Die junge Journalisten-Generation beim NWDR

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Kollektivbiographischer Ansatz:
Journalismus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) von Männern und Frauen mit sehr unterschiedlichem Erfahrungs- und Leidenshintergrund in die Praxis umgesetzt (Wagner 2005). Als → Kommunikatoren werden sie in typologische Akteursgruppen gefasst. Das konkurrierende Miteinander sowie die Muster der jeweils angewandten Strategien bei der Positionierung können so nachgezeichnet werden. Drei Gruppen lassen sich im rundfunkjournalistischen Feld der unmittelbaren Nachkriegsjahre unterscheiden: Es waren einerseits Emigranten, die aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrten, und erfahrene Mitarbeiter, die im ‚Dritten Reich‘ Verfolgung erlitten hatten. Sie bildeten die zahlenmäßig kleinste Gruppe, hatten aber nicht selten Schlüsselpositionen inne (Wagner 2015). Andererseits gab es die große heterogene Akteursgruppe derer, die in Deutschland geblieben waren. Ihnen war es in ganz unterschiedlicher Weise gelungen, ihre Lebensentwürfe in den Jahren des NS-Regimes zu gestalten; sie hatten mit mehr oder weniger Opportunismus ihre Berufsbiographien relativ geradlinig fortgesetzt oder zumindest auf weniger sensiblen Positionen gearbeitet. Die dritte Gruppe war die ‚junge Generation‘. Sie wird hier näher vorgestellt.

Journalistisches Arbeiten beim NWDR nach Kriegsende:
Entscheidend zum Erfolg dieser ‚jungen Generation‘ trug bei, dass man sich als Erfahrungsgeneration verstand. Denn weniger das Alter der Personen war für die Zugehörigkeit entscheidend, als vielmehr die gemeinsam geteilte Kriegserfahrung. Man definierte sich über eine Wendezeit bzw. eine ‚Krise‘. Rüdiger Proske und Walter Weymann-Weyhe in schufen 1948 mit dem Essay „Wir aus dem Kriege“ in den Frankfurter Heften eine Gemeinschaftsformel (Proske/Weymann-Weyhe 1948). Dabei war die Krisenzeit mit dem Ende des Krieges nicht beendet, sondern dauerte an. In der NWDR-Sendereihe Sind wir auf dem richtigen Wege? beklagte Volker Starke (*1920), Feature-Assistent des journalistisch erfahrenen Peter von Zahn, den „Verrat an der deutschen Jugend“ (NWDR-Geschichte 2001). Einer der Wortführer, der damals 17-jährige Schüler und freier Mitarbeiter am Sender, Ralf Dahrendorf, wehrte gegenüber Peter von Zahn die „‚Denazifizierung‘ junger Menschen durch Ihren englischen Personalchef“ mit den Worten ab: „…wir jungen Menschen schweben heute haltlos zwischen dem letzten Rest von Optimismus, an den wir uns verzweifelt klammern, und einem Realismus, dessen Erkenntnisse so furchtbar bitter sind“ (Dahrendorf 1946).

Im Zusammenhang mit einer Deutschlandpolitik der Westalliierten, die zwar auf eine Neuordnung des Medienbereichs zielte, dabei aber schnell immer mehr Verantwortung an deutsche Journalisten zurückgeben wollte, rückte die ‚junge Generation‘ ins Blickfeld. Ihre Lebensläufe waren in der Regel wenig NS-belastet; sie selbst waren nach dem Ende der Diktatur auf der Suche nach neuen Zukunftsentwürfen. Freilich hatten viele wenig bis keine Berufserfahrung; einige waren als Frontberichterstatter in nationalsozialistischen Propagandakompanien tätig gewesen. Dieser Mangel an journalistischer Erfahrung konnte durch eine konsequente Praxis des ‚Learning by doing‘ Schritt für Schritt wettgemacht werden bzw. Wissenslücken wurde mit gezielten → Ausbildungsprogrammen, etwa dem der NWDR-Rundfunkschule, begegnet (Schwarzkopf 2007). Viele damals ‚junge‘ → Journalisten betonten immer wieder den Aspekt der Anleitung und der Hilfestellung durch die britischen Kontrolloffiziere. Dabei wurde das Wort ‚Zensur‘, obwohl eine Kontrolle der Manuskripte erfolgte, nicht verwendet. Allen britischen Controllers und besonders den deutschstämmigen ‚Rückkehrern in Uniform‘ unter ihnen wurde bescheinigt, dass sie als Lehrer und als Partner auftraten. Sie zeigten den jungen Leuten, die nur das nationalsozialistische Bildungsregime durchlaufen hatten und in der Hitlerjugend und in der Wehrmacht militärisch gedrillt worden waren, was diskursive Formen sind, welche Spielregeln bei einer Diskussion zu beachten sind und wie man unterschiedliche Meinungen austauscht. Man zeigte ihnen, was ein → Feature ist und was eine solche Programmform zu leisten vermag. Vor allem aber lernten sie, welche Funktion ein Kommentar hat bzw. dass man und wie man → Nachrichten und Kommentar trennt.

