Richtigkeit

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Wortherkunft: abstammend von frühnhd. richticheit, geläufig seit dem 18. Jahrhundert; abgeleitet vom ahd. Adjektiv ‘rihtig’ und dem mhd. rihtec, rihtic, rihtig = gerade, in die rechte Ordnung gebracht; daher ist Richtigkeit hier auch als ordnungsgemäße Beschaffenheit zu verstehen

Der Begriff bezeichnet eines der zentralen journalistischen Qualitätskriterien, das – als Forderung nach Wahrheit – unter anderem Eingang in den Pressekodex des Deutschen Presserates gefunden hat. Gemeint ist damit in der Regel die intersubjektive Überprüfbarkeit der Inhalte journalistischer Berichterstattung. Gesichert wird diese vor allem durch gründliche → Recherche.

Auch in der Journalismusforschung werden die Begriffe Richtigkeit und Wahrheit oft zusammen diskutiert – wenn auch in durchaus unterschiedlichen Zusammenhängen. So bezeichnet etwa Günther Rager (1994) die Richtigkeit als Qualitätskriterium, das gegenüber der erkenntnistheoretisch nicht mehr haltbaren Forderung nach Wahrheit einen verminderten Anspruch besitzt. Lutz M. Hagen (1995) dagegen konzipiert die beiden Kriterien Wahrheit und Genauigkeit als untergeordnete Teilaspekte der Richtigkeit. Unstrittig erscheint angesichts dieser Differenzen allein die Forderung nach intersubjektiver Überprüfbarkeit journalistischer Aussagen.

Zu beachten ist dabei, dass nicht alle Typen (journalistischer) Aussagen der intersubjektiven Überprüfbarkeit gleichermaßen zugänglich sind. Hagen unterscheidet daher Aussagen über physikalische Sachverhalte, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich und daher in der Theorie unproblematisch überprüfbar sind. Aussagen über psychische oder soziale Sachverhalte dagegen können zwar richtig oder falsch sein, sind der Überprüfbarkeit aber nicht ohne weiteres zugänglich. Meinungsäußerungen und Wertungen wiederum haben überhaupt keinen Wahrheitswert, können also nicht richtig oder falsch sein.

Genauigkeit als Teilaspekt der Richtigkeit ist deshalb von Bedeutung, weil nicht jede sachlich richtige Aussage auch genau und damit für das Publikum relevant ist. So ist etwa die Behauptung „Hamburg und München sind weniger als 20.000 Kilometer voneinander entfernt“ zwar intersubjektiv überprüfbar und richtig, allerdings sehr ungenau. Damit journalistische Berichterstattung Handlungsrelevanz für das Publikum entfalten kann, muss sie jedoch sowohl richtig sein als auch hinreichend genau.

Die Recherche als wichtigstes Mittel zur Gewährleistung der Richtigkeit journalistischer Berichterstattung zielt im Wesentlichen darauf ab, Fehler dadurch zu reduzieren, dass Journalisten selbst Zeuge der Ereignisse werden, über die sie berichten, oder ihre Aussagen zumindest auf seriöse Quellen stützen können. Hierbei hat sich die klassische Anforderung ausgebildet, mit der Veröffentlichung von Informationen zu warten, bis mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen eine Aussage bestätigt haben. Diese Vorgehensweise steht allerdings im Konflikt mit anderen journalistischen Qualitätskriterien, insbesondere mit der → Aktualität. Je höher der Aktualitätsdruck daher ist, desto eher sind Journalisten unter gleichen Umständen (fachlich: ceteris paribus) bereit, Abstriche bei der Richtigkeit zu machen. Dies zeigt sich insbesondere in Medien, die einen schnellen Veröffentlichungsrhythmus erlauben (etwa Online-Medien), und bei Themen, die nicht exklusiv sind, über die also eine Vielzahl von Journalisten berichtet oder berichten kann.

Neben Quellenvielzahl und → Quellenvielfalt gilt teilweise auch → Vollständigkeit als Teilaspekt der Richtigkeit. Hierbei wird darauf abgestellt, dass in der Berichterstattung möglichst kein relevanter Aspekt eines Sachverhaltes fehlen sollte, um Verzerrungen durch – unter Umständen sogar gezielte – Auslassungen zu vermeiden.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Rager, Günther: Dimensionen der Qualität. Weg aus den allseitig offenen Richterskalen? In: Bentele, Günter; Kurt R. Hesse (Hrsg.): Publizistik in der Gesellschaft. Festschrift für Manfred Rühl. Konstanz [UVK] 1994, S. 189-209

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Holger Handstein
*1976, Dr., hat an der Technischen Universität Dortmund zum Thema Qualität im Journalismus promoviert. Er arbeitet als Kommunikationsberater in Köln. Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte: Qualität im Journalismus, Verhältnis von Journalismus und PR. Kontakt: post(at)handundstein.de

Holger Handstein hat einen Einführungsbeitrag zum Thema → Qualität im Journalismus geschrieben.