Korrespondierender Journalismus

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In seiner Dissertation aus dem Jahr 1928 Die Entstehung des deutschen Journalismus unterteilte Dieter Paul Baumert die ihm damals bekannte Geschichte des Journalismus in vier Perioden. Die Periode nach dem → Präjournalismus und vor dem → schriftstellerischen Journalismus und schließlich dem → redaktionellen Journalismus bezeichnete er als korrespondierenden Journalismus.

Diese Periode umfasst in Baumerts Geschichte des deutschen Journalismus die Zeit unmittelbar nach Beginn des Zeitungswesens. Der Wolfenbütteler Aviso von 1609 galt lange Zeit als älteste Zeitung der Welt und gab der damaligen Presse als Avisen (vom frz. Wort für ‘Nachricht’) ihren Namen. Neuere Forschung aber konnte nachweisen, dass Johann Carolus 1605 in Straßburg mit seiner Relation die Zeitung erfunden hat (Weber 2005; Welke 2008). Anschließend verbreitete sich das neue Medium vor allem im Laufe des Dreißigjährigen Krieges in Europa.

Dennoch kann man in dieser Periode des korrespondierenden Journalismus kaum Spuren von Journalismus erkennen. Baumert benennt sie nach den Korrespondenten der Zeit. Diese waren „mehrheitlich nebenberufliche Lohnschreiber“ (Adrians 2011: 28) und berichteten recht wahllos von dem, was sie in den Städten, meist Verkehrsknotenpunkte, erfuhren. Anschließend fanden die Korrespondenzen der Korrespondenten ihren Weg zumeist unverändert in die Zeitungen; eine Redaktion des Stoffes fand nicht statt. Eine entsprechende Verarbeitung oder Einordnung hätte den Drucker oder Postmeister, der die Zeitung machte, schlichtweg überfordert, wie Holger Böning (2008: 222f.) treffend formuliert hat: „Jede Kommentierung oder gar Meinungsäußerung des im Verhältnis zu den Abonnenten zumeist weniger qualifizierten Nachrichtenübermittlers war nicht nur entbehrlich, sondern sie wäre absurd gewesen.“ Insofern trugen Korrespondenten in Baumerts Augen die einzige journalistische Funktion und auch einzige journalistische Erwerbschance (1928: 34).

Weil diese Akteure aber eindeutig außerhalb der Zeitungsunternehmung standen, muss auch die Phase des korrespondierenden Journalismus eigentlich als präjournalistisch klassifiziert werden (vgl. Stöber 2005: 15). Dies sieht im Übrigen auch Baumert so, für den der korrespondierende Journalismus nur ein halber Journalismus ist. Denn begibt er sich von der Akteursebene auf die Medienebene, so bezeichnet er die Zeitungen im 17. und 18. Jahrhundert als reine Nachrichtenblätter. Auch aufgrund noch nicht ausdifferenzierter Darstellungsformen und fehlender Einordnung der Nachrichten ist diesem Urteil über die Epoche zuzustimmen.

Baumert orientierte sich stark an den jeweils prägenden Akteuren, weshalb die bedeutenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in seiner Bestandsaufnahme deutlich unterrepräsentiert bleiben (Birkner 2012). Davon abgesehen ist Baumerts Beschreibung des Journalismus der Zeit der Napoleonischen Kriege und des Vormärz auch heute noch lesbar und eingängig, gerade aufgrund ihrer Holzschnittartigkeit (Baumert 2013).

Literatur:

Adrians, Frauke: Journalismus und Journalisten im frühen 17. Jahrhundert. In: Medien und Zeit, 2, 2011, S. 26-34

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München [Duncker & Humblot] 1928

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013

Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

Böning, Holger: Von der ‚unpartheyischen’ Berichterstattung zum Meinungsjournalismus. Der pressegeschichtliche Umbruch nach dem Ende des Alten Reiches. In: North, Michael; Robert Riemer (Hrsg.): Das Ende des Alten Reiches im Ostseeraum. Wahrnehmungen und Transformationen. Köln/Weimar/Wien [Böhlau] 2008, S. 221-237

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

Weber, Johannes: Straßburg 1605: Die Geburt der Zeitung. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 7, 2005, S. 3-26

Welke, Martin: Johann Carolus und der Beginn der periodischen Tagespresse. Versuch, einen Irrweg der Forschung zu korrigieren. In: Welke, Martin; Jürgen Wilke (Hrsg.): 400 Jahre Zeitung. Die Entwicklung der Tagespresse im internationalen Kontext. Bremen [Edition Lumière] 2008, S. 9-122

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Thomas Birkner
*1977, Dr., Akademischer Rat auf Zeit am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er lehrt und forscht in den Bereichen Journalismusforschung, Politische Kommunikation, Kommunikationsgeschichte und Mediensystemforschung. Kontakt: thomas.birkner(at)uni-muenster.de

Thomas Birkner hat einen Einführungsbeitrag zu → Typen und Formen des Journalismus geschrieben.