Pressekonferenz

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Die Pressekonferenz ist eine Veranstaltung, auf der Unternehmen, Vereine, Parteien oder andere Institutionen über Begebenheiten informieren, die für sie und die → Öffentlichkeit von Belang sind. Dazu laden sie möglichst viele Medienvertreter ein. Typische Anlässe einer PK (so heißt die Pressekonferenz im → Jargon der Medienmacher) sind zum Beispiel die Jahresbilanz einer Firma, die Eröffnung eines neuen Geschäftes, die Einweihung eines Bauwerkes, personelle Veränderungen an der Spitze von Körperschaften, Vorhaben in der Kommunalpolitik oder der Tourneestart eines Showstars. Aber auch Routineereignisse wie die Spiele der Fußballbundesliga werden regelmäßig von Pressekonferenzen begleitet.

Pressekonferenzen finden gern an besonderen Orten statt (zum Beispiel auf einem Baugelände, im Labor oder im Tonstudio), um die Attraktivität für die geladenen Journalisten zu erhöhen. Denn der Informationswert einer PK ist nicht immer hoch, sie zu besuchen kostet Zeit und ihr Ablauf ist selten spektakulär: Auf die Begrüßung durch die Pressesprecher folgen verschiedene Redebeiträge der Veranstalter; anschließend können die Journalisten Fragen stellen und Fotos machen. Mitschnitte für Hörfunk und Fernsehen sind bei größeren Anlässen üblich. Spartenkanäle wie Phoenix übertragen heute regelmäßig Pressekonferenzen. (Zu Planung, Vorbereitung und praktischem Ablauf vgl. Schneiders 2012; Hooffacker/Lokk 2011; Hoffmann/Müller 2008; Schulz-Bruhdoel/Fürstenau 2008; Erny 1999.)

In der Regel erhalten Journalisten bei oder nach einer Pressekonferenz Pressemappen (gedruckt oder in elektronischer Form) mit einer Pressemitteilung. In dieser Mappe befinden sich auch noch einmal alle wichtigen Statements, Erläuterungen und Namen, ferner Angaben zu Personen, Statistiken, Bildmaterial und Ähnliches. Viele Journalisten umgehen deshalb den Termin, besorgen sich nur die Pressemappe und versuchen bei wichtigen Themen lieber, ein persönliches Gespräch mit dem Veranstalter zu vereinbaren. Das geschieht auch deshalb, weil sie dann exklusiv arbeiten und oft ganz andere Dinge erfahren als die Medien, die sich mit der Informationsrunde für alle begnügen.

Pressekonferenzen sind „Inszenierungen“ (Schneider/Raue 2012: 127). Interessenvertreter versuchen mit diesem Instrument professioneller Öffentlichkeitsarbeit, Informationen zu lancieren, die ihnen wichtig sind. Ohne solche Informationen ist Journalismus in einer offenen und von Partikularinteressen geprägten Gesellschaft sicher nicht denkbar. Allerdings spekulieren die Veranstalter auch darauf, dass sich ihre Sicht der Dinge, ihre Gewichtung und ihr ,Timing‘ in den Medien möglichst einheitlich wiederfinden. Ob sich die Journalisten diesem Zweck vollständig unterordnen und in ihrer Berichterstattung ,determinieren‘ lassen, hängt wesentlich von ihnen selbst ab. Barbara Baerns (1985) und andere Forscher haben gezeigt, dass dies unter Umständen tatsächlich so ist. Vertreter von Nachrichtenagenturen, von elektronischen und Online-Medien, die besonders schnell arbeiten müssen, laufen stets Gefahr, sich mit der bloßen Wiedergabe von Informationen aus einer Pressekonferenz zu begnügen. Sie tragen dann PR-Inhalte weiter (siehe dazu → PR und Journalismus).

