Massenkommunikation

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Herkunft: Kompositum aus dt. Masse = große Menge und lat. communicatio = Mitteilung, Teilnahme

Der Begriff Massenkommunikation suggeriert, dass große Menschenmengen durch Medien gleich oder ähnlich informiert werden. Doch weil Information stets kognitiv erzeugt wird, kann Massenkommunikation kein homogener Verbreitungsprozess sein, sondern die Medien ermöglichen es ihren → Publika, ihre Angebote ganz unterschiedlich zu deuten und zu nutzen. Daher gibt Chaffee zu bedenken, dass Prozesse, die oberflächlich Massenkommunikation zu sein scheinen, vielleicht nur die Summe vieler Individualkommunikationen sind, und auch Bouman wendet sich gegen die Unterstellung einer gesellschaftlichen Nivellierung durch Medienangebote (Chaffee 1972; Bouman 1968).

Die Vorstellung von Massenkommunikation resultiert aus der inzwischen verworfenen soziologischen Theorie der Massengesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Einzelnen als entwurzeltes und isoliertes Wesen betrachtete, das den → publizistischen Medien schutzlos ausgeliefert sei. ‚Massenmenschen‘ werden also als unmündig betrachtet und die Medien einer Elite zugerechnet, die das Volk mehr oder weniger wohlmeinend zu führen hat – ein autoritäres Modell, das manche auch im Zeitalter digitaler Kommunikationsnetze noch fasziniert.

Für Massenmedien ist charakteristisch, dass sie technische Speicher-, Vervielfältigungs- und Verbreitungsmittel verwenden, dass die Rollen der Kommunikanten asymmetrisch festgelegt sind (Monologstruktur), dass diese räumlich und/oder zeitlich disparat agieren, dass das Publikum anonym und heterogen ist und dass dennoch die Sender ihren Empfängern und die Empfänger einander ähnliche Rezeptionsweisen und Informationen unterstellen. Massenmediale Kommunikation schafft außerdem breite Zugänglichkeit (Verbreitungsmedien), Erwartungssicherheit (→ Aktualität, Periodizität) und zeitliche Unabhängigkeit (Speichermedien). Dabei können sich die → Kommunikatoren nicht an individuellen Adressaten orientieren, sondern nur an Statistiken und allgemeinen Vorstellungen von ihnen. Und weil sie die Angesprochenen zumeist nicht direkt beobachten können, können sie den Erfolg ihrer Bemühungen nur selten unmittelbar kontrollieren.

Massenmedien sind ‚Push-Medien‘, die viele Menschen mit dem gleichen Angebot versorgen (one to many). ‚Pull-Medien‘ bieten dagegen eine Fülle von Angeboten, aus denen jeder Nutzer diejenigen auswählen kann, die er bevorzugt (many to one); aktuelle Beispiele sind Streaming-Dienste oder → Mediatheken (individualisierte Massenkommunikation). In sozialen Medien können die Nutzer aber auch ‚one to one‘ kommunizieren (Individualkommunikation), sich interaktiv vernetzen, soziale Beziehungen herstellen und pflegen, miteinander spielen oder bei der Produktion von Mitteilungen zusammenarbeiten (many to many). Anders als bei der konventionellen Massenkommunikation sind hier nur geringe Zugangsvoraussetzungen und Kenntnisse erforderlich, die Programme sind relativ leicht zu handhaben (→ usability), es gibt kaum Zeitverzug (just in time) und es sind keine festen Regeln vorgegeben.

Soziale Medien ermöglichen ein hohes Maß an Partizipation, sozialer Selbstorganisation und Mobilisierung. Zugleich wird im öffentlichen Diskurs aber auch Vertrauensverlust durch Anonymität beklagt, inhaltliche Beliebigkeit und Belanglosigkeit beanstandet und auf die Gefahr allgemeiner Realitätsferne durch Fiktionalität und → Fakes hingewiesen. Außerdem können aus der zunehmenden Diversifikation und Fragmentierung kommunikativer Prozesse in sog. → ‚Filterblasen‘ gesellschaftliche Integrationsprobleme entstehen, die die Diskussion allgemeiner Anliegen und Themen erschweren.

Literatur

Bouman, Pieter J.: Grundlagen der Soziologie. Stuttgart [Enke] 1968.

Chaffee, Steven H.: The Interpersonal Context of Mass Communication. In: Kline, F. Gerald; Phillip J. Tichenor (Hrsg.): Current Perspectives in Mass Communication Research. Beverly Hills [Sage Publ.] 1972, S. 95-120.

Kemper, Peter; Alf Mentzer; Julika Tilmans (Hrsg.): Wirklichkeit 2.0 – Medienkultur im digitalen Zeitalter. Stuttgart [Reclam] 2012.

Merten, Klaus: Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Bd. 1. Münster [LIT] 2000.

Michaelis, Daniel; Thomas Schildhauer (Hrsg.): Social Media Handbuch. 2. Auflage. Baden-Baden [Nomos] 2012.

Neuberger, Christoph: Ambivalenzen des Öffentlichkeitswandels. In: Zeitschrift für theoretische Soziologie, 3. Jg., 2014, S. 287-294.

Neuberger, Christoph: Konflikt, Konkurrenz und Kooperation. Interaktionsmodi in einer Theorie der dynamischen Netzwerköffentlichkeit. In: Medien und Kommunikationswissenschaft, 62. Jg., 2014, S. 567-587.

Schmidt, Siegfried J.; Guido Zurstiege: Orientierung Kommunikationswissenschaft. Reinbek bei Hamburg [Rowohlt TBV] 2000.

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Joachim Westerbarkey
*1943, Prof. Dr., war bis 2009 Hochschullehrer an der Westfälischen Wilhelms-Uni­versität Münster. Er lehrte in Münster, Dortmund und Düsseldorf Kommunikationswissenschaft. Arbeitsschwerpunkte: Kommunikations- und Medientheorien, Public Relations, Diskursanalyse, Filmanalyse. Kontakt: jom.westerbarkey (at) web.de

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