Prominenz

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Wortherkunft: lat. prominentia = Vorsprung, zum lat. Verb prominere = hervorragen; engl. prominence, celebrity

Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit der Prominenten im Sinne von herausragenden Personen oder auch den Bekanntheitsgrad eines Menschen oder eines Ortes in der Öffentlichkeit. Im Deutschen ist er erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts gebräuchlich, als Äquivalent zum Begriff Eminenz (= Anrede von hohen katholischen Würdenträgern).

Prominenz ist ein zentraler → Nachrichtenfaktor, vor allem im Boulevardjournalismus. Winfried Schulz hat ihn in seiner Analyse über die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien der Dimension Status untergeordnet (vgl. Schulz 1976: 32 ff.). Alltagssprachlich wird zwischen mehreren Hierarchiestufen der Prominenz unterschieden: Zur A-Prominenz – genannt Promis, Celebrities oder VIPs (= very important persons) – gehören vor allem absolute und relative Personen der Zeitgeschichte, die entweder aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit (zum Beispiel zu einem Königshaus) oder ihrer politischen, ökonomischen, sozialen oder kulturellen Funktion in weiten Teilen der Gesellschaft bekannt sind (als Bundespolitiker, Wirtschaftsbosse, Künstler, Musiker, Schauspieler, Sportler). Diese werden häufig auch mit dem Begriff Elite bezeichnet; dazu wiederum gehören Menschen, die Positionen mit einem hohen Machtpotenzial aufweisen und damit in der Lage sind, gesellschaftlichen Wandel zu beeinflussen (vgl. Berger 2002: 93-94). Äußere Merkmale der Elite sind ein hoher sozialer Status, verbunden mit einem entsprechenden ökonomischen bzw. finanziellen Hintergrund, der Ausdruck in einem bestimmten Lebensstil finden kann.

Es werden weitere Stufen unterschieden, die weniger aufgrund ihres Status‘, sondern ihrer Präsenz in den Medien definiert sind: die B-Prominenz, zum Beispiel Schauspieler, die nicht zu den Bestverdienern zählen, sondern in eher zweitklassigen Filmen oder Serien auftreten und gerne ihre privaten Türen für Homestorys öffnen. Weitere Abstufungen von C-, D- bis Z-Promis erfolgen oft ironiebasiert. Dabei geht es um Personen, die meist aufgrund eines Skandals eher im negativen Sinne und zeitlich befristet Aufmerksamkeit erregen; zu sehen sind sie beispielsweise in Fernsehsendungen wie Promi Big Brother (Sat. 1) oder Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! (RTL). Personen, die etwa als Germanys Next Topmodel oder Superstar aus einem medialen Wettbewerb herausgehen, sind für relativ kurze Zeit pseudo-prominent. Zentrale Merkmale sind physische Besonderheiten wie Schönheit und Sportlichkeit (oder das jeweilige kuriose Gegenteil).

Prominenz ist im sozialwissenschaftlichen Verständnis (vgl. Weingart/Pansegrau 1998; Peters 1994 und 1996; Wippersberg 2007) weniger durch Kompetenz definiert, sondern entsteht in einem „Kreislauf aus medialer Vermittlung, Inszenierung und Annahme durch das Publikum“ (Wippersberg 2007: 40). Durch die zunehmende Personalisierung und Boulevardisierung auch in seriösen Medien hat die Fokussierung der Berichterstattung auf prominente Personen zugenommen. Sie bieten weniger den Stoff für informativen Nachrichtenjournalismus, sondern für ‘Soft News’ und ‘Human Interest’-Storys, die sich inzwischen auch auf den bunten Weltspiegelseiten der Qualitätspresse etabliert haben, da sie das → Unterhaltungsbedürfnis bedienen.

