Start Typen und Formen

Typen und Formen

    Eine Einführung von Thomas Birkner

    Journalismus ist ein „modern-era phenomenon” (Barnhurst 2015: 309) und kann gleichfalls als „sense-making practice of modernity” (Hartley 1996: 32) verstanden werden. Entsprechend ist die Entstehungsgeschichte des Journalismus mit dem Prozess der Ausdifferenzierung der modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft insbesondere im 19. Jahrhundert verbunden. Dem Journalismus fiel die Rolle zu, der Moderator jenes „Selbstgesprächs“ zu sein, „welches die Zeit über sich selber führt“ (Prutz 1971: 7). In dieser Funktion hat sich der Journalismus, auch im Verlauf des 20. Jahrhunderts, immer weiträumiger entfaltet. Dabei lassen sich spätestens mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts Ausdifferenzierungen oder auch Entgrenzungen (Loosen 2007) beobachten, die den Journalismus zunehmend unkenntlicher machen.

    Die Ausdifferenzierung des Journalismus lässt sich auf drei Ebenen analytisch beschreiben. Zunächst sind auf institutioneller Ebene unterschiedliche Medien zu finden. Hier lassen sich zum einen themenspezifische Medien wie Special-Interest-Zeitschriften, die Fachpresse, Blogs und Spartenkanäle identifizieren, zum anderen in Fernsehen und Radio Vollprogramme, im Internet Nachrichtenportale und die tagesaktuelle Presse. Vor allem diese Massenmedien haben jeweils spezifische Typen und Formen des Journalismus ausgeprägt und sich intern in Ressorts aufgegliedert. Auf diesem Wege entstanden zum Beispiel Politikjournalismus, Kulturjournalismus, Wirtschaftsjournalismus, Sportjournalismus, → Lokaljournalismus und auch der selbstreflexive Medienjournalismus.

    Oberhalb der Themenspezifik lassen sich im Journalismus so genannte Berichterstattungsmuster erkennen (Weischenberg 2001). Hierzu gehören neben dem im westlichen Journalismus dominierenden Informationsjournalismus der investigative Journalismus, auch Enthüllungsjournalismus genannt, der interpretative Journalismus, der Präzisions-Journalismus und der New Journalism, der später als Way New Journalism vor allem als eine Form des literarischen Journalismus auftrat, sowie die Formen des Meinungsjournalismus (Parteizeitungen), des anwaltschaftlichen Journalismus (Gegenöffentlichkeit für Minderheiten), des Public Journalism (Engagierter Lokal-Aktionsjournalismus), der so genannte Ratgeberjournalismus oder auch Nutzwertjournalismus (Meier 2007: 185) sowie Entwicklungsjournalismus. Besondere Spielarten des Journalismus stellen der Boulevardjournalismus und Infotainment dar, denen der so genannte Qualitätsjournalismus gegenüber gestellt wird.

    Dies hat immer auch mit dem Selbstverständnis unterschiedlicher Journalisten-Typen auf der Ebene der journalistischen Akteure zu tun, vom rasenden Reporter bis zum Chefredakteur und wieder zurück zu den häufig finanziell prekär ausgestatteten freien Journalisten, dem Kriegsberichterstatter und dem Leitartikler. Dieser verweist auf die dritte Ebene der analytischen Unterteilung des Journalismus: auf die Textformen. Hierbei werden neben den Nachrichten-Darstellungsformen (→ Nachricht und → Bericht), die Meinungs-Darstellungsformen (Glosse, Lokalspitze, Kommentar, Leitartikel), sowie die Unterhaltungs-Darstellungsformen (→ Reportage, → Feature) und das → Interview unterschieden (Weischenberg 2001). Zunehmende Bedeutung hat in diesem Bereich die Einbindung des Publikums, die heute weit über das Rubrizieren von Leserbriefen hinausgeht und etwa die häufig problematisierten Kommentarfunktionen im Netz und weitere Rückkanäle umfasst.

    Literatur:

    Barnhurst, Kevin: Journalism. In: Donsbach, Wolfgang (Hrsg.): The Concise International Encyclopedia of Communication. Oxford [John Wiley & Sons] 2015, S. 308-311

    Hartley, John: Popular Reality. Journalism, Modernity, Popular Culture. London [Hodder Arnold] 1996

    Loosen, Wiebke: Entgrenzung des Journalismus. Empirische Evidenzen ohne theoretische Basis? In: Publizistik, 52(1), 2007, S. 63-79

    Meier, Klaus: Journalistik. Konstanz [UVK] 2007

    Prutz, Robert Eduard: Geschichte des deutschen Journalismus. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1971

    Weischenberg, Siegfried: Nachrichten-Journalismus. Anleitungen und Qualitäts-Standards für die Medienpraxis. Opladen [Westdeutscher Verlag] 2001

Thomas Birkner
Thomas Birkner
*1977, Dr., Akademischer Oberrat auf Zeit am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er lehrt und forscht in den Bereichen Journalismusforschung, Politische Kommunikation, Kommunikationsgeschichte und Mediensystemforschung. Kontakt: thomas.birkner (at) uni-muenster.de Thomas Birkner hat einen Einführungsbeitrag zu → Typen und Formen des Journalismus geschrieben.

Beiträge aus der Kategorie

Augmented Reality

Wortherkunft: engl. to augment = vergrößern, erweitern, von lat. augmento = vermehren; engl. reality, von lat. realis = sachlich, wirklich.

Unter Augmented Reality (AR) versteht man die erweiterte Realität: Man sieht die reale Umgebung und bekommt auf dem Display eines Smartphones oder Tablets bzw. auf einer Datenbrille digitale Inhalte zusätzlich eingeblendet. Eine Vision ist, dass sich diese Inhalte künftig auch mittels einer Kontaktlinse mit der Wirklichkeit vermischen.

Der Begriff ,Augmented Reality‘ wurde Anfang der 1990er Jahre von den Boeing-Mitarbeitern Tom Caudell und David Mizell eingeführt; ins Blickfeld der Mitarbeiter des Flugzeugherstellers sollten aufgabenspezifische Informationen eingeblendet werden (siehe Uni Osnabrück 2014). Augmented Reality wird in der Industrie bzw. Logistik schon seit Längerem genutzt: So können in eine noch leere Werkhalle eines Industrieunternehmens die künftigen Maschinen digital eingeblendet werden, um den Workflow testen zu können. Lagerarbeiter erhalten in ihre Brillen Informationen, wohin sie die Ware abladen können oder woher sie die benötigten Lagerteile erhalten. Erweiterte Realität könnte in nahezu allen Bereichen auch des Alltags eingesetzt werden.

Im Medienbereich hat es bis zum Sommer 2016 gedauert, bis die Technologie in der breiten Bevölkerung angekommen war: Das Smartphone-Spiel „Pokémon Go“ (Mayer 2016), bei dem die Nutzer Monster jagen, hatte sich weltweit rasend schnell verbreitet und einen Medienhype ausgelöst.

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung war im Jahr 2010 das nach eigenen Angaben erste Magazin weltweit, das in einer Ausgabe komplett auf Augmented Reality gesetzt hatte (siehe SZ Magazin 2010). SZ-Magazin-Reporter Till Krause hatte ursprünglich über die neue Technologie und das damalige Münchner Unternehmen Metaio berichten wollen. Bei der Recherche kam die Idee auf, statt eines Berichts besser die Technologie durch ein gemeinsam entwickeltes SZ Magazin erlebbar zu machen. Auf der Titelseite war beispielsweise eine Frau abgebildet, die die Hände vor ihr Gesicht hielt. Wenn der Leser sein Smartphone mit der entsprechenden App darüber platzierte, nahm sie die Hände weg und der User konnte TV-Moderatorin Sandra Maischberger erkennen. An einer anderen Stelle wurde die Technologie für ein Kreuzworträtsel genutzt: Hielt man sein Handy über das Rätsel, wurde die Lösung eingeblendet.

Auch der Carlsen-Verlag aus Hamburg setzt in seiner Kinderbuch-Reihe LeYo! auf Augmented Reality: Wenn der Leser in einem Buch über einen Bauernhof mit seinem Smartphone etwa ein Tier markiert, ertönt ein Muhen oder Grunzen; in einem Weltatlas werden Zusatzinformationen zu den Ländern eingeblendet. Dies zeigt, dass es hier bei Geschichten keinen linearen Erzählstrang geben muss und User-Interaktionen möglich sind.

Wie bei Virtual Reality oder 360-Grad-Videos spricht man auch bei Augmented Reality von immersiven Medien, die den User in die digitale Szenerie „eintauchen“ (lat. immersio) lassen. Vorreiter im Medienbereich für immersive Medien sind die Games- und die Pornoindustrie. Im Journalismus wird Augmented Reality eine große Zukunft vorausgesagt (Schart/Tschanz 2016), allerdings gibt es derzeit noch relativ wenige Projekte dazu. Auch die Journalistik blendet das Thema Augmented Reality noch weitgehend aus. Die Forschung findet vor allem an Informatik-Fakultäten statt. Zudem wird von Journalismus-Professoren an Hochschulen angewandte Forschung betrieben.

Medienunternehmen setzen derzeit verstärkt auf Virtual Reality, bei der der Nutzer ausschließlich virtuelle Welten sieht, bzw. auf 360-Grad-Videos. So hat die Süddeutsche Zeitung die App „SZ VR“ entwickelt. Gestartet ist die SZ mit der Reihe „Im Schatten der Spiele“ mit Berichten über die Favelas in Rio de Janeiro zu den Olympischen Sommerspielen im Jahr 2016. Der Westdeutsche Rundfunk hat in einer aufwändigen Produktion den Kölner Dom und seine Geschichte erlebbar gemacht.

AR-, VR- und 360-Grad-Inhalte können am Smartphone ausschließlich mit Apps genutzt werden. Bekannteste Datenbrille für Augmented Reality ist die HoloLens von Microsoft. VR- oder 360-Grad-Inhalte können am einfachsten mit einem Cardboard angeschaut werden: Das ist ein Brillengestell in der Regel aus Pappkarton mit einer Linse, in das das eigene Smartphone eingeklemmt wird. Aufwändiger sind spezielle Datenbrillen, die den User im Raum orten und mit denen man sich deshalb auch innerhalb eines Raums bewegen kann.

Während unter immersiven Medien vor allem die visuelle Komponente betrachtet wird, spielt für das Eintauchen in die virtuelle Welt auch der Sound eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt, dass daran experimentiert wird, auch weitere Sinne (wie das Riechen oder Fühlen durch die Haut) zu virtualisieren.

Literatur:

Mayer, Salome: „Spielen ohne schlechtes Gewissen“ – Prof. Markus Kaiser über Pokémon Go. In: meine FAU, 19.07.2016. https://blogs.fau.de/meinefau/spielen-ohne-schlechtes-gewissen-prof-markus-kaiser-ueber-pokemon-go/

Schart, Dirk: Die virtuelle Revolution. Augmented und Virtual Reality im digitalen Medienzeitalter. In: Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. 2. Auflage. München [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015. Die Publikation ist hier als PDF abrufbar.

