Polarisiert-pluralistisches Modell

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Wortherkunft: ‘polarisiert’ von frz. polariser, aus lat. polus, griech. polos, ‘Pol’, eigentlich ‘Drehpunkt’, zu griech. pelein = sich bewegen, hier: in eine feste Schwingungsrichtung bringend, sich zu Gegensätzen bewegen; pluristisch von lat. plural = Mehrzahl, auf dem Pluralismus basierend, vielfältig

Der Begriff steht für ein von den Kommunikationswissenschaftlern Hallin und Mancini (2004) bestimmtes Grundmodell zur Spezifizierung der → journalistischen Kultur in der südeuropäisch-mediterranen Sphäre.

Das polarisiert-pluralistische Modell ist eines von drei Modellen, das die Kommunikationswissenschaftler Daniel C. Hallin und Paolo Mancini im Jahr 2004 zur Kennzeichnung und Typisierung einer journalistischen Kultur für industrialisierte Staaten entwickelt haben. Weitere Modelle sind das im nord- und zentraleuropäischen Raum anzutreffende → demokratisch-korporatistische Modell und das angelsächsisch geprägte → liberale Modell. Die Modelle sind die Grundlage für viele Studien innerhalb der vergleichenden europäischen Journalismusforschung.

Das polarisiert-pluralistische Modell (auch mediterranes Modell genannt) kennzeichnet die journalistische Kultur in Südeuropa. Länder, in denen dieser Typus vorherrscht, sind Hallin und Mancini (vgl 2004: 89) zufolge Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Als Merkmale werden die Staatsnähe der Medien und die Abhängigkeit der Medien zur Politik beschrieben (vgl. Hallin/Mancini 2004: 119ff.).

Der Journalismus gilt als meinungsbetont, politisch Partei ergreifend und als leicht instrumentalisierbar. Die Printmedien richten sich zuvorderst an ein Elitepublikum und weniger an die Masse, so dass die Auflagen der gedruckten Medien – mit starken Auflagen-Schwankungen in Frankreich – vergleichsweise gering sind (vgl. Hallin/Mancini 2004: 98ff.). Die Zeitungen werden häufig mit politischen Tendenzen identifiziert und neigen stärker dazu, zwischen politischen Eliten zu verhandeln als Öffentlichkeit für die breite Masse herzustellen (vgl. Hallin/Mancini 2003: 17f.). Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist stark politisiert.

Aufgrund des engmaschigen Verhältnisses zwischen Medien und Politik gilt der Journalismus in der südeuropäischen Sphäre als schwach professionalisiert (vgl. Hallin/Mancini 2003: 19). Vor allem im Vergleich zum demokratisch-korporatistischen Modell gibt es in den polarisiert-pluralistischen Staaten eine schwächere Entwicklung von Berufsorganisationen und kaum Organe institutioneller → Medienselbstkontrolle.

Historisch ist die Entwicklung der journalistischen Kultur in Südeuropa mit einer langsamen Entwicklung des Kapitalismus und einer schwachen Bourgeoisie, also dem Bürgertum, zu begründen; die Pressefreiheit entwickelte sich spät (vgl. Hallin/Mancini 2004: 89ff.).

Der von Hallin und Mancini benutzte Begriff des polarisierten Pluralismus stammt von dem italienischen Politikwissenschaftler Giovanni Sartori (vgl. 1976: 131ff.), der polarisiert-pluralistische Systeme als solche definiert, in denen viele politische Parteien mit zum Teil frappierend unterschiedlichen Ideologien miteinander konkurrieren. Dieses politische Muster führte in seinem Ursprung zu starken Konflikten hinsichtlich der Bestandssicherung liberaler Institutionen. Aus diesem Verständnis schlussfolgern die Kommunikationswissenschaftler (vgl. Hallin/Mancini 2003: 20) die starke Politisierung der Massenmedien und das geringe Interesse an gesamtgesellschaftlicher Öffentlichkeit. Für Frankreich gibt es bezüglich vieler Merkmale des polarisiert-pluralistischen Systems Ausnahmen.

Literatur:

Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Comparing Media Systems. Three Models of Media and Politics. Cambridge [Cambridge University Press] 2004

Hallin, Daniel C; Paolo Mancini (Hrsg.): Comparing Media Systems Beyond the Western World. Cambridge [Cambridge University Press] 2012

Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Drei Modelle von Medien, Journalismus und politischer Kultur in Europa. Grundlegende Überlegungen zu einer komparativen europäischen Journalismusforschung. In: Kopper Gerd G.; Paolo Mancini (Hrsg.): Kulturen des Journalismus und politische Systeme. Probleme internationaler Vergleichbarkeit des Journalismus in Europa – verbunden mit Fallstudien zu Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland. Berlin [Vistas] 2003, S. 11-28

Sartori, Giovanni: Parties and Party Systems. A Framework for Analysis. Cambridge/London/New York [Cambridge University Press] 1976

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Andreas Sträter
*1985, Master of Arts Journalistik, promoviert an der Technischen Universität Dortmund über das Öffentlichkeitsverständnis der Länder auf der Arabischen Halbinsel. Freiberuflich arbeitet er für den WDR und verschiedene Tageszeitungen. Arbeitsschwerpunkte: Journalistische Kulturen, Journalismus in der Arabischen Welt, Transparenz und Media Accountability, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: andreas.straeter(at)tu-dortmund.de

Zu journalistischen Kulturen hat Andreas Sträter einen → Einführungsbeitrag geschrieben.