Theorien der Kommunikationswissenschaft

    Eine Einführung von Michael Kunczik

    Wortherkunft: griech. theôria = Betrachtung, Erkenntnis, Anschauung

    Über den sozialwissenschaftlichen Theoriebegriff besteht in der Literatur keine Einigkeit. In Anlehnung an Hans Albert können Theorien als umfassende Systeme von Hypothesen verstanden werden, die in Form von logisch zusammenhängenden Urteilen versuchen, einzelne Phänomene der Wirklichkeit (hier: die Massenkommunikation) zu beschreiben, zu erklären und ggf. zu prognostizieren, also vorherzusagen. Zu ihrer Entwicklung und Zuverlässigkeit (dem Faktor der Validierung), bedürfen Theorien einer kontinuierlichen Überprüfung durch empirische Forschung. Diese vermag nach dem Kritischen Rationalismus Karl R. Poppers Theorien zu widerlegen, sie jedoch nicht endgültig zu beweisen, da stets nur Ausschnitte der Realität zur Überprüfung allgemeiner theoretischer Annahmen herangezogen werden können. Mit der Zahl nicht-widerlegbarer empirischer Untersuchungen steigt der Bewährungsgrad einer Theorie.

    Die Kommunikationswissenschaft stellt ein Integrationsfach dar. In ihrer interdisziplinären Ausrichtung bezieht sie eine Vielzahl von Erkenntnissen aus benachbarten Wissenschaften (z. B. Psychologie, Soziologie oder Politikwissenschaft) ein, überträgt diese auf den Bereich der Massenkommunikation und legt sie dort letztlich der eigenen Theoriebildung bzw. -spezifikation zugrunde. Dabei ist zu berücksichtigen, dass eindeutige Fachgrenzen heute nicht mehr mit Ausschließlichkeitsanspruch zwischen einzelnen sozialwissenschaftlichen Disziplinen eingefordert werden können. Vielmehr erweisen sich die Übergänge mit Blick auf den jeweiligen Forschungsgegenstand und die zugrunde gelegten Methoden als fließend. Zu den wichtigsten theoretischen Konzeptionen der Kommunikationswissenschaft zählen u. a. die Theorie der Schweigespirale, das Modell des Agenda-Settings, der Nutzen- und Belohnungsansatz und die → Nachrichtenwerttheorie.

    Allgemein lassen sich drei Gruppen an sozialwissenschaftlichen Theorien in der Kommunikationswissenschaft unterscheiden: Während Mikro-Theorien auf der Ebene von Individuen und Kleingruppen angesiedelt sind (z. B. Handlungs-, Lern- oder Interaktionstheorien), beziehen sich Meso-Theorien auf die Ebene von Organisationen und Verbänden (z. B. PR- oder Journalismus-Theorien). Makro-Theorien betrachten schließlich die zu erklärenden Phänomene aus der Perspektive der Gesamtgesellschaft (z. B. Systemtheorie, kritischer Materialismus, Cultural Studies). In der Kommunikationswissenschaft dominieren Theorien mittlerer Reichweite, die sich auf die Erklärung eines eng umgrenzten Bereiches der Massenkommunikation konzentrieren.

    Literatur:

    Bentele, Günter; Manfred Rühl (Hrsg.): Theorien öffentlicher Kommunikation. Problemfelder, Positionen, Perspektiven. München [Ölschläger] 1993

    Burkart, Roland; Walter Hömberg (Hrsg.): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung. 3. Auflage. Wien [Braumüller] 2004

    Kunczik, Michael: Kommunikation und Gesellschaft. Theorien zur Massenkommunikation. Köln/Wien [Böhlau] 1984

    Weber, Stefan (Hrsg.): Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus. Konstanz [UVK/UTB] 2003

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Priming

Wortherkunft: engl. to prime = vorbereiten; engl. priming = Grundierung; siehe auch dt. primär = die Grundlage bildend