Schart, Dirk; Nathaly Tschanz: Augmented Reality. Praxishandbuch für Marketing, Medien und Public Relations. Konstanz [UVK] 2015

Schart, Dirk; Nathaly Tschanz: Mittendrin statt nur dabei: Das Potenzial von Augmented Realiyt im Journalismus. In: fachjournalist.de, 01.09.2016. http://www.fachjournalist.de/mittendrin-statt-nur-dabei-das-potenzial-von-augmented-reality-im-journalismus/

Von Wyngaarden, Egbert; Markus Kaiser; Matthias Leitner; Aline-Florence Buttkereit; Philipp Schall; Sebastian Zembol (Hrsg.): Story:Now. Ein Handbuch für digitales Erzählen. München [Mixtvision] 2016

Crossmedia

Wortherkunft: engl. to cross = kreuzen, überqueren; engl. media, von lat. medius = in der Mitte befindlich, vermitteln. Crossmedia bedeutet folglich das Kreuzen bzw. miteinander Verweben verschiedener Medien wie Print, Hörfunk, Fernsehen oder Online. In Redaktionen benutzt wurde der Begriff erstmals Ende der 1990er Jahre, als die ersten redaktionellen Internetangebote entstanden. Das erste Lehrbuch zu „Crossmedia“ erschien im Jahr 2008 von Journalist und Medienberater Christian Jakubetz.

Crossmedia bezeichnet die Strategie einer Redaktion, ihre redaktionellen Inhalte über die verschiedenen vorhandenen Plattformen auszuspielen, miteinander zu verknüpfen und jeweils auf das weiterführende Angebot hinzuweisen. Dabei steht der jeweilige Mehrwert für die Nutzer im Vordergrund und nicht das Ausspielen derselben Inhalte über verschiedene Kanäle.

So kann eine Tageszeitung beim → Bericht über das Oktoberfest in München beispielsweise unter dem Print-Text darauf hinweisen, dass es eine Bildergalerie zum Eröffnungswochenende auf der eigenen Website gibt. Der Radiosender kann in den Verkehrsmeldungen mitteilen, dass ein ausführlicher Bericht zum Verkehrsunfall auf der Website steht. Und der Fernsehsender eines integrierten regionalen Medienunternehmens kann ankündigen, dass im Radio das Fußballspiel live kommentiert wird. Die einzelnen Kanäle einer Medienmarke spielen sich sozusagen die Bälle zu. Deutlich an Bedeutung gewonnen haben hier auch die sozialen Netzwerke.

Journalistik-Professor Klaus Meier beschreibt drei Ebenen von Crossmedia: Das „Kreuzen der Medien“ in der Organisation, in der Veröffentlichung eines journalistischen Themas und auf einer einzigen Plattform: dem Internet. Bei Ersterem geht er auf die → Redaktionsstruktur ein: In einem Medienkonzern gibt es häufig (zum Beispiel für Print und Online) eine gemeinsame Redaktion, zumindest einen gemeinsamen → Newsroom zw. Newsdesk, in dem themenorientiert und nicht nach Ausspielkanälen recherchiert wird (vgl. Meier 2012: 311f.).

Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk spricht man hier von Trimedialität, weil diese Sender drei Medien bespielen: Radio, Fernsehen und Online (inklusive Social Media). Unter Crossmedia in der Veröffentlichung eines journalistischen Themas ist gemeint, dass jeweils auf das weiterführende Angebot verwiesen wird. Idealerweise wird bereits bei der Planung darauf geachtet, welchen Mehrwert man dem Zuschauer, Leser, Hörer bzw. User bieten kann. Wenn das Thema durch verschiedene Medien im Internet behandelt wird, spricht man auch von → Multimedialem Storytelling. Es kann sich hierbei sowohl um eine Multimedia-Story als auch um ein multimediales Dossier handeln.

Markus Behmer erklärt im Buch „Innovation in den Medien“ (2015: 27f.): „Crossmedia bedeutet also eine komplexe Strategie, die, will man sie umfassend umsetzen, Medienunternehmen und einzelne Journalisten, die gewohnt waren, in einem Medium zu denken, vor große, ständig neue Herausforderungen stellt.“ Journalist und Dozent Christian Jakubetz hat deshalb in seinem Buch „Crossmedia“ (2011: 20f.) eine umfassende Checkliste für Redaktionen erstellt: 1. Welcher Inhalt wird in welcher Situation genutzt?, 2. Welche technischen Voraussetzungen braucht es?, 3. Wie entstehen Synergien zwischen den Inhalten?, 4. Welcher zeitliche Ablauf ist bei der Publikation sinnvoll?, 5. Ist die Klärung der Rechte für alle Plattformen vollständig vorgenommen?, 6. Wo entstehen Mehr- und Nutzwerte für den User? und 7. Passen alle Inhalte zur Marke des Mediums und ihrem Stil?

Besonderen Wert legt Jakubetz beim Begriff Crossmedia auf den Mehrwert (2011: 19): „Wenn jemand Inhalte kopiert, gleich welcher Art, wenn er sie eins zu eins auf eine andere Plattform stellt, dann ist das ganz einfach Reproduktion. Auch wenn dieser Inhalt statt in einer Zeitung im Internet steht, so ist es trotzdem immer noch derselbe Inhalt. Eine Verdopplung oder Verdreifachung von Inhalt – dadurch ist noch nichts Neues, nichts Werthaltiges, nichts Eigenes entstanden und hat insofern nichts mit Multi- oder gar Crossmedia zu tun.“ Auch wenn für jedes Medium unterschiedliche Inhalte entstehen, kann für diese doch gemeinsam recherchiert werden. Bei crossmedialem Arbeiten handelt es sich häufig um Teamarbeit. Der Trend, dass jemand als „Eier legende Wollmilchsau“ für alle Medien die Beiträge verfassen muss, wurde inzwischen wieder umgekehrt, da sich gezeigt hat, dass die Qualität der einzelnen Texte, Audios, Videos oder Fotos darunter deutlich gelitten hatte.

Literatur:

Behmer, Markus: Warum crossmedial arbeiten? In: Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. 2. Auflage. München [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015.

Hohlfeld, Ralf; Philipp Müller; Annekathrin Richter; Franziska Zacher (Hrsg.): Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke? Berlin [Lit] 2010

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. 4. Auflage. Wiesbaden [SpringerVS] 2016

Jakubetz, Christian: Crossmedia. 2. Auflage. Konstanz [UVK] 2011

Jakubetz, Christian: Universalcode 2020. Konstanz [UVK] 2016

Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. München. 2. Auflage. [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015. (Das Dokument ist hier vollständig als PDF abrufbar.)

Meier, Klaus; Vanessa Giese; Tobias Schweigmann: Das „Kreuzen der Medien“. Das Konzept des crossmedialen Labors. In: Dernbach, Beatrice; Wiebke Loosen (Hrsg.): Didaktik der Journalistik. Konzepte, Methoden und Beispiele aus der Journalistenausbildung. Wiesbaden [SpringerVS] 2012

E-Paper

Wortherkunft: E-Paper ist die Abkürzung für engl. electronic paper, eine Wortbildung analog zu E-Mail oder E-Book.

Definition:
Der Begriff beschreibt (1) digitale Techniken für die Anzeige von Printprodukten, (2) die elektronische Ausgabe eines Printmediums, die online verbreitet wird.

(1) Elektronisches Papier soll ein Leseerlebnis wie beim bedruckten Papier liefern. Wie von E-Book-Readern bekannt, leuchtet der Bildschirm nicht selbst, sondern reflektiert das Licht. Das Display besteht aus einer so genannten Frontplane, der vorderen Ebene des Geräts, und einer Backplane, der inneren Technik. Die Frontplane enthält die für den Anwender sichtbaren Bildpunkte (Pixel). Schwarze und weiße Pigmentkugeln, die „elektronische Tinte“, werden durch elektrische Ladung gesteuert. Spezielle Lesegeräte sind notwendig. Bislang (Stand 2017) gibt es dafür noch keinen einheitlichen Standard.

(2) Elektronische Zeitungen oder Zeitschriften benötigen weder Druck noch Pressevertrieb. Sie werden sofort nach Fertigstellung, meist bereits am Vorabend des Erscheinens des Printprodukts, in unterschiedlichen Formaten online bereitgestellt. Für das Abonnement der elektronischen Ausgabe fallen in der Regel Gebühren an. Hinzukommen kann der Aufwand für die Übertragung (Volumengebühren, Flatrate, Geschwindigkeitsbegrenzung).

Geschichte:
Elektronische Zeitungen oder Zeitschriften bildeten zunächst möglichst genau das Printprodukt ab. In der Anfangsphase des Internets, als Plattformen wie Compuserve oder AOL geschlossene Angebote bereitstellten, experimentierten die ersten Anbieter dort mit kostenpflichtigen elektronischen Zeitungen. Bereits lange vor Erfindung des World Wide Web war 1980 die US-amerikanische Tageszeitung The Columbus Dispatch über Compuserve verfügbar. Die Online-Nutzung kostete fünf US-Dollar pro Stunde zusätzlich zur Nutzungsgebühr des Online-Dienstes. Sie erreichte knapp 3000 Leser.

Mit der Verbreitung des WWW und erschwinglicher Internet-Zugänge stellten Zeitungen und Zeitschriften einen Teil, das gesamte Angebot oder auch das Archiv im Web kostenfrei zur Verfügung. Nach dem Zusammenbruch der New Economy Anfang 2000 und der beginnenden Zeitungskrise suchten die Verlage nach Bezahllösungen: zuerst durch kostenpflichtige Inhalte, den Paid Content, ab den 2010er Jahren in der so genannten Bezahlschranke. Sie wird auch → Paywall genannt und trennt kostenpflichtige von frei verfügbaren Inhalten eines Anbieters.

Mit dem sprunghaften Anstieg der Verbreitung mobiler Endgeräte nahm parallel die Bedeutung klassischer E-Paper ab und die Nutzung von mobilen Inhalten zu. Produziert wird heute meist nach dem XML-Standard, der die Ausgabe unterschiedlicher digitaler Formate, online wie print, erlaubt.

Gegenwärtiger Zustand:
Heute stellen Verlage ihren Abonnenten die Printausgaben von Zeitungen und Zeitschriften kostenpflichtig als mobile Anwendung, als PDF-Datei sowie in weiteren Formaten zur Verfügung. Zum Teil ist die digitale Nutzung im Abonnement der Printausgabe enthalten, zum Teil können die Ausgaben separat abonniert werden. Vor allem Zeitschriften nutzen das Angebot von Plattformen wie Issuu.com oder Yumpu.com, die ein Online-Blättern in der Printausgabe erlauben und damit das Look-and-feel von Printprodukten nachbilden.

Bezüglich der Technik elektronischer Zeitungen mangelt es an einer einheitlichen Lösung analog zum E-Book, die den Lesern erlaubt, auf einer Plattform die journalistischen Inhalte diverser Anbieter zu einem akzeptablen Preis aktuell und individuell zusammen zu stellen. Am Zeitungsmarkt konnte sich bislang keins der Lesegeräte durchsetzen.

Stattdessen werden mehr und mehr Formate zur Ausgabe auf gängigen Endgeräten angeboten. So kann man beispielsweise die Süddeutsche Zeitung für unterschiedliche stationäre wie mobile Endgeräte (Windows, Apple, Android) abonnieren – und zwar als reine Textausgabe, als PDF-Datei oder als App für Smartphone oder Tablet.

Parallel dazu sind Finanzierungsmodelle für journalistische Produkte entstanden, die mit oder ohne Verlag auskommen. Neben den Abo-Modellen sind hierbei sind auch themen- und projektbezogenes Crowdfunding sowie Micropayment für einzelne Beiträge zu beobachten.

Forschungsstand:
Zur Bereitschaft, für journalistische Inhalte auch in digitaler Form zu bezahlen, ohne dass ein Printprodukt vorliegt, existieren zahlreiche Studien und Untersuchungen. Auch zu Modellen wie Micropayment und Crowdfunding gibt es umfangreiche Literatur. Mit der Technik des E-Papers und der elektronischen Tinte (E-Ink) befassen sich auch informationstechnische und ingenieurwissenschaftliche Veröffentlichungen.

