Nachricht

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news_bluebay_clipdealer_comWortherkunft: Kurzform von frühnhd. Nachrichtung (17. Jh.) = das, wonach man sich zu richten hat, Anweisung; später in der Bedeutung einer ‘Mitteilung’ gebräuchlich

Definition:
Die Nachricht ist ein stark standardisiertes Informationsgenre, das der raschen, auf das Wesentliche konzentrierten Unterrichtung des Publikums über aktuelle, mehr oder weniger bedeutsame Ereignisse dient. Nachrichten enthalten keine Wertungen und folgen den mitgeteilten Ereignissen nicht chronologisch, sondern sind nach dem Relevanz-Prinzip aufgebaut. Das Wichtigste wird am Anfang, nach einer knappen Quellenangabe, im so genannten → Lead-Satz mitgeteilt, der eine Reihe von W-Fragen (Wer? Wann? Wo? Was?, evtl. Wie?) beantwortet. Antworten auf weitere W-Fragen (Warum? Wozu?) finden sich im so genannten Nachrichten-Body, der in absteigender Relevanzfolge ergänzende Mitteilungen enthält. Das Aufbauprinzip der Nachricht wird ‘umgekehrte Pyramide’ oder nur ‘Pyramide’ genannt.

Geschichte:
Nachrichten in Pyramidenform zu schreiben, hat sich zwischen 1870 und 1890 im amerikanischen Journalismus durchgesetzt und wird seitdem als professioneller Standard tradiert und gelehrt. Davor wurden Nachrichten in der Regel in chronologischer Form und, soweit die Zensur es zuließ, mit Wertungen durchsetzt verfasst (alter, narrativer Nachrichtenstil). Da die Zeitungen in derselben Phase dazu übergingen, die von Agenturen oder Korrespondenten übernommenen Texte innerhalb der Redaktionen so zu bearbeiten, dass das Publikum sie leichter aufnehmen kann (Kürzung, Überschriften, Illustrationen, Rubriken, Ressort-Seiten), ist auch die Pyramidennachricht auf das Bemühen unter Konkurrenzdruck stehender Verlage und Journalisten zurückzuführen, durch ‘inside editing’ die kommunikative Qualität des Produkts Zeitung zu verbessern.

In europäischen Zeitungen wurde das Attentat von Sarajewo, das 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste, teilweise noch in chronologischer Form gemeldet. In Skandinavien setzte sich die Pyramidenform in den 1920er Jahren durch, in Deutschland endgültig erst mit der Übernahme des angelsächsischen Journalismus-Paradigmas in der Besatzungszeit nach 1945. Während Objektivitätsnorm und Pyramidenform in Osteuropa seit dem Zusammenbruch der sowjetischen Herrschaft an Boden gewinnen, scheint ihre Bedeutung in Westeuropa und Nordamerika aufgrund neuer Medienentwicklungen heute wieder etwas abzunehmen.

Gegenwärtiger Zustand:
Aufgrund ihrer kommunikativen und ökonomischen Vorteile (rasche Rezipierbarkeit sowie schnelle und kostengünstige Produktion) ist die Pyramide die am stärksten verbreitete Nachrichtenform. Sie wird besonders von den Nachrichtenagenturen, aber auch Journalisten aller Massenmedien (Presse, Radio, Fernsehen, Online-Medien) praktiziert. Sie ist eine zentrale Komponente des Curriculums der → Aus- und Fortbildung von Journalisten auf der ganzen Welt. Ihre Beherrschung wird oft mit journalistischer Professionalität gleichgesetzt.

Bei aller Zweckmäßigkeit wirft die Pyramide allerdings auch Probleme auf. Bei Pressenachrichten in Pyramidenform müsste die → Überschrift z. B. Informationen enthalten, die im Lead-Satz wiederholt werden, was Leser ermüden kann. Zeitungen gehen unterschiedlich mit diesem Problem um; eine vollkommen zufrieden stellende Lösung gibt es nicht. Ein weiteres Dilemma der Pyramidenform ist, dass bei abnehmender → Relevanz die → Spannung und damit die Lust des Rezipienten aufs Weiterlesen oder -hören abnimmt. Nachrichten werden rasch, aber oft nicht vollständig und gründlich aufgenommen.