„Es gibt eine ganze Menge, was wir damals von den Engländern gelernt haben in Bezug auf die Frage ‚Was ist Journalismus?‘. Zum Beispiel (…) die Einsatzbereitschaft und die Arbeitsweise“, resümierte Claus-Hinrich Casdorff (*1925), damals Jungreporter in Hamburg (NWDR-Geschichte 2002). Der spätere Chef des Magazins Monitor bezeichnete sich rückblickend als einen „englisch angehauchten Journalisten“. Vor allem das kleine Team in der Abteilung outside broadcasts entwickelte schnell ein klares Profil. Voller Neugierde und mit großer Aufbruchsstimmung sorgte es dafür, dass richtiggehend lebenswichtige Hinweise ins Programm kamen: Die Journalisten gaben im Kältewinter 1946/47 Fahrtzeiten von langsam fahrenden Kohlenzügen bekannt und entwickelten ein Engagement, das auch vor deutschen Beamten nicht Halt machte. Jürgen Roland (*1925) soll mit Hilfe der Feuerwehr einem Arbeitsamt buchstäblich aufs Dach gestiegen sein, um zu klären, warum sich vor der Tür der Behörde eine so lange Schlange bildete und es mit der Arbeitsvermittlung so schleppend voranging (NWDR-Geschichte 2000). Das Beispiel zeigt, wie die ‚junge Generation‘ ein journalistisches Selbstverständnis entwickelte mit der Aufgabe, als Anwalt der Bevölkerung handeln zu müssen. Ganz offensichtlich begriff man das Kriegsende als eine Befreiung. Carsten Diercks (*1921) führte generationstypisch aus: „Mit einem Mal waren wir in der Lage, uns über Dinge, die uns politisch bewegten, frei zu äußern (…). Das haben wir natürlich ausgenutzt.“ (NWDR-Geschichte 2001).

In Fall der Rundfunkmitarbeiter des NWDR bestätigt sich eine Entwicklung, die von Zeithistorikern auf vielen gesellschaftlichen Gebieten der Nachkriegszeit als ‚deutsche Karrieren‘ der ‚Frontsoldaten-‘ und der ‚Flakhelfer-Generation‘ gewertet wird. Denn für viele der Anfang der 1920er Jahre geborenen Männer präsentierte sich das nationalsozialistische Regime zunächst einmal als eine Leistungsgesellschaft, die den Jungen Aufstiegschancen bot. Die NSDAP stellte sich als eine Partei der Jugend dar und propagierte eine Zukunftsoption. Nachdem die alten Verständigungsformeln der Konsensdiktatur Nationalsozialismus weggefallen waren, bedurfte es neuer Formeln für die „Leistungsfanatiker“ (Frei 2005: 107-128; Bude 1987; Wehler 2003). Davon profitierte gerade auch der Nachkriegsjournalismus in hohem Maße. Mit den britischen Demokratie-Vorstellungen, dem Leitbild der BBC als einer dienenden publizistischen Kraft des ‚public service‘, waren neue Möglichkeiten für die Selbstverständigung der ‚jungen Generation‘ gegeben. Man griff diese auf, machte sie sich zu eigen, startete durch zu bemerkenswerten Karrieren im westdeutschen Mediensystem und half mit, eine kritische → Medienöffentlichkeit herzustellen (Hodenberg: 2006).