Der Ansatz des Priming (vgl. z.B. Scheufele 2016; Roskos-Ewoldsen et al. 2009; Peter 2002) stammt aus der Kognitionspsychologie und betrifft die menschliche Informationsverarbeitung (vgl. Fiske/Taylor 2013: 9-11). Ausgangspunkt ist der Gedanke, dass konkrete Schlüsselreize bestimmte Wissenseinheiten, Kognitionen bzw. Schemata in den Köpfen von Rezipienten aktivieren können. Wenn wir z.B. in der Überschrift eines Medienbeitrags von einem Skandal lesen, regt das Wort ,Skandal‘ alle unsere Vorstellungen rund um Skandale an (vgl. Scheufele 2016: 12f.). Man spricht hier von einem ‚Wort-Prime‘. Aber auch Bilder oder Erinnerungen können als Prime wirken. Die so aktivierten Vorstellungen sind eine gewisse Zeit kognitiv zugänglicher und können daher im Vergleich zu anderen Kognitionen leichter erneut aktiviert werden (vgl. Higgins et al. 1977: 142). Diese Effekte sind empirisch gut belegt (vgl. Fiske/Taylor 2003: 75f.).

Ein Prime erhöht also zunächst die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Kognitionen später erneut wachgerufen werden können (vgl. Anderson 1983: 87). Das ist aber nur der erste Schritt; der zweite besteht darin, dass diese Vorstellungen dann auch tatsächlich erneut aktiviert werden – etwa wenn eine Person oder Situation beurteilt werden soll (vgl. Peter 2002: 23). So prägten frühere psychologische Experimente (vgl. Higgins et al. 1977) die Probanden z.B. entweder auf positive oder auf negative Persönlichkeitsmerkmale und ließen sie danach eine Person oder deren Verhalten einordnen. Die Tatsache, dass die Probanden die Person oder Situation entlang jener Eigenschaften kategorisierten, auf die sie zuvor in ihrem Denken gelenkt worden waren, gilt als Priming-Effekt. Dabei kann es sich um Kognitionen handeln, auf die man kurz vorher (Recent Priming) oder immer wieder gelenkt wurde (Frequent Priming) (vgl. Scheufele 2016: 21f.; Peter 2002: 23f.; Price/Tewksbury 1997: 188-191, 197-199).

Diese Überlegungen lassen sich auch auf Journalismus, Massenmedien und soziale Medien übertragen: Wenn ein Redakteur eine Agenturmeldung mit dem Begriff ,Terror‘ in der → Überschrift liest, kann dieses Wort als Prime fungieren: Er ruft die Vorstellungen des Redakteurs von Terrorismus wach, die seine weitere Lektüre und damit auch die redaktionelle Verarbeitung der Agenturmeldung beeinflussen können (vgl. Scheufele 2016: 12).

Aus der Perspektive des Priming-Ansatzes lässt sich aber auch die Wirkung öffentlicher Diskurse über Fake News diskutieren (vgl. Duyn/Collier 2019): Dass Rezipienten bzw. Nutzer durch solche Debatten tatsächlich den Unterschied zwischen → Nachrichten und → Fake News erlernen, ist angesichts mancher empirischen Befunde jedoch fraglich (vgl. Duyn/Collier 2019: 42f.).

Für Priming-Effekte, die von politischen Medieninhalten ausgehen, lassen sich zwei Lesarten unterscheiden (vgl. Scheufele 2016: 24-29): Die erste Lesart nimmt an, dass Themen, über die Medien besonders häufig oder ausführlich berichten, zugleich die Maßstäbe liefern, anhand derer Rezipienten z.B. die Regierung beurteilen (vgl. Iyengar/Kinder 2010: 63) – hier fungiert also das jeweilige Thema als Prime. Ist Klimawandel ein Dauerthema der Medienberichterstattung, werden Politiker und Parteien anhand ihrer Kompetenz in der Klimafrage beurteilt. Stehen dagegen Extremismus und Demokratiedefizite auf der Agenda, werden sie anhand ihres Eintretens für die freiheitlich-demokratische Grundordnung gemessen. Je nach Thema machen die gleichen Akteure also mal eine bessere, mal eine schlechtere Figur. Vor diesem Hintergrund sind Journalisten als Vermittlungsinstanz, aber auch als Korrektiv gefragt.

