Mediensystem

Mediensystem

    Eine Einführung von Marcel Machill

    Wortherkunft: zusammengesetztes Nomen aus ‘Medien’, lat. medium = Mitte, zu lat. medius = in der Mitte, vermittelnd, daher Medien als ‘Information vermittelnde Einrichtungen’, und ‘System’, griech. sýstēma = Zusammenstellung, zu griech. synistánai = zusammenstellen

    Definition:
    Die Mittel öffentlicher Kommunikation und ihr Zusammenwirken (mit anderen Systemen) innerhalb eines Nationalstaates bilden dessen Mediensystem. Nachrichtenagenturen, Printmedien, Hörfunk, Fernsehen und nachrichtliche Online-Medien stellen aktuelle Informationen für die Massenkommunikation bereit und werden von nicht-aktuellen Medien (Buch, Film) ergänzt.

    Medien erhöhen ihren Rezipientenkreis, indem sie durch Übermittlungs- und Speichertechnik räumliche und zeitliche Distanzen überwinden. Medien entwerfen Bilder von der Wirklichkeit. Dies geschieht → darstellend (empirische Darstellungsformen des Journalismus), einordnend (kognitive Darstellungsformen), nachahmend (Fiktion), persuasiv, also mit Überzeugungs- oder Überredungsabsicht (etwa in der Werbung) oder agitativ (d. h. in aufwiegelnder oder aufhetzender Weise wie in der Propaganda). Das Mediensystem kann auf Makroebene (nationalstaatliche Vorgaben), Mesoebene (Unternehmen) oder Mikroebene (einzelner Journalist) betrachtet und in Subsysteme untergliedert werden. Es steht in Wechselwirkung zu anderen Systemen wie Wirtschaft und Politik.

    Geschichte:
    Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Besatzungsmächte eine Gleichschaltung der Medien unmöglich machen. Das Grundgesetz ordnete daher die primäre Zuständigkeit für Kultur den Bundesländern zu (Kulturhoheit der Länder). Die 1948 und 1949 gegründeten Landesrundfunkanstalten schlossen sich 1950 zur ARD zusammen. Neben Hörfunksendern wurde ab 1959 das gemeinsam veranstaltete Vollprogramm Deutsches Fernsehen ausgestrahlt. 1963 ging das ZDF als Zweites Deutsches Fernsehen auf Sendung. Westdeutsche Medien konnten auch in Teilen der DDR empfangen werden und dadurch die Lenkungspolitik des SED-nahen Staatlichen Komitees für Rundfunk hintertreiben. Die Unabhängigkeit der westdeutschen Sendeanstalten sollte hingegen durch pluralistisch besetzte Aufsichtsgremien gesichert werden.

    1977 wurde auf der Weltfunkkonferenz in Genf ein weltweiter Rundfunk-Satellitenplan beschlossen. Das Bundesverfassungsgericht stellte in den Rundfunkurteilen drei (1981) und vier (1986) die Zulässigkeit privaten Rundfunks fest, sofern öffentlich-rechtlicher Rundfunk die Grundversorgung im Sinne von Information, Bildung und Unterhaltung sicherstellte. So gingen bei Kabelpilotprojekten 1984 mit Sat.1 und RTL plus die ersten Privatfernsehsender auf Sendung.

    Nach der Wiedervereinigung wurden westdeutsche Rundfunkordnung und Pressegesetze in den neuen Bundesländern nahezu kopiert. Die Privatisierungspolitik der Treuhandanstalt begünstigte westdeutsche Großverlage beim Erwerb der SED-Bezirkszeitungen, ein hochkonzentrierter Pressemarkt der neuen Bundesländer war die Folge.

