produktionsstrukturen, Organisationen und Arbeitsweisen auf, die die Bilder, ihre Gestaltung und Ikonografie bestimmen“ (Grittmann 2019: 131). Der Fotojournalismus entfaltet sich innerhalb eines komplexen Prozesses journalistischer Bildkommunikation (vgl. Isermann 2014: 127 ff.).

Die beiden wichtigsten Berufsrollen sind der Fotojournalist, auch als Fotoreporter oder Pressefotograf bezeichnet, und der Bildredakteur. Sie unterscheiden sich in Bezug auf verschiedene Arbeitsrollen und arbeiten sowohl festangestellt als auch frei. Während der Fotoreporter für die Produktion zuständig ist, liegt Distribution, Redaktion und Publikation in den Händen des Bildredakteurs. Zu einem gewissen Grad ist heute eine Auflösung der Arbeitsrollen zu beobachten, etwa weil Fotoreporter bildredaktionelle Aufgaben übernehmen oder Textredakteure fotografieren. Innerhalb des Fotojournalismus lassen sich die beiden Felder der Nachrichtenfotografie und der Dokumentarfotografie ausdifferenzieren, die sich vor allem in Bezug auf die involvierten Akteure und Prozesse hinsichtlich der Produktion, der Distribution und der Publikation unterscheiden (vgl. Koltermann 2018: 14). Während die Nachrichtenfotografie tagesaktuell und an Ereignissen orientiert ist, fokussiert sich die Dokumentarfotografie eher auf Themen und nutzt vorrangig die Reportage als Darstellungsform. Als fotojournalistische Formate/Genres werden News Photograph (Nachrichtenbild), unterteilt in Spot News und General News, → Porträt, Feature, Illustration und die Reportage angesehen (vgl. Newton 2008: 3604), die ihre Umsetzung entweder in Form von Einzelbildern oder Serien finden.

Die zentrale gesellschaftliche Aufgabe des Fotojournalismus ist es, den Lesern und Rezipienten visuelle Informationen zur Verfügung zu stellen, um damit über die kritische Begleitung von Ereignissen und Themen zur Meinungsbildung beizutragen. Die zentrale Referenzgröße im Fotojournalismus ist die → Authentizität, die eng mit dem Prinzip der Augenzeugenschaft verbunden ist. Die → Authentizität gilt dabei nicht als eine dem fotografischen Bild inhärente Eigenschaft, sondern als ein professioneller Standard (vgl. Grittmann 2003: 125). Die rechtlichen Bedingungen des Fotojournalismus, vor allem in Bezug auf das Recht am eigenen Bild und die Bildverwertung, sind in Deutschland im Kunsturhebergesetz (KUG) zusammengefasst (vgl. Feldmann 2008: 137 ff.). Darüber hinaus ist der Pressekodex von Relevanz, insbesondere als Leitlinie für bildethische Debatten im Rahmen medialer Selbstkontrolle (vgl. Leifert 2007: 165 ff.). Formen kodifizierter Bildethik finden sich in Form von Codes of Conduct auch innerhalb von Institutionen wie den Nachrichtenagenturen oder den Verbänden. Die wichtigsten Interessenvertretungen für den Fotojournalismus in Deutschland sind der Fotografenverband FREELENS sowie die Journalistengewerkschaften DJV und DJU in ver.di.

Geschichte:
Die Wurzeln des Fotojournalismus liegen in Bezug auf die Fotografie in der Entwicklung fotografischer Negativ-Verfahren und, was den Journalismus betrifft, in der Entstehung einer illustrierten Massenpresse (vgl. Pensold 2015: 7 ff.). Förderlich waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts zudem die Entwicklung von Verfahren, um Fotografie zu drucken (Macias 1990: 21 ff.), die sich im Weiteren verfeinerten, sowie ab den 1920er Jahren die Entwicklung der modernen Kleinbildkamera (vgl. Gidal 1972: 14). Die ideellen Werte liegen hingegen in einer humanistischen Tradition – also einer weltanschaulichen Orientierung an der Menschenwürde und einer thematischen Fokussierung auf sozial Benachteiligte und gesellschaftliche Randgruppen – was vor allem im 20. Jahrhundert die Ausbildung der Dokumentarfotografie entscheidend mitprägte. Zu einer ersten großen Blütezeit des Fotojournalismus kam es in den Zwischenkriegsjahren, zum einen aufgrund der Entstehung bildorientierter Massenblätter wie der „Berliner Illustrirte Zeitung“, zum anderen aufgrund neuer, auf die Fotografie fokussierter, Medienunternehmen wie Dephot oder Ullstein (vgl. Bauernschmitt/Ebert 2015: 43 ff.). Vor allem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Medienkrise der 1970er Jahre gilt als das „goldene Zeitalter des Fotojournalismus“ (vgl. ebd.: 72). Die Expansion von Nachrichtenagenturen wie Associated Press trug zudem zur Entstehung einer globalen visuellen → Öffentlichkeit bei (vgl. Vowinckel 2016: 31). Parallel dazu entstanden Fotografenagenturen wie Magnum, die ausschließlich von Fotojournalisten kontrolliert wurden und eine fotojournalistische Autorenschaft propagierten. Zu einer radikalen Umorientierung im Fotojournalismus, insbesondere hinsichtlich der Arbeitsroutinen und -praktiken, kam es spätestens zum Ende des 20. Jahrhunderts mit dem flächendeckenden Umstieg von analoger auf digitale Fotografie.

Gegenwärtiger Zustand:
Die stetige Bedeutungszunahme fotografischer Bilder im Journalismus in den letzten Jahrzehnten hat erstaunlicherweise nicht zu einer Stärkung des Fotojournalismus geführt. So gibt es – im Unterschied zu den Bilderdiensten der Nachrichtenagenturen und den Bildnachrichtenagenturen – bei Zeitungen und Nachrichtenmagazinen immer weniger festangestellte Fotojournalisten. Darüber hinaus ist der Bildermarkt starken Konzentrations- und Rationalisierungsprozessen ausgesetzt, in den zusätzlich Amateure und semi-professionelle Fotografen als Akteure hinzugestoßen sind und Phänomene wie die Stockfotografie immer wichtiger werden. Für die zunehmend freischaffend arbeitenden Fotojournalisten ist das Corporate Publishing zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle geworden. Des Weiteren wird nach neuen Vermarktungswegen und -strategien gesucht, für die Ausstellungen, Fotobücher und Crowdfunding die zentralen Stichworte darstellen. Die Arbeitsroutinen in der digitalen Bildpraxis entwickeln sich dahingehend weiter, dass von Fotojournalisten immer öfter auch die Produktion von Tonaufnahmen und Bewegtbild gefordert wird. So geht die Entwicklung zunehmend in Richtung von Video-Journalismus und Multimedia-Storytelling. Auch das Smartphone als Arbeitsgerät wird immer wichtiger. Dies nutzen natürlich auch Amateure, deren Bilder vor allem bei → Breaking News in direkter Konkurrenz zu den Fotografien professioneller Fotojournalisten stehen.

Forschungsstand:
Eine eigenständige Fotojournalismusforschung ist trotz der Bedeutung von Bildern im Journalismus bis heute nicht auszumachen, auch wenn diese immer wieder eingefordert wird (Koltermann 2020). Teilbereiche des Fotojournalismus werden jedoch von unterschiedlichen Disziplinen wie der Visuellen Kommunikationsforschung, den Visual Culture Studies, der Visual History sowie der Kunst- und Bildwissenschaft beforscht. Grundsätzlich ist dabei eine Präferenz für das fotografische Bild gegenüber der Beschäftigung mit Akteuren und Strukturen des Fotojournalismus zu beobachten. Anknüpfungspunkte an andere Forschungsfelder der Kommunikationswissenschaft bieten etwa die Untersuchung zu Fotonachrichtenfaktoren (Rössler/Kersten et al. 2011). Ein zentraler Forschungsgegenstand der letzten Jahre war die Rolle von Amateurfotografien (Andén-Papadopoulos 2011; Isermann 2015). Verschiedene, eher medienethnographisch ausgerichtete Arbeiten nahmen darüber hinaus die Produktionsbedingungen bei den Nachrichtenagenturen in den Blick (Gürsel 2016; lan 2019). Neuere Forschungen beschäftigen sich mit dem Fotojournalismus aus einer multimodalen Perspektive (Pfurtscheller 2017), → Stockfotografie (Runge 2018) sowie journalistischen Bildern auf verschiedenen Ausspielkanälen, insbesondere den Social-Media-Plattformen (Kanter/Koltermann 2020).

Literatur:

Andén-Papadopoulos, Kari; Mervi Pantti: Amateur images and global news. Bristol/Chicago [intellect] 2011.

Bauernschmitt, Lars; Michael Ebert: Handbuch des Fotojournalismus. Heidelberg [dpunkt] 2015.

Feldmann, Dirk: Rechtliche Bedingungen im Fotojournalismus. In:  Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammann (Hrsg.): Global, lokal, digital: Fotojournalismus heute. Köln [von Halem] 2008, S. 137-164.

Gidal, Tim: Deutschland. Beginn des modernen Photojournalismus. Bucher [Luzern] 1972.

