Web 2.0

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Wortherkunft: Im Gegensatz zum World Wide Web, dem erst rückblickend so genannten „Web 1.0“, sollte die aus der Software-Vermarktung bekannte Nummerierung der Versionen einen qualitativen Sprung hin zum „Web 2.0“ suggerieren.

Definition:
Unter Web 2.0 werden alle Arten von nutzergenerierten Inhalten (user generated content, kurz UGC) online zusammengefasst. Dazu zählen die Technologien, die für die Kollaboration im Web notwendig sind, ebenso wie die zugehörigen Geschäftsmodelle. Es gibt keine eindeutige wissenschaftliche Definition. Weitere verwandte Begrifflichkeiten rund um das Web 2.0 lauten „Social Web“, „Semantic Web“, „soziale Netzwerke“ oder „soziale Medien“ (unglückliche, aber sehr verbreitete Übersetzung von „Social Media“) bis hin zu partizipativen oder kollaborativen Formaten online.

Programmiertechnisch ist das Web 2.0 gekennzeichnet durch Technologien wie JavaScript, JavaServer-Pages und PHP, AJAX, RSS und Web-Services auf XML-Basis (Behrendt 2008: 4ff.).

Geschichte:
Mit dem Ende der sogenannten Dotcom-Blase und der damit verbundenen Geschäftsmodelle suchte die Branche nach neuen Wegen im E-Business. Bis dahin basierten die meisten Online-Anwendungen auf dem World Wide Web, wie es 1989 von Tim Berners-Lee am CERN entwickelt worden ist und bis heute die Grundlage des Internets bildet. Es besteht aus weitgehend statischen HTML-Seiten, die durch Hyperlinks ( → Link) verbunden sind.

Das Web 2.0 stellte eine Rückbesinnung auf die von den Nutzern produzierten Inhalte dar, die damit zu „Prosumern“ werden. Lange vor der Erfindung des World Wide Web bildeten solche Inhalte in Instant-Messaging, Chats und Foren die ersten Anwendungen des Internets. Bekannt wurde der Begriff „Web 2.0“ durch Tim O’Reilly, den Gründer des gleichnamigen Verlages, und seinen Ende September 2005 veröffentlichten Artikel „What is Web 2.0“ (Behrendt 2008: 5). Erstmals nachgewiesen ist er bei Scott Dietzen, dem Technischen Direktor von BEA Systems (Knorr 2003: 90).

Zu den typischen Web-2.0-Anwendungen zählen Blogs, Wikis sowie Drittplattformen wie Facebook, Twitter, Instagram oder TikTok, medienspezifische Plattformen wie YouTube oder Soundcloud sowie Plattformen mit spezifischer Funktion wie Xing oder LinkedIn. Mit der Blogtechnologie, einem vereinfachten Content-Management-System (CMS) für chronologisch sortierte Einträge, wurde es für alle Menschen mit Internet-Zugang einfach und ohne HTML-Kenntnisse möglich, Inhalte im Web zu veröffentlichen und sich miteinander zu vernetzen. Das XML-Konzept erlaubt durch die Trennung von Inhalt, Struktur und Design, sogenannte Newsfeeds (RSS oder ATOM) zu abonnieren. Damit wurden regelmäßig aktualisierte Inhalte als Blog oder Podcast im Pull- statt Push-Prinzip möglich.

Das bekannteste Wiki-CMS ist dasjenige von Wikimedia, das hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia steht. Sie startete 2001 und zählt 2019 zu den fünf meistbesuchten Websites weltweit. Alle Beiträge werden kollaborativ von Nutzern mit abgestuften Rechten erarbeitet. Die Wikipedia liefert damit gleichzeitig ein Musterbeispiel für die Schwierigkeiten, die diese Arbeitsweise mit sich bringt: einen hohen Verschleiß an aktiven Nutzer/innen, sogenannte Edit-Wars um die Deutungshoheit für bestimmte Begriffe sowie das Phänomen der „Sockenpuppen“, Accounts, hinter denen sich Nutzer unter Pseudonym verbergen, die womöglich mehrfach auf der Plattform unterwegs sind.

Ebenfalls seit Mitte der Nullerjahre kamen Drittplattformen wie StudiVZ auf (das inzwischen bedeutungslos ist), und Anbieter wie die US-amerikanischen Unternehmen Facebook Inc., Twitter Inc. oder das chinesische Unternehmen Bytedance (TikTok) stiegen zu Global Playern auf. Datenschützer kritisieren das Geschäftsmodell, in dem die Nutzer quasi mit ihren Daten zahlen.

Gegenwärtiger Zustand:
Der Begriff Web 2.0 ist inzwischen durch Begriffe wie „Social Media“ oder „soziale Netzwerke“ abgelöst worden (Schmidt 2018: 16ff.). Die für Software-Updates typische Methode, Versionsnummern von 1.0 weiterzuzählen, hat durch den Begriff des Web 2.0 große Verbreitung erfahren. Überall, wo partizipative Formate statt statischer, senderorientierter Massenmedien entwickelt wurden, gab es Einsatzbeispiele für die Versionsangabe 2.0. Die Bandbreite reicht von „TV 2.0“ für Internet-Fernsehen über „Politik 2.0“ für E-Demokratie und E-Government bis hin zu „Stasi 2.0“ für die sogenannte Vorratsdatenspeicherung, also die automatisierte Erfassung und Speicherung von Nutzerdaten in großem Umfang. Ein aktuelles Beispiel (2019) ist eine Kampagne innerhalb der katholischen Kirche, die mehr Rechte und Mitsprachemöglichkeiten für Frauen in der Kirche fordert, unter dem Titel „Maria 2.0“.