Literatur:

Ebel, Sascha: E-Paper – eine Perspektive für die Publikumszeitschrift? In: Friedrichsen, Mike; Martin F. Brunner (Hrsg.): Perspektiven für die Publikumszeitschrift. Berlin/Heidelberg [Springer] 2007, S. 417-441

Haller, Michael: Was soll aus der Zeitung werden? In: Arnold, Klaus; Christoph Neuberger (Hrsg.): Alte Medien – neue Medien. Theorieperspektiven, Medienprofile, Einsatzfelder. Festschrift für Jan Tonnemacher. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2005, S. 119-131

Hoffmann-Waldeck, Thomas et al.: Standards in der Medienproduktion. Berlin/Heidelberg [Springer Vieweg] 2013

Koubek, Jochen: E-Paper is Tomorrow (Preprint). Berlin 2007, abrufbar unter https://medienwissenschaft.uni-bayreuth.de/assets/Uploads/Koubek/forschung/KoubekE-Paper.pdf

Kramp, Leif; Leonard Novy; Dennis Ballwieser; Karsten Wenzlaff (Hrsg.): Journalismus in der digitalen Moderne. Einsichten – Ansichten – Aussichten. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Fotojournalismus

Wortherkunft: Der Begriff Fotojournalismus setzt sich aus den Wörtern „Foto“ (Abkürzung von Fotografie, aus dem Altgriechischen, frei übersetzt „Zeichnen mit Licht“) und „Journalismus“ zusammen.

Definition:
Der Fotojournalismus ist ein Handlungsfeld des Journalismus, „das sich mit der Herstellung, Distribution für und Publikation von Fotografien in journalistischen Medien befasst“ (Grittmann 2019: 130). Zuweilen werden auch die Begriffe Pressefotografie, Dokumentarfotografie, Bildjournalismus oder Editorial Photography verwendet. Im Vordergrund des Fotojournalismus stehen unbewegte (Einzel-)Bilder in Form von Fotografien, die als Medienbilder (Lobinger 2012) in journalistischen Publikationen kontextualisiert und in einem speziellen Bildermarkt gehandelt werden (vgl. Wilke 2008: 38 ff.). Als ein professionelles Arbeitsgebiet orientiert sich der Fotojournalismus „sowohl an fotografischen als auch journalistischen Normen und Funktionen“ und weist darüber hinaus „spezifische Produktionsstrukturen, Organisationen und Arbeitsweisen auf, die die Bilder, ihre Gestaltung und Ikonografie bestimmen“ (Grittmann 2019: 131). Der Fotojournalismus entfaltet sich innerhalb eines komplexen Prozesses journalistischer Bildkommunikation (vgl. Isermann 2014: 127 ff.).

Die beiden wichtigsten Berufsrollen sind der Fotojournalist, auch als Fotoreporter oder Pressefotograf bezeichnet, und der Bildredakteur. Sie unterscheiden sich in Bezug auf verschiedene Arbeitsrollen und arbeiten sowohl festangestellt als auch frei. Während der Fotoreporter für die Produktion zuständig ist, liegt Distribution, Redaktion und Publikation in den Händen des Bildredakteurs. Zu einem gewissen Grad ist heute eine Auflösung der Arbeitsrollen zu beobachten, etwa weil Fotoreporter bildredaktionelle Aufgaben übernehmen oder Textredakteure fotografieren. Innerhalb des Fotojournalismus lassen sich die beiden Felder der Nachrichtenfotografie und der Dokumentarfotografie ausdifferenzieren, die sich vor allem in Bezug auf die involvierten Akteure und Prozesse hinsichtlich der Produktion, der Distribution und der Publikation unterscheiden (vgl. Koltermann 2018: 14). Während die Nachrichtenfotografie tagesaktuell und an Ereignissen orientiert ist, fokussiert sich die Dokumentarfotografie eher auf Themen und nutzt vorrangig die Reportage als Darstellungsform. Als fotojournalistische Formate/Genres werden News Photograph (Nachrichtenbild), unterteilt in Spot News und General News, → Porträt, Feature, Illustration und die Reportage angesehen (vgl. Newton 2008: 3604), die ihre Umsetzung entweder in Form von Einzelbildern oder Serien finden.

Die zentrale gesellschaftliche Aufgabe des Fotojournalismus ist es, den Lesern und Rezipienten visuelle Informationen zur Verfügung zu stellen, um damit über die kritische Begleitung von Ereignissen und Themen zur Meinungsbildung beizutragen. Die zentrale Referenzgröße im Fotojournalismus ist die → Authentizität, die eng mit dem Prinzip der Augenzeugenschaft verbunden ist. Die → Authentizität gilt dabei nicht als eine dem fotografischen Bild inhärente Eigenschaft, sondern als ein professioneller Standard (vgl. Grittmann 2003: 125). Die rechtlichen Bedingungen des Fotojournalismus, vor allem in Bezug auf das Recht am eigenen Bild und die Bildverwertung, sind in Deutschland im Kunsturhebergesetz (KUG) zusammengefasst (vgl. Feldmann 2008: 137 ff.). Darüber hinaus ist der Pressekodex von Relevanz, insbesondere als Leitlinie für bildethische Debatten im Rahmen medialer Selbstkontrolle (vgl. Leifert 2007: 165 ff.). Formen kodifizierter Bildethik finden sich in Form von Codes of Conduct auch innerhalb von Institutionen wie den Nachrichtenagenturen oder den Verbänden. Die wichtigsten Interessenvertretungen für den Fotojournalismus in Deutschland sind der Fotografenverband FREELENS sowie die Journalistengewerkschaften DJV und DJU in ver.di.

Geschichte:
Die Wurzeln des Fotojournalismus liegen in Bezug auf die Fotografie in der Entwicklung fotografischer Negativ-Verfahren und, was den Journalismus betrifft, in der Entstehung einer illustrierten Massenpresse (vgl. Pensold 2015: 7 ff.). Förderlich waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts zudem die Entwicklung von Verfahren, um Fotografie zu drucken (Macias 1990: 21 ff.), die sich im Weiteren verfeinerten, sowie ab den 1920er Jahren die Entwicklung der modernen Kleinbildkamera (vgl. Gidal 1972: 14). Die ideellen Werte liegen hingegen in einer humanistischen Tradition – also einer weltanschaulichen Orientierung an der Menschenwürde und einer thematischen Fokussierung auf sozial Benachteiligte und gesellschaftliche Randgruppen – was vor allem im 20. Jahrhundert die Ausbildung der Dokumentarfotografie entscheidend mitprägte. Zu einer ersten großen Blütezeit des Fotojournalismus kam es in den Zwischenkriegsjahren, zum einen aufgrund der Entstehung bildorientierter Massenblätter wie der „Berliner Illustrirte Zeitung“, zum anderen aufgrund neuer, auf die Fotografie fokussierter, Medienunternehmen wie Dephot oder Ullstein (vgl. Bauernschmitt/Ebert 2015: 43 ff.). Vor allem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Medienkrise der 1970er Jahre gilt als das „goldene Zeitalter des Fotojournalismus“ (vgl. ebd.: 72). Die Expansion von Nachrichtenagenturen wie Associated Press trug zudem zur Entstehung einer globalen visuellen → Öffentlichkeit bei (vgl. Vowinckel 2016: 31). Parallel dazu entstanden Fotografenagenturen wie Magnum, die ausschließlich von Fotojournalisten kontrolliert wurden und eine fotojournalistische Autorenschaft propagierten. Zu einer radikalen Umorientierung im Fotojournalismus, insbesondere hinsichtlich der Arbeitsroutinen und -praktiken, kam es spätestens zum Ende des 20. Jahrhunderts mit dem flächendeckenden Umstieg von analoger auf digitale Fotografie.

Gegenwärtiger Zustand:
Die stetige Bedeutungszunahme fotografischer Bilder im Journalismus in den letzten Jahrzehnten hat erstaunlicherweise nicht zu einer Stärkung des Fotojournalismus geführt. So gibt es – im Unterschied zu den Bilderdiensten der Nachrichtenagenturen und den Bildnachrichtenagenturen – bei Zeitungen und Nachrichtenmagazinen immer weniger festangestellte Fotojournalisten. Darüber hinaus ist der Bildermarkt starken Konzentrations- und Rationalisierungsprozessen ausgesetzt, in den zusätzlich Amateure und semi-professionelle Fotografen als Akteure hinzugestoßen sind und Phänomene wie die Stockfotografie immer wichtiger werden. Für die zunehmend freischaffend arbeitenden Fotojournalisten ist das Corporate Publishing zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle geworden. Des Weiteren wird nach neuen Vermarktungswegen und -strategien gesucht, für die Ausstellungen, Fotobücher und Crowdfunding die zentralen Stichworte darstellen. Die Arbeitsroutinen in der digitalen Bildpraxis entwickeln sich dahingehend weiter, dass von Fotojournalisten immer öfter auch die Produktion von Tonaufnahmen und Bewegtbild gefordert wird. So geht die Entwicklung zunehmend in Richtung von Video-Journalismus und Multimedia-Storytelling. Auch das Smartphone als Arbeitsgerät wird immer wichtiger. Dies nutzen natürlich auch Amateure, deren Bilder vor allem bei → Breaking News in direkter Konkurrenz zu den Fotografien professioneller Fotojournalisten stehen.

Forschungsstand:
Eine eigenständige Fotojournalismusforschung ist trotz der Bedeutung von Bildern im Journalismus bis heute nicht auszumachen, auch wenn diese immer wieder eingefordert wird (Koltermann 2020). Teilbereiche des Fotojournalismus werden jedoch von unterschiedlichen Disziplinen wie der Visuellen Kommunikationsforschung, den Visual Culture Studies, der Visual History sowie der Kunst- und Bildwissenschaft beforscht. Grundsätzlich ist dabei eine Präferenz für das fotografische Bild gegenüber der Beschäftigung mit Akteuren und Strukturen des Fotojournalismus zu beobachten. Anknüpfungspunkte an andere Forschungsfelder der Kommunikationswissenschaft bieten etwa die Untersuchung zu Fotonachrichtenfaktoren (Rössler/Kersten et al. 2011). Ein zentraler Forschungsgegenstand der letzten Jahre war die Rolle von Amateurfotografien (Andén-Papadopoulos 2011; Isermann 2015). Verschiedene, eher medienethnographisch ausgerichtete Arbeiten nahmen darüber hinaus die Produktionsbedingungen bei den Nachrichtenagenturen in den Blick (Gürsel 2016; lan 2019). Neuere Forschungen beschäftigen sich mit dem Fotojournalismus aus einer multimodalen Perspektive (Pfurtscheller 2017), → Stockfotografie (Runge 2018) sowie journalistischen Bildern auf verschiedenen Ausspielkanälen, insbesondere den Social-Media-Plattformen (Kanter/Koltermann 2020).

Literatur:

Andén-Papadopoulos, Kari; Mervi Pantti: Amateur images and global news. Bristol/Chicago [intellect] 2011.

Bauernschmitt, Lars; Michael Ebert: Handbuch des Fotojournalismus. Heidelberg [dpunkt] 2015.

Feldmann, Dirk: Rechtliche Bedingungen im Fotojournalismus. In:  Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammann (Hrsg.): Global, lokal, digital: Fotojournalismus heute. Köln [von Halem] 2008, S. 137-164.

Gidal, Tim: Deutschland. Beginn des modernen Photojournalismus. Bucher [Luzern] 1972.

Grittmann, Elke: Die Konstruktion von Authentizität. Was ist echt an den Pressefotos im Informationsjournalismus? In: Knieper, Thomas; Marion G. Müller (Hrsg.): Authentizität und Inszenierung von Bilderwelten. Köln [von Halem] 2003, S. 123-149.