Die zweite Lesart fußt auf kognitionspsychologischen Überlegungen (vgl. Higgins 1996; Higgins/Brendl 1995) und betrachtet den Medien-Frame, also die Rahmung eines Themas als Prime (vgl. Price/Tewksbury 1997: 180f., 197-199). Indem Journalisten ein Thema in einen bestimmten Kontext einbetten, prägen sie, welche Erkenntnisse von Rezipienten passfähig oder anwendbar sind (→ Framing-Effekt).

Im Zeitalter des ‚Echtzeitjournalismus‘, des → Click-Baiting und der direkten Zielgruppenansprache über soziale Medien mag Priming für Journalisten sowie politische und gesellschaftliche Akteure verlockend sein. Die entscheidende Frage ist aber, ob sie Priming nur zur Skandalisierung und → Dramatisierung bzw. für hohe Reichweiten nutzen oder ob sie Primes verantwortungsvoll einsetzen, um die Informationsverarbeitung und das Verständnis ihrer Rezipienten zu erleichtern bzw. um im Sinne des → konstruktiven Journalismus den Blick auf unterschiedliche Lösungsansätze zu lenken.

Forschungsüberblicke (vgl. Scheufele 2016: 42-54; Roskos-Ewoldsen et al. 2009: 75-79; Fiske/Taylor 2003: 75f.; Peter 2002: 26f.) dokumentieren darüber hinaus, dass gewalthaltige Medieninhalte (wie Videospiele und Fernsehprogramme) aggressive Gedanken und Gefühle auslösen können (vgl. Anderson et al. 2003; Panee/Ballard 2002). Zudem können Filme, Fernsehserien oder Musikvideos die Rezipienten in Bezug auf ethnische oder andere Stereotype manipulieren (vgl. Valentino 1999; Hansen/Hansen 1988). In diesem Zusammenhang besteht eine starke Überschneidung zum Kultivierungsansatz (vgl. Scheufele 2016: 63-69), weshalb manche Autoren die Wirkung von Frequent Priming eher als Kultivierungseffekt begreifen (vgl. Roskos-Ewoldsen et al. 2009: 83).

Literatur:

Anderson, John R.: The architecture of cognition. Mahwah [Lawrence Erlbaum] 1983.

Anderson, Craig A.; Nicholas L. Carnagey; Janie Eubanks: Exposure to violent media: The effects of songs with violent lyrics on aggressive thoughts and feelings. In: Journal of Personality and Social Psychology, 84(5), 2003, S. 960-971.

Fiske, Susan T.; Shelley E. Taylor: Social cognition from brains to culture. 2. Auflage. London [Sage] 2013.

Hansen, Christine H.; Ranald D. Hansen: How rock music videos can change what is seen when boy meets girl: Priming stereotypic appraisal of social interactions. In: Sex Roles, 19(5-6), 1988, S. 287-316.

Higgins, E. Tory; William S. Rholes; Carl R. Jones: Category accessibility and impression formation. In: Journal of Experimental Social Psychology, 13(2), 1977, S. 141-154.

Higgins, E. Tory; C. Miguel Brendl: Accessibility and applicablity: Some „activation rules“ influencing judgment. In: Journal of Experimental Psychology, 31(3), 1995, S. 218-243.

Higgins, E. Tory: Knowledge activation: Accessibility, applicability, and salience. In: Higgins, E. Tory; Arie W. Kruglanski (Hrsg.), Social psychology. Handbook of basic principles. New York/London [The Guilford Press] 1996, S. 133-168.

Iyengar, Shanto; Donald R. Kinder: News that matters: Television and American opinion. Updated Edition. Chicago [The University of Chicago Press] 2010.

Panee, Cameron D.; Mary E. Ballard: High versus low aggressive priming during video-game training: Effects on violent action during game play, hostility, heart rate, and blood pressure. In: Journal of Applied Social Psychology, 32(12), 2002, S. 2458-2474.

Peter, Jochen: Medien-Priming – Grundlagen, Befunde und Forschungstendenzen. In: Publizistik, 47(19), 2002, S. 21-44.

Price, Vincent; David Tewksbury: News values and public opinion. A theoretical account of media priming and framing. In: Barett, George A.; Franklin J. Boster (Hrsg.): Progress in communication sciences. Advances in persuasion. Vol. 13. Greenwich [Ablex] 1997, S. 173-212.

