Start Sprache und Stil

Sprache und Stil

    Eine Einführung von Gunter Reus

    Im Zentrum der Journalismuskritik stand immer auch die Kritik an der Sprache in Massenmedien. „Unartig teutsche Sprachverderber“ schalt Christoph Schorer die Journalisten schon 1643, also bald nachdem die ersten Zeitungen erschienen waren. Friedrich Nietzsche schrieb 1882, schon im Zeitalter der Massenpresse: „Noch ein Jahrhundert Zeitungen – und alle Worte stinken“ (Colli/Montinari 1980: 73). Zu banal sei die Sprache in den Medien oder auch zu komplex, zu phrasenhaft, gedrechselt, voller Fehler – bis heute begleiten solche Vorwürfe von Wissenschaftlern, Pädagogen oder Schriftstellern den Journalismus. Sie können sich offensichtlich nur schlecht damit abfinden, dass ihnen die Medien ihr angestammtes Vermittlungsprivileg aus der Hand genommen haben und Wissen anders bzw. schneller verbreiten.

    So berechtigt Kritik an Auswüchsen ist, so unangemessen sind pauschale Vorwürfe. Dem steten Zeitdruck, dem Journalisten ausgesetzt sind und der zwangsläufig auch zu Fehlern oder Phrasen führt, würden die Sprachkritiker, selbst vor die Aufgabe täglicher Nachrichtenproduktion gestellt, wohl kaum standhalten. Sie verkennen überdies, welchen Beitrag die Massenmedien seit dem 17. Jahrhundert zur Verbreitung einer hochdeutschen Schriftsprache und in der Folge zur Demokratisierung von Bildung geleistet haben. Journalisten waren es, die → Verständlichkeit als → Qualitätsnorm der Publizistik durchgesetzt haben.

    Das geschah in medialen Schüben. Von den Gelehrten Journalen des 18. Jahrhunderts über die Generalanzeigerpresse für jedermann, den Hörfunk mit Live-Gesprächen und -Reportagen, das Fernsehen mit seiner Präsenz vor Ort bis zur geschriebenen Mündlichkeit in der Publizistik des Internets – immer weiter drangen die Umgangssprache und andere Varietäten wie die Jugendsprache mit ihrem Alltagspragmatismus in die Medien vor. Sie ließen die Sätze kürzer, den Stil salopper werden. Mit wachsendem gesellschaftlichen Bildungsniveau wirken allerdings auch Fach- und Wissenschaftssprache auf Lexik und Syntax der Sprache im Journalismus ein.

    Dies zeigt, dass es eine eigenständige journalistische Sprache nicht gibt, sondern dass Journalisten ihre sprachlichen Mittel aus der Gesellschaft übernommen, dann allerdings der medialen Entwicklung entsprechend ausgeformt haben. Das geschah vorrangig mit dem Ziel, → Nachrichten schnell, wirkungsvoll und ökonomisch zu übermitteln.

    Im Journalismus fallen folgende Sprachmittel auf:

    1) Insgesamt ist die Satzlänge gering, besonders in Boulevardjournalismus und elektronischen Medien.

    2) Parataktischer Stil (Reihung einfacher Hauptsätze) ist wie in der Alltagssprache häufig; als Nebensätze kommen meist nur solche ersten Grades vor.

    3) Der Wegfall von Nebensätzen führt allerdings wieder zu attributiven Verdichtungen und Nominalstil, vor allem in Meldungen („die am Nachmittag unter großen Sicherheitsvorkehrungen in Paris wieder aufgenommenen Verhandlungen…“).

    4) Im elliptischen Stil von Überschrift und Nachrichtenbulletin („Verhandlungen in Teheran gescheitert“) wird das Prinzip der Ökonomie besonders kenntlich.

    5) Journalismus ist vielfach Redewiedergabe; die indirekte (Nachrichtenstil) wie die direkte Rede (→ Berichte und → Reportagen) dienen dieser Funktion (→ O-Ton im Hörfunk).

    6) Die von Journalisten ‘erfundene’ Darstellungsform des → Frage-Antwort-Interviews hat den alltagssprachlichen Dialog fest in den Medien verankert.

