Radio

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Wortherkunft: Entstammt dem Lat. (radius = Strahl), entlehnt aus dem Engl. (radiation = Ausstrahlung).

Definition:
Radio ist das älteste der elektronischen Medien und stellt sich als auditives → Massenmedium dar, bei dem über unidirektionale, rückkopplungsfreie Ausstrahlung ein disperses → Publikum mit aktuellen → Programminhalten versorgt wird (vgl. Kleinsteuber 2012: 33). Die Verbreitung der Radioprogramme erfolgt dabei analog oder digital zumeist über Antenne, Satellit, Kabel oder Internet. Hörerinnen und Hörer benötigen ein Empfangsgerät. Weil die Rezeption häufig neben alltäglichen Verrichtungen stattfindet, wird Radio als ‚Begleitmedium‘ beschrieben (vgl. Leschke 2003: 130).

Geschichte:
Als ‚Geburtsstunde‘ des Radios in Deutschland gilt bis heute der 29. Oktober 1923, als die erste Unterhaltungssendung ausgestrahlt wurde (vgl. Krug 2019: 23). Zuvor war mit der Deutschen Stunde – Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung mbH die erste Rundfunkgesellschaft gegründet worden. 1925 wurde die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft mbH (RRG) als Dachorganisation aller bis dahin gegründeten, regionalen Rundfunkgesellschaften geschaffen (vgl. Lerg 1980: 194ff.). Die Deutsche Reichspost verfügte dadurch über organisatorische und ökonomische Kontrolle über die angeschlossenen Rundfunkgesellschaften (vgl. Schätzlein 2012: 67f.). Unter Reichskanzler Franz von Papen fand ab Ende 1932 ein Umbau zum Staatsrundfunk statt (vgl. Lerg 1980: 448ff.; Schrader 2002: 33; Pürer 2015: 107).

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten ab dem 30. Januar 1933 übernahm Joseph Goebbels als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda die Lenkung des Rundfunks, der zum „wichtigsten Propagandainstrument“ (Stuiber 1998: 163) ausgebaut werden sollte. Im Rahmen der ‚Gleichschaltung‘ wurden die bis dahin bestehenden Rundfunkgesellschaften in Reichssender umstrukturiert und dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt (vgl. Dussel 2010: 77). Personelle ‚Säuberungen‘ bewirkten, dass vor allem jüdische, sozialdemokratische und kommunistische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen wurden (vgl. Diller 1980: 108ff.). Voraussetzung für die Arbeit im Rundfunk wurde die Mitgliedschaft in der Reichs-Rundfunk-Kammer (vgl. ebd.: 154ff.).

Nach Kriegsende 1945 begannen die alliierten Militärregierungen in den westlichen Besatzungszonen bald damit, ein staatsunabhängiges, öffentlich-rechtliches Rundfunksystem nach dem Vorbild der British Broadcasting Corporation (BBC) aufzubauen (vgl. Bausch 1980: 46; Dussel 2010: 185). Die erste Rundfunkanstalt des öffentlichen Rechts war der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) in Hamburg, dessen Statut 1948 in Kraft trat. Weitere Anstalten folgten. 1950 entstand schließlich die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD); die 50er Jahre werden häufig als „Radiojahrzehnt“ (Schätzlein 2012: 71) oder „Blütezeit des Hörfunks“ (Schumacher 2001: 1437) bezeichnet. Zu den verschiedenen Radioprogrammen der öffentlich-rechtlichen Anstalten kam 1962 der bundesweite Deutschlandfunk hinzu.

Auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone nahmen derweil Regionalsender unter sowjetischer Kontrolle die Arbeit auf. Nach der Staatsgründung der DDR 1949 übernahm das nach sowjetischem Vorbild eingerichtete Staatliche Komitee für Rundfunk die Kontrolle über das Radio (Halefeldt 2001: 1426).