Grittman, Elke: Fotojournalismus und journalistische Bildkommunikation in der digitalen Ära. In: Lobinger, Katharina (Hrsg.): Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung, Wiesbaden [Springer VS] 2019, S. 125-143.

Gürsel, Zeynep Devrim: Image Brokers: Visualizing World News in the Age of Digital Circulation. Oakland [University of California Press] 2016.

Ilan, Jonathan: The international photojournalism industry. New York [Routledge] 2019.

Isermann, Holger: Digitale Augenzeugen: Entgrenzung, Funktionswandel und Glaubwürdigkeit im Bildjournalismus. Wiesbaden [Springer VS] 2014.

Kanter, Heike; Felix Koltermann: Astro-Alex auf dem Weg zur ISS: Kontextwandel bildjournalistischer Kommunikation im digitalen Journalismus. In: Brantner, Cornelia; Katharina Lobinger; Maria Schreiber: Vernetzte Bilder. Visuelle Kommunikation in Sozialen Medien. Köln [von Halem] 2020 (In Vorbereitung).

Koltermann, Felix: Fotoreporter im Konflikt: Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina. Bielefeld [transcript] 2017.

Koltermann, Felix: Auf dem Weg zu einer Fotojournalistik – Plädoyer für eine angewandte Fotojournalismusforschung. In: Journalistik 3, 2019.

Leifert, Stefan: Bildethik: Theorie und Moral im Bildjournalismus der Massenmedien. München [Fink] 2007.

Lobinger, Katharina: Visuelle Kommunikationsforschung: Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden [VS Verlag] 2012.

Macias, José: Die Entwicklung des Bildjournalismus. München [Saur] 1990.

Newton, Julianne H.: Photojournalism. In: Donsbach, Wolfgang (Hrsg.): The International Encyclopedia of Communication Band 8, Malden [Blackwell Publishing] 2008, S. 3604 – 3609.

Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus: Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Pfurtscheller, Daniel: Visuelle Zeitschriftengestaltung Nachrichtenmagazine als multimodale Kommunikationsformen. Insbruck [Insbruck University Press] 2017.

Runge, Evelyn: Bilddatenbanken, Social Media und Artificial Intelligence. In: POP. Kultur und Kritik, Jg. 12 (2018), S. 108-113.

Rössler, Patrick; Jan Kersten, et al.: Fotonachrichtenfaktoren als Instrument zur Untersuchung journalistischer Selektionsentscheidungen. In:  Jandura, Olaf; Thorsten Quandt, Jens Vogelsang (Hrsg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden [VS Verlag] 2011, S. 205-221.

Stiftung Deutsches Historisches Museum/ullstein bild: Die Erfindung der Pressefotografie, Berlin [Hatje Cantz] 2017.

Wilke, Jürgen: Der Bildermarkt in Deutschland – Akteure, Vermarktungswege, Handelsgebräuche, Markttendenzen. In: Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammann (Hrsg.): Global, lokal, digital: Fotojournalismus heute. Köln [von Halem] 2008, S. 36-50.

Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.

Konstruktiver Journalismus

0

Wortherkunft: Der Begriff des konstruktiven Journalismus setzt sich zusammen aus dem lat. Verb construere = erbauen bzw. lat. constructio = Zusammenschichtung sowie dem frz. Adjektiv journal = jeden einzelnen Tag betreffend (Dudenredaktion 2001: 373, 438).

In westlichen Gesellschaften ist seit Beginn der 2010er Jahre eine Strömung im Journalismus sichtbar geworden, die sich der Berichterstattung über positive Entwicklungen, ermutigende Beispiele und gelingende Problemlösungen verschrieben hat. Die Strömung wurde zunächst mit dem aus den USA importierten Begriff „Solution-oriented journalism“ bezeichnet (Benesch 1998; Krüger/Gassner 2014), inzwischen hat sich in Europa die Bezeichnung „Konstruktiver Journalismus“ durchgesetzt.

Definition:
Konstruktiver Journalismus kann als ein „alternatives Berichterstattungsmuster“ angesehen werden, das den klassischen „objektiven Journalismus“ ergänzt (Meier 2018: 7f.). Er steht dabei in der Tradition des ,Civic Journalism‘ bzw. ,Public Journalism‘, der Lösungen auf lokaler Ebene recherchieren bzw. durch die Organisation entsprechender Foren und demokratischer Prozesse selbst anstoßen will (vgl. Rosen 1999). Konstruktiver Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht ereignisfixiert ist, sondern langfristige Prozesse in den Blick nimmt, wobei soziale Probleme nicht nur beschrieben, sondern auch Debatten über mögliche Lösungen angeschoben werden sollen – wobei es nicht Aufgabe der Journalisten ist, sich selbst Lösungen auszudenken. Konstruktiver Journalismus soll vielmehr unabhängig und kritisch recherchieren, welche Menschen und Organisationen an Auswegen eines Problems arbeiten, welche Modelle gerade erdacht werden und welche schon praktisch erprobt sind (vgl. Gleich 2016: 3).

Charakteristisch für seine Akteure ist ein Bewusstsein dafür, dass Medieninhalte bestimmte Effekte auf Rezipienten haben können und dass ein „negativity bias“ (vgl. Beiler/Krüger 2018) im Journalismus ein zu negatives Weltbild verursachen und demokratische Partizipation behindern kann (siehe Abschnitt „Forschungsstand“).

Geschichte:
Das erste Medium speziell für Konstruktiven Journalismus war der Pressedienst Good News Bulletin, den der Publizist und Zukunftsforscher Robert Jungk (1913-1994) in New York im Jahr 1948 herausgab. Es handelte sich um ein „einmal wöchentlich an Redaktionen und Universitäten verschicktes Konzentrat von guten Nachrichten“ (Jungk 1993: 239) in einer Auflage von 150 Exemplaren. Inhaltlich be­leuchtete er vor allem die Arbeit der verschiedenen Unterorganisationen der gerade gegründeten UNO wie WHO, Unesco und Unicef. Jungk trat auch in der Folge mit Büchern als konstruktiver Journalist in Erscheinung und inspirierte Journalisten, die aus den ‚Neuen Sozialen Bewegungen‘ der 1970er und 1980er Jahre kamen (vgl. Krüger 2016).

Ende der 1990er Jahre wurde in den USA ein Anstieg von lösungsorientiertem Journalismus sichtbar, der sich in entsprechenden Rubriken von Tageszeitungen und in der Neugründung von Magazinen (Hope Magazine, Yes!) äußerte (vgl. Benesch 1998). In der Folge verbreitete sich die Idee auch in europäischen Ländern.

Gegenwärtiger Zustand:
Die Branchendiskussion in Deutschland und Europa prägte der dänische Fernsehjournalist Ulrik Haagerup mit einem einflussreichen Buch (vgl. Haagerup 2015) und der Gründung des Constructive Institute an der Universität Aarhus (2017). Andere Multiplikatoren der Idee sind die Organisation Reporters d’Espoirs (2003), das Pariser Startup Sparknews (2011), das jährlich einen weltweiten ,Impact Journalism Day‘ mit einer Vielzahl von Tageszeitungen veranstaltet, das Solutions Journalism Network in New York (2013) und das Constructive Journalism Network (2017). Inzwischen wird die Idee auch von Stiftungen unterstützt (in Deutschland etwa von der Schöpflin Stiftung, der Noah Foundation, der Stiftung FuturZwei und der taz panter Stiftung) und in Hochschulen und Journalistenakademien gelehrt.

Gegenwärtige Beispiele für journalistische Publikationen in der deutschen Medienlandschaft, die den Ansatz des konstruktiven Journalismus berücksichtigen, sind Online-Magazine wie Perspective Daily (seit 2016) oder klimareporter.de (seit 2007), Zeitschriften wie enorm (seit 2010), Oya (seit 2010), Kater Demos (seit 2015) und taz.FUTURZWEI (seit 2017) und Rubriken in klassischen Medien wie ,Perspektiven‘ auf NDR Info (seit 2016) oder die Dokureihe ,plan B‘ im ZDF (seit 2017).

Forschungsstand:
In der Praktiker-Literatur wird Konstruktiver Journalismus bislang vor allem zur Nachrichtenwerttheorie in Bezug gesetzt: Die Filter der Medien seien falsch, es überwiege der Negativismus, positive Entwicklungen würden die Nachrichtenschwelle zu selten überwinden (vgl. Haagerup 2015). Der Ansatz des Konstruktiven Journalismus fordert somit, journalistische Selektions- und Gewichtungsentscheidungen anders zu treffen und die Nachrichtenfaktoren neu zu kalibrieren: Der Fokus der Aufmerk­sam­keit soll in eine andere Richtung gehen als in die von Faktoren wie ‚Negativität‘, ‚Konflikt‘ oder ,Schaden‘ geleitete. Es geht um die Etablierung eines neuen Nachrichtenfaktors, den man ‚Problemlösung‘ oder ,Problemlösungsversuch‘ nennen kann und der mit bekannten Faktoren wie ‚Nutzen/Erfolg‘ oder „Fortschritt“ verwandt ist (vgl. Beiler/Krüger 2018). Dazu passt, dass einer der Pioniere der Nachrichtenwerttheorie, Johan Galtung, mit seinem Konzept des lösungsorientierten ,Friedensjournalismus‘ eine Art Vorläufer des Konstruktiven Journalismus konzeptualisiert hat (vgl. Galtung 1998).

Andere Autoren bringen das Konzept mit dem Framing-Ansatz (siehe u.a. Matthes 2014) in Verbindung: Frames sind Deutungsmuster, die aus vier Elementen bzw. Argumenten bestehen: Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, Bewertung und Lösungszuschreibung. Konstruktiver Journalismus hebe das vierte Frame-Element hervor (vgl. McIntyre 2017). Einflussreich im akademischen Diskurs ist die Verbindung mit dem Konzept der Positiven Psychologie: Konstruktiver Journalismus wende deren Techniken auf die Nachrichtenproduktion an. Das Konzept der Positiven Psychologie basiert darauf, nicht die Defizite eines Patienten, sondern seine Ressourcen und Stärken zu betonen, um z.B. Depressionen aufgrund von ,erlernter Hilflosigkeit‘ zu heilen. Ähnliches tue der Konstruktive Journalismus (vgl. McIntyre/Gyldenstedt 2017).

Mehrere Wirkungsstudien haben sich daher mit der Frage befasst, ob Berichterstattung über Lösungsansätze positive Effekte bei Rezipienten zeigt. Hier wurden ähnliche Tendenzen festgestellt: Curry und Hammonds (2014) fanden in einem Experiment mit US-amerikanischen Erwachsenen heraus, dass sich Leser lösungsorientierter Artikel „inspirierter“ und „optimistischer“ fühlten. Diese Affinität ließ sich auch bei Meier (2018) beobachten, der die Wirkung von Nachrichten über die Verschmutzung der Meere durch Plastik sowie mithilfe einer Reportage über die Mitarbeiterin eines russischen Behindertenheims prüfte. Der Effekt, den die konstruktive Aufarbeitung negativer Ereignisse bei Rezipienten auslöst, konnte 2017 durch Kleemans et al. auch für acht- bis 13-jährige Studienteilnehmer nachgewiesen werden.

Dass der lösungsorientierte Ansatz jedoch nicht grundsätzlich zu Verbesserungen führt, stellten McIntyre und Sobel (2017) fest: In einem Experiment mit einem Artikel über Zwangsprostitution minderjähriger Mädchen kamen sie zu dem Ergebnis, dass die emotionale Wirkung auf die Leser zwar als positiv bezeichnet werden konnte; größere Empathie für die Betroffenen, eine verstärkte Handlungsmotivation sowie ein generell besseres Verständnis des Themas wurden allerdings nicht beobachtet.

