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Theorien der Kommunikationswissenschaft

    Eine Einführung von Michael Kunczik

    Wortherkunft: griech. theôria = Betrachtung, Erkenntnis, Anschauung

    Über den sozialwissenschaftlichen Theoriebegriff besteht in der Literatur keine Einigkeit. In Anlehnung an Hans Albert können Theorien als umfassende Systeme von Hypothesen verstanden werden, die in Form von logisch zusammenhängenden Urteilen versuchen, einzelne Phänomene der Wirklichkeit (hier: die Massenkommunikation) zu beschreiben, zu erklären und ggf. zu prognostizieren, also vorherzusagen. Zu ihrer Entwicklung und Zuverlässigkeit (dem Faktor der Validierung), bedürfen Theorien einer kontinuierlichen Überprüfung durch empirische Forschung. Diese vermag nach dem Kritischen Rationalismus Karl R. Poppers Theorien zu widerlegen, sie jedoch nicht endgültig zu beweisen, da stets nur Ausschnitte der Realität zur Überprüfung allgemeiner theoretischer Annahmen herangezogen werden können. Mit der Zahl nicht-widerlegbarer empirischer Untersuchungen steigt der Bewährungsgrad einer Theorie.

    Die Kommunikationswissenschaft stellt ein Integrationsfach dar. In ihrer interdisziplinären Ausrichtung bezieht sie eine Vielzahl von Erkenntnissen aus benachbarten Wissenschaften (z. B. Psychologie, Soziologie oder Politikwissenschaft) ein, überträgt diese auf den Bereich der Massenkommunikation und legt sie dort letztlich der eigenen Theoriebildung bzw. -spezifikation zugrunde. Dabei ist zu berücksichtigen, dass eindeutige Fachgrenzen heute nicht mehr mit Ausschließlichkeitsanspruch zwischen einzelnen sozialwissenschaftlichen Disziplinen eingefordert werden können. Vielmehr erweisen sich die Übergänge mit Blick auf den jeweiligen Forschungsgegenstand und die zugrunde gelegten Methoden als fließend. Zu den wichtigsten theoretischen Konzeptionen der Kommunikationswissenschaft zählen u. a. die Theorie der Schweigespirale, das Modell des Agenda-Settings, der Nutzen- und Belohnungsansatz und die → Nachrichtenwerttheorie.

    Allgemein lassen sich drei Gruppen an sozialwissenschaftlichen Theorien in der Kommunikationswissenschaft unterscheiden: Während Mikro-Theorien auf der Ebene von Individuen und Kleingruppen angesiedelt sind (z. B. Handlungs-, Lern- oder Interaktionstheorien), beziehen sich Meso-Theorien auf die Ebene von Organisationen und Verbänden (z. B. PR- oder Journalismus-Theorien). Makro-Theorien betrachten schließlich die zu erklärenden Phänomene aus der Perspektive der Gesamtgesellschaft (z. B. Systemtheorie, kritischer Materialismus, Cultural Studies). In der Kommunikationswissenschaft dominieren Theorien mittlerer Reichweite, die sich auf die Erklärung eines eng umgrenzten Bereiches der Massenkommunikation konzentrieren.

    Literatur:

    Bentele, Günter; Manfred Rühl (Hrsg.): Theorien öffentlicher Kommunikation. Problemfelder, Positionen, Perspektiven. München [Ölschläger] 1993

    Burkart, Roland; Walter Hömberg (Hrsg.): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung. 3. Auflage. Wien [Braumüller] 2004

    Kunczik, Michael: Kommunikation und Gesellschaft. Theorien zur Massenkommunikation. Köln/Wien [Böhlau] 1984

    Weber, Stefan (Hrsg.): Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus. Konstanz [UVK/UTB] 2003

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Agenda-Setting

Wortherkunft: engl. Agenda = Agenda, Programm, Themenkatalog;
engl. Setting = Rahmen, Festsetzung; hier: Themensetzung

Definition:
Der Begriff Agenda-Setting wurde Anfang der 1970er Jahre von Maxwell McCombs und Donald Shaw geprägt. Er beschreibt in seiner ursprünglichen Form die Themensetzungsfunktion der Massenmedien: Demnach sortieren Menschen politische Sachthemen oder Probleme (Issues) auf einer Art interner Prioritätenliste nach ihrer → Relevanz (Publikumsagenda, gemessen über Befragungen). Wie relevant ihnen die verschiedenen Themen erscheinen, hängt der Theorie zufolge vor allem davon ab, wie häufig oder prominent die Massenmedien über die Themen berichten (Medienagenda, gemessen über Medieninhaltsanalysen). Der Agenda-Setting-Ansatz unterstellt in seiner einfachsten Form folglich einen linearen Einfluss der Medien- auf die → Publikumsagenda. Berichten die Massenmedien beispielsweise vor allem über den Klimawandel, halten die Menschen dieses Thema für besonders relevant. Wechselt der mediale Fokus auf Flüchtlingspolitik, erscheint diese den Menschen am bedeutsamsten, während der Klimawandel aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet – und zwar auch dann, wenn sich an der objektiven Bedrohung durch den Klimawandel nichts ändert. Dieser Effekt entsteht, weil sich die meisten Menschen über politische Sachfragen aus den Massenmedien informieren und ihre Informationsverarbeitungskapazität begrenzt ist: Sie können sich nicht mit allen Problemen gleichzeitig beschäftigen und beschäftigen sich folglich vor allem mit denjenigen, die ihnen medial regelmäßig vor Augen geführt werden.

Geschichte:
Die Geschichte der Agenda-Setting-Forschung lässt sich grob in sechs Phasen einteilen (Maurer 2017).

1. Die Entdeckung des Effekts
Auch wenn andere Autoren bereits zuvor ähnliche Ideen formuliert hatten, begann die Agenda-Setting-Forschung im engeren Sinne im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 1968. Maxwell McCombs und Donald Shaw befragten in ihrer Pionierstudie 100 unentschlossene Wähler, welche Themen sie im Wahlkampf für besonders relevant hielten, und untersuchten gleichzeitig, über welche Themen die Medien im Wahlkampf besonders häufig berichteten. Dabei zeigte sich ein fast perfekter Zusammenhang (McCombs/Shaw 1972). Weitere Studien mit aufwändigeren Forschungsdesigns belegten zudem, dass der Einfluss der Medien- auf die Publikumsagenda deutlich größer ist, als der umgekehrte Einfluss der Publikums- auf die Medienagenda.

2. Die Untersuchung der Randbedingungen
Ab Mitte der 1970er Jahre widmete sich die Forschung vor allem den Randbedingungen des Agenda-Setting-Effekts. Dabei zeigte sich z. B., dass Tageszeitungen stärkere Agenda-Setting-Effekte verursachen als Fernsehnachrichten, dass Agenda-Setting-Effekte vor allem bei Themen auftreten, die außerhalb der direkten Erfahrungswelt der Menschen liegen, und dass Menschen mit hohem Orientierungsbedürfnis (Need for Orientation) die Medienagenda mit besonders großer Wahrscheinlichkeit übernehmen.

3. Neue Theorien und neue Modelle
Im Verlauf der 1980er Jahre geriet die relativ einfache Annahme eines linearen Agenda-Setting-Effekts (je mehr Medienbeiträge über ein Thema, desto stärker der Effekt) zunehmend in die Kritik. Einige Studien nahmen beispielsweise an, dass Agenda-Setting-Effekte erst auftreten, wenn die Berichterstattungsmenge einen gewissen Schwellenwert überschritten hat. Umgekehrt wurde vermutet, dass Agenda-Setting-Effekte auch dann noch nachwirken, wenn die Berichterstattung über ein Thema längst abgeebbt ist. Zugleich gerieten individuelle Agenda-Setting-Effekte in den Blick der Forschung. Die frühen Agenda-Setting-Studien hatten den Einfluss einer weitgehend einheitlichen Medienagenda auf eine weitgehend einheitliche Publikumsagenda untersucht (Aggregatdatenanalyse), nun wurde angenommen, dass sich einzelne Rezipienten je nach individuell genutzten Medieninhalten in ihren Themenagenden voneinander unterscheiden (Individualdatenanalyse).

4. Einflüsse auf die Medienagenda
Während sich die frühen Agenda-Setting-Studien mit der Frage beschäftigten, wie die Medienagenda die Bevölkerungsagenda beeinflusst, geriet nun auch zunehmend die Frage in den Blick, wie die Medienagenda selbst zustande kommt. Den dahinterstehenden Prozess bezeichnet man auch als ‚Agenda-Building‘. Rogers und Dearing (1988) entwickelten hierzu ein komplexes Modell der Zusammenhänge von Medienagenda, Publikumsagenda und der Agenda politischer Akteure (Policy Agenda), das man auch als das Dreieck politischer Kommunikation bezeichnet. Während man theoretisch wechselseitige Einflüsse aller drei Agenden aufeinander vermuten kann, zeigten sich tatsächlich vor allem die bereits bekannten Einflüsse der Medien- auf die Publikumsagenda sowie Einflüsse der Policy- auf die Medienagenda. Hier geht es etwa darum, dass die Medienagenda von politischer PR oder auch schlicht davon beeinflusst wird, mit welchen Themen sich die Politik z. B. im Parlament gerade beschäftigt. Alle übrigen Einflüsse fielen dagegen eher schwach aus.

5. Ausweitung des Ansatzes auf andere Medienwirkungsphänomene
Obwohl sich der Agenda-Setting-Ansatz in seiner Frühzeit explizit gegenüber den Ansätzen der Medienwirkungsforschung abgegrenzt hatte, die sich mit Medienwirkungen auf die Einstellungen der Rezipienten beschäftigten, begann einer der Begründer des Ansatzes, Maxwell McCombs, Mitte der 1990er Jahre damit, unter dem Label ‚Attribute Agenda Setting‘ bzw. ‚Second-Level Agenda Setting‘ auch Medienwirkungen auf Einstellungen zu untersuchen (McCombs et al. 1997). Demnach werden in den Medien nicht nur Themen, sondern auch positive und negative Eigenschaften von Personen oder Argumente für und gegen einen bestimmten Standpunkt (Attribute) in den Vordergrund gerückt. Diese Attribute werden von den Rezipienten mit hoher Wahrscheinlichkeit übernommen. Der Ansatz ähnelt dem → Framing-Konzept, das ebenfalls Medienwirkungen auf Einstellungen postuliert. Zu Beginn der 2010er Jahre entwickelte McCombs schließlich den Network-Agenda-Setting- bzw. Third-Level-Agenda-Setting-Ansatz. Hier geht es darum, dass Themen und Attribute in den Köpfen der Rezipienten wie in einer Art Netzwerk miteinander verbunden sind. Diese Netzwerkstruktur wird dem Ansatz zufolge wiederum davon geprägt, wie häufig die Themen und Attribute in der Medienberichterstattung miteinander verbunden werden (Guo 2012). Treten also beispielsweise die Themen Kriminalität und Zuwanderung in Medienbeiträgen häufig gemeinsam auf, nehmen auch die Rezipienten diese Themen als zusammengehörig war.

