Dramatik

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Dramatik_DawnArmfield_unsplash_comWortherkunft: Dramatik = erregende Spannung, erweitert von Drama = aufregendes, erschütterndes Geschehen, basierend auf griech.-lat. drama = Handlung (vgl. Dudenredaktion 2001: 154); Verbform dramatisch: von griech.-lat. dramatikos = aufregend, spannend (vgl. Dudenredaktion 2007: 419); in Verbindung stehend mit griech. drastikos = wirksam

Der hier erläuterte Begriff ist nicht zu verwechseln mit der sachlichen Bezeichnung für eine der drei literarischen Gattungen Lyrik, Epik, Dramatik – auch wenn sie den gleichen Wortursprung hat (s.o.). Gemeint sind in diesem Artikel meist Begebenheiten oder Ereignisse, die einen dramatischen Verlauf nehmen oder genommen haben bzw. aufregend und → spannungsreich sind (vgl. Dudenredaktion 2007: 419; Dudenredaktion 2010: 269). Dadurch können sie auf Grundlage journalistischer → Nachrichtenfaktoren für eine Berichterstattung relevant sein.

Mutter wirft ihre Kinder aus dem zweiten Stock; 48-Jähriger zündet seine Ehefrau an; Junge ertrinkt bei Badeunfall; Mehr als hundert Tote bei Selbstmordanschlag in Bagdad; Flüchtlinge: Dramatische Szenen an der Grenze zur Türkei – derartige → Überschriften und damit zusammenhängende Beiträge finden sich in journalistischen Publikationen und Nachrichtensendungen mehrmals pro Woche. Dramatik ist als Nachrichtenfaktor im Journalismus sehr präsent, weil sie der Berichterstattung neben den sachlichen Fakten eine Handlungsstruktur und emotionale Komponente hinzufügt, die für die Aufmerksamkeit und Leser- bzw. Zuschauerbindung entscheidend sein kann. Dies lässt sich mit der spannungsbasierten Strategie literarischer Veröffentlichungen oder in Spielfilmen vergleichen.

Entsprechend ist die explizite Hervorhebung der Dramatik in Form des zugehörigen Adjektivs oft Teil der Berichterstattung: Lage der Milchbauern wird immer dramatischer; Deutschland […] zieht nach einem dramatischen Elfmeterschießen ins EM-Halbfinale ein (Gartenschläger/Wallrodt 2016).

Grad der Existenzbedrohung
Je existenzbedrohender ein Ereignis ist, desto größer ist dessen Dramatik (Flugzeugabstürze, Terroranschläge, Naturkatastrophen). Für die Live-Berichterstattung haben lebensgefährliche Situationen hohes dramatisches Potenzial, etwa als im Jahr 2010 beim Grubenunglück von San José chilenische Bergbauarbeiter in einer verschütteten Mine eingeschlossen wurden und deren Rettung nach zehn Wochen im Fernsehen und Internet übertragen wurde. Neben solchen häufig international zur Kenntnis genommenen Ereignissen gilt dieser Umstand auch für redaktionelle Entscheidungen in der → Regional- und Lokalberichterstattung: Je dramatischer und folgenschwerer ein Verkehrsunfall, Gebäudebrand oder eine kriminelle Handlung, umso ausführlicher die Berichterstattung und zentraler die Platzierung innerhalb der Publikation.

Inszenierte Dramatik
Vorsicht ist geboten bei Medien, die Dramatik künstlich erzeugen, also inszenieren, Dramatik aus Aufmerksamkeitsgründen absichtlich forcieren (wie 1997 in der Mediensatire Mad City gezeigt, in der es um eine Geiselnahme geht, die ein Reporter eskalieren lassen will) oder ohnehin schon dramatische Ereignisse reißerisch aufbereiten – besonders im Boulevard. Hierfür ist das Verb ‘dramatisieren’ geläufig („etwas aufregender, schlimmer oder bedeutungsvoller darstellen, als es eigentlich ist“, Dudenredaktion 2007: 419). Bei dieser meist vorsätzlich angewandten Methode wird u.a. die Verhältnismäßigkeit der Mittel bei der Informationsverarbeitung missachtet (vgl. Roegele 1994: 433, zit. n. Mast 1994: 90), was zu „moralischen Defiziten im Journalismus“ führt (Mast 1994: 88). Trauer und Verzweiflung von Opfern und Angehörigen werden respektlos ausgeschlachtet (vgl. ebd.) mit der Absicht, „die Erregung des Publikums auflagen- und einschaltquotenfördernd zu steigern“ (ebd.: 89).