Roskos-Ewoldsen, David R.; Beverly Roskos-Ewoldsen; Francesca Dillman Carpentier: Media priming. An updated synthesis. In: Bryant Jennings; Mary Beth Oliver (Hrsg.): Media effects. Advances in theory and research. 3. Auflage. New York [Routledge] 2009, S. 74-93.

Scheufele, Bertram: Priming. Konzepte. Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 14. Baden-Baden [Nomos] 2014.

Valentino, Nicholas A.: Crime news and the priming of racial attitudes during evaluations of the president. In: Public Opinion Quarterly, 63(3), 1999, S. 293-320.

Van Duyn, Emily; Jessica Collier: Priming and fake news: The effects of elite discourse on evaluations of news media. In: Mass Communication and Society, 22(1), 2019, S. 29-48.

Publikum

Wortherkunft: lat. publicum = Gemeinwesen, Öffentlichkeit

Ein Publikum bezeichnet alle Rezipienten einer Mitteilung, also alle Leser, Hörer oder Zuschauer, die die → Öffentlichkeit eines Ereignisses oder Vorgangs, eines Themas oder einer Meinung herstellen. Dabei ist es im Prinzip unerheblich, wie viele Rezipienten beteiligt sind, und auch das Ausmaß ihres Verstehens spielt keine grundsätzliche, sondern nur eine graduelle Rolle. Allerdings stellt man sich ein Publikum meistens kleiner und bestimmter vor als eine Gesellschaft.

Es gibt Präsenzpublika (Anwesende, die vom Kommunikator wahrgenommen werden und die sich gegenseitig wahrnehmen können) und zeitlich und/oder räumlich verstreute Medienpublika. So können Speichermedien wie Schriften oder Bilder gleichzeitig und ungleichzeitig sehr viele Menschen erreichen, wenn diese sie aufsuchen (z.B. Inschriften oder Statuen) oder sie an verschiedenen Orten nutzen, falls sie gedruckt und vervielfältigt wurden (wie Bücher oder Zeitungen). Die flüchtigen Sendungen jüngerer Verbreitungsmedien (wie des Rundfunks) können dagegen nur gleichzeitig, aber ebenfalls an verschiedenen Orten empfangen werden, es sei denn, sie werden aufgezeichnet und wiederholt.

Publika können zwar dauerhafte und formale Beziehungen zu Medien eingehen (z.B. als Abonnenten), sind aber oft sehr heterogene und instabile Kollektive mit unterschiedlichen Rezeptionsmotiven, -präferenzen und -gewohnheiten, deren Anwesenheit oder Aufmerksamkeit außerdem wenig darüber verrät, wie sie die angebotenen Inhalte verstehen und nutzen. So kann man zwischen potenziellen Publika (Medienbesitzern oder Interessierten), explorativen Publika (Neugierigen oder ‚Surfern‘), manifesten Publika (Anwesenden oder Aufmerksamen), engagierten Publika (Fans oder Kritikern) und distanzierten Publika (Beiläufigen oder Zerstreuten) unterscheiden, und diese muss man wiederum von Zielgruppen abgrenzen, also von Menschen mit ähnlichen soziodemografischen Merkmalen.

Publika von Online-Medien sind häufig produktive Publika, also nicht nur Rezipienten, sondern auch → Kommunikatoren, die die Medien dazu nutzen, eigene Mitteilungen zu machen oder die laufend ihre Rollen wechseln. Das war zwar schon telefonisch möglich, aber nur ‚one-to-one‘, während nun auch ‚one-to-many‘ und ‚many-to-many‘ kommuniziert werden kann.  In der Presse finden solche Rollenwechsel gewöhnlich nur in Form von Interviews oder Leserbriefen statt, während Hörfunk- und Fernsehpublika wiederum zu Mitwirkenden der Inszenierung werden können und dann (z.B. als Präsenzpublika) eine Doppelrolle spielen. Diese kann freilich auch nur vorgetäuscht werden, etwa durch fiktive Lacher in Comedy-Serien.

