Quelle

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Wortherkunft: Das Wort leitet sich vom Althochdeutschen ,quella‘ ab.

Definition:
Das Substantiv ,Quelle‘ verweist auf den Ursprung eines Objekts oder einer Information. Eng gefasst bezieht es sich auf den Austritt von Wasser aus dem Boden oder einem Felsen und den Ursprung eines Gewässers. Im übertragenen Sinn bezieht sich die ,Quelle‘ vor allem auf einen überlieferten Text oder einen Akteur mit direktem Zugang zu einer Information.

Im Journalismus und der Journalismusforschung bezeichnet ,Quelle‘ das Material, das einem journalistischen Beitrag zugrunde liegt. Dabei geht es zugleich um die Herkunft des Materials: Eine Quelle ist diejenige Person, Institution oder Kommunikation, von der eine bestimmte Information herrührt. Auch Dinge können als Quellen bezeichnet werden, wenn ihnen Informationen entnommen werden, beispielsweise Büchern, Gebäuden oder Kunstwerken.

Im wissenschaftlichen Arbeiten werden Primär- Sekundär- und Tertiärquellen unterschieden. Primärquellen sind die Forschungsobjekte selbst, Sekundärquellen Arbeiten, die sich auf diese Objekte beziehen. Tertiärquellen ordnen und erschließen Primär- und Sekundärquellen, beispielsweise Lehrbücher oder Lexika. Diese Einteilung lässt sich auf den Journalismus übertragen: Eine Primärquelle ist dann zum Beispiel eine von einem Journalisten besuchte Veranstaltung samt den dort gehaltenen Reden und Gesprächen. Eine Sekundärquelle könnte ein von anderer Seite veröffentlichter Bericht über die Veranstaltung sein, zum Beispiel in einer Zeitung oder auf der Internetseite des Veranstalters. Eine Tertiärquelle wäre eine Presseschau oder eine Linkliste, die der Journalist in seiner Recherche verwendet.

Wie Historiker sind Journalisten auf die Arbeit mit Quellen angewiesen. Nur in seltenen Fällen haben sie einen direkten eigenen Zugang zu den Sachverhalten ihrer Berichterstattung. Während Historiker in der Regel Quellen aus der Vergangenheit erschließen, hat der Journalismus überwiegend mit Quellen aus der Gegenwart zu tun.

Menschliche Quellen, auch personale Quellen genannt, sind leibhaftige Personen, die den Journalisten Auskunft geben. Oft sind es Amts- und Funktionsträger, beispielsweise Politiker, Pressesprecher oder Prominente. Es gibt jedoch auch menschliche Quellen, die als Betroffene oder Augenzeugen ohne professionellen oder institutionellen Hintergrund zitiert werden.

Die Informationen einer Quelle können direkt oder indirekt zitiert werden. Unter Umständen bilden sie sogar nur den Hintergrund für die Journalisten und fließen gar nicht oder nicht erkennbar in einen Beitrag ein. Im Zuge einer Recherche gehört es zur journalistischen Sorgfaltspflicht, möglichst viele Quellen, die für einen Sachverhalt bedeutsam sein könnten, zu erschließen und Informationen von ihnen zu erlangen (siehe → Quellenvielfalt).

Bei einer Recherche nutzen Journalisten Gesprächs- und Zitierregeln, in denen festgelegt wird, ob eine Quelle bzw. eine Äußerung in einem Beitrag genannt werden kann (siehe → unter drei). In besonders sensiblen Fällen kann der so genannte Informantenschutz greifen, bei dem vertrauliche Quellen die Zusicherung erhalten, dass sie anonym bleiben. Der Informantenschutz ist in journalistischen Ethik-Kodizes verankert, in Deutschland beispielsweise im Pressekodex des Deutschen Presserats.

Im Journalismus ist ein kritischer Umgang mit Quellen angezeigt. Ob eine Information stimmt, muss überprüft werden, so gut dies möglich ist. Relevant ist zudem die Frage, ob eine Quelle nur einen bestimmten Ausschnitt eines Sachverhalts berichtet bzw. unter welchem Blickwinkel sie dies tut. Dabei spielt eine Rolle, welche Interessen Personen und Institutionen haben, wenn sie Journalisten Auskunft geben.