Weitere Studien widmeten sich dem Rollenverständnis der Journalisten und deren Auffassung von Sozialverantwortung: So beleuchteten McIntyre et al. (2016) das Konzept des ,contextual reporting‘ – einer Berichterstattung, die über das Ereignis hinausgeht und zum Wohl der Gesellschaft beitragen will. McIntyre und Sobel (2017) zeigten zudem am Beispiel des afrikanischen Staates Ruanda, in dem 1994 ein Genozid stattgefunden hatte, dass der dortige Journalismus auch Techniken des konstruktiven Journalismus anwendet, um Frieden und Aussöhnung im Land zu fördern.

Literatur:

Beiler, Markus; Uwe Krüger: Mehr Mehrwert durch Konstruktiven Journalismus? Idee des Konzepts und Implikationen zur Steigerung des Public Values von Medien. In: Gonser, Nicole (Hrsg.): Der öffentliche (Mehr-)Wert von Medien. Public Value aus Publikumssicht. Wiesbaden [Springer VS] 2018, S. 167-191.

Benesch, Susan: The rise of solutions journalism. In: Columbia Journalism Review, o. Jg., Heft März/April, 1998, S. 36-39. http://archive.is/NgxW5

Curry, Alexander L.; Keith H. Hammonds: The Power of solutions journalism. In: Engaging News Project and Solutions Journalism Network. Austin [University of Texas] 2014. (Zugriff: 08.03.2018)

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001.

Galtung, Johan: Friedensjournalismus: Warum, was, wer, wo, wann? In: Kempf, Wilhelm; Irena Schmidt-Regener (Hrsg.), Krieg, Nationalismus, Rassismus und die Medien. Münster [LIT] 1998, S. 3-20.

Gleich, Michael: Lust auf Lösungen. Konstruktiver Journalismus (Journalisten Werkstatt). In: In: Medium Magazin, 5/2016. Salzburg [Edition Oberauer] 2016.

Haagerup, Ulrik: Constructive News. Warum „bad news“ die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren. Salzburg [Edition Oberauer] 2015.

Jungk, Robert: Trotzdem. Mein Leben für die Zukunft. München [Hanser] 1993.

Kleemans, Mariska; Rebecca N. H. de Leeuw; Janel Gerritsen; Moniek Buijzen: Children’s Responses to Negative News: The Effects of Constructive Reporting in Newspaper Stories for Children. In: Journal of Communication, 67(5), 2017, S. 781-802. https://doi.org/10.1111/jcom.12324

Krüger, Uwe: Solutions Journalism (Lösungsorientierter Journalismus). In: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hrsg.): Journalistische Genres. Konstanz [UVK] 2016, S. 95-114.

Krüger, Uwe; Nadine Gassner: Abschied von den Bad News. In: Message – Internationale Zeitschrift für Journalismus, 1, 2014, S. 20-25. http://www.message-online.com/wp-content/uploads/SoJ.pdf

Matthes, Jörg: Framing. Baden-Baden [Nomos] 2014.

McIntyre, Karen; Nicole Smith Dahmen; Jesse Abdenour: The contextualist function: US newspaper journalists value social responsibility. In: Journalism, 19(12), 2016, S. 1-19. DOI: https://doi.org/10.1177/1464884916683553

McIntyre, Karen: Solutions Journalism. The effects of including solution information in news stories about social problems. In: Journalism Practice, 13(1), 2017, S. 16-34. DOI: https://doi.org/10.1080/17512786.2017.1409647

McIntyre, Karen; Cathrine Gyldensted: Constructive journalism: An introduction and practical guide for applying positive psychology techniques to news production. In: Journal of Media Innovations, 4(2), 2017, S. 20-34.

Mclntyre, Karen; Meghan Sobel: Reconstructing Rwanda. How Rwandan reporters use constructive journalism to promote peace. In: Journalism Studies, 19(6), 2017, S. 1-22. DOI: https://doi.org/10.1080/1461670X.2017.1326834

Meier, Klaus: Wie wirkt Konstruktiver Journalismus? Ein neues Berichterstattungsmuster auf dem Prüfstand. In: Journalistik, 1(1), 2018, S. 4-25. http://journalistik.online/wp-content/uploads/2018/01/Meier-Konstruktiver-Journalismus_Journalistik_1-2018_de.pdf (Zugriff: 08.03.2018)

Rosen, Jay: The Action of the Idea. Public Journalism in Built Form. In: Glasser, Theodore L.  (Hrsg.): The Idea of Public Journalism. New York [The Guilford Press] 1999, S. 21-48.

Krisenkommunikation

Wortherkunft: Im Griechischen benennt Krise (,krísis‘) die mit einer entscheidenden Wende verknüpfte Situation. Das altgriechische Verb ,krínein‘ bedeutet ,unterscheiden‘; das Wort ,Kritik‘ geht darauf zurück. Im Duden bedeutet Krise eine schwierige Situation bzw. eine Zeit, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt (vgl. Duden 2001: 454; Duden 2010: 588).

Definition:
Der Krisenbegriff ist seit jeher facetten- und traditionsreich und ohne disziplinäre Ein- und Zuordnung nicht eindeutig zu begreifen. Das Spektrum reicht von der Mathematik, Physik und Medizin bis zur politischen Ökonomie, Demokratie und gesellschaftlichen (Des)Integration (vgl. statt anderer: Luhmann 1997; Rosa 2016; Schwarz et al. 2016). Aktuell und nicht selten missverständlich werden Konzepte der Krisenkommunikation für Zwecke der Politikberatung und → Public Relations instrumentalisiert und bisweilen im Journalismus unkritisch übernommen (vgl. Palenchar 2010; Sellnow/Seeger 2013; Ruhrmann 2016; Ruhrmann/Guenther 2017).

In der kommunikationswissenschaftlichen Literatur lassen sich Krisen definieren als manifestierte Risiken (vgl. Heath/O‘ Hair 2010: 9): Riskante Entwicklungen haben sich zugespitzt, die Zeit wird knapp. Eintretende oder bereits vorhandene manifeste Schäden verletzen akut Leben, Gesundheit, Besitz und Sicherheit. Auch die Werte einer Gesellschaft sind massiv bedroht. „Crisis should be reserved for only those events, that have the potential to or do seriously affect the organization. The event must warrant assembling the crisis team” (Coombs 2010: 477). Konkrete und medial häufig präsente Krisen sind bspw. Existenzkrisen von Wirtschaftsunternehmen, bundespolitische oder außenpolitische (Kommunikations-)Krisen, europaweit relevante Spannungen wie die Flüchtlingskrise, die ungeklärten Fragen der Integration (vgl. Ruhrmann 2016) sowie akute oder latente Kriegs- und Terrorbedrohungen.

Gegenwärtiger Zustand:
Krisenkommunikation dient vor allem der Krisenbewältigung bereits eingetretener Schäden. Sie beeinflusst den Verlauf einer Krise etwa durch eine zunehmend mit Big Data operierende Sicherheitspolitik und -kommunikation (vgl. Gonzáles-Bailón 2017) und eine an → Nachrichtenfaktoren und Nutzerzahlen orientierte Krisenberichterstattung. Insbesondere auf kurzfristige und manifeste Schadensereignisse, die Verantwortlichen und ihr Management wird eingegangen. Nicht zuletzt dadurch wird in der Öffentlichkeit ein → dramatisiertes Bild der Krisensituation gezeichnet.

Ein allgemeines Ziel von Krisenkommunikation ist es, schnell zu reagieren und den Status vor der Krise wiederherzustellen (vgl. Sellnow/Seeger 2013). In dieser unter dem Einfluss von Presse, Fernsehen und vor allem des Social Web (vgl. Fuchs 2017) zunehmend dynamischen Entwicklung entsteht (je nach Form der Krise) massiver Zeitdruck.

Zentrale Akteure sind (Krisen-)Stäbe in Landes- und Bundesämtern, in Staatskanzleien, Ministerien, Unternehmen und weltweit operierende Organisationen (z. B. die NATO) (vgl. Maier et al. 2012). Die Öffentlichkeitsarbeit auf allen Kanälen ist fallbezogen und konkret, sie erfolgt häufig nicht geplant, sondern reaktiv und spontan.

Bezüglich der Ausgewogenheit der journalistischen Krisenberichterstattung wird vermutet, dass Betroffene und Kritiker häufiger als Entscheider und Experten vorkommen. Festgestellt wird eine personalisierende und emotionalisierende Darstellung. Diese lässt sich empirisch etwa in Nachrichten und Berichten zur internationalen Krisenkommunikation (vgl. Maier et al. 2012; Zillich u. a. 2011) nachweisen.

Forschungsstand:
Erst in den letzten Jahren ist in der Kommunikationswissenschaft ein Interesse an theoretischen und empirischen Analysen zur Krisenkommunikation entstanden, die über Best-Practice-Modelle hinausgehen. In ihnen werden analytische und normative Perspektiven vermischt (vgl. Schwarz et al. 2016) und es mangelt häufig an evidenzbasierten Befunden (vgl. Ruhrmann/Guenther 2017: 308 ff., Maier et al. 2018). In der Sozialwissenschaft und insbesondere in der Soziologie werden auch größere theoretische Krisenzusammenhänge kapitalistischer Gesellschaften thematisiert (vgl. Beck 2016; Fuchs 2017; Dörre 2017).

Mit Blick auf die zeitliche Entwicklung krisenhafter Ereignisse zeigen sich typische Dynamiken, etwa in Form von Krisenphasen, wie sie in der neueren Kommunikationsforschung auch empirisch untersucht worden sind, u.a. im Bereich von Umweltkrisen, internationaler Krisen und Kriegen (vgl. Maier et al. 2012), beim Terrorismus oder bei Naturkatastrophen (vgl. Sellnow/Seeger 2013; Schwarz et al. 2016; Ruhrmann/Guenther 2017): Zunächst geht es in einer ersten Latenzphase um bekannte, aber nicht eingetretene Risiken oder gelöste Konflikte; journalistisch wird nicht besonders häufig und intensiv berichtet (vgl. Zillich et al. 2011). In der zweiten Phase eskalieren Konflikte – etwa ausgelöst durch Katastrophen, Unfälle oder so genannte Zwischenfälle (z.B. Anschläge). Diese werden journalistisch präferiert (vgl. Ruhrmann /Guenther 2017). Hinzu kommt Zeitknappheit einer sich weiter beschleunigenden Berichterstattung, die wie eine Art übergeordneter Nachrichtenfaktor fungieren kann (vgl. Maier et al 2012; Zillich et al. 2011; Ruhrmann/Guenther 2017). In der dritten Phase, der Lösungsphase, treten Schäden in den Hintergrund; die Krise verschwindet aus dem Aufmerksamkeitsfokus der Öffentlichkeit.

Die empirische Erfassung solcher Dynamiken erfordert komplexere Mehrmethodendesigns. Simultan sind die Beiträge, Inhalte und Wirkungen von Organisationen, Kommunikatoren, Journalisten und Medienbeiträgen zu erfassen und relational zu analysieren. Solche empirischen Untersuchungen konnten jedoch erst selten durchgeführt werden (vgl. Maier u. a. 2012; 2018; Zillich u. a. 2011).

Die neuere Sozialwissenschaft versucht darüber hinaus, sich grundlagentheoretisch mit den gesellschaftlichen Wirkungen derartiger Dynamiken (vgl. Beck 2016; Dörre 2017: 37) und seiner ökologischen, sozialen und psychischen Folgen auseinanderzusetzen (vgl. Rosa 2016: 707ff.). Auftretende paradoxe Effekte von Krisenmanagement können als nicht intendierte Nebenfolgen krisenverschärfend wirken (vgl. Gonzáles-Bailón 2017: 23ff., 174ff.). Dabei ist es eine offene Frage, wie und unter welchen Umständen auch neuartige, die Gesamtgesellschaft ergreifende → öffentliche Diskurse über Krisen entstehen. Diese können sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu globalen Krisen ausweiten, sind jedoch nicht mehr als schlichte Kommunikationskrise zu verstehen.

