Heinrich Heine

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Heine, Christian Johann Heinrich (geb. Harry), geb. 13.12.1997 in Düsseldorf, gest. 17.02.1857 in Paris.

Heinrich Heine kommt 1797 (vielleicht auch 1799) in Düsseldorf zur Welt, das während seiner Kindheit französisch besetzt und deshalb relativ freiheitlich ist. Er wächst mit drei jüngeren Geschwistern, darunter Gustav, dem späteren Herausgeber des Wiener Fremden-Blatts, in der assimilierten, von starkem Erfolgsstreben geprägten jüdischen Familie des Tuchhändlers Samson Heine auf, der tatsächlich nur mäßig erfolgreich ist. Besonders seine Mutter Betty beseelt ihn früh mit sozialem Ehrgeiz.

Trotz der kommerziellen Misserfolge des Vaters legt die Familientradition ihm nahe, zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet den Erfolg zu suchen. Entsprechende Bemühungen durch Aufenthalte bei den Bankiers Rindskopff in Frankfurt und Salomon Heine, dem Bruder des Vaters in Hamburg, scheitern jedoch früh. Bei Letzterem kommt eine ebenso heftige wie unerwiderte Liebe zu dessen Tochter Amalie hinzu. Die Erfahrung des Liebesschmerzes wird für Heines Lyrik lebenslang prägend bleiben.

Fortan richtet sich sein Ehrgeiz auf das Gebiet von Kunst und Wissen sowie deren öffentliche Präsentation. Er reüssiert mit der Publikation von Gedichten (Buch der Lieder, 1827) und Reiseberichten (Die Harzreise, 1826; Reisebilder, 1826-31). Nebenbei studiert er in Bonn, Göttingen und Berlin Jurisprudenz (Rechtswissenschaft), hört Vorlesungen von August Wilhelm Schlegel und Georg Wilhelm Friedrich Hegel und schließt sich dem Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden sowie dem Salon von Rahel und Karl August Varnhagen von Ense an. Schon 1822 schreibt er eine Serie von Briefen aus Berlin, die anonym in der Kulturbeilage des Rheinisch-Westfälischen Anzeigers in Hamm erscheint und früh seine Affinität zum Journalismus erkennen lässt.

1825, nach der Promotion zum Doktor der Rechte, lässt er sich taufen und nimmt den Vornamen Heinrich an, um seine Berufschancen als Jurist zu verbessern. Aber auch als Getaufter jüdischer Herkunft widerfährt ihm Ausgrenzung, Benachteiligung und Missachtung. Er schlägt mit gleicher Waffe zurück: Über die Homosexualität des Dichters August Graf von Platen macht er sich ebenso lustig wie dieser zuvor über sein Judentum – eine Auseinandersetzung, die beiden „Außenseitern“ (Hans Mayer) geschadet hat. 1831 entschließt er sich zur Übersiedlung nach Paris, wo die Juli-Revolution ihm wie anderen Emigranten Hoffnung auf ein freieres Leben und publizistisches Arbeiten als unter der Zensur in Deutschland macht.

In Paris arbeitet Heine von Anfang an als Journalist – genauer: als Korrespondent der in Augsburg erscheinenden Allgemeinen Zeitung. 1832 erscheint dort anonym eine Artikelserie aus seiner Feder, die er ein Jahr später mit seinem Autorennamen zu einem Buch mit dem Titel Französische Zustände bündelt. Von Literaturwissenschaftlern werden diese Zeitungsartikel als „Vorabdrucke“ (Karl Pörnbacher) klassifiziert. Heine verstand sie jedoch als die entscheidende Publikationsform, wie sein Engagement für möglichst rasches Erscheinen der Tagesberichte (frühe → Reportagen) vom Aufstand gegen das Regime Louis Philippes zeigt.

Heines modernes Journalistentum zeigt sich auch am „Zerwürfnis“ (Hans Magnus Enzensberger) mit Ludwig Börne. In dessen Briefen aus Paris hatte Börne ihm politische Indifferenz, mangelnden Patriotismus, ästhetische Verspieltheit statt republikanischer Gesinnung vorgeworfen und damit eine Tradition der Kritik an Heine begründet, die nicht nur Karl Kraus bis ins 20. Jahrhundert fortgesetzt hat. Heine antwortet mit einer Denkschrift Über Ludwig Börne (1840), in der er über dessen beständiges politisches „Kannengießen“, seinen revolutionären Eifer und aufdringlichen Stil spottet. Damit legt er eine kritische Distanz zu programmatischer Parteilichkeit an den Tag, die in Deutschland erst über ein Jahrhundert später als Kennzeichen → unabhängiger Publizistik anerkannt werden sollte.

In den 1840er Jahren schreibt Heine eine lange Serie von → Feuilletons für die Allgemeine Zeitung, deren analytischer Tenor sich als politische Psychologie kennzeichnen lässt. Wie er sich kritisch in die Handlungsweisen von König Louis Philippe oder Ministerpräsident Adolphe Thiers hineindenkt, ist eine Kunst, die dem deutschen Journalismus im 21. Jahrhundert verloren gegangen zu sein scheint. Heine hat sich nicht gescheut, um der Anschaulichkeit willen auch fiktionale Passagen in seine politischen Feuilletons einzustreuen. Im Unterschied zu Theodor Fontane macht Heine solche Passagen allerdings als fiktionale kenntlich. Auch diese Praxis des Deklarierens spricht für sein Journalistentum.