Grittmann, Elke: Die Konstruktion von Authentizität. Was ist echt an den Pressefotos im Informationsjournalismus? In: Knieper, Thomas; Marion G. Müller (Hrsg.): Authentizität und Inszenierung von Bilderwelten. Köln [von Halem] 2003, S. 123-149.

Grittman, Elke: Fotojournalismus und journalistische Bildkommunikation in der digitalen Ära. In: Lobinger, Katharina (Hrsg.): Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung, Wiesbaden [Springer VS] 2019, S. 125-143.

Gürsel, Zeynep Devrim: Image Brokers: Visualizing World News in the Age of Digital Circulation. Oakland [University of California Press] 2016.

Ilan, Jonathan: The international photojournalism industry. New York [Routledge] 2019.

Isermann, Holger: Digitale Augenzeugen: Entgrenzung, Funktionswandel und Glaubwürdigkeit im Bildjournalismus. Wiesbaden [Springer VS] 2014.

Kanter, Heike; Felix Koltermann: Astro-Alex auf dem Weg zur ISS: Kontextwandel bildjournalistischer Kommunikation im digitalen Journalismus. In: Brantner, Cornelia; Katharina Lobinger; Maria Schreiber: Vernetzte Bilder. Visuelle Kommunikation in Sozialen Medien. Köln [von Halem] 2020 (In Vorbereitung).

Koltermann, Felix: Fotoreporter im Konflikt: Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina. Bielefeld [transcript] 2017.

Koltermann, Felix: Auf dem Weg zu einer Fotojournalistik – Plädoyer für eine angewandte Fotojournalismusforschung. In: Journalistik 3, 2019.

Leifert, Stefan: Bildethik: Theorie und Moral im Bildjournalismus der Massenmedien. München [Fink] 2007.

Lobinger, Katharina: Visuelle Kommunikationsforschung: Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden [VS Verlag] 2012.

Macias, José: Die Entwicklung des Bildjournalismus. München [Saur] 1990.

Newton, Julianne H.: Photojournalism. In: Donsbach, Wolfgang (Hrsg.): The International Encyclopedia of Communication Band 8, Malden [Blackwell Publishing] 2008, S. 3604 – 3609.

Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus: Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Pfurtscheller, Daniel: Visuelle Zeitschriftengestaltung Nachrichtenmagazine als multimodale Kommunikationsformen. Insbruck [Insbruck University Press] 2017.

Runge, Evelyn: Bilddatenbanken, Social Media und Artificial Intelligence. In: POP. Kultur und Kritik, Jg. 12 (2018), S. 108-113.

Rössler, Patrick; Jan Kersten, et al.: Fotonachrichtenfaktoren als Instrument zur Untersuchung journalistischer Selektionsentscheidungen. In:  Jandura, Olaf; Thorsten Quandt, Jens Vogelsang (Hrsg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden [VS Verlag] 2011, S. 205-221.

Stiftung Deutsches Historisches Museum/ullstein bild: Die Erfindung der Pressefotografie, Berlin [Hatje Cantz] 2017.

Wilke, Jürgen: Der Bildermarkt in Deutschland – Akteure, Vermarktungswege, Handelsgebräuche, Markttendenzen. In: Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammann (Hrsg.): Global, lokal, digital: Fotojournalismus heute. Köln [von Halem] 2008, S. 36-50.

Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.

Herausgeber

Wortherkunft: Das Synonym ‚Editor‘ basiert auf lat. editor = Herausgeber; edere = herausgeben.

Definition:
Der Begriff ist bis heute nicht eindeutig definiert, weder im publizistischen noch im rechtlichen Verständnis. Herausgeber kann eine einzelne Person oder eine Personengruppe sein, die Druckwerke anderer zur Veröffentlichung vorbereitet, publiziert und verbreitet. Im Pressewesen ist der Herausgeber Bindeglied zwischen dem Verleger (der die finanziellen Mittel und die Infrastruktur zur Verfügung stellt) und der Redaktion (in der Themen und Informationen gesammelt und aufbereitet werden). Verleger und Herausgeber bestimmen in einem Zeitungs- oder Zeitschriftenverlag die sogenannte publizistische Leitlinie; Herausgeber und Chefredakteur sind in der Redaktionsorganisation im arbeitsrechtlichen Sinne weisungsbefugt. Die Bezeichnung → Verlag als Herausgeber findet sich in der Pressestatistik, die Walter J. Schütz (2005) wesentlich geprägt hat: Ein Verlag als Unternehmen kann eine oder mehrere Zeitungen herausgeben. Ein Synonym ist der Begriff „Verleger-Herausgeber“ (Körner 2002: 83).

Geschichte:
Die Figur des Herausgebers existiert spätestens seit der (industriellen) Herstellung von Druckwerken, sowohl im Buch-/ Verlagswesen als auch bei Zeitschriften- und Zeitungsverlagen. Allerdings wird der Begriff weder im Alltag der Presseproduktion noch in der Zeitungswissenschaft eindeutig bestimmt und von anderen abgegrenzt. Im Gegenteil: Die Funktion eines Herausgebers wird häufig in das Berufsbild des Verlegers integriert. Im deutschen Sprachraum sind prominente Beispiele für Herausgeber zu finden, die auch gleichzeitig als Autoren Beiträge verfassten: Karl Kraus  war von 1899 bis 1936 Herausgeber und einer der wenigen Autoren der Wiener Wochenschrift Die Fackel, Carl von Ossietzky gab von 1926 bis 1933 Die Schaubühne bzw. Die Weltbühne heraus, der Gründer des Magazins Der Spiegel, Rudolf Augstein, war gleichzeitig Herausgeber und Journalist (1947 bis 2002; Schröder 2004; Nelles 2016).

Gegenwärtiger Zustand:
In der Verlagslandschaft können drei Typen von Herausgebern unterschieden werden (Körner 2002): Typ 1 ist der nominelle Herausgeber: dies sind in der Regel bekannte oder angesehene Persönlichkeiten, die nur mit ihrem Namen als Herausgeber fungieren (ebd.: 76). Bisweilen wird dieser Kreis als Herausgeberbeirat bezeichnet. Herausgebertyp 2 lässt ein Presseerzeugnis unter seinem Namen erstmals erscheinen; Typ 3 ist „Inhaber der geistigen Oberleitung“, bestimmt das redaktionelle Gesamtkonzept und organisiert die inhaltliche Zusammenstellung der Beiträge (Körner 2002: 77-83). Die beiden letztgenannten kommen eher in Buchverlagen vor, Typ 1 ist vor allem bei überregionalen Qualitätszeitungen zu finden.

Forschungsstand:
Die Publizistik-, Kommunikations- und Medienwissenschaft und im Besonderen die Journalismusforschung haben sich bis dato nicht mit der Rolle des Herausgebers beschäftigt. In den historischen und aktuellen Analysen der Pressemedien werden Verleger, Drucker und → Journalisten identifiziert und differenziert. Die Herausgabe von regelmäßig erscheinenden Zeitungen wird als das wirtschaftliche Interesse eines Verlegers als Unternehmer verstanden (Blöbaum 1994: 164-167) und nicht als eigene Funktion im Sinne der geistigen und publizistischen Leitung. Einzig eine Dissertation aus den Rechtswissenschaften (Körner 2002) begibt sich auf die Spurensuche im Urheber- und Verlagsrecht sowie in den Landespressegesetzen. Der Gesetzgeber unterscheidet zwar grundsätzlich rechtlich zwischen den Funktionen des → Redakteurs, des Verfassers und des Herausgebers (Körner 2002: 33), definiert diese aber nicht. Die Nennung eines Herausgebers im Impressum ist nur dann zwingend, „wenn neben dem Herausgeber weder ein (lebender) Verfasser noch ein Verleger beteiligt ist“ (Körner 2002: 33).

Literatur:

Bayerisches Pressegesetz (BayPrG). http://www.presserecht.de/index.php?option=com_content&task=view&id=14 (16.11.2018)

Blöbaum, Bernd: Journalismus als soziales System. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994.

Die Zeit: Impressum. https://www.zeit.de/impressum/impressum-print (19.11.2018)

Körner, Julia: Der Herausgeber von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Begriffsbestimmung und Rechtsstellung. Frankfurt/M. u.a. [Peter Lang] 2002.

Nelles, Irma: Der Herausgeber. Berlin [Aufbau] 2016.

Schröder, Dieter: Augstein. München [Siedler] 2004.

Schütz, Walter J.: Deutsche Tagespresse 2004. Zeitungsmarkt trotz Krise insgesamt stabil. In: Media Perspektiven, 5, 2005, S. 205-232.

Journalist

Wortherkunft: Der Stamm des Wortes Journalist stammt aus dem Französischen: le jour = der Tag; le journal = Zeitung/Zeitschrift; le journaliste = der Journalist; le journalisme = das Zeitungswesen. Ebenfalls aus dem Französischen ins Deutsche übertragen: Journaille = die verantwortungslose, verleumderische Presse.

