Ente

1671

Wortherkunft: Lehnbedeutung nach frz. canard = Ente

In übertragener Bedeutung beschreibt der Begriff am häufigsten eine Falschmeldung. Darüber hinaus kann aber auch ein Käseblättchen oder ein falscher Ton gemeint sein (vgl. frz. faire un canard = falsch singen oder spielen).

Um den Ursprung dieser Tiermetapher im Journalismus ranken sich allerlei Erklärungs-versuche. So soll sie auf die frühneuhochdeutsche Wendung ‘blaw (= blaue) Enten’ zurück­gehen, die schon Martin Lu­ther benutzte, wenn er leeres Geschwätz (‘blauen Dunst’) meinte (vgl. Murner 1522: 3156). Aber ein Zusammenhang mit der Pressesprache ist nicht nachgewiesen. Dass der Begriff eine Verballhornung aus dem lateinischen Kürzel ‘N. T.’ (non testatum = nicht belegt) darstelle, mit dem Wissenschaftler, aber auch Herrscher wie Friedrich, der Große, schriftliche Berichte kennzeichneten, die ihnen unglaubwürdig erschienen (vgl. Weber 1961: 34), ist Kolportage. Auch mit ‘Lüg-Ente’ (= Le­gen­de) dürfte er nichts zu tun haben. In beiden Fäl­len wäre die Metapher Ente damit nur für den deut­schen Sprachraum erklärt.

Schon seit dem 18. Jahr­hundert existiert jedoch in Frankreich die Be­zeichnung ‘canard’ für eine Meldung, die in Journalen lanciert wurde, um das Publi­kum in die Irre zu führen. Nach 1850 hat sich die deutsche Übersetzung des Begriffs für eine erfun­dene Nachricht oder eine versehentlich weitergegebene Falschmeldung auch hierzulande durchge­setzt. Im Eng­lischen existiert dafür ebenfalls der Begriff ‘canard’, was für den französischen Ursprung der Meta­pher spricht. Allerdings werden bewusst verbreitete Falschmeldungen, insbesondere im Internet, gegenwärtig Hoax genannt (engl. hoax = Scherz, Täuschung). Seit 2016 ist zudem der Begriff fake news gebräuchlich, der erfundene, meist politisch motivierte Falschmeldungen bezeichnet, die etwa der Wahlmanipulation dienen sollen.

Die „in zeitungen verbreitete gleichsam fortschwimmende, wieder auftauchende fabel oder lüge“, so das Grimmsche Wörterbuch (Grimm/Grimm 1862: Sp. 509, 6) kann als Konstante der Pressegeschichte gelten. Ob Schnee­mensch Yeti oder geheimnisvolle Kreise in Kornfeldern, ob Ufos oder das Ungeheuer von Loch Ness – sol­che und ähnliche Merkwürdigkeiten beschäftigen Massenmedien seit eh und je. Schon in der Flug­blattpublizistik der Renaissance tauchen Holzschnitte von seltsam ungestalten, aber gewisslich gesichteten Tierwesen auf. Arbeits­tempo, Wettbewerbsdruck und → Nachrichtenfaktoren wie Ku­riosität oder Sensation machen Jour­nalisten immer wieder anfällig für Fälschungen und Fehler.

Schwierig ist die Situation heutzutage jedoch vor allem im Internet – nicht nur, weil sich dort Gerüchte schneller verbreiten, sondern weil das Netz, anders als journalistische Medien, keinen ‚Gatekeeper’ besitzt, „also niemanden, der kritisch hinterfragt, Dinge als richtig oder falsch einordnet“ (Howahl 2016: 3). Dies provoziert eine mangelnde Sorgfalt und Leichtgläubigkeit im Umgang mit Quellen (vgl. ebd.), durch die mitunter allerdings auch Journalisten entgleisen: So tauchten 2011 im Internet Blogs einer 25-jährigen lesbischen Frau aus Damaskus namens Amina auf, die sich selbst als „Stimme der syri­schen Opposition“ bezeichnete. Zahlreiche westliche Medien griffen ihre dramatischen Berichte auf. Internet-Aktivisten starteten sogar eine Free Amina-Kampagne, bis sich herausstellte, dass sich ein US-Student in Edinburgh die Heldin des Widerstands einfach ausgedacht hatte. Ein Porträtfoto irgendeiner Frau, das ihm zu seiner Story zu passen schien, hatte er aus dem Netz gefischt.

