Text-Bild-Schere

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Die Metapher der ,Text-Bild-Schere‘ wird im Fernseh-Journalismus als das Auseinanderklaffen derjenigen Informationen verstanden, die einerseits im Bild und andererseits im Ton, in der Regel im Off-Text, gegeben werden (Buchholz/Schult: 74). In der Folge hat der Begriff weite Verbreitung in verwandten Bereichen wie der Mediendidaktik, der Kognitionspsychologie oder dem Marketing gefunden und ist in die Alltagssprache aufgenommen worden. Erfunden, untersucht und für die Darstellung im Fernsehen nutzbar gemacht hat ihn der Fernseh-Journalist und Medienwissenschaftler Bernward Wember. 

Ursprünglich hieß der Begriff ,Bild-Text-Schere‘. Bernward Wember ging es dabei darum, dass nicht irgendwelche Schnittbilder mit Text unterlegt werden, sondern dass die Bilder dabei helfen, den Text zu verstehen. Das ist umso schwieriger, je komplexer die Information ist, die vermittelt werden soll. Die bewegten Bilder lenken den Großteil der Aufmerksamkeit auf sich. 

In empirischen Experimenten ließ Wember Zuschauer Magazinbeiträge anschauen und fragte sie nach dem Erinnerten. Die gezeigten Bewegtbilder in einem seiner Beispiele widersprachen der Aussage nicht, sie trugen sie aber auch nicht. Es gab oft schlicht keine Beziehung zwischen Bild und textlicher Aussage. Die visuellen Eindrücke fungierten lediglich als Bildteppich, der die Aufmerksamkeit des Publikums stark auf sich zog.

Die Folge: Die Zuschauer erinnerten sich kaum mehr an den Text. Die Bilder hingegen wurden gut erinnert. Trotzdem fühlte sich das Publikum gut informiert. Auch hier klafft nach Bernward Wember eine Schere der Wahrnehmung.

Erst später wurde der Begriff vergröbert auf einfach gegensätzliche Aussagen von Bild und Text angewendet. Die Beziehungen von Bild und Text können jedoch viel komplexer sein. Karl Renner weist darauf hin, dass auch Musik-Text-Scheren oder Bild-Bild-Scheren denkbar sind (Renner 2001: 26). Er hat die logisch möglichen Beziehungen zwischen Text und Bild in der Folge differenzierter dargestellt. Renner zieht das linguistische Schema von Thema (dem Ausgangspunkt der Information) und Rhema (einer neuen Information) heran und stellt die These auf: „Für das Verhältnis von Kommentar und Bild bedeutet dies, daß das Bild das Thema vorgibt und der Kommentar das Rhema anfügt“ (Renner 2001: 42).

Eine Würdigung von Wembers Leistung nimmt Andreas Wagenknecht vor: „Das Modell der Bild-Text-Schere legte einen Grundstein für die empirische Erforschung dokumentarischer Fernsehberichterstattung hinsichtlich der Wirkung des Verhältnisses von Bild und Text bzw. Ton auf den Rezipienten und geht in seiner Strahlkraft weit über den Bereich der Medien- und Kommunikationswissenschaft hinaus“ (Wagenknecht 2016: 147). Die Rezeption des Themas in verwandten Wissenschaften wäre ein eigenes Thema.

Bernward Wember selbst zog radikale Schlüsse aus seinen Beobachtungen. Er kritisierte die Produktionsbedingungen des Fernsehens, die „auf Dauer eine demokratische Urteilsbildung behindern können“ (Wember 1991: 66) und gab konkrete Ratschläge, wie Fernsehjournalisten dem Publikum genug Zeit zum Verstehen von Text und Bild geben können. Für seinen eigenen Film „Vergiftet oder arbeitslos?“, in dem er seine Methoden umsetzte, erhielt Bernward Wember 1982 den Deutschen Kritikerpreis.

Literatur:

Buchholz, Axel; Gerhard Schult (Hrsg.): Fernseh-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 9. Auflage. Wiesbaden [Springer VS] 2016.

Drescher, Karl Heinz: Erinnern und Verstehen von Massenmedien: Empirische Untersuchungen zur Text-Bild-Schere. Wien [WUV-Universitätsverlag] 1997. 

Renner, Karl Nikolaus: Die Text-Bild-Schere. Zur Explikation eines anscheinend eindeutigen Begriffs. In: Studies in Communication Sciences (2), 1, 2001, S. 23-44.

Wagenknecht, Andreas: Wie informiert das Fernsehen? Ein Indizienbeweis. In: Potthoff, Matthias (Hrsg.): Schlüsselwerke der Medienwirkungsforschung. Wiesbaden [Springer VS] 2016, S. 147-159.

Wember, Bernward: So informiert das Fernsehen. 3. Auflage. München [List] 1991.

YouTube: „Bild-Text-Schere“ von Bernward Wember Teil 1. Nach einer Fernsehsendung von Bernward Wember, 1975. Hochgeladen von Herbert Uhl, 09.06.2018. https://www.youtube.com/watch?v=_NNDSfjsQcM (abgerufen am 20.11.2019)

YouTube: „Bild-Text-Schere“ von Bernward Wember Teil 2. Nach einer Fernsehsendung von Bernward Wember, 1975. Hochgeladen von Herbert Uhl, 09.06.2018. https://www.youtube.com/watch?v=u1d5jkpUXt0 (abgerufen am 20.11.2019)

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Gabriele Hooffacker
*1959, Prof. Dr. phil., seit 2013 Professorin an der HTWK Leipzig. 1999 gründete sie die Journalistenakademie in München, die sie bis 2013 gemeinsam mit Peter Lokk leitete. Sie gibt die Lehrbuchreihe Journalistische Praxis bei Springer VS heraus, die von Walther von La Roche gegründet wurde. Arbeitsschwerpunkte: Online und Crossmedia, Medienwandel, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: gabriele.hooffacker(at)htwk-leipzig.de Zu journalistischen Arbeitstechniken hat Gabriele Hooffacker einen → Einführungsbeitrag geschrieben.