Im Rahmen der so genannten ‚Kabelpilotprojekte‘ erfolgte ab 1984/85 die Aufnahme des Sendebetriebs der ersten privatwirtschaftlichen, werbefinanzierten Radiosender, die zunächst über Kabel, bald aber auch über UKW sendeten. Mit Schaffung neuer Landesmediengesetze bestanden ab Mitte 1986 in allen Bundesländern lokale und landesweite Privatradios. Hinzu kamen in vielen Bundesländern nichtkommerzielle Radioinitiativen: ‚Bürgerradios‘ (vgl. Luch 2007: 190; Oberreuter 2017: 54). Im Zuge der Wiedervereinigung ab 1991 wurde das duale Rundfunksystem der Bundesrepublik auch auf die neuen Bundesländer übertragen.

Mit ‚Digital Audio Broadcasting‘ (DAB) wurde ein digitaler Übertragungsstandard entwickelt, der ab 1999 in Deutschland im Regelbetrieb zum Einsatz kam. 2011 wurde die Weiterentwicklung, DAB+, in den ersten Empfangsgebieten freigeschaltet. Über diesen Standard können auch programmbegleitende (Musiktitel, Interpret) oder -unabhängige Informationen (Wetter- oder Verkehrsdienst) verbreitet werden (vgl. Altendorfer 2004: 218). Neben DAB+ hat vor allem das Internet bei der Übertragung an Bedeutung gewonnen (vgl. Berghofer 2018: 54). Auch beim Empfang gibt es Trends: Immer mehr Hörerinnen und Hörer nutzen Smartphones oder ‚Smart Speaker‘ wie Google Home, Amazon Echo oder Apple HomePod, also Lautsprechersysteme mit Sprachassistenten, um Radioprogramme aufzurufen (vgl. Schmitter 2018: 30, Hendricks/Mims 2020: 17).

Gegenwärtiger Zustand:
Nicht nur die Radiotechnik, auch das Angebot hat sich gewandelt: Mit ‚Webcastern‘ bestehen mittlerweile Radioprogramme, die nur im Internet übertragen werden (vgl. Hillmoth 2017: 593). ‚User-Generated Radios‘ wie Laut.fm und Radionomy bieten die Möglichkeit, auf frei zugänglichen Plattformen ein eigenes, netzbasiertes Radioprogramm zu erstellen. Podcasts als digital vertriebene Audio-Angebote zur zeitversetzten Nutzung (on demand), die zunächst von Laien-, inzwischen auch von → Profikommunikatoren produziert werden, haben sich als neues Audio-Format etabliert. Streamingplattformen wie Spotify, Apple Music oder Amazon Music treten als neue Wettbewerber auf dem Audiomarkt auf. Die privatwirtschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Radiosender haben sich dieser Konkurrenz angepasst und vertreiben ihre Inhalte zunehmend auf eigenen Homepages und Audiotheken.

Berücksichtigt man alle konventionellen Empfangswege (UKW, DAB+, Kabel, Satellit) erzielten die privaten und öffentlich-rechtlichen Radiosender laut Media Analyse im Jahr 2019 in einem Zeitraum von vier Wochen (‚weitester Hörerkreis‘) eine Reichweite von mehr als 66 Mio. Hörerinnen und Hörern. Die tägliche Reichweite (‚Tagesreichweite‘) lag bei rund 54 Mio. Personen. Onlineaudio-Angebote wie Livestreams von Radiosendern, ‚Webcaster’, ‚User-Generated-Radios‘ oder Musikstreaming erreichten innerhalb von vier Wochen rund 13,5 Mio. Hörerinnen und Hörern und an einem durchschnittlichen Tag immerhin 5,5 Mio. Menschen (vgl. Gattringer/Turecek 2019: 482).

Forschungsstand:
In der Journalismusforschung und Medienwissenschaft werden traditionell vor allem die drei Forschungsbereiche Radiotheorie, Radiogeschichte sowie Radioanalyse unterschieden (vgl. Hickethier 2003: 332 f.).

Zu den frühen Vertretern der Radiotheorie zählt Bertolt Brecht (1932). Mit „Rundfunk als Hörkunst“ befasste sich 1933 der Medien- und Kunsttheoretiker Rudolf Arnheim, dessen Werk zwar in den 30er Jahren auf Englisch, aber erst 1979 in Deutschland erschien (siehe Arnheim 1979). Friedrich Knilli setzte sich wahrnehmungspsychologisch mit dem Hörspiel auseinander (1959). Nicht unerwähnt bleiben darf der medienkritische „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ von Hans Magnus Enzensberger (1970). Werner Faulstich (1981) beschäftigte sich unter medienästhetischen Gesichtspunkten mit dem 1938 erschienenem Hörspiel The War of the Worlds von Orson Welles. Auch Auseinandersetzungen zum akustischen Erlebnis des Radiohörens liegen vor (siehe u. a. Föllmer 2013). Zuletzt bestimmten vor allem Beiträge aus interkultureller Perspektive die Radiotheorie (siehe u. a. Hagen 2005, Lindner 2007, Krebs 2008).