Als empirische Methoden der klassischen Publikumsforschung eignen sich besonders Leser-, Hörer- und Zuschauerbefragungen (Scholl 2018), aber auch offene oder verdeckte Beobachtungen von Rezeptionsverhalten (Gehrau 2017).  Online-Publika werden durch die Erfassung von Klicks und Responses ermittelt, die allerdings meistens keine zuverlässigen Rückschlüsse auf ihre Identität erlauben.

Literatur

Altmeppen, Klaus-Dieter; Christoph Bieber; Alexander Filipović; Jessica Heesen; Christoph Neuberger; Ulrike Röttger; Stefan Stieglitz; Tanja Thomas: Öffentlichkeit, Verantwortung und Gemeinwohl im digitalen Zeitalter. Zur Erforschung ethischer Aspekte des Medien- und Öffentlichkeitswandels. In: Publizistik, 64, 2019, S. 59-77.

Bauer, Raymond A.: Das widerspenstige Publikum. In: Prokop, Dieter (Hrsg.): Massenkommunikationsforschung, Bd. 2: Konsumtion. Frankfurt am Main/Köln [Fischer TBV] 1973, S. 152-166.

Bonfadelli, Heinz: Medienwirkungsforschung. 6. Auflage, Konstanz [UVK] 2017.

Gehrau, Volker: Die Beobachtung als Methode der Kommunikations- und Medienwissenschaft. 2. Auflage, Konstanz [UVK] 2017.

Imhof, Kurt; Roger Blum; Heinz Bonfadelli; Otfried Jarren; Vinzenz Wyss (Hrsg.): Demokratisierung durch Social Media? Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Maletzke, Gerhard: Psychologie der Massenkommunikation. Hamburg [Verl. Hans Bredow-Institut] 1978.

Scholl, Armin: Die Befragung. 4. Auflage. Konstanz [UVK] 2018.

Teichert, Will: Dem Publikum auf der Spur. In: Bertelsmann Briefe, 87, 1976, S. 3-12.

Third-Person-Effekt

Definition:
Der Ursprung des Third-Person-Effekts (TPE) liegt in W. Philipps Davisons 1983 erschienenem Aufsatz „The Third-Person Effect in Communication“. Eine deutsche Übersetzung (etwa: „Andere-Personen-Effekt“) dieses Kernkonzeptes der kommunikationswissenschaftlichen Rezeptions- und Wirkungsforschung ist nicht geläufig.

Nach dem TPE nehmen (1) Menschen (First Persons) in der Regel wahr, dass andere Menschen (Third Persons) stärker von medialen Inhalten beeinflusst werden als sie selbst (Wahrnehmungskomponente), was (2) ihre Vorstellungen, Einstellungen, Verhaltensabsichten und ihr Verhalten beeinflusst (Effektkomponente).

Genereller sozialwissenschaftlicher Hintergrund des TPE ist das ,Thomas-Theorem‘, welches besagt, dass (korrekte oder falsche) Annahmen über soziale Tatsachen reale Konsequenzen haben (Thomas/Thomas: 1928: 572). Es ist also nicht (nur) entscheidend, welchen Einfluss mediale Inhalte tatsächlich auf Menschen ausüben, sondern vielmehr, welcher Einfluss medialen Inhalten unterstellt wird.

Geschichte:
Zahlreiche Anekdoten aus der Geschichte bestätigen den Third-Person-Effekt. Davison (1983) weist beispielsweise auf die Wirkung von Flugblättern im Zweiten Weltkrieg hin: 1945 warf die japanische Luftwaffe Flugblätter über der auf einer Pazifikinsel stationierten US-amerikanischen Einheit ab, die aus vielen schwarzen Soldaten und weißen Offizieren bestand. Die Soldaten wurden in den Flugblättern aufgefordert, nicht ihr Leben für „den weißen Mann“ zu riskieren und aufzugeben oder zu desertieren. Am nächsten Tag wurde die Einheit verlegt, obwohl es keinerlei Anzeichen gab, dass die Flugblätter die Einstellungen der Soldaten beeinflussten. Sie beeinflussten aber die Entscheidungen der Offiziere, die einen starken Effekt der Flugblätter auf die Soldaten vermuteten und handelten.

