Vielfalt

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Wortherkunft: Rückbildung aus dem älteren Adjektiv ‘vielfältig’ aus dem 18. Jahrhundert

Vielfalt beschreibt die Verschiedenartigkeit und Mannigfaltigkeit etwa einer Sache, einer Person, eines Themas, von Aktions- oder Rezeptionsmöglichkeiten. Vielfalt deutet auf eine Fülle verschiedener Ausprägungen hin. Im Journalismus bezeichnet der Begriff ein grundlegendes Qualitätskonzept, dessen Umsetzung teils durch das Rechtssystem verpflichtend vorgegeben ist.

Vielfalt als Dimension journalistischer Qualität ist dabei selbst sehr vielgestaltig. So unterscheidet Denis McQuail (1992) drei wesentliche Konzepte von Vielfalt: (1) Vielfalt als Spiegelung der gesellschaftlichen Unterschiede, (2) Vielfalt als Möglichkeit des Zugangs zu Medien für verschiedene gesellschaftliche Standpunkte und (3) Vielfalt als Vielzahl von Kanälen und Wahlmöglichkeiten.

(1) Unter den Begriff der Spiegelung fällt die Forderung, dass Medien die in der Bevölkerung herrschenden Unterschiede in Bezug auf Kultur, Meinung oder soziale Gegebenheiten wiedergeben, repräsentieren sollen. Vielfalt in diesem Sinne findet einen direkten Niederschlag in der journalistischen Berichterstattung.

(2) Die Forderung nach Zugang bedeutet, dass die verschiedenen Gruppen und Interessen, aus denen die Gesellschaft besteht, die Möglichkeit haben, ihre kulturelle Identität auszudrücken und am Leben zu halten – wenn es relevant ist. Die Möglichkeit des Zugangs zu Medien ist nach McQuail vor allem für oppositionelle, abweichende Stimmen wichtig, die entscheidend sind für Veränderungen und Wahlmöglichkeiten in einer Gesellschaft. Eine Frage des Zugangs zu Medien ist auch die in Medien herrschende → Quellenvielfalt – nur wessen Stimme Eingang in die journalistische Berichterstattung findet, kann als Teil dieser Berichterstattung wahrgenommen werden.

(3) Vielfalt als Vielzahl von Kanälen und Wahlmöglichkeiten für das Publikum schließlich impliziert die Betrachtung von Medieninhalten als Konsumgüter: Wenn die Konsumenten eine größere Auswahl haben, sind sie freier. Historisch zeigt sich eine Tendenz zur Vervielfältigung der zur Verfügung stehenden Kanäle – neben Printmedien traten zunächst Rundfunkmedien und schließlich Online-Medien, die ihrerseits in eine Vielzahl unterschiedlicher Kanäle zerfallen. Mit der Zahl der Kanäle steigen dabei nicht nur die Möglichkeiten des Medienkonsums; auch die Möglichkeiten des Zugangs zu Medien sind durch technische Innovationen und den Abbau von Zutrittsbarrieren vielfältiger und damit besser geworden.

Die unterschiedlichen Dimensionen von Vielfalt legen nahe, dass Vielfalt im Journalismus auf verschiedenen Ebenen hergestellt werden kann, etwa auf der Ebene einzelner journalistischer Beiträge, auf der Ebene der gesamten Berichterstattung eines einzelnen Mediums und auf der Ebene des → Mediensystems insgesamt. Ansatzpunkte für medienpolitische Eingriffe bieten vor allem die Ebene des Mediums und die Ebene des Mediensystems.

So wird in der Bundesrepublik Deutschland im Pressebereich und bei Online-Medien externe Vielfalt angestrebt. Dies bedeutet, dass es einzelnen Medien freigestellt ist, einseitig zu berichten. Das Mediensystem insgesamt soll dagegen dafür sorgen, dass Quellenvielfalt durch eine möglichst große Zahl möglichst unterschiedlicher Einzelmedien gewährleistet ist. Im Rundfunkbereich, wo traditionell aufgrund der technischen Gegebenheiten eine höhere Konzentration herrscht, wird dagegen interne Vielfalt verlangt: Die Rundfunksender sollen zwar nicht in einzelnen Beiträgen, wohl aber in ihrem Gesamtprogramm Meinungspluralismus gewährleisten, also die Vielfalt der in der Gesellschaft herrschenden Meinungen adäquat wiedergeben. Dies gilt grundsätzlich sowohl für öffentlich-rechtliche als auch für private Sender.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Schatz, Heribert; Winfried Schulz: Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen Fernsehsystem. In: Media Perspektiven, 11, 1992, S. 690-712

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Holger Handstein
*1976, Dr., hat an der Technischen Universität Dortmund zum Thema Qualität im Journalismus promoviert. Er arbeitet als Kommunikationsberater in Köln. Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte: Qualität im Journalismus, Verhältnis von Journalismus und PR. Kontakt: post(at)handundstein.de

Holger Handstein hat einen Einführungsbeitrag zum Thema → Qualität im Journalismus geschrieben.