Häufig wird für Prominenz der Begriff der Reputation synonym verwendet. Nach Peter Weingart und Petra Pansegrau (1998) meinen beide nicht das Gleiche, sind sich aber ähnlich, da es in beiden Fällen um Anerkennung geht, die allerdings in zwei unterschiedlichen Arenen vergeben wird: Prominenz in der öffentlich-medialen, Reputation in der (wissenschaftlich) fachlichen. Dieses Renommee wiederum ist differenzierbar in die funktionale, die soziale und die expressive Reputation (vgl. Eisenegger/Imhof 2009): Die funktionale ist gekennzeichnet durch Fachkompetenz, Leistung, Zweckrationalität und Erfolg; sie wird vergeben von Wissenschaftlern, Experten, Analysten und Fachjournalisten. Soziale Reputation basiert auf sozialen Normen und Werten, auf Legitimität, Integrität und ethischer Korrektheit. Für Charisma, innovative Kraft und emotionale Attraktivität und Authentizität hingegen wird expressive Reputation vergeben. Häufig korrelieren Prominenz und Reputation miteinander, nicht selten stehen sie aber auch im Konflikt.

Vor allem Wissenschaftler wandern häufig auf einem schmalen Grat: Einerseits sind sie darauf angewiesen, über ihre Kompetenz in der Scientific Community Reputation zu gewinnen; andererseits gilt es auch, in der Mediengesellschaft wahrgenommen zu werden und über diese Aufmerksamkeit wiederum ihre wissenschaftliche Forschung voranzubringen. Bisweilen wird dieses Verhalten in der Kollegenschaft negativ bewertet: Dr. Peter Lösche war bis 2007 Professor für Politikwissenschaften an der Universität Göttingen, häufig Gast in politischen Gesprächsrunden der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sowie Experte für Zeitungsinterviews. Nach seiner Auffassung gehört es zum Selbstverständnis eines Hochschullehrers, auch über Massenmedien zu kommunizieren und damit ein Publikum zu erreichen, das nicht die wissenschaftlichen Zeitschriften rezipiert, sondern über populäre Formate erreichbar ist (vgl. Dernbach 2012: 187). Die Ambivalenz der Reaktionen sei im Kollegium jedoch deutlich zu spüren gewesen: Einerseits freue man sich, wenn die Universität „schon wieder“ in den Medien erwähnt worden sei. Andererseits sei er durch seine außeruniversitäre Präsenz als „Dünnbrettbohrer“ bezeichnet worden (ebd.: 191). Kollegenneid, insbesondere aus Fachrichtungen, die kaum mediales Interesse erzeugen, spiele hier nach Lösches Erfahrung eine wesentliche Rolle (vgl. ebd.).

Prominenz hat den Effekt, dass sie die Aufmerksamkeit der Medien auf ein Thema lenken kann und dadurch die Berichterstattung fördert, manchmal sogar erst begründet. Wenn beispielsweise für eine wissenschaftliche Veranstaltung als Gäste unterhaltsame und durch die Medien prominente Wissenschaftler wie Ranga Yogeshwar (WDR), Harald Lesch (ZDF), Vince Ebert (ARD) oder auch ein Vertreter der Sendung mit der Maus (der die „Maus“ gleich mitbringt), angekündigt werden, wird die mediale Aufmerksamkeit für die Veranstaltung ungleich größer sein als eine Diskussionsrunde mit relativ unbekannten Wissenschaftlern, mögen sie auch noch so fachkompetent sein. Das gilt auch für die Funktionalität von Spendenshows, Benefizaktionen, Hilfsorganisationen und Stiftungen: Steht eine prominente Person als Schirmherr oder Markenbotschafter und damit als Anreiz zur Verfügung, ist die Chance auf mediales Interesse und publikumswirksame Berichterstattung definitiv größer, oft sogar gesichert.

Forschungsstand:
Die Fülle von Biographien und Autobiographien Prominenter, insbesondere aus dem Kulturbereich, ist fast unüberschaubar geworden. Oft sind sie je nach Dramaturgie und Darstellungsanspruch ein Stück Zeitgeschichte, persönliches Porträt, Dokumentation, romanhafte Erzählung oder sie zelebrieren die prominente Person. Kritische Auseinandersetzungen, sofern sie von außen kommen, sind in diesem Sachbuch-Genre rar, es sei denn, sie wollen ‚enthüllen‘, was jedoch dem angesprochenen Boulevardjournalismus dient und mitunter Behauptung bleibt.