Definition:
Entgegen seiner Wortherkunft ist der Begriff Journalist heute nicht mehr an das Printmedium Zeitung oder Zeitschrift gebunden, sondern bezeichnet generell einen für Medien tätigen Autor oder eine Autorin. Aufgrund der historischen Erfahrungen in Deutschland ist mit dem Artikel 5 des Grundgesetzes der freie Berufszugang in den Journalismus garantiert. Deshalb ist auch diese Berufsbezeichnung ungeschützt, d.h. nicht gebunden an eine fixierte und staatlich kontrollierte bzw. kontrollierbare Ausbildung. Die Journalistik bzw. einzelne Wissenschaftler haben sich bemüht, eine weniger pragmatische oder gar praktizistische Erklärung zu prägen: Journalisten sammeln, bearbeiten und publizieren aktuelle und relevante Themen (meist organisiert in redaktionellen Strukturen und auf der Basis spezifischer Handlungsprogramme, vgl. Blöbaum 2016: 156-158), die sie über Medien der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Weitere Bezeichnungen wie Redakteur, Publizist, Korrespondent, Moderator, Kommunikator, Produzent, Medienmacher und zahlreiche Verknüpfungen mit Medien- oder Ressortzugehörigkeiten zeigen die Vielfalt des Berufsfeldes, das nicht mit einer Standarddefinition erfassbar ist. Dennoch gibt es ein weitgehend übereinstimmendes Berufsbild, das der Deutsche Journalisten-Verband formuliert hat: „Journalist ist, wer […] hauptberuflich an der Erarbeitung bzw. Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Medien mittels Wort, Bild, Ton oder Kombinationen dieser Darstellungsmittel beteiligt ist“ (DJV 2015: 3). Mit der Gründung des Deutschen Fachjournalistenverbandes (DFJV) 1997, der ausdrücklich auch nebenberufliche freie Journalisten akzeptiert, wurde das bis dato selbstverständliche Kriterium der Hauptberuflichkeit infrage gestellt.

Geschichte:
Eine strukturierte Chronologie der Entstehung des Berufes Journalist hat erstmals Dieter Paul Baumert 1928 vorgelegt. Er unterscheidet vier Phasen:

  • die → präjournalistische Phase bis Ende des 15. Jahrhunderts, die durch Briefzeitungen geprägt war, die vor allem von Kaufleuten, Sängern oder Spielleuten mit Beiträgen bestückt wurden;
  • den → korrespondierenden Journalismus bis Mitte des 18. Jahrhunderts, in der es nun regelmäßig erscheinende (Wochen-)Zeitungen gab und zu den Inhalten meist Ereignisse und Entscheidungen der Politik gehörten, die allerdings Staatsbedienstete verfassten;
  • die Phase des → schriftstellerischen Journalismus bis Mitte des 19. Jahrhunderts, die geprägt war durch gelehrte Zeitschriftenliteratur und belletristische Journalliteratur mit vorwiegend religiösen und philosophischen, später auch politischen Themen;
  • den → redaktionellen Journalismus ab Mitte des 19. Jahrhunderts, der eine Industrialisierung der Medientätigkeit aufwies, wozu neben hauptberuflichen Redakteuren nun auch Drucker und Verleger gehörten. Aus dieser Phase entwickelte sich der Journalismus zum Beruf.

Dieser ist an wesentliche Professionskriterien gebunden, die jedoch bis heute im Hinblick auf ihre Gültigkeit für den Journalismus diskutiert werden:

  • die Definition als Hauptberuf durch eine klare Funktionsabgrenzung;
  • eine fundierte Ausbildung und damit ein relativ geregelter Zugang zum Beruf;
  • die Bildung von Berufsverbänden;
  • die präzise Definition des Tätigkeitsfeldes;
  • den gesetzlichen Schutz der Berufsbezeichnung;
  • der Entwicklung einer Berufsethik.

Gegenwärtiger Zustand:
Das journalistische Berufsfeld wird seit Jahren immer breiter und damit heterogener. Heute wird diese Entwicklung über Begriffe wie Social-Media-Redakteur, PR-Journalist oder Blogger deutlich. Damit verschwindet weiter die belastbare und einheitliche Vorstellung vom Berufsbild. Dieser Wandel basiert nicht nur auf technischen, sondern auch auf politisch-rechtlichen, ökonomischen und sozialen Veränderungsprozessen. Stichworte wie Digitalisierung und mobile Mediennutzung, die Abhängigkeit von Quoten einerseits und der sich ins Internet verlagernde Werbemarkt andererseits machen die ökonomischen Zusammenhänge zwischen Journalismus, Medien, Märkten und Publikum deutlich sichtbar.

Gesellschaftlicher Wandel führt zu einer weiteren Ausdifferenzierung des Mediensystems: Die Differenzierung beruflicher Felder und der Freizeitinteressen lässt den Markt der Fach- und Special-Interest-Zeitschriften wachsen, was wiederum neue publizistische und insbesondere journalistische Fachrichtungen ausprägt. Dieser Aspekt ist auch in der Forschung aktuell in der Diskussion, denn während die Abgrenzung der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Medium (wie Fernsehen, Radio oder Internet) durch crossmediales Arbeiten seit Längerem aufweicht, öffnen sich inzwischen auch die Ressortgrenzen. Früher wurde von Journalisten erwartet, dass sie sich als ,Allrounder‘ in diverse Themen einarbeiten können; heute steigt die Nachfrage nach Experten, die Kompetenzen in einem Fachgebiet oder einem Themenkreis haben.

Dies spiegelt sich auch in der hochschulgebundenen Ausbildung wider: Während bis um die Jahrtausendwende (neben Publizistik und Medienwissenschaften) für diese Zwecke vor allem wenige Studiengänge der Journalistik mit einem breit aufgestellten Curriculum existierten, entwickelten sich in den vergangenen Jahren Substudiengänge, sowohl im Bachelor- als auch Masterbereich, die interdisziplinär aufgebaut sind, um Fachjournalisten auszubilden: Dazu gehören u.a. Wissenschaftsjournalismus, Musikjournalismus und Wirtschaftspolitischer Journalismus (etwa an der TU Dortmund), Technikjournalismus (TH Nürnberg und Hochschule Bonn-Rhein-Sieg), Politikjournalismus (Hochschule Macromedia) sowie Sportjournalismus (z.B. an der Deutschen Sporthochschule Köln).

Trotzdem bleiben die Kernmerkmale des Journalismus weiter identifizierbar. Dazu gehören → Aktualität, Kritik und Kontrolle, → Relevanz, → Richtigkeit, → Unabhängigkeit und → Verständlichkeit.

Forschungsstand:
Um die deutschen Journalisten zu beschreiben, greift die Forschung noch immer auf wenige Studien zurück, die in den 1990er- und 2000er-Jahren durchgeführt worden sind: Die Teams um den Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg haben zu Beginn der 1990er-Jahre erstmalig in großem Umfang das journalistische Berufsfeld empirisch untersucht. Ihre Daten beschreiben und analysieren Merkmale und Einstellungen von Journalisten in Deutschland; 2006 ist die Folgestudie erschienen. Ergänzt werden sie mit Daten aus weiteren Studien (bspw. von Arlt/Storz 2016, Donsbach u.a. 2009, Meyen/Springer 2009 und weiterer Organisationen und Institute, siehe Statista 2016).

Aktuell wartet die Fachwelt auf die Auswertung der internationalen Worlds of Journalism Study. In der vergleichenden Untersuchung sind zwischen 2012 und 2016 in 67 Ländern rund 27.500 Journalisten befragt worden. Die ersten Ergebnisse für Deutschland zeigen (Hanitzsch u.a. 2016): Der Durchschnittsjournalist ist männlich, Mitte 40, gut (akademisch) ausgebildet und seit 19,5 Jahren hauptberuflich tätig (ebd.: 1). Diese Grunddaten – auch zu Selbstverständnis und den wesentlichen Tätigkeiten – haben sich offensichtlich nicht grundlegend verändert. Noch geben erst etwa 25 Prozent der interviewten 775 deutschen Journalisten an, als Multimedia-Redakteure zu publizieren (ebd.). Die Entwicklungen im Journalismus werden sich wohl erst in weiteren zehn Jahren deutlicher widerspiegeln.

Literatur:

Arlt, Hans-Jürgen; Wolfgang Storz: Journalismus oder Animateur – ein Beruf im Umbruch. OBS-Arbeitspapier Nr. 22. Frankfurt/M. [Otto-Brenner-Stiftung] 2016. https://www.otto-brenner-shop.de/uploads/tx_mplightshop/AP22_ArltStorz.pdf (09.05.2017).

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013 [1928].

Blöbaum, Bernd: Journalismus als Funktionssystem der Gesellschaft. In: Löffelholz, Martin; Liane Rothenberger (Hrsg.): Handbuch Journalismustheorien. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016, S. 151-163.

Deutscher Journalisten-Verband (Hrsg.): Berufsbild Journalistin – Journalist. DJV Wissen: 4. Berlin [Deutscher Journalisten-Verband] 2015. http://www.djv.de/fileadmin/user_upload/Infos_PDFs/Flyer_Broschuren/wissen4_Berufsbild.pdf (09.05.2017).

Donsbach, Wolfgang; Mathias Rentsch; Anna-Maria Schielicke; Sandra Degen: Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden. Konstanz [UVK] 2009.

Hanitzsch, Thomas; Nina Steindl; Corinna Lauerer: Country Report. Journalists in Germany. München [Ludwig-Maximilians-Universität] 2016. https://epub.ub.uni-muenchen.de/28095/1/Country%20report%20Germany.pdf (09.05.2017).