Am deutlichsten wird Heines modernes journalistisches Selbstverständnis in seiner Einleitung in die französische Version der Lutetia, des Buchs, in dem er später seine Korrespondenzen aus dem Paris dieser Zeit gesammelt hat: Engagement für Kommunikationsfreiheit durch Unterlaufen äußerer und redaktionsinterner „Zensur“, Verbergen eigener Meinung hinter korrekt und leidenschaftslos mitgeteilten Fakten, vor allem aber, dass Informationen mittels reizvollem Stil bei einem möglichst großen Publikum ankommen.

Als professionelles Modell ist Heine für den Journalismus von überragender Bedeutung. Das zeigt sich auch daran, dass er vom Durchschnitt befragter deutschsprachiger Chefredakteure immer noch an die Spitze der bedeutsamten Journalisten aller Zeiten gesetzt wird. Das hat drei Gründe:

Erstens ist an Heine abzulesen, welch produktive Rolle dem Judentum für die Modernisierung der europäischen Literatur und besonders des Journalismus zukommt.

Zweitens zeigt sich an ihm, dass für die Modernisierung des Journalismus eine zunehmende Konzentration auf die Aufgabe → Öffentlichkeit kennzeichnend ist und gleichzeitig eine abnehmende Bindung an politische und andere nicht-publizistische Aufgaben und Programme.

Drittens demonstriert Heine wie kein Zweiter die Wichtigkeit ästhetischen Schöpfertums für die journalistische Arbeit. Dass sich bei ihm ausgerechnet Lyrik mit Journalismus verbindet, ist kein Zufall. Für Lyrik ist Fiktionalität im Unterschied zu Epik und Dramatik nicht charakteristisch, im Journalismus stellt sie eine legitime, im Interesse von Anschaulichkeit und Unterhaltsamkeit nützliche Ausnahme dar, solange sie als solche erkennbar ist.

Vom Vorbild Heine können Journalisten lernen, die erkannt haben, dass in der digitalen Medienwelt die Zukunft ihres Berufs statt in der raschen, ereignisgetriebenen Übermittlung von Nachrichten in einer Orientierungsfunktion liegt, die darauf zielt, den Alltag zu verstehen und neben gründlicher → Recherche auch literarisch anspruchsvolle → Darstellungsformen verlangt.

Literatur:

Enzensberger, Hans Magnus (Bearb.): Ludwig Börne und Heinrich Heine: Ein deutsches Zerwürfnis. Leipzig [Reclam] 1991

Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Gesamtausgabe in sechs Bänden. München [dtv] 1997

Heine, Heinrich: Französische Zustände. In: Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Gesamtausgabe in sechs Bänden. Band 5: Herausgebeben von Karl Pörnbacher. München [dtv] 1997

Karady, Victor: Gewalterfahrung und Utopie. Juden in der europäischen Moderne. Frankfurt/M. [Fischer] 1999

Kraus, Karl: Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur. Ausgewählt und erläutert von Christian Wagenknecht. Stuttgart [Reclam] 1986

Langenbucher, Wolfgang R.; Irmgard Wetzstein: Der real existierende Hochkulturjournalismus. Über Personen, Werke und einen Kanon. In: Eberwein, Tobias; Daniel Müller (Hrsg.): Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2011, S. 387-409

Liedtke, Christian: Heinrich Heine. Reinbek bei Hamburg [Rowohlt] 1997

Mayer, Hans: Außenseiter. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1977

Pöttker, Horst: Heines Tagesberichte für die „Allgemeine Zeitung”. Ein Beitrag zu Geschichte und Bestimmung der Reportage, in: Jarren, Otfried; Gerd G. Kopper; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung. Medium mit Vergangenheit und Zukunft. Eine Bestandsaufnahme. Festschrift aus Anlaß des 60. Geburtstages von Hans Bohrmann. München [Saur] 2000, S. 27-46

Pöttker, Horst: Modellfall Heinrich Heine. Über das Verhältnis von Journalismus und Schriftstellertum in Deutschland. In: Hahn, Oliver; Roland Schröder (Hrsg.): Journalistische Kulturen. Internationale und interdisziplinäre Theoriebausteine. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008, S. 56-75

Pöttker, Horst: Jude und Deutscher. Heinrich Heine als Pionier des modernen Journalismus. In: Marten-Finnis, Susanne; Michael Nagel (Hrsg.): Die PRESSA. Internationale Presseausstellung Köln 1928 und der jüdische Beitrag zum modernen Journalismus. The PRESSA. International Press Exhibition Cologne 1928 and the Jewish Contribution to Modern Journalism. Band/Volume 2, Bremen [edition lumière] 2012, S. 347-373

Pöttker, Horst: „Alles Weltwichtige an Ort und Stelle betrachten und behorchen“. Heinrich Heine als Protagonist des modernen Journalismus. In: Pöttker, Horst; Alexander I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, S. 92-145

Reus, Gunter: Ironie als Widerstand. Heinrich Heines frühe Feuilletons „Briefe aus Berlin” und ihre Bedeutung für den modernen Journalismus. In: Blöbaum, Bernd; Stefan Neuhaus (Hrsg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2003, S. 159-172

Steinberg, Werner: Der Tag ist in die Nacht verliebt. Halle (Saale) [Mitteldeutscher Verlag] 1960

Werner, Michael: Der Journalist Heine. In: Höhn, Gerhard (Hrsg.): Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1991, S. 295-313