Forschungsstand:
Wissenschaftliche Studien zum TPE gibt es seit den 1980er-Jahren. Dabei wurde (1) die Wahrnehmungskomponente und (2) die Effektkomponente untersucht.

(1) Cohen, Mutz, Price und Gunther (1988) haben die Wahrnehmungskomponente des TPE erstmals experimentell nachgewiesen. Gunther (1991) zeigte, dass die Wahrnehmungsdifferenz eher darauf zurückzuführen ist, dass Personen den medialen Einfluss auf andere Personen überschätzen und nicht etwa, weil sie den medialen Einfluss auf sich selbst unterschätzen.

Kurz darauf gab es die ersten dem TPE widersprechenden Ergebnisse. So haben Gunther und Mundy (1993) gezeigt, dass positiv bewertete Medieninhalte dazu führen, dass Menschen stärkere Einflüsse auf sich selbst wahrnehmen als auf andere. Das Phänomen hat sich als ,First-Person-Perception‘ etabliert (im Überblick: Golan/Day 2008). Werden mediale Inhalte und deren unterstellte Wirkungen dagegen als unerwünscht bewertet (z. B. gewalttätige oder pornographische Inhalte), steigt der wahrgenommene mediale Einfluss auf andere Personen im Vergleich zur eigenen Person an (z. B. Scharrer/Leone 2008). Zudem steigt die Wahrnehmungsdifferenz, je größer die (räumliche, soziale, politische) Distanz zu anderen Personen wahrgenommen wird. Der wahrgenommene mediale Einfluss auf die eigene Person (First Persons) ist also geringer als der auf Freunde, die Familie oder Bekannte (Second Persons), welcher wiederum geringer ist als auf die Allgemeinheit oder Fremde (Third Persons; z. B. Meirick 2005).

Auch die Bewertung der Quelle hat einen Einfluss auf die Wahrnehmungsdifferenz: Je skeptischer Personen gegenüber dem Medium sind, welches mediale Inhalte verbreitet, desto größer ist der wahrgenommene Einfluss dieses Mediums auf andere im Vergleich zum wahrgenommenen Einfluss auf sich selbst (z. B. Tsay-Vogel 2016).

(2) Die Forschung zur Effektkomponente des TPE begann später und war zunächst weniger intensiv. Da Menschen den Effekt von medialen Inhalten als besonders stark empfinden, wenn sie den Inhalt als gefährlich einschätzen, liegt es nahe, dass diese Personen fordern, die Verbreitung dieser Medieninhalte zu beschränken. Die Befürwortung zu Zensurforderungen ist daher auch die am häufigsten untersuchte und am besten bestätigte Konsequenz der Wahrnehmungsdifferenz (Feng/Guo 2012): Je schädlicher Personen den Einfluss medialer Inhalte auf andere im Vergleich zu sich selbst einschätzen, desto eher befürworten sie Zensurmaßnahmen. Ebenso beeinflusst die Wahrnehmungsdifferenz die Forderung, unfair empfundene Wahlkampfwerbung zu verbieten (Salwen 1998). In dieser Studie – und in vielen weiteren Studien danach – konnte gezeigt werden, dass Zensurforderungen oder andere Konsequenzen insbesondere vom wahrgenommenen Einfluss auf andere Personen beeinflusst werden und nicht von der Wahrnehmungsdifferenz.

Neuere Studien untersuchen daher lediglich, welche Folgen der wahrgenommene Einfluss medialer Inhalte auf andere Personen hat. Dieser eng mit dem TPE verbundene Ansatz wird auch als ,Influence of Presumed Influence‘-Ansatz bezeichnet (Gunther/Storey 2003). Studien zu diesem Ansatz konnten zeigen, dass auch Politiker und Journalisten Zensurmaßnahmen befürworten, etwa, wenn sie von einem starken Einfluss von Online-Medien auf andere Personen ausgehen (Bernhard/Dohle, 2016; Dohle/Bernhard, 2014). Politiker steigern zudem ihre öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten, je stärker sie davon ausgehen, dass die Öffentlichkeit von Medien beeinflusst wird (Cohen/Tsfati/Sheafer, 2008). Studien unter Bürgern konnten unter anderem zeigen, dass Bürger eher strategisch wählen (Cohen/Tsfati 2009) oder stärker die → Öffentlichkeit beeinflussen wollen (‚Corrective Actions‘; Rojas 2010), je stärker sie davon ausgehen, dass andere Bürger von Medien beeinflusst werden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Wahrnehmungskomponente des TPE als größtenteils bestätigt gelten kann. Die Effektkomponente des TPE wurde von dem ‚Influence of Presumed Influenc‘“-Ansatz als dominante Forschungslogik abgelöst.