Meyen, Michael; Nina Springer: Freie Journalisten in Deutschland. Ein Report. Konstanz [UVK] 2009.

Statista: Journalismus. Dossier. Hamburg, 2016. https://de.statista.com/statistik/studie/id/7237/dokument/journalismus-statista-dossier/ (09.05.2017).

Weischenberg, Siegfried; Maja Malik; Armin Scholl: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz [UVK] 2006.

Korrespondent

Wortherkunft: Ursprung aus dem Lateinischen ,correspondere‘ = antworten, entsprechen, reagieren; der deutsche Begriff Korrespondent stammt vom französischen ,correspondre‘ = in Kontakt stehen bzw. mit den Präpositionen ,avec/par‘ = mit jemanden im Briefwechsel stehen/per Mail oder Fax korrespondieren.

Definition:
Ein Korrespondent ist ein festangestellter oder freier Journalist, der nicht in einer Zentral- oder Lokalredaktion sitzt, sondern aus dem In- oder Ausland berichtet. Die Korrespondenten arbeiten vor allem für die Politikredaktion, aber auch für andere → Ressorts wie Wirtschaft, Kultur, Sport und Vermischtes. Sie sind sowohl bei Tageszeitungen und nicht-tagesaktuellen Printmedien zu finden als auch bei Hörfunk- und Fernsehsendern.

Generell gilt: Je größer das Verbreitungsgebiet und die Reichweite sowie der finanzielle Spielraum des Anbieters sind, desto größer ist die Zahl der eigenen Korrespondenten und desto exklusiver wiederum die Berichterstattung. Medien mit überregionaler Bedeutung (z. B. Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung sowie ARD, ZDF und die großen Privatsender) verfügen über jeweils eigene Berichterstatter in Berlin und anderen deutschen Großstädten, aber auch im Ausland – insbesondere in den Metropolen europäischer Länder sowie in den USA und im asiatischen Raum. Regionalzeitungen hingegen greifen neben den Agenturberichten auf so genannte Pool-Journalisten zurück, für die sie sich die Kosten teilen. Bei bestimmten Ereignissen werden auch Redakteure als Reise-Korrespondenten eingesetzt (vor allem bei Reisen bedeutender Politiker, in Krisen- und Kriegsgebiete oder zu großen → Sportereignissen).

Geschichte:
Korrespondenten sind prägend für die Entstehung des Journalismus und der Massenpresse. Dieter Paul Baumert bezeichnet die Zeit vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts als „Periode des → korrespondierenden Journalismus“ – gleichwohl er die Frage, „inwieweit das Zeitungsgewerbe einen eigenen Nachrichtenbeschaffungsdienst organisiert und von sich aus die berufsmäßige Zeitungskorrespondenz entwickelt hat“ (Baumert 2013: 86), für unbeantwortet hielt. Bis heute ist dieser Aspekt nur unzureichend aufgearbeitet.

Maßgeblich für die Entstehung des korrespondierenden Journalismus waren die politischen, rechtlichen, ökonomischen und sozialen Veränderungen, die sich unter anderem in der Entwicklung der Städte und des Warenhandels zeigten. Herrschende und Kaufleute tauschten Nachrichten aus und professionalisierten ihre Informationswege.

Manfred Rühl beschreibt dies am Beispiel Nürnbergs: „Der Rat der Stadt Nürnberg institutionalisiert an wichtigen Orten korrespondierende Vertrauensleute (Agenten, Faktoren), während Nürnberger Kaufleute, Patrizier und Ratsschreiber solche Korrespondenten für auswärtige Mächte waren – im eigenen und im Interesse der Stadt“ (Rühl 1999: 56). Dieser Nachrichtenaustausch wurde „zur wirtschaftspolitischen Leistung und Gegenleistung […], ohne dass unmittelbar Geld im Spiel“ war (ebd.: 57).

Neben den Korrespondenten lieferten ,Botenmeister‘ wichtige Nachrichten, „die Drucker mittels der sogenannten »Neuen Zeitungen« für die Allgemeinheit“ (Baumert 2013: 87) in der chronologischen Reihenfolge ihres Eintreffens einem bestimmten Kundenkreis zur Verfügung gestellt haben.

Gegenwärtiger Zustand:
Korrespondenten sind bis heute wesentliche Akteure im publizistischen Produktionsprozess, trotz oder gerade im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung. Sie sammeln und selektieren Informationen, produzieren täglich aktuelle Themen (inzwischen sieben Tage die Woche), von denen sowohl die Redakteure in den Zentralredaktionen als auch die Rezipienten sonst nicht ohne weiteres Kenntnis hätten und die deren Sekundärerfahrung prägen.

Während Korrespondenten der Agenturen die Nachrichten liefern, sind festangestellte und freie Korrespondenten (Kukral 2016) des jeweils auftraggebenden Mediums überwiegend mit ergänzender und vertiefender Hintergrundberichterstattung betraut, die sie vornehmlich in → Features und → Reportagen umsetzen. Diese Journalisten müssen über politische, ökonomische und kulturelle sowie Sprachenkenntnisse verfügen, damit sie sich vor Ort entsprechende Quellen (nicht nur Politiker und Medien, sondern unter Umständen andere Akteursgruppen wie Bürgerinitiativen) erschließen können.

Die Besetzung der Korrespondentenplätze entscheidet sich strukturell aufgrund der politischen und ökonomischen Bedeutung einer Region: Während das Berichterstatternetz in Deutschland und Europa engmaschig ist, betreuen und bereisen die (freien) Korrespondenten in Nord- und Südamerika, Asien bzw. Südostasien, Arabien und Afrika mehrere Länder oder sogar den ganzen Kontinent (was nach Junghanns und Hanitzsch (2006) den „Eurozentrismus der Nachrichtengeografie“ bestätigt).

Die Hörfunk- und Fernsehsender arbeiten ebenfalls mit freien Journalisten zusammen (die sich beispielsweise in Netzwerken wie Weltreporter zusammengeschlossen haben; Kukral 2016) oder finanzieren Stellen in eigenen Auslandsstudios. Allein die ARD-Anstalten betreiben 32 Studios im Ausland, in denen 44 TV- und 56 Hörfunkjournalisten arbeiten. In der Regel bleiben die festangestellten Korrespondenten für drei bis sieben Jahre an einem Ort; sie kehren danach entweder in die Heimat- bzw. Zentralredaktion zurück oder wechseln in ein anderes Land.

In vielen Regionen sind die Arbeitsbedingungen eingeschränkt oder sogar gefährlich; häufig ist eine Akkreditierung notwendig (z.B. China), oder ausländischen Journalisten werden generell die Einreise und der Aufenthalt verweigert oder sie werden ausgewiesen (derzeit z.B. Syrien).

Eine weitere große Herausforderung ist die → Digitalisierung: Aufgrund der Erweiterung der Kanäle und damit des Informationsvolumens sind die Korrespondenten vor allem im Ausland gefordert, auch die neuen Angebote zu bedienen: Sie bloggen, twittern, erstellen Podcasts und Videos für Facebook und Youtube.

Forschungsstand:
Während der Inlandskorrespondent wenig attraktiv für medienwissenschaftliche Forschung zu sein scheint, ergibt sich für die Rolle des Auslandskorrespondenten ein anderes Bild: Er steht seit Jahrzehnten immer wieder im Fokus der anwendungsorientierten Forschung (u.a. Kukral 2016; Junghanns/Hanitzsch 2006) sowie der Praktikerliteratur (häufig von Korrespondenten selbst verfasst, z.B. Markert 2017; Renneberg 2014; Wagner 2012; Stormer 2011), überwiegend in der Position als Krisen- und Kriegsberichterstatter (z.B. Levine/Posdzich 2014; Armbruster 2014). Gelegentlich mit der Methode des Interviews werden die besonderen Arbeitsbedingungen der im Ausland eingesetzten Journalisten beleuchtet. In den vergangenen Jahren sind in der internationalen Forschung über Auslandskorrespondenten die Aspekte Globalisierung (Archetti 2013; Renneberg 2011) und Social Media (Cozma/Chen 2013) ins Zentrum gerückt.

Literatur:

Archetti, Cristina: Journalism in the age of global media. The evolving practices of foreign correspondents in London. In: Journalism, 14(3), 2013, S. 419-436. DOI: 10.1177/1464884912472140

ARD Hauptstadtstudio: Liste aller Korrespondenten. 2018. http://www.ard-hauptstadtstudio.de/korrespondenten120.html

Armbruster, Jörg: Echtzeitjournalismus in Krisengebieten. In: Schröder, Michael; Axel Schwanebeck (Hrsg.): Live dabei. Echtzeitjournalismus im Zeitalter des Internets. Baden-Baden [Nomos] 2014, S. 109-114.

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013 [1928].

Cozma, Raluca; Kuan-Ju Chen: What’s in a tweet? In: Journalism Practice, 2013, 7(1), S. 33-46, DOI: 10.1080/17512786.2012.68334

Junghanns, Kathrin; Thomas Hanitzsch: Deutsche Auslandskorrespondenten im Profil. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 3, 2006, S. 412-429.

