Interview

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Interview_WikimediaImages_pixabay_comWortherkunft: engl. interview = Befragung; Zusammensetzung aus lat. inter = zwischen u. engl. view = sehen; basierend auf frz. entrevue = (verabredete) Zusammenkunft

Definition:
Der Begriff ‚Interview‘ bezeichnet gleichzeitig ein Genre und eine → Recherchemethode zur Informationsgewinnung. Als journalistisches Genre stellt es einen dialogischen Text dar, in dem der Journalist einen Akteur (gelegentlich auch mehrere) befragt.

Das Frage-Antwort-Schema ist eine Grundregel des Interviews; Abweichungen kommen zwar vor (z. B. Feststellungen oder Meinungsäußerungen des Journalisten; Gegenfragen des Akteurs), werden aber zuweilen als Regelverstöße betrachtet, obwohl sie die kommunikative Qualität erhöhen. Das Interview unterscheidet sich von längeren Formen (Gespräch, Talkshow), die mehr Elemente eines symmetrischen Dialogs enthalten. Im Unterschied zu anderen journalistischen Grundformen (wie → Nachricht und → Bericht) dient das Interview weniger dazu, objektive (auf andere Weise recherchierbare) Fakten zu ermitteln, als vielmehr, subjektive Erfahrungen, Einschätzungen oder Prognosen zu erfragen. Nach reinen Fakten wird dann gefragt, wenn die interviewte Person die einzige Quelle oder eine von mehreren sich widersprechenden Quellen ist. Aus der Sicht des Journalisten hat seine Gesprächsführung ermittelnde sowie vermittelnde Aufgaben. Im Interview werden Informationen (Sachverhalte, Beurteilungen, Standpunkte) nicht nur erfragt, sondern auch dem Zielpublikum verständlich gemacht.

Geschichte:
Als eigenständiges journalistisches Genre ist das Interview in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in US-Zeitungen nachgewiesen. Bis zu dieser Zeit begrenzten die Journalisten die Wiedergabe des Gesprächs auf Zitate, die den Text beleben sollten. Zuerst erschienen Interviews nur vereinzelt. Seit den 1890er Jahren nahm dieses Genre immer mehr Platz in den Zeitungsspalten ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitete sich das Interview auch in Europa, gewann Popularität und rief Veränderungen im Status des Journalisten hervor. Er wandelte sich von einem unpersönlichen Nacherzähler eines Gesprächs zu einem Gesprächspartner bedeutender politischer Persönlichkeiten oder Künstler. Berichte über Gespräche zwischen Journalisten und Akteuren gab es Ende des 19. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachgebiet. Formen, bei denen der Befrager in kritische Distanz zum Befragten geht, setzten sich allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch.

Gegenwärtiger Zustand:
Das Genre ‚Interview‘ lässt sich nach funktionalen oder thematischen Gesichtspunkten unterteilen. Die hauptsächlichen Funktionen sind Information und Analyse. Im Informationsinterview tritt der Gesprächspartner als Faktenlieferant oder auch Zeuge eines Ereignisses auf. Im analytischen Interview wird eine Sache aus dem Blickwinkel des Interviewpartners beurteilt. Im Vordergrund steht dessen Kompetenz, ein Problem, das die → Öffentlichkeit angeht, zu erklären und zu bewerten. Das analytische Interview besteht in der Regel aus drei Teilen: In der Einleitung macht der Journalist den Gesprächspartner und das Publikum mit dem Thema bekannt. Im Frage-Antwort-Teil leitet er mit Hilfe seiner Fragen die Diskussion und vermittelt die Einschätzungen des Interviewten bezüglich des Themas oder seiner Person. Im abschließenden Teil bietet eine rückblickende oder weiterführende Frage die Möglichkeit zu einer Zusammenfassung oder einem Ausblick. Unter Umständen formuliert der Interviewer selbst eine kurze Schlusssequenz.

Möglich ist auch eine thematische Klassifikation. Traditionell ist die Aufteilung in Interviews zur Sache (z. B. das Fach-lnterview, bei dem ein Experte seine Positionen zu einem Thema oder Ereignis, das der Journalist vorgegeben hat, darlegt, wobei der Journalist durch seine Fragen den Verlauf des Gesprächs modelliert) und Interviews zur Person (z. B. das Prominenteninterview, in dem eine bekannte Persönlichkeit über sich selbst und ihre künstlerische oder politische Biographie spricht).

