Demokratisch-korporatistisches Modell

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Wortherkunft: ‘demokratisch’ von gr. demokratia = Herrschaft des Volkes; ‘korporatistisch’ von frz. corps, lat. corpus = Körper, Fortführung als frz. corporation = Körperschaft, Gruppe; politikwissenschaftliche Bezeichnung für verschiedene Formen der Beteiligung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen an politischen Entscheidungsprozessen

Der Begriff steht für ein von den Kommunikationswissenschaftlern Hallin und Mancini (2004) bestimmtes Grundmodell zur Spezifizierung der → journalistischen Kultur in der nord- und zentraleuropäischen Sphäre.

Das demokratisch-korporatistische Modell ist eines von drei Modellen, das die Kommunikationswissenschaftler Daniel C. Hallin und Paolo Mancini im Jahr 2004 zur Kennzeichnung und Typisierung einer journalistischen Kultur für industrialisierte Staaten entwickelt haben. Weitere Modelle sind das im südeuropäischen Raum anzutreffende → polarisiert-pluristische Modell und das angelsächsisch geprägte → liberale Modell. Die Modelle sind die Grundlage für viele Studien innerhalb der vergleichenden europäischen Journalismusforschung.

Das demokratisch-korporatistische Modell wird auch als nord- oder zentraleuropäisches Modell bezeichnet (vgl. Hahn/Schröder 2008: 17). Es ist typisch für jene Länder, in denen sich die Massenpresse früh entwickelt hat, in denen Printmedien hohe Auflagen erzielen und in denen der privat-kommerzielle Rundfunk vergleichsweise spät eingeführt worden ist (vgl. Hallin/Mancini 2004: 146ff.). Ein weiteres kennzeichnendes Merkmal der Länder im demokratisch-korporatistischen Modell ist die historische Bedeutung der Parteipresse.

In den meisten Ländern dieses Typus ist der Journalismus sehr professionalisiert; seine → Selbstkontroll- und Transparenzmechanismen sind ebenso institutionalisiert. Im Gegensatz zur angelsächsischen Sphäre ist die journalistische Ausgewogenheit weniger an die Prinzipien der Objektivität oder der Neutralität angedockt, sondern vielmehr an einen externen Pluralismus und die Betonung der Kommentatoren- und Einordnungsrolle von Journalisten (vgl. Hallin/Mancini 2004: 170ff.). Den Massenmedien wird in diesen Ländern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zugewiesen, so dass sie nicht ausschließlich als privatwirtschaftliche Unternehmen betrachtet werden. Dies spiegelt sich etwa dadurch wider, dass die dem demokratisch-korporatistischen Modell zugeordneten Länder einen stark regulierten kommerziellen Rundfunk und einen mächtigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben, auf den verschiedene gesellschaftliche Gruppen einwirken. Größtenteils dominiert in diesen Ländern eine neutral-kommerzielle Presse.

Diesem Modell ordnen Hallin und Mancini (vgl. 2004: 143) die skandinavischen Staaten, die Niederlande, Deutschland, Österreich und die Schweiz zu. In diesen Staaten habe der Wohlfahrtsgedanke eine prägende Bedeutung, was sich wiederum in vielfältiger Weise auch auf das Mediensystem niederschlage (vgl. Hallin/Mancini 2003: 21).

Der Begriff des demokratisch-korporatistischen Modells geht zurück auf den Politikwissenschaftler Peter Katzenstein. Ihm zufolge (vgl. 1985: 32) werden im demokratischen Korporatismus gegensätzliche gesellschaftliche Vorstellungen im Interesse der Allgemeinheit zu einem Kompromiss geführt. Außerdem gibt es ein starkes System gesellschaftlicher Gruppen sowie einen offenen, institutionalisierten Prozess der Verhandlung zwischen offiziell organisierten gesellschaftlichen Gruppen (vgl. Hallin/Mancini 2004: 144).

Literatur:

Blum, Roger: Einleitung. Politische Kultur und Medienkultur im Wechselspiel. In: Blum, Roger; Peter Meier; Nicole Gysin (Hrsg.): Wes Land ich bin, des Lied ich sing? Medien und politische Kultur. Bern/Stuttgart/Wien [Haupt] 2006, S. 11-23

Hahn, Oliver; Roland Schröder (Hrsg.): Journalistische Kulturen. Internationale und interdisziplinäre Theoriebausteine. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008

Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Comparing Media Systems. Three Models of Media and Politics. Cambridge [Cambridge University Press] 2004

Hallin, Daniel C; Paolo Mancini (Hrsg.): Comparing Media Systems Beyond the Western World. Cambridge [Cambridge University Press] 2012

Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Drei Modelle von Medien, Journalismus und politischer Kultur in Europa. Grundlegende Überlegungen zu einer komparativen europäischen Journalismusforschung. In: Kopper Gerd G.; Paolo Mancini (Hrsg.): Kulturen des Journalismus und politische Systeme. Probleme internationaler Vergleichbarkeit des Journalismus in Europa – verbunden mit Fallstudien zu Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland. Berlin [Vistas] 2003, S. 11-28

Katzenstein, Peter J.: Small States in World Markets. Industrial Policy in Europe. Ithaca [Cornell University Press] 1985

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Andreas Sträter
*1985, Master of Arts Journalistik, promoviert an der Technischen Universität Dortmund über das Öffentlichkeitsverständnis der Länder auf der Arabischen Halbinsel. Freiberuflich arbeitet er für den WDR und verschiedene Tageszeitungen. Arbeitsschwerpunkte: Journalistische Kulturen, Journalismus in der Arabischen Welt, Transparenz und Media Accountability, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: andreas.straeter(at)tu-dortmund.de

Zu journalistischen Kulturen hat Andreas Sträter einen → Einführungsbeitrag geschrieben.