Kukral, Tim: Arbeitsbedingungen freier Auslandskorrespondenten. Eine qualitative Befragung des Journalistennetzwerks Weltreporter. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016.

Levine, Eugenia; Marie Louise Posdzich: Auslandskorrespondenten im Spannungsfeld des Nahostkonfliktes. Das Selbstbild von Korrespondenten deutscher Medien in Israel und den palästinensischen Gebieten. In: Richter, Carola (Hrsg.): Der Nahostkonflikt und die Medien. Norderstedt [BoD – Books on Demand] 2014. S. 16-54.

Markert, Stefanie: Korrespondentenbericht aus dem Ausland. In: La Roche, Walther von; Axel Buchholz (Hrsg.): Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. Wiesbaden [Springer Fachmedien] 2017, S. 161-166.

NDR Info: Die Korrespondenten: Reporter-Leben in Neu-Delhi. 2018. https://www.ndr.de/info/Die-Korrespondenten-Reporter-Leben-in-Neu-Delhi,neudelhi106.html

Renneberg, Verena: Auslandskorrespondenten im globalen Zeitalter. Herausforderungen der modernen TV-Auslandsberichterstattung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2011.

Rühl, Manfred: Publizieren. Eine Sinngeschichte der öffentlichen Kommunikation. Opladen/Wiesbaden [Westdeutscher Verlag] 1999.

Stormer, Carsten: Das Leben ist ein wildes Tier. Wie ich die Gefahr suchte und mich selber fand. Köln [Bastei Lübbe] 2011.

Tagesschau.de: Die Korrespondenten der ARD. 2018. http://korrespondenten.tagesschau.de/

Wagner, Martin: Auslandsberichterstattung. Wie arbeitet ein Auslandskorrespondent? In: Kaiser, Markus (Hrsg.): Special Interest. Ressortjournalismus – Konzepte, Ausbildung, Praxis. Berlin [Econ] 2012. S. 86-106.

Weltrepoter.net: Korrespondenten. 2014. https://weltreporter.net/korrespondenten/korrespondenten/

Kulturjournalismus

Wortherkunft: lat. colere = den Boden bestellen, bebauen, hegen und pflegen; vgl. kultivieren

Definition:
Kulturjournalismus ist die Beschreibung, Analyse und Bewertung kultureller Ausdrucksformen durch → Redakteure und freie Mitarbeiter in Druckmedien, Hörfunk und Fernsehen, Online-Redak­tionen, Blogs und Nachrichtenagenturen. ‚Kultur‘ umfasst dabei im weiteren Sinne die Gesamtheit ziviler Lebens- und Umgangsformen; Kulturjour­nalis­mus ist entsprechend nicht an bestimmte → Ressorts gebunden. Im engeren Sinne setzt er sich aller­dings mit künst­lerisch-symbolischen Ausdrucksformen (Theater, Film, Musik, Literatur, Bil­dende Kunst) ausein­ander; dies geschieht in der Regel im → Feuilleton, in Unterhaltungs- und Kul­tur­magazinen, Magazin­sendungen oder speziellen Themenblogs.

Geschichte:
Die Geschichte des Kulturjournalismus ist eng verbunden mit der Entstehung einer bürgerlichen → Öffentlichkeit. Bei der Öffnung des gesell­schaft­lichen Diskurses über Kultur geht im Zeitalter der frühen Aufklärung die Wissenschaft voran. Das geschieht in ‚Gelehrten Journalen‘, die sich nach dem Vorbild des Pariser Journal des Sçavans in Deutschland seit dem Ende des 17. Jahrhunderts verbreiten. Am Anfang steht die Besprechung von Büchern aller Fach­richtungen – von Experten für Experten. Zu den universalwissenschaftlichen Journalen kommen bald Fachperiodika, etwa für Mu­sik oder Belletristik.

Im 18. Jahrhundert treten die Künste mehr und mehr aus dem höfischen und sakralen Raum heraus, Kommunikationsschranken öffnen sich. Theater, Opern- oder Konzert­häuser werden für ein bür­ger­liches → Publikum zugänglich, ihre Angebote damit auch zum ‚Event‘ in den Unterhal­tungs­jour­nalen und der Tages­presse. Die frü­heren, eher dürren Veranstal­tungs­hinweise in der Avisen-Presse reichern sich mit Wertungs­attri­buten und Urteilen etwa über Auftritte durchreisender Virtuosen an und entwickeln sich allmählich zur fortlaufenden → Kritik des Kultur­geschehens.

Um 1800 hat sich die journalis­tische Form der → Rezension heraus­gebildet. Während der politische Journalismus schärfster Zensur unterliegt, blühen eigene Kultur­tageszeitungen auf, die den politi­schen Diskurs umgehen, etwa die Zeitung für die elegante Welt oder das Morgenblatt für die ge­bildeten Stände. Diese für Deutschland typische Entwicklung mündet nach der Märzrevolution von 1848 in die Integration des Ressorts → Feuilleton in die allgemein informie­renden Tageszeitungen, deren Zahl sprunghaft ansteigt. Gleichzeitig entfaltet sich die bürgerliche Unterhaltungspublizistik. Mit der aufkommenden Massenpresse professiona­lisiert sich die redaktionelle Organisation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Kulturjournalismus entwickelt nun endgültig seine For­men und Schwerpunkte, die ihn in einer vielfältigen Feuilletonlandschaft im Wesentlichen heute noch prägen und die auch in den elektronischen Medien fortleben.

Gegenwärtiger Zustand und Forschungsstand:
In der Bundesrepublik gibt es zurzeit etwa 170 Tages-, Wochen- und Wochenendzeitungen mit Kul­turredaktionen und kulturverwandten → Ressorts. Hinzu kommen rund 1300 Anzeigenblätter und etwa 800 Publikumszeitschriften, die ebenfalls über kulturelle Neuheiten berichten. Viele Zeit­schriften sind allerdings wirtschaftlich gefährdet. Anders als befürchtet, ist es seit Beginn der Pres­se­krise jedoch noch zu keinem dramatischen Abbau der ‚Kultur‘ in den Tageszeitungen gekommen. Die Zahl der Beiträge im Zeitungsfeuilleton hat zwar in den letzten Jahren abgenommen, ihr Um­fang ist dagegen deutlich angestiegen (vgl. Reus/Harden 2015: 211f.). Kulturmagazine in → Radio und Fernsehen se­hen sich dagegen vom Programmumfeld zunehmend an den Rand gedrückt (Sen­deplatz und -dauer). Andererseits hat die Vervielfältigung der Kanäle auch eine Reihe anspruchs­voller ‚Kultursender‘ her­vorgebracht. Im Netz existierten bereits 2014 knapp 1000 The­men­blogs, die sich ausschließlich mit Kultur befassen (vgl. Schenk et al. 2014: 6). Das entspricht 40 Prozent aller deutschsprachigen Themenblogs im Internet überhaupt. Die Auto­ren, überwiegend Einzelpersonen, sind zum Teil professionelle Journalisten, zum Teil Amateure.

Sowohl in der Tagespresse als auch in Themenblogs und einer Vielzahl von Fan- und E-Zines finden Musikthemen bei Weitem die größte Beach­tung im Kulturjournalismus, wobei Feuilletonberichte über Pop- und Rock­musik in den vergangenen Jahren zu Beiträgen über sogenannte E-Musik aufgeschlossen ha­ben (vgl. Reus/Harden 2015: 213f.). Eine vergleichbare ‚Popularisierung‘ der Berichterstattung hat es bei den anderen klassischen Themen des Kulturteils der Zeitungen  (Literatur, Theater, Bildende Kunst) nicht gegeben; lediglich die Filmkritik hat zugelegt (vgl. Reus/Harden 2005: 164f.; Reus/Harden 2015: 214).

Insgesamt bleibt das Feuilleton weiterhin deutlich auf Hoch- und Kunstkultur fixiert. Laienchöre, Kinderbücher, Off-Theater, Design, Fotografie (außerhalb des Galerie- und Museumsbetriebs) und viele andere alltagskulturelle Ausdrucksformen wie Essen und Trinken, Schu­le, Mode usw. haben es schwer, im ‚Kulturteil‘ gleichberechtigt gewürdigt zu werden (vgl. Reus 1999). Im → Lokal­jour­nalismus oder in Beilagen sind solche Themen freilich präsent, ebenso wie in Zeit­schriften und Web-Beiträgen. Hier findet der Kulturjournalismus auch mit einer breite­ren Palette von → Genres aus der Monokultur der → Rezensionen heraus, die seit dem 19. Jahrhundert das Feuilleton bestimmt.

Der Tenor dieser Rezensionen von Theater- oder Kinopremieren, neuen Büchern, Ausstellungen oder Konzerten ist entgegen landläufiger Vorstellungen meist wohlwollend und positiv (vgl. Reus/Harden 2015: 216f.). Vor allem die Nähe des Er­eignisses (etwa in der eigenen Stadt) stimmt Kriti­ker wohlgesinnt, während überregionale Kritik öfter ablehnend ausfällt. Im Internet fällt das be­wusste ‚Pushen‘ von Musikgruppen durch Themen­blogger auf; negative Kritiken finden sich hier kaum (vgl. Topinka 2017). Die Wirkung von Kulturjournalismus beruht alles in allem weniger auf der Tendenz seiner Kritik, als auf Agenda Setting: Er bestimmt, was man als ‚Kultur‘ wahr­nimmt und worüber man spricht.

