Start Weltjournalisten und journalistische Persönlichkeiten

Weltjournalisten und journalistische Persönlichkeiten

    Eine Einführung von Wolfgang R. Langenbucher

    Weltjournalisten (oder auch Weltjournalismus) ist kein gängiger Begriff, wird aber gelegentlich verwendet, wohl in Anlehnung an Goethe, der mit ‘Weltliteratur’ seit 1827 dichterische Werke bezeichnete, die übernational verbreitet sind. Verbunden ist damit die Idee eines kosmopolitischen Kanons der Weltliteratur.

    Das Konzept einer journalistischen Persönlichkeit, das dieser Grundlagenartikel ebenfalls thematisiert, wird fälschlicherweise Emil Dovifat (1890-1969) zugeschrieben, der sich aber für die ‘publizistische’ Persönlichkeit interessierte und darunter gerade nicht Journalisten verstand, sondern als Redner wirkungsvolle Propheten, Politiker, Revolutionäre oder Intellektuelle, also Kommunikatoren der Gesellschaft (Phänomene, die trotz Dovifat von der Kommunikationswissenschaft notorisch unbeachtet blieben). Umgangssprachlich ist die Verwendung zur Charakterisierung bekannter, mit ihren eigenständigen Werken aus der Massenproduktion herausragender Journalistinnen und Journalisten seit langem gängig. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung damit entstand als Gegenposition zu dem seit den 1980er Jahren herrschenden „systemtheoretischen Imperialismus“ (Saxer 2009: 22) der Journalismusforschung. Daraus entwickelte sich eine Forschungstradition, die für herausragende Kulturleistungen des Journalismus sensibel ist (Hochkulturjournalismus, Qualitätsjournalismus), die entstehen, obwohl oder gerade weil Journalismus an institutionelle Systembedingungen gebunden ist.

    Geschichte:

    Die Geschichte des Weltjournalismus ist so alt wie die Professionalisierung des journalistischen Berufes, die sich in verschiedenen Ländern ausbildete. Eine übergreifende komparative Studie liegt dazu nicht vor, aber der moderne Journalismus gilt als eine angloamerikanische Erfindung (Chalaby 1998), die sich meist im Einklang mit Prozessen der Demokratisierung auch in anderen Ländern verbreitet hat – eine anhaltende Entwicklung, die bis heute immer wieder von Rückschlägen begleitet ist.

    Ein erstes Dokument dieser Geschichte ist die von Egon Erwin Kisch (1885-1948) herausgegebene Anthologie Klassischer Journalismus (Die Meisterwerke der Zeitung) (Kisch 1979, Erstausgabe 1923). Er sammelte Texte aus verschiedenen Staaten, sein Kosmopolitismus fand aber keine Nachfolge. Methodisch ist das Buch ein Tribut an journalistische Persönlichkeiten und damit an ‘berühmte’ Journalisten, denn es präsentiert Texte von identifizierbaren Personen wie dies auch in der Literatur üblich ist. Eine Reihe vergleichbarer Anthologien z. B. mit Reportagen (Snyder/Morris 1949), dem Neuen Journalismus (Kerrane/Yagoda 1997) oder Sammelbänden einzelner Medien (wie der Süddeutschen Zeitung, Sittner 2007) dokumentieren variantenreich die Traditionen einer Hochkultur journalistischer Persönlichkeiten.

    Gegenwärtiger Zustand:

    Qualitativ anspruchsvoller Journalismus, der die Tagesaktualität überwindet, bringt hervor, was auch in anderen Kulturbereichen (wie Literatur, Theater, Kunst, Philosophie und Wissenschaft) eine selbstverständliche Tradition darstellt. Dies lässt sich – beschränkt auf den deutschsprachigen Raum – an folgenden charakteristischen Sachverhalten dokumentieren: (1) Werkausgaben, (2) Autobiographien, (3) Biographien, (4) Monographien, (5) Kanonisierung.

    (1) Werkausgaben

    Für den Journalismus gibt es keine der Literatur vergleichbare Editionskultur, wie sie die Literaturwissenschaft seit Jahrhunderten kultiviert. In der Kommunikationswissenschaft haben sich vergleichbare Kompetenzen bislang nicht entwickelt. So sind es vor allem die Verlage, die für eine Kultur ‘Editionen Journalismus’ sorgen. Entsprechende Buchausgaben (Werkausgaben, Einzelausgaben, Buchreihen, Anthologien) liegen etwa für folgende journalistische Persönlichkeiten vor: Peter Altenberg, Hugo Bettauer, Ryszard Kapuscynski, Egon Erwin Kisch, Karl Kraus, Anton Kuh, Ferdinand Kürnberger, Soma Morgenstern, Carl von Ossietzky, Alfred Polgar, Joseph Roth, Kurt Tucholsky, Max Winter, Theodor Wolff, Marion Gräfin von Dönhoff, Ralph Giordano, Theodor Herzl, Herbert Riehl-Heyse, Hilde Spiel. Derartige verlegerische Aktivitäten haben eine zunehmend stabile Tradition. Herausragend ist hierbei Die Andere Bibliothek, eine Buchreihe, die 1985 von Hans Magnus Enzensberger im Eichborn Verlag begründet wurde und in der seitdem von wechselnden Herausgebern (und Verlagen) so etwas wie eine eigenständige ‘Reihe Weltjournalismus’ entstanden ist (z. B. mit Büchern von Amos Elon, Richard Swartz, Louis-Sébastien Mercier und William H. Russell).

    (2) Autobiographien

    Seit der Antike gehört die Autobiographie zum Kanon der erzählenden Gattungen, genutzt von Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Kontexten. Die ersten autobiographischen Werke von Journalisten erschienen Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie zwei Dokumentationen (Langenbucher 2009; Wilke 2011) nachweisen, stehen diese am Anfang einer sich bis heute intensivierenden Tradition: bis zum Ende des 20. Jahrhunderts lassen sich ca. 500 Werke nachweisen und seitdem kommen jährlich zwischen fünf und zehn Neuerscheinungen dazu – gelegentlich sogar in Fachzeitschriften rezensiert. Sie verweisen als lebens- und berufsgeschichtliche Bilanzen auf die historisch in Deutschland und Österreich erstmals gelungene Entwicklung zur Demokratie, an der journalistische Persönlichkeiten essenziell beteiligt waren (Hodenberg 2006).

    (3) Biographien

    Eine eigentliche Kultur biographischen Schreibens hat sich – wieder im Gegensatz zur Literaturwissenschaft – in der Kommunikationswissenschaft nicht entwickelt, von Ausnahmen wie Bernd Sösemann (2000) über Theodor Wolff abgesehen; der Historiker Norbert Frei spricht von einer „biographischen Blindheit“ des Faches (Frei 1989: 110). Trotzdem gibt es zahlreiche, teils umfangreiche Biographien über Journalisten – in der Regel verfasst von anderen Journalisten wie Klaus Harpprecht, Peter Merseburg oder Wilhelm von Sternberg. Grundlegende Vorarbeiten hat die Deutsche Biographische Enzyklopädie geleistet, die unter dem wenig präzisen Titel Die deutschsprachige Presse aus dem Gesamtwerk ein Handbuch zusammenstellte, das knapp 6000 Kurzbiographien und 207 Porträts von Journalistinnen und Journalisten im weitesten Sinne enthält (Jahn 2005). Die Sichtung dieses Materials auf biographiewürdige Persönlichkeiten des Journalismus bleibt eine künftige Aufgabe. Wird sie ignoriert, hat das zur Folge, auf das wichtigste Medium zu verzichten, „um einer interessierten Öffentlichkeit geschichtliche, aber auch sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse zu vermitteln“ (Behmer/Kinnebrock 2009: 212).

    (4) Monographien

    Standardliteratur zum Thema journalistischer Persönlichkeiten fehlt, aber einige Werke mit anderen Schwerpunkten vermitteln einschlägige Erkenntnisse: So ist Christina von Hodenbergs Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973 auch eine Geschichte mehrerer Generationen journalistischer Eliten und ihres essenziellen Beitrages zur Demokratisierung und Verwestlichung Deutschlands. Thomas Birkners Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914 lehrt, dass die im Zeitverlauf zunehmende, funktional notwendige Institutionalisierung, Anonymität und Professionalisierung des journalistischen Berufes journalistische Unikate keineswegs verhindert hat, sondern zur Bedingung ihrer Möglichkeit wurde.

    (5) Kanonisierung

    Eine mit anderen Kulturbereichen vergleichbare Kanonisierung fehlt für den Journalismus weitgehend – von wenigen Anthologien abgesehen. Auch im Beruf selbst gibt es kein Traditionsbewusstsein. Ausnahmen sind u. a. feministischem Forschungsinteresse zu verdanken (Klaus/Wischermann 2013). Vergleichbare Bemühungen wie den Kanon The Top 100 Works of Journalism, der 1999 an der New York University unter der Leitung von Journalistik-Professor Mitchell Stephens mit Werken des US-Journalismus im 20. Jahrhundert erarbeitet wurde, fehlen für europäische Länder.

    Forschungsstand:

    Am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien wurde um die Jahrtausendwende mehrfach der Versuch gemacht, eine auf das Konzept ‘Persönlichkeit’ gründende Journalismusforschung neu zu konzipieren (Duchkowitsch/Hausjell/Pöttker/Semrad 2009). Die Texte sehr unterschiedlicher Autoren eines umfangreichen Sammelbandes plädierten mit dem Untertitel Fall und Aufstieg eines Phänomens für einen modernen Persönlichkeitsansatz. Auf der Basis ihrer breit angelegten Forschungsarbeiten befasste sich z. B. Barbara Pfetsch in ihrem Beitrag mit den Kommentatoren der überregionalen Tageszeitungen als publizistische Persönlichkeiten. Wie ihre Ausführungen zeigen, sind jedoch auch hier journalistische Persönlichkeiten gemeint.

    Trotz der in den letzten Jahrzehnten prominent gewordenen Journalismusforschung registriert sie einen „blinden Flecken des Faches“ (Pfetsch 2009: 250) und konstatiert, dass damit wesentliche Aspekte gesellschaftlicher Selbstaufklärung und der dazugehörigen Forschung ignoriert wurden. An diesem Zustand scheint sich vorläufig nichts zu ändern.

    Literatur:

    Behmer, Markus; Susanne Kinnebrock: Vom ehrenden Gedenken zu exemplarischem Erklären. Biografismus in der Kommunikationsgeschichtsforschung. In: Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, S. 205-229

    Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Eine Geschichte des Journalismus 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

    Chalaby, Jean K. (1998): The Invention of Journalism. London [Palgrave Macmillan] 1998

    Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.) (2009): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009

    Frei, Norbert: Presse-, Medien-, Kommunikationsgeschichte. Aufbruch in ein interdisziplinäres Forschungsfeld? In: Historische Zeitschrift, 248, 1989, S. 101-114

    Hodenberg, Christina von: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973. Göttingen [Wallstein Verlag] 2006

    Jahn, Bruno (Bearb.): Die deutschsprachige Presse. Ein biographisch-bibliographisches Handbuch. München [de Gruyter Saur] 2005

    Kerrane, Kevin; Ben Yagoda (Hrsg.): The Art of Fact. A Historical Anthology of Literary Journalism. New York [Simon & Schuster] 1997

    Kisch, Egon Erwin (Hrsg.): Klassischer Journalismus. Die Meisterwerke der Zeitung. München [Rogner & Bernhard] 1979

    Klaus, Elisabeth; Ulla Wischermann: Journalistinnen. Eine Geschichte in Biographien und Texten 1848-1990. Wien [LIT] 2013

    Langenbucher, Wolfgang R.: Reporter in eigener Sache. Lektüregänge in journalistischen Autobiografien. In: Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, S. 230-248

    Pfetsch, Monika: Wortführer der öffentlichen Meinung. Kommentatoren der überregionalen Tageszeitungen als publizistische Persönlichkeiten. In: Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, S. 249-265

    Saxer, Ulrich: Wie konstitutiv ist die „journalistische Persönlichkeit“? In: Duchkowitsch, Wolfgang; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, S. 22-42

    Snyder, Louis L.; Richard B. Morris (Hrsg.): A Treasury of Great Reporting. “Literature under Pressure” from the Sixteenth Century to Our Own Time. New York [Simon & Schuster] 1949

    Sösemann, Bernd: Theodor Wolff. Ein Leben mit der Zeitung. Düsseldorf [Econ] 2000

    Stephens, Mitchell: The Top 100 Works of Journalism in the United States in the 20th Century. In: Message, 1, 1999

    Sittner, Genrnot (Hrsg.): Süddeutsche Zeitung: Die Seite 3. Reportagen aus fünf Jahrzehnten. München [Süddeutsche Edition] 2007

    Wilke, Jürgen: Autobiographien als Mittel der Journalismusforschung. In: Jandura, Olaf; Thorsten Quandt; Jens Vogelgesang (Hrsg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2011, S. 83-106

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Die junge Journalisten-Generation beim NWDR

Logo NWDR, gemeinfrei

Kollektivbiographischer Ansatz:
Journalismus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) von Männern und Frauen mit sehr unterschiedlichem Erfahrungs- und Leidenshintergrund in die Praxis umgesetzt (Wagner 2005). Als → Kommunikatoren werden sie in typologische Akteursgruppen gefasst. Das konkurrierende Miteinander sowie die Muster der jeweils angewandten Strategien bei der Positionierung können so nachgezeichnet werden. Drei Gruppen lassen sich im rundfunkjournalistischen Feld der unmittelbaren Nachkriegsjahre unterscheiden: Es waren einerseits Emigranten, die aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrten, und erfahrene Mitarbeiter, die im ‚Dritten Reich‘ Verfolgung erlitten hatten. Sie bildeten die zahlenmäßig kleinste Gruppe, hatten aber nicht selten Schlüsselpositionen inne (Wagner 2015). Andererseits gab es die große heterogene Akteursgruppe derer, die in Deutschland geblieben waren. Ihnen war es in ganz unterschiedlicher Weise gelungen, ihre Lebensentwürfe in den Jahren des NS-Regimes zu gestalten; sie hatten mit mehr oder weniger Opportunismus ihre Berufsbiographien relativ geradlinig fortgesetzt oder zumindest auf weniger sensiblen Positionen gearbeitet. Die dritte Gruppe war die ‚junge Generation‘. Sie wird hier näher vorgestellt.