Dies kann – etwa bei → Ehrverletzungen oder Verletzungen der Privatsphäre – zu juristischen Sanktionen führen und grundsätzlich zu einer Rüge durch den Deutschen Presserat (vgl. Schneider 1998: 126). Der Presserat hat im Pressekodex publizistische Grundsätze festgehalten, von denen in diesem Zusammenhang Ziffer 11 zur Sensationsberichterstattung relevant ist. Darin heißt es: „Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“ (Deutscher Presserat 2015: 9). Dies gilt auch für Medizinberichterstattung, die in Ziffer 14 eigens berücksichtigt wird: „Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte“ (Deutscher Presserat 2015: 10).

Dramatik wird im Journalismus nicht nur in dafür prädestinierten Ressorts wie der Kriminalberichterstattung, sondern u.a. auch in politischen Entscheidungsprozessen hervorgehoben bzw. erzeugt – im Printjournalismus etwa durch stilistische Formulierungen wie Klimawandel: Ist die Erde noch zu retten?, Rentenniveau sinkt dramatisch: „Deutschen droht die Armut“ (Focus online 2016), 140.000 Tote in Syrien: Friedensverhandlungen in Genf drohen zu scheitern oder gleich als metaphorisches Szenario wie in einem Zeitungsbericht über Vermutungen, der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy habe seinen Wahlkampf mit Schwarzgeld finanziert (Niewerth 2010):

Über dem Präsidentenpalast in Paris braut sich ein monströses Unwetter zusammen. Ein Orkan, der so gefährlich ist, dass die Zeitung „Le Monde“ in düsterer Vorahnung bereits das Totenglöcklein für Nicolas Sarkozy klingelt. „Ein mörderischer Sommer“ drohe dem Hausherrn im Élysée, orakelt das Blatt.

Akute und latente Dramatik
Zu unterscheiden ist außerdem zwischen akuter und latenter Dramatik, d.h. zwischen Ereignissen, die sich über einen kurzen oder einen längeren Zeitraum erstrecken (Geiselnahme im Einkaufszentrum vs. Scheidungsdrama geht in die nächste Runde). Hier sind auch Geschehnisse einzubeziehen, die in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen wiederkehren (Flüchtlingsdrama im Mittelmeer – Schon wieder 200 Tote!).

Prominenz
Auch hier steigt die Relevanz der Berichterstattung, sofern zur Dramatik der Faktor der → Prominenz hinzukommt, also eine Person des öffentlichen Lebens in das Geschehen involviert oder zentraler Akteur ist – etwa als sich Formel1-Weltmeister Michael Schumacher beim Skifahren schwer verletzte und mehrere Monate im Koma lag (2013/2014) oder die ehemalige Gattin des britischen Thronfolgers Prinz Charles, Diana Spencer, 1997 in Paris auf der Flucht vor Paparazzi in einer von einem betrunkenen Chauffeur gesteuerten Limousine in einem Verkehrstunnel gegen einen Pfeiler prallte und wenige Stunden später ihren Verletzungen erlag.

Positive Dramatik
Obwohl Dramatik stark mit negativen Vorgängen und dem Nachrichtenfaktor Schaden verbunden ist, werden auch positive Ereignisse im Zusammenhang mit dem Faktor → Spannung berücksichtigt (vgl. u.a. F.A. Brockhaus 1973: 181, hier wird das Adjektiv ‘dramatisch’ auf Berichte oder Ereignisse bezogen, „die mit Leidenschaft oder Spannung erfüllt sind“). Dies ist vor allem in der Sportberichterstattung der Fall. Wenn das Finale eines bedeutenden Tennisturniers fast sechs Stunden dauert und das Ergebnis am Ende 5:7, 6:4, 6:2, 6:7, 7:5 lautet (Novak Djokovic gegen Rafael Nadal, Australien Open 2012), ist die Dramatik und damit das Wertmaß der Berichterstattung größer, als wenn ein Spiel relativ unspektakulär mit 6:3, 6:0, 6:2 endet – es sei denn, beim Verlierer des Duells handelt es sich um einen Spieler, der in der Weltrangliste weit oben steht, dann greifen die Faktoren der Sensation und Überraschung.

Dies trifft auch auf Ereignisse zu, deren Handlungsverläufe sich ‘in letzter Minute’ umkehren (im Filmjargon ‘Showdown’ und ‘Twist’ genannt): Als im Jahr 2001 am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga Bayern München durch ein Tor in der Nachspielzeit Schalke 04 den wenige Minuten zuvor eigentlich errungenen Meistertitel wegschnappte, war dies an Dramatik kaum zu überbieten, wurde journalistisch weit über die aktuelle Berichterstattung hinaus thematisiert und gilt heute als legendär (vgl. auch das Elfmeterschießen der Partie Deutschland gegen Italien im Viertelfinale der Fußball-EM 2016).