Die Nachfrage des → Publikums nach Rezensionen ist beim ‚inner circle‘ der Konzert- oder Thea­ter­gänger durchaus groß, wobei diese angeben, sich nur wenig vom Urteilsspruch der Rezensenten be­einflussen zu lassen und mehr Wert auf Information zu legen als auf die Meinung von Kulturjour­nalisten (vgl. Reus/Harden 2018: 206ff.). Un­ter­suchungen mit dem sogenannten Readerscan zeigen wiederum, dass Leser → Rezensionen von Kunstereignissen, denen sie selbst nicht beigewohnt haben, sehr häufig einfach übergehen (vgl. Boenisch 2008: 77). Die Nachfrage beim Medienpub­li­kum insgesamt ist schwer einzuschätzen; das Interesse, das in Umfragen bekundet wird, dürfte er­heblich höher sein als die tatsächliche Nutzung von Kulturberichten (vgl. Harden/Reus 2007: 267).

Ergebnisse der → Kommunikatorforschung zeigen, dass Kulturjournalisten sich im Sinne des → Pub­likums durchaus als Informanten begreifen. Zugleich ist ihnen aber auch ein gewisses pädago­gi­sches Sendungsbewusstsein eigen (vgl. Reus et al. 1995: 314ff.). Das dürfte besonders für die Ver­treter der sogenannten Qualitätsmedien zutreffen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung oder Die Zeit gelten bei Kulturthemen als Meinungsführer, an denen sich die Medienszene insgesamt, auch Akteure im Internet, in einem Prozess der Selbstreferenz orientiert.

Kulturjournalismus ist in hohem Maße Terminjournalismus und lebt vom Einsatz freier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Durch eine zum Teil rigide Sparpolitik der Verlage sind die Beschäftigungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren jedoch eingeschränkt worden; die Belastung der übrigen Mitarbeiter und Redakteure hat sich entsprechend erhöht. Zeitdruck und schlechte Bezahlung begünstigen aber die Tendenz, (interessengebundene) Aussagen aus fremder Quelle als eigene Berichterstattung auszu­geben. So ergab eine Untersuchung von 580 Buchbe­sprechungen, dass in jeder zweiten Rezen­sion → Pressemitteilungen der Verlage „komplett oder in Teilen übernommen“ worden waren (Beer 2007: 78).

Literatur:

Beer, Anja: Vertrauensselige Kritiker. In: Message, 9/3, 2007, S. 76-79.

Boenisch, Vasco: Krise der Kritik? Was Theaterkritiker denken – und ihre Leser erwarten. Berlin [Verlag Theater der Zeit] 2008.

Harden, Lars; Gunter Reus: Kulturteil für alle. Kino- und Theaterbesucher erwarten eine völlig unterschiedliche Kulturberichterstattung – und halten am gleichen Feuilleton fest. In: Möhring, Wiebke; Walter J. Schütz; Dieter Stürzebecher (Hrsg.): Journalistik und Kommunikationsforschung. Festschrift für Beate Schneider. Berlin [Vistas] 2007, S. 267-286.

Reus, Gunter: Ressort: Feuilleton. Kulturjournalismus für Massenmedien. 2., überarb. Auflage. Konstanz [UVK Medien] 1999.

Reus, Gunter; Lars Harden: Nicht auf verlorenem Posten. Entwicklungen des Zeitungsfeuilletons und Wünsche des Opernpublikums an die Kulturberichterstattung. In: Reuband, Karl-Heinz (Hrsg.): Oper, Publikum und Gesellschaft. Wiesbaden [Springer VS] 2018, S. 195-210.

Reus, Gunter; Lars Harden: Noch nicht mit der Kunst am Ende. Das Feuilleton setzt wieder deutlicher auf angestammte Themen und zieht sich aus dem politischen Diskurs zurück. In: Publizistik, 60, 2015, S. 205-220.

Reus, Gunter; Lars Harden: Politische „Kultur“. Eine Längsschnittanalyse des Zeitungsfeuilletons von 1983 bis 2003. In: Publizistik, 50, 2005, S. 153-172.

Reus, Gunter; Beate Schneider; Klaus Schönbach: Paradiesvögel in der Medienlandschaft? Kulturjournalisten – wer sie sind, was sie tun und wie sie denken. In: Becker, Peter; Arnfried Edler; Beate Schneider (Hrsg.): Zwischen Wissenschaft und Kunst. Festgabe für Richard Jakoby. Mainz u.a. [Schott] 1995, S. 307-327.

Schenk, Michael; Julia Niemann; Anja Briehl: Blogger 2014. Das Selbstverständnis von Themenbloggern und ihr Verhältnis zum Journalismus. Stuttgart [Universität Hohenheim] 2014.

Topinka, Andrea: Eine Bestandsaufnahme deutscher Musikblogs. Überblick über Arten, Gestaltung,  Inhalt und journalistische Arbeitsweise der Musikblogs in Deutschland. Masterarbeit Hannover [Hochschule für Musik, Theater und Medien] 2017.

Zum Weiterlesen:

Fink, Kerstin: Die öffentliche Kommunikation über Kunst. Kunstberichterstattung zwischen Ästhetisierung und Politisierung. Wiesbaden [Springer VS] 2016.

Heß, Dieter (Hrsg.): Kulturjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 2. Aufl. München [List] 1997.

Lamprecht, Wolfgang (Hrsg.): Weißbuch Kulturjournalismus. Wien [Löcker] 2012.

Lüddemann, Stefan: Kulturjournalismus. Medien, Themen, Praktiken. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Nagy, Ursula: Moderner Kulturjournalismus. Konstanz [UVK] 2013.

Saxer, Ulrich: Kunstberichterstattung. Analyse einer publizistischen Struktur. Zürich [Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich] 1995.

Schalkowski, Edmund: Rezension und Kritik. Konstanz [UVK] 2005.

Stegert, Gernot: Feuilleton für alle. Strategien im Kulturjournalismus der Presse. Tübingen [Niemeyer] 1998.

Lokaljournalismus

Wortherkunft: frz. local, lat. locus = Ort, Platz, Stelle; frz. journal = täglich, Tagebuch, Zeitung

Der Begriff bezeichnet im deutschen Journalismus, ebenso wie in anderen Ländern, einerseits die journalistische Berichterstattung, die sich auf Ereignisse und Akteure aus dem lokalen Verbreitungsgebiet bezieht. Andererseits steht er für die Bereitstellung von Themen, die entsprechend der Bedürfnisse und Ansprüche der Rezipienten dieses Verbreitungsgebietes aufbereitet werden.

Als Gegenstand der Berichterstattung ist das Lokale in größeren Städten schon Ende des 17. Jahrhunderts zu finden. Die Leipziger Zeitung veröffentlichte erste Lokalmeldungen im Jahr 1700, für den Berliner Raum sind erste Lokalmeldungen vereinzelt 1705 auszumachen. In den Folgejahren steigt der Anteil der Lokalmeldungen an, wenn auch häufig nur als kurze Meldungen. Gegenstand des frühen Lokaljournalismus sind Nachrichten, die sich unpolitischen Themen widmen wie Unfälle, Hinrichtungen und Naturerscheinungen.

Lokalberichterstattung in umfassender und regelmäßiger Form entwickelt sich in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Das Lokale wird ein eigenes Ressort. Es bilden sich Formen lokal berichtender Zeitungen aus, die bis heute dafür sorgen, dass es nicht den einen einheitlichen Typ einer Lokalzeitung gibt. Das Spektrum reicht von reinen Lokalzeitungen bis zu regionalen Mantelzeitungen, die das Lokale als einen eigenen Zeitungsteil (‘Buch’ genannt) bündeln.

Bis in die Mitte der achtziger Jahre ist Lokaljournalismus in erster Linie Gegenstand von Printmedien, mit der Einführung des privaten Rundfunks 1984 entsteht eine Vielzahl auch lokaler Hörfunksender, ergänzt im Laufe der weiteren Entwicklung durch lokale Fernsehsender. Bedingt durch die föderale Struktur im Rundfunk unterscheiden sich die lokaljournalistischen Medienangebote in den Bundesländern sehr stark. Auch im Internet haben sich mittlerweile lokaljournalistische Angebote entwickelt.

Der Kommunikationsraum, der vom Lokaljournalismus bedient wird, ist nicht einheitlich definiert oder begrenzt. In der Regel entspricht der lokale Raum der Berichterstattung dem Verbreitungsgebiet des jeweiligen Lokalmediums. Dies können – je nach Zuschnitt – Städte, Gemeinden oder auch Kreise sein. Neben diesen Verwaltungseinheiten ist der Lokaljournalismus auch zu verstehen als Kommunikation innerhalb soziokultureller Räume, die unabhängig von politisch strukturellen Grenzen existieren. In einigen lokalen Kommunikationsräumen lassen sich, vor allem bedingt durch die Publikationsmöglichkeiten im Internet, zunehmend auch so genannte sublokale und hyperlokale journalistische Angebote finden; diese beziehen sich etwa auf Stadtteile oder Stadtviertel. Beispiele sind neukoellner.net mit Berichterstattung aus und über Berlin-Neukölln, die Stadtteilzeitung Schöneberg (ebenfalls Berlin) sowie die Eimsbütteler Nachrichten aus Hamburg.