Journalistisches Arbeiten beim NWDR nach Kriegsende:
Entscheidend zum Erfolg dieser ‚jungen Generation‘ trug bei, dass man sich als Erfahrungsgeneration verstand. Denn weniger das Alter der Personen war für die Zugehörigkeit entscheidend, als vielmehr die gemeinsam geteilte Kriegserfahrung. Man definierte sich über eine Wendezeit bzw. eine ‚Krise‘. Rüdiger Proske und Walter Weymann-Weyhe in schufen 1948 mit dem Essay „Wir aus dem Kriege“ in den Frankfurter Heften eine Gemeinschaftsformel (Proske/Weymann-Weyhe 1948). Dabei war die Krisenzeit mit dem Ende des Krieges nicht beendet, sondern dauerte an. In der NWDR-Sendereihe Sind wir auf dem richtigen Wege? beklagte Volker Starke (*1920), Feature-Assistent des journalistisch erfahrenen Peter von Zahn, den „Verrat an der deutschen Jugend“ (NWDR-Geschichte 2001). Einer der Wortführer, der damals 17-jährige Schüler und freier Mitarbeiter am Sender, Ralf Dahrendorf, wehrte gegenüber Peter von Zahn die „‚Denazifizierung‘ junger Menschen durch Ihren englischen Personalchef“ mit den Worten ab: „…wir jungen Menschen schweben heute haltlos zwischen dem letzten Rest von Optimismus, an den wir uns verzweifelt klammern, und einem Realismus, dessen Erkenntnisse so furchtbar bitter sind“ (Dahrendorf 1946).

Im Zusammenhang mit einer Deutschlandpolitik der Westalliierten, die zwar auf eine Neuordnung des Medienbereichs zielte, dabei aber schnell immer mehr Verantwortung an deutsche Journalisten zurückgeben wollte, rückte die ‚junge Generation‘ ins Blickfeld. Ihre Lebensläufe waren in der Regel wenig NS-belastet; sie selbst waren nach dem Ende der Diktatur auf der Suche nach neuen Zukunftsentwürfen. Freilich hatten viele wenig bis keine Berufserfahrung; einige waren als Frontberichterstatter in nationalsozialistischen Propagandakompanien tätig gewesen. Dieser Mangel an journalistischer Erfahrung konnte durch eine konsequente Praxis des ‚Learning by doing‘ Schritt für Schritt wettgemacht werden bzw. Wissenslücken wurde mit gezielten → Ausbildungsprogrammen, etwa dem der NWDR-Rundfunkschule, begegnet (Schwarzkopf 2007). Viele damals ‚junge‘ → Journalisten betonten immer wieder den Aspekt der Anleitung und der Hilfestellung durch die britischen Kontrolloffiziere. Dabei wurde das Wort ‚Zensur‘, obwohl eine Kontrolle der Manuskripte erfolgte, nicht verwendet. Allen britischen Controllers und besonders den deutschstämmigen ‚Rückkehrern in Uniform‘ unter ihnen wurde bescheinigt, dass sie als Lehrer und als Partner auftraten. Sie zeigten den jungen Leuten, die nur das nationalsozialistische Bildungsregime durchlaufen hatten und in der Hitlerjugend und in der Wehrmacht militärisch gedrillt worden waren, was diskursive Formen sind, welche Spielregeln bei einer Diskussion zu beachten sind und wie man unterschiedliche Meinungen austauscht. Man zeigte ihnen, was ein → Feature ist und was eine solche Programmform zu leisten vermag. Vor allem aber lernten sie, welche Funktion ein Kommentar hat bzw. dass man und wie man → Nachrichten und Kommentar trennt.

„Es gibt eine ganze Menge, was wir damals von den Engländern gelernt haben in Bezug auf die Frage ‚Was ist Journalismus?‘. Zum Beispiel (…) die Einsatzbereitschaft und die Arbeitsweise“, resümierte Claus-Hinrich Casdorff (*1925), damals Jungreporter in Hamburg (NWDR-Geschichte 2002). Der spätere Chef des Magazins Monitor bezeichnete sich rückblickend als einen „englisch angehauchten Journalisten“. Vor allem das kleine Team in der Abteilung outside broadcasts entwickelte schnell ein klares Profil. Voller Neugierde und mit großer Aufbruchsstimmung sorgte es dafür, dass richtiggehend lebenswichtige Hinweise ins Programm kamen: Die Journalisten gaben im Kältewinter 1946/47 Fahrtzeiten von langsam fahrenden Kohlenzügen bekannt und entwickelten ein Engagement, das auch vor deutschen Beamten nicht Halt machte. Jürgen Roland (*1925) soll mit Hilfe der Feuerwehr einem Arbeitsamt buchstäblich aufs Dach gestiegen sein, um zu klären, warum sich vor der Tür der Behörde eine so lange Schlange bildete und es mit der Arbeitsvermittlung so schleppend voranging (NWDR-Geschichte 2000). Das Beispiel zeigt, wie die ‚junge Generation‘ ein journalistisches Selbstverständnis entwickelte mit der Aufgabe, als Anwalt der Bevölkerung handeln zu müssen. Ganz offensichtlich begriff man das Kriegsende als eine Befreiung. Carsten Diercks (*1921) führte generationstypisch aus: „Mit einem Mal waren wir in der Lage, uns über Dinge, die uns politisch bewegten, frei zu äußern (…). Das haben wir natürlich ausgenutzt.“ (NWDR-Geschichte 2001).

In Fall der Rundfunkmitarbeiter des NWDR bestätigt sich eine Entwicklung, die von Zeithistorikern auf vielen gesellschaftlichen Gebieten der Nachkriegszeit als ‚deutsche Karrieren‘ der ‚Frontsoldaten-‘ und der ‚Flakhelfer-Generation‘ gewertet wird. Denn für viele der Anfang der 1920er Jahre geborenen Männer präsentierte sich das nationalsozialistische Regime zunächst einmal als eine Leistungsgesellschaft, die den Jungen Aufstiegschancen bot. Die NSDAP stellte sich als eine Partei der Jugend dar und propagierte eine Zukunftsoption. Nachdem die alten Verständigungsformeln der Konsensdiktatur Nationalsozialismus weggefallen waren, bedurfte es neuer Formeln für die „Leistungsfanatiker“ (Frei 2005: 107-128; Bude 1987; Wehler 2003). Davon profitierte gerade auch der Nachkriegsjournalismus in hohem Maße. Mit den britischen Demokratie-Vorstellungen, dem Leitbild der BBC als einer dienenden publizistischen Kraft des ‚public service‘, waren neue Möglichkeiten für die Selbstverständigung der ‚jungen Generation‘ gegeben. Man griff diese auf, machte sie sich zu eigen, startete durch zu bemerkenswerten Karrieren im westdeutschen Mediensystem und half mit, eine kritische → Medienöffentlichkeit herzustellen (Hodenberg: 2006).

Ähnliches gilt auch für die weiblichen Journalisten. Nach und nach gelang es ihnen, in die traditionell von Männern bestimmte Domäne Einzug zu halten. Das geschah zunächst über die klassisch ‚weiblichen‘ Ressorts, dem Kinder-, Schul- und Frauenfunk, etwa als die promovierte Lehrerin Marga Begiebing (*1915) zum NWDR-Köln wechselte (NWDR-Geschichte 2002). Doch weitere Ressorts folgten. Hansi Eggeling (*1922) arbeitete zunächst als Sekretärin in der Abteilung Talks and Features, bevor sie Redakteurin im Kulturellen Wort wurde. Helga Norden (*1924) und Julia Nusseck (*1921) hatten im Nationalsozialismus studiert. Über ein → Volontariat kam Helga Norden zum Zeitfunk; Dr. Julia Nusseck übernahm schon sehr früh die Leitung der Wirtschaftsredaktion (NWDR-Geschichte 2001). Mehrere Absolventinnen der Rundfunkschule des NWDR wie Hilde Stallmach (*1923), Ursula Klamroth (*1924), Helga Boddin (*1926) und Dagmar Späth (*1922) machten Karriere als Reporterinnen und → Redakteurinnen.

Literatur:

Bude, Heinz: Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation. Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1987.

Dahrendorf, Ralf an Peter von Zahn, 10.12.1946. Staatsarchiv Hamburg. Bestand: NWDR/NDR. 621-1. Nr. 1517.

Frei, Norbert: 1945 und wir. Das dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen. München [Beck] 2005.

Hodenberg, Christina von: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973. Göttingen [Wallstein-Verlag] 2006.

NWDR-Geschichte 2000-2005. Leitfadengestützte Interviews mit ehemaligen NWDR-Mitarbeiter*innen, geführt von Peter von Rüden und Hans-Ulrich Wagner im Forschungsprojekt zur NWDR-Geschichte. Projektdokumentation. Hans-Bredow-Institut, Hamburg.

Proske, Rüdiger; Walter Weymann-Weyhe: Wir aus dem Kriege. Der Weg der jüngeren Generation. In: Frankfurter Hefte, 3, 1948, H. 9, S. 792-803.

Schwarzkopf, Dietrich: Ausbildung und Vertrauensbildung. Die Rundfunkschule des NWDR. Hamburg [Verlag Hans-Bredow-Institut] 2007. (= Nordwestdeutsche Hefte zur Rundfunkgeschichte, 6), https://www.hans-bredow-institut.de/uploads/media/Artikel/cms/media/560a359d8b8c2abaf00d5bd831dc1e714aa4cffb.pdf

Wagner, Hans-Ulrich: Das Ringen um einen neuen Rundfunk: Der NWDR unter der Kontrolle der britischen Besatzungsmacht. In: Rüden, Peter von; Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.): Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks, Bd. 1, Hamburg [Hoffmann und Campe] 2005, S. 13-84.

Wagner, Hans-Ulrich: Repatriated Germans and ‚British Spirit‘. The transfer of public service broadcasting to northern post-war Germany (1945-1950). In: Media History 21(4), 2015, S. 443-458.

Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band. München [Beck] 2003.

Heine, Heinrich

Heine, Christian Johann Heinrich (geb. Harry), geb. 13.12.1997 in Düsseldorf, gest. 17.02.1857 in Paris.

Heinrich Heine kommt 1797 (vielleicht auch 1799) in Düsseldorf zur Welt, das während seiner Kindheit französisch besetzt und deshalb relativ freiheitlich ist. Er wächst mit drei jüngeren Geschwistern, darunter Gustav, dem späteren Herausgeber des Wiener Fremden-Blatts, in der assimilierten, von starkem Erfolgsstreben geprägten jüdischen Familie des Tuchhändlers Samson Heine auf, der tatsächlich nur mäßig erfolgreich ist. Besonders seine Mutter Betty beseelt ihn früh mit sozialem Ehrgeiz.

Trotz der kommerziellen Misserfolge des Vaters legt die Familientradition ihm nahe, zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet den Erfolg zu suchen. Entsprechende Bemühungen durch Aufenthalte bei den Bankiers Rindskopff in Frankfurt und Salomon Heine, dem Bruder des Vaters in Hamburg, scheitern jedoch früh. Bei Letzterem kommt eine ebenso heftige wie unerwiderte Liebe zu dessen Tochter Amalie hinzu. Die Erfahrung des Liebesschmerzes wird für Heines Lyrik lebenslang prägend bleiben.

Fortan richtet sich sein Ehrgeiz auf das Gebiet von Kunst und Wissen sowie deren öffentliche Präsentation. Er reüssiert mit der Publikation von Gedichten (Buch der Lieder, 1827) und Reiseberichten (Die Harzreise, 1826; Reisebilder, 1826-31). Nebenbei studiert er in Bonn, Göttingen und Berlin Jurisprudenz (Rechtswissenschaft), hört Vorlesungen von August Wilhelm Schlegel und Georg Wilhelm Friedrich Hegel und schließt sich dem Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden sowie dem Salon von Rahel und Karl August Varnhagen von Ense an. Schon 1822 schreibt er eine Serie von Briefen aus Berlin, die anonym in der Kulturbeilage des Rheinisch-Westfälischen Anzeigers in Hamm erscheint und früh seine Affinität zum Journalismus erkennen lässt.

1825, nach der Promotion zum Doktor der Rechte, lässt er sich taufen und nimmt den Vornamen Heinrich an, um seine Berufschancen als Jurist zu verbessern. Aber auch als Getaufter jüdischer Herkunft widerfährt ihm Ausgrenzung, Benachteiligung und Missachtung. Er schlägt mit gleicher Waffe zurück: Über die Homosexualität des Dichters August Graf von Platen macht er sich ebenso lustig wie dieser zuvor über sein Judentum – eine Auseinandersetzung, die beiden „Außenseitern“ (Hans Mayer) geschadet hat. 1831 entschließt er sich zur Übersiedlung nach Paris, wo die Juli-Revolution ihm wie anderen Emigranten Hoffnung auf ein freieres Leben und publizistisches Arbeiten als unter der Zensur in Deutschland macht.

In Paris arbeitet Heine von Anfang an als Journalist – genauer: als Korrespondent der in Augsburg erscheinenden Allgemeinen Zeitung. 1832 erscheint dort anonym eine Artikelserie aus seiner Feder, die er ein Jahr später mit seinem Autorennamen zu einem Buch mit dem Titel Französische Zustände bündelt. Von Literaturwissenschaftlern werden diese Zeitungsartikel als „Vorabdrucke“ (Karl Pörnbacher) klassifiziert. Heine verstand sie jedoch als die entscheidende Publikationsform, wie sein Engagement für möglichst rasches Erscheinen der Tagesberichte (frühe → Reportagen) vom Aufstand gegen das Regime Louis Philippes zeigt.

Heines modernes Journalistentum zeigt sich auch am „Zerwürfnis“ (Hans Magnus Enzensberger) mit Ludwig Börne. In dessen Briefen aus Paris hatte Börne ihm politische Indifferenz, mangelnden Patriotismus, ästhetische Verspieltheit statt republikanischer Gesinnung vorgeworfen und damit eine Tradition der Kritik an Heine begründet, die nicht nur Karl Kraus bis ins 20. Jahrhundert fortgesetzt hat. Heine antwortet mit einer Denkschrift Über Ludwig Börne (1840), in der er über dessen beständiges politisches „Kannengießen“, seinen revolutionären Eifer und aufdringlichen Stil spottet. Damit legt er eine kritische Distanz zu programmatischer Parteilichkeit an den Tag, die in Deutschland erst über ein Jahrhundert später als Kennzeichen → unabhängiger Publizistik anerkannt werden sollte.

