Weltjournalisten und journalistische Persönlichkeiten

Weltjournalisten und journalistische Persönlichkeiten

    Eine Einführung von Wolfgang R. Langenbucher

    Weltjournalisten (oder auch Weltjournalismus) ist kein gängiger Begriff, wird aber gelegentlich verwendet, wohl in Anlehnung an Goethe, der mit ‘Weltliteratur’ seit 1827 dichterische Werke bezeichnete, die übernational verbreitet sind. Verbunden ist damit die Idee eines kosmopolitischen Kanons der Weltliteratur.

    Das Konzept einer journalistischen Persönlichkeit, das dieser Grundlagenartikel ebenfalls thematisiert, wird fälschlicherweise Emil Dovifat (1890-1969) zugeschrieben, der sich aber für die ‘publizistische’ Persönlichkeit interessierte und darunter gerade nicht Journalisten verstand, sondern als Redner wirkungsvolle Propheten, Politiker, Revolutionäre oder Intellektuelle, also Kommunikatoren der Gesellschaft (Phänomene, die trotz Dovifat von der Kommunikationswissenschaft notorisch unbeachtet blieben). Umgangssprachlich ist die Verwendung zur Charakterisierung bekannter, mit ihren eigenständigen Werken aus der Massenproduktion herausragender Journalistinnen und Journalisten seit langem gängig. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung damit entstand als Gegenposition zu dem seit den 1980er Jahren herrschenden „systemtheoretischen Imperialismus“ (Saxer 2009: 22) der Journalismusforschung. Daraus entwickelte sich eine Forschungstradition, die für herausragende Kulturleistungen des Journalismus sensibel ist (Hochkulturjournalismus, Qualitätsjournalismus), die entstehen, obwohl oder gerade weil Journalismus an institutionelle Systembedingungen gebunden ist.

    Geschichte:
    Die Geschichte des Weltjournalismus ist so alt wie die Professionalisierung des journalistischen Berufes, die sich in verschiedenen Ländern ausbildete. Eine übergreifende komparative Studie liegt dazu nicht vor, aber der moderne Journalismus gilt als eine angloamerikanische Erfindung (Chalaby 1998), die sich meist im Einklang mit Prozessen der Demokratisierung auch in anderen Ländern verbreitet hat – eine anhaltende Entwicklung, die bis heute immer wieder von Rückschlägen begleitet ist.

    Ein erstes Dokument dieser Geschichte ist die von Egon Erwin Kisch (1885-1948) herausgegebene Anthologie Klassischer Journalismus (Die Meisterwerke der Zeitung) (Kisch 1979, Erstausgabe 1923). Er sammelte Texte aus verschiedenen Staaten, sein Kosmopolitismus fand aber keine Nachfolge. Methodisch ist das Buch ein Tribut an journalistische Persönlichkeiten und damit an ‘berühmte’ Journalisten, denn es präsentiert Texte von identifizierbaren Personen wie dies auch in der Literatur üblich ist. Eine Reihe vergleichbarer Anthologien z. B. mit Reportagen (Snyder/Morris 1949), dem Neuen Journalismus (Kerrane/Yagoda 1997) oder Sammelbänden einzelner Medien (wie der Süddeutschen Zeitung, Sittner 2007) dokumentieren variantenreich die Traditionen einer Hochkultur journalistischer Persönlichkeiten.

    Gegenwärtiger Zustand:
    Qualitativ anspruchsvoller Journalismus, der die Tagesaktualität überwindet, bringt hervor, was auch in anderen Kulturbereichen (wie Literatur, Theater, Kunst, Philosophie und Wissenschaft) eine selbstverständliche Tradition darstellt. Dies lässt sich – beschränkt auf den deutschsprachigen Raum – an folgenden charakteristischen Sachverhalten dokumentieren: (1) Werkausgaben, (2) Autobiographien, (3) Biographien, (4) Monographien, (5) Kanonisierung.