Durch Nachrecherche und Gespräche mit anderen Informanten können Journalisten den Gegenstand einer Pressekonferenz aber auch ganz anderes anpacken, als es in der Absicht der Veranstalter lag. Dies geschieht zum Beispiel in Krisensituationen häufig (etwa nach einem Chemieunfall) oder wenn Journalisten konsequent eigenen Themen oder ihrer redaktionellen Linie folgen. Sie lassen sich dann von Pressearbeit und Pressekonferenzen keineswegs determinieren (einen guten Überblick über Studien zum Einfluss von Public Relations auf den Journalismus gibt Schweiger 2013).

Ergiebiger als Pressekonferenzen ist für Journalisten mitunter die Gesprächsrunde – eine „intime Veranstaltung für einen exklusiven Kreis von Gästen“ (Schulz-Bruhdoel/Fürstenau 2008: 220). Hier verraten Politiker oder andere Interessenvertreter (ebenfalls nicht ohne Absicht) mitunter mehr als bei der PK. Journalisten wiederum sichern im Gegenzug Vertraulichkeit zu oder nennen in ihren Berichten keine Namen, erhalten aber Impulse und Details, mit denen sie kritisch weiterarbeiten können. Diesem Zweck dienen auch Hintergrundgespräche von Berliner Korrespondenten und Politikern.

Eine besondere Rolle spielt die Bundespressekonferenz (BPK) (vgl. Köhler 1988). In ihr sind derzeit rund 1000 Journalistinnen und Journalisten registriert, die für deutsche Medien über Themen der Bundespolitik berichten. Die BPK ist ein eingetragener Verein. Seine Mitglieder, Journalisten also – und nicht Regierung, Opposition oder Parteien –, treten als Veranstalter auf, moderieren die Konferenz und erteilen das Wort. Politiker und Regierungssprecher stellen sich lediglich als Gäste den Fragen der Korrespondenten. Dass ein Regierungsoberhaupt selbst Fragesteller auswählt oder bewusst übergeht (wie US-Präsident Donald Trump, der in der Pressekonferenz des Weißen Hauses den vermeintlichen Verbreitern von ,fake news‘ keine Fragen erlaubte), wäre bei der Berliner Bundespressekonferenz undenkbar.

In den Hauptstädten der Bundesländer kommen die Landespressekonferenzen (LPK) nach dem gleichen Muster zusammen.

Literatur:

Baerns, Barbara: Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus? Zum Einfluß im Mediensystem. Köln [Verlag Wissenschaft und Poliltik] 1985.

Erny, Hansjörg: Fit für die Medien. Ein praktischer Ratgeber. Zürich [Orell Füssli] 1999.

Hoffmann, Beate; Christina Müller: Public Relations kompakt. Mit journalistischen Zwischenrufen von Christian Sauer. Konstanz [UVK] 2008.

Hooffacker, Gabriele; Peter Lokk: Pressearbeit praktisch. Handbuch für die Media Relations.  Berlin [Econ] 2011.

Köhler, Bernd F.: Die Bundes-Pressekonferenz. Annäherung an eine bekannte Unbekannte. Phil. Diss. Mannheim 1988.

Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus. Reinbek [Rowohl Taschenbuch Verlag] 2012.

Schneiders, Martina K.: Die Pressekonferenz. Konstanz [UVK] 2012.

Schulz-Bruhdoel, Norbert; Katja Fürstenau: Die PR- und Pressefibel. Zielgerichtete Medienarbeit. Ein Praxisbuch für Ein- und Aufsteiger. 4. Auflage. Frankfurt [F.A.Z.-Institut für Management-, Markt- und Medieninformationen] 2008.

Schweiger, Wolfgang: Determination, Intereffikation, Medialisierung. Theorien zur Beziehung zwischen PR und Journalismus. Baden-Baden [Nomos] 2013.

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Gunter Reus
*1950, Prof. Dr., ist apl. Professor für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Kulturjournalismus, Pressejournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus(at)ijk.hmtm-hannover.de

Gunter Reus hat Einführungsbeiträge zum → journalistischen Jargon sowie zu → Sprache und Stil im Journalismus geschrieben.