Fake News

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Wortherkunft: engl. to fake = fälschen, imitieren; engl. news = Nachrichten

Der Begriff Fake News bezeichnet Artikel, die durch Imitation journalistischer Genres vorsätzlich und wissentlich falsche oder durch Pauschalisierung und Vereinfachung irreführende Informationen präsentieren. Dahinter steckt die Absicht, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren und/oder zu desinformieren. Fake News werden meist auf Online-Plattformen publiziert, insbesondere aber in sozialen Online-Netzwerken verbreitet. In Deutschland sind Fake News bislang vor allem ein Phänomen innerhalb rechtspopulistischer Strömungen (Sängerlaub/Meier/Rühl 2018).

Obwohl gezielte Desinformation kein grundsätzlich neues Phänomen ist, wird es heute als ernsthafte Bedrohung für die politische Meinungsbildung in westlich orientierten Demokratien wahrgenommen. Der Hauptgrund ist, dass sich derartige Fake News in einer digitalisierten Medienumwelt deutlich schneller und räumlich weiter verbreiten und so über soziale Online-Netze wie Facebook starke politische Dynamiken erzeugen können. Symptomatisch dafür war etwa die systematische Verbreitung von Falschinformationen während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 und des Brexit-Referendums im gleichen Jahr (Humprecht 2018). Beides hat dazu beigetragen, politische Entscheider für das Thema zu sensibilisieren. Dies zeigt sich etwa in der Gründung einer Expertengruppe der Europäischen Kommission zu diesem Thema im Jahr 2018 (European Commission 2018).

In der aktuellen kommunikationswissenschaftlichen Forschung zu diesem neuen, sich erst entwickelnden Forschungsfeld gibt es noch keine einheitliche Definition des Phänomens (Tandoc Jr./Lim/Ling 2018). Ein wesentlicher Streitpunkt ist hier, ob ,Fake News‘ als wissenschaftlicher Begriff verwendet werden sollte oder ob es angemessener wäre, stattdessen von Desinformation zu sprechen. Skeptiker verweisen darauf, dass der Ausdruck Fake News von populistischen Bewegungen und Politikern als Kampfbegriff verwendet wird, um die Glaubwürdigkeit von Meldungen zu untergraben, die von professionellen Journalisten erstellt wurden (Vosoughi/Roy/Aral 2018). Diese Taktik ist eingebunden in einen elitenkritischen Populismus, der unabhängige Medien als Medium und Faktor der Meinungsbildung systematisch diskreditiert. Andere Wissenschaftler wie zum Beispiel David Lazer et al. (2018) plädieren dafür, den Begriff gerade nicht populistischen Bewegungen zu überlassen, weil er zum einen den Kern des Phänomens präzise beschreibe und als eingeführter Begriff eine große → öffentliche Aufmerksamkeit auf das Phänomen lenke.

Mit diesen Grundeinschätzungen korrespondieren unterschiedliche Schwerpunktsetzungen hinsichtlich des Kerns des Phänomens. Vosoughi et al. (2018) legen Wert auf die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen → Nachrichten. Sie unterstreichen damit die Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten mit professionellen journalistischen und wissenschaftlichen Methoden systematisch zu überprüfen (sog. Debunking). Dieser erkenntnistheoretische Aspekt sei deutlich wichtiger als das Kalkül der politischen Akteure, die Fake News verbreiten, und die Kommunikationsstrategien, in die Fake News eingebunden seien. Lazer et al. (2018) heben dagegen ausdrücklich hervor, dass der Begriff Fake News die spezifische Kombination aus Falschaussagen einerseits und der Adaption professioneller Nachrichtenformate andererseits reflektiere, die im Ergebnis dazu führen solle, die Aufmerksamkeit des Publikums für eine Botschaft zu maximieren.

Diese strategische Komponente von Fake News wird auch von weiteren Autoren betont: So unterscheiden Allcott und Gentzkow (2017) explizit zwischen Fake News als absichtlich verbreiteten Falschaussagen und anderen Falschmeldungen, die aufgrund von Fehlern in redaktionellen Abläufen der Nachrichtenerstellung trotz aller professionellen Routinen zur →  Qualitätssicherung nicht vermeidbar seien und die umso eher aufträten, je schlechter die Ausbildung von Nachrichtenredakteuren und/oder die Ressourcenausstattung eines → Newsrooms sei (Wardle 2017, siehe dazu auch → Ente).