    (1) Werkausgaben

    Für den Journalismus gibt es keine der Literatur vergleichbare Editionskultur, wie sie die Literaturwissenschaft seit Jahrhunderten kultiviert. In der Kommunikationswissenschaft haben sich vergleichbare Kompetenzen bislang nicht entwickelt. So sind es vor allem die Verlage, die für eine Kultur ‘Editionen Journalismus’ sorgen. Entsprechende Buchausgaben (Werkausgaben, Einzelausgaben, Buchreihen, Anthologien) liegen etwa für folgende journalistische Persönlichkeiten vor: Peter Altenberg, Hugo Bettauer, Ryszard Kapuscynski, Egon Erwin Kisch, Karl Kraus, Anton Kuh, Ferdinand Kürnberger, Soma Morgenstern, Carl von Ossietzky, Alfred Polgar, Joseph Roth, Kurt Tucholsky, Max Winter, Theodor Wolff, Marion Gräfin von Dönhoff, Ralph Giordano, Theodor Herzl, Herbert Riehl-Heyse, Hilde Spiel. Derartige verlegerische Aktivitäten haben eine zunehmend stabile Tradition. Herausragend ist hierbei Die Andere Bibliothek, eine Buchreihe, die 1985 von Hans Magnus Enzensberger im Eichborn Verlag begründet wurde und in der seitdem von wechselnden Herausgebern (und Verlagen) so etwas wie eine eigenständige ‘Reihe Weltjournalismus’ entstanden ist (z. B. mit Büchern von Amos Elon, Richard Swartz, Louis-Sébastien Mercier und William H. Russell).

    (2) Autobiographien

    Seit der Antike gehört die Autobiographie zum Kanon der erzählenden Gattungen, genutzt von Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Kontexten. Die ersten autobiographischen Werke von Journalisten erschienen Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie zwei Dokumentationen (Langenbucher 2009; Wilke 2011) nachweisen, stehen diese am Anfang einer sich bis heute intensivierenden Tradition: bis zum Ende des 20. Jahrhunderts lassen sich ca. 500 Werke nachweisen und seitdem kommen jährlich zwischen fünf und zehn Neuerscheinungen dazu – gelegentlich sogar in Fachzeitschriften rezensiert. Sie verweisen als lebens- und berufsgeschichtliche Bilanzen auf die historisch in Deutschland und Österreich erstmals gelungene Entwicklung zur Demokratie, an der journalistische Persönlichkeiten essenziell beteiligt waren (Hodenberg 2006).

    (3) Biographien

    Eine eigentliche Kultur biographischen Schreibens hat sich – wieder im Gegensatz zur Literaturwissenschaft – in der Kommunikationswissenschaft nicht entwickelt, von Ausnahmen wie Bernd Sösemann (2000) über Theodor Wolff abgesehen; der Historiker Norbert Frei spricht von einer „biographischen Blindheit“ des Faches (Frei 1989: 110). Trotzdem gibt es zahlreiche, teils umfangreiche Biographien über Journalisten – in der Regel verfasst von anderen Journalisten wie Klaus Harpprecht, Peter Merseburg oder Wilhelm von Sternberg. Grundlegende Vorarbeiten hat die Deutsche Biographische Enzyklopädie geleistet, die unter dem wenig präzisen Titel Die deutschsprachige Presse aus dem Gesamtwerk ein Handbuch zusammenstellte, das knapp 6000 Kurzbiographien und 207 Porträts von Journalistinnen und Journalisten im weitesten Sinne enthält (Jahn 2005). Die Sichtung dieses Materials auf biographiewürdige Persönlichkeiten des Journalismus bleibt eine künftige Aufgabe. Wird sie ignoriert, hat das zur Folge, auf das wichtigste Medium zu verzichten, „um einer interessierten Öffentlichkeit geschichtliche, aber auch sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse zu vermitteln“ (Behmer/Kinnebrock 2009: 212).

    (4) Monographien

    Standardliteratur zum Thema journalistischer Persönlichkeiten fehlt, aber einige Werke mit anderen Schwerpunkten vermitteln einschlägige Erkenntnisse: So ist Christina von Hodenbergs Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973 auch eine Geschichte mehrerer Generationen journalistischer Eliten und ihres essenziellen Beitrages zur Demokratisierung und Verwestlichung Deutschlands. Thomas Birkners Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914 lehrt, dass die im Zeitverlauf zunehmende, funktional notwendige Institutionalisierung, Anonymität und Professionalisierung des journalistischen Berufes journalistische Unikate keineswegs verhindert hat, sondern zur Bedingung ihrer Möglichkeit wurde.

    (5) Kanonisierung

    Eine mit anderen Kulturbereichen vergleichbare Kanonisierung fehlt für den Journalismus weitgehend – von wenigen Anthologien abgesehen. Auch im Beruf selbst gibt es kein Traditionsbewusstsein. Ausnahmen sind u. a. feministischem Forschungsinteresse zu verdanken (Klaus/Wischermann 2013). Vergleichbare Bemühungen wie den Kanon The Top 100 Works of Journalism, der 1999 an der New York University unter der Leitung von Journalistik-Professor Mitchell Stephens mit Werken des US-Journalismus im 20. Jahrhundert erarbeitet wurde, fehlen für europäische Länder.