Forschungsstand
Die gegenwärtige Forschung befasst sich nicht nur mit der Dramatik an sich (etwa im Bereich der Medienethik), sondern vor allem mit Ereignissen, die ihr zugrunde liegen, und den journalistischen Umgang mit ihnen. Dazu hat sich im Zuge der Terroranschläge vom 11. September 2001, durch kontinuierliche Anschläge präsenter Terrororganisationen sowie Amokläufe auch in jüngster Zeit ein Forschungsschwerpunkt verstärkt, der dem Forschungsfeld der Kriegs- und Krisenberichterstattung angegliedert ist. Hier finden Versuche statt, Faktoren wie mediale Berücksichtigung und Interpretation, Ereignisstrukturen und Handlungsmotivationen auf unterschiedlichen Analysewegen zu durchleuchten. Diese beziehen sich einerseits auf kommunikationswissenschaftliche Aspekte wie in den Publikationen School Shootings. Interdisziplinäre Analyse und empirische Untersuchung der journalistischen Berichterstattung (Melanie Verhovnik 2015), Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt (Frank J. Robertz/Robert Kahr 2016) oder Reden. Reden? Reden! Spricht man mit Terroristen? (Frank Westerman 2016).

Andererseits existieren zeitdiagnostische Auseinandersetzungen (basierend auf Psychologie und Soziologie) durch die Zunahme gesellschaftlicher Polarisierung, Radikalismus und Rassismus, siehe u.a. Amok und Schulmassaker. Kultur- und medienwissenschaftliche Annäherungen (Ralf Junkerjürgen/Isabella von Treskow 2015), Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels. Angriff und Flucht in deutschsprachigen Theatertexten zwischen 9/11 und Flüchtlingsdrama (Artur Pelka 2016) und Geil auf Gewalt. Eine Studie über den Reiz von Mord und Totschlag in der Zeitung (Katja Fischborn 2009).

Literatur:

Deutscher Presserat: Publizistische Grundsätze (Pressekodex). Richtlinien für die publizistische Arbeit nach den Empfehlungen des Deutschen Presserats. Berlin, Fassung vom 11. März 2015. Der Pressekodex ist hier als PDF abrufbar.

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 6. Auflage. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich [Dudenverlag] 2007

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 5. Das Fremdwörterbuch. 10. Auflage. Mannheim/Zürich [Dudenverlag] 2010

F.A. Brockhaus Lexikon-Redaktion (Hrsg.): Lingen Lexikon, Band 4 Deut-Einq. Wiesbaden [Lingen Verlag] 1973

Focus online: Rentenniveau sinkt dramatisch. „Deutschen droht die Armut“: Rente wird für Bundesregierung immer größeres Problem. In: Focus online/Huffington Post, 14.04.2016. http://www.focus.de/politik/videos/merkel-muss-jetzt-handeln-dieser-skandal-ist-das-groesste-versagen-in-ihrer-kanzlerschaft_id_5435810.html

Gartenschläger, Lars; Lars Wallrodt: Drama im Elfmeterschießen. Ein neues Kapitel in der deutsch-italienischen Fußballgeschichte. In: Die Welt, 03.07.2016. http://www.welt.de/sport/fussball/em-2016/article156035035/Ein-neues-Kapitel-in-der-deutsch-italienischen-Fussballgeschichte.html

Mast, Claudia: Ethik im Journalismus. In: Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. 7., völlig neue Ausgabe. Konstanz [Ölschläger/UVK], 1994, S. 87-97

Niewerth, Gerd: Sarkozys mörderischer Sommer. Eine Schwarzgeld-Affäre macht dem französischen Staatspräsidenten zu schaffen. Ihm stehen nun schwere Wochen bevor. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 07.07.2010, S. 6

Roegele, Otto B.: Verantwortung des Journalisten. In: Schiwy, Peter; Walter J. Schütz (Hrsg.): Medienrecht. Lexikon für Wissenschaft und Praxis. 3. Auflage. Neuwied/Kriftel/Berlin [Luchterhand] 1994, S. 427-439

Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Handbuch des Journalismus. Reinbek [Rowohlt] 1998

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Martin Gehr
*1979, hat Diplom-Journalistik und Germanistik an der Technischen Universität Dortmund studiert. Er arbeitet als freier Journalist und Autor und ist redaktioneller Leiter des Journalistikons.