Forschungsstand:
Für den Journalismus gewinnen die partizipativen Formate online zunehmend an Bedeutung. „In der intelligenten Einbindung des Publikums könnte die Zukunft des professionellen Journalismus liegen.“ Damit schließt Christoph Neuberger schon 2012 seinen Forschungsüberblick zum Bürgerjournalismus (Neuberger 2012: 76). Noch fehlt es an standardisierbaren Abläufen und Modellen für das Einbinden partizipativer Formate in journalistische Produkte, „die den klassischen Journalismus ergänzen, nicht ihn ersetzen sollen“ (Hooffacker 2018: 33).

Die Mediennutzungsforschung belegt eine zunehmende Bedeutung der sozialen Netzwerke. So heißt es in der ARD-ZDF-Online-Studie 2019: „Online-Communitys bzw. Social Media werden von einem Viertel der Bevölkerung täglich genutzt. Gegenüber der E-Mail ist die Verwendung von Social Media für 59 Prozent der 14- bis 29-Jährigen tägliche Praxis, wohingegen nur ein Drittel der 30- bis 49-Jährigen täglich auf Social-Media-Angebote zugreift (31 %).“ (Beisch et al. 2019: 383). Dabei unterliegt die Nutzung der unterschiedlichen Plattformen einem raschen Wechsel.

Kritische Stimmen kommen aus dem Bereich der Medienpädagogik. Tilmann Sutter bezweifelt den Charakter des Web 2.0 als „Mitmachnetz“ (Sutter 2010: 56). Jan-Hinrik Schmidt sieht in seinem Standardwerk „Social Media“ das partizipative und Vernetzungspotenzial des Internets als Abbild vernetzter Gesellschaften: „Wir leben in einer Gesellschaft der vernetzten Individualität. Das Internet, und die sozialen Medien im Speziellen, sind die perfekten Technologien für diese Form der Gesellschaft.“ (Schmidt 2018: 114).

Literatur:

Behrendt, Jens; Klaus Zeppenfeld. Web 2.0. Berlin/Heidelberg: [Springer] 2008.

Beisch, Natalie; Wolfgang Koch; Carmen Schäfer: ARD/ZDF-Onlinestudie 2019: Mediale Internetnutzung und Video-on-Demand gewinnen weiter an Bedeutung. In: Media-Perspektiven 9/2019. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/files/2019/0919_Beisch_Koch_Schaefer.pdf, 2019, S. 374-388.

Blumauer, Andreas; Tassilo Pellegrini: Social Semantic Web. Web 2.0 – Was nun? Berlin/Heidelberg: [Springer] 2009.

Hooffacker, Gabriele: Bürgerreporter: zwischen Partizipation und professioneller Redaktion. Formate des Bürgerjournalismus im Lokalfernsehen. In: Journalistik 3/2018, S. 22-35, https://journalistik.online/aufsatz/buergerreporter-zwischen-partizipation-und-professioneller-redaktion/ [01.12.2019]

Knorr, Eric: The Year Of Web Services. In: CIO, 15.12.2003, S. 90, https://books.google.de/books?id=1QwAAAAAMBAJ&lpg=PA90&hl=de&pg=PA90#v=onepage&q&f=false [30.11.2019]

Neuberger, Christoph: Bürgerjournalismus als Lösung? Empirische Ergebnisse zu den journalistischen Leistungen von Laienkommunikation. In: Jarren, Otfried; Matthias Künzler; Manuel Puppis (Hrsg.): Medienwandel oder Medienkrise? Folgen für Medienstrukturen und ihre Erforschung. Baden-Baden [Nomos] 2012, S. 53-76.

Schmidt, Jan-Hinrik: Social Media. 2. Auflage. Wiesbaden: [Springer VS] 2018.

Sutter, Tilmann: Medienkompetenz und Selbstsozialisation im Kontext Web 2.0. In: Herzig, Bardo (Hrsg.): Jahrbuch Medienpädagogik 8. Medienkompetenz und Web 2.0. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010.

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Gabriele Hooffacker
*1959, Prof. Dr. phil., seit 2013 Professorin an der HTWK Leipzig. 1999 gründete sie die Journalistenakademie in München, die sie bis 2013 gemeinsam mit Peter Lokk leitete. Sie gibt die Lehrbuchreihe Journalistische Praxis bei Springer VS heraus, die von Walther von La Roche gegründet wurde. Arbeitsschwerpunkte: Online und Crossmedia, Medienwandel, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: gabriele.hooffacker (at) htwk-leipzig.de Zu journalistischen Arbeitstechniken hat Gabriele Hooffacker einen → Einführungsbeitrag geschrieben.