6. Theoriemodifikationen in der Online-Welt
Die zunehmende Bedeutung von Online-Medien und insbesondere → sozialer Medien für die politische Kommunikation wirft die Frage auf, ob der Agenda-Setting-Ansatz unter diesen Bedingungen modifiziert werden muss (Weimann und Brosius 2017). Dabei geht es vor allem um drei Entwicklungen: Erstens führt die Vielzahl neuer Medien möglicherweise dazu, dass sich auch die Mediennutzung immer weiter ausdifferenziert. Wäre dies der Fall und unterschieden sich die Themenagenden der neuen Medien erheblich voneinander, wären zukünftig Agenda-Setting-Effekte auf die gesamte Bevölkerung sehr unwahrscheinlich. Zweitens verändern sich die Inhalte neuer Medien z. B. aufgrund von statistischen Auswertungen zur Nutzungshäufigkeit einzelner Beiträge und Rezipienten-Kommentaren kontinuierlich. Dieser neuen Dynamik im Agenda-Setting-Prozess werden einfache Ursache-Wirkungs-Annahmen kaum noch gerecht. Drittens erhalten die Bürger durch soziale Medien deutlich größere Einflussmöglichkeiten. Statt Informationen nur passiv zu rezipieren, können sie nun z. B. durch das Schreiben von Kommentaren und das Weiterleiten von Beiträgen selbst Agenda-Setting betreiben. Es stellt sich folglich die Frage, ob Agenda-Setting-Effekte auch zukünftig vor allem von journalistischen Nachrichtenmedien ausgehen oder ob diese Funktion zunehmend von Bürgern oder Politikern über soziale Medien wahrgenommen wird.

Forschungsstand:
Der Agenda-Setting-Ansatz gehört zu den am häufigsten untersuchten und am besten belegten Ansätzen der Medienwirkungsforschung (für eine ausführliche Zusammenfassung des Forschungsstands siehe die einschlägigen Lehrbücher McCombs 2014; Maurer 2017). Dass die Medienberichterstattung einen erheblichen Einfluss auf die Vorstellungen der Menschen davon hat, welche politischen Themen aktuell besonders relevant sind, ist heute weitgehend unumstritten. Dass diese Vorstellungen zum Teil weitreichende Folgen haben, z. B. für das (Wahl-)Verhalten der Bevölkerung, ist ebenfalls gut belegt. Politische Parteien und andere Interessengruppen versuchen deshalb, die Medienagenda zu beeinflussen, um daraus Vorteile zu ziehen.  Die wichtigste Frage für die zukünftige Forschung wird sein, ob journalistische Nachrichtenmedien ihre Schlüsselrolle im Agenda-Setting-Prozess auch weiterhin behalten werden.

Literatur:

Guo, Lei: The application of social network analysis in agenda setting research: A methodological exploration. In: Journal of Broadcasting & Electronic Media, 56, 2012, S. 616-631.

Maurer, Marcus: Agenda-Setting. 2. Auflage. Baden-Baden [Nomos] 2017.

McCombs, Maxwell E.: Setting the agenda. The mass media and public opinion. 2nd edition. Cambridge [Polity Press] 2014.

McCombs, Maxwell; Juan Pablo Llamas; Esteban Lopez-Escobar; Federico Rey: Candidate images in Spanish elections. Second level agenda-setting effects. In: Journalism & Mass Communication Quarterly, 74, 1997, S. 703-717.

McCombs, Maxwell; Donald L. Shaw: The agenda-setting function of the mass media. In: Public Opinion Quarterly, 36, 1972, S. 176-187.

Rogers, Everett M.; James W. Dearing: Agenda-Setting research: Where has it been, where is it going? In: James A. Anderson: Communication Yearbook. Beverly Hills [Sage] 1988, S. 555-594.

Weimann, Gabriel; Hans-Bernd Brosius: Redirecting the agenda. Agenda-Setting in the online era. In: The Agenda Setting Journal, 1, 2017, S. 63-101. 

Echokammer

Wortherkunft: Der Begriff der Echokammer (engl. ,echo chamber’) verweist auf einen metaphorischen Raum, in dem Aussagen verstärkt und Störgeräusche, etwa anders lautende Meinungen, geschluckt werden. Einzug in die → Kommunikationswissenschaft hielt der Begriff bereits 2001 durch einen Essay des US-Rechtswissenschaftlers Cass Sunstein (Sunstein 2001); breitere Berücksichtigung fand er indes erst durch das 2007 erschienene Buch Republic.com 2.0 Sunsteins. 

Mitunter synonyme Verwendung findet der Begriff der Filterblase (engl. ,filter bubble’), der allerdings nicht bedeutungsgleich ist (vgl. weiter unten). Er wurde 2011 durch die Auftritte und das gleichnamige Buch des US-Autors und Online-Aktivisten Eli Pariser eingeführt.

Definition:
Echokammern beschreiben in der → Kommunikationswissenschaft eine Hypothese (vgl. Rau/Stier 2019): Sie besagt zunächst, dass sich die öffentliche Kommunikation in voneinander isolierte ,Kammern‘ verlagert – ein Prozess, der als Fragmentierung bezeichnet wird. Eine solche Fragmentierung verläuft dabei nicht zufällig, sondern entlang von Einstellungen und Meinungen: Auf der Mikroebene geht die Echokammer-Hypothese also davon aus, dass sich Menschen mit ähnlichen Ansichten zunehmend in geschützten Räumen austauschen. Eine solche Fragmentierung ist dabei nicht per se als negativ zu beurteilen, im Gegenteil: Meinungsvielfalt gilt als vitales Merkmal einer funktionierenden Demokratie und die sichtbare Ausdifferenzierung politischer Ansichten ist mitunter imstande, die politische Beteiligung Einzelner zu stärken.

Die Echokammer-Hypothese geht allerdings von einer übermäßigen und für andere weitestgehend unsichtbaren Fragmentierung aus, in der einseitige Perspektiven gegenseitig verstärkt werden, anders lautende Meinungen immer weniger Beachtung finden und sogar Misstrauen schüren. Entsprechend gehe die Fragmentierung auf der Mikroebene dabei einher mit einer verstärkten Polarisierung der Öffentlichkeit auf der Makroebene. Eine solche Polarisierung ist für die Gesellschaft wenig wünschenswert, insofern eine funktionierende → Öffentlichkeit als zentraler Bestandteil moderner Demokratien betrachtet wird. Echokammern, so die Befürchtung, gefährden eine gemeinsame Öffentlichkeit, den gesellschaftlichen Diskurs, die Möglichkeit einer Konsensfindung, soziale Integration und damit letztlich die Demokratie (Aelst u. a. 2017). 

Eine zentrale Rolle spielen dabei die Medien und insbesondere die moderne Mediennutzung. So kann sich einerseits eine Gesellschaft polarisieren, weil Menschen Informationen und Ansichten bevorzugen, die ihrer individuellen Perspektive entsprechen. Polarisierung lässt sich also als Folge von einseitiger Mediennutzung betrachten, die sich aus der Notwendigkeit ergibt, aus der Vielfalt an im Internet verfügbaren Informationen selektieren zu müssen (Prior 2007; Stroud 2010). Andererseits kann eine in Teilen polarisierte Gesellschaft dazu beitragen, dass Menschen bestimmte Ansichten vermehrt selbst vertreten und deshalb bestimmte Medien oder Personen gegenüber anderen vorziehen. Polarisierung lässt sich also auch als Ursache einseitiger Mediennutzung verstehen (Dahlgren 2019; Müller u. a. 2017). 

Zusammen genommen ergibt sich daraus ein Spiralprozess, bei dem eine einseitige Mediennutzung zur Polarisierung einer Gesellschaft beiträgt, was wiederum eine einseitige Mediennutzung begünstigt. Hinzu kommt, dass insbesondere in algorithmisch kuratierten Medienumgebungen – etwa bei Nachrichtenaggregatoren, auf sozialen Netzwerkseiten oder in Suchmaschinen – nicht nur Menschen eine Auswahl aus der verfügbaren Vielfalt an Informationen und Meinungen treffen, sondern Algorithmen bereits eine Vorauswahl treffen. Neben sozialen Aspekten beeinflussen also auch technologische Prämissen die angesprochenen Tendenzen der Fragmentierung und damit mitunter auch der Polarisierung.

Abgrenzung zu Filterblasen:
Spätestens an dieser Stelle unterscheiden sich Echokammern und Filterblasen voneinander. Während die Echokammer-Hypothese den gesellschaftlichen Prozess einer Polarisierung aufgrund zunehmender Fragmentierung in digitale Räume zu beschreiben sucht, zielen Filterblasen primär auf ,Filter‘ ab, mithin also auf technologische Prämissen zugrunde liegender Algorithmen und Daten. 

Dabei lassen sich grundlegend drei technologische Prämissen unterscheiden, nach denen Filter operieren (vgl. Oechslein/Hess 2013):
(1) Systeme des ,collaborative filtering‘ suchen nach Nutzungsmustern, leiten ihre Prognosen also vom Verhalten anderer ab, ohne dabei die Inhalte selbst zu kennen („Kunden wie Sie kauften auch …“);
(2) ,content filtering‘-Systeme vergleichen inhaltliche Merkmale und leiten davon Prognosen ab („Ähnliche Produkte sind …“);
(3) Systeme des ,social filtering‘ gehen schließlich von ähnlichen Interessen zwischen verlinkten Personen aus und leiten Prognosen vom Verhalten sozial naher Personen ab („Freundin X kaufte auch …“).
Darüber hinaus existieren zahlreiche Kombinationen dieser drei Prämissen, die mitunter auch als ,hybrid filtering‘ umschrieben werden.

Die Filterblasen-Hypothese geht nun davon aus, dass das Zusammenspiel dieser Filter und die dadurch konstant beeinflusste Nutzung algorithmisch kuratierter Medienumgebungen dazu führt, dass bestimmte Produkte, Inhalte oder Meinungen in den Filtern hängen bleiben. Es bilde sich also, so die Hypothese Eli Parisers, eine Blase, in die nurmehr kommt, was den Filtern entspricht. Im Gegensatz zu Echokammern handelt es sich bei Filterblasen also um eine äußerst technikdeterministische Sichtweise auf den Gegenstand algorithmisch kuratierter Medienumgebungen, bei der individuelle Prädispositionen, soziale Prozesse oder gesellschaftliche Entwicklungen kaum eine Rolle spielen. 

Forschungsstand:
Der These der Fragmentierung wird in unterschiedlichen Disziplinen mit einer Vielzahl an methodischen Zugängen und im Rahmen zahlreicher Medienumgebungen begegnet. Die Befunde zeigen dabei ein verhältnismäßig einheitliches Bild, das sich im Kern auf drei Perspektiven reduzieren lässt: 

(1) Aus Sicht der Nutzung zeigen sowohl Befragungen (Bodó u. a. 2019) als auch Beobachtungen (Bakshy/Messing/Adamic 2015), dass bestimmte Personen sich vermehrt abseits eines sogenannten Mainstreams informieren und austauschen. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass sich der Großteil solcher Personen dabei aber nicht von einer breiteren Öffentlichkeit entkoppelt, sondern diese Personen in der Regel breit informiert und politisch engagiert sind (Fletcher/Nielsen 2017; Ørmen 2018; Scharkow u. a. 2020). 

