Essay

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Wortherkunft: frz. essai = Versuch, Entwurf, Probe; von lat. exagium = Untersuchung, Prüfung.

Definition:
In der Publizistik bezeichnet der (oder das) Essay eine Abhandlung über ein politisches, kulturelles, gesellschaftliches oder wissenschaftliches Thema, die nach Länge, Stil und Anspruch eine Sonderrolle einnimmt und sich einer klaren Einordnung entzieht. Journalistische und schriftstellerische Elemente treffen hier zusammen; die künstlerisch-kreative Gestaltung kann dominieren.

Manche Autoren erwähnen die Nähe zu Gattungen wie Traktat, Abhandlung, Aphorismus, Fragment und → Feuilleton. Charakteristisch für Essays ist ein ambitionierter Sprachstil mit einprägsamen, treffenden Passagen. Dazu können virtuose, überraschende Argumente kommen, die das Urteil des Rezipienten herausfordern, aber nichts diktieren wollen. Dabei ist Lockerheit und Subjektivität nicht mit einem Mangel an → Qualität und gedanklicher Einsicht gleichzusetzen. Zum Essay gehört das weder abschließende noch regelhafte oder gar systematische Vorbringen von Aspekten. Gute Essays sind meist das Ergebnis gründlicher Beschäftigung mit ihrem Gegenstand; „das aggressive Aufbrechen gedanklicher Verkrustungen und Vorurteile ist sein wesentliches Kennzeichen“ (Adam 1991). Sie sollen ebenso anregend wie herausfordernd und assoziativ angelegt sein. Zu den Besonderheiten des Essays zählen das Entwickeln von Gedanken, die freie Komposition, die Vielgestaltigkeit des Sujets, der Skeptizismus als philosophische Basis und die → Wahrhaftigkeit des Schreibenden.

Geschichte:
Als Begründer dieses Genres gilt der Philosoph Michel de Montaigne, der 1580 die ersten zwei Bände unter dem Titel „Les Essais“ veröffentlicht hat, in denen er seine feinfühligen und freimütigen Gedanken über die menschliche Natur darlegte. Essayähnliche Texte sind schon aus der Antike erhalten (Seneca, Theophrastos von Eresos). Montaigne meinte, dass seine Werke die Entwicklung eines Gedankenganges nahebringen und jeder Gedanke in der ursprünglichen Form nachvollzogen werden könne. Dabei tritt er oft als Fragender auf. In England begründete Francis Bacon die essayistische Tradition. Die erste Ausgabe seiner manchmal moralisierenden Essays stammt von 1597.

Seit dem 17. Jahrhundert ist das Genre in Europa sehr populär. Von der Aphoristik von François de La Rochefoucauld bis zu den Charakteren des Jean de La Bruyère gab es mehrere Veränderungen. In der Aufklärungszeit fasste man das Essayistische als die Erfahrung des Verfassers mit Blick auf ethische, politische, philosophische und religiöse Themen auf. So erschienen im Journalismus satirische Essays von Henry Fielding, porträtierende Essays von Samuel Johnson, philosophische Essays von Voltaire, politische Essays von Benjamin Franklin und Persönlichkeiten der Großen Französischen Revolution. In der deutschen Klassik gelten Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder und die Brüder Schlegel als bedeutende Essayisten, in neuerer Zeit die Brüder Heinrich und Thomas Mann, Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge.

Gegenwärtiger Zustand:
Die Entwicklung des Journalismus brachte viele Modifizierungen des Genres mit sich. Außer den erwähnten Essayarten sind der sentimentale, der romantische, der reflektierende, der literarisch-kritische, der humoristische, der populärwissenschaftliche, der biografische, der kunsthistorische, der historische, der futurologische Essay sowie das Essaygespräch zu nennen. Besonders im 20. Jahrhundert nahmen Essays einen festen Platz in Periodika ein. Im Fernsehen gibt es keine Essays, jedoch seit 1950 in anspruchsvollen Hörfunkprogrammen, zum Teil mit verteilten Sprechern. Aktuell präsent sind Radio-Essays zum Beispiel in den Sendungen Essay und Diskurs im Deutschlandfunk und im Kulturmagazin Mosaik (WDR 3).

Forschungsstand:
Innerhalb der neueren medienwissenschaftlichen Gattungsforschung gibt es im Gegensatz zur Literaturwissenschaft und Komparatistik nur wenige Studien zu Essays.

Literatur:

Adam, Wolfgang: Der Essay. In: Knörrich, Otto (Hrsg.): Formen der Literatur in Einzeldarstellungen. 2. Auflage. Stuttgart [Alfred Kröner] 1991, S. 88-98.

Bense, Max: Radiotexte. Essays, Vorträge, Hörspiele. Heidelberg [Universitätsverlag Winter] 2000.

Gehring, Petra: Der Essay – ein Verbindendes zwischen Philosophie und Literatur? In: Eckel, Wilfried; Uwe Lindemann (Hrsg.): Text als Ereignis. Programme – Praktiken – Wirkungen. Berlin [de Gruyter] 2017, S. 157-175.

Haas, Gerhard: Essay. Stuttgart [Metzler] 1969.

Lenz, Siegfried: Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur. Drei Essays. München [dtv] 2003.

Nolte, Rainer (Hrsg.): Essays von der Aufklärung bis heute. Berlin [Cornelsen] 1993.

Rohner, Ludwig: Der deutsche Essay. Neuwied/Berlin [Luchterhand] 1966.

Rutschky, Michael: Stichwort Essay: Unterscheidungen ignorieren. In: Dittberner, Hugo (Hrsg.): Kunst ist Übertreibung. Wolfenbütteler Lehrstücke zum Zweiten Buch I. Göttingen [Wallstein] 2003, S. 228-237.

Schärf, Christian: Geschichte des Essays. Von Montaigne bis Adorno. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1999.

Stanitzek, Georg: Essay – BRD. Berlin [Vorwerk 8] 2011.

Zima, Peter V.: Essay / Essayismus. Zum theoretischen Potenzial des Essays. Von Montaigne bis zur Postmoderne. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2012.

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Eckart Roloff
*1944, Dr. phil.; Studium der Publizistik, Soziologie, Politologie und Germanistik in Berlin, München und Salzburg. Nach der Promotion 1972 zum Medizinjournalismus Volontär und Redakteur bei einer Regionalzeitung; bis 1988 Referent im Bundespresseamt Bonn, danach bis 2007 Leiter des Ressorts Wissenschaft beim Rheinischen Merkur in Bonn. Lehraufträge an Universitätsinstituten und Journalistenschulen. Forschungsschwerpunkte: Wissenschaftsjournalismus, Medizin- und Pharmaskandale, Pressegeschichte, Medien in Norwegen, journalistische Textgattungen, erfinderische Geistliche.