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Mediensystem

    Eine Einführung von Marcel Machill

    Wortherkunft: zusammengesetztes Nomen aus ‘Medien’, lat. medium = Mitte, zu lat. medius = in der Mitte, vermittelnd, daher Medien als ‘Information vermittelnde Einrichtungen’, und ‘System’, griech. sýstēma = Zusammenstellung, zu griech. synistánai = zusammenstellen

    Definition:
    Die Mittel öffentlicher Kommunikation und ihr Zusammenwirken (mit anderen Systemen) innerhalb eines Nationalstaates bilden dessen Mediensystem. Nachrichtenagenturen, Printmedien, Hörfunk, Fernsehen und nachrichtliche Online-Medien stellen aktuelle Informationen für die Massenkommunikation bereit und werden von nicht-aktuellen Medien (Buch, Film) ergänzt.

    Medien erhöhen ihren Rezipientenkreis, indem sie durch Übermittlungs- und Speichertechnik räumliche und zeitliche Distanzen überwinden. Medien entwerfen Bilder von der Wirklichkeit. Dies geschieht →
    darstellend (empirische Darstellungsformen des Journalismus), einordnend (kognitive Darstellungsformen), nachahmend (Fiktion), persuasiv, also mit Überzeugungs- oder Überredungsabsicht (etwa in der Werbung) oder agitativ (d. h. in aufwiegelnder oder aufhetzender Weise wie in der Propaganda). Das Mediensystem kann auf Makroebene (nationalstaatliche Vorgaben), Mesoebene (Unternehmen) oder Mikroebene (einzelner Journalist) betrachtet und in Subsysteme untergliedert werden. Es steht in Wechselwirkung zu anderen Systemen wie Wirtschaft und Politik.

    Geschichte:

    Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Besatzungsmächte eine Gleichschaltung der Medien unmöglich machen. Das Grundgesetz ordnete daher die primäre Zuständigkeit für Kultur den Bundesländern zu (Kulturhoheit der Länder). Die 1948 und 1949 gegründeten Landesrundfunkanstalten arbeiten seit 1950 in der ARD zusammen. Neben Hörfunkprogrammen wird seit 1954 das gemeinsam veranstaltete Vollprogramm Deutsches Fernsehen ausgestrahlt. 1963 ging das ZDF als Zweites Deutsches Fernsehen auf Sendung. Westdeutsche Medien konnten auch in Teilen der DDR empfangen werden und dadurch die Lenkungspolitik des SED-nahen Staatlichen Komitees für Rundfunk hintertreiben. Die Unabhängigkeit der westdeutschen Sendeanstalten sollte hingegen durch pluralistisch besetzte Aufsichtsgremien gesichert werden.

    1977 wurde auf der Weltfunkkonferenz in Genf ein weltweiter Rundfunk-Satellitenplan beschlossen. Das Bundesverfassungsgericht stellte in den Rundfunkurteilen drei (1981) und vier (1986) die Zulässigkeit privaten Rundfunks fest, sofern öffentlich-rechtlicher Rundfunk die Grundversorgung im Sinne von Information, Bildung und Unterhaltung sicherstellte. So gingen bei Kabelpilotprojekten 1984 mit Sat.1 und RTL plus die ersten Privatfernsehsender auf Sendung.

    Nach der Wiedervereinigung wurden westdeutsche Rundfunkordnung und Pressegesetze in den neuen Bundesländern nahezu kopiert. Die Privatisierungspolitik der Treuhandanstalt begünstigte westdeutsche Großverlage beim Erwerb der SED-Bezirkszeitungen, ein hochkonzentrierter Pressemarkt der neuen Bundesländer war die Folge.

    Das 1989 von Tim Berners-Lee entwickelte World Wide Web schließlich änderte die Bedingungen für Nachrichtenproduktion und -rezeption grundlegend. Suchmaschinen begannen, die Aufmerksamkeit der Mediennutzer zu lenken – eine Aufgabe, die auch der Journalismus hat. Unter dem Stichwort Web 2.0 etablierten sich seit 2003 interaktive Social-Media-Plattformen (wie Twitter, Facebook und Youtube). Sie erlauben jedem Nutzer die unkomplizierte Bereitstellung von Inhalten (der so genannte User-Generated-Content) und das Einbetten vorhandener Inhalte in neue argumentative Kontexte (Framing, etwa das Teilen von Videos in sozialen Netzwerken). Ein Großteil nachrichtlicher Angebote im Internet wird von Medienhäusern gestellt, die den Markt konventioneller Medien dominieren. Sie haben in der Suchmaschinenwerbung einen mächtigen Konkurrenten auf dem Werbemarkt gefunden. Da der Cyberspace nationalstaatliche Grenzen ignoriert, müssen neue Sanktionsmechanismen entwickelt werden.

    Forschungsstand:

    Niklas Luhmann zufolge agieren Systeme nach eigenen Codes: Das Mediensystem unterscheidet Information / Nicht-Information, während das Wirtschaftssystem nach Zahlung / Nichtzahlung unterscheidet. Obschon ihre Codes zueinander inkompatibel sind, beeinflussen sich Systeme gegenseitig, indem sie Gestaltungsrahmen bestimmen. Das Schlüsselwerk Four Theories of the Press (Siebert/Peterson/Schramm 1956) galt lange als beherrschende Modellierung internationaler Mediensysteme. Später wurde die Einteilung als ideologisch kritisiert.

    Hallin und Mancini ordnen in ihrer Analyse Comparing media systems (2004) die Mediensysteme von 18 Ländern drei Modellen zu, die unter anderem die Rolle des Staates beschreiben: Ein dirigistischer Staat kennzeichnet das mediterrane oder →
    polarisiert-pluralistische Modell (z. B. Spanien, Portugal), das nord- und zentraleuropäische →
    demokratisch-korporatistische Modell basiert auf der Machtteilung zwischen gesellschaftlichen Gruppen (Niederlande, Deutschland). Das nordatlantische oder →
    liberale Modell (Kanada, USA) beruht auf dem freien Spiel marktwirtschaftlicher Kräfte (siehe dazu ausführlich →
    Journalistische Kulturen.

    Roger Blum (2005) kritisiert, die Mediensysteme z. B. afrikanischer Länder könnten nicht in bisherige Modelle integriert werden. Sein „pragmatischer Differenz-Ansatz“ soll alle Mediensysteme der Welt beschreiben können. Ein empirischer Nachweis hierfür steht aus.