In der journalistischen Praxis unterscheiden sich Interviews stark durch die Beziehung zwischen Kommunikator und Akteur (Nähe oder Ferne – etwa aus Gründen der persönlichen Bekanntheit, der sozialen Stellung oder der unterschiedlichen fachlichen Kompetenz). Dies drückt sich z. B. in der thematischen Einengung, in der Frageweise oder in der Länge der Wortbeiträge aus. Kritische Distanz zwischen den Beteiligten demonstrieren u.a. Interviews mit Politikern zu kontroversen aktuellen Themen. Sie sind gekennzeichnet durch eine Vielzahl an geschlossenen Fragen, kritische Nachfragen oder auch metakommunikative Kommentare. Wohlwollende Nähe findet man hingegen in Interviews mit Prominenten, die aus ihrem Leben erzählen, oder auch mit sozial benachteiligten Personen, mit deren Anliegen sich der Kommunikator identifiziert. Hier werden eher offene Fragen gestellt, die Ansichten des Interviewten oft nicht problematisiert. Als heikel gelten Interviews mit Experten, die gegenüber dem Befrager einen Informationsvorsprung haben (z. B. Ärzte oder Wissenschaftler), gleichzeitig aber entschieden die Interessen einer Akteursseite (Verband, Forschungsrichtung, politische Instanz) vertreten.

Das Interview wird oft als Element komplexer Informationsangebote eingesetzt, z. B. als Bestandteil einer Nachrichtensendung, einer Hintergrundseite in der Zeitung oder eines thematisch einheitlichen Magazins. Das Interview als eigenständige Form (etwa als wiederkehrende Sendung oder als längerer Printbeitrag) erfordert vom Journalisten umfangreiches Wissen über das Thema und die Persönlichkeit des Gegenübers, Standfestigkeit und Reaktionsfähigkeit, vor allem aber Beharrlichkeit in Bezug auf die vom Interviewten erwartete Information. Die Atmosphäre des Gesprächs hängt stark von den Fragen des Journalisten und der (auch medialen) Umgebungssituation ab. Nicht zuletzt steuert aber auch die interviewte Person mit ihrer Erfahrung und Einstellung den Charakter des Gesprächs – zum Beispiel durch die Länge der Antworten, freiwillige Zusatzinformationen oder Abweichen vom interviewtypischen Rollenverhalten (etwa durch Rückfragen, Schweigen, Metakommunikation).

In Printmedien wird im Interview entweder die Frage-Antwort-Abfolge übernommen oder die Antworten werden in einen berichtenden, reportierenden oder porträtierenden Text eingebaut. In Hörfunk, Fernsehen und Online-Medien ermöglicht die Wiedergabe in Audio- und Video-Formaten (aufgezeichnet oder live) besondere → Authentizität. Im Online-Journalismus sind heute sehr lange und ungekürzte Interviews möglich, die von den dramaturgischen Zwängen der knappen Print- Radio- und Fernsehformen befreit sind.

Forschungsstand:
Als Erhebungsmethode wird das Interview in den Sozialwissenschaften ausführlich beschrieben. Als journalistische Textform wird es seit den 1980er Jahren vermehrt vor allem mit linguistischen und diskursanalytischen Methoden untersucht.

Literatur:

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001

Friedrichs, Jürgen; Ulrich Schwinges: Das journalistische Interview. 4. Auflage. Opladen/Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016

Haller, Michael: Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. 5. Auflage. Konstanz [UVK] 2013

Häusermann, Jürg; Heiner Käppeli: Rhetorik für Radio und Fernsehen. 2. Auflage. Aarau / Frankfurt/M. [Sauerländer] 1994

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

Scannell, Paddy (Hrsg.): Broadcast Talk. London u.a. [Sage] 1991

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Jürg Häusermann
*1951, Prof. Dr., ist seit 1993 Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er studierte in Zürich und Moskau Germanistik, Russistik und Französische Linguistik. Nach dem Studium war er als freier Journalist (u.a. Schweizer Radio und Fernsehen SRF) und als Dozent in der journalistischen Aus- und Fortbildung tätig. Forschungsschwerpunkte: Mediensprache, Medienrhetorik, Analyse der Hörmedien.