Literatur:

Beck, Ulrich: The Metamorphosis of the World. Cambrige [Polity Press] 2016.

Coombs, W. Timothy: Crisis communication. A Developing Field. In: Heath, Robert L. (Hrsg.): The Sage Handbook of Public Relations. Thousand Oaks/New Dehli/London [Sage] 2010, S. 477-488.

Dörre, Klaus: Nach dem schnellen Wachstum: Große Transformation und öffentliche Soziologie. In: Aulenbacher, Brigitte; Michael Buroway; Klaus Dörre; Johanna Sittel (Hrsg.). Öffentliche Soziologie. Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft. Frankfurt/New York [Campus] 2017, S. 33-67.

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Band 5. Das Fremdwörterbuch. 10. Auflage. Mannheim [Bibliographisches Institut GmbH] 2010.

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG] 2001.

Fuchs, Christian: Social Media. A Critical Introduction. 2. Auflage. New Dehli/London [Sage] 2017.

Gonzáles-Bailón, Sandra: Decoding the Social World. Data Science and the Unintended Consequences of Communication. Cambridge [The MIT Press] 2017.

Guenther, Lars; Georg Ruhrmann: Scientific evidence and mass media. Investigating the journalistic intention to represent scientific uncertainty. In: Public Understanding of Science 25, 5(8), 2016, S. 927-943.

Heath, Robert L.; H. Dan O´Hair: The Significance of Crisis and Risk Communication. In: Heath, Robert L.; H. Dan O´Hair (Hrsg.): Handbook of Risk and Crisis Communication. New York [Routledge] 2010, S. 5-30.

Maier, Michaela; Georg Ruhrmann; Katrin Stengel; Arne Freya Zillich; Roland Göbbel; Marion Rahnke u. a.: Bedrohung auf der Medienagenda. Krisenkommunikation im Nachrichtenprozess. Schriftenreihe Forschung DSF, 32. Osnabrück [Bundesstiftung Deutsche Stiftung Friedensforschung] 2012.

Maier, Michaela; Lars Guenther; Georg Ruhrmann; Berend Barkela; Jutta Milde: Kommunikation ungesicherter wissenschaftlicher Evidenz. In: Janich, Nina (Hrsg.): Unsicherheit als Herausforderung. Frankfurt/M. [Peter Lang] 2018, S. 93-112.

Palenchar, Michael J.: Historical Trends of Risk and Crisis Communication. In: Heath, Robert L. (Hrsg.). The Sage Handbook of Public Relations. Thousand Oaks/New Dehli/London/Singapore [Sage] 2010, S. 31-52.

Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 2016.

Ruhrmann, Georg: Integration in the Media. Between Science, Policy Consulting, and Journalism. In: Ruhrmann, Georg; Yasemin Shooman; Peter Widmann (Hrsg.): Media and Minorities. Questions on Representation from an International Perspective. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2016, S. 177-194.

Ruhrmann, Georg; Lars Guenther: Risiko- und Katastrophenkommunikation. In: Bonfadelli, Heinz; Birte Fähnrich; Corinna Lütje; Jutta Milde, Markus Rhomberg; Mike S. Schäfer (Hrsg.): Forschungsfeld Wissenschaftskommunikation. Wiesbaden [Springer VS] 2017, S. 297-314.

Schwarz, Andreas; Matthew W. Seeger; Christian Auer (Hrsg.): The Handbook of International Crisis Communication Research. Chichester [Wiley] 2016.

Sellnow, Timothy; Matthew W. Seeger: Theorizing Crisis Connunication. Chichester [Wiley] 2013.

Zillich, Arne F.; Roland Göbbel; Karin Stengel; Michaela Maier; Georg Ruhrmann: Proactive crisis communication? News coverage of the international conflicts in German print and broadcasting media. In: Media, War & Conflict 8, 4(3), 2011, S. 251-267.

Kulturjournalismus

Wortherkunft: lat. colere = den Boden bestellen, bebauen, hegen und pflegen; vgl. kultivieren

Definition:
Kulturjournalismus ist die Beschreibung, Analyse und Bewertung kultureller Ausdrucksformen durch → Redakteure und freie Mitarbeiter in Druckmedien, Hörfunk und Fernsehen, Online-Redak­tionen, Blogs und Nachrichtenagenturen. ‚Kultur‘ umfasst dabei im weiteren Sinne die Gesamtheit ziviler Lebens- und Umgangsformen; Kulturjour­nalis­mus ist entsprechend nicht an bestimmte → Ressorts gebunden. Im engeren Sinne setzt er sich aller­dings mit künst­lerisch-symbolischen Ausdrucksformen (Theater, Film, Musik, Literatur, Bil­dende Kunst) ausein­ander; dies geschieht in der Regel im → Feuilleton, in Unterhaltungs- und Kul­tur­magazinen, Magazin­sendungen oder speziellen Themenblogs.

Geschichte:
Die Geschichte des Kulturjournalismus ist eng verbunden mit der Entstehung einer bürgerlichen → Öffentlichkeit. Bei der Öffnung des gesell­schaft­lichen Diskurses über Kultur geht im Zeitalter der frühen Aufklärung die Wissenschaft voran. Das geschieht in ‚Gelehrten Journalen‘, die sich nach dem Vorbild des Pariser Journal des Sçavans in Deutschland seit dem Ende des 17. Jahrhunderts verbreiten. Am Anfang steht die Besprechung von Büchern aller Fach­richtungen – von Experten für Experten. Zu den universalwissenschaftlichen Journalen kommen bald Fachperiodika, etwa für Mu­sik oder Belletristik.

Im 18. Jahrhundert treten die Künste mehr und mehr aus dem höfischen und sakralen Raum heraus, Kommunikationsschranken öffnen sich. Theater, Opern- oder Konzert­häuser werden für ein bür­ger­liches → Publikum zugänglich, ihre Angebote damit auch zum ‚Event‘ in den Unterhal­tungs­jour­nalen und der Tages­presse. Die frü­heren, eher dürren Veranstal­tungs­hinweise in der Avisen-Presse reichern sich mit Wertungs­attri­buten und Urteilen etwa über Auftritte durchreisender Virtuosen an und entwickeln sich allmählich zur fortlaufenden → Kritik des Kultur­geschehens.

Um 1800 hat sich die journalis­tische Form der → Rezension heraus­gebildet. Während der politische Journalismus schärfster Zensur unterliegt, blühen eigene Kultur­tageszeitungen auf, die den politi­schen Diskurs umgehen, etwa die Zeitung für die elegante Welt oder das Morgenblatt für die ge­bildeten Stände. Diese für Deutschland typische Entwicklung mündet nach der Märzrevolution von 1848 in die Integration des Ressorts → Feuilleton in die allgemein informie­renden Tageszeitungen, deren Zahl sprunghaft ansteigt. Gleichzeitig entfaltet sich die bürgerliche Unterhaltungspublizistik. Mit der aufkommenden Massenpresse professiona­lisiert sich die redaktionelle Organisation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Kulturjournalismus entwickelt nun endgültig seine For­men und Schwerpunkte, die ihn in einer vielfältigen Feuilletonlandschaft im Wesentlichen heute noch prägen und die auch in den elektronischen Medien fortleben.

Gegenwärtiger Zustand und Forschungsstand:
In der Bundesrepublik gibt es zurzeit etwa 170 Tages-, Wochen- und Wochenendzeitungen mit Kul­turredaktionen und kulturverwandten → Ressorts. Hinzu kommen rund 1300 Anzeigenblätter und etwa 800 Publikumszeitschriften, die ebenfalls über kulturelle Neuheiten berichten. Viele Zeit­schriften sind allerdings wirtschaftlich gefährdet. Anders als befürchtet, ist es seit Beginn der Pres­se­krise jedoch noch zu keinem dramatischen Abbau der ‚Kultur‘ in den Tageszeitungen gekommen. Die Zahl der Beiträge im Zeitungsfeuilleton hat zwar in den letzten Jahren abgenommen, ihr Um­fang ist dagegen deutlich angestiegen (vgl. Reus/Harden 2015: 211f.). Kulturmagazine in → Radio und Fernsehen se­hen sich dagegen vom Programmumfeld zunehmend an den Rand gedrückt (Sen­deplatz und -dauer). Andererseits hat die Vervielfältigung der Kanäle auch eine Reihe anspruchs­voller ‚Kultursender‘ her­vorgebracht. Im Netz existierten bereits 2014 knapp 1000 The­men­blogs, die sich ausschließlich mit Kultur befassen (vgl. Schenk et al. 2014: 6). Das entspricht 40 Prozent aller deutschsprachigen Themenblogs im Internet überhaupt. Die Auto­ren, überwiegend Einzelpersonen, sind zum Teil professionelle Journalisten, zum Teil Amateure.

Sowohl in der Tagespresse als auch in Themenblogs und einer Vielzahl von Fan- und E-Zines finden Musikthemen bei Weitem die größte Beach­tung im Kulturjournalismus, wobei Feuilletonberichte über Pop- und Rock­musik in den vergangenen Jahren zu Beiträgen über sogenannte E-Musik aufgeschlossen ha­ben (vgl. Reus/Harden 2015: 213f.). Eine vergleichbare ‚Popularisierung‘ der Berichterstattung hat es bei den anderen klassischen Themen des Kulturteils der Zeitungen  (Literatur, Theater, Bildende Kunst) nicht gegeben; lediglich die Filmkritik hat zugelegt (vgl. Reus/Harden 2005: 164f.; Reus/Harden 2015: 214).

Insgesamt bleibt das Feuilleton weiterhin deutlich auf Hoch- und Kunstkultur fixiert. Laienchöre, Kinderbücher, Off-Theater, Design, Fotografie (außerhalb des Galerie- und Museumsbetriebs) und viele andere alltagskulturelle Ausdrucksformen wie Essen und Trinken, Schu­le, Mode usw. haben es schwer, im ‚Kulturteil‘ gleichberechtigt gewürdigt zu werden (vgl. Reus 1999). Im → Lokal­jour­nalismus oder in Beilagen sind solche Themen freilich präsent, ebenso wie in Zeit­schriften und Web-Beiträgen. Hier findet der Kulturjournalismus auch mit einer breite­ren Palette von → Genres aus der Monokultur der → Rezensionen heraus, die seit dem 19. Jahrhundert das Feuilleton bestimmt.

Der Tenor dieser Rezensionen von Theater- oder Kinopremieren, neuen Büchern, Ausstellungen oder Konzerten ist entgegen landläufiger Vorstellungen meist wohlwollend und positiv (vgl. Reus/Harden 2015: 216f.). Vor allem die Nähe des Er­eignisses (etwa in der eigenen Stadt) stimmt Kriti­ker wohlgesinnt, während überregionale Kritik öfter ablehnend ausfällt. Im Internet fällt das be­wusste ‚Pushen‘ von Musikgruppen durch Themen­blogger auf; negative Kritiken finden sich hier kaum (vgl. Topinka 2017). Die Wirkung von Kulturjournalismus beruht alles in allem weniger auf der Tendenz seiner Kritik, als auf Agenda Setting: Er bestimmt, was man als ‚Kultur‘ wahr­nimmt und worüber man spricht.