    Literatur:

    Altendorfer, Otto: Das Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland. Band 2. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2004

    Beck, Klaus: Das Mediensystem Deutschlands. Strukturen, Märkte, Regulierung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2012

    Blum, Roger: Bausteine zu einer Theorie der Mediensysteme [Building blocks for a theory of media systems]. In: Medienwissenschaft Schweiz, 2, 2005, S. 5-11

    Bourdieu, Pierre: Über das Fernsehen. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1998

    Hallin, Daniel C.; Paolo Mancini: Comparing Media Systems. Three Models of Media and Politics. Cambridge/New York [Cambridge University Press] 2004

    Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 2. Auflage. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1996

    Mast, Claudia: ABC des Journalismus. Ein Handbuch.10. Auflage. Konstanz [UVK] 2004

    Siebert, Fred S.; Theodore Peterson; Wilbur Schramm: Four Theories of The Press. The Authoritarian, Libertarian, Social Responsibility, and Soviet Communist Concepts of What the Press Should Be and Do.
    Urbana [University of Illinois Press] 1956

    Thomaß, Barbara (Hrsg.): Mediensysteme im internationalen Vergleich. 2. Auflage. Konstanz/München [UVK/UTB] 2013

Beiträge aus der Kategorie

Fernsehjournalismus

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Definition:
Fernsehjournalismus ist der Teil des Fernsehens, in dem Informations- und Unterhaltungsangebote in Form von visuell dominierten, journalistischen Beiträgen gezeigt werden. Filme, Serien, Shows, Spiele und Musik gehören in diesem Sinne nicht dazu, sondern sind der fiktionalen bzw. non-fiktionalen Unterhaltung zuzurechnen.

Fernsehjournalismus kommt in unterschiedlichen Formaten vor: → Nachrichten, Magazine, → Reportagen, → Features, Talkshows und (Live-)Berichterstattung etwa zu öffentlichen Gefahrenlagen, politischen oder Sportereignissen, Adelshochzeiten sowie sonstigen als Events bezeichneten Veranstaltungen. Im Groben umfasst der Fernsehjournalismus thematisch die Bereiche Information und Meinungsbildung zu allen gängigen Ressorts: Neben den sehr präsenten Sparten der → Politik und des Sports gehören dazu Wirtschaft und Soziales, Regionales, → Lokales, Kultur, Wissenschaft, Technik, Medizin und Gesellschaft, Sach- und Ratgeberthemen und Berichte mit Human-Touch-Charakter.

Geschichte:
In Deutschland war der Anfang des Fernsehjournalismus stark geprägt von der Propaganda der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren (siehe → Fernsehprogramm). Tendenz und Vereinnahmung änderten sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Zunächst konzentrierten sich die Programmmacher auf Nachrichtensendungen und Live-Übertragungen (etwa von Konzerten oder Sportwettbewerben). Später kamen Reportagen hinzu. Im Laufe der 1960er Jahre entwickelten sich die Magazinsendungen und mit ihnen der investigative Journalismus im Fernsehen, vor allem die kritische Beobachtung der Politik. Mit Einführung der privaten Sender Anfang der 1980er Jahre änderte sich der Fernsehjournalismus zunächst kaum, da sich die Privatsender inhaltlich auf Unterhaltungsprogramme wie Shows, Filme und Serien konzentrierten. Einfluss nahmen die privaten fernsehjournalistischen Formate im Laufe der Jahre vor allem durch ihre Produktionsweise (u.a. durch Kameraführung, schnelle Schnitte und Musikeinsatz) und die fernsehgerechte Ausgestaltung des Boulevardjournalismus. Die Aufmerksamkeit der Rezipienten bewirkte, dass sich der Fernsehjournalismus der öffentlich-rechtlichen Sender mit der Zeit anpasste; ein verstärkter Infotainment-Charakter in etablierten sowie neuen Formaten war die Folge.

Gegenwärtiger Zustand:
Obwohl die Zuschauer in Deutschland Informationssendungen im Fernsehen zunehmend nicht mehr einschalten, ist der Fernsehjournalismus immer noch wichtiger Bestandteil des Fernsehprogramms und Hauptinformationsquelle der Deutschen (vgl. Reitze 2015: 65f.). Die Nachrichtensendungen der so genannten Vollprogramme haben hohe Einschaltquoten. Besonders beliebt sind seit einigen Jahren Ratgebersendungen und Verbrauchermagazine. Hinzu kommen (politische) Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (wie Hart, aber fair/ARD, Maybrit Illner/ZDF), die trotz vieler Kritik weiterhin relativ hohe Einschaltquoten verzeichnen. Politische Magazine hingegen (wie Report Mainz/ARD, Frontal21/ZDF, vgl. Huber 2011, 2016; Schröder 2014) haben in den vergangenen Jahren Zuschauer verloren. Gleiches gilt für Reportagen und Dokumentationen. Druck auf den Fernsehjournalismus üben das Internet und mobile Geräte wie Smartphones aus, insbesondere bei der Verbreitung aktueller Nachrichten. Die Fernsehsender haben sich diesem Wettbewerb angepasst und vertreiben ihre Inhalte auch auf Webseiten, in Mediatheken und über Apps.

Forschungsstand:
Im Mittelpunkt der fernsehjournalistischen Forschung stehen zur Zeit mehrere Aspekte. Ein Teil widmet sich dem Nutzungsverhalten der Zuschauer: Welche Sendungen sehen sie im Internet, was wird im linear übertragenden Fernsehen noch geschaut? Dabei scheinen sich Nutzungsmuster zu verändern (vgl. Egger/van Eimeren 2016). Ein anderer Teil der Forschung untersucht, in welchen Bereichen Information und Unterhaltung Schnittmengen bilden – fokussiert auf Inhalte, Rezeptionsprozesse und Wirkungen.

Literatur:

die Medienanstalten – ALM GbR (Hrsg.): Programmbericht 2013. Fernsehen in Deutschland. Programmforschung und Programmdiskurs. Berlin [Vistas] 2014. Der Programmbericht ist hier vollständig als PDF-Datei abrufbar.

Dohle, Marco; Gerhard Vowe (Hrsg.): Politische Unterhaltung – Unterhaltende Politik. Forschung zu Medieninhalten, Medienrezeption und Medienwirkungen. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2014.

Egger, Andreas; Birgit van Eimeren: Bewegtbild im Internet: Markt und Nutzung digitaler Plattformen. Analyse des Marktumfelds und empirische Ergebnisse aus der ARD/ZDF-Onlinestudie. In: Media Perspektiven, 2, 2016, S. 108-119. Der Artikel ist hier als PDF abrufbar.

Hasebrink, Uwe; Jan-Hinrik Schmidt: Medienübergreifende Informationsrepertoires. Zur Rolle der Mediengattungen und einzelner Angebote für Information und Meinungsbildung. In: Media Perspektiven, 1, 2013, S. 2-12. Der Artikel ist hier als PDF-Datei abrufbar.

Huber, Joachim: Nachlassende Sehkraft. Format außer Form. Bald unter ferner liefen? Den politischen Magazinen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geht es schlecht. In: Der Tagesspiegel online, 20.09.2011. http://www.tagesspiegel.de/medien/nachlassende-sehkraft-format-ausser-form/4628456.html

Huber, Joachim: Studie zu politischen Magazinen im Fernsehen. Medienexperte empfiehlt Aus für „Kontraste“ und „Fakt“. In: Der Tagesspiegel online, 05.07.2015. http://www.tagesspiegel.de/medien/studie-zu-politischen-magazinen-im-fernsehen-medienexperte-empfiehlt-aus-fuer-kontraste-und-fakt/12010394.html

Reitze, Helmut (Hrsg.): Media Perspektiven. Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2015. Frankfurt/M. [Hessischer Rundfunk/ARD-Werbung] 2015. Die Daten sind hier als PDF abrufbar.