    7) Ebenfalls vom Journalismus entwickelt wurden der hierarchische Stil von Meldungen (‘climax first’) und ‘Rutschbahntexte’ wie Vorspann oder → Teaser.

    8) Die Bauprinzipien von Glosse (Entfaltung einer Pointe) und Reportage (Wechsel der Erzählperspektiven und Darstellungsebenen) sind narrative Errungenschaften, die der Journalismus der Literatur entnommen und eigenständig weiterentwickelt hat.

    9) Die Übersetzung komplexer Sachverhalte bedingt einen regen Einsatz von Metaphern. Sie lassen sich Wortfeldern (zum Beispiel Familie, Körper, Natur) zuordnen, an denen man die Sprache von Ressorts (Sportjournalismus, Wirtschaftsjournalismus etc.) unterscheiden kann.

    10) Rhetorische Figuren wie Anspielung, Ironie, Sentenz und Alliteration sind allgegenwärtig. Dazu gehört die Hyperbel, eine superlativische (häufig kritisierte) Ausdrucksweise vor allem in Texten, die an Affekte rühren oder Qualität bewerten („ein grandioser Sturmlauf des FC Bayern“; „einer der spannendsten Romane dieses Bücherherbstes“).

    11) In ihrer Zeit stehend, greifen Journalisten Sprachmoden, Floskeln, den Jargon bestimmter Bezugsgruppen (zum Beispiel Jugendszenen) und die Ent-Förmlichung der Alltagssprache auf (das „Tschüss“ der Moderatorin). Dies mag man als Anbiederung bemängeln; dennoch können auch solche Stilmittel helfen, Kommunikation in der Gesellschaft zu organisieren.

    12) Schließlich saugt der Journalismus wie die Standardsprache insgesamt in einer komplexen Umwelt zunehmend fach- und fremdsprachliche Begriffe auf. Vereinfachung, Ent-Förmlichung und neue kognitive Herausforderungen gehen so Hand in Hand.

    Literatur:

    Burger, Harald: Sprache der Massenmedien. Berlin/New York [Walter de Gruyter] 1984

    Colli, Giorgio; Mazzino Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Band 10: Nachgelassene Fragmente 1882-1884, 3[1] 168. München/Berlin [dtv/de Gruyter] 1980

    Häusermann, Jürg: Journalistisches Texten. Sprachliche Grundlagen für professionelles Informieren. Aarau/Frankfurt/M. [Sauerländer] 1993

    Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke; Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

    Schorer, Christoph: Der Unartig Teutscher Sprach-Verderber. Beschrieben durch einen Liebhaber der redlichen alten teutschen Sprach. Hamburg 1643

Gunter Reus
Gunter Reus
*1950, Prof. Dr., ist apl. Professor i. R. für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Kulturjournalismus, Pressejournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus (at) ijk.hmtm-hannover.de Gunter Reus hat Einführungsbeiträge zum → journalistischen Jargon sowie zu → Sprache und Stil im Journalismus geschrieben. Gerade erschienen: Reus, Gunter: Marcel Reich-Ranicki. Kritik für alle. Darmstadt [wbg Theiss] 2020

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Alliteration

Wortherkunft: Zusammensetzung aus lat. ad = bis zu, bis nach; lat. littera = Buchstabe (vgl. Dudenredaktion 2007: 124)

Die Alliteration ist ein rhetorisches Stilmittel, das im Journalismus vor allem typographisch genutzt wird und hierbei in Überschriften bewusste Anwendung findet – vor allem bei weichen Themen. Sie wird auch Stabreim oder Anreim genannt und bezeichnet einen gleichen „Anlaut der betonten Silben aufeinanderfolgender Wörter“ (Dudenredaktion 2007: 124; Dudenredaktion 2010: 72). Es geht also um Wörter, bei denen die Hauptbetonung auf der Anfangssilbe liegt. Der Duden bringt als Beispiel die Formulierung Wind und Wetter (Dudenredaktion 2010: 72). Da auf diese Weise die Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben auch in einer Verszeile gleich klingen, war der Stabreim in der germanischen Dichtung üblich. Er wurde im 9. Jahrhundert jedoch vom Endreim (Verduften oder schuften?) verdrängt (vgl. Langermann/Felgentreu 2006: 238).

