Korruption

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Wortherkunft: von lat. corrumpere: verderben, verletzen, verfälschen, bestechen; corruptio: Sittenverfall, Bestechung, Bestechlichkeit.

Definition:
Eine einheitliche Definition von Korruption liegt nicht vor, und so wird der Begriff auch in der Wissenschaft recht unterschiedlich verwendet. In einem basalen Sinn versteht man – dem Wortstamm getreu – unter Korruption schlicht ‚Verfall der Moral‘. So ungenau ein derart weiter Begriff bleibt, verweist er gleichwohl auf (moralische) Normen; daran orientieren sich verhaltensbezogene Definitionen, die unter Korruption das Übertreten einer Regel in Bezug auf ein System aus Vorgaben und Verhaltenserwartungen verstehen. Handlungen sind demnach nicht an sich korrupt, sondern nur in Relation zu konkreten Regeln, etwa Gesetzen oder Sitten. Überwiegend ist Korruption negativ konnotiert.

Enger gefasst hebt der Begriff in der Politik ab auf Pflichtverletzungen und Vertrauensbruch von Amtsinhabern, die ungerechtfertigte private Vorteile (z. B. durch Geldzahlungen) aus ihrer Position ziehen (Wolf/Fütterer 2019: 109). Korruption bindet sich also an eine Position, ein Amt oder an einen persönlichen Vorteil. Ähnlich kann man den Missbrauch von Vertrauen (und einer Vertrauens-Stellung) im sozialen oder wirtschaftlichen Kontext als korrupt verstehen. Dementsprechend finden sich rechtswissenschaftliche, soziologische, ökonomische, sozialpsychologische und auch theologische Perspektiven, die Korruption mit einem eigenen disziplinären Fokus fassen. Der Rechtswissenschaft geht es beispielsweise häufig um die strafrechtliche Bestimmung von Handlungen und den Begriff des Vorteils; in der Politikwissenschaft überwiegt die Sicht auf Korruption als Einflussnahme auf allgemein-verbindliche Entscheidungen von Amtsträgern, die Regeln der Politikfindungs- und Entscheidungsprozesse unterlaufen; die Wirtschaftswissenschaft dagegen interessiert sich eher für die Folgen von korrupten Handlungen für Märkte, Branchen und Unternehmen.

Für den Zusammenhang von Korruption und Journalismus lässt sich mit ähnlich disziplinärem Blick folgende Definition aufstellen: Journalistisches Handeln ist korrupt (journalistische Korruption liegt vor), wenn Journalisten in ihren Entscheidungen über die Publikation (und Nicht-Publikation) und/oder bei der Darstellung und Transparenz von Ereignissen, von Hintergründen, Folgen, beteiligten oder betroffenen Personen die Normen journalistischen Handelns verletzen und zugleich daraus einen ungerechtfertigten persönlichen Vorteil ziehen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen individueller und struktureller Korruption im Journalismus (vgl. Deuermeier 2016): Gefälligkeiten wie die Annahme persönlicher Geschenke oder gar Geld sind der ‚individuellen Korruption‘ zuzurechnen; unterschwellige Werbung oder publizistische Unterstützung, z. B. durch Werbeaufträge, kann als ‚strukturelle Korruption‘ gefasst werden.

Geschichte:
Diese Definition kennzeichnet Korruption also als ein relationales Handeln – und somit als ein im jeweiligen Kontext zu fassendes Phänomen, das zu unterschiedlichen Zeitpunkten in unterschiedlichen Gesellschaften verschieden modelliert wird. Nun finden sich in der Geschichte des Journalismus recht differenzierte Vorstellungen seiner Leistungs- und Funktionsaufgaben, also von dem, was Journalismus ganz allgemein soll und anhand welcher (Qualitäts-)Kriterien er konkret zu beurteilen wäre. Entsprechend fluide gestaltet sich die Bestimmung von ‚Korruption im Journalismus‘.

Ein zentraler Bezugspunkt journalistischen Handelns ist in den liberalen Demokratien die Vorstellung der → Öffentlichkeitsleistung des Journalismus: Ein freier, unabhängiger und wahrhaftig berichtender Journalismus gilt als Säule demokratischer Gesellschaften – weshalb ihm häufig der Status einer ‚vierten Gewalt‘ zugesprochen wird. Unter diese normative Funktion fallen Aufgaben wie die Aufdeckung von Missständen und die Kontrolle von politischer Macht. Damit ist die Offenlegung von Korruption ein Aspekt journalistischen Handelns selbst, womit die Sichtbarkeit von Korruption in einer Gesellschaft auch die Funktionsfähigkeit des freien Mediensystems zeigt.

Genauer hingegen mit Blick auf Korruption im Journalismus selbst steht historisch betrachtet die Frage der Unabhängigkeit von Medienunternehmen im Vordergrund (und damit strukturelle Korruption). Denn journalistische und später redaktionelle Arbeit und der Druck des eigentlichen Presseproduktes bedurfte (und bedarf nach wie vor) erheblicher finanzieller Mittel. Und so kann man beispielsweise im ausgehenden 18. Jahrhundert in den USA beobachten, dass zwar einerseits die demokratietheoretische Bedeutung der freien Presse früh anerkannt und sofort institutionalisiert wurde, zeitgleich aber sich in der journalistischen Praxis Abhängigkeiten von Sponsoren ergaben – und das waren häufig genug die dort zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehenden Parteien oder einzelne (wohlhabende) Politiker.