Zur radiogeschichtlichen Forschung werden in der Literatur häufig die vier Arbeitsfelder Institutionsgeschichte, Technikgeschichte, Programmgeschichte und Rezeptionsgeschichte unterschieden (vgl. Hickethier 2003: 357ff.). Dabei sind längst nicht alle historischen Phasen, Regionen und Ebenen des Mediums gleichermaßen untersucht worden (vgl. Schätzlein 2012: 65).

Die aktuelle Radionutzung liegt im Forschungsinteresse von akademischer Mediennutzungs- und kommerzieller Mediaforschung (vgl. Burkart 2002: 236). Während die akademische Mediennutzungsforschung vielfältigste Fragestellungen bearbeitet, kann die kommerzielle Mediaforschung vor allem in redaktionelle Mediaforschung einerseits und Publikums- bzw. Werbeträgerforschung andererseits unterteilt werden (vgl. Schweiger 2007: 36). Erstere bedient sich qualitativer Methoden und hat zum Ziel, Inhalte für das Publikum möglichst attraktiv zu gestalten. Letztere misst durch quantitative Verfahren den Erfolg der Radioprogramme, vor allem die Reichweiten, und dient somit der Werbevermarktung. Am bedeutendsten in Deutschland ist dabei die Media Analyse der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e. V

Literatur:

Altendorfer, Otto: Das Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden [VS Verlag] 2013.

Arnheim, Rudolf: Rundfunk als Hörkunst und weitere Aufsätze zum Hörfunk. Frankfurt [Suhrkamp] 2001.

Bausch, Hans: Rundfunkpolitik nach 1945. Erster Teil: 1945-1962. München [dtv] 1980.

Berghofer, Simon: Stand und Entwicklung der Digitalisierung des Hörfunks in Deutschland 2018. In: ALM GbR: Digitalisierungsbericht Audio 2018. Von Radio zu Audio: von alter Infrastruktur zu neuen Möglichkeiten? S. 46-55. https://www.die-medienanstalten.de/publikationen/digitalisierungsbericht-audio/digitalisierungsbericht-audio-2018 [18.07.2020]

Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Pias, Claus: Kursbuch Medienkultur: die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard [DVA] 2004, S. 259-263.

Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. Wien/Köln/Weimar [Böhlau Verlag] 2002.

Diller, Ansgar: Rundfunkpolitik im Dritten Reich. München [dtv] 1980.

Dussel, Konrad: Deutsche Rundfunkgeschichte. Konstanz [UVK Verlag] 2010.

Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch 20 [Suhrkamp] 1970, S. 159-186.

Faulstich, Werner: Radiotheorie. Eine Studie zum Hörspiel „The war of the worlds“ (1938) von Orson Welles. Tübingen [Narr] 1981.

Föllmer, Golo: Theoretisch-methodische Annäherungen an die Ästhetik des Radios. Qualitative Merkmale von Wellenidentitäten. In: Volmar, Axel; Jens Schröter: Auditive Medienkulturen. Techniken des Hörens und Praktiken der Klanggestaltung. Bielefeld [Transcript Verlag] 2013, S. 321-338.

Gattringer, Karin; Irina Turecek: Methodik, Ergebnisse und Trends der ma 2019 Audio II. ma Audio: Erstmals mit Reichweiten für DAB+. In: Media Perspektiven, 11, 2019, S. 221-231.

Hagen, Wolfgang: Das Radio. Zur Geschichte und Theorie des Hörfunks – Deutschland/USA. München [Fink] 2005.

Halefeldt, Horst O.: Die Organisationsstruktur des Hörfunks in ihrer Entwicklung. In: Leonhardt, Joachim-Felix; Hans-Werner Ludwig; Dietrich Schwarze; Erich Straßner: Medienwissenschaft. 2. Teilband: Ein Handbuch Zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. Berlin/New York [De Gruyter Mouton] 2001, S. 1416-1429.