Alliterationen sind visuell und sprachlich auffällig. Darüber hinaus geben sie Textzeilen eine Struktur und damit einen Rhythmus. Sie werden in journalistischen Überschriften meist in Zweier- oder Dreiergruppen arrangiert, können Kombinationen (Pointen, Pop und Poesie) und Ähnlichkeiten markieren (Kunst oder Kitsch?), aber auch Gegensätze akzentuieren (Himmel und Hölle) (vgl. Kurz 2010: 315).

Auch wenn sie weniger für faktische Nachrichten geeignet sind, sind sie nicht auf bestimmte Ressorts begrenzt, sondern finden sich thematisch vielfältig wieder – etwa, wenn eine Kulturkritik mit Musical im Miniformat überschrieben ist oder ein Frauenmagazin eine Fotoreportage mit So schön schwanger betitelt. Ein Artikel im Lokalteil der Westdeutschen Zeitung über die Chancen, in einer Kleinstadt ein Kino anzusiedeln, trägt die Überschrift Wunsch und Wirklichkeit (30.06.2012), während die Salzburger Nachrichten unter dem Titel Der Höllenritt am Hahnenkamm über die Ski-Abfahrt in Kitzbühel berichten (17.01.2015). Im Sportjournalismus finden sich ebenso Alliterationen (Krimi in Krakau über ein entscheidendes Spiel bei der Handball-EM 2016) wie in Ratgebern: So lautete ein Titelthema der Apotheken-Umschau (15.02.1016): Raus aus der Routine, während im gleichen Heft auf Seite 4 ein Beitrag Mit Wonne in die Wanne heißt. Letztlich lassen auch ernste Themen durchdachte Alliterationen zu, etwa ein Geschichtsporträt namens Krupp und der Krieg.

Alliterationen sind aufgrund ihres visuellen und eingängigen Charakters leicht zu merken. Daher eignen sie sich auch als Sendungstitel (titel, thesen, temperamente / ARD) und sind in der Wirtschaft ein längst etabliertes Stilmittel, um eine Marke oder ein Markenprodukt darauf aufzubauen (Coca-Cola, Tom Tailor, Müllermilch, KitKat) sowie Slogans zu generieren. Diese werden auch Claims genannt und können einen hohen Bekanntheitsgrad erreichen wie Geiz ist geil (Saturn), Freude am Fahren (BMW) oder Milch macht müde Männer munter (Westdeutsche Milchwirtschaft) (vgl. Hars 1999).

Die typographische wie auch sprachliche Stärke von Alliterationen beweist auch ein Blick in die literarische Gattung der Comics: Figuren wie Fix & Foxi, Lucky Luke, Micky Maus, Donald Duck, Bugs Bunny und die Fantastic Four sind nur einige Beispiele, die Nutzen und Tradition dieses Stilmittels für diverse Mediengenres veranschaulichen.

Literatur:

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 6. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2007

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 5. Das Fremdwörterbuch. 10. Auflage. Mannheim/Zürich [Dudenverlag] 2010

Hars, Wolfgang: Lexikon der Werbesprüche. 500 bekannte deutsche Werbeslogans und ihre Geschichte. Frankfurt/M. [Eichborn] 1999

Kurz, Josef: Die Überschrift (Der Titel). In: Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010, S. 299-321

Langermann, Detlef; Simone Felgentreu (Hrsg.): Duden. Basiswissen Schule. Deutsch. 2. Auflage. Mannheim [Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG / Dudenverlag] 2006

Text

Wortherkunft: lat. textus = Gewebe, Zusammenhang, vgl. auch das Substantiv ‘Textil’, das mit lat. textilis (= gewebt) den gleichen sprachlichen Ursprung hat.