Die Nachfrage des → Publikums nach Rezensionen ist beim ‚inner circle‘ der Konzert- oder Thea­ter­gänger durchaus groß, wobei diese angeben, sich nur wenig vom Urteilsspruch der Rezensenten be­einflussen zu lassen und mehr Wert auf Information zu legen als auf die Meinung von Kulturjour­nalisten (vgl. Reus/Harden 2018: 206ff.). Un­ter­suchungen mit dem sogenannten Readerscan zeigen wiederum, dass Leser → Rezensionen von Kunstereignissen, denen sie selbst nicht beigewohnt haben, sehr häufig einfach übergehen (vgl. Boenisch 2008: 77). Die Nachfrage beim Medienpub­li­kum insgesamt ist schwer einzuschätzen; das Interesse, das in Umfragen bekundet wird, dürfte er­heblich höher sein als die tatsächliche Nutzung von Kulturberichten (vgl. Harden/Reus 2007: 267).

Ergebnisse der → Kommunikatorforschung zeigen, dass Kulturjournalisten sich im Sinne des → Pub­likums durchaus als Informanten begreifen. Zugleich ist ihnen aber auch ein gewisses pädago­gi­sches Sendungsbewusstsein eigen (vgl. Reus et al. 1995: 314ff.). Das dürfte besonders für die Ver­treter der sogenannten Qualitätsmedien zutreffen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung oder Die Zeit gelten bei Kulturthemen als Meinungsführer, an denen sich die Medienszene insgesamt, auch Akteure im Internet, in einem Prozess der Selbstreferenz orientiert.

Kulturjournalismus ist in hohem Maße Terminjournalismus und lebt vom Einsatz freier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Durch eine zum Teil rigide Sparpolitik der Verlage sind die Beschäftigungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren jedoch eingeschränkt worden; die Belastung der übrigen Mitarbeiter und Redakteure hat sich entsprechend erhöht. Zeitdruck und schlechte Bezahlung begünstigen aber die Tendenz, (interessengebundene) Aussagen aus fremder Quelle als eigene Berichterstattung auszu­geben. So ergab eine Untersuchung von 580 Buchbe­sprechungen, dass in jeder zweiten Rezen­sion → Pressemitteilungen der Verlage „komplett oder in Teilen übernommen“ worden waren (Beer 2007: 78).

Literatur:

Beer, Anja: Vertrauensselige Kritiker. In: Message, 9/3, 2007, S. 76-79.

Boenisch, Vasco: Krise der Kritik? Was Theaterkritiker denken – und ihre Leser erwarten. Berlin [Verlag Theater der Zeit] 2008.

Harden, Lars; Gunter Reus: Kulturteil für alle. Kino- und Theaterbesucher erwarten eine völlig unterschiedliche Kulturberichterstattung – und halten am gleichen Feuilleton fest. In: Möhring, Wiebke; Walter J. Schütz; Dieter Stürzebecher (Hrsg.): Journalistik und Kommunikationsforschung. Festschrift für Beate Schneider. Berlin [Vistas] 2007, S. 267-286.

Reus, Gunter: Ressort: Feuilleton. Kulturjournalismus für Massenmedien. 2., überarb. Auflage. Konstanz [UVK Medien] 1999.

Reus, Gunter; Lars Harden: Nicht auf verlorenem Posten. Entwicklungen des Zeitungsfeuilletons und Wünsche des Opernpublikums an die Kulturberichterstattung. In: Reuband, Karl-Heinz (Hrsg.): Oper, Publikum und Gesellschaft. Wiesbaden [Springer VS] 2018, S. 195-210.

Reus, Gunter; Lars Harden: Noch nicht mit der Kunst am Ende. Das Feuilleton setzt wieder deutlicher auf angestammte Themen und zieht sich aus dem politischen Diskurs zurück. In: Publizistik, 60, 2015, S. 205-220.

Reus, Gunter; Lars Harden: Politische „Kultur“. Eine Längsschnittanalyse des Zeitungsfeuilletons von 1983 bis 2003. In: Publizistik, 50, 2005, S. 153-172.

Reus, Gunter; Beate Schneider; Klaus Schönbach: Paradiesvögel in der Medienlandschaft? Kulturjournalisten – wer sie sind, was sie tun und wie sie denken. In: Becker, Peter; Arnfried Edler; Beate Schneider (Hrsg.): Zwischen Wissenschaft und Kunst. Festgabe für Richard Jakoby. Mainz u.a. [Schott] 1995, S. 307-327.

Schenk, Michael; Julia Niemann; Anja Briehl: Blogger 2014. Das Selbstverständnis von Themenbloggern und ihr Verhältnis zum Journalismus. Stuttgart [Universität Hohenheim] 2014.

Topinka, Andrea: Eine Bestandsaufnahme deutscher Musikblogs. Überblick über Arten, Gestaltung,  Inhalt und journalistische Arbeitsweise der Musikblogs in Deutschland. Masterarbeit Hannover [Hochschule für Musik, Theater und Medien] 2017.

Zum Weiterlesen:

Fink, Kerstin: Die öffentliche Kommunikation über Kunst. Kunstberichterstattung zwischen Ästhetisierung und Politisierung. Wiesbaden [Springer VS] 2016.

Heß, Dieter (Hrsg.): Kulturjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 2. Aufl. München [List] 1997.

Lamprecht, Wolfgang (Hrsg.): Weißbuch Kulturjournalismus. Wien [Löcker] 2012.

Lüddemann, Stefan: Kulturjournalismus. Medien, Themen, Praktiken. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Nagy, Ursula: Moderner Kulturjournalismus. Konstanz [UVK] 2013.

Saxer, Ulrich: Kunstberichterstattung. Analyse einer publizistischen Struktur. Zürich [Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich] 1995.

Schalkowski, Edmund: Rezension und Kritik. Konstanz [UVK] 2005.

Stegert, Gernot: Feuilleton für alle. Strategien im Kulturjournalismus der Presse. Tübingen [Niemeyer] 1998.

Lokaljournalismus

Wortherkunft: frz. local, lat. locus = Ort, Platz, Stelle; frz. journal = täglich, Tagebuch, Zeitung

Der Begriff bezeichnet im deutschen Journalismus, ebenso wie in anderen Ländern, einerseits die journalistische Berichterstattung, die sich auf Ereignisse und Akteure aus dem lokalen Verbreitungsgebiet bezieht. Andererseits steht er für die Bereitstellung von Themen, die entsprechend der Bedürfnisse und Ansprüche der Rezipienten dieses Verbreitungsgebietes aufbereitet werden.

Als Gegenstand der Berichterstattung ist das Lokale in größeren Städten schon Ende des 17. Jahrhunderts zu finden. Die Leipziger Zeitung veröffentlichte erste Lokalmeldungen im Jahr 1700, für den Berliner Raum sind erste Lokalmeldungen vereinzelt 1705 auszumachen. In den Folgejahren steigt der Anteil der Lokalmeldungen an, wenn auch häufig nur als kurze Meldungen. Gegenstand des frühen Lokaljournalismus sind Nachrichten, die sich unpolitischen Themen widmen wie Unfälle, Hinrichtungen und Naturerscheinungen.

Lokalberichterstattung in umfassender und regelmäßiger Form entwickelt sich in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Das Lokale wird ein eigenes Ressort. Es bilden sich Formen lokal berichtender Zeitungen aus, die bis heute dafür sorgen, dass es nicht den einen einheitlichen Typ einer Lokalzeitung gibt. Das Spektrum reicht von reinen Lokalzeitungen bis zu regionalen Mantelzeitungen, die das Lokale als einen eigenen Zeitungsteil (‘Buch’ genannt) bündeln.

Bis in die Mitte der achtziger Jahre ist Lokaljournalismus in erster Linie Gegenstand von Printmedien, mit der Einführung des privaten Rundfunks 1984 entsteht eine Vielzahl auch lokaler Hörfunksender, ergänzt im Laufe der weiteren Entwicklung durch lokale Fernsehsender. Bedingt durch die föderale Struktur im Rundfunk unterscheiden sich die lokaljournalistischen Medienangebote in den Bundesländern sehr stark. Auch im Internet haben sich mittlerweile lokaljournalistische Angebote entwickelt.

Der Kommunikationsraum, der vom Lokaljournalismus bedient wird, ist nicht einheitlich definiert oder begrenzt. In der Regel entspricht der lokale Raum der Berichterstattung dem Verbreitungsgebiet des jeweiligen Lokalmediums. Dies können – je nach Zuschnitt – Städte, Gemeinden oder auch Kreise sein. Neben diesen Verwaltungseinheiten ist der Lokaljournalismus auch zu verstehen als Kommunikation innerhalb soziokultureller Räume, die unabhängig von politisch strukturellen Grenzen existieren. In einigen lokalen Kommunikationsräumen lassen sich, vor allem bedingt durch die Publikationsmöglichkeiten im Internet, zunehmend auch so genannte sublokale und hyperlokale journalistische Angebote finden; diese beziehen sich etwa auf Stadtteile oder Stadtviertel. Beispiele sind neukoellner.net mit Berichterstattung aus und über Berlin-Neukölln, die Stadtteilzeitung Schöneberg (ebenfalls Berlin) sowie die Eimsbütteler Nachrichten aus Hamburg.

Der Lokaljournalismus ist in den meisten Medien als eigenständiges Ressort organisiert, teilweise sind die Übergänge zum Regionaljournalismus fließend. Damit ist er ein so genanntes Querschnittsressort, welches sich, anders als Ressorts wie Sport, Politik oder Wirtschaft, nicht über einen thematischen, sondern einen geographischen Zuständigkeitsbereich definiert. Thematisch ist der Lokaljournalismus somit offen für alle im Verbreitungsgebiet relevanten Bereiche. Eine Reihe von Inhaltsanalysen zeigt, dass es dabei Schwerpunkte in Lokalpolitik, Stadtentwicklung, Veranstaltungen, Unfällen und Kriminaldelikten sowie Sport gibt. Auch bei der Beachtung von lokalen Akteuren legt der Lokaljournalismus den Schwerpunkt auf bestimmte Gruppen der lokal organisierten Eliten.

Der Lokaljournalismus ist in den vergangenen Jahren wieder stärker in den Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung genommen worden. Denn obwohl ihm wichtige demokratietheoretische Funktionen zugeschrieben werden und er seit Jahrzehnten von den Rezipienten das am stärksten beachtete Ressort ist, ist die wirtschaftliche Lage vieler Lokalverlage schwierig und die Konzentration auf dem lokalen Medienmarkt hoch.

Literatur:

Jonscher, Norbert: Lokale Publizistik. Theorie und Praxis der örtlichen Berichterstattung. Ein Lehrbuch. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Kretzschmar, Sonja; Wiebke Möhring; Lutz Timmermann: Lokaljournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2009

Möhring, Wiebke; Felix Keldenich: Lokaljournalismus im Fokus der Wissenschaft. Zum Forschungsstand Lokaljournalismus – unter besonderer Berücksichtigung von Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf [Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen] 2015
Die Expertise ist hier als PDF-Datei abrufbar.

Pöttker, Horst; Anke Vehmeier: Das verkannte Ressort. Probleme und Perspektiven des Lokaljournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Welker, Martin; Daniel Ernst: Lokales. Basiswissen für die Medienpraxis. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

Mediathek

Wortherkunft: Kompositum aus ‚Medien‘ (von lat. medium = Mitte) und ‚Theke‘ (von griech. thékē = Behältnis, Kiste), gebildet analog zu ‚Bibliothek‘.

Definition:
Der Begriff Mediathek bezeichnet allgemein eine Sammlung audiovisueller Medien, entweder in physischer (z. B. als Multimedia-Abteilung einer Bücherei) oder digitaler Form (z. B. als Webseite), die die Nutzung, den Erwerb und/oder die Leihe dieser Medien ermöglicht.