(2) Aus Sicht des Informationsangebots zeigen insbesondere agentenbasierte Testverfahren (Feuz/Fuller/Stalder 2011; Haim/Arendt/Scherr 2017) und Simulationen (Möller u. a. 2018; Rao u. a. 2013), dass es kaum zu Einschränkungen der → Vielfalt an Themen, Akteuren, Quellen oder Meinungen im Rahmen von Systemen, die verstärkt Ansätze des ,collaborative filtering‘ oder des ,content filtering‘ erfolgen, kommt. Gleichzeitig zeigen einige Untersuchungen zumindest Tendenzen der Fragmentierung, wenn es etwa um regionale (Hannak u. a. 2013) und sprachliche (Scherr/Haim/Arendt 2019) Anpassungen oder um personalisierte Werbung (Haim/Graefe/Brosius 2018) geht. Ferner zeigen Ergebnisse um ,social filtering‘-Systeme für sehr homophile Nutzungsgruppen durchaus Effekte verstärkter Entkoppelung von einer breiteren Öffentlichkeit (Barberá u. a. 2015; Colleoni/Rozza/Arvidsson 2014). 

(3) Über die Zeit gesehen scheint weder die Fragmentierung der Nutzung noch die des Informationsangebots zuzunehmen, der Grad der Fragmentierung ist weitestgehend unkritisch und konstant (Cozza u. a. 2016; Feuz/Fuller/Stalder 2011; Haim/Arendt/Scherr 2017; Puschmann 2019; Zuiderveen Borgesius u. a. 2016). Die einzige Ausnahme bilden besonders homophile Gruppen, deren Kommunikation in sozial geprägten algorithmisch kuratierten Medienumgebungen von gegenseitiger Bestätigung und fehlenden ernsthaft vertretenen Gegenargumenten geprägt ist (Bruns 2019). 

Insbesondere für solche Gruppen scheint sich dann auch die These der Polarisierung zu bestätigen, wonach eine bestimmte politische Orientierung mit einer bestimmten und mitunter äußerst selektiven Mediennutzung einhergeht (Bozdag u. a. 2014; Stroud 2010). Diese isolierte Mediennutzung scheint dabei auch mit einer höhen Affinität für → ,fake news‘ einherzugehen (Allcott/Gentzkow 2017; Arendt/Haim/Beck 2019) und anfällig für verzerrte Darstellungen vermeintlicher Mehrheitsmeinungen zu sein (Haim/Kümpel/Brosius 2018; Porten-Cheé u. a. 2018). Vom Fehlen einer gemeinsamen Öffentlichkeit in der Breite der Gesellschaft kann indes derzeit nicht die Rede sein (Boxell/Gentzkow/Shapiro 2017; Fletcher/Jenkins 2019; King/Schneer/White 2017; Levendusky/Malhotra 2016).

Literatur:

Aelst, Peter van; Jesper Strömbäck; Toril Aalberg; Frank Esser; Claes H. de Vreese; Jörg Matthes; David Hopmann, u. a.: Political communication in a high-choice media environment: A challenge for democracy? In: Annals of the International Communication Association 41 (1), 2017, S. 3-27. https://doi.org/10.1080/23808985.2017.1288551

Allcott, Hunt; Matthew Gentzkow: Social Media and Fake News in the 2016 Election. In: Journal of Economic Perspectives 31 (2), 2017, S. 211-36. https://doi.org/10.1257/jep.31.2.211

Arendt, Florian; Mario Haim; Julia Beck: Fake News, Warnhinweise und perzipierter Wahrheitsgehalt: Zur unterschiedlichen Anfälligkeit für Falschmeldungen in Abhängigkeit von der politischen Orientierung. In: Publizistik 64 (2), 2019, S. 181-204. https://doi.org/10.1007/s11616-019-00484-4

Bakshy, Eytan; Solomon Messing; Lada Adamic: Exposure to Ideologically Diverse News and Opinion on Facebook. In: Science 1160 (Mai), 2015, S. 1-2. https://doi.org/10.1126/science.aaa1160

Barberá, Pablo; John T. Jost; Jonathan Nagler; Joshua A. Tucker; Richard Bonneau: Tweeting from Left to Right: Is Online Political Communication More than an Echo Chamber? In: Psychological Science 26 (10), 2015, S. 1531-42. https://doi.org/10.1177/0956797615594620

Bodó, Balázs; Natali Helberger; Sarah Eskens; Judith Möller: Interested in diversity. The role of user attitudes, algorithmic feedback loops, and policy in news personalization. In: Digital Journalism 7 (2), 2019, S. 206-29. https://doi.org/10.1080/21670811.2018.1521292

Boxell, Levi; Matthew Gentzkow; Jesse M. Shapiro: Is the internet causing political polarization? Evidence from demographics. In: Working Paper 23258. National Bureau of Economic Research, 2017. https://doi.org/10.3386/w23258

Bozdag, Engin; Qi Gao; Geert-Jan Houben; Martijn Warnier: Does offline political segregation affect the filter bubble? An empirical analysis of information diversity for Dutch and Turkish Twitter users. In: Computers in Human Behavior 41 (Dezember), 2014, S. 405-15. https://doi.org/10.1016/j.chb.2014.05.028

Bruns, Axel: Filter bubble. In: Internet Policy Review 8 (4), 2019. https://policyreview.info/concepts/filter-bubble

Colleoni, Elanor; Alessandro Rozza; Adam Arvidsson: Echo Chamber or Public Sphere? Predicting Political Orientation and Measuring Political Homophily in Twitter Using Big Data. In: Journal of Communication 64 (2), 2014, S. 317-32. https://doi.org/10.1111/jcom.12084

Cozza, Vittoria; Van Tien Hoang; Marinella Petrocchi; Angelo Spognardi: Experimental Measures of News Personalization in Google News. In: Casteleyn, Sven; Peter Dolog; Cesare Pautasso (Hrsg.): Current Trends in Web Engineering. Proceedings of the 2nd International Workshop on Mining the Social Web, Cham [Springer] 2016, S. 93-104. https://doi.org/10.1007/978-3-319-46963-8_8

Dahlgren, Peter M.: Selective Exposure to Public Service News over Thirty Years: The Role of Ideological Leaning, Party Support, and Political Interest. In: The International Journal of Press/Politics, März, 2019. https://doi.org/10.1177/1940161219836223

Feuz, Martin; Matthew Fuller; Felix Stalder: Personal Web Searching in the Age of Semantic Capitalism: Diagnosing the Mechanisms of Personalisation. In: First Monday 16 (2), 2011. https://doi.org/10.5210/fm.v16i2.3344

Fletcher, Richard; Joy Jenkins: Polarisation and the news media in Europe. PE 634.413. Brussels: European Parliamentary Research Service, 2019. https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/our-research/polarisation-and-news-media-europe

Fletcher, Richard; Rasmus Kleis Nielsen: Are People Incidentally Exposed to News on Social Media? A Comparative Analysis. In: New Media & Society, Advance online publication, 2017. https://doi.org/10.1177/1461444817724170

Haim, Mario; Florian Arendt; Sebastian Scherr: Abyss or shelter? On Google’s role when googling for suicide. In: Health Communication 32 (2), 2017, S. 253-58. https://doi.org/10.1080/10410236.2015.1113484

Haim, Mario; Andreas Graefe; Hans-Bernd Brosius: Burst of the Filter Bubble? Effects of personalization on the diversity of Google News. In: Digital Journalism 6 (3), 2018, S. 330-43. https://doi.org/10.1080/21670811.2017.1338145

Haim, Mario; Anna Sophie Kümpel; Hans-Bernd Brosius: Popularity cues in online media: A review of conceptualizations, operationalizations, and general effects. In: Studies in Communication and Media 7 (2), 2018, S. 186-207. https://doi.org/10.5771/2192-4007-2018-2-58

Hannak, Aniko; Piotr Sapiezynski; Arash Molavi Kakhki; Balachander Krishnamurthy, David Lazer; Alan Mislove; Christo Wilson: Measuring personalization of web search. In: Proceedings of the 22nd international conference on World Wide Web, 2013, S. 527-38. Rio de Janeiro: International World Wide Web Conferences Steering Committee. https://doi.org/10.1145/2488388.2488435

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Möller, Judith; Damian Trilling; Natali Helberger; Bram van Es: Do not blame it on the algorithm: An empirical assessment of multiple recommender systems and their impact on content diversity. In: Information, Communication & Society 21 (7), 2018, S. 959-77. https://doi.org/10.1080/1369118X.2018.1444076

Müller, Philipp; Christian Schemer; Martin Wettstein; Anne Schulz; Dominique S. Wirz; Sven Engesser; Werner Wirth: The Polarizing Impact of News Coverage on Populist Attitudes in the Public: Evidence from a Panel Study in Four European Democracies. In: Journal of Communication 67 (6), 2017, S. 968-92. https://doi.org/10.1111/jcom.12337

Oechslein, Oliver; Thomas Hess: Incorporating social networking information in recommender systems: The development of a classification framework. In: Proceedings of the 26th Bled eConference, 2013, S. 287-98. Bled, Slowenien. http://aisel.aisnet.org/bled2013/19

Ørmen, Jacob: Not so distinct after all: Assessing social stratification of news users on the web. In: Journalism Studies 0 (0), 2018, S. 1-18. https://doi.org/10.1080/1461670X.2018.1539342

Pariser, Eli: Filter Bubble: What the Internet is Hiding from You. London [Penguin Books] 2012.

Porten-Cheé, Pablo; Jörg Haßler; Pablo Jost; Christiane Eilders; Marcus Maurer: Popularity cues in online media: Theoretical and methodological perspectives. In: Studies in Communication and Media 7 (2), 2018, S. 208-30. https://doi.org/10.5771/2192-4007-2018-2-80

Prior, Markus: Post-Broadcast Democracy: How Media Choice Increases Inequality in Political Involvement and Polarizes Elections. Cambridge, MA [University Press] 2007.

Puschmann, Cornelius: Beyond the Bubble: Assessing the Diversity of Political Search Results. In: Digital Journalism 7 (6), 2019, S. 824-43. https://doi.org/10.1080/21670811.2018.1539626

Rao, Junyang; Aixia Jia; Yansong Feng; Dongyan Zhao: Taxonomy based personalized news recommendation: Novelty and diversity. In: Xuemin Lin, Yannis Manolopoulos, Divesh Srivastava, und Guangyan Huang (Hrsg.): Web Information Systems Engineering – WISE 2013. Berlin [Springer] 2013, S. 209-18. http://link.springer.com/10.1007/978-3-642-41230-1_18.

Rau, Jan Philipp; Sebastian Stier: Die Echokammer-Hypothese: Fragmentierung der Öffentlichkeit und politische Polarisierung durch digitale Medien? In: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft 13 (August), 2019, S. 399-417. https://doi.org/10.1007/s12286-019-00429-1

Scharkow, Michael; Frank Mangold; Sebastian Stier; Johannes Breuer: How Social Network Sites and Other Online Intermediaries Increase Exposure to News. In: Proceedings of the National Academy of Sciences, Januar, 2020. https://doi.org/10.1073/pnas.1918279117.

Scherr, Sebastian; Mario Haim; Florian Arendt: Equal Access to Online Information? Google’s Suicide-Prevention Disparities May Amplify a Global Digital Divide. In: New Media & Society 21 (3), 2019, S. 562-582. https://doi.org/10.1177/1461444818801010

Stroud, Natalie Jomini: Polarization and Partisan Selective Exposure. In: Journal of Communication 60 (3), 2010, S. 556-76. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.2010.01497.x

Sunstein, Cass R.: Echo Chambers: Bush v. Gore, Impeachment, and Beyond. Princeton [Princeton University Press] 2001.