Vereinfacht formuliert, handelt es sich bei einem Text um einen bestimmten Wortlaut bzw. eine inhaltlich zusammenhängende Folge von Aussagen, deren Wortlaut festgelegt und meist schriftlich fixiert ist. So definiert es der Duden (vgl. Duden Band 1 2013: 1056; Duden Universalwörterbuch 2007: 1676). Weitreichend betrachtet, wird mit dem Begriff jedoch die „oberste Organisationsform von Sprache“ verstanden (Linke/Nussbaumer/Portmann 2001: 223). Er bildet die Basis für den Kommunikationsprozess zwischen Sprecher und Hörer bzw. Schreiber und Leser (vgl. Duden Band 4 1998: 835).

In der sprachwissenschaftlichen Definition von Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul Portmann (2001: 245) ist ein Text „eine komplex strukturierte, thematisch wie konzeptuell zusammenhängende sprachliche Einheit, mit der ein Sprecher eine sprachliche Handlung mit erkennbarem kommunikativem Sinn vollzieht.“ Als sprachliche Handlung ist hier nicht nur eine mündliche, sondern ebenso schriftliche Kommunikation als Möglichkeit gemeint, worauf auch der Begriff ‘Schriftsprache’ verweist (vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann 2001: 212). Wendet man diese Definition auf den Journalismus an, ist der erwähnte kommunikative Sinn in der journalistischen Berichterstattung zu sehen. Schwerpunkte sind hierbei die Absichten der Information, Meinungsäußerung und Unterhaltung. Die sprachliche Einheit besteht im Journalismus in der Regel aus einem oder mehreren Sätzen, die eine kohärente sachliche oder emotionale Information ergeben (vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann 2001: 212, 224f.; Duden Band 4 1998: 836).

Journalistische Texte werden geschrieben oder gesprochen, bisweilen erst gesprochen und dann geschrieben (z. B. bei einem → Interview oder anderweitig bei der → Recherche erworbenen Einzelzitaten zum Abdruck in einer Print-Publikation) oder erst aufgeschrieben und dann gesprochen (wie im Radio und Fernsehen), je nach Medium und Arbeitstechnik (siehe auch → O-Ton und → gebauter Beitrag).

Im Kontext des Journalismus ist ein Text zur Veröffentlichung bestimmt. In der Print- und Onlineberichterstattung ist dafür meist eine annähernde maximale Länge durch die Bemessungsgrößen Zeilen oder Zeichen als Richtlinie vorgegeben, in Radio und Fernsehen je nach → Darstellungsform eine Dauer in Sekunden oder Minuten. In diesen Fällen wird Text auch als „begrenzte Einheit“ bezeichnet (Duden Band 4 1998: 835).

Die äußere und innere Gestaltung eines Textes ist im Journalismus von mindestens fünf Faktoren abhängig:

  1. Medium, in dem der Text veröffentlicht wird,
  2. Mediengenre (grundlegende Stilistik),
  3. Thema des Beitrags,
  4. Darstellungsform (Textfunktion) sowie
  5. Gliederung.

Geht man noch eine Darstellungsebene höher, ist ein solcher Text „eingebettet in größere sprachlich-kommunikative Zusammenhänge“ (Linke/Nussbaumer/Portmann 2001: 223), etwa eine Zeitungsmeldung innerhalb der gesamten Publikation. Die Publikation gilt dann als Ganztext, der einzelne Artikel als Teiltext (vgl. Duden Band 4 1998: 835). Der Grammatik-Duden spricht hierbei von einer Ordnungshierarchie (vgl. ebd.).

Im journalistischen Sprachgebrauch finden sich zudem die Verbableitung ‘texten’ und das Substantiv ‘Texter’ (wobei die Tätigkeitsbezeichnung ‘Texter’ eher in der Werbebranche und der Musikindustrie üblich ist).

