Öffentlichkeit

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menschenmenge_keijj44_pixabay_comWortherkunft: Vor dem 18. Jahrhundert existierten der Terminus Öffentlichkeit oder seine Äquivalente in keiner europäischen Sprache. Älter sind viele Ableitungen von lat. publicus = öffentlich, was damals vor allem staatliche Zugehörigkeit signalisierte (daher: öffentlicher Dienst). Vom lateinischen Ursprung leiten sich so zentrale Begriffe ab wie die Republik (= res publica) oder das Publikum. Öffentlichkeit taucht unter den westeuropäischen Sprachen vor allem in Deutschland auf. Als Ableitung von ‘offen’ bezeichnet der Terminus Dinge, die weder privat noch geheim sind.

Definition:
Öffentlichkeit wird seit zwei Jahrhunderten in Deutschland diskutiert und entzieht sich inzwischen jeder klaren Definition (Hohendahl 2000). Bei erster Annäherung kann zwischen Öffentlichkeit als Sachverhalt und als Begriff unterschieden werden (Hölscher 1979). Als Sachverhalt ist die Zuordnung einfach: Öffentlichkeit ist bei freier Zugänglichkeit gegeben, historisch etwa bei Gerichtsverhandlungen und Parlamentssitzungen. Das Grundgesetz der Bundesrepublik schreibt vor (Artikel 42,1): „Der Bundestag verhandelt öffentlich.“ In diesem Sinne ist Öffentlichkeit immer dann gegeben, wenn Zugänglichkeit für die Allgemeinheit garantiert ist. Diese Zugänglichkeit kann sowohl direkt, über Medien, wie auch virtuell (im Internet) hergestellt werden.

Geschichte:
Viel komplexer erweist sich Öffentlichkeit als Begriff. In seiner ursprünglichen Bedeutung verstand er sich als Kampfbegriff eines im 18. und 19. Jahrhundert selbstbewusster werdenden Bürgertums, das sich in das politische Handeln der Herrschenden einmischen will (Schiewe 2004). Voraussetzung zur Entstehung einer derartigen Sphäre der bürgerlichen Selbstverständigung war die Befreiung der Presse vom Joch der Zensur. Das Konzept der ‘bürgerlichen Öffentlichkeit’ wurde durch Jürgen Habermas bekannt, der es in seiner Darstellung mit einer Klage über deren Strukturwandel verband, da sie später von der Kulturindustrie erobert und vermachtet worden sei. Sein Ansatz betonte das Recht jedes Bürgers, am öffentlichen Diskurs teilzunehmen, weshalb es als Diskursmodell bezeichnet wird (Habermas 1990, erstmals veröffentlicht 1962).

In späteren Ansätzen beschreibt er eine Öffentlichkeit, die das Räsonnement eines sich gegenseitig aufklärenden Volkes im öffentlichen Gebrauch der Vernunft gewährleisten soll. Damit wird Öffentlichkeit eng mit Aufklärung verknüpft und erhält ihre zentrale normative Kodierung. Angesichts der beobachtbaren Vermachtung von Massenmedien wurde die Forderung auf Herstellung einer ‘Gegenöffentlichkeit’ erhoben (Negt/Kluge 1972), wie sie heute vor allem in Bezug auf das Internet konzeptionell reaktiviert wird.

Gegenwärtiger Zustand:
Angestoßen von Habermas‘ Thesen hat sich eine lebendige Diskussion über den gegenwärtigen Stand der Öffentlichkeit entfaltet. So wird darauf verwiesen, dass Öffentlichkeit drei Funktionsbestimmungen zukomme: Sie soll offen sein für alle gesellschaftlichen Gruppen (Transparenzfunktion), in ihr sollen Öffentlichkeitsakteure mit den Meinungen anderer diskursiv umgehen (Validierungsfunktion), und öffentliche Kommunikation soll öffentliche Meinungen erzeugen, die das Publikum wahrnehmen und akzeptieren kann (Orientierungsfunktion) (Neidhardt 1994). Aus systemtheoretischer Perspektive entstand ein Spiegelmodell, bei dem die Selbstbeobachtung und die Herstellung einer Selbstbeschreibung von Gesellschaft mittels Öffentlichkeit im Mittelpunkt steht (Gerhards 1994).

In einer typologischen Sicht erscheint Öffentlichkeit historisch als ein Forum, verdeutlicht an den Märkten (Agora) der altgriechischen Stadtstaaten (Polis), auf denen neben Waren auch Informationen ausgetauscht wurden. Wenn Menschen zu örtlich und zeitlich fixierten kommunikativen Ereignissen zusammenkommen, eignet sich die Metapher der Arena. Modernen Massenmedien kommt dann die Aufgabe zu, gleichermaßen Forum und Arena zu sein, wobei die Aufgabe der Journalisten ist, die vielfältigen Parzellierungen der hochdifferenzierten Gesellschaft zu überwinden und in ihrer Verantwortung zur Formung einer öffentlichen Agenda beizutragen.