Sunstein, Cass R.: Republic com 2.0. Princeton [Princeton University Press] 2007.

Zuiderveen Borgesius, Frederik J.; Damian Trilling; Judith Möller; Bodó Balázs, Claes H. de Vreese; Natali Helberger: Should we worry about filter bubbles? In: Internet Policy Review 5 (1), 2016, S. 1-16. https://doi.org/10.14763/2016.1.401

Framing

Wortherkunft:  engl. frame = Rahmen; engl. framing = (Ein-)Rahmung

Ein Frame ist ein Bezugsrahmen bzw. Interpretationsschema, also jene Perspektive, aus der wir ein Problem oder Ereignis betrachten (Potthoff 2012: 29-65; Pan/Kosicki 1993: 56f.; Gamson/Modigliani 1989: 3; weiterführend z.B. Cacciatore et al. 2016; D‘Angelo/Kuypers 2010). So lässt sich die Debatte um Schusswaffen in den USA im Lichte des individuellen Rechts auf Waffenbesitz oder aber mit Blick auf öffentliche Sicherheit diskutieren (vgl. Haider-Markel/Joslyn 2001: 524-530). Beide Frames legen jeweils eine andere Position zu Waffengesetzen nahe – und zwar ohne, dass diese Position ausgesprochen werden muss. Das unterscheidet Frames von Bewertungen, die explizit Position beziehen (vgl. z.B. Scheufele 2019: 4; Tankard 2001: 96; Gamson/Modigliani 1989: 4).

Frames definieren, worin ein Problem besteht, identifizieren die Faktoren, die das Problem verursachen, und schlagen Lösungsmaßnahmen vor (vgl. Entman 1993: 52). Diese drei Elemente sind in der Forschung weitgehend unumstritten (vgl. schon Gerhards/Neidhardt 1990: 39-44; Snow/Benford 1988: 199-204): Wer z.B. einen politischen Frame statt eines ökonomischen Rahmens anlegt, wird ein Thema als politisches und nicht als wirtschaftliches Problem sehen. Er wird nach politischen Ursachen fragen und daher auch eine politische Lösung unterbreiten.

Weitgehender Konsens besteht auch darüber, wo Frames zu verorten sind. Man kann sie als Vorstellungen bzw. kognitiven Frame in den Köpfen von Politikern, Journalisten oder Rezipienten begreifen oder als jene Rahmen betrachten, die journalistische Beiträge an Themen oder Ereignisse anlegen – die Rede ist dann von Medien-Frames (vgl. z.B. Entman 1993: 52f.; Kinder/Sanders 1990: 74). Für Entman sind Frames letztlich auch Bestandtteil der Kultur, da sie im Diskurs und im Denken der meisten Menschen der betreffenden sozialen Gruppe präsent sind (vgl. Entman 1993: 53).

Der Begriff ‚Framing‘ meint im einfachsten Fall die Anwendung eines Frames (vgl. auch Cacciatore et al. 2016; D‘Angelo/Kuypers 2010). Wenn Journalisten vor den Sondierungsgesprächen von Parteien zu möglichen Koalitionen nach einer Wahl bereits das Scheitern der Sondierungen erwarten, haben sie einen entsprechenden Bezugsrahmen im Kopf, der sich als Medien-Frame in ihren Beiträgen vor und während dieser Sondierungsgespräche wiederfindet. Framing kann aber auch bedeuten, z.B. als Blogger oder Politiker einen schon länger bestehenden Deutungsrahmen zu verändern (vgl. z.B. Goffman 1993: 52-142, 176-223) oder als politischer Aktivist einen völlig anderen, meist gegensätzlichen Rahmen zu etablieren (,Counter-Frame‘, vgl. z.B. McCright et al. 2016).

Zudem lassen sich verschiedene Arten des Framing unterscheiden: Von ,Episodic Framing‘ (vgl. Iyengar 1991) wird gesprochen, wenn Journalisten ein Problem am exemplarischen Einzelfall illustrieren. Von ,Strategy Framing‘ (vgl. Rhee 1997) ist die Rede, wenn sie in ihrer Wahlkampfberichterstattung statt politischer Sachthemen vor allem die Taktiken und Strategien von Politikern oder Parteien betonen. Aber auch alle möglichen anderen Akteure aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft betreiben Framing. Das gilt auch für soziale Bewegungen (vgl. z.B. Johnston/Noakes 2005; Snow/Benford 1988), für die Framing ein wichtiger Teil ihrer „meaning-work“ (Snow/Benford 1992: 136) ist. So setzen soziale Bewegungen Framing ein, um Mitstreiter zu mobilisieren, Zuspruch in der Bevölkerung zu bekommen und Gegner zu demobilisieren (vgl. Snow/Benford 1988: 198). Als Journalist sollte man sich also darüber im Klaren sein, dass Framing auch von Aktivisten oder PR-Akteuren strategisch eingesetzt werden kann (siehe → PR und Journalismus). Umso wichtiger ist ein journalistisch-reflektierter Umgang mit solchen Framing-Strategien.

Schließlich lassen sich verschiedene Framing-Effekte unterscheiden. Zumindest in psychologischen Laborexperimenten scheint allein schon die Wortwahl (z.B. „Sterben“ oder „Überleben“) bei der Beschreibung eines Problems (etwa einer Krankheit) einen Bezugsrahmen nahezulegen, der sich auf die Entscheidung von Menschen (z.B. für eine medizinische Maßnahme) auswirken kann (vgl. dazu Tversky/Kahneman 1986: 254-260). Wenn Journalisten über ein Thema berichten und dabei einen bestimmten Frame anlegen, kann dieser Frame bestehende Vorstellungen in den Köpfen der Rezipenten aktivieren (vgl. Price/Tewksbury 1997: 197-199). Je öfter mediales Framing die Vorstellungen der Rezipienten adressiert, desto präsenter sind sie und desto eher können diese Vorstellungen die Meinungen oder Entscheidungen der Rezipienten beeinflussen (vgl. auch Scheufele 2016: 20-22, 26-28, 47-49).

Andere Studien zeigen, dass auch Framing im Lichte bestimmter Werte (wie Freiheit oder ökologische Nachhaltigkeit) Meinungen beeinflussen kann (vgl. Scheufele 2016: 47f.; Scheufele et al. 2012; Barker 2005; Shah et al. 2001). Daneben sind emotionale Wirkungen denkbar: So kann personalisiertes Framing bei Rezipienten Sympathie und Mitleid hervorrufen (vgl. Schemer 2014: 576). Freilich können diverse Faktoren (wie die politische Grundhaltung von Rezipienten) solche Effekte abschwächen oder verstärken.

Literatur:

Benford, Robert D.; David A. Snow: Framing processes and social movements: An overview and assessment. In: Annual Review of Sociology, 26, 2000, S. 611-639.

Barker, David C.: Values, frames, and persuasion in presidential nomination campaigns. In: Political Behavior, 27(4), 2005, S. 375-394.

Cacciatore, Michael A.; Dietram A. Scheufele; Shanto Iyengar:  The end of framing as we know it … and the future of media effects. In: Mass Communication and Society, 19(1), 2016, S. 7-23.

D’Angelo, Paul; Jim A. Kuypers (Hrsg.): Doing news framing analysis. Empirical and theoretical perspectives. New York [Routledge] 2010.

Entman, Robert M.: Framing: Toward clarification of a fractured paradigm. In: Journal of Communication, 43(4), 1993, S. 51-58.

Gamson, William A.; Andre Modigliani: Media discourse and public opinion on nuclear power: A constructionist approach. In: American Journal of Sociology, 95(1), 1989, S. 1-37.

Gerhards, Jürgen; Friedhelm Neidhardt: Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. Fragestellungen und Ansätze. In: WZB-Discussion Paper FS III, 1990, S. 90-101. http://bibliothek.wzb.eu/pdf/1990/iii90-101.pdf (abgerufen am 21.08.2019)

Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. 3. Auflage. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1993.

Johnston, Hank; John A. Noakes (Hrsg.): Frames of protest: Social movements and the framing perspective. Lanham [Rowman & Littlefield Publishers] 2005.

Kinder, Donald R.; Lynn M. Sanders: Mimicking political debate with survey questions: The case of white opinion on affirmative action for blacks. In: Social Cognition, 8(1), 1990, S. 73-103.

McCright, Aaron M.; Meghan Charters; Katherine Dentzman; Thomas Dietz: Examining the effectiveness of climate change frames in the face of a climate change denial counter-frame. In: Topics in Cognitive Science, 8(1), 2016, S. 76-97.

Pan, Zhongdang; Gerald M. Kosicki: Framing analysis: An approach to news discourse. In: Political Communication, 10(1), 1993, S. 55-75.

Potthoff, Matthias: Medien-Frames und ihre Entstehung. Wiesbaden [Springer VS] 2012.

Price, Vincent; David Tewksbury: News values and public opinion. A theoretical account of media priming and framing. In: Barett, George A.; Franklin J. Boster (Hrsg.): Progress in communication sciences. Advances in persuasion. Vol. 13. Greenwich [Ablex] 1997, S. 173-212.

Rhee, June Woong: Strategy and issue frames in election campaign coverage. A social cognitive account of framing effects. In: Journal of Communication, 47(3), 1997, S. 26-48.

Schemer, Christian: Emotional effects in political communication. In: Reinemann, Carsten (Hrsg.): Political communication. Handbooks of Communication Science. Vol. 18. Berlin/Boston [De Gruyter] 2014, S. 569-589.

Scheufele, Bertram: Priming. Konzepte. Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft, Band 14. Baden-Baden [Nomos] 2016.

Scheufele, Bertram: Warum Frames und Ideologien keine Synonyme sind und Populismus keines von beiden ist – Konzeptionelle Brückenschläge zwischen Frames und Ideologien und Einwände zur aktuellen Populismus-Forschung. In: Mythos-Magazin. Politisches Framing, 1, 2019.  http://www.mythos-magazin.de/politisches-framing/bs_warum_frames_und_ideologien.pdf (abgerufen am 14.08.2019)

Scheufele, Bertram; Carina Kordes; Henrike Meyer; Doris Teutsch; Katharina Tretter; Carla Schieb: Garant oder Gefahr – Ein Medienwirkungsexperiment zur Instrumentalität des Value-Framing. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 60(3), 2012, S. 432-451.

Shah, Dhavan V.; David Domke; Daniel B. Wackman: The effects of value-framing on political judgement and reasoning. In: Reese, Stephen D.; Oscar H. Gandy; August E. Grant (Hrsg.): Framing public life. Perspectives on media and our understanding of the social world. Mahwah/London [Lawrence Erlbaum] 2001, S. 227-243.

Snow, David A.; Robert D. Benford: Ideology, frame resonance and participant mobilization. In: Klandermans, Bert; Hanspeter Kriesi; Sidney Tarrow (Hrsg.): International socialmovement research. Vol. 1: From structure to action: Comparing social movement research across cultures. Greenwich [JAI Press] 1988, S. 197-218.

Snow, David A.; Robert D. Benford: Master frames and cycles of protest. In: Morris, Aldon D.; Carol McClurg Mueller (Hrsg.): Frontiers in social movement theory. New Haven [Yale University Press] 1992, S. 133-155.