In den 1840er Jahren schreibt Heine eine lange Serie von → Feuilletons für die Allgemeine Zeitung, deren analytischer Tenor sich als politische Psychologie kennzeichnen lässt. Wie er sich kritisch in die Handlungsweisen von König Louis Philippe oder Ministerpräsident Adolphe Thiers hineindenkt, ist eine Kunst, die dem deutschen Journalismus im 21. Jahrhundert verloren gegangen zu sein scheint. Heine hat sich nicht gescheut, um der Anschaulichkeit willen auch fiktionale Passagen in seine politischen Feuilletons einzustreuen. Im Unterschied zu Theodor Fontane macht Heine solche Passagen allerdings als fiktionale kenntlich. Auch diese Praxis des Deklarierens spricht für sein Journalistentum.

Am deutlichsten wird Heines modernes journalistisches Selbstverständnis in seiner Einleitung in die französische Version der Lutetia, des Buchs, in dem er später seine Korrespondenzen aus dem Paris dieser Zeit gesammelt hat: Engagement für Kommunikationsfreiheit durch Unterlaufen äußerer und redaktionsinterner „Zensur“, Verbergen eigener Meinung hinter korrekt und leidenschaftslos mitgeteilten Fakten, vor allem aber, dass Informationen mittels reizvollem Stil bei einem möglichst großen Publikum ankommen.

Als professionelles Modell ist Heine für den Journalismus von überragender Bedeutung. Das zeigt sich auch daran, dass er vom Durchschnitt befragter deutschsprachiger Chefredakteure immer noch an die Spitze der bedeutsamten Journalisten aller Zeiten gesetzt wird. Das hat drei Gründe:

Erstens ist an Heine abzulesen, welch produktive Rolle dem Judentum für die Modernisierung der europäischen Literatur und besonders des Journalismus zukommt.

Zweitens zeigt sich an ihm, dass für die Modernisierung des Journalismus eine zunehmende Konzentration auf die Aufgabe → Öffentlichkeit kennzeichnend ist und gleichzeitig eine abnehmende Bindung an politische und andere nicht-publizistische Aufgaben und Programme.

Drittens demonstriert Heine wie kein Zweiter die Wichtigkeit ästhetischen Schöpfertums für die journalistische Arbeit. Dass sich bei ihm ausgerechnet Lyrik mit Journalismus verbindet, ist kein Zufall. Für Lyrik ist Fiktionalität im Unterschied zu Epik und Dramatik nicht charakteristisch, im Journalismus stellt sie eine legitime, im Interesse von Anschaulichkeit und Unterhaltsamkeit nützliche Ausnahme dar, solange sie als solche erkennbar ist.

Vom Vorbild Heine können Journalisten lernen, die erkannt haben, dass in der digitalen Medienwelt die Zukunft ihres Berufs statt in der raschen, ereignisgetriebenen Übermittlung von Nachrichten in einer Orientierungsfunktion liegt, die darauf zielt, den Alltag zu verstehen und neben gründlicher → Recherche auch literarisch anspruchsvolle → Darstellungsformen verlangt.

Literatur:

Enzensberger, Hans Magnus (Bearb.): Ludwig Börne und Heinrich Heine: Ein deutsches Zerwürfnis. Leipzig [Reclam] 1991

Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Gesamtausgabe in sechs Bänden. München [dtv] 1997

Heine, Heinrich: Französische Zustände. In: Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Gesamtausgabe in sechs Bänden. Band 5: Herausgebeben von Karl Pörnbacher. München [dtv] 1997

Karady, Victor: Gewalterfahrung und Utopie. Juden in der europäischen Moderne. Frankfurt/M. [Fischer] 1999

Kraus, Karl: Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur. Ausgewählt und erläutert von Christian Wagenknecht. Stuttgart [Reclam] 1986

Langenbucher, Wolfgang R.; Irmgard Wetzstein: Der real existierende Hochkulturjournalismus. Über Personen, Werke und einen Kanon. In: Eberwein, Tobias; Daniel Müller (Hrsg.): Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2011, S. 387-409

Liedtke, Christian: Heinrich Heine. Reinbek bei Hamburg [Rowohlt] 1997

Mayer, Hans: Außenseiter. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1977

Pöttker, Horst: Heines Tagesberichte für die „Allgemeine Zeitung”. Ein Beitrag zu Geschichte und Bestimmung der Reportage, in: Jarren, Otfried; Gerd G. Kopper; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung. Medium mit Vergangenheit und Zukunft. Eine Bestandsaufnahme. Festschrift aus Anlaß des 60. Geburtstages von Hans Bohrmann. München [Saur] 2000, S. 27-46

Pöttker, Horst: Modellfall Heinrich Heine. Über das Verhältnis von Journalismus und Schriftstellertum in Deutschland. In: Hahn, Oliver; Roland Schröder (Hrsg.): Journalistische Kulturen. Internationale und interdisziplinäre Theoriebausteine. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008, S. 56-75

Pöttker, Horst: Jude und Deutscher. Heinrich Heine als Pionier des modernen Journalismus. In: Marten-Finnis, Susanne; Michael Nagel (Hrsg.): Die PRESSA. Internationale Presseausstellung Köln 1928 und der jüdische Beitrag zum modernen Journalismus. The PRESSA. International Press Exhibition Cologne 1928 and the Jewish Contribution to Modern Journalism. Band/Volume 2, Bremen [edition lumière] 2012, S. 347-373

Pöttker, Horst: „Alles Weltwichtige an Ort und Stelle betrachten und behorchen“. Heinrich Heine als Protagonist des modernen Journalismus. In: Pöttker, Horst; Alexander I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 92-145

Reus, Gunter: Ironie als Widerstand. Heinrich Heines frühe Feuilletons „Briefe aus Berlin” und ihre Bedeutung für den modernen Journalismus. In: Blöbaum, Bernd; Stefan Neuhaus (Hrsg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2003, S. 159-172

Steinberg, Werner: Der Tag ist in die Nacht verliebt. Halle (Saale) [Mitteldeutscher Verlag] 1960

Werner, Michael: Der Journalist Heine. In: Höhn, Gerhard (Hrsg.): Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1991, S. 295-313

Herzl, Theodor

Theodor (ungarisch: Tivadar) Herzl wurde am 2. Mai 1860 in Budapest geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Geschäftsmann und Direktor der Hungaria-Bank, seine Mutter stammte aus einem reichen assimilierten jüdischen Elternhaus. Die deutsche Sprache, das Interesse für deutsche Literatur und die Kultur der Mutter prägten Theodor Herzl. Nachdem er Privatunterricht erhalten hatte, kam er 1875 in Budapest an das Humanistische Evangelische Gymnasium. In dieser Zeit begann Herzl zu schreiben, seine Theater- oder Buchrezensionen wurden in der deutschsprachigen Zeitung Pester Lloyd veröffentlicht. Nachdem die 19-jährige Schwester Pauline an Typhus gestorben war, übersiedelte die Familie nach Wien. Dort studierte Herzl erfolgreich Rechtswissenschaft (Promotion 1884). Da er aber als Jude keine Beamtenkarriere einschlagen und auch nicht Richter werden konnte, wandte sich Herzl wieder dem Schreiben zu. Er verfasste zunächst Bühnenstücke, die aber nicht erfolgreich waren.

Die antisemitische Stimmung in Wien nahm zu, 1882 verließ Herzl wegen antisemitischer Tendenzen die nationale Burschenschaft Albia und reiste durch Europa. Seine Ehe mit Julie Naschauer, die aus einer sehr reichen Familie stammte, entwickelte sich für Herzl nicht sehr glücklich. 1889 fuhr er nach Frankreich und Spanien und schickte von dort Texte an unterschiedliche Zeitungsredaktionen. Als man ihn fragte, ob er als Korrespondent für die Neue Freie Presse nach Paris gehen wolle, sagte er zu.

„Tagesgeschichtsschreibung“ und Dreyfus-Affäre

Als „Tagesgeschichtsschreibung“ (Bein 1974: 122) beschrieb Theodor Herzl seine journalistische Tätigkeit in Paris – bis ein Spionagefall 1894 für viel Aufsehen sorgte: der Prozess gegen den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der beschuldigt wurde, „Verrat am Vaterland“ begangen zu haben, indem er Dokumente des französischen Generalstabs an einen deutschen Militär-Attaché verkauft hätte. Als akkreditierter Korrespondent beobachtete Herzl den Prozess gegen Dreyfus, der Ende 1894 zur lebenslänglichen Deportation verurteilt wurde und dem man alle militärischen Ehren aberkannte. Einer der Schlüsseltexte von Herzl ist die Schilderung der Degradation von Hauptmann Alfred Dreyfus:

„Man sah eine große Anzahl Offiziere, mehrere mit ihren Damen. Der Einlaß in den Hof der Ecole Militaire war nur Offizieren und wenigen Journalisten gestattet. Draußen harrte die Menge der Gaffer, die Hinrichtungen beizuwohnen pflegen. Es war viel Polizei aufgeboten worden. (…) Der militärische Gerichtsvollzieher begann, dem Verurteilten die Knöpfe und Schnüre, die schon vorher gelockert waren, von der Uniform herabzureißen. Dreyfus bewahrte eine ruhige Haltung. Nach wenigen Minuten war die Prozedur vollzogen“
(Herzl in Schoeps 1995: 26f.).

Herzl beendete seine Pariser-Korrespondententätigkeit (1891-95) mit einer Reportage über den Sitz des französischen Parlaments, dem „Palais Bourbon“, in der er mit den Schwächen des französischen Parlamentarismus abrechnete, und erhielt den von ihm gewünschten Posten als Feuilletonchef der Neuen Freien Presse in Wien.

Am Beispiel der Berichterstattung aus dem französischen Parlament lässt sich die Bedeutung Theodor Herzls für die Entwicklung des modernen Journalismus zeigen: Wie Ema Kaiser in ihrer Magisterarbeit herausarbeitet,

„hat Herzl auch die Merkmale des modernen Journalismus verinnerlicht und auch tatsächlich praktiziert, u.a. das der Professionalität in Fragen der Berichterstattung, was sich in seinem Verzicht auf persönliche Meinungsäußerungen bei politisch durchaus brisanten Angelegenheiten ausdrückt“ (Kaiser 2010: 103).

Kaiser führt aus, dass Herzl als Pionier eines liberalen und an den Fakten orientierten Journalismus charakterisiert werden kann, der weder politische noch erzieherische Absichten hatte (vgl. Kaiser 2010: 8). Herzls Berichte über den französischen Parlamentarismus wurden international – von Wien, Berlin über New York und Konstantinopel – gelesen und wahrgenommen:

„Und wenn man diese Beschreibungen von ‚inhaltslosen Nachmittagen, die der Zeitungsschreiber im engen Verschlag zwischen den zwei letzten Säulen des grandiosen Palastes erlebt’ heute liest, ist der Schrecken groß: über so viel Zeitlosigkeit, Schärfe der Beobachtung, Rasiermessersprache“ (Jochimsen 2004a: 92).

Theodor Herzl zeigte im Sinne eines der Aufklärung verpflichteten Journalismus auf, wie über Politik berichtet werden kann – dadurch, dass er für die Öffentlichkeit, für das Publikum seiner Zeit die Mechanismen der Macht und Politik offenlegte.

Zurück aus Paris verfolgte er die Entwicklungen in der Dreyfus-Affäre, die sich über fünf Jahre hinzog, weiter und publizierte Artikel dazu. Der Prozess und der Umgang mit Alfred Dreyfus hat ihn – formulierte Herzl selbst – zum Zionisten gemacht.

Zwischen 1887 und 1904 verfasste Theodor Herzl ca. 280 Feuilletons, „anfangs auch für die Wiener Allgemeine Zeitung, ab 1889 ausschließlich für die Neue Freie Presse“ (Patka 2004: 11f.). Er zählte damals zu den bestbezahlten Feuilletonisten in Wien. In seinen journalistischen Texten – das zeigt auch die ausgewählte Zusammenstellung von Marcus G. Patka (2004) – hat sich Theodor Herzl mit unterschiedlichsten Themen befasst, nur über Zionismus durfte er in den Zeitungen nicht berichten.

1897 wurde die jüdische Wochenzeitung Welt gegründet, Herzl erschien nicht im Impressum, da er bei der Neuen Freien Presse beschäftigt war. Sein Schwager Paul Naschauer wurde Herausgeber, und es entstanden immer wieder Spannungen zwischen den Herausgebern der Neuen Freien Presse und Herzl mit seinem Engagement für den Zionismus und den Judenstaat. Luc Jochimsen schreibt darüber:

„In einer dieser existenziellen Auseinandersetzungen mit der Geschäftsleitung, bei denen stets Gehen oder Bleiben verhandelt wurde, bot man ihm die Literatur-Redaktion an und das höchste Gehalt. Außerdem einigte man sich auf ,unbefangene Berichterstattung‘ für den Fall, daß ein praktisches Ergebnis der zionistischen Bewegung zustande käme“
(Jochimsen 2004b: 179).

Der Journalist als teilnehmender Beobachter

Theodor Herzl recherchierte akribisch, suchte die Orte des Geschehens auf und beobachtete sehr genau. Für die Reportage über „Die Brücke von Neuville“ (1893) begab er sich nach Neuville, um bei einer Wahlversammlung dabei sein zu können, die Menschen zu beschreiben und die Atmosphäre einzufangen. Dies ermöglichte auch „die literarischen Qualitäten dieser Reportage: ihr wunderbarer Erzählrhythmus, die gelungenen Tempo- und Perspektivenwechsel, die pointierte und spannende Sprache“ (Langenbucher 1992: 38). Von der Veranstaltung berichtete Herzl:

„Die Anwesenden – mit mir sind es zwölf – empfangen ihren Abgeordneten ohne Begeisterung. Sie sahen ihn wohl seit der letzten Wahl nicht. Zwei, drei rücken an ihrer Mütze, nur einer steht unwillkürlich auf. Der Abgeordnete bestellt sich ein Glas Kaffee und setzt sich“ (Herzl 1893, in Langenbucher 1992: 42).

Dieser Ausschnitt zeigt deutlich, wie Herzl arbeitete: Er beschrieb die Details der Szenerie, die durch den Einsatz von wiedergegebenen Dialogen einen sehr guten Eindruck von der Atmosphäre zwischen einem Abgeordneten und Bauern vermittelten: „die da oben und wir da unten“. Die „Bauern hegen dumpfes Mißtrauen gegen ihren Vertreter. Warum? Vielleicht nur, weil er etwas von ihnen verlangt; ihre Stimmen nämlich. Sie können niemanden leiden, der etwas verlangt“ (Herzl 1893, in Langenbucher 1992: 46).

