Fotojournalismus

1157

Wortherkunft: Der Begriff Fotojournalismus setzt sich aus den Wörtern „Foto“ (Abkürzung von Fotografie, aus dem Altgriechischen, frei übersetzt „Zeichnen mit Licht“) und „Journalismus“ zusammen.

Definition:
Der Fotojournalismus ist ein Handlungsfeld des Journalismus, „das sich mit der Herstellung, Distribution für und Publikation von Fotografien in journalistischen Medien befasst“ (Grittmann 2019: 130). Zuweilen werden auch die Begriffe Pressefotografie, Dokumentarfotografie, Bildjournalismus oder Editorial Photography verwendet. Im Vordergrund des Fotojournalismus stehen unbewegte (Einzel-)Bilder in Form von Fotografien, die als Medienbilder (Lobinger 2012) in journalistischen Publikationen kontextualisiert und in einem speziellen Bildermarkt gehandelt werden (vgl. Wilke 2008: 38 ff.). Als ein professionelles Arbeitsgebiet orientiert sich der Fotojournalismus „sowohl an fotografischen als auch journalistischen Normen und Funktionen“ und weist darüber hinaus „spezifische Produktionsstrukturen, Organisationen und Arbeitsweisen auf, die die Bilder, ihre Gestaltung und Ikonografie bestimmen“ (Grittmann 2019: 131). Der Fotojournalismus entfaltet sich innerhalb eines komplexen Prozesses journalistischer Bildkommunikation (vgl. Isermann 2014: 127 ff.).

Die beiden wichtigsten Berufsrollen sind der Fotojournalist, auch als Fotoreporter oder Pressefotograf bezeichnet, und der Bildredakteur. Sie unterscheiden sich in Bezug auf verschiedene Arbeitsrollen und arbeiten sowohl festangestellt als auch frei. Während der Fotoreporter für die Produktion zuständig ist, liegt Distribution, Redaktion und Publikation in den Händen des Bildredakteurs. Zu einem gewissen Grad ist heute eine Auflösung der Arbeitsrollen zu beobachten, etwa weil Fotoreporter bildredaktionelle Aufgaben übernehmen oder Textredakteure fotografieren. Innerhalb des Fotojournalismus lassen sich die beiden Felder der Nachrichtenfotografie und der Dokumentarfotografie ausdifferenzieren, die sich vor allem in Bezug auf die involvierten Akteure und Prozesse hinsichtlich der Produktion, der Distribution und der Publikation unterscheiden (vgl. Koltermann 2018: 14). Während die Nachrichtenfotografie tagesaktuell und an Ereignissen orientiert ist, fokussiert sich die Dokumentarfotografie eher auf Themen und nutzt vorrangig die Reportage als Darstellungsform. Als fotojournalistische Formate/Genres werden News Photograph (Nachrichtenbild), unterteilt in Spot News und General News, → Porträt, Feature, Illustration und die Reportage angesehen (vgl. Newton 2008: 3604), die ihre Umsetzung entweder in Form von Einzelbildern oder Serien finden.

Die zentrale gesellschaftliche Aufgabe des Fotojournalismus ist es, den Lesern und Rezipienten visuelle Informationen zur Verfügung zu stellen, um damit über die kritische Begleitung von Ereignissen und Themen zur Meinungsbildung beizutragen. Die zentrale Referenzgröße im Fotojournalismus ist die → Authentizität, die eng mit dem Prinzip der Augenzeugenschaft verbunden ist. Die → Authentizität gilt dabei nicht als eine dem fotografischen Bild inhärente Eigenschaft, sondern als ein professioneller Standard (vgl. Grittmann 2003: 125). Die rechtlichen Bedingungen des Fotojournalismus, vor allem in Bezug auf das Recht am eigenen Bild und die Bildverwertung, sind in Deutschland im Kunsturhebergesetz (KUG) zusammengefasst (vgl. Feldmann 2008: 137 ff.). Darüber hinaus ist der Pressekodex von Relevanz, insbesondere als Leitlinie für bildethische Debatten im Rahmen medialer Selbstkontrolle (vgl. Leifert 2007: 165 ff.). Formen kodifizierter Bildethik finden sich in Form von Codes of Conduct auch innerhalb von Institutionen wie den Nachrichtenagenturen oder den Verbänden. Die wichtigsten Interessenvertretungen für den Fotojournalismus in Deutschland sind der Fotografenverband FREELENS sowie die Journalistengewerkschaften DJV und DJU in ver.di.