Tankard, James W.: The empirical approach to the study of framing. In: Reese, Stephen D.; Oscar H. Gandy, Oscar H.; August E. Grant (Hrsg.): Framing public life. Perspectives on media and our understanding of the social world. Mahwah/London [Lawrence Erlbaum] 2001, S. 95-106.

Tversky, Amos; Daniel Kahneman: Rational Choice and the framing of decisions. In: Journal of Business, 59(4), 1986, S. 251-278.

Inhalt

Alltagssprachlich ist ein Inhalt das, was in einer Form enthalten ist. In der Geometrie sind Inhalte umgrenzte Flächen oder Räume. In den Medien bezeichnen sie das Dargestellte, also Objekte oder Handlungen. Der Inhalt eines Begriffs wird wiederum durch seine Merkmale definiert, z. B. der Begriff Zeitung durch die Merkmale → Aktualität, Periodizität, → Universalität und Publizität.

Medieninhalte bestehen materiell aus Zeichen (Texten, Tönen, bewegten oder unbewegten Bildern), die es ermöglichen, etwas darzustellen, zu speichern, zu verbreiten und wahrzunehmen. Diese sind zugleich Bedeutungsträger, also Symbole, die Informationen vermitteln können, und werden folglich als Kommunikationsmittel verwendet. Eine Unterscheidung von Form und Inhalt ist dabei allerdings manchmal schwierig, etwa in der Musik oder in abstrakten Kunstwerken, die keine Referenzobjekte haben.

Das antiquierte ‚Container-Modell‘ beruht auf der Annahme, Kommunikation sei ein Transport- oder Tauschvorgang, unterscheidet also nicht zwischen Form und Inhalt. Inzwischen stimmen die meisten Kommunikationswissenschaftler jedoch überein, dass Produzenten und Rezipienten von Texten, Bildern oder Klängen diesen unabhängig voneinander Bedeutungen zuschreiben können, auch wenn sie sich im Rahmen kultureller Konventionen gewöhnlich darüber verständigen, was jeweils gemeint ist.

Inhalte können analog dargestellt werden (Bilder, Filme) oder arbiträr (Buchstaben, Zahlen), sie können verbal oder nonverbal artikuliert werden, sie können sich auf vorausgesetzte Wirklichkeiten beziehen (faktisch) oder auf erfundene (fiktional) und sie können nach Themen oder → Genres geordnet werden. Um sie hinreichend zu verstehen, sollte man wissen, nach welchen Kriterien, Regeln und Routinen sie produziert werden. So sind journalistische Medieninhalte keineswegs ‚objektive‘ Darstellungen von Fakten und Ereignissen, sondern spezifische Konstrukte von Wirklichkeit, die nach Maßgabe bestimmter Aufmerksamkeitsregeln (z.B. → Nachrichtenfaktoren) ausgewählt werden, aber auch aufgrund leicht verfügbarer oder besonders aktiver Quellen wie Nachrichtenagenturen oder Pressestellen. Neben → Aktualität, → Relevanz und → Prominenz spielt dabei vor allem Negativität eine große Rolle (‚bad news‘), während in Werbung und PR ‚good news‘ dominieren (z. B. Attraktivität oder Erfolge). Im Entertainment geht es wiederum weniger um Fakten als um Abwechslung und affektive Appelle. Am erfolgreichsten sind hier triviale Muster, weil sie leicht verstanden werden.

Bei der Kommunikation von Medieninhalten orientiert man sich zwar an etablierten Schemata (→ Darstellungsformen, Stile, Sparten, Rubriken), doch weil deren Grenzen oft durch sogenannte ‚Hybridformate‘ verwischt werden, weiß man oft nicht mehr, worum es sich gerade handelt und ob man sich informieren, animieren lassen oder amüsieren soll. So müssen sich Leser, Hörer und Zuschauer immer öfter fragen, womit sie eigentlich konfrontiert werden und wie sie dieses auffassen sollen: Sind es Fakten oder Fantasieprodukte, sind sie ernst gemeint oder Spaß, sind Behauptungen wahr oder gelogen und nicht zuletzt: Wer steckt dahinter und kann man den Absendern vertrauen, besonders im oft anonymen Netz?

Als wissenschaftliche Methoden zur exakten Beschreibung und Messung von Medieninhalten haben sich qualitative und quantitative Inhaltsanalysen (Content Analysis) bewährt (Maurer 2006; Früh 2017). Sie liefern wertvolle Basisdaten und Erkenntnisse für die Nachrichten- und Werbeforschung, aber auch für die Literatur- und Filmwissenschaft.

Literatur:

Bonfadelli, Heinz: Medieninhaltsforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Konstanz [UVK] 2002.

Früh, Werner: Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis. 9. Auflage. Konstanz [UVK] 2017.

Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 5. Auflage. Wiesbaden [Springer] 2017.

Maurer, Marcus: Medieninhalte. Eine Einführung. Wiesbaden [VS Verlag] 2006.

Schmidt, Siegfried J.; Siegfried Weischenberg: Mediengattungen, Berichterstattungsmuster, Darstellungsformen. In: Merten, Klaus; Siegfried J. Schmidt; Siegfried Weischenberg (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen [Westdt. Verlag] 1994, S. 212-236.

Westerbarkey, Joachim: Die Assimilationsfalle, oder was eigentlich vorgeht. In: Baerns, Barbara (Hrsg.): Leitbilder von gestern? Zur Trennung von Werbung und Programm. Wiesbaden [Westdt. Verlag] 2004, S.193-204.

Kommunikator

Herkunft: lat. communicare = mitteilen, sich besprechen.

Der Begriff Kommunikator bezeichnet die Rolle des Aussageproduzenten in der Kommunikation; sein Pendant ist der Rezipient. In Anwesenheit anderer ist gewöhnlich jeder zugleich Kommunikator und Rezipient, auch wenn er schweigt; denn Anwesende nehmen sich gegenseitig wahr und deuten die Aktionen und Reaktionen der anderen.

Bei medienvermittelter Kommunikation sind die Rollen dagegen zumeist festgelegt und die Kommunikation verläuft gewöhnlich monologisch, was ein zeitversetztes Feedback nicht ausschließt. Die sogenannten sozialen Medien ermöglichen dagegen laufend Rollenwechsel und sogar simultanen Rollentausch (z. B. bei Videokonferenzen), doch anders als bei Face-to-face-Gesprächen können sich die Aktanten gegenseitig weniger kontrollieren oder bleiben sogar füreinander anonym. Deshalb und mangels institutioneller Regeln und Garantien wachsen auch die Möglichkeiten, einander zu täuschen und → ‚Fakes‘ zu verbreiten.

Berufskommunikatoren nehmen ihre Rezipienten in der Regel gar nicht oder nur als Kollektiv wahr (z. B. bei Veranstaltungen) und sie sind gewöhnlich für die meisten von ihnen nur schwer erreichbar. Laut Ronneberger entwickeln Partner intermedialer Kontakte deshalb imaginäre personale Beziehungen. Er unterscheidet vier Typen medialer Kommunikatoren: den beobachtbaren Akteur, der die Illusion persönlicher Begegnung provozieren kann, das nicht sichtbare Produktionskollektiv, das z. B. durch temporale Zuverlässigkeit (Periodizität) Vertrauen schafft, die ‚literarische Figur‘, die persönliche Identifikationsprozesse erlaubt, und den ‚Helden‘, der diverse psychische Projektionen ermöglicht (Ronneberger 1971).

Berufskommunikatoren findet man in der → Öffentlichkeitsarbeit, in der Werbung, im Entertainment und vor allem im Journalismus. Ihre Tätigkeiten lassen sich nach verschiedenen Schwerpunkten unterscheiden wie Konzeption, Organisation, Recherche, → Redaktion, Moderation, Produktion und Distribution. Da sie laufend darüber mitentscheiden müssen, was publiziert wird (Agenda Building) und aus welcher Perspektive, fungieren sie bei der Herstellung von → Öffentlichkeit als ‚Torhüter‘ (Gatekeeper).

Journalisten (um die es hier exemplarisch gehen soll) werden dabei oft durch verfügbare oder aktive → Quellen beeinflusst (z. B. durch Nachrichtenagenturen oder Pressestellen) sowie durch organisationsinterne Programme und berufsspezifische Auswahlkriterien, besonders durch sogenannte → Nachrichtenfaktoren, aus denen sie auf den Aufmerksamkeitswert einer Mitteilung schließen. Außerdem orientieren sie sich ebenso wie andere Kommunikatoren an unterstellbaren Erwartungen ihrer Adressaten, die sie z. B. an Auflagenentwicklungen und Einschaltquoten festmachen.

Ihre Arbeit und Funktion wird u. a. in Nachrichtentheorien reflektiert, nämlich in der Gatekeeper-Forschung (Wer entscheidet was?), der News-Value-Forschung (Nach welchen Kriterien, Regeln und Programmen wird worüber entschieden?) und der News-Bias-Forschung (Welchen Motive und Ziele leiten die Entscheidungen?). Dafür eignen sich Forschungsmethoden wie Befragungen (z. B. Journalisten-Enquêtes) oder Interaktions- und Organisationsanalysen.

Literatur

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. Texten und Konzipieren für das Internet: Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 5. Auflage. Wiesbaden [Springer VS] 2020.

Hooffacker, Gabriele; Wolfgang Kenntemich; Uwe Kulisch: Die neue Öffentlichkeit. Wie Bots, Bürger und Big Data den Journalismus verändern. Wiesbaden [Springer VS] 2018.

Meier, Klaus: Journalistik. 4. Auflage. Konstanz/München [UVK] 2018.

Merten, Klaus: Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Bd.1. Münster [LIT] 2000.

Primbs, Stefan: Social Media für Journalisten. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Ronneberger, Franz: Sozialisation durch Massenkommunikation. In: ders. (Hrsg.): Sozialisation durch Massenkommunikation. Stuttgart [Enke] 1971, S. 32-101.

Röttger, Ulrike; Jana Kobusch; Joachim Preusse (Hrsg.): Grundlagen der Public Relations. Eine kommunikationswissenschaft­liche Einführung. 3. Auflage. Wiesbaden [Springer VS] 2018.

Tellis, Gerard J.; Tim Ambler (Hrsg.): Handbook of Advertising. Los Angeles [Sage] 2007.

Wahl-Jorgensen, Karin; Thomas Hanitzsch (Hrsg.): The Handbook of Journalism Studies. 2. Auflage. New York/London [Routledge] 2020.

Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Bd. 2. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995.

Westerbarkey, Joachim: Journalismus und Öffentlichkeit. In: Publizistik, 40. Jg., 1995, S.152-162.

Massenkommunikation

Herkunft: Kompositum aus dt. Masse = große Menge und lat. communicatio = Mitteilung, Teilnahme

Der Begriff Massenkommunikation suggeriert, dass große Menschenmengen durch Medien gleich oder ähnlich informiert werden. Doch weil Information stets kognitiv erzeugt wird, kann Massenkommunikation kein homogener Verbreitungsprozess sein, sondern die Medien ermöglichen es ihren → Publika, ihre Angebote ganz unterschiedlich zu deuten und zu nutzen. Daher gibt Chaffee zu bedenken, dass Prozesse, die oberflächlich Massenkommunikation zu sein scheinen, vielleicht nur die Summe vieler Individualkommunikationen sind, und auch Bouman wendet sich gegen die Unterstellung einer gesellschaftlichen Nivellierung durch Medienangebote (Chaffee 1972; Bouman 1968).