Literatur:

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 4. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. 6. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 1998

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 6. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2007

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 1. Die deutsche Rechtschreibung. 26. Auflage. Berlin [Dudenverlag] 2013

Linke, Angelika; Markus Nussbaumer; Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 4. Auflage. Tübingen [Niemeyer] 2001

Überschrift

Als Überschrift bezeichnet man im Journalismus die Schrift oberhalb eines Artikels bzw. die leitende Schriftzeile, engl. headline (= die Zeile am ‚Kopf‘ des Beitrags). Sie wird auch Schlagzeile genannt (Das Thema Eurofighter landet immer wieder in den Schlagzeilen / Der ADAC kommt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus), wobei das Wort ‚Schlag‘ eine ‚treffende‘ Beschreibung meint und in dieser Bedeutung von mhd. slahen bzw. engl. to slay für ‚erschlagen‘ stammt (vgl. Duden Band 7 2001: 721f.). Auch das Lexem ‚Titel‘ ist geläufig (vgl. Duden Band 7 2011: 848), allerdings hat dieser Begriff Homonym-Charakter, da er auch das Titelbild (Cover), den Titel einer Publikation (Zeitungstitel, Musiktitel, Filmtitel) oder einen Sendungstitel meinen kann; zudem ist er Teil offizieller Bezeichnungen (Doktortitel etc.). Er findet sich im Journalismus auch in der Verbform ‚titeln‘ wieder (einen Text mit einer Überschrift versehen).

In ihrer kommunikativen Funktion ist die Überschrift eine plakative Hauptzeile, die auf den nachfolgenden Artikel aufmerksam macht und ihn damit beim Leser bewirbt. Metaphorisch wird sie auch als Aushängeschild eines Artikels bezeichnet. Sie soll also Neugier wecken, dabei aber auch sachliche Information transportieren. Auf diese Weise hat die Überschrift eine ähnliche Funktion wie ein Werbeslogan, allerdings ohne falsche Versprechungen und Übertreibungen (vgl. Kurz 2010: 299). Die Überschrift gehört aufgrund ihrer Formatierung (größere, oft fett gesetzte Schrift, ein- oder mehrzeilig) und inhaltlich kompakten Zusammenfassung (bei Nachrichten) oder atmosphärischen Beschreibung (bei erzählenden Darstellungsformen wie Reportage oder Porträt) neben Vorspann/Unterzeile und Bebilderung zu den auffälligsten Bausteinen eines Artikels. Sie ist damit eines der wichtigsten Mittel zum Rezeptionsanreiz.

Überschriften lassen sich stilistisch in diverse Gattungen einteilen: Grundlegend für den Inhalt ist hierbei die Unterscheidung in Thema- und Aussagetitel (vgl. Kurz 2010: 301), die sich auch in ’nachrichtlich allgemein‘ (Neue Debatte um Stadionbau) und ’nachrichtlich konkret‘ (Gericht stoppt Ausbau der A44) differenzieren lassen. Bei künstlerisch-publizistischen Darstellungsformen lehnen sich die Überschriften stilistisch oft an literarische Titelgebung an, etwa Die Nacht ist zum Staunen da (Reportage über eine Museumsnacht), Neozoten – Invasion der fremden Pflanzen (populärwissenschaftlicher Beitrag) oder Der Waldmeister vom Langenhorst (Porträt über einen Förster).

Auch in Syntax und Grammatik ist eine fachliche Differenzierung vorhanden: Elementar ist die Gliederung in verbbetonte und substantivische Überschriften. Bei den verbbetonten Überschriften ist einerseits die aktive Variante gängig, die häufig im Präsens steht, wodurch sie die Aktualität erhöht: Brand legt S-Bahn lahm, Gabriel setzt Merkel unter Druck, Stadt will Kinderbauernhof verkaufen. Andererseits hat sich die passive Variante als syntaktische Sparform etabliert: Sie verkürzt die Aussage der Überschrift elliptisch durch das Weglassen von Prädikat (meist die finite Verbform), Artikel oder Possessivpronomen (vgl. Kurz 2010: 304; Sandig 1971: 60-106): ARD-Fernsehteam bei Recherche festgenommen, Winterreifen-Pflicht für Fahrräder gefordert, Tarifkompromiss mit Piloten geplatzt.

Substantivische Überschriften werden auch als Nominalstil bezeichnet und kommen ohne Verb und oft auch ohne Artikel aus: Erfolg im Kampf gegen Navidiebe, Warnung vor Kombipräparat bei Erkältung, Zwölf Tote bei Brand in Karaokebar.