Als Paris-Korrespondent war Herzl häufig im französischen Parlament, das er als eine „Schule des Journalisten“ bezeichnete, da er dort erlebte, wie die Parlamentarier agierten. Daraus erwuchs für Herzl eine große Skepsis gegenüber dem politischen System. Langenbucher schreibt dazu:

„Es regiere die Fadesse, weshalb sich die Journalisten auch zunehmend auf die Zwischenrufer konzentrieren und es im Erkennen und Zuordnen dieser Zwischenrufe zu einer bestimmten Meisterschaft gebracht hätten. Aber nicht nur beim Parlamentarismus, auch im politischen Journalismus sah er eine Krise. Für so manchen Redakteur sei die Parlamentsbericht-erstattung lediglich ein Sprungbrett, um selbst zum Abgeordneten oder später gar Minister zu werden“ (Langenbucher 1992: 339).

Herzls journalistisches Oeuvre umfasst ein großes Themenspektrum, das von der Sozial-, über Reise- bis zur Politikberichterstattung reichte. Marcus G. Patka nahm 2004 eine weitere Auswahl der Feuilletons von Herzl vor und wählte zwei Themenbereiche aus, die sonst in der Rezeption des journalistischen Werkes wenig beachtet worden sind: Herzls „Interesse für die Neuerungen der Technik und seine Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen“ (Patka 2004: 13).

Bei der Lektüre dieser Feuilletons findet sich auch eines über Schönheitsoperationen – mit dem Titel „Neue Nasen“:

„Die meisten Menschen halten es ja komischerweise für rühmlich oder wenigstens für klug, sich nach den Übrigen zu richten. Die Folge davon wird sein, dass wir Nasenmoden bekommen werden zu den Haar- und Barttrachten, die schon jetzt üblich sind und von Zeit zu Zeit wechseln. (…) Die Nasen fürstlicher Personen, beliebter Künstler und Schauspieler dürften viel nachgeahmt werden. Dann wird man sie satt kriegen“ (Herzl 1903, in Patka 2004: 56f.).

Hier werden Trends angesprochen, die auch heute Konjunktur haben: Konformität und Konsum.

Theodor Herzl führte drei Leben parallel, wie es Luc Jochimsen (2004b) in ihrem Buch über Herzl analysierte: Er arbeitete nach wie vor als Journalist für die Neue Freie Presse, als Schriftsteller und als Politiker unermüdlich im Einsatz für einen „Judenstaat“. Sein Herzleiden, dies zeigen auch seine Tagebuchaufzeichnungen, verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Mit 44 Jahren starb Theodor Herzl am 3. Juli 1904 in einem Sanatorium in Edlach am Semmering.

Literatur:

Bein, Alex: Theodor Herzl. Eine Biographie. Wien/Berlin/Frankfurt/M. [Ullstein] 1983 (Erste Veröffentlichung 1934)

Herzl, Theodor: Feuilletons. Erster Band. Berlin [Benjamin Harz] o.J.

Herzl, Theodor: Feuilletons. Zweiter Band. Berlin [J. Singer & Co.] o.J.

Jochimsen, Luc: Theodor Herzl 1860 – 1904. In: Jakobs, Hans-Jürgen; Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Das Gewissen ihrer Zeit. Fünfzig Vorbilder des Journalismus. Wien [Picus] 2004a, 91-95.

Jochimsen, Luc: Dieses Jahr in Jerusalem. Theodor Herzl. Traum und Wirklichkeit. Berlin [Aufbau] 2004b

Kaiser, Ema: Die Anfänge des modernen Journalismus um die Jahrhundertwende in Österreich am Beispiel von Theodor Herzl und seinem Werk „Das Palais Bourbon“. Magisterarbeit. Universität Wien 2010

Langenbucher, Wolfgang R. (Hrsg.): Sensationen des Alltags. Meisterwerke des österreichischen Journalismus. Wien [Ueberreuter] 1992

Patka, Marcus G. (Hrsg.): Theodor Herzl. Die treibende Kraft. Feuilletons. Wien [Picus] 2004

Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Theodor Herzl 1860-1904. Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen. Wien [Brandstätter] 1995

Joseph Roth

Moses Joseph Roth wurde am 2. September 1894 in Brody in der damaligen galizisch-russischen Grenzstadt bei Lemberg (heute Ukraine) geboren. Seinen Vater Nachum hat er nie kennengelernt, dieser war bereits vor seiner Geburt verschwunden. Nachum Roth war von einer Geschäftsreise nicht mehr zurückgekehrt, da er nach einem Nervenzusammenbruch von seiner Familie bei einem Wunderrabbi untergebracht wurde. Mit seiner Mutter Maria lebte Joseph Roth daher bei seinem Großvater, finanziell wurde die Familie von einem Onkel unterstützt.

Bereits im deutschsprachigen Gymnasium in Brody verfasste Joseph Roth Gedichte; nach der Matura 1913 begann er ein Germanistikstudium in Wien. 1916 meldete er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Militärdienst und schrieb Artikel für die Frontzeitung Illustrierte Kriegszeitung. Zwei Jahre später kehrte er nach Wien zurück, arbeitete für die A.Z. am Abend sowie die Zeitschrift Die Filmwelt.

Erste → Feuilletons veröffentlichte Roth 1919 bei der Tageszeitung Der Neue Tag. Nach einem Jahr und mehr als hundert Artikeln, die er für die Zeitung verfasst hatte, musste diese eingestellt werden. Aus finanzieller Not ging Roth nach Berlin. Hier berichtete er für die Berliner Zeitung, den Berliner Börsen-Courier, für die Zeitung Vorwärts und ab 1923 für die Feuilletonredaktion der Frankfurter Zeitung, die für Roth – mit Unterbrechungen – bis 1932 Hauptauftraggeber war. Parallel dazu schrieb er für das Prager Tagblatt und den Wiener Tag.

Roth war in dieser Zeit viel unterwegs, er fungierte als Sonderberichterstatter für die Frankfurter Zeitung in Paris und Südfrankreich, berichtete aus dem Ruhrgebiet, der Sowjetunion, Polen und Belgrad und unternahm Reportagereisen nach Albanien und Italien.

Nicht nur Roths journalistisches Werk wuchs, sondern auch seine literarischen Produktionen. Nachdem sein erster Roman Das Spinnennetz 1923 noch in Fortsetzungen in der Wiener Arbeiter-Zeitung abgedruckt wurde, gehören seine späteren Werke wie Die Flucht ohne Ende, Hiob, Die Geschichte von der 1002. Nacht oder Die Legende vom heiligen Trinker heute zur Weltliteratur.

Als sich der Gesundheitszustand seiner Frau Friederike immer mehr verschlechterte, sodass sie zunächst privat betreut werden musste, dann in einem Sanatorium untergebracht und schließlich in die Wiener Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke eingeliefert wurde, war Joseph Roth in ständiger Sorge. Er fühlte sich durch sein unstetes Leben für ihre psychische Erkrankung verantwortlich.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht übernahmen, ging Joseph Roth, der über jüdische Wurzeln verfügte, nach Paris in die Emigration. Dort lebte er in kleinen Hotels und schrieb in den Cafés. Er reiste weiterhin viel, aber nie wieder nach Deutschland. Im Mai 1939 erreichte Roth die Nachricht vom Selbstmord des Schriftstellers Ernst Toller in den USA. Dessen Tod erschütterte Roth so sehr, dass er zusammenbrach. Er wurde in ein Armenhospital eingeliefert und starb am 27. Mai 1939 im Alter von 44 Jahren. Sein Herz war schwach, der schwere Alkoholkonsum forderte seinen Tribut, es erfassten ihn ein Delirium tremens, hohes Fieber und eine Lungenentzündung noch dazu. Nach seinem Tod gab es viele Diskussionen, ob Roth in einem anderen Krankenhaus hätte gerettet werden können.

Seine Frau wurde von den Nationalsozialisten in der Euthanasieanstalt Schloss Hartheim 1940 ein Jahr nach Roths Tod ermordet.

Journalistisches Werk: „Ich zeichne das Gesicht der Zeit“
Joseph Roth war als Journalist sehr produktiv und veröffentlichte mehr als 1.300 Artikel in unterschiedlichen Zeitungen. Er zählte zu den bestbezahlten Journalisten seiner Zeit in Deutschland. Sein journalistisches Oeuvre „umfaßt Reportagen, Berichte, Rezensionen, Feuilletons, Glossen, Portraits und anderes mehr“ (Westermann 1987: 7). Immer wieder schrieb Roth auch über sein journalistisches Selbstverständnis, etwa, als er festhielt, dass man Feuilletons nicht mit der linken Hand schreiben kann:

„Man darf nicht nebenbei Feuilletons schreiben. Es ist eine arge Unterschätzung des ganzen Fachs. (…) Ich mache keine „witzigen Glossen“. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung. Ich bin ein Journalist, kein Berichterstatter, ich bin ein Schriftsteller, kein Leitartikelschreiber.“
(Roth in einem Brief an Gustav Kiepenheuer, 10.06.1930, 1970: 220)

Roth war nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur in eine Trümmerlandschaft zurückgekehrt, die Menschen waren schwer traumatisiert. Kriegsversehrte taumelten durch die Straßen, die Bürger versuchten, so gut es ging, wieder einen Alltag aufzubauen. Roth war mittendrin und beobachtete die Menschen. In seiner Reportage „Das Antlitz der Zeit“ befasste sich Roth mit der Frage der Darstellung von Wirklichkeit, den Erfahrungen, die er durch die Beobachtungen von Menschen und Umgebungen gewann. Darin schrieb er:

„Das Antlitz der Zeit ist zernichtet. Das Leben ist zerlebt. Häßlich ist sie, die Zeit. Aber wahr. Sie läßt sich nicht malen, sondern photographieren. Ob sie wahr ist, weil sie häßlich ist? Oder häßlich, weil wahr?“
(Roth 1920: 215)

Der ewige Rastlose ohne festen Wohnsitz unternahm viele Reportagereisen. Für die Frankfurter Zeitung reiste er im Spätsommer 1925 nach Südfrankreich. Seine Artikelserie „Im mittäglichen Frankreich“ wurde von September bis November 1925 gedruckt. Die Berichte über „Die weißen Städte“ erschienen posthum, in diesen beschrieb Roth seine Beobachtungen u.a. in Lyon, Avignon, St. Rémy, Nimes, Arles und Marseille. Dabei stellte er zu seinem eigenen journalistischen Vorgehen fest:

„Ehe ich zu leben angefangen hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen. (…) Seitdem glaube ich nicht, dass wir, Fahrpläne in der Hand, in einen Zug steigen können. Ich glaube nicht, dass wir mit der Sicherheit eines für alle Fälle ausgerüsteten Touristen wandern dürfen. (…) Der „gute Beobachter“ ist der traurigste Berichterstatter.“
(Roth 1925: 451f.)

Die Themen, mit denen sich Joseph Roth in seinen journalistischen Arbeiten befasste, waren breit gestreut. Er schrieb nicht nur über Länder und Orte, sondern auch über neue technologische Entwicklungen, Umweltzerstörung, Politik, den Prozess über die im Mordfall Walther Rathenau Angeklagten, Filmkritiken, Emigration, über den Literaturbetrieb und besonders gegen Adolf Hitler und den Nationalsozialismus. Als Beobachter erfasste er die jeweiligen Stimmungen, schaute hinter die Kulissen und setzte die Beobachtungen zusammen. In seinen 1929 erschienen Beiträgen über die „Hotelwelt“, schrieb er in Ankunft im Hotel:

„Ich hebe das Telephon ab. Nicht, um zu telephonieren – – nur, um dem Telephonisten in der Zentrale des Hotels Guten Tag! zu sagen. Er verbindet mich oft und fleißig. Er verleugnet mich. Er warnt mich. Er teilt mir des Morgens wichtige Begebenheiten aus der Zeitung mit. Und wenn der Geldbriefträger zu mir kommt, verkündet er es mit einem diskreten Jubel. Er ist ein Italiener. Der Kellner ist ein Österreicher. Der Portier ein Franzose aus der Provence. Der Empfangschef ein Mann aus der Normandie. Der Oberkellner ein Bayer. Das Zimmermädchen eine Schweizerin. Der Lohndiener ein Holländer. Der Direktor ein Levantiner; und seit Jahren hege ich den Verdacht, daß der Koch ein Tscheche ist. Aus den übrigen Teilen der Welt kommen die Gäste. (…) Von der Enge ihrer Heimatliebe befreit, von der Dumpfheit ihrer patriotischen Gefühle gelöst, von ihrem nationalen Hochmut ein wenig beurlaubt, kommen hier die Menschen zusammen und scheinen wenigstens, was sie immer sein sollten: Kinder der Welt.“
(Roth 1929: 5)

Auch hier zeigt sich seine Vorgehensweise – das Aufzeigen des Zusammenlebens von verschiedenen Personen an einem speziellen Ort, hier wird die Frage der Heimat auf eine eigene Art und Weise thematisiert.

Akribisch, verzweifelt und letzlich vergeblich schrieb Roth gegen den Nationalsozialismus an:

„Liebe Redaktion, Sie fragen mich, ob ich nach einer Pause, die Ihnen ungerechtfertigt lang erscheint, nicht wieder einen Aufsatz veröffentlichen wolle. (…) Es gibt für mich – um unsern Metier-Ausdruck zu gebrauchen – kein „Thema“, das mir gestatten würde, einen Artikel mit jenem Mindestmaß von Zuversicht zu schließen, dessen eine Äußerung in einer Zeitschrift selbstverständlich bedarf. (…) Im übrigen aber zweifle ich daran, daß es in der ganzen europäischen Vergangenheit eine Periode gegeben hat, die mit der unsrigen zu vergleichen wäre. Von allen dunklen und grausamen Menschen, die in der Schreckenskammer der europäischen Geschichte verewigt sind, sehe ich keinen einzigen, der die typischen Kennzeichen der zeitgenössischen Tyrannen aufzuweisen hätte: nämlich die Armseligkeit der Persönlichkeit. Selbst ihre Feigheit noch ist ja substanzlos! (…) Was soll mein Wort gegen Kanonen, Lautsprecher, Mörder, törichte Minister, ratlose Diplomaten, dumme Interviewer und Journalisten, die durch den Nürnberger Trichter die ohnehin verworrenen Stimmen dieser Babel-Welt vernehmen? Wenn Sie wollen, veröffentlichen Sie diesen Brief als einen wirklich – „offenen“ – statt eines Artikels. In trauriger Resignation, Ihr Joseph Roth, Das Neue Tage-Buch, Paris, 17.10.1936“
(Roth 1936: 687)

Klaus Westermann (1987: 216) zitiert am Ende seiner Publikation über Joseph Roth den Schriftsteller Ludwig Marcuse, der über Roths journalistisches Werk geschrieben hatte: „Man kommt noch nicht zu spät, wenn man die Berichte heute liest.“ Marcuse hatte diese Zeilen 1949 in der Rhein-Neckar-Zeitung anlässlich Roths zehnten Todestages mit der Überschrift „Ein Gast auf dieser Erde“ formuliert. 70 Jahre danach hat dieser Satz nach wie vor Gültigkeit.