Die Vorstellung von Massenkommunikation resultiert aus der inzwischen verworfenen soziologischen Theorie der Massengesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Einzelnen als entwurzeltes und isoliertes Wesen betrachtete, das den → publizistischen Medien schutzlos ausgeliefert sei. ‚Massenmenschen‘ werden also als unmündig betrachtet und die Medien einer Elite zugerechnet, die das Volk mehr oder weniger wohlmeinend zu führen hat – ein autoritäres Modell, das manche auch im Zeitalter digitaler Kommunikationsnetze noch fasziniert.

Für Massenmedien ist charakteristisch, dass sie technische Speicher-, Vervielfältigungs- und Verbreitungsmittel verwenden, dass die Rollen der Kommunikanten asymmetrisch festgelegt sind (Monologstruktur), dass diese räumlich und/oder zeitlich disparat agieren, dass das Publikum anonym und heterogen ist und dass dennoch die Sender ihren Empfängern und die Empfänger einander ähnliche Rezeptionsweisen und Informationen unterstellen. Massenmediale Kommunikation schafft außerdem breite Zugänglichkeit (Verbreitungsmedien), Erwartungssicherheit (→ Aktualität, Periodizität) und zeitliche Unabhängigkeit (Speichermedien). Dabei können sich die → Kommunikatoren nicht an individuellen Adressaten orientieren, sondern nur an Statistiken und allgemeinen Vorstellungen von ihnen. Und weil sie die Angesprochenen zumeist nicht direkt beobachten können, können sie den Erfolg ihrer Bemühungen nur selten unmittelbar kontrollieren.

Massenmedien sind ‚Push-Medien‘, die viele Menschen mit dem gleichen Angebot versorgen (one to many). ‚Pull-Medien‘ bieten dagegen eine Fülle von Angeboten, aus denen jeder Nutzer diejenigen auswählen kann, die er bevorzugt (many to one); aktuelle Beispiele sind Streaming-Dienste oder → Mediatheken (individualisierte Massenkommunikation). In sozialen Medien können die Nutzer aber auch ‚one to one‘ kommunizieren (Individualkommunikation), sich interaktiv vernetzen, soziale Beziehungen herstellen und pflegen, miteinander spielen oder bei der Produktion von Mitteilungen zusammenarbeiten (many to many). Anders als bei der konventionellen Massenkommunikation sind hier nur geringe Zugangsvoraussetzungen und Kenntnisse erforderlich, die Programme sind relativ leicht zu handhaben (→ usability), es gibt kaum Zeitverzug (just in time) und es sind keine festen Regeln vorgegeben.

Soziale Medien ermöglichen ein hohes Maß an Partizipation, sozialer Selbstorganisation und Mobilisierung. Zugleich wird im öffentlichen Diskurs aber auch Vertrauensverlust durch Anonymität beklagt, inhaltliche Beliebigkeit und Belanglosigkeit beanstandet und auf die Gefahr allgemeiner Realitätsferne durch Fiktionalität und → Fakes hingewiesen. Außerdem können aus der zunehmenden Diversifikation und Fragmentierung kommunikativer Prozesse in sog. → ‚Filterblasen‘ gesellschaftliche Integrationsprobleme entstehen, die die Diskussion allgemeiner Anliegen und Themen erschweren.

Literatur

Bouman, Pieter J.: Grundlagen der Soziologie. Stuttgart [Enke] 1968.

Chaffee, Steven H.: The Interpersonal Context of Mass Communication. In: Kline, F. Gerald; Phillip J. Tichenor (Hrsg.): Current Perspectives in Mass Communication Research. Beverly Hills [Sage Publ.] 1972, S. 95-120.

Kemper, Peter; Alf Mentzer; Julika Tilmans (Hrsg.): Wirklichkeit 2.0 – Medienkultur im digitalen Zeitalter. Stuttgart [Reclam] 2012.

Merten, Klaus: Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Bd. 1. Münster [LIT] 2000.

Michaelis, Daniel; Thomas Schildhauer (Hrsg.): Social Media Handbuch. 2. Auflage. Baden-Baden [Nomos] 2012.

Neuberger, Christoph: Ambivalenzen des Öffentlichkeitswandels. In: Zeitschrift für theoretische Soziologie, 3. Jg., 2014, S. 287-294.

Neuberger, Christoph: Konflikt, Konkurrenz und Kooperation. Interaktionsmodi in einer Theorie der dynamischen Netzwerköffentlichkeit. In: Medien und Kommunikationswissenschaft, 62. Jg., 2014, S. 567-587.

Schmidt, Siegfried J.; Guido Zurstiege: Orientierung Kommunikationswissenschaft. Reinbek bei Hamburg [Rowohlt TBV] 2000.

Medialisierung

Analog zu Begriffen wie Kommerzialisierung oder Globalisierung beschreibt Medialisierung Phänomene gesellschaftlichen Wandels. Medialisierung nimmt hierbei die Rolle von Medien als Triebfeder sozialen Wandels in den Blick. Hinsichtlich des Verständnisses von Medien sind im deutschsprachigen Raum zwei Konzepte zu unterscheiden: Die Medialisierungsforschung interessiert sich für die Bedeutung publizistischer Massenmedien und ist abzugrenzen vom Konzept der Mediatisierung, das Medientechnologien in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt.

Definition:
Medialisierung beschreibt die Tatsache, dass die Bedeutung von Medien in modernen Gesellschaften zunimmt. Diese manifestiert sich in der Anpassung von Handlungen und Strukturen an der Medienlogik. Als Medialisierungsfolgen (Marcinkowski/Steiner 2010) stellen solche Anpassungen den Kern des Konzepts dar.

Medialisierung skizziert folgendes Phänomen: Gesellschaftliche Teilbereiche wie Politik, Sport, Recht oder Wissenschaft ziehen journalistische Aufmerksamkeitskriterien ins Kalkül und verändern sich entsprechend, um mediale Bedürfnisse zu befriedigen: Wenn z. B. Sportarten ihr Regelwerk ändern, um die Attraktivität für die Medien zu erhöhen (bspw. größere Bälle im Tischtennis, veränderte Zählweisen im Volleyball oder das K.O.-System bei der Vierschanzentournee im Skispringen), ist dies ein Indiz für Medialisierung. Medialisierung findet auch dann statt, wenn Gerichte die Urteilsverkündung für Fernsehübertragungen öffnen oder Politiker Pseudo-Ereignisse in dem Glauben inszenieren, dass diese auf mediales Interesse stoßen (siehe auch → Politik und Journalismus).

Medialisierung beschreibt somit eine bestimmte Form von Medienwirkungen, die aber – im Gegensatz zum Gegenstand der klassischen Medienwirkungsforschung – überindividuell, langfristig und indirekt sind (Kepplinger 2008).

Geschichte und gegenwärtiger Zustand:
Das Konzept der Medialisierung wurde zu Beginn der 1980er Jahre in die Kommunikationswissenschaft eingeführt und hat nach und nach an Popularität gewonnen. Pioniere der Medialisierungsforschung waren insbesondere David L. Altheide und Robert P. Snow mit ihrem maßgeblichen Text zur Medienlogik (Altheide/Snow 1979). Die in letzter Zeit mitunter inflationäre Bezugnahme auf das Konzept wurde aber durchaus skeptisch beäugt (Deacon/Stanyer 2014).

In ihren Anfängen beschäftigte sich die Medialisierungsforschung insbesondere mit dem Verhältnis von Medien und Politik und sah aus demokratietheoretischer Perspektive die Gefahr, dass sich die Politik den Erfolgsbedingungen der Medien unterwerfe und somit die eigene Identität aufs Spiel setze. Es wurde eine Kolonialisierung der Politik durch die Medien konstatiert (Meyer 2002). Mit systemtheoretischen Argumenten wurde die Perspektive im Laufe der Zeit jedoch umgedreht und im Sinne einer Selbst-Medialisierung (Strömbäck/Esser 2014) die Eigenverantwortlichkeit der medialisierten Bereiche im Umgang mit den Medien betont.

Demnach handelt es sich bei Medialisierung um „keine diabolische Heimsuchung“ (Marcinkowski/Steiner 2010) seitens der Massenmedien, sondern um einen aktiven Umgang gesellschaftlicher Teilbereiche mit den Medien. Individuelle oder kollektive Akteure entscheiden sich aus freiem Willen dazu, medienbezogene Maßnahmen zu ergreifen, wenn sie sich hiervon eine Verbesserung der eigenen Leistungsfähigkeit versprechen. Dies beurteilen sie jeweils vor dem Hintergrund der eigenen Systemlogik. Entsprechend kommt es im Sport nur dann zur Medialisierung, wenn Sport Medien als relevant für den sportlichen Erfolg erachtet (siehe auch → Sportjournalismus); Voraussetzung für eine Medialisierung der Justiz ist die Ansicht im Rechtssystem, dass Medien Relevanz für die Rechtsprechung haben.

Die Ausgestaltung der medienbezogenen Maßnahmen beruht maßgeblich darauf, was diese Akteure für die Medienlogik halten (Nölleke/Scheu 2018). Aktuelle Medialisierungsforschung widmet sich folglich verstärkt auch der Antizipation von Medienwirkungen und Medienlogik. Erweitert wurde das Konzept zuletzt auch auf defensive Medialisierungsstrategien. Demnach ist auch eine bewusste Abschirmung als Facette von Medialisierung zu verstehen (Birkner/Nölleke 2016), etwa wenn sich Angeklagte im Gerichtssaal hinter Aktenordnern vor Kameras verstecken, wenn Fußballvereine Medienboykotts ausrufen oder Prominente Veranstaltungsorte durch den Hintereingang betreten, um den Fragen der Journalisten zu entgehen.

Forschungsstand:
Während zahlreiche konzeptionelle Beiträge vorliegen, ist der empirische Ertrag der Medialisierungsforschung vergleichsweise gering. Resümiert man den aktuellen Forschungsstand, fallen vor allem drei Desiderata auf: (1) Vorliegende Studien haben mitunter das Problem der Beweisführung, dass Strukturveränderungen auch tatsächlich auf medienbezogene Erwägungen zurückzuführen sind. (2) Medialisierung wird zwar als Prozess konzipiert, doch Längsschnittstudien fehlen weitgehend. (3) Es ist theoretisch plausibel, dass sich der Medialisierungsgrad je nach Bedarf an → öffentlicher Aufmerksamkeit unterscheidet. Komparative Studien, die mehrere Teilbereiche miteinander vergleichen, liegen bislang aber nicht vor. Die Vergleichbarkeit vorliegender Einzelstudien ist insofern schwierig, als sich die Operationalisierungen des Konzepts unterscheiden und jeweils verschiedene Indikatoren im Fokus des Interesses stehen (Verhalten individueller Akteure, Ressourcen für Öffentlichkeitsarbeit etc., vgl. dazu → PR und Journalismus).

Der Großteil der empirischen Medialisierungsforschung, die insbesondere mit qualitativen Interviews, standardisierten Befragungen und Dokumentenanalysen arbeitet, beschäftigt sich mit medienbezogenen Maßnahmen in Politik (z.B. Donges 2008; Schulz 2006), Sport (z.B. Birkner/Nölleke 2016; Dohle/Vowe/Wodtke 2009; Heinecke 2014; Meyen 2014) und Wissenschaft (z.B. Allgaier/Dunwoody/Brossard/Lo/Peters 2013; Marcinkowski/Kohring/Fürst/Friedrichsmeier 2014; Scheu/Olesk, 2018). Ergebnisse deuten darauf hin, dass in den untersuchten Bereichen die Relevanz von Medien zwar erkannt wird, dass sich die Medialisierungsgrade aber über die Bereiche hinweg und auch innerhalb der Bereiche (z.B. bei verschiedenen Sportarten) unterscheiden.

