Überschrift

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Als Überschrift bezeichnet man im Journalismus die Schrift oberhalb eines Artikels bzw. die leitende Schriftzeile, engl. headline (= die Zeile am ‚Kopf‘ des Beitrags). Sie wird auch Schlagzeile genannt (Das Thema Eurofighter landet immer wieder in den Schlagzeilen / Der ADAC kommt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus), wobei das Wort ‚Schlag‘ eine ‚treffende‘ Beschreibung meint und in dieser Bedeutung von mhd. slahen bzw. engl. to slay für ‚erschlagen‘ stammt (vgl. Duden Band 7 2001: 721f.). Auch das Lexem ‚Titel‘ ist geläufig (vgl. Duden Band 7 2011: 848), allerdings hat dieser Begriff Homonym-Charakter, da er auch das Titelbild (Cover), den Titel einer Publikation (Zeitungstitel, Musiktitel, Filmtitel) oder einen Sendungstitel meinen kann; zudem ist er Teil offizieller Bezeichnungen (Doktortitel etc.). Er findet sich im Journalismus auch in der Verbform ‚titeln‘ wieder (einen Text mit einer Überschrift versehen).

In ihrer kommunikativen Funktion ist die Überschrift eine plakative Hauptzeile, die auf den nachfolgenden Artikel aufmerksam macht und ihn damit beim Leser bewirbt. Metaphorisch wird sie auch als Aushängeschild eines Artikels bezeichnet. Sie soll also Neugier wecken, dabei aber auch sachliche Information transportieren. Auf diese Weise hat die Überschrift eine ähnliche Funktion wie ein Werbeslogan, allerdings ohne falsche Versprechungen und Übertreibungen (vgl. Kurz 2010: 299). Die Überschrift gehört aufgrund ihrer Formatierung (größere, oft fett gesetzte Schrift, ein- oder mehrzeilig) und inhaltlich kompakten Zusammenfassung (bei Nachrichten) oder atmosphärischen Beschreibung (bei erzählenden Darstellungsformen wie Reportage oder Porträt) neben Vorspann/Unterzeile und Bebilderung zu den auffälligsten Bausteinen eines Artikels. Sie ist damit eines der wichtigsten Mittel zum Rezeptionsanreiz.

Überschriften lassen sich stilistisch in diverse Gattungen einteilen: Grundlegend für den Inhalt ist hierbei die Unterscheidung in Thema- und Aussagetitel (vgl. Kurz 2010: 301), die sich auch in ’nachrichtlich allgemein‘ (Neue Debatte um Stadionbau) und ’nachrichtlich konkret‘ (Gericht stoppt Ausbau der A44) differenzieren lassen. Bei künstlerisch-publizistischen Darstellungsformen lehnen sich die Überschriften stilistisch oft an literarische Titelgebung an, etwa Die Nacht ist zum Staunen da (Reportage über eine Museumsnacht), Neozoten – Invasion der fremden Pflanzen (populärwissenschaftlicher Beitrag) oder Der Waldmeister vom Langenhorst (Porträt über einen Förster).

Auch in Syntax und Grammatik ist eine fachliche Differenzierung vorhanden: Elementar ist die Gliederung in verbbetonte und substantivische Überschriften. Bei den verbbetonten Überschriften ist einerseits die aktive Variante gängig, die häufig im Präsens steht, wodurch sie die Aktualität erhöht: Brand legt S-Bahn lahm, Gabriel setzt Merkel unter Druck, Stadt will Kinderbauernhof verkaufen. Andererseits hat sich die passive Variante als syntaktische Sparform etabliert: Sie verkürzt die Aussage der Überschrift elliptisch durch das Weglassen von Prädikat (meist die finite Verbform), Artikel oder Possessivpronomen (vgl. Kurz 2010: 304; Sandig 1971: 60-106): ARD-Fernsehteam bei Recherche festgenommen, Winterreifen-Pflicht für Fahrräder gefordert, Tarifkompromiss mit Piloten geplatzt.

Substantivische Überschriften werden auch als Nominalstil bezeichnet und kommen ohne Verb und oft auch ohne Artikel aus: Erfolg im Kampf gegen Navidiebe, Warnung vor Kombipräparat bei Erkältung, Zwölf Tote bei Brand in Karaokebar.