Schröder, Jens: Langzeit-Analyse: Wie geht es eigentlich den TV-Polit-Magazinen? In: MEEDIA.de, 04.09.2014. http://meedia.de/2014/09/04/langzeit-analyse-wie-geht-es-eigentlich-den-tv-polit-magazinen/

Weischenberg, Siegfried, Hans J. Kleinsteuber, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Handbuch Journalismus und Medien. Konstanz [UVK] 2005.

Fernsehorganisation

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Definition:
Der Begriff beschreibt hier den organisatorischen Herstellungsprozess eines → Fernsehprogramms. Dabei hat sich eine zweckmäßige Arbeitsteilung entwickelt. Organisatorisch sind dies zwei Bereiche: die technische und die inhaltliche Abteilung. Die technische Abteilung heißt beim Fernsehen Produktion, die inhaltliche Abteilung Redaktion. Beide müssen eng zusammenarbeiten, um das Fernsehprogramm zu erstellen.

Geschichte:
Die Trennung von Technik und Inhalt war beim Fernsehen zu Beginn seiner Existenz durch den enormen Produktionsaufwand bedingt; die Beherrschung der Fernsehtechnik erfordert bis heute viel Know-how. Es gibt bei den Fernsehsendern Kamera-, Ton- und Lichtabteilungen, die sich je nach Produktionsart (beispielsweise im Fernsehstudio oder draußen, evtl. ‚on location‘) vor und während der Produktionsphase detailliert abstimmen müssen. Hinzu kommen Sendetechniker, die dafür sorgen, dass das Fernsehprogramm in die Verteilungskanäle (Satellit, Kabel, terrestrisch, Internet) eingespeist wird.

Auf der redaktionellen Seite des Fernsehens haben sich klassische Ressorts wie Politik, Wirtschaft und Kultur als Organisationseinheiten etabliert. Hinzu kamen aber auch Redaktionen, die sich ausschließlich um eine Sendung kümmern, zum Beispiel politische Talkshows. Entscheidend ist in jeder Hinsicht jedoch die ausführliche Absprache zwischen Produktionsabteilung und Redaktion.

Gegenwärtiger Zustand:
Die Fernsehorganisation befindet sich derzeit im Umbruch. Dies hat mit der Digitalisierung, Ökonomisierung und dem sich ändernden Nutzungsverhalten der Zuschauer zu tun. Eine immer wichtigere Rolle spielt dabei die crossmediale Zusammenarbeit. Dies bewirkt unter anderem, dass sich auf der redaktionellen Seite die klassischen Ressorts auflösen und in neuen Organisationsformen zusammenarbeiten. Ein gängiges Beispiel ist der → Newsroom für nachrichtliche Formate im Fernsehen und im Internet auf Webseiten, Mediatheken und Apps. Darüber hinaus tendieren die Fernsehsender vermehrt zum Auslagern (Outsourcing) von Redaktionen.

Eine weitere Entwicklung ist bei der Verschmelzung von Inhalt und Technik zu beobachten. Durch die Digitalisierung wird die Bedienung der Kameratechnik und Schnittsysteme leichter. Daher können auch geschulte Redakteure oder Autoren für die umfassende Realisation von Beiträgen eingesetzt werden (zum Beispiel als Videojournalist). Bei den großen Sendern müssen Reporter zum Teil ihr gedrehtes Filmmaterial bereits selbst schneiden, bevor sich eine Cutterin oder ein Cutter dem Material annimmt.

Forschungsstand:
Im Fokus der Forschung stehen derzeit vor allem die Veränderungen der Redaktionsorganisation im Fernsehen und das sich ändernde Nutzungsverhalten der Rezipienten. In diesem Zusammenhang wird der Frage nachgegangen, welche Folgen dies für die Fernsehorganisation. Einerseits interessiert die Wissenschaft, wie sich Inhalte mit den neuen Organisationsformen wandeln und welche crossmedialen Strukturen vom Publikum angenommen werden. Andererseits befassen sich diverse Forschungen mit der Einbindung des Publikums ins Fernsehen (Partizipation) sowie der Nutzung von Mediatheken.

Literatur:

Baur, Sandra: Videojournalismus. Grundlagen, Instrumente, Praxistipps. Saarbrücken [VDM Verlag Dr. Müller] 2006

Groebel, Jo: Das neue Fernsehen. Mediennutzung – Typologie – Verhalten. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2014

Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Handbuch. 12., völlig überarbeitete Auflage. Konstanz [UVK] 2012

Meier, Klaus: Innovations in Central European Newsrooms. Overview and case study. In: Journalism Practice, 1, 2007, S. 4-19

Fernsehprogramm

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Definition:
Formal beschreibt der Begriff die Inhalte bzw. Sendungen eines Fernsehsenders, also dessen Programm. Umgangssprachlich nutzt ihn das Publikum aber auch als Synonym für ‚Fernsehsender‘. Das Fernsehprogramm lässt sich grob in unterhaltende und informierende Sendungen unterscheiden. Zu den unterhaltenden Formaten gehören unter anderem Spielfilme, Serien und Shows jeglicher Art. Zu den informierenden Formaten zählen Nachrichtensendungen, (Politik-/Wirtschafts-)Magazine, Reportagen und Features. Darüber hinaus hat sich das Fernsehprogramm in den vergangenen Jahrzehnten sehr ausdifferenziert. Die Sendungen lassen sich maßgeblich unterteilen in fiktionale Unterhaltung, non-fiktionale Unterhaltung, Kindersendungen, religiöse Sendungen sowie Fernsehpublizistik. Unter letzterem Begriff können die oben erwähnten informierenden Formate zusammengefasst werden; hinzu kommen bei dieser Definition noch Sportsendungen, Talkformate und solche Reality-TV-Formate, die hauptsächlich reale Elemente enthalten und nicht fiktiv sind.

Geschichte:
Startschuss für das erste Fernsehprogramm weltweit war am 22. März 1935 in Berlin. Hier stand die Propaganda der Nationalsozialisten im Vordergrund. 1952 nahmen die DDR und die BRD fast zeitgleich den regulären Fernsehbetrieb wieder auf. Die älteste noch bestehende Nachrichtensendung heißt Tagesschau und wird im Ersten ausgestrahlt, das 1954 als nationales Gemeinschaftsprogramm der ARD auf Sendung ging. 1963 kam das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) hinzu, ab 1964 die so genannten Dritten Programme, die von den Landesrundfunkanstalten betrieben werden. Während sich die Sender in den ersten Jahren auf Bildungssendungen konzentrierten, fand im Laufe der 1950er und 1960er Jahre immer mehr Unterhaltung den Weg ins Programm. So wurden im Osten wie im Westen Deutschlands Filme, Serien und Fernsehshows gezeigt, die dazu beitrugen, das Fernsehen zum Massenmedium zu machen.

