Feuilleton

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Wortherkunft: frz. feuillet = Blättchen; frz. feuilleton = kleines Seitenformat, etwa ein Drittel des damaligen Druckbogens, entstammt der Druckersprache um 1790

Definition:
Der Begriff steht im deutschen Journalismus für (1) ein Zeitungsressort; (2) subjektiv geformte journalistische Beiträge unterschied­lichen Inhalts; (3) ein erzählendes Textgenre.

Geschichte:
Nach Pariser Vorbild trennten deutsche Zeitungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts den unteren Teil ihrer Seiten mit einer Linie von politischen Nachrichten ab. Die neue Rubrik „unter dem Strich“ wurde mit Gesellschaftsplaudereien und Unterhaltung, auch mit Theaterreferaten oder Buchbesprechungen gefüllt. Das Feuilleton stand und steht damit in der Tradition der ‘gelehrten Artikel’ des 18. Jahrhunderts, emanzipierte die Kunstkritik aber von ihren akademischen Ursprüngen und machte sie einem breiten Publikum zugänglich. Zugleich folgte das Ressort dem Anspruch von Publizisten der Aufklärung, zu belehren und zu vergnügen.

Eine erste Blüte erlebte das Feuilleton im Vormärz. Während politische Berichterstattung durch die Zensur stark eingeschränkt war, verhalf die geistreich-subjektive, oft hintergründige Art, über Kunst und Gesellschaft zu schreiben, mancher Zeitung zum Erfolg. Nach 1848 professiona­lisierte sich der Journalismus und mit ihm das Feuilleton. In Wien und Berlin feierte der Typus des flanierenden Alltagsbeobachters Triumphe (vgl. die dritte Definition des Begriffs). Parallel dazu bildete sich die Kunst­rezension auf hohem Niveau aus (vgl. die Musikkritik Eduard Hanslicks [1993ff.], oder die Theaterkritik Theodor Fontanes).

In der vielfältigen Presselandschaft der Weimarer Republik entwickelte sich das Feuilleton zu einem Hohlspiegel intellektueller Richtungskämpfe. Theaterkritiker wie Alfred Kerr und Herbert Ihering (1986) hatten erheblichen Einfluss auf das Bühnenleben. Die Nationalsozialisten zerschlugen das Feuilleton und ersetzten es durch die Sparte Kulturpolitik; Kritik galt nun als ‘zersetzend’ und hatte der (völkischen) ‘Kunstbe­trachtung’ zu weichen. In der Tagespresse der DDR folgte das Feuilleton den rigiden Maximen einer ‘parteilichen’ Ästhetik, während sich in der Wochenpresse vereinzelt auch eigenständige Stimmen zu Wort meldeten.

Das Feuilleton der Bundesrepublik war nach 1945 vergleichsweise nüchtern und unpolitisch. Rezensierende Kunstbericht­erstattung und Leserservice wurden ausgebaut. In jüngster Zeit zeichnet sich wieder mehr Formenvielfalt sowie eine Öffnung für gesellschaftspo­litische Debatten ab.

Gegenwärtiger Zustand:
Schon in der Publizistik der Aufklärung bildete sich eine prononciert subjektiver Stil aus (vgl. Gotthold Ephraim Lessing, Georg Christoph Lichtenberg). Nach 1800 ging der Begriff Feuilleton vom Ressort auch auf journalistische Texte unterschiedlichen Inhalts über, die durch solche Stilmittel herausragen. So kann eine anspruchsvoll und geistreich gestaltete Musikrezension ‘ein Feuilleton’ werden. Man bezeichnet aber auch eine subjektiv ausgeformte Gerichtsreportage als Gerichtsfeuilleton, einen Reisebericht als Reisefeuilleton, einen politischen Kommentar oder Essay als politisches Feuilleton.

Ein Feuilleton kann schließlich Geschehnisse gestalten, die sich weniger in der nachrichtlich relevanten Außenwelt zutragen als im Subjekt des Beobachters selbst. Der Feuilletonist als Flaneur der Städte sucht Alltagsbegebenheiten, die er neu, oft symbolisch überhöht interpretiert. Erst durch seine sprachliche Bewältigung werden sie zu Ereignissen. Feuilleton bezeichnet also auch eine eigene verdichtende Erzählform. Im heutigen Sprachgebrauch wird diese pointierende Kurzform häufig mit der Glosse gleichgesetzt. Glänzende Schlaglichter auf Mensch und Gesellschaft (Victor Auburtin [1994ff.], Alfred Polgar [1982ff.], Kurt Tucholsky, in der DDR Heinz Knobloch [1973]) stehen in der Geschichte des Genres Feuilleton immer wieder neben affektierter Formulierung von banalen Gedanken. Der Begriff ‘feuilletonistisch’ wird daher häufig auch abwertend gebraucht.

Literatur:

Auburtin, Victor: Gesammelte kleine Prosa. Werkausgabe in Einzelbänden. Miniaturen und Feuilletons aus der Nachkriegszeit. Hrsg. von Peter Moses-Krause. Berlin [Das Arsenal] 1994ff.

Haacke, Wilmont: Handbuch des Feuilletons. 3 Bände. Emsdetten [Lechte] 1951-1953

Hanslick, Eduard: Sämtliche Schriften. Aufsätze und Rezensionen. 7. Bände. Hrsg. von Dietmar Strauß. Wien [Böhlau] 1993ff.

Ihering, Herbert: Theater in Aktion. Kritiken aus drei Jahrzehnten. 1913-1933. Hrsg. von Edith Krull und Hugo Fetting. Berlin [Henschel] 1986

Kauffmann, Kai; Erhard Schütz (Hrsg.): Die lange Geschichte der Kleinen Form. Berlin [Weidler] 2000

Knobloch, Heinz (Hrsg.): Allerlei Spielraum. Feuilletons aus 225 Jahren. Berlin [Der Morgen] 1973

Polgar, Alfred: Kleine Schriften. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki und Ulrich Weinzierl. Werkausgabe in 6 Bänden. Reinbek [Rowohlt] 1982-1986

Reus, Gunter: Ressort: Feuilleton. Kulturjournalismus für Massenmedien. Konstanz [UVK/Ölschläger] 1995

Stegert, Gernot: Feuilleton für alle. Strategien im Kulturjournalismus der Presse. Tübingen [Niemeyer] 1998

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Gunter Reus
*1950, Prof. Dr., ist apl. Professor für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Kulturjournalismus, Pressejournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus(at)ijk.hmtm-hannover.de

Gunter Reus hat Einführungsbeiträge zum → journalistischen Jargon sowie zu → Sprache und Stil im Journalismus geschrieben.