Der Lokaljournalismus ist in den meisten Medien als eigenständiges Ressort organisiert, teilweise sind die Übergänge zum Regionaljournalismus fließend. Damit ist er ein so genanntes Querschnittsressort, welches sich, anders als Ressorts wie Sport, Politik oder Wirtschaft, nicht über einen thematischen, sondern einen geographischen Zuständigkeitsbereich definiert. Thematisch ist der Lokaljournalismus somit offen für alle im Verbreitungsgebiet relevanten Bereiche. Eine Reihe von Inhaltsanalysen zeigt, dass es dabei Schwerpunkte in Lokalpolitik, Stadtentwicklung, Veranstaltungen, Unfällen und Kriminaldelikten sowie Sport gibt. Auch bei der Beachtung von lokalen Akteuren legt der Lokaljournalismus den Schwerpunkt auf bestimmte Gruppen der lokal organisierten Eliten.

Der Lokaljournalismus ist in den vergangenen Jahren wieder stärker in den Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung genommen worden. Denn obwohl ihm wichtige demokratietheoretische Funktionen zugeschrieben werden und er seit Jahrzehnten von den Rezipienten das am stärksten beachtete Ressort ist, ist die wirtschaftliche Lage vieler Lokalverlage schwierig und die Konzentration auf dem lokalen Medienmarkt hoch.

Literatur:

Jonscher, Norbert: Lokale Publizistik. Theorie und Praxis der örtlichen Berichterstattung. Ein Lehrbuch. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Kretzschmar, Sonja; Wiebke Möhring; Lutz Timmermann: Lokaljournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2009

Möhring, Wiebke; Felix Keldenich: Lokaljournalismus im Fokus der Wissenschaft. Zum Forschungsstand Lokaljournalismus – unter besonderer Berücksichtigung von Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf [Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen] 2015
Die Expertise ist hier als PDF-Datei abrufbar.

Pöttker, Horst; Anke Vehmeier: Das verkannte Ressort. Probleme und Perspektiven des Lokaljournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Welker, Martin; Daniel Ernst: Lokales. Basiswissen für die Medienpraxis. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

Newsroom

Wortherkunft: engl. news = Neuigkeiten, Nachrichten; engl. room = Raum, Büro

Der Begriff Newsroom bezeichnet ein Großraumbüro, in dem eine Redaktion aktuelle → Nachrichten produziert. Ursprünglich wurde der Ausdruck im anglo-amerikanischen Sprachraum verwendet. Er ist eng mit der dort verbreiteten Arbeitsteilung zwischen reporter und editor verbunden, in dem reporter aktuelle journalistische Stücke zuliefern und editors diese Stücke redigieren und zu einem Gesamtprodukt bündeln. In seiner gegenwärtigen Bedeutung ist er allerdings verknüpft mit redaktionellen Prozessen einer Nachrichtenredaktion, die mehrere Ausspielkanäle (z. B. Print, Website, App und Social Media) parallel mit Nachrichtenbeiträgen bestückt.

Hintergrund dieser Bedeutungsverschiebung ist der Trend der Digitalisierung, der → Arbeitsweisen im Journalismus grundlegend verändert hat. Wurden zu Zeiten analoger Medien Inhalte für die klassischen Ausspielkanäle Zeitung, Radio und Fernsehen in eigenen Redaktionen autonom nach spezifischen journalistischen Regeln und Programmen produziert, rückt in einer digitalisierten Medienwelt das Thema der Berichterstattung in den Vordergrund. Dieses kann – bezogen auf Zielgruppen, Nutzungssituationen und verfügbare Endgeräte – parallel für verschiedene Ausspielkanäle in unterschiedlichen Modi (etwa Text, Video, Audio, Infografik) aufbereitet werden. Die Möglichkeit besteht, da digitalisierte Inhalte grundsätzlich nicht mehr an einen Ausspielkanal gebunden sind.

Die neue Form der Aufbereitung von Inhalten erfordert modifizierte journalistische Prozesse, neue Strukturen der Aufbau- und Ablauforganisation sowie angepasste Führungskonzepte und Verwaltungsansätze. Damit zieht sie auch veränderte redaktionelle Alltagspraktiken nach sich. Ein derartig vielschichtiger Veränderungsprozess schlägt sich physisch in der Einrichtung eines Newsrooms nieder.

Entscheidender sind allerdings die organisatorischen Veränderungen: Auf der Prozessebene existiert der wichtigste Unterschied zu einer analogen Redaktion darin, dass Inhalte von vornherein und integriert für mehrere Kanäle geplant und – oft in Teams aus Spezialisten mit unterschiedlichen Kompetenzen – realisiert werden. Hinsichtlich der Aufbauorganisation wird vor allem die hierarchische Gliederung in Ressorts aufgelöst oder abgeschwächt sowie ggf. die hausinterne Trennung von Sparten wie der Online-, TV- und Radio-Redaktion zugunsten kanalübergreifender Planer und Entscheider aufgehoben. Dies führt in der Regel dazu, dass die Position der Ressortchefs geschwächt wird. Adäquate Führungsmodelle setzen auf mehr Selbstverantwortung der zuständigen Journalisten am Desk. Die intensive Zusammenarbeit in einem Raum führt idealerweise auch zu neuen informellen Praktiken des Austauschs und der Zusammenarbeit zwischen Kanal- und Fachspezialisten.

Die Einrichtung eines Newsrooms folgt dabei einerseits den Arbeitsprozessen – insbesondere hinsichtlich schneller Kommunikationswege, Ad-hoc-Entscheidungen statt fester Konferenzen und der Verfügbarkeit aktueller Nutzungsdaten und Produktionskennzahlen auf den Bildschirmen der redaktionellen Entscheider (dem so genannten Management-Dashboard). Idealtypische Konfigurationen lassen sich dabei kaum benennen, da sie sehr vom redaktionellen Konzept abhängig sind. Regelmäßig anzutreffen sind allerdings Lösungen, die sich um den Desk konzentrieren, an denen redaktionelle Führungskräfte Publikationsentscheidungen treffen.

Die physische Einrichtung eines Newsrooms kann aber auch als reflexives Handeln des Managements verstanden werden, das notwendige Prozess- und Produktinnovationen symbolisch unterstreicht. Empirische Ergebnisse deuten darauf hin, dass Redaktionen sich um so stärker gegen Innovationen sperren, je stärker dadurch tradierte professionelle Abläufe tatsächlich verändert und nicht nur ergänzt werden (vgl. Ekdale u.a. 2015). Dies ist bei Ressortzugehörigkeiten sehr häufig der Fall, weswegen Widerstände in Veränderungsprozessen im Zusammenhang mit der Einrichtung von Newsrooms voraussehbar sind.

Eine Sonderform des Newsrooms stellen titelübergreifende aktuelle Redaktionen dar, die mehrere Medien eines Konzerns mit überregionalen Nachrichten versorgen. Insbesondere in der Landschaft der Regionalzeitungen ist dies zu beobachten, etwa in den Mediengruppen Funke, DuMont Schauberg und Madsack. Hinter diesem Organisationsmodell steht die Idee, Ressourcen zu bündeln und die gleiche → Qualität zu niedrigeren Kosten anzubieten. Empirische Daten weisen darauf hin, dass dies durchaus gelingen kann, jedoch u.U. verbunden mit Abstrichen bei der → journalistischen Vielfalt (vgl. Rinsdorf 2011).

Literatur:

Altmeppen, Klaus-Dieter; Klaus Arnold: Journalistik. Grundlagen eines organisationalen Handlungsfelds. München [Oldenbourg] 2015

Blöbaum, Bernd; Annika Kutscha; Sophie Bonk; Anne Karthaus: Immer mehr und immer schneller – Journalistische Handlungen in innovativen Redaktionsstrukturen. In: Wolling, Jens; Andreas Will;, Christina Schumann (Hrsg.): Medieninnovationen. Wie Medienentwicklungen die Kommunikation in der Gesellschaft verändern. Konstanz [UVK] 2011, S. 43-60

Ekdale, Brian; Jane B. Singer; Melissa Tully; Shawn Harmsen: Making Change. Diffusion of Technological, Relational, and Cultural Innovation in the Newsroom. In: Journalism & Mass Communication Quarterly, 4, 2015, S. 938-958

Meier, Klaus: Ressort, Sparte, Team. Wahrnehmungsstrukturen und Redaktionsorganisation im Zeitungsjournalismus. Konstanz [UVK] 2002

Rinsdorf, Lars: Kooperation: Fluch oder Segen? Auswirkungen eines gemeinsamen Newsdesks auf Qualität und Vielfalt der Berichterstattung. In: Wolling, Jens; Andreas Will; Christina Schumann (Hrsg.): Medieninnovationen. Wie die Medienentwicklungen die Kommunikation in der Gesellschaft verändern. Konstanz [UVK] 2011, S. 25-42

Outsourcing

Wortherkunft: engl. out = außerhalb; engl. sourcing = Beschaffung

Der Begriff Outsourcing bezeichnet den Vorgang, in dem Leistungen, die bisher innerhalb einer Redaktion bzw. eines Medienhauses erbracht wurden, von Dienstleistern außerhalb der eigenen Organisation erbracht werden. Beispielsweise kann eine Tageszeitung, die bisher ihre Fernsehbeilage in Eigenregie produziert hat, entscheiden, künftig die Fernsehbeilage eines redaktionellen Dienstleisters zu beziehen.