Hendricks, John Allen; Bruce Mims: Digital Radio: Audio Listening from AM to FM to XM… and Beyond. In: Hendricks, John Allen: Radio’s Second Century: Past, Present, and Future Perspectives. New Brunswick [Rutgers University Press] 2020, S. 3-21.

Hickethier, Knut: Einführung in die Medienwissenschaft. Stuttgart [Metzler] 2003.

Hillmoth, Hans-Dieter: Radio im Web und Musikstreams. In: Walther von La Roche; Axel Buchholz: Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. Wiesbaden [VS Verlag] 2017, S. 593-596.

Kleinsteuber, Hans J.: Radio – Versuch einer Begriffsbestimmung. In: Kleinsteuber, Hans J.: Radio. Eine Einführung. Wiesbaden [VS Verlag] 2012, S. 15-36.

Knilli, Friedrich: Das Hörspiel in der Vorstellung der Hörer. Eine experimental-psychologische Untersuchung. Frankfurt [Peter Lang Verlag] 2009.

Krebs, Claudia: Radio. Zwischen kritischer Darstellung, Theorie, Experiment. Forschungsbeiträge zum Radio in einigen europäischen Ländern. Berlin [Avinus] 2008.

Krug, Hans-Jürgen: Grundwissen Radio. München [UVK Verlag] 2019.

Lerg, Winfried: Rundfunkpolitik in der Weimarer Republik. München [dtv] 1980.

Leschke, Rainer: Einführung in die Medientheorie. München [UVK Verlag] 2007.

Lindner, Livia: Radiotheorie und Hörfunkforschung. Zur Entwicklung des trialen Rundfunksystems in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Hamburg [Kovač] 2007.

Luch, Jens: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk: ein Auslaufmodell? Wiesbaden [VS Verlag] 2007.

Oberreuter, Heinrich: Eine Bresche für den Wildwuchs. In: Förster, Stefan: Vom Urknall zur Vielfalt – 30 Jahre Bürgermedien in Deutschland. Leipzig [Vistas Verlag] 2017, S. 36-40.

Pürer, Heinz: Medien in Deutschland: Presse, Rundfunk, Online. München [UVK Verlag] 2015.

Schätzlein, Frank: Geschichte. In: Kleinsteuber, Hans J.: Radio. Eine Einführung. Wiesbaden [VS Verlag] 2012, S. 63-81.

Schmitter, Stephan: Smarte Lautsprechersysteme – Audiovermittler und Gatekeeper. Chancen und Risiken für Hörfunkveranstalter. In: ALM GbR: Digitalisierungsbericht Audio 2018. Von Radio zu Audio: von alter Infrastruktur zu neuen Möglichkeiten? S. 26-35. https://www.die-medienanstalten.de/publikationen/digitalisierungsbericht-audio/digitalisierungsbericht-audio-2018 [18.07.2020]

Schrader, Stephanie: Von der „Deutschen Stunde in Bayern“ zum „Reichssender München“. Frankfurt a. M. [Peter Lang Verlag] 2002.

Schumacher, Renate: Die Programmstruktur des Hörfunks in ihrer Entwicklung. In: Leonhardt, Joachim-Felix; Werner Hans-Ludwig; Dieter Schwarze; Erich Straßner: Medienwissenschaft. 2. Teilband: Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. Berlin/New York [De Gruyter Mouton] 2001, S. 1416-1429.

Schweiger, Wolfgang: Theorien der Mediennutzung. Eine Einführung. Wiesbaden [VS Verlag] 2007.

Stuiber, Hans-Werner: Medien in Deutschland. Band 2. Rundfunk. Konstanz [UVK Verlag] 1998.

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Vera Katzenberger
M. A., ist seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für empirische Kommunikatorforschung am Institut für Kommunikationswissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sie ist Koordinatorin im von der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) geförderten Projekt „Entwicklung des privaten Rundfunks in Bayern“, in dessen Rahmen sie mehr als 100 qualitative Interviews mit Radiomachern geführt hat. Kontakt: vera.katzenberger (at) uni-bamberg.de