Bestimmten Quellen wird in der Praxis oft ein Vertrauensvorschuss gewährt. Dieser kann darauf beruhen, dass ein Journalist in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit der Quelle und ihren Informationen gemacht hat. Zudem gibt es ,privilegierte Quellen‘. Damit sind Quellen gemeint, bei denen Journalisten unterstellen dürfen, dass ihre Informationen stimmen. Dies kann presserechtlich, im Falle einer juristischen Auseinandersetzung, bedeutsam sein. Als privilegierte Quellen gelten in Deutschland die etablierten Nachrichtenagenturen, aber auch die Mitteilungen von Behörden, die zu wahrheitsgemäßen Auskünften verpflichtet sind, wie die Pressestellen der Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden. Ein naives Vertrauen gilt allerdings auch hier als unprofessionell, das Konzept ,privilegierter Quellen‘ ist daher umstritten. Erstens unterlaufen auch Nachrichtenagenturen oder Staatsanwaltschaften Fehler. Zweitens sind die von ihnen gelieferten Informationen nicht frei von inhaltlichen Färbungen und Interessen. Die journalistische Neigung, sich auf etablierte Institutionen, auf Behörden, Parteien und Verbände zu stützen, kann zu Defiziten in der Berichterstattung führen. Es besteht die Gefahr, dass die lebensweltlichen Perspektiven von Betroffenen und Bürgern aus dem Blick geraten.

Geschichte:
Sozialer und technologischer Wandel verändert die Arten der Quellen, die Journalisten häufig nutzen. Während in früheren Jahrzehnten Recherchen per Telefon und das Besuchen von Pressekonferenzen sehr wichtig waren, sind in der digitalen Ära die Internetrecherche und speziell das Nutzen von → Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen von herausgehobener Bedeutung. Mit dem wachsenden Einfluss von Daten und Algorithmen in der Gesellschaft haben auch in den Medien gezielte Daten-Recherchen und ein so genannter Datenjournalismus Einzug gehalten.

In der Geschichte des Journalismus konnten Berichte zunächst lediglich auf den Mitteilungen von Augenzeugen oder dem eigenen Erleben der Autoren beruhen, beispielsweise in frühen Formen der Reisereportage. Schon im 17. Jahrhundert entwickelten sich Ideen und Standards für Sorgfalt in der Berichterstattung und speziell für die Arbeit mit Quellen. So verlangte Tobias Peucer 1690 in der ersten bekannten Dissertation zur Zeitungskunde Wahrheitsliebe, eine kritische Prüfung von Quellen und die Einhaltung eines Zwei- oder Mehrquellen-Prinzips: Es sei darauf zu achten, „ob ein Ereignis der jüngsten Zeit aus verschiedenen Gegenden gleichzeitig gemeldet und durch die Zeugnisse mehrerer bestätigt wird“ (Peucer 1690, zit. n. Wilke 2015: 116). Im Jahr 1695 forderte Kaspar Stieler in der Schrift „Zeitungs Lust und Nutz“ nicht nur die Unparteilichkeit der Zeitungsmacher, sondern auch die Transparenz ihrer Quellen, nämlich die Angabe von Zeit, Ort und Urheberschaft einer Nachricht (Schönhagen 1998: 41ff.).

Gegenwärtiger Zustand:
In der Gegenwart gehören im Journalismus freier Mediensysteme die Quellentransparenz und das Prinzip der zwei Quellen bzw. das Mehrquellen-Prinzip sowie das Gebot der Quellenvielfalt zum Kernbestand professioneller Normen und zu den Kriterien für → Qualität im Journalismus. Eng damit verbunden ist die Forderung, stets auch die Seite der Betroffenen bzw. Kritisierten oder Verdächtigen anzuhören (audiatur et altera pars).

Gleichwohl gibt es auch im modernen Journalismus sogenannte Eine-Quelle-Beiträge, in denen nur eine Quelle bzw. nur eine Seite zu Wort kommen. Dies trifft beispielsweise auf kürzere Artikel (Meldungen) zu, in denen lediglich die Verlautbarung einer Organisation verbreitet wird (zum Beispiel durch → PR-Maßnahmen).

Zu den Herausforderungen im Journalismus gehört das Erschließen guter Quellen. Nicht immer sind Personen und Institutionen auskunftsbereit. Teilweise unterstützen Auskunftsansprüche die Arbeit der Medien. In Deutschland haben Journalisten vor allem gegenüber dem Staat und seinen Behörden das Recht, Informationen anzufragen und zu erhalten. Dazu kommen weitere Gesetze, wie das Informationsfreiheitsgesetz sowie Transparenzgesetze, die den Zugang zu Daten und Informationen der Behörden für die Bürger und die Öffentlichkeit regeln.