Doppelpunkte
Auch anhand der Interpunktion lassen sich Überschriften in Kategorien gliedern. Wie in Fließtexten haben die Satzzeichen hier den Zweck, die Überschrift zu strukturieren. Am häufigsten geschieht dies durch den Doppelpunkt, bei dessen Verwendung drei Varianten gebräuchlich sind (vgl. Kurz 2010: 305f.):

(1) Quelle: Aussage
US-Behörde: 2015 war das heißeste Jahr
„Focus“: Kein Verfahren gegen Leiter der JVA
Im letzten Fall geht es darum, eine Nachricht zu publizieren, deren Inhalt eine andere Zeitung exklusiv veröffentlicht hat. Bei solchen Zitaten wird der Titel der Publikation in der Überschrift genannt (hier das Nachrichtenmagazin Focus).

Zu dieser ersten Gruppe gehören auch Redetitel, also Überschriften mit dem Zitat einer natürlichen Person (Roland Kaiser: „Ich war ein Kotzbrocken”). Außer bei derartigen Meldungen werden Zitate in der Überschrift von Interviews (als Darstellungsform) in der Regel ohne Quelle angegeben, da diese offensichtlich ist. Das ausgewählte Zitat enthält meist eine Kernaussage, die neugierig macht und gleichzeitig ein herausragendes Merkmal des Interviewten charakterisiert:

„Die AfD ist Rassismus im Nadelstreifenanzug“
(Interview von Marcus Ertle mit Claudia Roth. Galore, 1, 2015: 48-54)

„Ich will doch nur Spaß haben“
(Interview von Anne Grages mit Hugo Egon Balder. Westdeutsche Zeitung, 25.11.2005: 7)

(2) Ursache: Ereignis
Krebserkrankung: Barça-Trainer Vilanova tritt zurück
Insolvenz: Sanierung des Bürgerhauses unterbrochen

(3) Stichwort: Aktuelles
Kneipen-Test: Bakterien aus jedem sechsten Zapfhahn
Flüchtlingskrise: Österreich fordert Obergrenze
VW-Tarifrunde: IG Metall will mehr Geld und Altersteilzeit

Darüber hinaus sind vereinzelt Überschriften mit Trennstrich oder Komma geläufig (4,1 % mehr – Metall wendet Streik ab / Garvey geht, Haber kommt: Stühlerücken bei „The Voice of Germany“). Sie gliedern ebenfalls Informationen und trennen gedankliche Einheiten, wobei der Trennstrich mehr Distanz zwischen den Informationen setzt als das Komma.

Ausrufezeichen
Überschriften mit Ausrufezeichen sind im Boulevardjournalismus und in Magazinbeiträgen sowie auf deren Titelseiten gebräuchlich. Sie haben oft eine kommentierende Funktion und verleihen der zugehörigen Aussage einen besonderen Nachdruck (vgl. §69 der amtlichen Regeln für die deutsche Rechtschreibung und Zeichensetzung 2006: 75).

Heul doch! Eine Deutschlandreise zu Menschen, die nicht jammern, sondern machen
(Neon, August 2015, Titelseite)

Hintern hoch! Wie Sie Sport treiben, obwohl Sie keine Lust dazu haben
(myself, Februar 2016, Titelseite)

Ausrufezeichen sollten jedoch sparsam verwendet werden, da die Nähe zur expliziten Werbung (Auf in den Modefrühling! / Gesucht, gefunden, gekauft!) die Absicht der Berichterstattung beeinträchtigen kann – es sei denn, es handelt sich um einen PR-Text oder eine so genannte Sonderveröffentlichung mit entsprechendem Reklamezweck.

