Quellenvielfalt

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Wortherkunft: zusammengesetztes Substantiv aus ‘Quelle’ in der Bedeutung des Ursprungs von etwas, abstammend vom germ. ‘kwellaz’ und ahd. ‘quella’, und ‘Vielfalt’, also Verschiedenartigkeit, Mannigfaltigkeit, einer Rückbildung aus dem älteren Adjektiv ‘vielfältig’ aus dem 18. Jahrhundert

Im Journalismus ist Quellenvielfalt (1) eines der wichtigsten Mittel zur Sicherung der Richtigkeit der Berichterstattung und (2) ein Teilaspekt der Qualitätsdimension der Vielfalt, deren Ziel in der Widerspiegelung der in der Gesellschaft tatsächlich herrschenden Vielfalt in der → Öffentlichkeit besteht.

(1) Definitionsgemäß ist Quellenvielfalt frühestens dann gegeben, wenn es zwei voneinander unabhängige Quellen für eine → Nachricht gibt. Eine Vielzahl von Quellen ist somit notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Quellenvielfalt. Um echte Quellenvielfalt zu erreichen, müssen die verwendeten Quellen auch möglichst unterschiedlich sein. So kann in der Berichterstattung über politische Konflikte Vielfalt zum Beispiel dadurch erreicht werden, dass neben Stimmen aus der Regierung auch die parlamentarische und außerparlamentarische Opposition zu Wort kommen. Quellenvielfalt in Berichten über Tarifverhandlung kann durch Verwendung von Äußerungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen, zusätzlich aber auch durch die Einbeziehung nicht organisierter Arbeitgeber und Arbeitnehmer erreicht werden. Diese Beispiele verdeutlichen: Quellenvielfalt ist vor allem in der Berichterstattung über konfliktträchtige Themen ein wichtiges Mittel zur Gewährleistung von → Richtigkeit, da gerade bei diesen Themen nicht davon auszugehen ist, dass einzelne Quellen sich frei von eigenen Interessen äußern können.

(2) Das Ziel, die → Vielfalt der gesellschaftlichen Realität möglichst adäquat widerzuspiegeln, können journalistische Medien auf unterschiedlichen Wegen erreichen. Einerseits ist es möglich, Akteure aus möglichst allen gesellschaftlichen Schichten und Interessengruppen in der Berichterstattung auftreten zu lassen, andererseits ist es möglich, diese Akteure zwar als Quellen zu nutzen, in der Berichterstattung selbst aber nicht auftreten zu lassen. Derartige Vielfalt kann im Journalismus auf verschiedenen Ebenen hergestellt werden.

Die unmittelbarste Ebene ist der einzelne journalistische Beitrag, der auf möglichst vielen, möglichst unterschiedlichen Quellen beruhen sollte, um das Ziel der Quellenvielfalt zu erreichen. Die zweite Ebene ist gesamte Berichterstattung eines einzelnen Mediums über einen definierten Zeitraum hinweg. Die dritte Ebene ist das → Mediensystem insgesamt. In der Bundesrepublik Deutschland wird im Pressebereich und bei Online-Medien externe Vielfalt angestrebt. Dies bedeutet, dass es einzelnen Medien freigestellt ist, einseitig zu berichten beziehungsweise auf Quellenvielfalt zu verzichten. Das Mediensystem insgesamt soll dagegen dafür sorgen, dass Quellenvielfalt durch eine möglichst große Zahl möglichst unterschiedlicher Einzelmedien gewährleistet ist.

Im Rundfunkbereich, wo traditionell aufgrund der technischen Gegebenheiten eine höhere Konzentration herrscht, wird dagegen interne Vielfalt verlangt: Die Rundfunksender sollen zwar nicht notwendig in einzelnen Beiträgen, wohl aber in ihrem Gesamtprogramm Meinungspluralismus gewährleisten, also die Vielfalt der in der Gesellschaft herrschenden Meinungen adäquat wiedergeben. Dies gilt grundsätzlich sowohl für öffentlich-rechtliche als auch für private Sender. Quellenvielfalt ist ein Teilaspekt dieses geforderten Meinungspluralismus.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Schatz, Heribert; Winfried Schulz: Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen Fernsehsystem. In: Media Perspektiven, 11, 1992, S. 690-712

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Holger Handstein
*1976, Dr., hat an der Technischen Universität Dortmund zum Thema Qualität im Journalismus promoviert. Er arbeitet als Kommunikationsberater in Köln. Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte: Qualität im Journalismus, Verhältnis von Journalismus und PR. Kontakt: post(at)handundstein.de

Holger Handstein hat einen Einführungsbeitrag zum Thema → Qualität im Journalismus geschrieben.