Literatur:

Sämtliche Texte von Joseph Roth sind der sechsbändigen Werkausgabe entnommen:

Roth, Joseph: Werke I – III. Hrsg. v. Klaus Westermann 1989-1991. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1991.

Roth, Joseph: Brief an Gustav Kiepenheuer, 10.6.1930. In: Roth, Joseph: Briefe 1911-1939. Hrsg. und eingel. v. Hermann Kesten. Köln/Berlin [Kiepenheuer & Witsch] 1970.

Sternburg, Wilhelm von: Joseph Roth. Eine Biographie. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2009.

Westermann, Klaus: Joseph Roth, Journalist. Eine Karriere 1915-1939. Bonn [Bouvier Verlag Herbert Grundmann] 1987.

Kästner, Emil Erich

Kästner, Emil Erich, geb. 23.02.1899 in Dresden, gest. 29.07.1974 in München

Es gebe keine Dichter mehr, schreibt Erich Kästner 1926 in einem Nachruf auf Rainer Maria Rilke. „Es gibt nur noch Schriftsteller.“ (Kästner 1998a: 52f.) Damit zielte er auf das Ende starrer Grenzen zwischen ,hoher‘ Literatur und Alltags-Publizistik im Zeitalter der sogenannten Neuen Sachlichkeit. Kästner beklagte zwar den Tod des Dichters Rilke. Aber er beklagte keineswegs den modernen Schriftsteller-Typus. Er selbst war ein Schreiber für den Tag. Mehr noch: Der „écrivain journaliste“ (Brons 2002) folgte in all seinen Werken journalistischen Qualitätskriterien und dem Prinzip der Öffentlichkeit (vgl. ausführlich Reus 2018; zum Begriff der Öffentlichkeit vgl. Pöttker 2010).

Im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts geboren, will Kästner schon früh andere vom Lauf der Welt ,unterrichten‘. Das Lehrerseminar muss er jedoch mit 18 Jahren verlassen, um noch knapp vor Ende des Ersten Weltkriegs eine Offiziersausbildung zu beginnen. Die kurze Zeit macht ihn zum lebenslangen Pazifisten. Ab 1919 belegt er an der Leipziger Universität Vorlesungen zur Literatur und zur Zeitungskunde. Er schreibt für die Neue Leipziger Zeitung (NLZ), wird rasch Redakteur, zuerst in Unterhaltungsmagazinen des Verlags, 1926 dann im Politikressort der NLZ. Die Pressekommentare des frisch Promovierten zum Zeitgeschehen fallen so entschieden aus, dass man bald einen Vorwand nutzt, ihm zu kündigen.

Als freier Kulturkorrespondent zieht Kästner nach Berlin. In Reportagen und Rezensionen fängt er das Großstadtleben ein. Rasend schnell, mit Sekretärin und professionellem „Bauchladen“ (vgl. Bemmann 1999: 98; Brons 2002: 111-216), baut er an seiner journalistischen Karriere, schreibt unter anderem für die Weltbühne, den Uhu, den Simplicissimus, das Tagebuch, das Berliner Tageblatt und die Vossische Zeitung. Seine Gedichte, von denen viele mit tagesaktuellem Bezug im linksliberalen Montag Morgen erscheinen, gibt er bis 1932 in vier Lyrikbänden mit ungewöhnlich hohen Auflagen heraus. Der moralisierende, oft melancholische, aber auch (vor allem in seinem Anti-Militarismus) scharfe Ton dieser Stellungnahmen zur Zeit lässt ihm zum Shooting-Star der Berliner Publizistik werden. Von der politischen Rechten wird er dafür gehasst – und von der marxistischen Linken nicht geliebt.

Kästner bemüht sich um „optimale multimediale Verwertung“ (Schikorsky 1999: 73) seiner Arbeiten. Er schreibt für Kabarett, Radio und Theater, bespricht Schallplatten. Er liest in Kaufhäusern und Bibliotheken (diese „Öffentlichkeit“ entsteht damals gerade, vgl. Hanuschek 2010: 149). Er veröffentlicht den Journalistenroman Fabian und Kinderbücher wie Emil und die Detektive, die ihn weltberühmt machen.

Einer Partei gehört Erich Kästner nie an. Er engagiert sich gegen den Nationalsozialismus, den er gleichwohl unterschätzt. Seine Bücher werden 1933 verbrannt, die Gestapo verhaftet und verhört ihn. Dennoch bleibt er bis Kriegsende in Deutschland. Später wird er von der „Berufspflicht“ schreiben, die es geboten habe, „Augenzeuge [zu] bleiben und eines Tages schriftlich Zeugnis“ abzulegen (Kästner 1998b: 25). Ein solches Zeitzeugnis der nationalsozialistischen Barbarei schreibt Kästner allerdings nie. Bis heute bleibt umstritten, wie sehr er sich mit dem Regime arrangiert und sich selbst über dieses Arrangement hinweggetäuscht hat (vgl. ausführlich Hanuschek 2010; Görtz/Sarkowicz 1998). Nach 1933 erhält er zwar Publikationsverbot im ,Dritten Reich‘, hat aber durch Verfilmungen im Ausland und 26 Übersetzungen seiner Bücher bis zum Berufsverbot 1943 ein gutes Auskommen.

1945 tritt er allerdings so entschieden wie wenige andere für eine neue demokratische Öffentlichkeit ein. Er übernimmt in München für einige Jahre die Leitung des Feuilletons der Neuen Zeitung (eines Blattes der US-Militärregierung). Zugleich gibt er die Jugendzeitschrift Pinguin heraus. Wie zwei Jahrzehnte zuvor schreibt Kästner wieder Reportagen, Kritiken und Essays, arbeitet für Kabarett, Kino und Theater, engagiert sich als PEN-Präsident und Redner gegen Militarisierung, Wiederbewaffnung und Vietnamkrieg, bevor er sich bis zu seinem Tod 1974 aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzieht.

Dass Schriftsteller die Öffentlichkeit suchen und sich auch politisch engagieren, ist nicht ungewöhnlich. Ein Autor wie Kästner aber, der (von den Jahren 1933 bis 1945 abgesehen) sein gesamtes Werk, ob journalistisch oder belletristisch, dem Ziel unterwirft, gesellschaftliche Vorgänge transparent zu machen, ist eine Seltenheit. Vor allem sticht hervor, wie konsequent Kästner sich in all seinen Publikationen an → journalistischen Qualitätskriterien orientiert:

  • Aktualität und → Relevanz bestimmen seine Reportagen, Essays, Kommentare und Feuilletons. Darin wirft er vor 1933 und nach 1945 Schlaglichter auf Straßenkämpfe, Gerichtsurteile oder Wahlen, vor allem auf die zeitbedingten Nöte und Sorgen der „kleinen Leute“. So wie er dem Theater seiner Zeit die „Vorzüge der Reportagen“ (Kästner 1998b: 253) empfiehlt, so trägt er Aktualität in seine Kabarett-Couplets und in seine Lyrik hinein. Seine Kommentargedichte für Leopold Schwarzschilds Wochenzeitung Montag Morgen setzen sich zum Beispiel mit Debatten im Völkerbund oder Vorgängen im Reichstag, mit den Ruhrbaronen, Gewalt im Alltag oder auch mit aktuellen Sportereignissen auseinander.
  • Die Maximen der → Glaubwürdigkeit und → Wahrhaftigkeit (er selbst spricht von der „Aufrichtigkeit des Empfindens“; Kästner 1998b: 326) bestimmen sein literarisches Werk ebenso wie seine Zeitungsartikel. Er kennt den Alltag der kleinen Angestellten, der Hinterhofkinder, der Trinker, Bardamen, Witwen und Kriegsversehrten in seinen Gedichten aus eigener Herkunft und eigener Anschauung.
  • Die Fairness und Unbestechlichkeit, mit der er sie beschreibt, wie die → Richtigkeit in den faktischen Grundlagen auch seiner Gedichte dürften zu einem großen Teil zur Beliebtheit dieses Autors beigetragen haben.
  • Transparenz und Reflexivität durchziehen Kästners Werk vielfach. So gesteht er ein, dass er als Journalist an Grenzen stößt und versagt, als er zum Beispiel eine US-Filmdokumentation über die Grauen in den Konzentrationslagern rezensieren will (Kästner 1998b: 67). Der vielfach resignierende Ton seiner Kabarett-Texte und Gedichte weist auf eine ähnlich ehrliche Einsicht in Limitationen des Zeitbeobachters hin.
  • Am auffälligsten ist wohl das journalistische Qualitätskriterium der → Verständlichkeit. Zu „Einfachheit in Wort und Satz“ (Kästner 1998b: 327) bekennt sich Kästner mehrfach theoretisch. Lebenslang verstößt er in keinem einzigen seiner Texte, auch in den Gedichten und Romanen nicht, gegen diese Maxime; nie wird man bei ihm eine schwierige Satzkonstruktion, fremdartiges Vokabular oder eine rätselhafte Metapher finden. Weltweit wurden seine Kinderbücher aufgrund der klaren Sprache im Deutschunterricht eingesetzt (vgl. Bemmann 1999: 370).
  • Gleichwohl sind seine Texte in hohem Maße ausgeformt. Rhythmus, Klang und Dramaturgie prägen auch seine Reportagen und Berichte und sind als literarische Gütesiegel in das journalistische Kriterium der Attraktivität

Weitere journalistische Maximen sind für den „écrivain journaliste“ Erich Kästner Richtschnur seines Schreibens, etwa → Unabhängigkeit, Gebrauchswert, → Unterhaltsamkeit und Originalität (vgl. im Einzelnen Reus 2018). Dass er sie wie die anderen Qualitätskriterien unbeirrt seinem gesamten Werk zugrunde legt, macht diesen Autor zu einer Ausnahmegestalt in der Publizistik des 20. Jahrhunderts.

Literatur:

Bemmann, Helga: Erich Kästner. Leben und Werk. 2. Auflage. Berlin [Ullstein] 1999.

Brons, Patricia: Erich Kästner, un écrivain journaliste. Bern [Lang] 2002.

Görtz, Franz Josef; Hans Sarkowicz: Erich Kästner. Eine Biographie. Unter Mitarbeit von Anja Johann. München [Piper] 1998.

Hanuschek, Sven: „Keiner blickt dir hinter das Gesicht“. Das Leben Erich Kästners. 2. Auflage. München [dtv] 2010.

Kästner, Erich: Gemischte Gefühle. Literarische Publizistik aus der „Neuen Leipziger Zeitung“ 1923-1933. Band 1 und 2. Hrsg. v. Alfred Klein. Zürich [Atrium] 1989.

Kästner, Erich: Splitter und Balken. Publizistik. Hrsg. v. Hans Sarkowicz und Franz Josef Görtz in Zusammenarbeit mit Anja Johann (= Werke Bd. 6, hrsg. v. Franz Josef Görtz). München [Hanser] 1998(a).

Kästner, Erich:  Wir sind so frei. Chanson, Kabarett, Kleine Prosa. Hrsg. v. Hermann Kurzke in Zusammenarbeit mit Lena Kurzke (= Werke Bd. 2, hrsg. v. Franz Josef Görtz). München [Hanser] 1998(b).

Pöttker, Horst: Der Beruf zur Öffentlichkeit. Über Aufgabe, Grundsätze und Perspektiven des Journalismus in der Mediengesellschaft aus der Sicht praktischer Vernunft. In: Publizistik, 55, 2010, S. 107-128.

Reus, Gunter: Was Journalisten von Erich Kästner lernen können. Im Werk des Publizisten verschwimmen die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2018. http://journalistik.online/2017/12/04/erich-kaestner/

Schikorsky, Isa: Erich Kästner. 3. Auflage. München [dtv] 1999.

Kleist, Heinrich von

Kleist, Bernd Wilhelm Heinrich von, geb. 18.10.1777 in Frankfurt/Oder, gest. 21.11.1811 am Wannsee bei Berlin.

Niemand hat ihm das Blattmachen in die Wiege gelegt. Herkunft und Stand sehen eine Karriere als Offizier oder hoher Beamter vor. Er selbst ersehnt nichts mehr als Dichterruhm, den er aber nie erlebt. Heinrich von Kleist, menschenscheu, gehemmt, führt ein glückloses Leben und rennt immer wieder in berufliche Sackgassen. Schließlich treiben ihn Geldnot und politisches Ressentiment in den Journalismus. Auch hier scheitert er – und doch macht ihn ein Leitsatz auch zum Pionier moderner Publizistik.

1777 in eine Offiziersfamilie hineingeboren, wird der junge Adlige schon mit 14 Jahren Gefreiter-Korporal im Garderegiment Potsdam. Sieben Jahre später quittiert er als Leutnant den Militärdienst (damals ein Affront) und beginnt in Frankfurt/Oder ein Studium (Jura und Kameralia). Nach drei Semestern gibt er auf. Er reist, nach kurzem Volontariat im preußischen Wirtschaftsministerium, rastlos durch Deutschland, nach Paris, in die Schweiz. Der Plan, als Bauer auf einer Insel bei Thun zu leben, bleibt Utopie. Erste Dramen und Novellen entstehen, bringen aber keine Anerkennung. Seine finanziellen Mittel sind erschöpft, er überwirft sich mit seinem engsten Freund, zu Frauen findet er keine Bindung. In seiner Not dient sich der preußische Ex-Leutnant mit 26 Jahren Napoleon an, will mit ihm nach England übersetzen. Man weist ihn zurück. Der Gedemütigte bricht zusammen, lässt sich in Mainz behandeln, kehrt nach obskuren Paris-Reisen in den preußischen Staatsdienst zurück – um nach zwei Jahren erneut aufzugeben.