Literatur:

Bernhard, Uli; Marco Dohle: Constructive or repressive? Journalists’ reactions to the presumed political influences of online media. In: Studies in Communication | Media, 5, 2016, S. 31-51.

Cohen, Jeremy; Diana Mutz; Vincent Price; Albert Gunther: Perceived Impact of Defamation: An Experiment on Third-Person Effects. In: Public Opinion Quarterly, 52, 1988, S. 161-173.

Cohen, Jonathan, Yariv Tsfati: The Influence of Presumed Media Influence on Strategic Voting. In: Communication Research, 36, 2009, S. 359-378.

Cohen, Jonathan, Yariv Tsfati; Tamir Sheafer: The Influence of Presumed Media Influence in Politics: Do Politicians’ Perceptions of Media Power Matter? In: Public Opinion Quarterly, 72, 2008, S. 331-344.

Davison, W. Philipps: The Third-Person Effect in Communication. In: Public Opinion Quarterly, 47, 1983, S. 1-15.

Dohle, Marco. Third-Person-Effekt. 2. Auflage. Baden-Baden [Nomos] 2017.

Dohle, Marco; Uli Bernhard: Presumed Online Media Influence and Support for Censorship: Results from a Survey among German Parliamentarians. In: International Journal of Public Opinion Research, 26, 2014, S. 256-268.

Feng, Guangchao Charles; Steve Zhongshi Guo: Support for Censorship: A Multilevel Meta-Analysis of the Thrid-Person Effect. In: Communication Reports, 25, 2012, S. 40-50.

Golan, Guy J.; Anita G. Day: The First-Person Effect and Its Behavioral Consequences: A New Trend in the Twenty-Five Year History of Third-Person Effect Research. In: Mass Communication and Society, 11, 2008, S. 539-556.

Gunter, Albert C.: What We Think Others Think: Cause and Consequence in the Third-Person Effect. In: Communication Research, 18, 1991, S. 355-372.

Gunther, Albert C.; Paul Mundy: Biased Optimism and the Third-Person Effect. In: Journalism Quarterly, 78, 1993, S. 58-67.

Gunther, Albert C.; J. Douglas Storey: The Influence of Presumed Influence. In: Journal of Communication, 53, 2003, S. 199-215.

Meirick, Patrick C.: Rethinking the Target Corollary: The Effects of Social Distance, Perceived Exposure, and Perceived Predispositions on First-Person and Third-Person Perceptions. In: Communication Research, 32, 2005, S. 822-843.

Rojas, Hernando: “Corrective” Actions in the Public Sphere: How Perceptions of Media and Media Effects Shape Political Behaviors. In: International Journal of Public Opinion Research, 22, 2010, S. 343-363.

Salwen, Michael B.: Perceptions of Media Influence and Support for Censorship: The Third-Person Effect in the 1996 Presidential Election. In: Communication Research, 25, 1998, S. 259-285.

Scharrer, Erica; Ron Leone: First-Person Shooters and the Third-Person Effect. In: Human Communication Research, 34, 2008, S. 210-233.

Sun, Ye; Zhongdang Pan; Lijiang Shen: Understanding the Third-Person Perception: Evidence From a Meta-Analysis. In: Journal of Communication, 58, 2008, S. 280-300.

Thomas, William I.; Dorothy Swaine Thomas: The Child in America. Behavior Problems and Programs. New York [Knopf] 1928.

Tsay-Vogel, Mina: Me versus Them. Third-Person Effects among Facebook Users. In: New Media & Society, 18, 2016, S. 1956-1972.