1984 fiel das Monopol des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Private Fernsehsender starteten ihren Betrieb, womit sich auch das Fernsehprogramm änderte: Die ‚Privaten‘ zeigten mehr US-amerikanische Serien und Filme, Comedy, Daily-Soaps und Reality-TV-Formate – ein Trend, der bis heute anhält. Dennoch sind die privaten (vor allem die einflussreichen Muttersender der Mediengruppe RTL Deutschland und ProSiebenSat.1 Media) wie die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender gesetzlich verpflichtet, inhaltlich möglichst viele Bereiche im Programm abzudecken. Basis hierfür ist der Rundfunkstaatsvertrag, in dem es für so genannte Vollprogramme heißt, dass „Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung einen wesentlichen Teil des Gesamtprogramms bilden“ (§ 2, Abs. 2, Punkt 3).

Gegenwärtiger Zustand:
Seit der Einführung des Privatfernsehens war immer wieder von der Konvergenz der privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme (ARD und ZDF) die Rede. Für einige Bereiche trifft dies zu, denn Filme und Serien umfassen einen großen Teil der Sendeplätze im deutschen Fernsehprogramm. Bei den privaten Sendern sind sie sogar die dominierenden Programminhalte – vor allem US-amerikanische Produktionen. Große Unterschiede zwischen den privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern gibt es bei der Fernsehpublizistik und der non-fiktionalen Unterhaltung: Informationssendungen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen im weitesten Sinne finden sich sehr viel häufiger bei ARD und ZDF als bei den privaten Anbietern. Der größte Unterschied besteht jedoch bei den Reality-TV-Formaten: Insbesondere gescriptete Sendungen (in denen fiktive Inhalte mithilfe grober Drehbuchvorgaben von Laiendarstellern umgesetzt werden) erleben seit einigen Jahren einen Boom im deutschen Privatfernsehen (darunter Berlin – Tag & Nacht, RTL II).

Forschungsstand:
Die Fernsehprogrammforschung wird in Deutschland vor allem von zwei Institutionen betrieben: der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM) und der ARD Werbung Sales & Services. Die ALM analysiert seit 1998 kontinuierlich Daten der acht reichweitenstärksten Vollprogramme. Im Besonderen werden dabei die Informationssendungen untersucht, um zu prüfen, wie gesellschaftlich relevant deren Inhalte sind. Auch die ARD Werbung Sales & Services erhebt seit 2001 Sendungsformen, Programmsparten und inhaltliche Schwerpunkte. Veröffentlicht werden die Daten in der Zeitschrift Media Perspektiven.

Literatur:

die Medienanstalten – ALM GbR (Hrsg.): Programmbericht 2013. Fernsehen in Deutschland. Programmforschung und Programmdiskurs. Berlin [Vistas] 2014
(Der Programmbericht ist hier als PDF-Datei abrufbar.)

die medienanstalten – ALM GbR (Hrsg.): Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien (Rundfunkstaatsvertrag – RStV). Berlin, 1. Januar 2016
(Der Rundfunkstaatsvertrag ist hier als PDF-Datei abrufbar.)

Krüger, Udo Michael: Profile deutscher Fernsehprogramme – Tendenzen der Angebotsentwicklung. Programmanalyse 2013 – Teil 1: Sparten und Formen. In: Media Perspektiven, 4, 2014, S. 219-241
(Der Artikel ist hier als PDF-Datei abrufbar.)

Krüger, Udo Michael: Sendungsformen, Themen und Akteure im Nonfictionangebot von ARD, ZDF, RTL und Sat.1. Programmanalyse 2013 – Teil 2. In: Media Perspektiven, 5, 2014, S. 283-301
(Der Artikel ist hier als PDF-Datei abrufbar.)

Radio

Wortherkunft: Entstammt dem Lat. (radius = Strahl), entlehnt aus dem Engl. (radiation = Ausstrahlung).

Definition:
Radio ist das älteste der elektronischen Medien und stellt sich als auditives → Massenmedium dar, bei dem über unidirektionale, rückkopplungsfreie Ausstrahlung ein disperses → Publikum mit aktuellen → Programminhalten versorgt wird (vgl. Kleinsteuber 2012: 33). Die Verbreitung der Radioprogramme erfolgt dabei analog oder digital zumeist über Antenne, Satellit, Kabel oder Internet. Hörerinnen und Hörer benötigen ein Empfangsgerät. Weil die Rezeption häufig neben alltäglichen Verrichtungen stattfindet, wird Radio als ‚Begleitmedium‘ beschrieben (vgl. Leschke 2003: 130).

Geschichte:
Als ‚Geburtsstunde‘ des Radios in Deutschland gilt bis heute der 29. Oktober 1923, als die erste Unterhaltungssendung ausgestrahlt wurde (vgl. Krug 2019: 23). Zuvor war mit der Deutschen Stunde – Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung mbH die erste Rundfunkgesellschaft gegründet worden. 1925 wurde die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft mbH (RRG) als Dachorganisation aller bis dahin gegründeten, regionalen Rundfunkgesellschaften geschaffen (vgl. Lerg 1980: 194ff.). Die Deutsche Reichspost verfügte dadurch über organisatorische und ökonomische Kontrolle über die angeschlossenen Rundfunkgesellschaften (vgl. Schätzlein 2012: 67f.). Unter Reichskanzler Franz von Papen fand ab Ende 1932 ein Umbau zum Staatsrundfunk statt (vgl. Lerg 1980: 448ff.; Schrader 2002: 33; Pürer 2015: 107).

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten ab dem 30. Januar 1933 übernahm Joseph Goebbels als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda die Lenkung des Rundfunks, der zum „wichtigsten Propagandainstrument“ (Stuiber 1998: 163) ausgebaut werden sollte. Im Rahmen der ‚Gleichschaltung‘ wurden die bis dahin bestehenden Rundfunkgesellschaften in Reichssender umstrukturiert und dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt (vgl. Dussel 2010: 77). Personelle ‚Säuberungen‘ bewirkten, dass vor allem jüdische, sozialdemokratische und kommunistische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen wurden (vgl. Diller 1980: 108ff.). Voraussetzung für die Arbeit im Rundfunk wurde die Mitgliedschaft in der Reichs-Rundfunk-Kammer (vgl. ebd.: 154ff.).

Nach Kriegsende 1945 begannen die alliierten Militärregierungen in den westlichen Besatzungszonen bald damit, ein staatsunabhängiges, öffentlich-rechtliches Rundfunksystem nach dem Vorbild der British Broadcasting Corporation (BBC) aufzubauen (vgl. Bausch 1980: 46; Dussel 2010: 185). Die erste Rundfunkanstalt des öffentlichen Rechts war der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) in Hamburg, dessen Statut 1948 in Kraft trat. Weitere Anstalten folgten. 1950 entstand schließlich die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD); die 50er Jahre werden häufig als „Radiojahrzehnt“ (Schätzlein 2012: 71) oder „Blütezeit des Hörfunks“ (Schumacher 2001: 1437) bezeichnet. Zu den verschiedenen Radioprogrammen der öffentlich-rechtlichen Anstalten kam 1962 der bundesweite Deutschlandfunk hinzu.

Auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone nahmen derweil Regionalsender unter sowjetischer Kontrolle die Arbeit auf. Nach der Staatsgründung der DDR 1949 übernahm das nach sowjetischem Vorbild eingerichtete Staatliche Komitee für Rundfunk die Kontrolle über das Radio (Halefeldt 2001: 1426).

Im Rahmen der so genannten ‚Kabelpilotprojekte‘ erfolgte ab 1984/85 die Aufnahme des Sendebetriebs der ersten privatwirtschaftlichen, werbefinanzierten Radiosender, die zunächst über Kabel, bald aber auch über UKW sendeten. Mit Schaffung neuer Landesmediengesetze bestanden ab Mitte 1986 in allen Bundesländern lokale und landesweite Privatradios. Hinzu kamen in vielen Bundesländern nichtkommerzielle Radioinitiativen: ‚Bürgerradios‘ (vgl. Luch 2007: 190; Oberreuter 2017: 54). Im Zuge der Wiedervereinigung ab 1991 wurde das duale Rundfunksystem der Bundesrepublik auch auf die neuen Bundesländer übertragen.

Mit ‚Digital Audio Broadcasting‘ (DAB) wurde ein digitaler Übertragungsstandard entwickelt, der ab 1999 in Deutschland im Regelbetrieb zum Einsatz kam. 2011 wurde die Weiterentwicklung, DAB+, in den ersten Empfangsgebieten freigeschaltet. Über diesen Standard können auch programmbegleitende (Musiktitel, Interpret) oder -unabhängige Informationen (Wetter- oder Verkehrsdienst) verbreitet werden (vgl. Altendorfer 2004: 218). Neben DAB+ hat vor allem das Internet bei der Übertragung an Bedeutung gewonnen (vgl. Berghofer 2018: 54). Auch beim Empfang gibt es Trends: Immer mehr Hörerinnen und Hörer nutzen Smartphones oder ‚Smart Speaker‘ wie Google Home, Amazon Echo oder Apple HomePod, also Lautsprechersysteme mit Sprachassistenten, um Radioprogramme aufzurufen (vgl. Schmitter 2018: 30, Hendricks/Mims 2020: 17).

Gegenwärtiger Zustand:
Nicht nur die Radiotechnik, auch das Angebot hat sich gewandelt: Mit ‚Webcastern‘ bestehen mittlerweile Radioprogramme, die nur im Internet übertragen werden (vgl. Hillmoth 2017: 593). ‚User-Generated Radios‘ wie Laut.fm und Radionomy bieten die Möglichkeit, auf frei zugänglichen Plattformen ein eigenes, netzbasiertes Radioprogramm zu erstellen. Podcasts als digital vertriebene Audio-Angebote zur zeitversetzten Nutzung (on demand), die zunächst von Laien-, inzwischen auch von → Profikommunikatoren produziert werden, haben sich als neues Audio-Format etabliert. Streamingplattformen wie Spotify, Apple Music oder Amazon Music treten als neue Wettbewerber auf dem Audiomarkt auf. Die privatwirtschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Radiosender haben sich dieser Konkurrenz angepasst und vertreiben ihre Inhalte zunehmend auf eigenen Homepages und Audiotheken.

Berücksichtigt man alle konventionellen Empfangswege (UKW, DAB+, Kabel, Satellit) erzielten die privaten und öffentlich-rechtlichen Radiosender laut Media Analyse im Jahr 2019 in einem Zeitraum von vier Wochen (‚weitester Hörerkreis‘) eine Reichweite von mehr als 66 Mio. Hörerinnen und Hörern. Die tägliche Reichweite (‚Tagesreichweite‘) lag bei rund 54 Mio. Personen. Onlineaudio-Angebote wie Livestreams von Radiosendern, ‚Webcaster’, ‚User-Generated-Radios‘ oder Musikstreaming erreichten innerhalb von vier Wochen rund 13,5 Mio. Hörerinnen und Hörern und an einem durchschnittlichen Tag immerhin 5,5 Mio. Menschen (vgl. Gattringer/Turecek 2019: 482).

Forschungsstand:
In der Journalismusforschung und Medienwissenschaft werden traditionell vor allem die drei Forschungsbereiche Radiotheorie, Radiogeschichte sowie Radioanalyse unterschieden (vgl. Hickethier 2003: 332 f.).

Zu den frühen Vertretern der Radiotheorie zählt Bertolt Brecht (1932). Mit „Rundfunk als Hörkunst“ befasste sich 1933 der Medien- und Kunsttheoretiker Rudolf Arnheim, dessen Werk zwar in den 30er Jahren auf Englisch, aber erst 1979 in Deutschland erschien (siehe Arnheim 1979). Friedrich Knilli setzte sich wahrnehmungspsychologisch mit dem Hörspiel auseinander (1959). Nicht unerwähnt bleiben darf der medienkritische „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ von Hans Magnus Enzensberger (1970). Werner Faulstich (1981) beschäftigte sich unter medienästhetischen Gesichtspunkten mit dem 1938 erschienenem Hörspiel The War of the Worlds von Orson Welles. Auch Auseinandersetzungen zum akustischen Erlebnis des Radiohörens liegen vor (siehe u. a. Föllmer 2013). Zuletzt bestimmten vor allem Beiträge aus interkultureller Perspektive die Radiotheorie (siehe u. a. Hagen 2005, Lindner 2007, Krebs 2008).

Zur radiogeschichtlichen Forschung werden in der Literatur häufig die vier Arbeitsfelder Institutionsgeschichte, Technikgeschichte, Programmgeschichte und Rezeptionsgeschichte unterschieden (vgl. Hickethier 2003: 357ff.). Dabei sind längst nicht alle historischen Phasen, Regionen und Ebenen des Mediums gleichermaßen untersucht worden (vgl. Schätzlein 2012: 65).

Die aktuelle Radionutzung liegt im Forschungsinteresse von akademischer Mediennutzungs- und kommerzieller Mediaforschung (vgl. Burkart 2002: 236). Während die akademische Mediennutzungsforschung vielfältigste Fragestellungen bearbeitet, kann die kommerzielle Mediaforschung vor allem in redaktionelle Mediaforschung einerseits und Publikums- bzw. Werbeträgerforschung andererseits unterteilt werden (vgl. Schweiger 2007: 36). Erstere bedient sich qualitativer Methoden und hat zum Ziel, Inhalte für das Publikum möglichst attraktiv zu gestalten. Letztere misst durch quantitative Verfahren den Erfolg der Radioprogramme, vor allem die Reichweiten, und dient somit der Werbevermarktung. Am bedeutendsten in Deutschland ist dabei die Media Analyse der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e. V

Literatur:

Altendorfer, Otto: Das Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden [VS Verlag] 2013.

Arnheim, Rudolf: Rundfunk als Hörkunst und weitere Aufsätze zum Hörfunk. Frankfurt [Suhrkamp] 2001.

Bausch, Hans: Rundfunkpolitik nach 1945. Erster Teil: 1945-1962. München [dtv] 1980.