Andere Autoren heben hervor, dass der strategische Einsatz von Falschmeldungen nicht nur aus politischen, sondern auch aus ökonomischen Motiven heraus stattfinde, um im Sinne des → Click-Baitings mit reißerischen Überschriften und → Teasern die Zugriffszahlen auf das eigene Angebot und damit die eigenen Werbeeinnahmen zu optimieren (Hunt 2016). Gerade deshalb, argumentieren Autoren wie Baym (2005), spiele bei der Analyse von Fake News der Kontext der Veröffentlichung eine wichtige Rolle, um Wirkungspotenziale korrekt einschätzen zu können.

Unabhängig von den strategischen Intentionen kommerzieller und politischer Akteure, die Fake News verbreiten, verwenden sie ähnliche Instrumente, um ihre Ziele zu erreichen (Tandoc/Lim/Ling 2018). Beide streben danach, professionell erstellte Nachrichten hinsichtlich Sprache, Aufbau und visueller Gestaltung möglichst stark zu imitieren, um an eingespielte Routinen zur Nachrichtenrezeption anknüpfen zu können. Insofern lassen sich Fake News entlang ihres Faktengehalts und ihrer Täuschungsabsicht differenzieren von der Nachrichtenparodie bis hin zur geschickt getarnten politischen Falschmeldung einer sorgfältig orchestrierten Desinformationsstrategie.

Gerade der letzte Aspekt prägt die wissenschaftliche Sicht auf die gesellschaftliche Relevanz des Phänomens Fake News. Benannt werden zuallererst negative Auswirkungen auf die Qualität politischer Debatten und das politische Wissen der Wähler (Vosoughi/Roy/Aral 2018). Verbunden damit sind zudem Befürchtungen, dass Fake News die Polarisierung und Aufspaltung von Gesellschaften förderten, da sich bestimmte Subsegmente zunehmend über soziale Medien aus Quellen informierten, die die eigene Sicht auf die Welt bestärken. Die Algorithmen von sozialen Online-Netzwerken oder Newsbots verstärkten diesen Effekt noch (Sunstein 2017).

Literatur:

Allcott, Hunt; Matthew Gentzkow: Social media and fake news in the 2016 Election. In: Journal of Economic Perspectives, 31, 2017, S. 211-236.

Baym, Geoffrey: The Daily Show. Discursive Integration and the Reinvention of Political Journalism. In: Political Communication, 22(3), 2005, S. 259-276. DOI: 10.1080/10584600591006492.

European Commission: A multi-dimensional approach to disinformation – Report of the independent High Level Group on fake news and online disinformation. Luxemburg [Publications Office of the European Union] 2018. Online verfügbar unter: http://ec.europa.eu/newsroom/dae/document.cfm?doc_id=50271

Humprecht, Edda: Where ‘Fake News’ flourishes: A comparison across four western democracies. In: Information, Communication & Society, 2018, S. 1-16.

Hunt, Elle: What is fake news? How to spot it and what you can do to stop it. In: The Guardian, 17.12.2016. Online verfügbar unter: https://www.theguardian.com/media/2016/dec/18/what-is-fake-news-pizzagate

Lazer, David M. J.; Matthew A. Baum; Yochai Benkler; Adam J. Berinsky; Kelly M. Greenhill; Filippo Menczer et al.: The Science of Fake News. In: Science, 359, 2018, S. 1094-1096.

Sängerlaub, Alexander; Miriam Meier; Wolf-Dieter Rühl: Fakten statt Fakes. Verursacher, Verbreitungswege und Wirkungen von Fake News im Bundestagswahlkampf 2017. Berlin [Stiftung Neue Verantwortung e.V.] 2018. Online verfügbar unter: https://www.stiftung-nv.de/sites/default/files/snv_fakten_statt_fakes.pdf

Sunstein, Cass R.: #Republic: Divided Democracy in the Age of Social Media. Princeton [Princeton University Press] 2017.

Tandoc Jr., Edson C.; Zheng Wei Lim; Rich Ling: Defining “Fake News”: A typology of scholarly definitions. In: Digital Journalism, 6, 2018, S. 137-153.

Vosoughi, Soroush; Deb Roy; Sinan Aral: The spread of true and false news online. In: Science, 359, 2018, S. 1146-1151.

Wardle, Claire: Fake News. It’s Complicated. 2017. In: First Draft, 16.02.2017. Online verfügbar unter: https://firstdraftnews.com/fake-news-complicated/

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Lars Rinsdorf
*1971, Prof. Dr., ist Studiendekan des Studiengangs Crossmedia-Redaktion/Public Relations an der Hochschule der Medien Stuttgart. Er hat Journalistik und Raumplanung an der Universität Dortmund studiert und dort 2003 promoviert. Zu seinen Lehr- und Forschungsschwerpunkten gehören Medien- und Verlagsmanagement, Rezeptionsforschung, Forschung und Entwicklung in Medienunternehmen sowie Medienmarken. Kontakt: rinsdorf(at)hdm-stuttgart.de