Forschungsstand:
In der Journalismusforschung spielt der journalistische Umgang mit Quellen auf verschiedene Weise eine Rolle. In Inhaltsanalysen wird regelmäßig untersucht, welche Quellen bzw. Quellentypen in Beiträgen vorkommen, beispielsweise mit Blick auf das (numerische) Verhältnis professioneller Akteure und Laien oder mit Blick auf die Frequenz, in der Vertreter verschiedener Parteien oder politischer Richtungen in den Medien zu Wort kommen (vgl. Page 1996). Welche Quellen in welchem Ausmaß auftauchen, kann ein Indiz sein für mediale Verzerrungen, die im Rahmen der Forschungen zu Nachrichtenfaktoren, zum ,News Bias‘ und zur Konstruktion der „Medienrealität“ untersucht werden (vgl. Schulz 1976; Berkowitz 1997). Darunter fällt auch das Phänomen ,opportuner Zeugen‘, also das gezielte Zitieren solcher Quellen, die der – politischen – Linie eines Beitrags bzw. eines Journalisten oder einer Redaktion entsprechen (Hagen 1992).

Eine andere Forschungsfrage betrifft das Verhältnis von Public Relations (PR) und Journalismus. Hier wird untersucht, wie stark Quellen in journalistischen Beiträgen aus der PR stammen und wie stark die Beiträge PR-getrieben sind (Baerns 1985). Bedeutsam ist dies auch im Rahmen von Untersuchungen zum Agenda Setting und Agenda Building: Welchen Akteuren gelingt es (wie stark), in den Medien Gehör zu finden, also als Quellen Eingang in die Berichterstattung zu finden? Ein weiteres Thema ist die Glaubwürdigkeit verschiedener Quellen. Die kann einerseits das Verhältnis zwischen Quellen und Journalisten betreffen oder andererseits die Sicht des Publikums auf verschiedene Medienangebote sowie verschiedene Quellen in den medialen Angeboten (vgl. Kohring 2004).

Und schließlich befasst sich die Forschung auch mit der Ethik im Umgang mit Quellen. Aspekte dabei sind etwa der Informantenschutz oder die Frage, ob Journalisten ihren menschlichen Quellen Geld zahlen (dürfen). Welche Methoden im Umgang mit Quellen Journalisten für akzeptabel halten, wird in Befragungen untersucht (z.B. Weischenberg et al. 2006). Für die Journalistenausbildung gibt es Ratgeber- und Praxisliteratur, die Techniken der Recherche und des effektiven Umgangs mit Quellen vermittelt (z.B. Haarkötter 2015).

Literatur:

Baerns, Barbara: Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus? Zum Einfluss im Mediensystem. Köln [Verlag Wissenschaft und Politik] 1985.

Berkowitz, Dan: Social Meanings of News. A Text-Reader. Thousand Oaks [Sage] 1997.

Haarkötter, Hektor: Die Kunst der Recherche. Konstanz [UVK] 2015.

Hagen, Lutz M.: Die opportunen Zeugen. Konstruktionsmechanismen von Bias in der Volkszählungsberichterstattung von FAZ, FR, SZ, taz und Welt. In: Publizistik, 37(4), 1992, S. 444-460.

Kohring, Matthias: Vertrauen in Journalismus. Theorie und Empirie. Konstanz [UVK] 2004.

Page, Benjamin I.: Who Deliberates? The Mass Media in Modern Democracy. Chicago [Chicago University Press] 1996.

Phillips, Angela: Old Sources: New Bottles. In: Natalie Fenton (Hrsg.): New Media, Old News. Los Angeles [Sage] 2010, S. 87-101.

Schönhagen, Philomen: Unparteilichkeit im Journalismus. Tradition einer Qualitätsnorm. Tübingen [Niemeyer] 1998.

Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Freiburg/München [Alber] 1976.

Weischenberg, Siegfried; Maja Malik; Armin Scholl: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz [UVK] 2006.

Wilke, Jürgen (Hrsg.): Die frühesten Schriften für und wider die Zeitung. Baden-Baden [Nomos] 2015.

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Tanjev Schultz
*1974, Prof. Dr., ist Professor für Grundlagen und Strategien des Journalismus am Journalistischen Seminar / Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er studierte Publizistik/Journalismus, Philosophie, Psychologie, Politik- und Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, der Fern-Universität Hagen und der School of Journalism (School of Media) der Indiana University in Bloomington (USA) und hat an der Universität Bremen mit einer Arbeit über die Diskurstheorie von Jürgen Habermas und die Empirie politischer Talkshows promoviert. Mehr als zehn Jahre war er politischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Zu seinen derzeitigen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehören Medienvertrauen und Medienethik, Verschwörungstheorien und journalistische Darstellungsformen. Er ist Mitherausgeber der „Journalistik“.