Berghofer, Simon: Stand und Entwicklung der Digitalisierung des Hörfunks in Deutschland 2018. In: ALM GbR: Digitalisierungsbericht Audio 2018. Von Radio zu Audio: von alter Infrastruktur zu neuen Möglichkeiten? S. 46-55. https://www.die-medienanstalten.de/publikationen/digitalisierungsbericht-audio/digitalisierungsbericht-audio-2018 [18.07.2020]

Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Pias, Claus: Kursbuch Medienkultur: die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard [DVA] 2004, S. 259-263.

Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. Wien/Köln/Weimar [Böhlau Verlag] 2002.

Diller, Ansgar: Rundfunkpolitik im Dritten Reich. München [dtv] 1980.

Dussel, Konrad: Deutsche Rundfunkgeschichte. Konstanz [UVK Verlag] 2010.

Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch 20 [Suhrkamp] 1970, S. 159-186.

Faulstich, Werner: Radiotheorie. Eine Studie zum Hörspiel „The war of the worlds“ (1938) von Orson Welles. Tübingen [Narr] 1981.

Föllmer, Golo: Theoretisch-methodische Annäherungen an die Ästhetik des Radios. Qualitative Merkmale von Wellenidentitäten. In: Volmar, Axel; Jens Schröter: Auditive Medienkulturen. Techniken des Hörens und Praktiken der Klanggestaltung. Bielefeld [Transcript Verlag] 2013, S. 321-338.

Gattringer, Karin; Irina Turecek: Methodik, Ergebnisse und Trends der ma 2019 Audio II. ma Audio: Erstmals mit Reichweiten für DAB+. In: Media Perspektiven, 11, 2019, S. 221-231.

Hagen, Wolfgang: Das Radio. Zur Geschichte und Theorie des Hörfunks – Deutschland/USA. München [Fink] 2005.

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Social Media

Wortherkunft: Die Bezeichnung Social Media (dt. soziale Medien, auch soziale Netzwerke) ist eine Begriffszusammensetzung aus ‚Social‘, was den gemeinschaftlichen sozialen Austausch hervorhebt, und ‚Media‘, was die computervermittelte und onlinebasierte Art und Weise akzentuiert.

Definition:
Unter Social Media versteht man in der allgemeinen Definition nach Kaplan und Haenlein (2010: 61) verschiedene Internetanwendungen, die auf den Voraussetzungen des → Web 2.0 aufbauen und so die Erstellung wie den Austausch von nutzergenerierten → Inhalten erlauben. Weiterführend beschreiben Carr und Hayes (2015: 49) Social Media als auf dem Internet basierende Kanäle für die massenpersonale Kommunikation, die die (computervermittelte) soziale Interaktion zwischen Benutzern erleichtern und ihren Wert im Wesentlichen aus nutzergenerierten Inhalten ableiten.

Ellison und boyd (2013: 157) wiederum definieren soziale Medien in funktionaler Herangehensweise als vernetzte Kommunikations-Plattformen, auf denen Nutzer ein individuelles Profil anlegen, über das sie eigene und fremde Inhalte wie auch systemgenerierte Daten bereitstellen. Über diese Profile werden (z. B. private oder berufliche) Kontakte öffentlich sichtbar und für andere durchsuchbar. Nutzer können über ihr Profil eigene Inhalte erstellen und verteilen, Inhalte anderer konsumieren, wie auch mit – eigenen oder fremden – nutzergenerierten Inhalten interagieren.

Van Dijck schließlich hat die ökonomische Beeinflussung und Transformation (bzw. Ausbeutung) von Kommunikation in sozialen Netzwerken in den vergangenen Jahren immer wieder massiv kritisiert. Gerade die großen GAFAM-Plattformen (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft) absorbierten die mit den → Web-2.0-Anwendungen verbunden Bedeutungen einer ungefilterten und selbstbestimmten Kommunikation im Rahmen unternehmerischer Zielsetzungen. Eine Definition von Social Media habe sich verändert hin zu automatisierten Systemen, die Verbindungen herstellen und manipulieren (van Dijck 2013: 12). Kommunikation erhalte so in erste Linie einen Warenwert, unterschieden nach User-Generated Content (UGC) und die für das Geschäftsmodell sozialer Netzwerke zentralen User-Generated Data (UGD).

Geschichte:
Mit der Ausbildung von Web 2.0-Anwendungen zu Beginn der 2000er Jahre sind eine Reihe onlinebasierter, in der Regel privatwirtschaftlicher Plattformen wie Facebook (2004), MySpace (2003), LinkedIn (2002), Twitter (2006), Flickr (2004) und YouTube (2005) entstanden, die als nutzerzentrierte Netzwerke unterschiedliche Kommunikations-, Vernetzungs- und Content-Sharing-Funktionen zur Verfügung stellen. Als ein zentrales Moment wurde dabei immer wieder der Wandel hin zu einer Architektur partizipativer Medien angeführt (vgl. u.a. O’Reilly 2005; Bruns 2008; Thimm 2017), wodurch potentiell allen Nutzern die Möglichkeit eingeräumt werde, sich angesichts niedrigschwelliger technologischer Nutzungsbarrieren mit eigenen Inhalten zu beteiligen.

Begleitet wurden diese Entwicklungen durch Überlegungen, die die neuen Möglichkeiten des „Mitmachwebs“ (Blank/Reisdorf 2010) akzentuierten, aber auch in kulturkritischer Beurteilung vor einem zunehmenden „Kult der Amateure“ (Keen 2007) warnten und eine Abwertung professioneller Akteure und Experten zu bedenken gaben. Gerade für den (digitalen) Journalismus stelle das eine Reihe von Herausforderungen dar, die in der Forschung unter anderem als „kollaborativer Journalismus“ (Bruns 2005), „partizipativer Journalismus“ (Engesser 2013) oder auch „Open Journalism“ (Hermida 2014) reflektiert wurde. Es entstanden veränderte Konkurrenzgeflechte durch neue Akteure und Plattformen, die ihre Inhalte vornehmlich über soziale Netzwerke ventilieren. Soziale Medien veränderten aber auch den → redaktionellen Prozess der Beitragsbearbeitung (vgl. Neuberger/Langenohl/Nuernbergk 2014) und beeinflussen heute das Arbeitsprofil von Journalisten als sogenannte „Social Journalists“ (Hedman/Djerf-Pierre 2013), die deutlich schneller reagieren und Beiträge über mehrere Kommunikationskanäle verbreiten müssen. Auch ökonomisch beeinflussen soziale Medien journalistische Geschäftsmodelle, wenn Abo- bzw. Leserzahlen nachlassen und Werbeeinnahmen im Printbereich wegbrechen, weil sich Leser wie Werbepartner auf alternative Formen im Netz konzentrieren. Folgt man Meckel, Fieseler und Grubenmann (2012), können diese Entwicklungen jedoch auch positiv gewendet werden, insofern Journalisten ihr Rollenverständnis stärker hinterfragen und durch ein neues, direktes Kommunikationsverhältnis zu Lesern gerade den Mehrwert professioneller journalistischer Arbeit unter Beweis stellen können.

