Liberales Modell

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Wortherkunft: ‘liberal’ von lat. liber = frei

Der Begriff steht für ein von den Kommunikationswissenschaftlern Hallin und Mancini (2004) bestimmtes Grundmodell zur Spezifizierung der → journalistischen Kultur in der anglo-amerikanischen Sphäre.

Das liberale Modell ist eines von drei Modellen, das die Kommunikationswissenschaftler Daniel C. Hallin und Paolo Mancini im Jahr 2004 zur Kennzeichnung und Typisierung einer journalistischen Kultur für industrialisierte Staaten entwickelt haben. Weitere Modelle sind das im südeuropäischen Raum anzutreffende → polarisiert-pluristische Modell und das in Nord- und Zentraleuropa vorherrschende → demokratisch-korporatistische Modell. Die Modelle sind die Grundlage für viele Studien innerhalb der vergleichenden europäischen Journalismusforschung.

Das liberale oder auch nordatlantische Modell ordnen Hallin und Mancini (vgl. 2004: 198f.) den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, Großbritannien und Irland zu. Das Modell ist typisch für jene Länder, in denen sich die Massenpresse früh entwickelt hat, in denen sich die kommerzielle Massenpresse aufgrund ihrer Marktdominanz relativ früh entwickeln konnte und die traditionell auf eine liberale politische Kultur zurückblicken. Obwohl der amerikanische und britische Journalismus, damit eingeschlossen Kanada und Irland, in vielerlei Hinsicht sehr verschieden sind, eint sie das Prinzip eines informationsorientierten Journalismus mit Betonung einer menschlichen, lesernahen Note (vgl. Hallin/Mancini 2003: 23).

Die amerikanische Presse steht für das Prinzip der Objektivität, während die britische Presse oftmals Partei einnehmend ist. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Vereinten Königreich, die BBC, wird dagegen deutlich von politischer Kontrolle ferngehalten; ebenso verhält es sich in Kanada und Irland (vgl. Hallin/Mancini 2004: 235f.). Die gemeinsame Einordnung in das liberale Modell begründen die Kommunikationswissenschaftler unter anderem mit dem kaum regulierten Mediensystem und der starken Professionalisierung von Journalismus in beiden Sphären – besonders im Bereich investigativer Recherche (vgl. Hallin/Mancini 2004: 217ff.).

Bis auf wenige Ausnahmen schwach sind institutionelle Organisationen zur Medienregulierung. Die liberale journalistische Kultur kennzeichnet sich aber durch Systeme innerbetrieblicher → Selbstkontrolle sowie durch die stark betonte Unabhängigkeit von Nachrichtenjournalisten.

Besonders die USA können überdies auf eine lange Geschichte offizieller journalistischer Ausbildung zurückblicken (vgl. Hallin/Mancini 2004: 218). Ohnehin nehmen die USA innerhalb des liberalen Modells eine Sonderstellung ein: Das Rechtssystem stellt Pressefreiheit über andere gesellschaftliche Interessen – und das Prinzip einer gesamtgesellschaftlichen Öffentlichkeit, hergestellt durch einen nach Objektivität strebenden Journalismus, wird in ganz besonderer Weise geachtet (vgl. Hallin/Mancini 2003: 24f.).

Die Betonung der Neutralität im journalistischen Kontext führen Hallin und Mancini (vgl. 2003: 25) – vor allem in den USA – auf die liberale Weltanschauung zurück. In allen vier Staaten haben Zeitungen mit Verbindungen zu bestimmten organisierten gesellschaftlichen Gruppen viel weniger Bedeutung als im demokratisch-korporatistischen Modell. Trotz der Gemeinsamkeiten ordnet der Medienwissenschaftler Roger Blum (vgl. 2006) etwa Großbritannien und Irland in einer sechsgliedrigen Klassifizierung eher einem „nordeuropäischen Public-Service-Modell“ als einem „atlantischen Liberalismus-Modell“ zu.

Literatur:

Blum, Roger: Einleitung. Politische Kultur und Medienkultur im Wechselspiel. In: Blum, Roger; Peter Meier; Nicole Gysin (Hrsg.): Wes Land ich bin, des Lied ich sing? Medien und politische Kultur. Bern/Stuttgart/Wien [Haupt] 2006, S. 11-23

Hahn, Oliver; Roland Schröder (Hrsg.): Journalistische Kulturen. Internationale und interdisziplinäre Theoriebausteine. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008

Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Comparing Media Systems. Three Models of Media and Politics. Cambridge [Cambridge University Press] 2004

Hallin, Daniel C; Paolo Mancini (Hrsg.): Comparing Media Systems Beyond the Western World. Cambridge [Cambridge University Press] 2012

Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Drei Modelle von Medien, Journalismus und politischer Kultur in Europa. Grundlegende Überlegungen zu einer komparativen europäischen Journalismusforschung. In: Kopper Gerd G.; Paolo Mancini (Hrsg.): Kulturen des Journalismus und politische Systeme. Probleme internationaler Vergleichbarkeit des Journalismus in Europa – verbunden mit Fallstudien zu Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland. Berlin [Vistas] 2003, S. 11-28

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Andreas Sträter
*1985, Master of Arts Journalistik, promoviert an der Technischen Universität Dortmund über das Öffentlichkeitsverständnis der Länder auf der Arabischen Halbinsel. Freiberuflich arbeitet er für den WDR und verschiedene Tageszeitungen. Arbeitsschwerpunkte: Journalistische Kulturen, Journalismus in der Arabischen Welt, Transparenz und Media Accountability, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: andreas.straeter(at)tu-dortmund.de

Zu journalistischen Kulturen hat Andreas Sträter einen → Einführungsbeitrag geschrieben.