Doppelpunkte
Auch anhand der Interpunktion lassen sich Überschriften in Kategorien gliedern. Wie in Fließtexten haben die Satzzeichen hier den Zweck, die Überschrift zu strukturieren. Am häufigsten geschieht dies durch den Doppelpunkt, bei dessen Verwendung drei Varianten gebräuchlich sind (vgl. Kurz 2010: 305f.):

(1) Quelle: Aussage
US-Behörde: 2015 war das heißeste Jahr
„Focus“: Kein Verfahren gegen Leiter der JVA
Im letzten Fall geht es darum, eine Nachricht zu publizieren, deren Inhalt eine andere Zeitung exklusiv veröffentlicht hat. Bei solchen Zitaten wird der Titel der Publikation in der Überschrift genannt (hier das Nachrichtenmagazin Focus).

Zu dieser ersten Gruppe gehören auch Redetitel, also Überschriften mit dem Zitat einer natürlichen Person (Roland Kaiser: „Ich war ein Kotzbrocken”). Außer bei derartigen Meldungen werden Zitate in der Überschrift von Interviews (als Darstellungsform) in der Regel ohne Quelle angegeben, da diese offensichtlich ist. Das ausgewählte Zitat enthält meist eine Kernaussage, die neugierig macht und gleichzeitig ein herausragendes Merkmal des Interviewten charakterisiert:

„Die AfD ist Rassismus im Nadelstreifenanzug“
(Interview von Marcus Ertle mit Claudia Roth. Galore, 1, 2015: 48-54)

„Ich will doch nur Spaß haben“
(Interview von Anne Grages mit Hugo Egon Balder. Westdeutsche Zeitung, 25.11.2005: 7)

(2) Ursache: Ereignis
Krebserkrankung: Barça-Trainer Vilanova tritt zurück
Insolvenz: Sanierung des Bürgerhauses unterbrochen

(3) Stichwort: Aktuelles
Kneipen-Test: Bakterien aus jedem sechsten Zapfhahn
Flüchtlingskrise: Österreich fordert Obergrenze
VW-Tarifrunde: IG Metall will mehr Geld und Altersteilzeit

Darüber hinaus sind vereinzelt Überschriften mit Trennstrich oder Komma geläufig (4,1 % mehr – Metall wendet Streik ab / Garvey geht, Haber kommt: Stühlerücken bei „The Voice of Germany“). Sie gliedern ebenfalls Informationen und trennen gedankliche Einheiten, wobei der Trennstrich mehr Distanz zwischen den Informationen setzt als das Komma.

Ausrufezeichen
Überschriften mit Ausrufezeichen sind im Boulevardjournalismus und in Magazinbeiträgen sowie auf deren Titelseiten gebräuchlich. Sie haben oft eine kommentierende Funktion und verleihen der zugehörigen Aussage einen besonderen Nachdruck (vgl. §69 der amtlichen Regeln für die deutsche Rechtschreibung und Zeichensetzung 2006: 75).

Heul doch! Eine Deutschlandreise zu Menschen, die nicht jammern, sondern machen
(Neon, August 2015, Titelseite)

Hintern hoch! Wie Sie Sport treiben, obwohl Sie keine Lust dazu haben
(myself, Februar 2016, Titelseite)

Ausrufezeichen sollten jedoch sparsam verwendet werden, da die Nähe zur expliziten Werbung (Auf in den Modefrühling! / Gesucht, gefunden, gekauft!) die Absicht der Berichterstattung beeinträchtigen kann – es sei denn, es handelt sich um einen PR-Text oder eine so genannte Sonderveröffentlichung mit entsprechendem Reklamezweck.