Gegenwärtiger Zustand:
Mittlerweile haben Social-Media-Plattformen die digital-vernetzte Medienkultur nachhaltig beeinflusst und umstrukturiert. Sie stellen nicht mehr nur (teil-)öffentliche Kommunikationsräume dar, die die Normen, Regeln und Werte der öffentlichen Auseinandersetzung neu geprägt haben (vgl. Dijck 2013: 19). Sie wirken sich in unterschiedlicher Form auf institutionelle Strukturen, ökonomische Prozesse und kulturelle Praktiken aus und forcieren eine Anpassung an grundlegende Funktionsmechanismen und Kommunikationslogiken (vgl. Dijck/Poell/Waal 2018: 2).

Für den Journalismus bedeutet das negative wie auch positive Veränderungen auf vielfältige Weise. Zunächst können soziale Netzwerke, wie etwa Neuberger, Langenohl, Nuernbergk (2014) herausgearbeitet haben, zur Recherche eingesetzt werden, da über sie eine Vielzahl von (auch noch nicht bekannten oder etablierten) Akteuren beobachtet werden, die man für journalistische Beiträge als → Quelle einsetzen kann. Gleichzeitig wenden sich Akteure selbst proaktiv über Social-Media-Profile direkt an Journalisten. Ebenso können Journalisten bestimmten ‚Akteuren von Interesse‘ folgen und sich ohne großen (eigenen) Aufwand durch deren Mitteilungsbedürfnisse mit Inhalten versorgen lassen – wie dies etwa bei den regelmäßigen Meldungen über die Twitter-Aktivitäten von Donald Trump beobachtet werden kann. Dabei agieren Journalisten allerdings nicht mehr nach dem Gatekeeper-Prinzip in der Verbreitung von Inhalten, da sie keinen exklusiven Zugriff auf Quellen haben, sondern verarbeiten, was in sozialen Netzwerken bereits allgemein zugänglich ist.

In der veränderten Kommunikation zwischen Journalisten und ihren Lesern zeigt sich nicht nur ein direkter und dialogischer Austausch. Kommunikation über soziale Medien eröffnet auch Möglichkeiten, mehr Transparenz über redaktionelle Prozesse und Entscheidungen in der Quellenarbeit zu schaffen, die sich unter anderem in der gegenseitigen Beobachtung von Journalisten, Lesern und Quellen, aber auch in einer beschleunigten Reaktion aufeinander zeigen kann (vgl. u. a. Wendelin 2014; Neuberger/Langenohl/Nuernbergk 2014).

Auf der anderen Seite schränken soziale Medien den Journalismus auf infrastruktureller Ebene wiederum nachhaltig ein. Mit der immensen Ausdehnung der GAFAM-Plattformen (vgl. u. a. Plantin/Punathambekar 2019) ist eine ‚Plattformisierung‘ des Netzes insgesamt zu beobachten (vgl. Helmond 2015), die auch für die Gestaltung und Präsentation journalistischer Inhalte zu Abhängigkeitsverhältnissen von eben diesen Plattformen führt (vgl. Nieborg/Poell 2018). Hinzu kommt, dass mittlerweile Algorithmen und automatisierte Konfiguratoren wie im Fall von Narrative Science eingesetzt werden, um Beiträge schneller und kostengünstiger zu erstellen (vgl. Meckel/Fieseler/Grubenmann 2012: 34).

Soziale Medien haben schon längst Anteil am Prozess der öffentlichen Meinungsbildung (vgl. u. a. Thimm/Bürger 2012) und transformieren innerhalb des weitergehenden „digitalen Strukturwandels der Öffentlichkeit“ (Bieber 2002) „die Medienrepertoires, kommunikativen Praktiken und Akteurskonstellationen“, wie Nuernbergk und Schmidt (2020: 43) dies beispielhaft für den Politikjournalismus herausgearbeitet haben. Dabei wandeln sich mit den Akteuren auch Kommunikationsformen sowie das thematische Spektrum für bestimmte Plattformen. Selbst journalistisch zunächst wenig bedeutende Plattformen wie Instagram ziehen mittlerweile die Aufmerksamkeit von Journalisten auf sich, um dort mit einem plattformspezifischen Storytelling vor allem für jüngere Mediennutzende wahrgenommen zu werden (vgl. Bettendorf 2019).

Wie Schmidt, Merten, Hasebrink et al. (2017) schreiben, operieren soziale Medien neben etwa Suchmaschinen und Instant-Messaging-Diensten als Intermediäre, die Inhalte aus einer Vielzahl von Quellen algorithmisch erschließen, filtern und schließlich als personalisierte Informationspakete für Nutzer zusammenstellen. Damit prägen sie nicht nur das Informationsmanagement im Netz, sondern haben aus Nutzersicht auch Einfluss auf deren Identitäts- und Beziehungsmanagement. Der Journalismus ist einem Veränderungsdruck ausgesetzt, der sich nicht zuletzt auch in der Anpassung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zeigt. Mit dem ARD/ZDF-Content-Netzwerk funk etwa werden journalistische Inhalte für die Zielgruppe im Alter zwischen 14 und 29 Jahren speziell für Social-Media-Dritt-Plattformen konzipiert (vgl. Stollfuß 2019).

Forschungsstand:
Die Forschung zu Social-Media-Plattformen hat sich in den vergangenen Jahren rasant entsprechend den strukturellen Veränderungen onlinebasierter Kommunikationsweisen in sozialen Netzwerken verändert. Zentrale Aspekte gerade in der → Kommunikationswissenschaft, wie Schmidt und Taddicken (2017) aufzeigen, sind noch immer Fragen um das Knüpfen und Pflegen von Kontakten (Beziehungsmanagement), die Präsentation von personenbezogenen Inhalten (Selbstdarstellung und -wirksamkeit, auch Identitätsmanagement) sowie das Auswählen, Bewerten und Zirkulieren von Informationen (Informationsmanagement).

Wichtig für den Journalismus sind dabei die Funktionen und medialen Praktiken der Inhaltserstellung (inkl. Differenzierung von Formen des UGCs) und -veröffentlichung (inkl. Differenzierung von Formen der Akkumulation von Publikum in [Teil-] → Öffentlichkeiten), der diskursivierenden Aspekte in der Anschlusskommunikation (Kommentieren, Annotieren, Weiterleiten/Teilen, Abonnieren usw.) und die unterschiedlichen Ausprägungen digitaler Vernetzungen. Damit verbunden ist die Auseinandersetzung mit Regeln (z.B. Netiquette, Terms of Use etc.), Relationen (Verknüpfungen, Beziehungen und Konnektivitäten hinsichtlich der Reziprozität von sozialen Relationen und Datenrelationen) und Codes (Datenstrukturen, Algorithmen, Standardeinstellungen, Interface-Gestaltungen, Schnittstellen etc.). Und schließlich geht es immer auch darum, unterschiedliche Formen sozialer Formationen differenziert zu betrachten: z. B. personenbezogene Netzwerke und deren Sichtbarkeit und Navigierbarkeit auf Social-Media-Plattformen oder kollektive Ausprägungen wie Crowds/Schwärme und Communities unter Beachtung verschiedener Formen von Handlungsfähigkeiten, Organisations-/Koordinationsmuster und Entscheidungsmodi.