Das Outsourcing ist somit Teil des → redaktionellen Managements, in dem unter anderem darüber entschieden wird, wie genau das Unternehmen die journalistische Dienstleistung für die Nutzer beschafft. Anders formuliert: Es geht es darum, wie die Wertschöpfungskette bzw. das Wertschöpfungsnetzwerk eines journalistischen Angebots ausgestaltet wird. Bei der Definition einer Wertschöpfungskette wird festgelegt, welche internen und externen Akteure welchen Beitrag zur Wertschöpfung leisten (Wirtz 2013). Ein typischer interner Akteur in einer redaktionellen Wertschöpfungskette ist zum Beispiel der Chef vom Dienst, der die aktuelle Produktion eines journalistischen Produkts koordiniert. Ein typischer externer Akteur bzw. Dienstleister ist eine Nachrichtenagentur, die einer Redaktion nationale und internationale Beiträge zuliefert.

Outsourcing-Entscheidungen können sich auf alle Teile einer Wertschöpfungskette beziehen, also sowohl auf Kern- als auch auf Unterstützungsprozesse. Kernprozesse sind alle Teile der Wertschöpfungskette, die unmittelbar zur Erfüllung der Nutzeranforderungen beitragen, z.B. die Produktion eines journalistischen Beitrags oder die Gestaltung einer Zeitschriftenausgabe. Unterstützungsprozesse sind die Teile der Wertschöpfungskette, die notwendig sind, um die redaktionellen Aufgaben zu erledigen, aber nicht direkt im Produkt sichtbar werden. Beispiele dafür sind die Honorarabrechnung für freie Mitarbeiter oder die technische Wartung des Redaktionssystems.

Gesellschaftlich betrachtet ist Outsourcing, das Kernprozesse betrifft, in der Regel deutlich relevanter als entsprechende Leistungen bei Unterstützungsprozessen: Der Grund liegt darin, dass Outsourcing von Kernprozessen die publizistische Leistung unmittelbar beeinflusst, etwa die → journalistische Qualität oder den Beitrag eines journalistischen Angebots zur → Meinungsvielfalt. Dabei kann sich Outsourcing grundsätzlich sowohl positiv als auch negativ auf die publizistische Leistung auswirken. Der tatsächliche Effekt hängt stark vom Einzelfall ab und kann letztlich nur empirisch bestimmt werden. Outsourcing hat seit dem Rückgang der Anzeigeneinnahmen von Tageszeitungen seit dem Jahr 2000 an Bedeutung gewonnen.

Bezogen auf den Kernprozess einer Redaktion lassen sich unterschiedliche Ausprägungen des Outsourcings beobachten, die sich danach unterscheiden, wie stark sie mit Veränderungen im Produkt und der Ablauforganisation einhergehen:

Die schwächste Form des Outsourcings ist, die Produktion einzelner Beiträge auszulagern, ansonsten jedoch das publizistische Konzept und die Redaktionsstruktur unverändert zu lassen. Hier übernehmen etwa verstärkt freie Mitarbeiter Produktionsaufgaben, die bisher fest angestellten Redakteuren zugeordnet waren.

Eine mittlere Form des Outsourcings ist die komplette Auslagerung der Produktion eines Teilangebots bei unverändertem publizistischem Konzept. Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn eine komplette Lokalausgabe einer Tageszeitung von einem freien Journalistenbüro erstellt wird, aber nach wie vor im System von der Zentralredaktion redigiert und layoutet wird.

Bei der stärksten Ausprägung des Outsourcings werden die Ablauforganisation und das  redaktionelle Konzept geändert. Ein klassisches Beispiel ist der Verzicht einer Zeitung auf einen eigenen Mantelteil, der stattdessen komplett bei einem Dienstleister zugekauft wird.

Outsourcing-Entscheidungen können publizistisch, qualitativ, strategisch oder betriebswirtschaftlich motiviert sein: Publizistisch kann es z.B. sinnvoll sein, sehr bewusst stärker mit freien Mitarbeitern zusammenzuarbeiten, um die Diversität innerhalb der eigenen Autorenschaft zu steigern. Outsourcing kann die Qualität erhöhen, wenn man komplexe Aufgaben – etwa Datenrecherchen – an spezialisierte Dienstleister vergibt. Outsourcing kann aber auch strategisch sinnvoll sein, um die Flexibilität einer Redaktion zu erhalten, indem man Organisationseinheiten schnell einrichten und abwickeln kann, oder die Innovationsfähigkeit zu steigern, indem man neue Einheiten mit der Weiterentwicklung des eigenen Angebots betraut (Rinsdorf 2017). Outsourcing ist betriebswirtschaftlich sinnvoll, wenn ein externer Dienstleister die gleiche redaktionelle Qualität zu günstigeren Preisen liefern kann. Den Kostenvorteilen stehen hier allerdings oft eine höhere Komplexität beim Management von Wertschöpfungsnetzwerken und ein geringerer Einfluss auf die Dienstleistungsqualität gegenüber.

Literatur:

Rinsdorf, Lars: Redaktionelle Strategien entwickeln. Analyse – Geschäftsmodelle – Konzeption. Stuttgart/Konstanz [UTB UVK] 2017.

Wirtz, Bernd W.: Business Model Management. Design – Instrumente – Erfolgsfaktoren von Geschäftsmodellen. 3. Auflage. Wiesbaden [SpringerGabler] 2013.

Pressefotograf

Der Pressefotograf ist neben dem Bildredakteur die zentrale Berufsrolle im → Fotojournalismus. Der Begriff findet für Akteure im Journalismus Verwendung, die aktuelle Fotografien von Ereignissen oder Personen für den redaktionellen Teil journalistischer Publikationen produzieren. Sie arbeiten sowohl für Zeitungs- und Zeitschriftenverlage als auch für Bild- und Nachrichtenagenturen. Synonym werden auch die Begriffe Zeitungsfotograf, Fotoreporter oder Fotojournalist benutzt. Der Berufszugang erfolgt entweder über eine Fotografenausbildung, bzw. ein Fotostudium, oder ein Volontariat bei einer Zeitung, bzw. einer Bildagentur. Pressefotograf ist keine geschützte Berufsbezeichnung, weshalb der Beruf, wenn nicht festangestellt ausgeübt, unter die freien Berufe fällt und somit nicht als Gewerbe gilt. Bei journalistischen Medien angestellte Pressefotografen zählen laut Tarifvertrag zur Gruppe der → Redakteure.

Die Entwicklung hin zu einer eigenständigen Pressefotografie und die Ausbildung des Berufsbildes Pressefotograf gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Entscheidend dafür war die Entwicklung von Verfahren, um Fotografien in der Presse drucken zu können (vgl. Vowinckel 2016: 55). Erste hauptberuflich arbeitende Pressefotografen lassen sich in Deutschland um die Jahrhundertwende nachweisen, womit eine Phase der Professionalisierung einsetzt (vgl. Grittmann 2007: 25). Einen Dämpfer bekommt die Entwicklung im zweiten Weltkrieg durch die Degradierung freier Pressefotografen durch das NS-Regime zu „uniformierten Bildberichterstattern in den Reihen der Propaganda-Kompanien“ (Pensold 2015: 75). Mit der Weiterentwicklung der Fotografie-, Druck- und Übertragungstechnik, wie etwa der Einführung der elektronischen Bildverarbeitung (vgl. Macias 1990: 71 ff.) oder dem flächendeckenden Umstieg auf die Digitalfotografie ging immer auch eine Anpassung der Arbeitspraktiken und -routinen einher.

Heute finden sich festangestellte Pressefotografen vor allem bei Lokal- und Regionalzeitungen sowie den Bilderdiensten der Nachrichtenagenturen, wie etwa der Deutschen Presse Agentur (dpa). Im → Lokaljournalismus arbeitende Pressefotografen führen weitestgehend redaktionelle Aufträge aus und verfügen somit nur über einen geringen Grad an Autonomie. Angesichts der Krise im Zeitungsjournalismus sowie eines damit verbundenen Wandels von Arbeitsformen ist die Zukunft des Berufs Pressefotograf unklar. Vor allem überregionale Tageszeitungen ebenso wie Magazine verfügen heute kaum noch über eigene Fotoreporter. Aktuelle Zahlen zur Anzahl festangestellter Pressefotografen gibt es jedoch nicht. Mit dem heute eher gebräuchlichen Begriff Fotojournalist wird ein hybrides Berufsfeld umschrieben, in dem vor allem frei arbeitende Fotografen sowohl für journalistische Medien als auch Corporate Publikationen tätig sind.

Literatur:

Grittmann, Elke: Das politische Bild: Fotojournalismus und Pressefotografie in Theorie und Empirie. Köln [von Halem] 2007.

Macias, José: Die Entwicklung des Bildjournalismus. München [Saur] 1990.

Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus: Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.