Fragezeichen
Fragezeichen sind in Überschriften selten, vor allem in Nachrichten; denn diese informieren in der Regel über Fakten. Geht es in der Berichterstattung um Ungewissheiten, schwingt beim Einsatz eines Fragezeichens fast immer der Faktor der Spekulation mit: Kaufte Katar die WM? / Gibt es bald keine Lokführer mehr? / Wird Michael Schumacher wieder gesund? Daher sind Fragezeichen häufiges Mittel in der Sparte der illustrierten Wochenzeitschriften (‚Klatschblätter‘), um faktisch in ihrem Wahrheitsgehalt nicht gedeckte Mitteilungen zu verbreiten, die oftmals auf Gerüchten oder gar bewussten Fehlinterpretationen seitens der Redaktion basieren: Charlene & Albert – Wird ihre Ehe jetzt annulliert? / TV-Star Jan Fedder: Wie lange hält er noch durch? Legitim ist das Fragezeichen hingegen, wenn die im Titel gestellte Frage als Themengrundlage dient: Fußball-Reporter: Entertainment oder Journalismus? (Radiobeitrag).

Eine wissenschaftlich bislang nur beiläufig analysierte Variante der Titelgestaltung sind Wortspiele, meist in Gestalt bereichskonformer Metaphern: Die appgelenkte Generation. Kinder und Jugendliche leiden zunehmend unter Smartphone-Stress (Hannoversche Allgemeine) / Totalschaden bei VW: Winterkorn verdieselt sich! (Bild). Je nach Medium und Anspruch sind sie vor allem in künstlerisch-publizistischen und argumentativen Genres üblich. Auf den metaphorischen Gehalt bezogen hat sich die belgische Linguistin Sabine De Knop in ihrer lange zurückliegenden Dissertation Metaphorische Komposita in Zeitungsüberschriften (1987) mit diesem Aspekt beschäftigt.

Forschungsstand
Abgesehen von Praxisratgebern der Sorte ‚100 Tipps für kreatives Schreiben‘ sind Forschungen zur Überschrift oft in wissenschaftliche Publikationen zur generellen Stilistik des Journalismus integriert. Dazu gehört etwa die als Arbeitsbuch bezeichnete Veröffentlichung Journalistisches Texten von Jürg Häusermann (2011: 187-201). Als detaillierte Einzelbände zum Thema sind Markus Reiters Fachbuch Überschrift, Vorspann, Bildunterschrift (2009), in dem er in der zweiten Auflage auch auf Suchmaschinenoptimierung für Überschriften eingeht, sowie die Werke von Wolf Schneider hervorzuheben, zuletzt 2015 die fünfte Auflage des Standardwerkes Die Überschrift (zusammen mit Detlef Esslinger).

Einen ausführlichen Überblick über die Überschriften-Stilistik des Boulevardjournalismus bietet der Mammutband Das Bild Buch (752 Seiten), 2012 herausgegeben vom damaligen Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann. Variationsreicher ging 1992 Carl A. Rüede vor und präsentierte seine Sammlung Die besten Schlagzeilen aus Presse und Werbung aus deutschsprachigen, englischen und französischen Medien.

Literatur:

De Knop, Sabine: Metaphorische Komposita in Zeitungsüberschriften. Tübingen [Max Niemeyer] 1987

Diekmann, Kai (Hrsg.): Das Bild Buch. Köln [Taschen] 2012

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001

Esslinger, Detlef; Wolf Schneider: Die Überschrift. Sachzwänge • Fallstricke • Versuchungen • Rezepte. 5. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2015

Häusermann, Jürg: Journalistisches Texten. Sprachliche Grundlagen für professionelles Informieren. 3. Auflage. Konstanz [UVK] 2011

Kurz, Josef: Die Überschrift (Der Titel). In: Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010, S. 299-321

Sandig, Barbara: Syntaktische Typologie der Schlagzeile. Möglichkeiten und Grenzen der Sprachökonomie im Zeitungsdeutsch. München [Hueber] 1971

Rat für deutsche Rechtschreibung: Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/download/regeln2006.pdf. 2006

Reiter, Markus: Überschrift, Vorspann, Bildunterschrift. 2. Auflage. Konstanz [UVK] 2009

Rüede, Carl A.: Die besten Schlagzeilen aus Presse und Werbung. Zugkräftige Headline-Ideen nach Stichwörtern leicht auffindbar geordnet. Thun [Ott] 1992

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Martin Gehr
*1979, hat Diplom-Journalistik und Germanistik an der Technischen Universität Dortmund studiert. Er arbeitet als freier Journalist und Autor und ist redaktioneller Leiter des Journalistikons sowie des Online-Rezensionsmagazins r:k:m.