Harmlos sind jene Enten, die Redaktionen bewusst zum 1. April fliegen lassen, um ihre Leser zu foppen und zugleich selbstironisch auf das eigene Metier zu verweisen. So meldete der Süddeutsche Rund­funk 1989, der Papst wolle den Fußballer Fritz Walter selig sprechen. Laut tz München datiert der „älteste in einer Zeitung in Deutschland veröffentlichte Aprilscherz“ auf den 1. April 1774: „Damals wurde eine Methode angepriesen, mit der man nicht nur Ostereier, sondern angeblich auch Hühner in bunten Farben züchten könne“ (Pientka 2016). Bewusst lancierte Falschmeldungen sind dann problematisch, wenn sie juristisch relevante Straftatbestände wie → üble Nachrede, Verleumdung und Beleidigung enthalten und dadurch möglicherweise auch die Schranken der → Satirefreiheit überschreiten. Bedenklich er­scheinen zudem Irrtümer, die Journa­listen aus Unachtsamkeit, wegen fehlender Recherche oder Sachkom­petenz unterlaufen. Dazu gehörte im Frühjahr 1964 zum Beispiel die Eilmeldung, der damalige Regierungschef der UdSSR, Nikita Chruschtschow, sei verstorben; die Deutsche Presseagentur ver­breitete die Ente und hielt sich dabei an eine japani­sche Zeitung, die ihrerseits einem Betrüger aufgesessen war.

Um einen Scoop zu landen und groß herausgekommen, wurden Journalisten auch immer wieder vom Opfer zum Täter. So erhielt Janet Cooke 1981 den Pulitzer-Preis für ihren Wa­shing­ton Post-Beitrag über einen heroin­ab­hängigen achtjährigen Jungen, den sie frei erfunden hatte. Mit gefälschten Star­interviews führte der Schwei­zer Journalist Tom Kummer jahrelang Qualitätsmedien und ihre Leser an der Nase herum (→ kalt schreiben). Am meisten Aufsehen in der Pressegeschichte Nach­kriegs­deutschlands erregte 1983 die Veröffentli­chung angeblicher Tagebücher von Adolf Hitler in der Zeitschrift Stern. Der verantwortliche Fälscher Konrad Kujau sowie Reporter Gerd Heidemann wurden wegen schweren Betrugs zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt (vgl. Janßen 1985).

Wie leicht es ist, Redaktionen zur Veröffentlichung von Unsinn zu bewegen, wenn er nur sensatio­nell klingt, bewies schon zwischen 1911 und 1930 der Wiener Ingenieur Arthur Schütz. Er sandte mehre­ren Zeitungen völlig absurde Berichte ein, unter anderem von Betonwürmern und ovalen Wagen­rädern, die tatsächlich gedruckt wurden. „Der Ton, der Titel, die Sensation ist alles. Der Inhalt ist belanglos“, schrieb Schütz (1931: 93) in seinem Buch Der Grubenhund, in dem er sein aufklärerisches Anliegen festhielt (siehe auch → Authentizität).

Literatur:

Grimm, Jacob; Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Dritter Band. E–Forsche. Leipzig [Verlag von S. Hirzel] 1862

Hollstein, Hans: Zeitungsenten. Kleine Geschichte der Falschmeldung. Heitere und ernste Spielarten vom Aprilscherz bis zur Desinformation. Stuttgart [Bertelsen-Jipp] 1991

Howahl, Georg: Elvis lebt! Und Hitler war eigentlich eine Frau. Im Internet ist die Hemmschwelle geringer, Absurdes zu verbreiten. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Beilage „Wochenende“, 03.09.2016, S. 3

Janßen, Karl-Heinz: Urteil im „stern“-Prozeß. Für jede Million ein Jahr. Die Hitler-Tagebücher: ein Lehrstück auch für die Presse. In: Die Zeit, 29, 12.07.1985, zit. n. Zeit online, 23.09.2016. http://www.zeit.de/1985/29/fuer-jede-million-ein-jahr

Murner, Thomas: von dem grossen lutherischen narren wie in doctor Murner beschworen hat. Straßburg, 1522

Pientka, Andrea/dpa: 1. April 2016: Die besten Aprilscherze der letzten Jahre. Das hat es mit dem Brauch auf sich. In: tz München online, 01.04.2016. http://www.tz.de/welt/1-april-2016-april-scherze-feiertag-4866444.html

Schütz, Arthur: Der Grubenhund. Experimente mit der Wahrheit. Herausgegeben von Walter Hömberg. München [Reinhard Fischer] 1996

Weber, Paul: Woher der Ausdruck? Deutsche Redensarten und ihr Erklärung. Heidelberg [Kemper] 1961

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Gunter Reus
*1950, Prof. Dr., ist apl. Professor für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Kulturjournalismus, Pressejournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus(at)ijk.hmtm-hannover.de

Gunter Reus hat Einführungsbeiträge zum → journalistischen Jargon sowie zu → Sprache und Stil im Journalismus geschrieben.