Forschungsstand:
Sowohl in der westlichen als auch in der osteuropäischen Journalistik war lange der Mythos verbreitet, die Pyramidenform der Nachricht sei im amerikanischen Bürgerkrieg entstanden – entweder wegen der noch unzuverlässigen Telegrafentechnik, die es den Korrespondenten habe geraten erscheinen lassen, das Wichtigste gleich im ersten Satz zu übermitteln; oder wegen der Nachrichtenpolitik des Kriegsministers der Union, Edwin M. Stanton, der versucht habe, mit Hilfe pyramidenförmiger Pressemitteilungen die öffentliche Meinung im Sinne seiner Relevanzentscheidungen zu steuern. Beides kann nicht zutreffen, da Pyramiden-Nachrichten vereinzelt auch schon vor dem Bürgerkrieg nachzuweisen sind und da ihr Anteil in den amerikanischen Zeitungen erst in den 1870er Jahren signifikant zunimmt, mit einem starken Schub zwischen 1880 und 1890.

Ebenfalls nicht überzeugend ist daher die gelegentlich vertretene These, die Pyramiden-Nachricht habe sich erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Wechsel vom klassisch-humanistischen zum pragmatisch-technokratischen Bildungsideal während der ‘Progessive Era’ durchgesetzt. Dass in der Journalistik lange technologische, politologische und kulturwissenschaftliche Erklärungen für die Entstehung der professionellen Nachrichtenform dominierten, zeigt eine problematische Tendenz, Hervorbringungen des Journalismus auf äußere Faktoren statt auf seine genuinen Aufgaben und Funktionen zurückzuführen.

Literatur:

Andriefski, Peter; Peter Hackenschmidt; Kurt Rose (1989): Die Nachricht als journalistisches Genre. Studientexte zur journalistischen Methodik. Leipzig [Karl-Marx-Universität Sektion Journalistik] 1989

Deutsche Presse-Agentur (Hrsg.): Alles über die Nachricht. Das dpa-Handbuch. Starnberg [Schulz] 1998

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG] 2001

Jipp, Karl-Ernst: Wie schreibe ich eine Nachricht? Eine Anleitung mit vielen Beispielen und Übungen. Stuttgart [Bertelsen] 1990

Mindich, David T. Z.: Just the Facts. How „Objectivity“ Came to Define American Journalism. New York/London [New York University Press] 1998

Pöttker, Horst: News and its Communicative Quality: The Inverted Pyramid – when and why did it Appear? In: Journalism Studies, 4, 2003, S. 501-511

Schiller, Dan: Objectivity and the News. The Public and the Rise of Commercial Journalism. Philadelphia [University of Pennsylvania Press] 1981

Schudson, Michael: Discovering the News. A Social History of American Newspapers. New York [Basic Books] 1978

Shaw, Donald L. (1967): News Bias and the Telegraph. A Study of Historical Change. In: Journalism Quarterly, 1, 1967, S. 3-12

Stensaas, Harlan: Development of the Objectivity Ethic in U.S. Daily Newspapers. In: Journal of Mass Media Ethics, 1, 1986, S. 50-60

Stephens, Mitchell: A History of News. Fort Worth/London [Harcourt Brace] 1997

Warren, Carl: Modern News Reporting. 2. Auflage. New York [Harper & Brothers] 1944

Weischenberg, Siegfried: Nachrichtenschreiben. Journalistische Praxis zum Studium und Selbststudium. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1988

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Horst Pöttker
*1944, Prof. Dr., war bis 2013 Professor an der Technischen Universität Dortmund. Seit 2015 ist er Seniorprofessor an der Universität Hamburg, darüber hinaus Lehrbeauftragter der Universität Wien. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte des Journalismus, Berufsethik, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: horst.poettker(at)tu-dortmund.de

Horst Pöttker hat drei Einführungsbeiträge geschrieben: zur → Geschichte des Journalismus, → Berufsethik sowie → journalistischen Genres.