1807 nehmen ihn Bonapartes Agenten im besetzten Berlin als vermeintlichen Spion gefangen. Nach sechs Monaten Festungshaft in Frankreich übersiedelt Kleist nach Dresden. Er plant eine Verlagsbuchhandlung und hofft, einen Druckauftrag für den napoleonischen Code Civil zu erhalten. Auch das zerschlägt sich. Was unterdessen gedeiht, ist sein schriftstellerisches Werk (u.a. Amphitryon, Penthesilea, Der zerbrochene Krug, Michael Kohlhaas) – und sein Ressentiment gegen den Kaiser der Franzosen. In Auszügen veröffentlicht Kleist seine Werke in der mit Adam Müller edierten Zeitschrift Phoebus. Nach gut einem Jahr ist auch dieses Projekt finanziell am Ende, das keine journalistischen, sondern ausschließlich literarische Ziele verfolgt. Kleist zieht nach Prag, wo er erneut ein literarisches Magazin ins Leben rufen will. Diese Germania soll nun mit anti-napoleonischem Pathos „den Schlachtgesang herabdonnern ins Tal! Dich, o Vaterland, will sie singen; und deine Heiligkeit und Herrlichkeit; und welch ein Verderben seine Wogen auf dich heranwälzt!“ (Kleist 1982: 889f.) Auch Germania, das Projekt eines Gekränkten und Verzweifelten, wird nie erscheinen.

„Keine Vollendung, nirgends“ – so bilanziert Kleists Biograph Jens Bisky (2007: 7) dieses kurze, schnelle, bizarre Leben. Vollendung könnte sich noch einstellen mit der letzten Chance, die Kleist 1810 in Berlin erhält. Völlig unerwartet tritt er hier, wohl aus schierer Geldnot, als Herausgeber und Alleinredakteur eines neuartigen Lokalblattes in Erscheinung, der Berliner Abendblätter. Die Hauptstadt Preußens bestaunt eine publizistische Innovation – für einige Wochen. Dann hat Kleist erneut verspielt. Schon nach einem halben Jahr ist die Zeitung am Ende. 1811 erschießt sich Kleist zusammen mit seiner krebskranken Bekannten Henriette Vogel am Wannsee bei Berlin. Erst jetzt beginnt, was er ersehnte: der Welterfolg als Dramatiker und Erzähler.

Ein Platz kommt Heinrich von Kleist gleichwohl auch in der Ahnengalerie des modernen Journalismus zu. Denn dieses von Affekten, Sprüngen und Widersprüchen gekennzeichnete Leben war auch ein Leben im Widerspruch zu den Konventionen und Institutionen seiner Zeit. „Ich soll thun was der Staat von mir verlangt, und doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbekannten Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein – ich kann es nicht“ (Kleist 1999: 156). So schrieb er an seine Schwester Wilhelmine. Die Ungebundenheit, die Distanz zur Staatsmacht, zu der sich der junge Adlige hier bekannte, war in Preußen damals höchst ungewöhnlich. Bemerkenswert ist, dass Kleist diese Haltung auch in einem journalistischen Manifest formulierte – seiner einzigen theoretischen Äußerung zu dem Beruf, den er kurz vor seinem Tod noch ergriff.

Dieses Dokument, das Lehrbuch der französischen Journalistik (Kleist 1982: 892-897), hat Egon Erwin Kisch aus gutem Grund in seine Sammlung Klassischer Journalismus aufgenommen (Kisch o.J.: 89-93). Denn es enthält, weitsichtig genug, erstmals in Deutschland eine entschiedene Abgrenzung von Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus und erklärt dessen Unabhängigkeit zur obersten Maxime – wenngleich Kleist auch hier von Ressentiment getrieben war.

Der Text, ebenfalls geplant für die Germania, ist eine Polemik gegen die Pressepolitik Napoleons. Dieser hatte viele Zeitungen verboten und das einstige Revolutionsblatt Moniteur in ein PR-Organ des Kaiserreichs umgedreht. Gegen diese Verkehrung freier Berichterstattung in die „Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet“ (Kleist 1982: 893), schreibt Kleist in einer (etwas verworrenen) Mischung aus Ironie und Empörung an. Bedeutsam für die Journalismusgeschichte aber ist das aus dem Negativbeispiel gewonnene positive Prinzip einer demokratischen Presse, das Kleist an den Anfang seiner Streitschrift stellt: „§ I. Die Journalistik [= der Journalismus, G.R.] überhaupt, ist die treuherzige und unverfängliche Kunst, das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen, wie man wolle, sind ihr fremd“ (Kleist 1982: 892).

Aber ohne Widerspruch ist Kleist nicht zu haben. Schon bald war er bereit, sein Axiom zu widerrufen. Als er mit den Abendblättern an die Öffentlichkeit trat, machte er zunächst Furore mit ungewohnten Kriminalmeldungen. Er bewies Gespür für den Boulevard, für das Kleine wie für das Spektakuläre im Alltag der Hauptstädter, „erfand“ gleichsam den Lokaljournalismus (vgl. im Einzelnen Reus 2016). Berlins Polizeipräsident unterstützte ihn dabei mit Material. Kleist entwickelte in Ansätzen auch einen reportageähnlichen Stil. Polemische Leidenschaft investierte er in seine Theaterberichte. In beidem, dem Lokalen wie dem Feuilleton, hätte er professionelle Weiterentwicklung und „Vollendung“ anstreben können.

Aber es kam nicht dazu. Mit ständigen Attacken auf Berlins allgewaltigen Theaterintendanten Iffland trieb er es zu weit. Der hatte Kleists Drama Käthchen von Heilbronn abgelehnt; Kleist rächte sich schäbig, indem er Iffland der Homosexualität bezichtigte. Er beschuldigte ihn, sich mit Gefälligkeiten die Berliner Theaterkritik gewogen zu machen.  Als es in anderem Zusammenhang zu einem Bühnentumult kam, wurde ihm verboten, weiterhin über Theater in Berlin zu berichten. Nach einem Konflikt um Beiträge von Kleists Mitarbeiter Adam Müller lieferte auch der Polizeipräsident keine Nachrichten mehr. Die gewohnten Themen gingen aus. Um neue bemühte sich Kleist nicht, stopfte dagegen mit seinen literarischen Texten und Zusammengeklaubtem aus anderen Zeitungen die Spalten voll. Die Auflage der Abendblätter sackte rapide ab. Kleist versuchte, den Niedergang zu verhindern. Er flehte, buckelte, schwor ab im Kontakt mit der preußischen Regierung (vgl. im Einzelnen Reus 2016). Er diente sein Blatt als „eine Art Staatsanzeiger“ (Hohoff 1958: 147) an – und verleugnete seinen eigenen Lehrsatz von der Staatsferne des Journalismus: In einem Brief an Kanzler Hardenberg vom 13. Februar 1811 pochte er auf staatliche Unterstützung, redigiere er doch ein „halb-ministerielles Blatt […] in Zwecken der Staatskanzlei“ (Kleist 1999: 469; Hervorh. v. G. R.). Die Berliner Abendblätter wurden dennoch am 30. März 1811 eingestellt, nach nur sechs Monaten.

Kleists „§ 1“ aber ist auch nach über 200 Jahren der wichtigste Leitsatz eines demokratischen Journalismus geblieben.

Literatur:

Aretz, Heinrich: Heinrich von Kleist als Journalist. Untersuchungen zum ‚Phöbus‘, zur ‚Germania‘ und den ‚Berliner Abendblättern‘. Stuttgart [Heinz] 1984.

Bisky, Jens: Kleist. Eine Biographie. Berlin [Rowohlt] 2007.

Grathoff, Dirk: Die Zensurkonflikte der Berliner Abendblätter. Zur Beziehung von Journalismus und Öffentlichkeit bei Heinrich von Kleist. In: Peter, Klaus; Dirk Grathoff; Charles N. Hayes; Gerhard Loose (Hrsg.): Ideologiekritische Studien zur Literatur. Essays I. Frankfurt/M. [Athenäum] 1972, S. 35-168.

Hohoff, Curt: Heinrich von Kleist in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg [Rowohlt] 1958.

Jessen, Hans: Heinrich von Kleist (1777-1811). In: Fischer, Heinz-Dietrich (Hrsg.): Deutsche Publizisten des 15. bis 20. Jahrhunderts. Pullach/Berlin [Verlag Dokumentation] 1971, S. 171-178.

Kleist, Heinrich von (Hrsg.): Berliner Abendblätter. Nachwort und Quellenregister von Helmut Sembdner. Darmstadt [Wissenschaftliche Buchgesellschaft] 1959.

Kleist, Heinrich von: Sämtliche Briefe. Herausgegeben von Dieter Heimböckel. Stuttgart [Reclam] 1999.

Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. Nach dem Text der Ausgaben letzter Hand unter Berücksichtigung der Erstdrucke und Handschriften. Mit einem Nachwort und Anmerkungen von Curt Grützmacher. 6. Auflage. München. [Winkler] 1982.

Kisch, Egon Erwin: Klassischer Journalismus. Die Meisterwerke der Zeitung. Nachwort Christian Siegel. München [Rogner & Bernhard] o. J.

Reus, Gunter: Sinn für den Boulevard und die ,Nationalidee‘. Heinrich von Kleist und sein Lehrsatz von der Staatsferne des Journalismus. In: Pöttker, Horst; Alexander I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 20-69.

Schulz, Gerhard: Kleist. Eine Biographie. München [Beck] 2007.

Sembdner, Helmut: Die Berliner Abendblätter Heinrich von Kleists, ihre Quellen und ihre Redaktion. Mit 1 Faksimile und 9 Abbildungen auf 7 Tafeln. Berlin 1939.

Sembdner, Helmut (Hrsg.): Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. 7. Auflage. München [Hanser] 1996.

Knobloch, Heinz

Knobloch, Heinz, geb. 3.3.1926 in Dresden, gest. 24.7.2003 in Berlin

Anspielungen auf die Tristesse der Plattenbausiedlungen, auf sowjetische Panzer in Prag, Spott über Kleingeister und Dogmatismus im Erziehungswesen, über Stechschritt, Bonzengehabe und den Protz der staatlichen Aufmärsche – dass so etwas in der rigide gelenkten DDR-Presse möglich war, mag vielen heute unglaublich vorkommen. Und doch gab es sie, die Nadelstiche, das schalkhafte Augenzwinkern, die frechen Zweideutigkeiten. Sie waren für das System schwer zu ertragen, aber für seine Zensoren auch nur schwer zu greifen. Die Freiheit lag, wie so oft in der Geschichte des → Feuilletons in Deutschland, zwischen den Zeilen. Einer, der sie sich dort nahm, war Heinz Knobloch.

1926 in Dresden geboren und in Berlin aufgewachsen, wird der Halbwüchsige 1943 zur Wehrmacht eingezogen und nach Frankreich geschickt. Er entzieht sich der Besatzungsmaschine sofort und desertiert, kaum 18 Jahre alt. Ein Leben lang wird er fortan auf Gleichschritt und Militär allergisch reagieren – auch im sich sozialistisch nennenden Teil Deutschlands, in dessen Staatspartei SED er nach der Kriegsgefangenschaft 1949 eintritt. Wie so viele sucht er in der DDR das bessere, antifaschistische Deutschland, ein Fragender, Zweifelnder gleichwohl, der zum Widerspruch neigt, dem die Staatssicherheit „revisionistische Auffassungen“ und fehlenden „Klassenstandpunkt“ bescheinigt (zit. n. Walther 1999: 853). Dennoch bleibt Knobloch loyal. Ein Widerstandskämpfer ist er nicht. Erst 1990, nach der Wende, wird er die SED verlassen – „um einiges zu spät“ (Knobloch 1999: 55), bekennt er später selbst.

Knobloch arbeitet im Berliner Verlag als Hilfskraft und kaufmännischer Angestellter, durchläuft ein Volontariat bei der Berliner Zeitung, wird → Redakteur der Bildagentur Illus und 1953 der Wochenpost. Es ist das Jahr der Unruhen in Ostberlin, ohne die es das neue Wochenblatt wohl nicht geben würde. Nach dem Aufstand der Bauarbeiter ahnt man in der Partei, dass die Menschen noch anderes brauchen als Parolen, Propaganda und Parteilichkeit im Neuen Deutschland und den Bezirkszeitungen. In den 50er Jahren entstehen deshalb die Unterhaltungszeitschrift Magazin, der Comic Mosaik, das Modejournal Sybille, das Satireblatt Eulenspiegel. Und eben die Wochenpost (vgl. Polkehn: 1997). Wie alle anderen Blätter unterliegt sie der Nachzensur, und sie hängt an der Leine der SED, der der Berliner Verlag gehört. Und dennoch eröffnet sie kleine Spielräume. Die Zeitung bietet nicht nur Service und Unterhaltung, sondern auch Themen, über die man sonst in der DDR nichts lesen kann – eigenwillige Gerichtsreportagen, Geschichten über Trinker, über AIDS-Kranke, über Menschen, die nicht den Strahlenkranz der Partei tragen, kritische Rezensionen, Auslandsreportagen oder die → Reportagen aus Bitterfeld von Monika Maron. Der publizistische Erfolg ist gewaltig: Von 1973 bis zur Wiedervereinigung erscheint das Blatt mit einer Auflage von knapp 1,3 Millionen. Legt man zugrunde, dass auf jedes Exemplar vier Leser kommen, so erreicht die Wochenpost etwa jeden dritten erwachsenen DDR-Bürger.

Hier also findet Knobloch seine publizistische Heimat, zunächst als Rätsel-, dann als Politikredakteur, schließlich im Kulturressort, das er bis 1965 leitet. Zu seiner eigentlichen Berufung aber wird die wöchentliche → Feuilleton-Kolumne Mit beiden Augen, die ihn weit heraushebt aus dem Kreis der DDR-Journalisten und mit der er sich einreiht in die Traditionslinie deutschsprachiger Schriftsteller-Journalisten wie → Heine, Tucholsky oder → Kästner.

Der Lyriker, Prosaist und spätere Dissident Reiner Kunze hat ihn während seines → Journalistik-Studiums am ,Roten Kloster‘ in Leipzig mit der Textform des → Feuilletons vertraut gemacht. Knobloch sieht darin eine Verbindung von ,Prosagedicht‘ und ,Zeitungsaufsatz‘: „Das Etwas-Mitteilen des Journalisten mischt sich mit dem Sich-Mitteilen des Dichters.“ (Knobloch 1973: 457) Es sind Miniaturen, die ihren Gegenstand nicht in den üblichen tagesaktuellen Begebenheiten suchen. Stattdessen greifen sie – oft mit den Stilmitteln der Ironie, der Analogie, der Parodie oder der Verfremdung – ungewöhnliche Themen, Figuren und Zitate auf, gestalten Reiseeindrücke aus, greifen zu historischen Reminiszenzen, begeben sich an vergessene Orte oder erinnern an Persönlichkeiten, an Hintergründiges und Übersehenes abseits der journalistischen Trampelpfade. Das führt Heinz Knobloch zwangsläufig immer wieder hinter den engen DDR-Horizont oder an die Ränder der scheinbar sozialistischen Gesellschaft.