Geschichte:
Die Wurzeln des Fotojournalismus liegen in Bezug auf die Fotografie in der Entwicklung fotografischer Negativ-Verfahren und, was den Journalismus betrifft, in der Entstehung einer illustrierten Massenpresse (vgl. Pensold 2015: 7 ff.). Förderlich waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts zudem die Entwicklung von Verfahren, um Fotografie zu drucken (Macias 1990: 21 ff.), die sich im Weiteren verfeinerten, sowie ab den 1920er Jahren die Entwicklung der modernen Kleinbildkamera (vgl. Gidal 1972: 14). Die ideellen Werte liegen hingegen in einer humanistischen Tradition – also einer weltanschaulichen Orientierung an der Menschenwürde und einer thematischen Fokussierung auf sozial Benachteiligte und gesellschaftliche Randgruppen – was vor allem im 20. Jahrhundert die Ausbildung der Dokumentarfotografie entscheidend mitprägte. Zu einer ersten großen Blütezeit des Fotojournalismus kam es in den Zwischenkriegsjahren, zum einen aufgrund der Entstehung bildorientierter Massenblätter wie der „Berliner Illustrirte Zeitung“, zum anderen aufgrund neuer, auf die Fotografie fokussierter, Medienunternehmen wie Dephot oder Ullstein (vgl. Bauernschmitt/Ebert 2015: 43 ff.). Vor allem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Medienkrise der 1970er Jahre gilt als das „goldene Zeitalter des Fotojournalismus“ (vgl. ebd.: 72). Die Expansion von Nachrichtenagenturen wie Associated Press trug zudem zur Entstehung einer globalen visuellen → Öffentlichkeit bei (vgl. Vowinckel 2016: 31). Parallel dazu entstanden Fotografenagenturen wie Magnum, die ausschließlich von Fotojournalisten kontrolliert wurden und eine fotojournalistische Autorenschaft propagierten. Zu einer radikalen Umorientierung im Fotojournalismus, insbesondere hinsichtlich der Arbeitsroutinen und -praktiken, kam es spätestens zum Ende des 20. Jahrhunderts mit dem flächendeckenden Umstieg von analoger auf digitale Fotografie.

Gegenwärtiger Zustand:
Die stetige Bedeutungszunahme fotografischer Bilder im Journalismus in den letzten Jahrzehnten hat erstaunlicherweise nicht zu einer Stärkung des Fotojournalismus geführt. So gibt es – im Unterschied zu den Bilderdiensten der Nachrichtenagenturen und den Bildnachrichtenagenturen – bei Zeitungen und Nachrichtenmagazinen immer weniger festangestellte Fotojournalisten. Darüber hinaus ist der Bildermarkt starken Konzentrations- und Rationalisierungsprozessen ausgesetzt, in den zusätzlich Amateure und semi-professionelle Fotografen als Akteure hinzugestoßen sind und Phänomene wie die Stockfotografie immer wichtiger werden. Für die zunehmend freischaffend arbeitenden Fotojournalisten ist das Corporate Publishing zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle geworden. Des Weiteren wird nach neuen Vermarktungswegen und -strategien gesucht, für die Ausstellungen, Fotobücher und Crowdfunding die zentralen Stichworte darstellen. Die Arbeitsroutinen in der digitalen Bildpraxis entwickeln sich dahingehend weiter, dass von Fotojournalisten immer öfter auch die Produktion von Tonaufnahmen und Bewegtbild gefordert wird. So geht die Entwicklung zunehmend in Richtung von Video-Journalismus und Multimedia-Storytelling. Auch das Smartphone als Arbeitsgerät wird immer wichtiger. Dies nutzen natürlich auch Amateure, deren Bilder vor allem bei → Breaking News in direkter Konkurrenz zu den Fotografien professioneller Fotojournalisten stehen.

Forschungsstand:
Eine eigenständige Fotojournalismusforschung ist trotz der Bedeutung von Bildern im Journalismus bis heute nicht auszumachen, auch wenn diese immer wieder eingefordert wird (Koltermann 2020). Teilbereiche des Fotojournalismus werden jedoch von unterschiedlichen Disziplinen wie der Visuellen Kommunikationsforschung, den Visual Culture Studies, der Visual History sowie der Kunst- und Bildwissenschaft beforscht. Grundsätzlich ist dabei eine Präferenz für das fotografische Bild gegenüber der Beschäftigung mit Akteuren und Strukturen des Fotojournalismus zu beobachten. Anknüpfungspunkte an andere Forschungsfelder der Kommunikationswissenschaft bieten etwa die Untersuchung zu Fotonachrichtenfaktoren (Rössler/Kersten et al. 2011). Ein zentraler Forschungsgegenstand der letzten Jahre war die Rolle von Amateurfotografien (Andén-Papadopoulos 2011; Isermann 2015). Verschiedene, eher medienethnographisch ausgerichtete Arbeiten nahmen darüber hinaus die Produktionsbedingungen bei den Nachrichtenagenturen in den Blick (Gürsel 2016; lan 2019). Neuere Forschungen beschäftigen sich mit dem Fotojournalismus aus einer multimodalen Perspektive (Pfurtscheller 2017), → Stockfotografie (Runge 2018) sowie journalistischen Bildern auf verschiedenen Ausspielkanälen, insbesondere den Social-Media-Plattformen (Kanter/Koltermann 2020).