Ähnliches gilt auch für die weiblichen Journalisten. Nach und nach gelang es ihnen, in die traditionell von Männern bestimmte Domäne Einzug zu halten. Das geschah zunächst über die klassisch ‚weiblichen‘ Ressorts, dem Kinder-, Schul- und Frauenfunk, etwa als die promovierte Lehrerin Marga Begiebing (*1915) zum NWDR-Köln wechselte (NWDR-Geschichte 2002). Doch weitere Ressorts folgten. Hansi Eggeling (*1922) arbeitete zunächst als Sekretärin in der Abteilung Talks and Features, bevor sie Redakteurin im Kulturellen Wort wurde. Helga Norden (*1924) und Julia Nusseck (*1921) hatten im Nationalsozialismus studiert. Über ein → Volontariat kam Helga Norden zum Zeitfunk; Dr. Julia Nusseck übernahm schon sehr früh die Leitung der Wirtschaftsredaktion (NWDR-Geschichte 2001). Mehrere Absolventinnen der Rundfunkschule des NWDR wie Hilde Stallmach (*1923), Ursula Klamroth (*1924), Helga Boddin (*1926) und Dagmar Späth (*1922) machten Karriere als Reporterinnen und → Redakteurinnen.

Literatur:

Bude, Heinz: Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation. Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1987.

Dahrendorf, Ralf an Peter von Zahn, 10.12.1946. Staatsarchiv Hamburg. Bestand: NWDR/NDR. 621-1. Nr. 1517.

Frei, Norbert: 1945 und wir. Das dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen. München [Beck] 2005.

Hodenberg, Christina von: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973. Göttingen [Wallstein-Verlag] 2006.

NWDR-Geschichte 2000-2005. Leitfadengestützte Interviews mit ehemaligen NWDR-Mitarbeiter*innen, geführt von Peter von Rüden und Hans-Ulrich Wagner im Forschungsprojekt zur NWDR-Geschichte. Projektdokumentation. Hans-Bredow-Institut, Hamburg.

Proske, Rüdiger; Walter Weymann-Weyhe: Wir aus dem Kriege. Der Weg der jüngeren Generation. In: Frankfurter Hefte, 3, 1948, H. 9, S. 792-803.

Schwarzkopf, Dietrich: Ausbildung und Vertrauensbildung. Die Rundfunkschule des NWDR. Hamburg [Verlag Hans-Bredow-Institut] 2007. (= Nordwestdeutsche Hefte zur Rundfunkgeschichte, 6), https://www.hans-bredow-institut.de/uploads/media/Artikel/cms/media/560a359d8b8c2abaf00d5bd831dc1e714aa4cffb.pdf

Wagner, Hans-Ulrich: Das Ringen um einen neuen Rundfunk: Der NWDR unter der Kontrolle der britischen Besatzungsmacht. In: Rüden, Peter von; Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.): Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks, Bd. 1, Hamburg [Hoffmann und Campe] 2005, S. 13-84.

Wagner, Hans-Ulrich: Repatriated Germans and ‚British Spirit‘. The transfer of public service broadcasting to northern post-war Germany (1945-1950). In: Media History 21(4), 2015, S. 443-458.

Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band. München [Beck] 2003.

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Hans-Ulrich Wagner
*1962, Dr. phil., ist Senior Researcher am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut in Hamburg, wo er Leiter des Forschungsprogramms Wissen für die Mediengesellschaft ist und den Kompetenzbereich Mediengeschichte verantwortet. Er bearbeitete verschiedene Forschungsprojekte, u. a. zur Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), und ist PI der internationalen Forschungsnetzwerke Transnational Media History und Entangled Media History. Ein Arbeitsschwerpunkt ist die Mediengeschichte, verstanden als Geschichte der Medien wie auch von kommunikativen Prozessen in der Vergangenheit und über die Vergangenheit. Kontakt: https://leibniz-hbi.de/de/mitarbeiter/hans-ulrich-wagner

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