Über Jahrzehnte hinweg schreibt Knobloch etwa 1700 solcher Feuilletons, die meisten erscheinen Woche für Woche auf Seite 22 der Wochenpost. Es sind Texte, die zum Schmunzeln einladen, eine Wissenslücke füllen oder ein lokalhistorisches Detail erzählen wollen und in die dann oft doch kleine Widerhaken, Stolpersteine und Anspielungen auf den DDR-Alltag eingebaut sind. So beschreibt er 1977 in Marxwalde: Vorgefundene Geschichte ein Denkmal von Karl Marx, das „etwas verwittert“ sei und „Moos angesetzt“ habe. Und der Feuilletonist empfiehlt listig: „Scheuerbürste und (meinetwegen) ,Ajax‘.“ (Knobloch 2002: 95) In Bei uns in Pankow (1980) erwähnt er die Staatsbesuche, die sich schon am frühen Morgen dadurch ankündigen, „daß in der Grünanlage unterschiedliche junge Männer auf den Bänken sitzen und die gleiche Sorte Wurstbrote verzehren“ (Knobloch 2002: 34). Auch ohne dass das Wort „Stasi“ fiel, wusste jeder sofort, auf wen Knobloch hier mit dem Finger zeigte. Aber da die jungen Männer nur Wurstbrote verzehrten, konnte die Zensur schlecht eingreifen. Im Feuilleton Zum Jubiläum des Rattenfängers erwähnt er 1984 die Geschichte zweier Kinder, die zu spät auf die Flötentöne reagierten und so dem Rattenfänger entgingen, „dem fast alle blindlings folgten“. Aber natürlich, so die augenzwinkernde Pointe, sei das nur erfunden: „Von klugen Kindern, die auf Gängeln und Drängeln pfeifen. Sogenannte Bummelletzte.“ (Knobloch 2002: 220) ,Bummelanten‘, auch das assoziierte jeder sofort, hießen in der frühen DDR Menschen, die sich nicht am ,Aufbau des Sozialismus‘ beteiligen wollten.

Andere Texte waren von vornherein direkter und führten zu Auseinandersetzungen mit der Partei. Wegen eines Beitrages über das Vorzeige-Neubaugebiet Marzahn (vgl. Knobloch 2002: 41-47) wurde 1982 in der Zeitungsredaktion eigens eine Parteiversammlung einberufen. Manche der Feuilletons von Heinz Knobloch, auf die Millionen Leserinnen und Leser jede Woche warteten, wagten sich schließlich so weit vor, dass die Wochenpost sie nicht veröffentlichen wollte. So Im Lustgarten: Mit Zeitung (1983), wo es, historisch verkleidet, erkennbar um die Unterdrückung einer freien Berichterstattung in der DDR-Presse ging (vgl. Knobloch 2002: 39f.). Zum Teil konnte Knobloch solche Texte daraufhin in Büchern unterbringen. Der Grund dafür lag in der unterschiedlichen Zensurpraxis: Die Kontrolle von Büchern unterlag dem weniger rigiden Kulturministerium, die Presse aber dem Zentralkomitee der SED.

Insgesamt hat Heinz Knobloch bis zur Wende rund 30 Anthologien mit eigenen → Feuilletons, einige Monographien sowie Sammelbände mit Feuilletons anderer Autoren veröffentlicht. Nach der Wiedervereinigung erhielt er 1998 für sein Lebenswerk den Verdienstorden des Landes Berlin. Aber auch jener Teil Deutschlands, der ihn oft genug plagte und dem er doch schmerzlich verbunden blieb, hatte ihn ausgezeichnet, unter anderem 1965 mit dem Heinrich-Heine-Preis und 1986 mit dem Nationalpreis der DDR dritter Klasse. Das sollte gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutsche Publizistik in ihm nicht nur einen außerordentlichen und originellen Stilisten hatte, sondern auch ein Beispiel für Zivilcourage.

Literatur:

Knobloch, Heinz (Hrsg.): Allerlei Spielraum. Feuilletons aus 225 Jahren. Berlin [Der Morgen] 1973.

Knobloch, Heinz: „Lässt sich das drucken?“ Feuilletons gegen den Strich. Hrsg. v. Gunter Reus und Jürgen Reifarth. Mit Illustrationen von Wolfgang Würfel. Konstanz [UVK] 2002.

Knobloch, Heinz: Mit beiden Augen. Mein Leben zwischen den Zeilen. Frankfurt/Main [Fischer] 1999.

Polkehn, Klaus: Das war die Wochenpost. Geschichte und Geschichten einer Zeitung. Berlin [Links] 1997.

Walther, Joachim: Sicherungsbereich Literatur: Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin [Links] 1999.

Zum Weiterlesen:

Knobloch, Heinz: Mit beiden Augen. Von Dresden nach Tennessee. Frankfurt/Main [Fischer] 1999.

Reifarth, Jürgen; Gunter Reus: „Mich aber mag das Gesetz recht eigentlich nicht“. Publizistische Opposition gegen den SED-Staat in den Feuilletons von Heinz Knobloch. In: Publizistik, 47, 2002, S. 1-20.

Puškin, Aleksandr

Aleksandr Sergeevič Puškin (1799-1837) ist nicht nur der russische Nationaldichter, dessen Poesie jedes Schulkind kennt und an dessen Geburtstag im ganzen Land der Tag der russischen Sprache gefeiert wird. Er ist auch der erste moderne Journalist Russlands.

Puškin stammte aus der Oberschicht der Hauptstadt St. Petersburg. Er besuchte das später nach ihm benannte Elite-Internat von Zarskoje Selo. Schon als Schüler schloss er sich der Gesellschaft ,Arsamas‘ an, die sich für die Erneuerung der in Traditionen erstarrten russischen Hochsprache einsetzte. Nach Abschluss des Lyzeums trat er der Literatur- und Theatergemeinschaft ,Grüne Lampe‘ bei, durch die er mit Aktivisten der bürgerlich-revolutionären Bewegung der ,Dekabristen‘ in Berührung kam.

Aufgrund dieser Kontakte fiel er bei Zar Alexander I. in Ungnade und entging der Verbannung nach Sibirien nur, weil einflussreiche Freunde sich für ihn einsetzten. St. Petersburg musste er jedoch verlassen und lebte danach an verschiedenen Orten Südrusslands. 1824, nach einem hymnischen Text über Atheismus, wurde er aus dem Staatsdienst entlassen und auf das elterliche Gut verbannt. Dort pflegte er einen intensiven literarischen Briefwechsel mit Freunden und schrieb eines seiner Hauptwerke, das Drama Boris Godunow. Ab 1826, nach dem Tod Alexanders I., durfte sich Puškin wieder in Moskau und St. Petersburg aufhalten, seine Werke wurden aber von Zar Nikolaus I. persönlich zensiert und seine Aktivitäten streng überwacht.

Nachdem Puškin 1831 Natalja Gontscharowa aus reicher Familie geheiratet hatte, folgte eine besonders fruchtbare Schaffensperiode auf dem Land. Später, in St. Petersburg, wo das Ehepaar vier Kinder bekam, konnte es am luxuriösen Leben des Zarenhofs teilhaben. Allerdings haderte der auf Unabhängigkeit bedachte Puškin mit diesem Leben und war froh, 1836 endlich die Genehmigung für die lange von ihm geplante kulturpolitische Vierteljahreszeitschrift Sowremennik (Der Zeitgenosse) zu erhalten.

Wenige Monate später, Anfang 1837, starb Puškin jedoch nach einem Duell, in das er sich wegen einer Eifersuchtsaffäre um seine Frau begeben hatte. Er wurde 37 Jahre alt. Trotz seiner Jugend war er bereits so berühmt, dass man aus Angst vor der Masse der Trauernden seine Leiche in ein Kloster bei Pskov überführte, wo sich sein Grab bis heute befindet (vgl. Wikipedia 2017).

An Puškins journalistischem Werk zeigt sich einerseits, was den „Beruf zur Öffentlichkeit” (vgl. Pöttker 2010) ausmacht, andererseits, was ihn in „verspäteten Nationen” (vgl. Plessner 1959) der Modernisierung wie Russland oder Deutschland beeinträchtigen kann (vgl. Stan’ko 2016).

Anders als → Heinrich Heine (vgl. Pöttker 2016) hat Puškin sein Land nur einmal kurz verlassen: 1829 begleitete er die Armee auf dem Feldzug ins armenisch-türkische Arzrum. Sein Bericht über diese „Reise nach Arzrum” (Puschkin 1998) gehört zu den schöpferischen Leistungen Puškins für den Journalismus, weil alle Merkmale des Genres → Reportage, das den Leser die geschilderten Situationen miterleben lässt, hier bereits hevortreten. Nur die Betonung von Echtzeit ist bei Puškin schwächer ausgeprägt als in Heines Tagesberichten aus dem Pariser Aufstand von 1832 (vgl. Pöttker 2000). Das liegt daran, dass Puškin nicht für eine aktuelle Tageszeitung schrieb.

Eine weitere journalistische Leistung Puškins ist die Herausgabe des Sovremennik nach dem Modell englischer Blätter. In den 1860er Jahren sollte die Zeitschrift zum führenden Organ der revolutionären Demokraten werden. Typisch für den → schriftstellerischen Journalismus vor der Ausdifferenzierung von Berufsrollen war, dass Puškin als Verleger, Herausgeber, (Chef-)Redakteur und Autor in einer Person für den Sovremennik arbeitete. Sein publizistisches Programm hat er im dritten Heft als fiktiven Leserbrief „An den Verleger” erklärt. Aufschlussreich ist das Selbstverständnis, das daraus und aus anderen programmatischen Schriften spricht, mit denen er sich gegen seinen Widersacher, Journalist und Schriftsteller Fadej Bulgarin (1789-1859), zur Wehr setzte. Auch seine Lust auf öffentliche Kontroversen zeigte Puškin als einen Pionier des modernen Journalismus.

Puškin hat sein Schreiben nicht „als eine elegante und aristokratische Beschäftigung” (Puschkin 1973b: 417) betrachtet, wie es bis dahin üblich war, sondern als Beruf, der als „Grundlage einer kontinuierlichen Versorgungs- oder Erwerbschance” (Weber 1972: 80) taugen musste. Das zeigte der Kampf um Honorare, den er sein Leben lang geführt hat. Außerdem setzte er sich für Pressefreiheit als notwendige Bedingung journalistischer Arbeit ein. Das demonstrieren die Auseinandersetzungen mit der Zensur, in die er immer wieder verwickelt war. Und wie jeder journalistische Profi wusste er eine Grenze zwischen gesellschaftlich notwendiger Öffentlichkeit und zu respektierender Privatsphäre zu ziehen. In einer Verteidigungsschrift gegen Bulgarin steht der Satz: „Allmählich beginnt man die persönliche Ehre des Bürgers zu achten und es wächst die Macht der öffentlichen Meinung, auf die sich in einer entwickelten Gesellschaft die Reinheit der Sitten stützt” (Puschkin 1973a: 113).

Puškin hat sich nicht gescheut, sein ästhetisches Sprachvermögen zu nutzen, um bei den Lesern anzukommen. Wer sich über die Kombination von Journalismus mit Dichtung wundert, sei daran erinnert, dass Lyrik diejenige belletristische Gattung ist, die ohne Fiktionalität auskommt. Wo sich Fiktionalität in Puškins Balladen doch findet, weist die russische Journalistik darauf hin, dass z. B. seine berühmte Fontäne von Bachčisaraj reportagehafte Züge trägt. Wenn journalistische Werke in Russland mehr als im Westen nach ihrer literarischen Qualität beurteilt werden, mag das auch am traditionellen Mangel an Pressefreiheit liegen, der → Recherche als Qualitätsmaßstab nicht aufkommen lässt.

Die autokratische Tradition Russlands hat in Puškins journalistischer Mentalität Spuren hinterlassen. Das gilt vor allem für seine Haltung gegenüber dem Publikum. Hier zeigt sich eine Kluft zwischen seiner privaten Korrespondenz und den zur Veröffentlichung bestimmten Schriften (vgl. Pöttker 2006). In den Briefen mokiert sich Puškin über die Dummheit der Leser (vgl. Puschkin 1973b: 420). In seinen programmatischen Äußerungen dagegen äußert er Respekt sogar vor den → Unterhaltungsbedürfnissen des Publikums und warnt ausdrücklich davor, in Journalismus oder Literatur eine „pädagogische Beschäftigung” (vgl. Puschkin 1973a: 118) zu sehen.

Dies kann man auch als Fähigkeit des Journalisten Puškin betrachten, zwischen privaten Ansichten und professionellen Notwendigkeiten wie dem Respekt vor der Mündigkeit des Publikums zu unterscheiden. Aber auch dann bleibt der Eindruck, dass sich in Puškins privater Abschätzigkeit gegenüber dem Publikum ein elitäres Kommunikationsklima niederschlägt, das für das Bildungsbürgertum verspäteter Nationen charakteristisch ist.

Dass bei ihm eine moderne Berufsauffassung schon Anfang des 19. Jahrhunderts im autokratischen Russland nachzuweisen ist, spricht für die Entwicklung des Journalismus als kulturübergreifender Prozess, der mit dem wachsenden Bedarf an Öffentlichkeit in komplexen Gesellschaften generell zusammenhängt. Die Deformationen, von denen Puškins Selbstverständnis nicht frei ist, weisen dagegen auf Gefährdungen hin, denen der Journalismus dort ausgesetzt ist, wo ihm Voraussetzungen wie die kulturelle Verankerung der Kommunikationsfreiheit fehlen. Die Widersprüche zwischen Autokratie und Öffentlichkeit früh erfahren, ausgehalten und zum Ausdruck gebracht zu haben, ist eine bleibende Leistung Puškins für den Journalismus.

Literatur:

Plessner, Helmuth: Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. Stuttgart [Kohlhammer] 1959 (1935).

Pöttker, Horst: Heines Tagesberichte für die „Allgemeine Zeitung“. Ein Beitrag zu Geschichte und Bestimmung der Reportage. In: Jarren, Otfried; Gerd G. Kopper; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung – Medium mit Vergangenheit und Zukunft. München [Saur] 2000, S. 27-46.

Pöttker, Horst: Öffentlichkeit und Autokratie. Aleksandr Puškin und die Anfänge des modernen Journalismus in Russland. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi), 142, 2006, S. 8-42.

Pöttker, Horst: Der Beruf zur Öffentlichkeit. In: Publizistik, 2, 2010, S. 107-128.

Pöttker, Horst: „Alles Weltwichtige an Ort und Stelle betrachten und behorchen“. Heinrich Heine als Protagonist des modernen Journalismus. In: Pöttker, Horst; Aleksandr I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 92-145.