    Forschungsstand:
    Am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien wurde um die Jahrtausendwende mehrfach der Versuch gemacht, eine auf das Konzept ‘Persönlichkeit’ gründende Journalismusforschung neu zu konzipieren (Duchkowitsch/Hausjell/Pöttker/Semrad 2009). Die Texte sehr unterschiedlicher Autoren eines umfangreichen Sammelbandes plädierten mit dem Untertitel Fall und Aufstieg eines Phänomens für einen modernen Persönlichkeitsansatz. Auf der Basis ihrer breit angelegten Forschungsarbeiten befasste sich z. B. Barbara Pfetsch in ihrem Beitrag mit den Kommentatoren der überregionalen Tageszeitungen als publizistische Persönlichkeiten. Wie ihre Ausführungen zeigen, sind jedoch auch hier journalistische Persönlichkeiten gemeint.

    Trotz der in den letzten Jahrzehnten prominent gewordenen Journalismusforschung registriert sie einen „blinden Flecken des Faches“ (Pfetsch 2009: 250) und konstatiert, dass damit wesentliche Aspekte gesellschaftlicher Selbstaufklärung und der dazugehörigen Forschung ignoriert wurden. An diesem Zustand scheint sich vorläufig nichts zu ändern.

    Literatur:

    Behmer, Markus; Susanne Kinnebrock: Vom ehrenden Gedenken zu exemplarischem Erklären. Biografismus in der Kommunikationsgeschichtsforschung. In: Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, S. 205-229

    Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Eine Geschichte des Journalismus 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

    Chalaby, Jean K. (1998): The Invention of Journalism. London [Palgrave Macmillan] 1998

    Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.) (2009): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009

    Frei, Norbert: Presse-, Medien-, Kommunikationsgeschichte. Aufbruch in ein interdisziplinäres Forschungsfeld? In: Historische Zeitschrift, 248, 1989, S. 101-114

    Hodenberg, Christina von: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973. Göttingen [Wallstein Verlag] 2006

    Jahn, Bruno (Bearb.): Die deutschsprachige Presse. Ein biographisch-bibliographisches Handbuch. München [de Gruyter Saur] 2005

    Kerrane, Kevin; Ben Yagoda (Hrsg.): The Art of Fact. A Historical Anthology of Literary Journalism. New York [Simon & Schuster] 1997

    Kisch, Egon Erwin (Hrsg.): Klassischer Journalismus. Die Meisterwerke der Zeitung. München [Rogner & Bernhard] 1979

    Klaus, Elisabeth; Ulla Wischermann: Journalistinnen. Eine Geschichte in Biographien und Texten 1848-1990. Wien [LIT] 2013

    Langenbucher, Wolfgang R.: Reporter in eigener Sache. Lektüregänge in journalistischen Autobiografien. In: Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, S. 230-248

    Pfetsch, Monika: Wortführer der öffentlichen Meinung. Kommentatoren der überregionalen Tageszeitungen als publizistische Persönlichkeiten. In: Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, S. 249-265

    Saxer, Ulrich: Wie konstitutiv ist die „journalistische Persönlichkeit“? In: Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, S. 22-42

    Snyder, Louis L.; Richard B. Morris (Hrsg.): A Treasury of Great Reporting. “Literature under Pressure” from the Sixteenth Century to Our Own Time. New York [Simon & Schuster] 1949

    Sösemann, Bernd: Theodor Wolff. Ein Leben mit der Zeitung. Düsseldorf [Econ] 2000

    Stephens, Mitchell: The Top 100 Works of Journalism in the United States in the 20th Century. In: Message, 1, 1999

    Sittner, Genrnot (Hrsg.): Süddeutsche Zeitung: Die Seite 3. Reportagen aus fünf Jahrzehnten. München [Süddeutsche Edition] 2007

    Wilke, Jürgen: Autobiographien als Mittel der Journalismusforschung. In: Jandura, Olaf; Thorsten Quandt; Jens Vogelgesang (Hrsg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2011, S. 83-106

Wolfgang R. Langenbucher
Wolfgang R. Langenbucher
*1938, seit dem Wintersemester 2006/07 Professor Emeritus (seit Sommersemester 1984 Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien); Arbeitsschwerpunkte: Journalismusforschung, Theorie des öffentlichen Rundfunks und Kommunikationspolitik. In den letzten zehn Jahren v.a. Aufsätze zu journalistischem Themen jenseits des Mainstreams, z.B. über einen Kanon Journalismus, Autobiographien von Journalisten oder Journalismus als Kulturleistung; periodisch für die Zeitschrift Message (2002-2014 gemeinsam mit Hannes Haas (1957-2014)) und seit 2015 für Der österreichische Journalist die Kolumne Top Ten Buchjournalismus. Kontakt: wolfgang.langenbucher(at)univie.ac.at

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