Von ihrer Funktion her kann Öffentlichkeit als intermediäres System verstanden werden, welches zwischen dem politischen System und den Bürgern angesiedelt ist. Ein anderer Ansatz fragt nach den Ebenen von Öffentlichkeit, wobei zwischen den Ebenen des Encounter (einem Begriff aus der Psychologie, der Begegnung und damit spontane Öffentlichkeit meint), der Themen- und Versammlungs-Öffentlichkeit (die einen gewissen Organisationsgrad aufweist) und der Medien-Öffentlichkeit (mit hoher Organisation und der Bereitstellung von Themen von Journalisten) unterschieden wird (Neidhardt 1994). Eine weitere Differenzierung kennt latente (nichtteilnehmende), passive (geringe Beteiligung) und aktive Öffentlichkeit (regelmäßige, zielorientierte Beteiligung) (Dahrendorf 1975; 2002). Spätestens seitdem eine eigene ‘feminine’ Öffentlichkeit entdeckt wurde, die von spezifisch weiblichen Kommunikationsformen geprägt ist, wird von Teilöffentlichkeiten gesprochen, die sich je nach Gender, Räumen, Ethnien etc. differenziert etablieren.

In den letzten Jahren wurde im Zusammenhang mit den demokratischen Defiziten des europäischen Integrationsprojekts häufig der Mangel an europäischer Öffentlichkeit beklagt. Tatsächlich gibt es fast keine europäischen Medien, die eine derartige Öffentlichkeit aufbauen könnten. Deshalb wurde einerseits die Forderung nach der Stärkung europäischer Medien erhoben, andere sahen in der Europäisierung nationaler Medien eine Lösung (Hagen 2004). Im europäischen Kontext wurden ganz neue Sichtweisen entwickelt. Als Habermas’ Studie über den Strukturwandel der Öffentlichkeit 1990 in die englische Sprache übersetzt wurde, verbreitete sich international der Begriff ‘Public Sphere’, welcher der Öffentlichkeit eine Raum-Dimension zuweist (und damit die Notwendigkeit öffentlicher Räume) und sie mit der europäischen Tradition von öffentlich-rechtlich organisierten Medien (fachlich auch Public-Service-Medien genannt) verknüpft, die in besonderer Weise geeignet sind, Öffentlichkeit herzustellen.

Forschungsstand:
Die vielen Facetten der Debatte machen eine eindeutige Definition unmöglich. Grob gesagt, lässt sich die Argumentation in eher normativ geprägte (Habermas 1990; Negt/Kluge 1972) und eher funktional orientierte (Neidhardt 1994; Gerhards 1994) Ansätze unterteilen. Einig sind sich die Autoren allerdings darin, dass eine funktionierende Öffentlichkeit (oder Öffentlichkeiten) grundlegend für eine überlebensfähige Demokratie ist. Öffentlichkeit definiert dabei eine Sphäre außerhalb des Staates, in der Bürger – angestoßen von und artikuliert über Medien – das politische Geschehen kritisch und diskursiv begleiten. Gerade am Beispiel Europas wird deutlich, dass ein Mangel an Öffentlichkeit immer auch als Mangel an Demokratie empfunden wird.

Literatur:

Dahrendorf, Ralf: Aktive und passive Öffentlichkeit. In: Grube, Frank; Gerhard Richter (Hrsg.): Demokratietheorien. Konzeptionen und Kontroversen. Hamburg [Hoffmann und Campe] 1975, S. 76-80

Dahrendorf, Ralf: Aktive und passive Öffentlichkeit. Über Teilnahme und Initiativen im politischen Prozeß moderner Gesellschaften. In: Haas, Hannes; Wolfgang R. Langenbucher: Medien- und Kommunikationspolitik. Ein Textbuch zur Einführung. Wien [Braumüller] 2002, S. 26-35

Gerhards, Jürgen: Politische Öffentlichkeit. Ein system- und akteurstheoretischer Bestimmungsversuch. In: Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994, S. 77-105

Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1990

Hagen, Lutz M. (Hrsg.): Europäische Union und mediale Öffentlichkeit. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde zur Rolle der Medien im europäischen Einigungsprozess. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2004

Hohendahl, Peter Uwe (Hrsg.): Öffentlichkeit. Geschichte eines kritischen Begriffs. Stuttgart/Weimar [J. B. Metzler] 2000

Hölscher, Lucian: Öffentlichkeit und Geheimnis. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung zur Entstehung der Öffentlichkeit in der frühen Neuzeit. Stuttgart [Klett-Cotta] 1979

Negt, Oskar; Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1972

Neidhardt, Friedhelm: Einleitung. In: Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994, S. 7-41

Schiewe, Jürgen: Öffentlichkeit – Entstehung und Wandel in Deutschland. Paderborn [Ferdinand Schöningh] 2004

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Hans J. Kleinsteuber
*1943, † 2012, Prof. Dr., war von 1976 bis 2012 Professor für Politische Wissenschaft und seit 1982 für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg, seit 2008 als Professor Emeritus. Beide Fachrichtungen verband er 1988 durch die Gründung der interdisziplinären Forschungsstelle Medien und Politik. Seine Bestandsaufnahme Die USA – Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Eine Einführung (erstveröffentlicht 1974) wurde zum Standardwerk, jedoch war er auch als Sachverständiger in Untersuchungskommissionen des Deutschen Bundestags tätig. So gehörten zu seinen Forschungsschwerpunkten Medienpolitik, Medienökonomie und Medientechnik, politische Kommunikation in Deutschland und aus vergleichender Perspektive, speziell Europa und Nordamerika sowie Reisejournalismus.