In der Wissenschaft befassen sich kritische Analysen mit unterschiedlichen Branchen sowie Darstellungsformen der Prominenz – etwa Prominenz in den Medien. Zur Genese und Verwertung von Prominenten in Sport, Wirtschaft und Kultur (hrsg. von Thomas Schierl 2007), Die Individualität der Celebrity. Eine Mediengeschichte des Interviews (Jens Ruchatz 2014) sowie aktuell Mensch bleiben in der Politik. Zwischen Bühne und Besonnenheit (Clemens Sedmak 2016).

Medienwissenschaftliche Untersuchungen lassen die ‚Betroffenen‘ auch selbst zu Wort kommen, um Faktoren wie Handlungsmotivationen, Medienstrategien und gesellschaftliche Automatismen in Bezug auf Prominenz zu reflektieren. Hier seien zwei Werke unter der Mitherausgeberschaft von Bernhard Pörksen genannt, die einen ähnlichen Ansatz durch Forschungsinterviews verfolgen: Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit inszeniert (hrsg. von Jens Bergmann und Bernhard Pörksen 2007) sowie Die Casting-Gesellschaft: Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien (hrsg. von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke 2012).

Die Zwiespältigkeit der öffentlichen Präsenz ist wiederholt Thema in kommunikationswissenschaftlich oder psychologisch geprägten Untersuchungen. Speziell erwähnt sei Ulrich F. Schneiders Analyse Der Januskopf der Prominenz. Zum ambivalenten Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit (2004) und die populärwissenschaftliche Publikation Celebrities. Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein (Borwin Bandelow 2006). Auch juristische Betrachtungen nehmen sich dieses Feldes an (z. B. Persönlichkeitsrechte von Prominenten im internationalen Vergleich, Kirstin Kastell 2013). Zudem richtet die Wissenschaft ein Augenmerk auf die andere Seite des ‚Geben und Nehmen‘-Prozesses: die Fankultur, etwa in Fans – Soziologische Perspektiven (hrsg. von Jochen Roose, Mike S. Schäfer und Thomas Schmidt-Lux, 2. Auflage 2010).

Literatur:

Berger, Gerhard: Elite. In: Endruweit, Günter; Gisela Trommsdorf (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie. 2. Auflage. Stuttgart [Lucius und Lucius] 2002, S. 93-94

Dernbach, Beatrice (Hrsg.): Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht. Prominente Wissenschaftler in populären Massenmedien. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2012

Eisenegger, Mark; Kurt Imhof: Funktionale, soziale und expressive Reputation – Grundzüge einer Reputationstheorie. In: Röttger, Ulrike (Hrsg.): Theorien der Public Relations. Grundlagen und Perspektiven der PR-Forschung. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2009, S. 243-264

Peters, Birgit: „Öffentlichkeitselite“ – Bedingungen und Bedeutungen von Prominenz. In: Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Opladen [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 1994, S. 191-213

Peters, Birgit: Prominenz. Eine soziologische Analyse ihrer Entstehung und Wirkung. Opladen [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 1996

Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung. Freiburg [Karl Alber] 1976

Weingart, Peter; Petra Pansegrau: Reputation in der Wissenschaft und Prominenz in den Medien: Die Goldhagen-Debatte. In: Rundfunk und Fernsehen. Die Medien der Wissenschaft 46, 2-3, 1998, S. 193-208

Wippersberg, Julia (2007): Prominenz. Entstehung, Erklärungen, Erwartungen. Konstanz [UVK] 2007

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Beatrice Dernbach
*1964, Prof. Dr., lehrt und forscht seit März 2014 an der Technischen Hochschule Nürnberg im Studiengang Technikjournalismus/Technik-PR. Arbeitsschwerpunkte: Fachjournalismus, Wissenschaftskommunikation, Nachhaltigkeit und Ökologie im Journalismus, Narration im und Vertrauen in Journalismus. Kontakt: beatrice.dernbach(at)th-nuernberg.de

Zu Nachrichtenfaktoren im Journalismus hat Beatrice Dernbach einen → Einführungsbeitrag geschrieben.