Mit dem allgemeinen Aufkommen des Anzeigenmarktes änderten sich für den Journalismus die ökonomischen Rahmenbedingungen. Dementsprechend differenzierte sich die Kunden- und → Publikumsorientierung im Journalismus weiter aus. Bereits in den 1920er Jahren beschrieb Bücher (1926) dann hierzulande den Doppelcharakter von Medienunternehmen, die nicht nur → ‚Inhalte‘ als Produkt auf den Markt bringen, sondern auch ‚Anzeigenraum‘ und ‚Kontakt zu Konsumenten‘. In der Journalismusforschung wird seit den 1960er Jahren redaktionelles Marketing und eine Zielgruppenorientierung als Problem journalistischer Qualität diskutiert.

Gegenwärtiger Zustand:
Freilich werden heute Zusammenhänge und auch symbiotische Beziehungen moniert: beispielsweise in Politik oder → Sport, aber auch im Journalismus; sie werden dennoch oft nicht als strukturelle Korruption verstanden. „Welche Anreize auf → Journalisten einwirken, wie sich Tauschbeziehungen zwischen Journalisten und ihren Interaktionspartnern gestalten und welche Institutionen die Akteure beeinflussen, hängt maßgeblich von dem kulturellen Kontext ab, innerhalb dessen die Medienakteure handeln“ (Fengler 2016: 242). Dabei wird überwiegend davon ausgegangen, dass in Kontinentaleuropa und den angelsächsischen Staaten direkte (etwa durch Bestechung) oder indirekte Korruption (durch lukrative Anzeigen) die Ausnahme sind und nicht systematisch auftreten. Allerdings sind in den letzten Jahren vermehrt Fälle individueller Korruption wie Fälschungsskandale, Berichte über ‚gefällige‘ Publikationen und tatsächliche monetäre Zuwendungen zu beobachten (mit juristischen Konsequenzen) und geben Anlass zu medienethischen Diskussionen; daneben gelten Nischen wie der Motor- und Reisejournalismus länger schon als ‚strukturell korrupt‘ (Weischenberg 2018: 193; 279).

Medienkritik zu Marktmechanismen und korrespondierende Fragen mangelnder journalistischer Qualität werden eher randständig als strukturelle Korruption diskutiert, eben meist als Frage journalistischer Qualität. Vor allem Verstöße gegen die Sorgfaltspflicht stellen heute ein drängendes Problem dar: „Völlig im Dunkeln bleiben meist die kleinen Schummeleien im journalistischen Alltag. Da sitzt der politische Korrespondent vor dem Fernsehapparat und schaut Phoenix, statt ‚vor Ort‘ zu sein. Da wird breit aus Radio-Interviews zitiert und großmäulig die Aussage seziert, obwohl man nur eine karge Agenturfassung kennt. Da werden Zitate aus anderen Medien übernommen – ungeprüft und ohne die Quelle zu nennen. Da werden Erträge aus → Pressekonferenzen und journalistischen Massenabfertigungen als ‚Exklusiv-Interviews‘ präsentiert, und da sind ‚Reportagen‘ das Ergebnis von ‚Google-Recherchen‘“ (Weischenberg 2018: 184).

Für sich genommen gilt solches Fehlverhalten nicht als korrupt, schon gar nicht unter strenger Auslegung der angeführten Definition; jedoch spiegelt sich darin ein Wandel journalistischen Handelns aufgrund riskanter wirtschaftlicher Lagen der Unternehmen selbst. In dieser Situation steigt die Korruptionsgefahr im Journalismus: einerseits auf der Ebene der Organisation (strukturelle Korruption) z. B. durch das inzwischen kritisch diskutierte → ‚NativeAdvertisement‘ (Werbung, die sich den Plattform-Designs anpasst und als ‚heimischer‘ Teil des redaktionellen Inhalts erscheint); andererseits durch „Bestechungsverlockungen“ (Überall 2017: 5) unterbezahlter → Redakteure (individuelle Korruption). Gegenwärtig wird die Frage von journalistischer Korruption als Frage der Prävention durch Transparenz diskutiert, etwa durch die Aufnahme der Medien in den Corruption Perception Index von Transparency International (vgl. https://www.transparency.de/themen/medien).

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Klaus Kamps
*1965, Prof. Dr., ist seit 2014 Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er studierte in Düsseldorf, DeKalb (USA) und Christchurch (Neuseeland) Politikwissenschaft, Medienwissenschaft und Neuere Geschichte. Während seiner akademischen Laufbahn war er u. a. tätig an den Universitäten Düsseldorf, Münster und Erfurt; zudem war er von 2001 bis 2003 Leiter der Abteilung Medien und Telekommunikation in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen. Arbeitsschwerpunkte: Kommunikationstheorie, Politische Kommunikation (mit dem Schwerpunkt USA), Medienpolitik und Mediensysteme.