An die Journalismusforschung knüpft das Medialisierungskonzept insofern an, als es Auskunft über die wahrgenommene Relevanz von Journalismus gibt und zudem darüber informiert, was journalismusexterne Akteure als konstituierende Merkmale von Journalismus begreifen (antizipierte Medienlogik). Anhand des Medialisierungskonzepts können zudem Annahmen hinsichtlich des journalismusbezogenen Handelns von individuellen und kollektiven Akteuren in gesellschaftlichen Teilbereichen getroffen werden.

Literatur:

Allgaier, Joachim; Sharon Dunwoody; Dominique Brossard; Yin-Yieh Lo; Hans Peter Peters: Medialized science? In: Journalism Practice, 7(4), 2013, S. 413-429. doi:10.1080/17512786.2013.802477

Altheide, David L.; Robert P. Snow: Media Logic. Beverly Hills [Sage] 1979.

Birkner, Thomas; Daniel Nölleke: Soccer Players and Their Media-Related Behavior. A Contribution on the Mediatization of Sports. In: Communication & Sport, 4, 2016, S. 367-384. doi:10.1177/2167479515588719

Deacon, David; James Stanyer: Mediatization: key concept or conceptual bandwagon? In: Media, Culture & Society, 36(7), 2014, S. 1032-1044. doi:10.1177/0163443714542218

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Scheu, Andreas M.; & Olesk, Arko: National Contextual Influences on Mediatization. The Comparison of Science Decision Makers in Estonia and Germany. In: Science Communication, 40(3), 2018, S. 366-392. doi:10.1177/1075547018766917

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Öffentliche Meinung

Wortherkunft:
Das Phänomen „öffentliche Meinung“ wurde Elisabeth Noelle-Neumann (2009: 427) zufolge bereits beschrieben, lange bevor der eigentliche Begriff geprägt wurde. Insofern mag die Frage danach, wer den Begriff zuerst gebrauchte, „ohne besondere Bedeutung“ sein (Noelle-Neumann 1966: 22). Laut Michael Raffel (1984: 50) jedoch war es der Schriftsteller Michel de Montaigne, der den Begriff „l’opinion publique“ erstmals nachweisbar im Kollektivsingular in seinen Essais von 1588 benutzt hat. Im Plural verwendete Erasmus von Rotterdam den Begriff „opiniones publicae“ bereits im Jahr 1516. Im Deutschen taucht der Begriff im Jahr 1702 auf, in Christian Thomasius‘ Übersetzung einer lateinischen Schrift über Hexenprozesse (vgl. Noelle-Neumann 2009: 427f.).

Definition:
Generationen von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen (etwa Philosophen, Juristen, Historiker, Politologen und Publizistik-/Kommunikationswissenschaftler) haben sich „an dem Versuch, öffentliche Meinung klar zu definieren, […] die Zähne ausgebissen“ (Noelle-Neumann 2001: 84). Eine Übereinstimmung darüber, was genau unter dem Phänomen zu verstehen ist, besteht kaum – stattdessen existiert eine Fülle verschiedener Definitionen (vgl. z.B. Childs 1965). Dies liegt u.a. daran, dass schon der Terminus → Öffentlichkeit unterschiedlich definiert werden kann. Die verschiedenen Definitionen öffentlicher Meinung lassen sich zu mindestens drei Konzepten, die verschiedenen Theorietraditionen entspringen, bündeln (vgl. Roessing 2009: 48):

1) Aus sozialpsychologischer Perspektive kann öffentliche Meinung definiert werden als alle wertgeladenen Meinungen oder Verhaltensweisen, die man in der Öffentlichkeit (begriffen als Sphäre, in der man von anderen beobachtet und beurteilt werden kann) äußern oder zeigen muss, wenn man sich nicht isolieren will, oder zeigen kann, ohne sich zu isolieren (vgl. Noelle-Neumann 2001: 257; 2009: 437).

2) Aus staatswissenschaftlicher Perspektive wird öffentliche Meinung als Meinung einer informierten Elite definiert, die sich im Zuge einer rationalen, öffentlichen Diskussion gebildet hat (vgl. Roessing 2009: 48).

3) Aus empirisch-quantitativer Perspektive wird öffentliche Meinung als Aggregat individueller Einzelmeinungen definiert (vgl. Lamp 2009: 142).

Geschichte:
Im Verlauf der Geschichte hat der Begriff der öffentlichen Meinung mehrere Bedeutungsverschiebungen erfahren (vgl. Lamp 2009: 12, 131-145; Jackob 2012: 168f.):

1) Bereits in der griechischen und römischen Antike umschrieben Philosophen wie Platon, Sokrates oder Cicero das Phänomen mit Begriffen wie „Meinung“, „Urteil“ oder „ungeschriebene Gesetze“ (vgl. Jackob 2012: 170; Raffel 1984: 49; Noelle-Neumann 2009: 430). Dieses älteste, traditionelle Verständnis öffentlicher Meinung ist ein sozialpsychologisches, das u.a. auch den Arbeiten Toquevilles (1856), Tönnies‘ (1922) oder Allports (1937) zugrunde liegt. Zentrale Gedanken dieser Autoren wurden später von Elisabeth Noelle-Neumann übernommen (wie etwa der des Konformitätsdrucks, der von der öffentlichen Meinung sowohl auf den einzelnen als auch die Regierung ausgeht). Noelle-Neumanns sog. Integrationskonzept zufolge wird öffentliche Meinung als Instrument sozialer Kontrolle verstanden (an der alle Bürger partizipieren), mit der latenten Funktion der Sicherung eines ausreichenden Grades an gesellschaftlichem Konsens. Auf diesem Verständnis öffentlicher Meinung beruht Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale (2001).

2) Im Zuge der europäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert entwickelte sich ein normativ-politisches Verständnis öffentlicher Meinung (z.B. Speier 1950; Habermas 1990) auch Elitenkonzept genannt (vgl. Noelle-Neumann 2009: 431), das die sozialpsychologische Bedeutung zeitweise überlagerte bzw. verdrängte. Öffentliche Meinung entsteht diesem Verständnis zufolge durch einen kritischen, rationalen Diskurs unter den politisch am meisten gebildeten, bestinformierten und dem Gemeinwohl verpflichteten Bürgern (d.h. nicht alle Bürger partizipieren an der öffentlichen Meinungsbildung). Öffentliche Meinung hat die manifeste Funktion, die Regierenden bei ihrer Entscheidungsfindung und Meinungsbildung zu unterstützen. Öffentlichkeit wird hier in einem staatswissenschaftlichen Sinne als politisches Kommunikationsforum verstanden, der Gegenstandsbereich der öffentlichen Meinung verengt sich auf staatsrelevante Fragen (vgl. Lamp 2009: 132f.).

3) Durch die Entwicklung der empirischen Umfrageforschung entstand im 20. Jahrhundert das jüngste, empirisch-quantitative Verständnis öffentlicher Meinung. Sie wird hier mit den in repräsentativen Meinungsumfragen erhobenen Prozentverteilungen gleichgesetzt (z.B. Warner 1939; Lazarsfeld 1957; vgl. Roessing 2009: 14).

Gegenwärtiger Zustand:
Das Verständnis öffentlicher Meinung als Summe individueller Einzelmeinungen, die durch Meinungsforschung ermittelt werden kann, ist heutzutage in der Bevölkerung am weitesten verbreitet (vgl. Lamp 2009: 142). Das Elitenkonzept hingegen beherrscht weite Bereiche der Wissenschaft in Europa (vgl. Roessing 2009: 14). Häufig wird öffentliche Meinung auch mit der ,veröffentlichten Meinung‘, also mit den in den Massenmedien vorherrschenden Meinungen, gleichgesetzt (vgl. Lamp 2009: 136). Dem Integrationskonzept zufolge orientieren sich Menschen zwar an der medialen Berichterstattung, um einen Eindruck von der öffentlichen Meinung in der Bevölkerung zu bekommen, die veröffentlichte Meinung kann jedoch von der öffentlichen Meinung abweichen.

Forschungsstand:
Je nach Begriffsverständnis lassen sich verschiedene Forschungsstränge unterscheiden. Wird öffentliche Meinung mit aggregierten Bürgermeinungen gleichgesetzt, sind Meinungsumfragen die Analysemethode der Wahl. Sowohl in der Tradition des Eliten- als auch des Integrationskonzepts sind historisch-hermeneutische Arbeiten entstanden, die das Phänomen in Literatur, Geschichte und Philosophie untersuchen. Allein am Institut für Publizistik der Universität Mainz sind unter dem Einfluss Noelle-Neumanns mehr als 500 solcher Literaturstudien entstanden (vgl. Roessing 2009: 18f., 52, 55).

Darüber hinaus existieren zahlreiche internationale empirisch-analytische Studien in Form von Befragungen, Beobachtungen, Inhaltsanalysen oder Experimentalstudien, die öffentliche Meinung als Instrument sozialer Kontrolle (und/oder Schweigespiraleffekte) untersuchen. Neueste Studien analysieren Prozesse der öffentlichen Meinung bzw. Meinungsbildung im Internet.

Als Publikationen, die einen Überblick über den Forschungsstand geben, seien u.a. Scheufele/Moy (2000), Scherer/Tiele/Naab (2006), Shanahan/Glynn/Hayes (2007), Roessing (2009) sowie Donsbach/Salmon/Tsfati (2013) erwähnt.

Literatur:

Allport, Floyd H.: Toward a Science of Public Opinion. In: Public Opinion Quarterly, 1(1), 1937, S. 7-23.

Childs, Harwood Lawrence: Public opinion: nature, formation, and role. Princeton [van Nostrand] 1965.

Donsbach, Wolfgang; Charles T. Salmon; Yariv Tsfati (Hrsg.): The spiral of silence. New perspectives on communication and public opinion. New York [Routledge] 2013.

Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1990.

Jackob, Nikolaus: Cicero und die Meinung des Volkes: Ein Beitrag zu einer neuen Geschichtsschreibung der Öffentlichen Meinung. In: Kuhn, Christina (Hrsg.): Politische Kommunikation und öffentliche Meinung in der antiken Welt. Stuttgart [Franz Steiner] 2012, S. 167-190.

Lamp, Erich: Die Macht öffentlicher Meinung – und warum wir uns ihr beugen. Über die Schattenseite der menschlichen Natur. München [Olzog] 2009.

Lazarsfeld, Paul F.: Public Opinion and the Classical Tradition. In: Public Opinion Quarterly, 21(1), 1957, S. 39-53.

Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung und soziale Kontrolle. In: Recht und Staat, Heft 329. Tübingen [J.C.B. Mohr] 1966.

Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. 6. Auflage. München [Langen Müller] 2001.

Noelle-Neumann, Elisabeth (2009): Öffentliche Meinung. In: Noelle-Neumann, Elisabeth; Winfried Schulz; Jürgen Wilke (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. 2. Auflage. Frankfurt/M. [Fischer] 2009, S. 427-442.