Puschkin, Alexander Sergejewitsch: Gesammelte Werke. Fünfter Band. Aufsätze und Tagebücher. Frankfurt/M. [Insel] 1973a.

Puschkin, Alexander Sergejewitsch: Gesammelte Werke. Sechster Band. Briefe. Frankfurt/M. [Insel] 1973b.

Puschkin, Aleksandr: Die Reise nach Arzrum während des Feldzugs im Jahre 1829. Berlin [Friedenauer Presse] 1998.

Stan’ko, Aleksandr I.: Die fantastische Wirklichkeit in der Publizistik Aleksandr S. Puškins. In: Pöttker, Horst; Aleksandr I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 148-163.

Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Auflage. Tübingen [J.C.B. Mohr] 1972.

Wikipedia: Alexander Sergewitsch Puschkin. In: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, 2017. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sergejewitsch_Puschkin

Reich-Ranicki, Marcel

Reich-Ranicki, Marcel (Marceli Reich), geb. 2.6.1920 in Włocławek (Polen), gest. 18.9.2013 in Frankfurt am Main

Er hatte wahrhaftig seine Fans: Bei den Dreharbeiten für eine Fernsehdokumentation zu seinem 85. Geburtstag stießen der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und das Kamerateam in der Frankfurter Innenstadt zufällig auf Anhänger von Eintracht Frankfurt. Die Fußballfreunde erkannten ihn sofort. Sie hoben begeistert ihre Bierflaschen und skandierten lautstark seinen Namen.

Feuilleton trifft Popularkultur – kein anderer Kritiker in Deutschland genoss je eine derartige „Street credibility“ (Detering 2014: 11) wie der langjährige Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das verdankte er unter anderem der ZDF-Sendung Das Literarische Quartett. Darin präsentierte er von 1988 bis 2001 im Streitgespräch vor einem Millionenpublikum neue Bücher – und auch sich selbst, sein Temperament, seinen Witz und seine Streitbarkeit.  Anders als die Kulturteile der Zeitungen erreichte das bis dahin unbekannte Gesprächsformat nicht nur die Eingeweihten und Gebildeten: Mehr als die Hälfte der Zuschauer hatte kein Abitur. Und oft stieg der Absatz der in der Sendung vorgestellten Bücher schlagartig um viele tausend Exemplare.

Für sein Bemühen, Literatur über das Fernsehen zu popularisieren, erhielt Reich-Ranicki 1989 den Bambi und 2000 die Goldene Kamera. Als er 2008 den Deutschen Fernsehpreis vor laufender Kamera zurückwies, wurde er sogar in den sozialen Medien zum Star: Das YouTube-Video von der Veranstaltung ist bis heute über 1,5 Millionen Mal angeklickt worden.

Aber auch bei großen Teilen des buchaffinen Bildungsbürgertums genoss Reich-Ranicki Achtung und Vertrauen. Sein rastloses Engagement für die Buchwelt, sein Um- und Ausbau des FAZ-Feuilletons, seine Vorträge, die ungezählten → Interviews, → Essays und Jurytätigkeiten (unter anderem beim Ingeborg-Bachmann-Preis) machten ihn zweifellos zum einflussreichsten Feuilletonisten der Bundesrepublik. Selbst die akademische Elite konnte ihm schließlich den Respekt nicht verweigern. Viele namhafte Hochschullehrer schrieben als Kritiker für Reich-Ranicki in der FAZ – auch wenn die deutsche Germanistik den ,Parvenu‘, der nie studiert hatte, lange ignorierte. Reich-Ranicki erhielt im Laufe seines Lebens die Ehrendoktorwürde von neun Universitäten im In- und Ausland und insgesamt 25 bedeutende Literaturpreise und Auszeichnungen, darunter das große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland. Die Laudatio bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises 2008 hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel (vgl. Merkel 2008).

Nie zuvor in Deutschland hatte ein Kulturjournalist einen derartigen Bekanntheitsgrad erreicht. Dabei war Reich-Ranicki im persönlichen und beruflichen Umgang schwierig. Sein kompromissloser Stil, seine mitunter schroffe und apodiktische Art zu urteilen und seine Lust am persönlich geführten Streit verschafften ihm auch viele Gegner und Feinde. Vor allem in der Welt der Autoren mischten sich Bewunderung und Dankbarkeit für seine journalistische Mittlertätigkeit mit Angst, Wut und sogar Hass. Man sehnte sein Lob herbei und fürchtete nichts so sehr wie seine Verrisse. Häufig kam es zu schweren Konflikten, zum Beispiel mit Peter Rühmkorf (vgl. Hilse/Opitz 2015), Günter Grass (vgl. Weidermann 2019) oder Martin Walser, der in seinem Roman Tod eines Kritikers auf höchst fragwürdige Art ein Zerrbild von ihm zeichnete.

Reich-Ranicki sezierte Literatur nicht nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten, sondern betonte den gesunden Menschenverstand als Maßstab. Bücher durften vor allem nicht langweilen, sie mussten Menschen berühren, wichtige Themen zur Sprache bringen. Diese Literatur ins öffentliche Gespräch zu bringen, war sein Lebensziel. Das entsprach jenem Ideal, mit dem sich das → Feuilleton vor gut 200 Jahren von der Wissenschaft gelöst hatte, ohne sie als höhere, gleichsam historische Instanz in Frage zu stellen.

Reich-Ranickis Leben war ein Leben für dieses Ideal. Es war zugleich ein Leben, das von der politischen Zerrissenheit und den Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts geprägt war. 1920 in der polnischen Grenzstadt Włocławek als Marceli Reich geboren, siedelt er neun Jahre später mit der Familie nach Berlin um, wo er 1938 das Abitur ablegt. In der Schule ist er noch wenig antisemitischer Diskriminierung ausgesetzt. Gleichwohl fühlt er sich als Außenseiter. Er entdeckt die Welt der Bücher als Gegenwelt, verschlingt die Klassiker, entdeckt vor allem die ,Schriftstellerjournalisten‘ wie → Heine, Tucholsky, → Kästner oder Kisch.

Zum Germanistikstudium wird er als Jude 1938 nicht mehr zugelassen. Noch im gleichen Jahr weisen ihn die NS-Machthaber mit Tausenden anderer Polen aus dem Deutschen Reich aus. Er schlägt sich nach Warschau durch, wohin auch seine Familie zurückgekehrt ist. Ein Jahr später überfällt die Wehrmacht Polen und legt Warschau in Trümmern. Es beginnt eine Zeit des Terrors, der Razzien, Verhaftungen und willkürlichen Erschießungen. Ende 1940 lassen die Deutschen den von Juden bewohnten Stadtbezirk der polnischen Hauptstadt einmauern – mit Hunderttausenden sind Reich und seine Familie im Warschauer Getto gefangen. Erst in buchstäblich letzter Minute entgehen er und seine Frau dem Abtransport ins Vernichtungslager und können aus dem Getto fliehen. Beide schließen sich der polnischen Armee an. Reich tritt nach dem Krieg in die Kommunistische Partei ein, arbeitet für den Geheimdienst, wird unter dem neuen Namen Ranicki polnischer Konsul in London. 1949 aber bittet er um Abberufung, kehrt nach Warschau zurück, wird kurz inhaftiert und aus der KP ausgestoßen.

Nach dieser bis heute umstrittenen Lebensphase arbeitet er noch neun Jahre in Polen als Lektor und Literaturkritiker mit marxistischer Prägung, die aber zunehmend schwächer wird. Kontakte mit Westautoren und westlichen Zeitungen führen schließlich 1958 zur Übersiedlung in die Bundesrepublik, wo er sich fortan Marcel Reich-Ranicki nennt. Er schreibt frei für die FAZ und die Welt und wird für 13 Jahre ständiger → Literaturkritiker der ZEIT, die ihm aber nie eine feste Stelle anbietet. 1973 schließlich holt ihn Joachim Fest nach Frankfurt, wo er bis 1988 als leitender Redakteur für Literatur und literarisches Leben arbeitet, bevor er das Literarische Quartett übernimmt.

Reich-Ranicki hat die Stationen seines Lebens in seiner bewegenden, in 18 Sprachen übersetzten und 2009 verfilmten Autobiographie Mein Leben (Reich-Ranicki 1999) geschildert. Seine Erinnerungen lassen nachempfinden, wie sich durch Leseerfahrungen und menschliche Begegnungen sein Berufsziel des Literaturvermittlers herausbildete und festigte. Dabei zeigen sich vier Säulen, die seine Arbeit bis ans Lebensende tragen sollten:

  • Literaturkritik als journalistisches Angebot dient dem Medienpublikum, nicht den Autoren. Sie hat die Voraussetzungen und Reaktionen der Leserinnen und Leser zu berücksichtigen und ihnen Orientierung zu geben: „Wir sind nicht dazu da, die Autoren zu belehren, wie sie schreiben sollen, sondern dem Publikum zu sagen, was und wie die Autoren geschrieben haben.“ (Reich-Ranicki 1984: 100). Dabei sah er sich nicht als Richter (was ihm oft unterstellt wurde), sondern als Anwalt – ein Anwalt, der freilich nicht den Geschmack des Publikums bedienen, sondern „Bedürfnisse von Lesern“ (Reich-Ranicki 2006: 346) wecken will.
  • Um das Publikum zu interessieren, muss Literaturkritik in der Lage sein, es anzusprechen, ohne es zu überfordern. Sie muss sich um Verständlichkeit bemühen. Es war eine der großen Stärken Reich-Ranickis, unprätentiös zu sprechen und zu schreiben, jedes Imponiergehabe und das, was man als Feuilletonstil beklagt, zu vermeiden.
  • Literaturkritik muss, will sie neugierig auf Bücher machen, unterhaltsam sein. Das heißt nicht, dass sie an der Oberfläche der Dinge entlangtanzen soll. Es ist auch nicht als Plädoyer für sogenannte Unterhaltungsliteratur zu verstehen (die hat Reich-Ranicki nie interessiert). Vielmehr soll sie selbst stilistisch jene Lust am Lesen widerspiegeln, die sie wecken will.
  • Schließlich muss Literaturkritik von einem festen Standpunkt aus über die Qualität von Büchern urteilen. Darin sah sich Reich-Ranicki in der Tradition seiner journalistischen Vorbilder (vgl. Reich-Ranicki 1994), von Lessing über Fontane bis Tucholsky. Vermutlich überschätzte er dabei, welchen Wert ein mündiges, informationsorientiertes Feuilletonpublikum heute dem Verdikt des → Kritikers beimisst. Dennoch hat er es über Lob und Verriss in kaum einer Rezension versäumt, auch zu informieren und argumentativ zu belegen, worauf seine Haltung gründet.

Haltung war insgesamt die größte Stärke des Journalisten Marcel Reich-Ranicki. Stets blieb er auf Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen bedacht. Er stellte sich gegen die Linie seiner Zeitung, als 1972 der sogenannte Radikalenerlass erging. Er verteidigte, obwohl selbst längst kein Linker mehr, linke Autoren im sogenannten Deutschen Herbst 1977. Auch zum Handlungsgehilfen des Buchbe­triebs ließ er sich nicht machen. Nie hat er Gefälligkeitsrezensionen geschrieben, nie auf Schmeicheleien von Autoren mit Schmeicheleien reagiert, nie Verlegerinteressen bedienen wollen – auch um den Preis zerstörter Freundschaften. Niemand hat das glaubwürdiger (weil seufzend) attestiert als der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld: „Marcel Reich-Ranicki mag gelegentlich Missverständnisse oder gar leichtere Fehlurteile eingestehen, in einem ist er unbeugsam: in seiner Haltung gegenüber Verlegern: ,Wir [Literaturkritiker] sind nicht da, Ihnen zu helfen. Man kann sogar sagen, wir sind dazu da, Sie zu stören. Wir sind nicht Ihr verlängerter Arm, sondern eine Opposition!‘“ (Unseld 1985: 47)

Literatur:

Detering, Heinrich: Wenn Liebe sich als Angriff kostümiert. Was die Germanistik Marcel Reich-Ranicki alles zu verdanken hat – eine Würdigung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2014, S. 11.

Hilse, Christoph; Stephan Opitz: Marcel Reich-Ranicki/Peter Rühmkorf. Der Briefwechsel. Göttingen [Wallstein] 2015.

Merkel, Angela: Die Zeit ist reif, eine Ikone des Feuilletons zu ehren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2008, S. 26.

Reich-Ranicki, Marcel: Die Anwälte der Literatur. Stuttgart [DVA] 1994.

Reich-Ranicki, Marcel: Erst die Poesie, dann die Theorie. In: Jochen Jung (Hrsg.): Was Kritiker gerne läsen. Literaturalmanach 1984. Salzburg [Residenz] 1984, S. 99-101.

Reich-Ranicki, Marcel: „Ich will Bedürfnisse wecken“ (Interview mit Gerrit Bartels). In: Marcel Reich-Ranicki: Aus persönlicher Sicht. Gespräche 1999 bis 2006. Hrsg. v. Christiane Schmidt. München [DVA] 2006, S. 341-356.

Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. Stuttgart [DVA] 1999.

Reich-Ranicki, Marcel; Sigrid Löffler; Hellmuth Karasek: … und alle Fragen offen. Das Beste aus dem Literarischen Quartett. Hrsg. v. Stephan Reichenberger unter Mitarbeit von Alex Rühe. Mit einem Vorwort von Johannes Willms. München [Heyne] 2000.

Reus, Gunter: Marcel Reich-Ranicki. Kritik für alle. Darmstadt [wbg Theiss] 2020.

Unseld, Siegfried: Marcel Reich-Ranicki zu ehren. In: Jens Jessen (Hrsg.): Über Marcel Reich-Ranicki. Aufsätze und Kommentare. München [dtv] 1985, S. 45-51.

Weidermann, Volker: Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2019.

Zum Weiterlesen:

Anz, Thomas: Marcel Reich-Ranicki. München [dtv] 2004.

Reich-Ranicki, Marcel: Der doppelte Boden. Ein Gespräch mit Peter von Matt. Frankfurt am Main [Fischer] 1994.

Reich-Ranicki, Marcel: Lauter Lobreden. München [dtv] 1992.

Reich-Ranicki, Marcel: Lauter Verrisse. Mit einem einleitenden Essay. Erweiterte Neuausgabe. München [dtv] 1992.

Reich-Ranicki, Marcel: Meine deutsche Literatur seit 1945. Hrsg. v. Thomas Anz. München [Pantheon] 2017.

Wittstock, Uwe: Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie. München [Blessing] 2015.