    Das 1989 von Tim Berners-Lee entwickelte World Wide Web schließlich änderte die Bedingungen für Nachrichtenproduktion und -rezeption grundlegend. Suchmaschinen begannen, die Aufmerksamkeit der Mediennutzer zu lenken – eine Aufgabe, die auch der Journalismus hat. Unter dem Stichwort Web 2.0 etablierten sich seit 2003 interaktive Social-Media-Plattformen (wie Twitter, Facebook und Youtube). Sie erlauben jedem Nutzer die unkomplizierte Bereitstellung von Inhalten (der so genannte User-Generated-Content) und das Einbetten vorhandener Inhalte in neue argumentative Kontexte (Framing, etwa das Teilen von Videos in sozialen Netzwerken). Ein Großteil nachrichtlicher Angebote im Internet wird von Medienhäusern gestellt, die den Markt konventioneller Medien dominieren. Sie haben in der Suchmaschinenwerbung einen mächtigen Konkurrenten auf dem Werbemarkt gefunden. Da der Cyberspace nationalstaatliche Grenzen ignoriert, müssen neue Sanktionsmechanismen entwickelt werden.

    Forschungsstand:
    Niklas Luhmann zufolge agieren Systeme nach eigenen Codes: Das Mediensystem unterscheidet Information / Nicht-Information, während das Wirtschaftssystem nach Zahlung / Nichtzahlung unterscheidet. Obschon ihre Codes zueinander inkompatibel sind, beeinflussen sich Systeme gegenseitig, indem sie Gestaltungsrahmen bestimmen. Das Schlüsselwerk Four Theories of the Press (Siebert/Peterson/Schramm 1956) galt lange als beherrschende Modellierung internationaler Mediensysteme. Später wurde die Einteilung als ideologisch kritisiert.

    Hallin und Mancini ordnen in ihrer Analyse Comparing media systems (2004) die Mediensysteme von 18 Ländern drei Modellen zu, die unter anderem die Rolle des Staates beschreiben: Ein dirigistischer Staat kennzeichnet das mediterrane oder → polarisiert-pluralistische Modell (z. B. Spanien, Portugal), das nord- und zentraleuropäische → demokratisch-korporatistische Modell basiert auf der Machtteilung zwischen gesellschaftlichen Gruppen (Niederlande, Deutschland). Das nordatlantische oder → liberale Modell (Kanada, USA) beruht auf dem freien Spiel marktwirtschaftlicher Kräfte (siehe dazu ausführlich → Journalistische Kulturen).

    Roger Blum (2005) kritisiert, die Mediensysteme z. B. afrikanischer Länder könnten nicht in bisherige Modelle integriert werden. Sein „pragmatischer Differenz-Ansatz“ soll alle Mediensysteme der Welt beschreiben können. Ein empirischer Nachweis hierfür steht aus.

    Literatur:

    Altendorfer, Otto: Das Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland. Band 2. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2004

    Beck, Klaus: Das Mediensystem Deutschlands. Strukturen, Märkte, Regulierung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2012

    Blum, Roger: Bausteine zu einer Theorie der Mediensysteme [Building blocks for a theory of media systems]. In: Medienwissenschaft Schweiz, 2, 2005, S. 5-11

    Bourdieu, Pierre: Über das Fernsehen. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1998

    Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Comparing Media Systems. Three Models of Media and Politics. Cambridge/New York [Cambridge University Press] 2004

    Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 2. Auflage. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1996

    Mast, Claudia: ABC des Journalismus. Ein Handbuch. 10. Auflage. Konstanz [UVK] 2004

    Siebert, Fred S.; Theodore Peterson; Wilbur Schramm: Four Theories of The Press. The Authoritarian, Libertarian, Social Responsibility, and Soviet Communist Concepts of What the Press Should Be and Do. Urbana [University of Illinois Press] 1956

    Thomaß, Barbara (Hrsg.): Mediensysteme im internationalen Vergleich. 2. Auflage. Konstanz/München [UVK/UTB] 2013

Marcel Machill
Marcel Machill
*1968, Univ.-Prof. Dr., MPA (Harvard), ist Professor für Journalistik mit dem Schwerpunkt internationale Mediensysteme an der Universität Leipzig. Er leitet dort die Abteilung Journalistik. Arbeitsschwerpunkte: Mediensysteme, Internet Governance, Suchmaschinen, Soziale Netzwerke, crossmedialer Journalismus. Kontakt: machill(at)uni-leipzig.de

Marcel Machill hat einen Einführungsbeitrag zum → Mediensystem geschrieben.