Fragezeichen
Fragezeichen sind in Überschriften selten, vor allem in Nachrichten; denn diese informieren in der Regel über Fakten. Geht es in der Berichterstattung um Ungewissheiten, schwingt beim Einsatz eines Fragezeichens fast immer der Faktor der Spekulation mit: Kaufte Katar die WM? / Gibt es bald keine Lokführer mehr? / Wird Michael Schumacher wieder gesund? Daher sind Fragezeichen häufiges Mittel in der Sparte der illustrierten Wochenzeitschriften (‚Klatschblätter‘), um faktisch in ihrem Wahrheitsgehalt nicht gedeckte Mitteilungen zu verbreiten, die oftmals auf Gerüchten oder gar bewussten Fehlinterpretationen seitens der Redaktion basieren: Charlene & Albert – Wird ihre Ehe jetzt annulliert? / TV-Star Jan Fedder: Wie lange hält er noch durch? Legitim ist das Fragezeichen hingegen, wenn die im Titel gestellte Frage als Themengrundlage dient: Fußball-Reporter: Entertainment oder Journalismus? (Radiobeitrag).

Eine wissenschaftlich bislang nur beiläufig analysierte Variante der Titelgestaltung sind Wortspiele, meist in Gestalt bereichskonformer Metaphern: Die appgelenkte Generation. Kinder und Jugendliche leiden zunehmend unter Smartphone-Stress (Hannoversche Allgemeine) / Totalschaden bei VW: Winterkorn verdieselt sich! (Bild). Je nach Medium und Anspruch sind sie vor allem in künstlerisch-publizistischen und argumentativen Genres üblich. Auf den metaphorischen Gehalt bezogen hat sich die belgische Linguistin Sabine De Knop in ihrer lange zurückliegenden Dissertation Metaphorische Komposita in Zeitungsüberschriften (1987) mit diesem Aspekt beschäftigt.

Forschungsstand
Abgesehen von Praxisratgebern der Sorte ‚100 Tipps für kreatives Schreiben‘ sind Forschungen zur Überschrift oft in wissenschaftliche Publikationen zur generellen Stilistik des Journalismus integriert. Dazu gehört etwa die als Arbeitsbuch bezeichnete Veröffentlichung Journalistisches Texten von Jürg Häusermann (2011: 187-201). Als detaillierte Einzelbände zum Thema sind Markus Reiters Fachbuch Überschrift, Vorspann, Bildunterschrift (2009), in dem er in der zweiten Auflage auch auf Suchmaschinenoptimierung für Überschriften eingeht, sowie die Werke von Wolf Schneider hervorzuheben, zuletzt 2015 die fünfte Auflage des Standardwerkes Die Überschrift (zusammen mit Detlef Esslinger).

Einen ausführlichen Überblick über die Überschriften-Stilistik des Boulevardjournalismus bietet der Mammutband Das Bild Buch (752 Seiten), 2012 herausgegeben vom damaligen Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann. Variationsreicher ging 1992 Carl A. Rüede vor und präsentierte seine Sammlung Die besten Schlagzeilen aus Presse und Werbung aus deutschsprachigen, englischen und französischen Medien.

Literatur:

De Knop, Sabine: Metaphorische Komposita in Zeitungsüberschriften. Tübingen [Max Niemeyer] 1987

Diekmann, Kai (Hrsg.): Das Bild Buch. Köln [Taschen] 2012

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001

Esslinger, Detlef; Wolf Schneider: Die Überschrift. Sachzwänge • Fallstricke • Versuchungen • Rezepte. 5. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2015

Häusermann, Jürg: Journalistisches Texten. Sprachliche Grundlagen für professionelles Informieren. 3. Auflage. Konstanz [UVK] 2011

Kurz, Josef: Die Überschrift (Der Titel). In: Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010, S. 299-321

Sandig, Barbara: Syntaktische Typologie der Schlagzeile. Möglichkeiten und Grenzen der Sprachökonomie im Zeitungsdeutsch. München [Hueber] 1971

Rat für deutsche Rechtschreibung: Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/download/regeln2006.pdf. 2006

Reiter, Markus: Überschrift, Vorspann, Bildunterschrift. 2. Auflage. Konstanz [UVK] 2009

Rüede, Carl A.: Die besten Schlagzeilen aus Presse und Werbung. Zugkräftige Headline-Ideen nach Stichwörtern leicht auffindbar geordnet. Thun [Ott] 1992