Im heutigen Sprachgebrauch werden als Mediatheken vorrangig Internet-Videoportale von Fernsehsendern bezeichnet, auf denen Sendungen bzw. Ausschnitte derselben zeitversetzt als → Stream und/oder seltener zum Download bereitgestellt werden. Mediatheken zählen demnach zu den Video-on-Demand-Angeboten. Zusätzlich wird häufig ein Livestream des linearen → Fernsehprogramms angeboten.

Geschichte und gegenwärtiger Zustand:
Um die Jahrtausendwende begannen deutsche Fernsehsender mit Online-Videoportalen zu experimentieren (z. B. 2001 das ZDF); etwa 2008 verfügten die meisten Sender über eine eigene Mediathek. Neben den Angeboten einzelner Fernsehsender gibt es zudem auch senderübergreifende Mediatheken. So vereint die ARD Mediathek Inhalte aller zugehörigen Rundfunkanstalten, die Mediengruppe RTL führte 2016 ihre einzelnen Sender-Mediatheken unter der Dachmarke TV NOW zusammen, ProSiebenSat.1 Media bündelt ihre Sender bei 7tv und kooperiert hierfür mit Discovery. Gemeinschaftsmediatheken der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF (Arbeitstitel: ,Germany’s Gold‘) bzw. der beiden großen Privatsendergruppen RTL und ProSiebenSat. 1 (Arbeitstitel: ,Amazonas‘) sind an kartellrechtlichen Bedenken gescheitert (vgl. Puffer 2015).

Die Nutzung von Mediatheken ist in der Regel kostenfrei, die Finanzierung erfolgt bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten über den Rundfunkbeitrag, bei den privaten Anbietern vorrangig über Werbung. Zusätzlich arbeiten einige Mediatheken privater Rundfunkveranstalter mit verschiedenen Bezahlmodellen wie Abonnements oder kostenpflichtigem Einzelabruf, die den Zugriff auf Zusatzfunktionen (z. B. Livestreams, Downloads für mobile Geräte oder Vorabzugriff auf Sendungen vor deren Ausstrahlung im linearen Programm) ermöglichen (vgl. Berghofer 2018; Puffer 2018).

Keine Mediathek bietet Zugriff auf das Gesamtprogramm eines Senders. Dies hat zum einen lizenzrechtliche Gründe, da zugekaufte Inhalte wie z. B. ausländische Filme und Serien oder lizenzierte Sportübertragungen zumeist nicht oder nur kurzfristig nach der Ausstrahlung online weiterverwertet werden dürfen. Für die öffentlich-rechtlichen Mediatheken greifen zum anderen zusätzliche Auflagen des Rundfunkstaatsvertrags, der die sogenannte „Depublizierung“ von Sendungen nach einer bestimmten, genreabhängigen Zeitspanne (in den meisten Fällen sieben Tage nach der Ausstrahlung) vorsieht (Puffer 2018).

Forschungsstand:
Mediatheken sind zunächst Gegenstand der Mediennutzungsforschung. Gemäß der ARD/ZDF-Onlinestudie 2018 nutzen 38 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren mindestens einmal im Monat Mediatheken, wobei große Unterschiede zwischen den Altersklassen – mit deutlich höherer Nutzung bei jüngeren Menschen – bestehen (Kupferschmitt 2018).

Bei einer zunehmenden Abwanderung von Zuschauern aus dem linearen Fernsehprogramm ins Internet stellt sich zudem die Frage, inwiefern Mediatheken als gleichwertige Substitute des linearen Programms dienen können. Eine vergleichende Inhaltsanalyse aus dem Jahr 2015 zeigt, dass dies nicht der Fall ist (Wagner/Trebbe 2015): Der Anteil an Sendungen aus dem linearen Programm, die auch in der Mediathek abgerufen werden konnten, bewegte sich je Sender zwischen 88 und unter 25 Prozent, wobei vor allem fiktionale Sendungen online häufig nicht verfügbar sind. Journalistische, informationsorientierte Sendungen finden hingegen bei fast allen Sendern zu großen Anteilen ihren Weg in die Mediatheken.

Eine jüngere Entwicklung von besonderer Relevanz für den Journalismus stellt zudem die Verwendung algorithmischer Empfehlungssysteme in Mediatheken dar. Da sich diese Empfehlungssysteme vorrangig der Popularität von Sendungen bedienen sowie auf Basis vorangehender Nutzungsmuster personalisieren, werden der → Vielfalt des angebotenen und genutzten Programms abträgliche Effekte befürchtet. Vor diesem Hintergrund wird in Forschungsprojekten untersucht, inwiefern insbesondere bei öffentlich-rechtlichen Mediatheken algorithmische Empfehlungen mit dem Programmauftrag in Konflikt geraten bzw. sich mit dem dort festgehaltenen Vielfaltsgebot vereinen lassen (vgl. Pöchhacker/Geipel/Burkhardt/Passoth 2018; Schmidt/Sørensen/Dreyer/Hasebrink 2018).

Literatur:

Berghofer, Simon: Aktueller Stand der Digitalisierung der TV-Empfangswege und digitalen Fernseh- und Videonutzung in Deutschland. In: die medienanstalten – ALM: Digitalisierungsbericht 2018 Video: Digitalisierung vollendet – Wie linear bleibt das Fernsehen. Berlin [die medienanstalten – ALM] 2018, S. 34-53.

Kupferschmitt, Thomas. Onlinevideo-Reichweite und Nutzungsfrequenz wachsen, Altersgefälle bleibt. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2018. In: Media Perspektiven, 9, 2018, S. 427-437.

Puffer, Hanna: Video-on-Demand: Neue Schubkraft durch Netflix? Bewegung im deutschen Markt der Onlinevideotheken. In: Media Perspektiven, 1, 2015, S. 17-29.

Puffer, Hanna: Internetfernsehen als Herausforderung und Chance. Inhalte und Nutzungsmuster öffentlich-rechtlicher und privater Mediatheken. In: Media Perspektiven, 1, 2018, S. 2-9.

Pöchhacker, Nikolaus; Andrea Geipel; Marcus Burkhardt; Jan-Hendrik Passoth: Algorithmische Vorschlagsysteme und der Programmauftrag: Zwischen Datenwissenschaft, journalistischem Anspruch und demokratiepolitischer Aufgabe. In: Mohabbat Kar, Resa; Basanta Thapa; Peter Parycek: (Un)berechenbar? Algorithmen und Automatisierung in Staat und Gesellschaft. Berlin [Kompetenzzentrum Öffentliche IT] 2018, S. 417-439.

Schmidt, Jan-Hinrik; Jannik Sørensen; Stephan Dreyer; Uwe Hasebrink: Algorithmische Empfehlungen. Funktionsweise, Bedeutung und Besonderheiten für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 45). Hamburg [Hans-Bredow-Institut] 2018.

Wagner, Matthias; Joachim Trebbe: Internetfernsehen 2015. Die Programmangebote in den Mediatheken der Fernsehvollprogramme. In: die medienanstalten – ALM: Programmbericht 2015. Fernsehen in Deutschland – Programmforschung und Programmdiskurs. Berlin [Vistas] 2015, S. 77-104.

Multimediales Storytelling

Wortherkunft: lat. multus = viel; engl. media, von lat. medius = in der Mitte befindlich, vermitteln; engl. story, aus lat. historia = Geschichte; engl. to tell = erzählen

Multimediales Storytelling beschreibt die Möglichkeit des Journalisten, im Internet innerhalb eines journalistischen Beitrags verschiedenste Medien zu nutzen und zu verbinden. Hier schöpfen Journalisten (wie zum Beispiel auch beim Datenjournalismus oder bei Newsgames, bei denen journalistische Inhalte interaktiv in Form eines einfachen Computerspiels vermittelt werden) die Möglichkeiten des digitalen Mediums aus, statt klassische Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Radio oder Fernsehen lediglich im Digitalen abzubilden.

Das Genre wird auch als ,Onepager‘ bezeichnet, weil die Inhalte zum Thema auf einer Internetseite und nicht auf mehreren Unterseiten verteilt sind. Weil der Nutzer, statt zu klicken, mit den Pfeiltasten nach unten navigiert, sprechen andere auch von ,Scrollytelling‘. Alternativ werden auch die Begriffe Multimedia-Story, Multimedia-Reportage, Multimedia-Feature oder Multimedia-Porträt genutzt. Diese lehnen sich an die jeweiligen → journalistischen Darstellungsformen aus dem Printjournalismus an.

Vorreiter für dieses neue journalistische Genre war die New York Times: Im Dezember 2012 war „Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek“ von Reporter John Branch das nach eigenen Angaben erste Multimedia-Feature. Im Jahr 2013 wurde es dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Angeblich soll die New York Times in die Mischform aus Text, interaktiven Grafiken, Simulationen und Videos bis zu einer Million US-Dollar gesteckt haben. Neben Journalisten waren auch zahlreiche Programmierer und Grafiker an „Snow Fall“ beteiligt. The Guardian zog im Mai 2013 mit „Firestorm“ nach. Die erste bekannte deutsche Multimedia-Story heißt „Pop auf’m Dorf“ über das Haldern-Pop-Festival, das der Westdeutsche Rundfunk erstellt und damit den Grimme-Online-Award gewonnen hat.

Bei Multimedialem Storytelling verbinden Journalisten sämtliche Medien, um die jeweiligen Stärken zu nutzen: Sie setzen Videos vor allem ein, um Bewegung oder Emotionen zu transportieren. (Interaktive) Grafiken eignen sich besonders, um Zahlen und Datenmaterial zu visualisieren. Text eignet sich nicht nur als Bindeglied, sondern auch für Analyse. Eine Audioslideshow lässt den Protagonisten zu den gezeigten Fotos eine Geschichte erzählen. In einem Loop wiederholen sich Sequenzen. Möglich ist es auch, Comics, Bildergeschichten, Zeitraffer oder Landkarten einzubinden. Beschränkt wird der Journalist nur durch die technischen Möglichkeiten.

Anders als in einem multimedialen Dossier gibt es beim Multimedialen Storytelling nur einen Erzählstrang. Die verschiedensten Medien wechseln sich ab. Es gibt keine redundanten Informationen. Die Medien werden so eingesetzt, wie es für die Geschichte am besten ist. Das heißt: Idealerweise denkt der Journalist vom Thema her und nicht vom Medium. Dennoch erkennt man zumindest bei den ersten Multimedia-Storys noch sehr gut das Ausgangsmedium: Bei „Snow Fall“ das Muttermedium Tageszeitung, bei „Pop auf’m Dorf“ die Rundfunkanstalt.

Während in der Anfangszeit des Internets Multimedia-Storys aus Gründen der Datenmenge noch nicht möglich waren, waren bei den ersten Scrollytelling-Projekten noch die Programmierkosten für zahlreiche Medien eine Hürde. Diese verschwindet zunehmend: Der WDR hat die Software Pageflow in Auftrag gegeben, der Bayerische Rundfunk als Pendant Linius, das mit der Weblog-Standardsoftware WordPress genutzt werden kann. Einfache Projekte, die wenig Wert auf Design legen, können auch mit Blog-Programmen umgesetzt werden, wie das studentische Projekt „Fridablogger“ gezeigt hat.

Literatur:

Eick, Dennis: Digitales Erzählen. Die Dramaturgie der Neuen Medien. Konstanz [UVK] 2014

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. 4. Auflage. Wiesbaden [SpringerVS] 2016

Hooffacker, Gabriele; Cornelia Wolf (Hrsg.): Technische Innovationen – Medieninnovationen? Wiesbaden [SpringerVS] 2017

Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. 2. Auflage. München [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015

Sturm, Simon: Digitales Storytelling. Wiesbaden [SpringerVS] 2013