Raffel, Michael: Der Schöpfer des Begriffes „Öffentliche Meinung“: Michel de Montaigne. In: Publizistik, 29(1-2), 1984, S. 49-62.

Roessing, Thomas: Öffentliche Meinung – die Erforschung der Schweigespirale. Baden-Baden [Nomos] 2009.

Scherer, Helmut; Annekaryn Tiele; Teresa Naab: Die Theorie der Schweigespirale: methodische Herausforderungen und empirische Forschungspraxis. In: Wirth, Werner; Andreas Fahr; Edmund Lauf (Hrsg.): Forschungslogik und -design in der Kommunikationswissenschaft. Band 2: Anwendungsfelder in der Kommunikationswissenschaft. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2006, S. 107-138.

Scheufele, Dietram A.; Patricia Moy: Twenty-Five years of the Sprial of Silence: a conceptual review and empirical outlook. In: International Journal of Public Opinion Research, 28, 2000, S. 304-324.

Shanahan, James; Carroll Glynn; Andrew Hayes: The spiral of silence: a meta-analysis and its impact. In: Preiss, Raymond W; Barbara May Gayle; Nancy Burrell; Mike Allen; Bryant Jennings (Hrsg.): Mass media effects research. Advances through meta-analysis. Mahwah/London [Lawrence Erlbaum] 2007, S. 415-427.

Speier, Hans: Historical Development of Public Opinion. In: American Journal of Sociology, 55(4), 1950, S. 376-388.

Tönnies, Ferdinand: Kritik der öffentlichen Meinung. Berlin [Julius Springer] 1922.

Toqueville, Alexis: L’ancien Régime et al Révolution. Paris [Michel Levy Frères] 1856.

Warner, Lucien: The Reliability of Public Opinion Surveys. In: Public Opinion Quarterly, 3(3), 1993, S. 376-390.

Öffentlichkeit

menschenmenge_keijj44_pixabay_comWortherkunft: Vor dem 18. Jahrhundert existierten der Terminus Öffentlichkeit oder seine Äquivalente in keiner europäischen Sprache. Älter sind viele Ableitungen von lat. publicus = öffentlich, was damals vor allem staatliche Zugehörigkeit signalisierte (daher: öffentlicher Dienst). Vom lateinischen Ursprung leiten sich so zentrale Begriffe ab wie die Republik (= res publica) oder das Publikum. Öffentlichkeit taucht unter den westeuropäischen Sprachen vor allem in Deutschland auf. Als Ableitung von ‘offen’ bezeichnet der Terminus Dinge, die weder privat noch geheim sind.

Definition:
Öffentlichkeit wird seit zwei Jahrhunderten in Deutschland diskutiert und entzieht sich inzwischen jeder klaren Definition (Hohendahl 2000). Bei erster Annäherung kann zwischen Öffentlichkeit als Sachverhalt und als Begriff unterschieden werden (Hölscher 1979). Als Sachverhalt ist die Zuordnung einfach: Öffentlichkeit ist bei freier Zugänglichkeit gegeben, historisch etwa bei Gerichtsverhandlungen und Parlamentssitzungen. Das Grundgesetz der Bundesrepublik schreibt vor (Artikel 42,1): „Der Bundestag verhandelt öffentlich.“ In diesem Sinne ist Öffentlichkeit immer dann gegeben, wenn Zugänglichkeit für die Allgemeinheit garantiert ist. Diese Zugänglichkeit kann sowohl direkt, über Medien, wie auch virtuell (im Internet) hergestellt werden.

Geschichte:
Viel komplexer erweist sich Öffentlichkeit als Begriff. In seiner ursprünglichen Bedeutung verstand er sich als Kampfbegriff eines im 18. und 19. Jahrhundert selbstbewusster werdenden Bürgertums, das sich in das politische Handeln der Herrschenden einmischen will (Schiewe 2004). Voraussetzung zur Entstehung einer derartigen Sphäre der bürgerlichen Selbstverständigung war die Befreiung der Presse vom Joch der Zensur. Das Konzept der ‘bürgerlichen Öffentlichkeit’ wurde durch Jürgen Habermas bekannt, der es in seiner Darstellung mit einer Klage über deren Strukturwandel verband, da sie später von der Kulturindustrie erobert und vermachtet worden sei. Sein Ansatz betonte das Recht jedes Bürgers, am öffentlichen Diskurs teilzunehmen, weshalb es als Diskursmodell bezeichnet wird (Habermas 1990, erstmals veröffentlicht 1962).

In späteren Ansätzen beschreibt er eine Öffentlichkeit, die das Räsonnement eines sich gegenseitig aufklärenden Volkes im öffentlichen Gebrauch der Vernunft gewährleisten soll. Damit wird Öffentlichkeit eng mit Aufklärung verknüpft und erhält ihre zentrale normative Kodierung. Angesichts der beobachtbaren Vermachtung von Massenmedien wurde die Forderung auf Herstellung einer ‘Gegenöffentlichkeit’ erhoben (Negt/Kluge 1972), wie sie heute vor allem in Bezug auf das Internet konzeptionell reaktiviert wird.

Gegenwärtiger Zustand:
Angestoßen von Habermas‘ Thesen hat sich eine lebendige Diskussion über den gegenwärtigen Stand der Öffentlichkeit entfaltet. So wird darauf verwiesen, dass Öffentlichkeit drei Funktionsbestimmungen zukomme: Sie soll offen sein für alle gesellschaftlichen Gruppen (Transparenzfunktion), in ihr sollen Öffentlichkeitsakteure mit den Meinungen anderer diskursiv umgehen (Validierungsfunktion), und öffentliche Kommunikation soll öffentliche Meinungen erzeugen, die das Publikum wahrnehmen und akzeptieren kann (Orientierungsfunktion) (Neidhardt 1994). Aus systemtheoretischer Perspektive entstand ein Spiegelmodell, bei dem die Selbstbeobachtung und die Herstellung einer Selbstbeschreibung von Gesellschaft mittels Öffentlichkeit im Mittelpunkt steht (Gerhards 1994).

In einer typologischen Sicht erscheint Öffentlichkeit historisch als ein Forum, verdeutlicht an den Märkten (Agora) der altgriechischen Stadtstaaten (Polis), auf denen neben Waren auch Informationen ausgetauscht wurden. Wenn Menschen zu örtlich und zeitlich fixierten kommunikativen Ereignissen zusammenkommen, eignet sich die Metapher der Arena. Modernen Massenmedien kommt dann die Aufgabe zu, gleichermaßen Forum und Arena zu sein, wobei die Aufgabe der Journalisten ist, die vielfältigen Parzellierungen der hochdifferenzierten Gesellschaft zu überwinden und in ihrer Verantwortung zur Formung einer öffentlichen Agenda beizutragen.

Von ihrer Funktion her kann Öffentlichkeit als intermediäres System verstanden werden, welches zwischen dem politischen System und den Bürgern angesiedelt ist. Ein anderer Ansatz fragt nach den Ebenen von Öffentlichkeit, wobei zwischen den Ebenen des Encounter (einem Begriff aus der Psychologie, der Begegnung und damit spontane Öffentlichkeit meint), der Themen- und Versammlungs-Öffentlichkeit (die einen gewissen Organisationsgrad aufweist) und der Medien-Öffentlichkeit (mit hoher Organisation und der Bereitstellung von Themen von Journalisten) unterschieden wird (Neidhardt 1994). Eine weitere Differenzierung kennt latente (nichtteilnehmende), passive (geringe Beteiligung) und aktive Öffentlichkeit (regelmäßige, zielorientierte Beteiligung) (Dahrendorf 1975; 2002). Spätestens seitdem eine eigene ‘feminine’ Öffentlichkeit entdeckt wurde, die von spezifisch weiblichen Kommunikationsformen geprägt ist, wird von Teilöffentlichkeiten gesprochen, die sich je nach Gender, Räumen, Ethnien etc. differenziert etablieren.

In den letzten Jahren wurde im Zusammenhang mit den demokratischen Defiziten des europäischen Integrationsprojekts häufig der Mangel an europäischer Öffentlichkeit beklagt. Tatsächlich gibt es fast keine europäischen Medien, die eine derartige Öffentlichkeit aufbauen könnten. Deshalb wurde einerseits die Forderung nach der Stärkung europäischer Medien erhoben, andere sahen in der Europäisierung nationaler Medien eine Lösung (Hagen 2004). Im europäischen Kontext wurden ganz neue Sichtweisen entwickelt. Als Habermas’ Studie über den Strukturwandel der Öffentlichkeit 1990 in die englische Sprache übersetzt wurde, verbreitete sich international der Begriff ‘Public Sphere’, welcher der Öffentlichkeit eine Raum-Dimension zuweist (und damit die Notwendigkeit öffentlicher Räume) und sie mit der europäischen Tradition von öffentlich-rechtlich organisierten Medien (fachlich auch Public-Service-Medien genannt) verknüpft, die in besonderer Weise geeignet sind, Öffentlichkeit herzustellen.

Forschungsstand:
Die vielen Facetten der Debatte machen eine eindeutige Definition unmöglich. Grob gesagt, lässt sich die Argumentation in eher normativ geprägte (Habermas 1990; Negt/Kluge 1972) und eher funktional orientierte (Neidhardt 1994; Gerhards 1994) Ansätze unterteilen. Einig sind sich die Autoren allerdings darin, dass eine funktionierende Öffentlichkeit (oder Öffentlichkeiten) grundlegend für eine überlebensfähige Demokratie ist. Öffentlichkeit definiert dabei eine Sphäre außerhalb des Staates, in der Bürger – angestoßen von und artikuliert über Medien – das politische Geschehen kritisch und diskursiv begleiten. Gerade am Beispiel Europas wird deutlich, dass ein Mangel an Öffentlichkeit immer auch als Mangel an Demokratie empfunden wird.

Literatur:

Dahrendorf, Ralf: Aktive und passive Öffentlichkeit. In: Grube, Frank; Gerhard Richter (Hrsg.): Demokratietheorien. Konzeptionen und Kontroversen. Hamburg [Hoffmann und Campe] 1975, S. 76-80

Dahrendorf, Ralf: Aktive und passive Öffentlichkeit. Über Teilnahme und Initiativen im politischen Prozeß moderner Gesellschaften. In: Haas, Hannes; Wolfgang R. Langenbucher: Medien- und Kommunikationspolitik. Ein Textbuch zur Einführung. Wien [Braumüller] 2002, S. 26-35

Gerhards, Jürgen: Politische Öffentlichkeit. Ein system- und akteurstheoretischer Bestimmungsversuch. In: Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994, S. 77-105

Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1990

Hagen, Lutz M. (Hrsg.): Europäische Union und mediale Öffentlichkeit. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde zur Rolle der Medien im europäischen Einigungsprozess. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2004

Hohendahl, Peter Uwe (Hrsg.): Öffentlichkeit. Geschichte eines kritischen Begriffs. Stuttgart/Weimar [J. B. Metzler] 2000

Hölscher, Lucian: Öffentlichkeit und Geheimnis. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung zur Entstehung der Öffentlichkeit in der frühen Neuzeit. Stuttgart [Klett-Cotta] 1979

Negt, Oskar; Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1972

Neidhardt, Friedhelm: Einleitung. In: Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994, S. 7-41

Schiewe, Jürgen: Öffentlichkeit – Entstehung und Wandel in Deutschland. Paderborn [Ferdinand Schöningh] 2004