Redaktionstechnischer Journalismus

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Ausgehend von Dieter Paul Baumerts Werk Die Entstehung des deutschen Journalismus entwickelten Heinz Pürer und Johannes Raabe den Begriff des redaktionstechnischen Journalismus. Baumert hatte in seiner Dissertation 1928 die ihm bekannte Geschichte des Journalismus in vier Perioden unterteilt. Nach einer → präjournalistischen Periode folgten die Perioden des → korrespondierenden Journalismus und des → schriftstellerischen Journalismus sowie schließlich des → redaktionellen Journalismus. Zu Beginn des 21. Jahrhundert haben Pürer und Raabe (2002) dies in einer Kurzzusammenfassung von Baumerts Perioden für das 20. Jahrhundert mit dem redaktionstechnischen Journalismus fortgeschrieben, allerdings auf nur eineinhalb Seiten.

Die Periode des redaktionstechnischen Journalismus beginnt für die beiden Autoren in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Bis dahin reicht demnach die Baumertsche Periode des redaktionellen Journalismus. Ab etwa 1975, so Pürer und Raabe (2002: 415), habe die „Einführung elektronischer, computergesteuerter Texterfassungs- und bearbeitungssysteme in den Zeitungsredaktionen“ den Journalismus dramatisch verändert. Entscheidend ist für sie im Unterscheid zur vorangegangenen Periode des redaktionellen Journalismus, dass nun die Grenzen zwischen den „geistigen Arbeit[ern]“, den Journalisten auf der einen und den Schriftsetzern und Druckern auf der anderen Seite verschwimmen würden: „Seither führen Journalisten an hochleistungsfähigen Computern auch Arbeiten der Texterfassung und -gestaltung durch und sind in vielen Redaktionen nicht mehr nur für die Inhalte, sondern auch für die äußere Form ihrer Beiträge verantwortlich“ (2002: 415).

Diese Veränderungen im Printjournalismus lassen zusammen mit dem Aufstieg der elektronischen Medien Radio und Fernsehen im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts den Begriff des redaktionstechnischen Journalismus gerechtfertigt erscheinen. Allerdings hatte Siegfried Weischenberg bereits Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre über die elektronische Redaktion (1978) und über Journalismus in der Computergesellschaft (1982) geschrieben. Insofern verwundert es, dass Pürer und Raabe 2002 nicht darüber hinausgehen und das Internet mit keinem Wort erwähnen. Denn die seither beobachtbaren Deformierungen des Journalismus lassen die Veränderungen der 1970er Jahre in einem neuen Licht erscheinen. Unbedingt müssen diese mitgedacht werden, will man die Periodisierung von Baumert ins 21. Jahrhundert fortschreiben. Bei Pürer und Raabe ist die inhaltliche Verkürzung sicherlich auch der Kürze der Darstellung geschuldet.

Kritisch anzumerken bleibt deshalb, dass der Begriff des redaktionstechnischen Journalismus der Komplexität der jüngeren Journalismusgeschichte nur unzureichend gerecht wird.

Literatur:

Baumert, Dieter Paul: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München [Duncker & Humblot] 1928

Pürer, Heinz; Johannes Raabe: Zur Berufsgeschichte des Journalismus. In: Neverla, Irene; Elke Grittmann; Monika Pater (Hrsg.): Grundlagentexte zur Journalistik. Konstanz [UTB/UVK] 2002, S. 408-416

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

Weischenberg, Siegfried: Die elektronische Redaktion. Publizistische Folgen der Neuen Technik. München/New York [Saur] 1978

Weischenberg, Siegfried: Journalismus in der Computergesellschaft. Informatisierung, Medientechnik und die Rolle der Berufskommunikatoren. München/New York/London/Paris [Saur] 1982

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Thomas Birkner
*1977, Dr., Akademischer Rat auf Zeit am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er lehrt und forscht in den Bereichen Journalismusforschung, Politische Kommunikation, Kommunikationsgeschichte und Mediensystemforschung. Kontakt: thomas.birkner(at)uni-muenster.de

Thomas Birkner hat einen Einführungsbeitrag zu → Typen und Formen des Journalismus geschrieben.