Literatur:

Andén-Papadopoulos, Kari; Mervi Pantti: Amateur images and global news. Bristol/Chicago [intellect] 2011.

Bauernschmitt, Lars; Michael Ebert: Handbuch des Fotojournalismus. Heidelberg [dpunkt] 2015.

Feldmann, Dirk: Rechtliche Bedingungen im Fotojournalismus. In:  Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammann (Hrsg.): Global, lokal, digital: Fotojournalismus heute. Köln [von Halem] 2008, S. 137-164.

Gidal, Tim: Deutschland. Beginn des modernen Photojournalismus. Bucher [Luzern] 1972.

Grittmann, Elke: Die Konstruktion von Authentizität. Was ist echt an den Pressefotos im Informationsjournalismus? In: Knieper, Thomas; Marion G. Müller (Hrsg.): Authentizität und Inszenierung von Bilderwelten. Köln [von Halem] 2003, S. 123-149.

Grittman, Elke: Fotojournalismus und journalistische Bildkommunikation in der digitalen Ära. In: Lobinger, Katharina (Hrsg.): Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung, Wiesbaden [Springer VS] 2019, S. 125-143.

Gürsel, Zeynep Devrim: Image Brokers: Visualizing World News in the Age of Digital Circulation. Oakland [University of California Press] 2016.

Ilan, Jonathan: The international photojournalism industry. New York [Routledge] 2019.

Isermann, Holger: Digitale Augenzeugen: Entgrenzung, Funktionswandel und Glaubwürdigkeit im Bildjournalismus. Wiesbaden [Springer VS] 2014.

Kanter, Heike; Felix Koltermann: Astro-Alex auf dem Weg zur ISS: Kontextwandel bildjournalistischer Kommunikation im digitalen Journalismus. In: Brantner, Cornelia; Katharina Lobinger; Maria Schreiber: Vernetzte Bilder. Visuelle Kommunikation in Sozialen Medien. Köln [von Halem] 2020 (In Vorbereitung).

Koltermann, Felix: Fotoreporter im Konflikt: Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina. Bielefeld [transcript] 2017.

Koltermann, Felix: Auf dem Weg zu einer Fotojournalistik – Plädoyer für eine angewandte Fotojournalismusforschung. In: Journalistik 3, 2019.

Leifert, Stefan: Bildethik: Theorie und Moral im Bildjournalismus der Massenmedien. München [Fink] 2007.

Lobinger, Katharina: Visuelle Kommunikationsforschung: Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden [VS Verlag] 2012.

Macias, José: Die Entwicklung des Bildjournalismus. München [Saur] 1990.

Newton, Julianne H.: Photojournalism. In: Donsbach, Wolfgang (Hrsg.): The International Encyclopedia of Communication Band 8, Malden [Blackwell Publishing] 2008, S. 3604 – 3609.

Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus: Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Pfurtscheller, Daniel: Visuelle Zeitschriftengestaltung Nachrichtenmagazine als multimodale Kommunikationsformen. Insbruck [Insbruck University Press] 2017.

Runge, Evelyn: Bilddatenbanken, Social Media und Artificial Intelligence. In: POP. Kultur und Kritik, Jg. 12 (2018), S. 108-113.

Rössler, Patrick; Jan Kersten, et al.: Fotonachrichtenfaktoren als Instrument zur Untersuchung journalistischer Selektionsentscheidungen. In:  Jandura, Olaf; Thorsten Quandt, Jens Vogelsang (Hrsg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden [VS Verlag] 2011, S. 205-221.

Stiftung Deutsches Historisches Museum/ullstein bild: Die Erfindung der Pressefotografie, Berlin [Hatje Cantz] 2017.

Wilke, Jürgen: Der Bildermarkt in Deutschland – Akteure, Vermarktungswege, Handelsgebräuche, Markttendenzen. In: Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammann (Hrsg.): Global, lokal, digital: Fotojournalismus heute. Köln [von Halem] 2008, S. 36-50.

Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.

TEILEN
Vorheriger ArtikelReich-Ranicki, Marcel
Nächster ArtikelStockfotografie
Felix Koltermann
*1979, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover. Leitung eines Postdoc-Forschungsprojekts über bildredaktionelle Praktiken im digitalen Zeitungsjournalismus. Arbeitsschwerpunkte: Visuelle Kommunikation, zeitgenössischer Fotojournalismus, visuelle Medienkompetenz. Kontakt: felix.koltermann (at) hs-hannover.de

Keine Beiträge vorhanden