Präjournalismus

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Der Begriff des Präjournalismus geht auf Dieter Paul Baumerts Dissertation aus dem Jahr 1928 Die Entstehung des deutschen Journalismus zurück. Baumert unterteilte damals die ihm bekannte Geschichte des Journalismus in vier Perioden. Auf eine präjournalistische Periode folgten die Perioden des → korrespondierenden Journalismus sowie des → schriftstellerischen Journalismus und schließlich des → redaktionellen Journalismus.

Die Periode des Präjournalismus bezeichnet in Baumerts Geschichte des deutschen Journalismus die Zeit bis zum Beginn des Zeitungswesens. Vor der Erfindung der Zeitung habe es keinen Journalismus gegeben, sondern „sporadische, grundsätzlich nicht berufsmäßige Nachrichtenbedarfsbefriedigung“ (1928: 17). Der Präjournalismus umfasst für Baumert das Mittelalter und die Frühe Neuzeit.

Insgesamt geht Baumert von Journalismus als Beruf aus und orientiert sich hierbei an Max Webers berühmter Schrift Politik als Beruf von 1919. Entsprechend meint Baumert (1928: 8), von Journalismus könne erst „in neuerer Zeit“ gesprochen werden, da er „eine besondere Kombination spezialisierter und spezifizierter Leistungen darstellt, die literarisch wie beruflich, technisch wie sozial zusammen mit anderen Leistungen die materielle Grundlage einer Person bildeten und noch bilden.“ Hieran wird die Akteurszentriertheit von Baumerts Ansatz deutlich, der dann in den folgenden Perioden Korrespondenten und Schriftsteller zu Trägern des Journalismus erklärt.

Für seine Zeit des Präjournalismus erläutert Baumert (1928: 8f.), habe man gar „den berufsmäßigen Dichter und Spielmann wegen seiner teilweise auf die aktuellen Geschehnisse eingestellten Poesie auch einen ‘wandernden‘ Journalisten genannt.“ Tatsächlich suchen auch heute noch Wissenschaftler nach Spuren von Journalismus in der Antike oder aber im Mittelalter (Brandt/Bünting 2011; Huttner 2011). Auf der Akteursebene sieht Baumert (1928: 22) im wandernden Spielmann wegen seiner „beruflich geistigen Tätigkeit im Dienste der Öffentlichkeit“ einen Präjournalisten. Trennschärfer ist sein Begriff auf der Medienebene. Die briefliche oder auch geschriebene Zeitung wie zum Beispiel jene der Fugger nennt er als Frühformen, ebenso die Newe Zeitungen, aber auch politische und religiöse Flug- und Streitschriften (1928: 25).

Baumert arbeitet letztlich mit den uns heute noch geläufigen Kriterien für journalistische Medien im Allgemeinen und Zeitungen im Speziellen. Deshalb können die Publikationen der Epoche, wie die Messrelationen des Michael von Aitzing „wegen ihrer Aktualität, semestralen Periodizität und öffentlichen Verbreitung präjournalistische Erzeugnisse genannt werden. Allerdings weichen sie inhaltlich wegen mangelnder Vielseitigkeit und formell wegen ihrer buchartigen Erscheinungsform – sie wurden später sogar neu aufgelegt – vom Zeitungstyp ab“ (1928: 28). Ohne Zeitung, so Baumert, kein Journalismus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Phaseneinteilung nach Baumert gerade wegen ihrer Holzschnittartigkeit, aber auch wegen ihrer einprägsamen Begriffe, als sehr funktional erwiesen hat und Baumert eine auch heute noch lesbare Beschreibung des Journalismus der Zeit der Napoleonischen Kriege und des Vormärz liefert (Baumert 2013). Kritisch anzumerken bleibt, dass seine Phasen, auch in ihrer Begrifflichkeit, stark an den jeweils prägenden Akteuren orientiert sind, und so die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen unterrepräsentiert bleiben (Birkner 2012).

Literatur:

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München [Duncker & Humblot] 1928

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. Baden-Baden [Nomos] 2013

Birkner, Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

Brandt, Rüdiger; Karl-Dieter Bünting: Journalisten im deutschen Mittelalter? In: Medien und Zeit, 2, 2011, S. 14-25

Huttner, Ulrich: Vorläufer des Journalismus in der Antike. In: Medien und Zeit, 2, 2011, S. 4-13

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

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Thomas Birkner
*1977, Dr., Akademischer Rat auf Zeit am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er lehrt und forscht in den Bereichen Journalismusforschung, Politische Kommunikation, Kommunikationsgeschichte und Mediensystemforschung. Kontakt: thomas.birkner(at)uni-muenster.de

Thomas Birkner hat einen Einführungsbeitrag zu → Typen und Formen des Journalismus geschrieben.