Chef vom Dienst (CvD)

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Definition:
Der Chef vom Dienst (CvD) arbeitet in Medienorganisationen und hat eine koordinierende Funktion zwischen der Redaktion, der technischen Produktion sowie (insbesondere bei Printmedien) der Anzeigenabteilung. Häufig ist der CvD Mitglied der Chefredaktion (und fungiert deshalb bei deren Abwesenheit auch als Redaktionsleiter), trägt aber für den Inhalt des journalistischen Produkts presserechtlich nicht die Verantwortung wie der Chefredakteur und dessen Stellvertreter. In Zeitungsredaktionen ist die Position besetzt mit einem → Redakteur, der diese Funktion täglich und über einen längeren Zeitraum ausübt. In Rundfunkredaktionen kann es aufgrund des Schichtdienstes zu einem Wechsel kommen. In großen Regionalzeitungen mit zahlreichen Außenredaktionen und → Lokalausgaben kommuniziert der CvD häufig mit den Kollegen vor Ort, um zu entscheiden, was in der Gesamtausgabe, also im Mantelteil, erscheint. In Rundfunkorganisationen hat der CvD eine ähnliche Vermittlungsfunktion zum Beispiel zwischen den Landesrundfunkanstalten und Landesfunkhäusern sowie zwischen diesen und der aktuellen zentralen Nachrichtenredaktion (wie ARD aktuell). Außerdem können weitere organisatorische Aufgaben hinzukommen, darunter die Erstellung von Dienstplänen sowie die Einführung neuer Redaktionstechniken.

Geschichte:
Die Position des CvD ist zu datieren auf die Phase der Ausdifferenzierung publizistischer Organisationen in den Verlag, die Redaktion und die Technik, also etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts, sowie die Phase, in der die Verantwortung in redaktionelle, organisatorische und technische Tätigkeiten getrennt wurde, wodurch sich neue Berufsfelder ergaben. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich in den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen diese Rollendifferenzierung gefestigt, die später auch in den anderen Mediengattungen, vor allem bei Hörfunk und Fernsehen, eingeführt wurde.

Gegenwärtiger Zustand:
Obwohl sich die inneren Redaktionsstrukturen seit Jahren aufgrund des Einflusses einer beschleunigten Nachrichtenproduktion und der Digitalisierung verändern, existiert die Funktion des CvD noch immer. Der koordinierende Redakteur ist in der Regel als einer der ersten an seinem Arbeitsplatz, erfragt in der Anzeigenabteilung den redaktionellen Platz für die nächste Ausgabe und übermittelt dies an die Redaktion. Am Abend überwacht er die Produktion und entscheidet beispielsweise, wann der Druckprozess für das Nachschieben aktueller Nachrichten unterbrochen wird. Neben diese Position hat sich jedoch eine weitere koordinierende geschoben, die häufig als → ,Leitung Newsdesk‘ bezeichnet wird. Die Aufgabe dieses Redakteurs liegt im Wesentlichen darin, zwischen den Ressorts und vor allem zwischen der (analogen Zeitungs-)Redaktion und den Redakteuren der digitalen Angebote zu vermitteln bzw. zu besprechen, welche Themen in welcher Form zu welchem Zeitpunkt publiziert werden.

Forschungsstand:
Weder die deutsche Journalismus- noch konkret die Redaktionsforschung haben sich bis dato für die Funktion des CvD interessiert. Weder in den Werken der frühen Zeitungsforscher (wie Otto Groth) noch in den Publikationen der Redaktionsforscher (wie Manfred Rühl, Bernd Blöbaum oder Torsten Quandt) wird diese Berufsrolle beschrieben oder gar analysiert. Auch in der Praktikerliteratur (wie der „Einführung in den praktischen Journalismus“ von Walther von La Roche) oder in empirischen Studien (u.a. Siegfried Weischenberg oder die aktuelle Worlds of Journalism Study, Steindl u.a.) findet sich nichts über diese besondere Berufsrolle.

Literatur:

Blöbaum, Bernd: Journalismus als Funktionssystem der Gesellschaft. In: Löffelholz, Martin; Liane Rothenberger (Hrsg.): Handbuch Journalismustheorien. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016, S. 151-163.

Deutscher Journalisten-Verband (Hrsg.): Berufsbild Journalistin – Journalist. DJV Wissen: 4. Berlin [Deutscher Journalisten-Verband] 2015. http://www.djv.de/fileadmin/user_upload/Infos_PDFs/Flyer_Broschuren/wissen4_Berufsbild.pdf (09.05.2017).

La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. Hrsg. v. Gabriele Hooffacker und Klaus Meier. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013.

Quandt, Thorsten: Journalisten im Netz. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2005.

Rühl, Manfred: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System. Freiburg (Schweiz) [Universitätsverlag] 1979.

Steindl, Nina; Corinna Lauerer; Thomas Hanitzsch, Thomas: Journalismus in Deutschland. Aktuelle Befunde zu Kontinuität und Wandel im deutschen Journalismus. In: Publizistik, 4, 2017, S. 401-423.

Weischenberg, Siegfried; Maja Malik; Armin Scholl: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz [UVK] 2006.

Wilke, Jürgen; Emil Dovifat: Zeitungslehre I und II. Berlin/ New York [Walter de Gruyter] 1976.

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Beatrice Dernbach
*1964, Prof. Dr., lehrt und forscht seit März 2014 an der Technischen Hochschule Nürnberg im Studiengang Technikjournalismus/Technik-PR. Arbeitsschwerpunkte: Fachjournalismus, Wissenschaftskommunikation, Nachhaltigkeit und Ökologie im Journalismus, Narration im und Vertrauen in Journalismus. Kontakt: beatrice.dernbach(at)th-nuernberg.de Zu Nachrichtenfaktoren im Journalismus hat Beatrice Dernbach einen → Einführungsbeitrag geschrieben.