Zudem hat sich die Forschung jüngst mit Medienlogik sozialer Netzwerke befasst (bezüglich Programmierbarkeit, Popularität aufgrund rein quantifizierbarer Messungen, Konnektivität von Plattformen, Nutzern, Inhalten und Werbetreibenden sowie Datafizierung aller Inhalte, Formen und Beziehungen) (vgl. van Dijck/Poell 2013). Klinger und Svensson (2015) untersuchten außerdem Auswirkungen auf die Produktion (u. a. günstigere Auswahl und Erstellung von Inhalten durch Laien entsprechend individueller Interessen), Distribution (u. a. die veränderte Vermittlerrolle einzelner Nutzer, die Inhalte in Gruppen von Gleichgesinnten wie Kettenbriefe zirkulieren lassen) und Rezeption (etwa die hochselektive Auswahl in interessengebundenen Gruppen Gleichgesinnter).

Für den Journalismus im Speziellen sind jüngst gerade Fragen nach den Auswirkungen auf die redaktionellen Praktiken, ein damit teilweise einhergehendes Arbeiten mit dem Smartphone und das sich verändernde Anforderungs- und Berufsprofil bedeutsam (vgl. u. a. Primbs 2016; Neuberger/Langenohl/Nuernbergk 2014; Hedman/Djerf-Pierre 2013). Und schließlich führen die Transformationen durch soziale Medien auch zu Reflexionen über veränderte Darstellungsformen für verschiedene Plattformen (vgl. u. a. Godulla/Wolf 2018; Goderbauer-Marchner/Büsching 2015).

Literatur:

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Engesser, Sven: Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web. Bausteine für ein integratives theoretisches Konzept und eine explanative empirische Analyse. Wiesbaden [Springer VS] 2013.

Goderbauer-Marchner, Gabriele; Thilo Büsching: Social-Media-Content. Konstanz [UVK] 2015.

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Hedman, Ulrika; Monika Djerf-Pierre: The Social Journalist. Embracing the Social Media Life or Creating a New Digital Divide? In: Digital Journalism, 1(3), 2013, S. 368-385.

Helmond, Anne: The Platformization of the Web. Making Web Data Platform Ready. In: Social Media + Society, (July-December), 2015, S. 1-11.

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Social TV

Wortherkunft: Die Bezeichnung Social TV (dt. soziales Fernsehen) ist eine begriffliche Zusammensetzung aus Fernsehen und → sozialen Medien. Gemeint ist damit die konzeptuelle Synthese aus gemeinschaftlichem und medial vermitteltem sozialen Austausch (Social) über Fernsehinhalte (TV).

Definition und Geschichte:
Der Begriff bezeichnet die mit den digital-vernetzten Kommunikationstechnologien verbundene Möglichkeit, räumlich voneinander getrennte Nutzer während der Rezeption von Fernsehinhalten zu verbinden (Chorianopoulos/Lekakos 2008: 116); eingeführt wurde er zunächst im Bereich der Informations- und Computerwissenschaften. Akzentuiert wird dabei also ein mediales Gemeinschaftserlebnis während des Schauens von Fernsehsendungen als sozio-mediales oder, verkürzt, ‚soziales Fernsehen‘.

Definiert wird Social TV im Wesentlichen als Kombination des „lean-back medium of television“ mit dem „lean-forward mode“ der Nutzung von Internetanwendung vor allem auf Mobilgeräten, über die Nutzer an verschiedenen, zum Teil hochgradig personalisierten und individualisierten Kommunikationsangeboten teilnehmen (Debrett 2015: 558). Allerdings haben sich im Laufe der Jahre unterschiedliche Formen von Social TV ausgebildet. Zu Beginn der 2000er Jahre stellten Set-Top-Box-basierte Entwicklungen wie Amigo TV (Coppens et al. 2004) oder auch die von Siemens vorgestellten Communication Services on TV (COSE, vgl. Gneuss 2006) stationäre Single-Screen-Lösungen dar, die es Zuschauern ermöglichen sollten, Chatprogramme während der Rezeption von TV-Inhalten zu nutzen. Diese Vorformen von heutigen Smart-TVs bezeichnen Schatz et al. (2008) als ,Social TV 1.0‘.

Demgegenüber hat sich mit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken wie Facebook und insbesondere Twitter ein mobiles, digital vermitteltes ,fernsehbegleitendes Sprechen‘ (Klemm 2000) über Second Screens (wie Smartphones oder Tablets) etabliert, das aus der alltäglichen Mediennutzung von Zuschauern sozusagen nebenbei entstanden ist (Buschow/Schneider 2015: 18). Der Einsatz von → Social-Media-Anwendungen während der Fernsehrezeption in Form von Second-Screen-Nutzung kann dabei im Anschluss an Schatz et al. (2008) als ,Social TV 2.0‘ bezeichnet werden. Social TV wird in diesem weit verbreiteten Verständnis als eine an das Fernsehen angebundene ,Zusatzfunktion‘ verstanden, die in der Regel aus der Nutzerperspektive definiert wird und analytisch in Vorab-, Parallel- oder Anschlusskommunikation unterschieden werden kann (Chorianopoulos/Lekakos 2008; Han/Lee 2014; Klemm/Michel 2014; Buschow/Schneider/Ueberheide 2014).

Im Zuge der zunehmenden strukturellen Verschränkung von Fernsehen und sozialen Netzwerken wird das mit einem solchen Verständnis von Social TV verbundene hierarchische Verhältnis von Fernsehen (als Primärmedium) und → Social Media (als zusätzliche Sekundärplattformen) mittlerweile kritisch betrachtet. So sprechen etwa Moe, Poell und van Dijck (2016: 100) davon, dass sich aktuelle Formen von Social TV von der Second-Screen-Nutzung wegbewegen zugunsten einer Verknüpfung von Fernsehen und sozialen Netzwerken. Daran anschließend bezeichnet Stollfuß (2019) neuere Ausprägungen als ,Social TV 3.0‘ und versteht dieses ebenfalls nicht mehr nur als Zusatzfunktion des Fernsehens, sondern als strukturelles Konvergenzphänomen, das die Medienlogik des Fernsehens (u. a. Altheide 1987) mit der Logik sozialer Medien (v. a. Dijck/Poell 2013) synchronisiert. ,Social TV 3.0‘ kehrt dabei das Referenzverhältnis von Fernsehen und Social Media um und priorisiert soziale Netzwerke, an deren Plattformlogik sich das Fernsehen und dessen Inhalte strukturell angleichen müssen.

Gegenwärtiger Zustand:
Weit verbreitet ist Social TV als Second-Screen-Phänomen in der medialen Alltagskommunikation von Nutzern (,Social TV 2.0‘). Insbesondere das Kommentieren von Fernsehsendungen auf Twitter während der Rezeption beispielsweise von politischen Talkshows (wie Anne Will), Scripted-Reality-TV-Formaten (wie Berlin, Tag und Nacht), Casting-Shows (z. B. The Voice of Germany) oder auch dem sonntäglichen Tatort geben Einblick in Formen des ,connecting viewings‘ (Holt/Sonson 2014) und die online-basierte Kommunikation über das Fernseherleben in Form medialer (Pseudo-)Gemeinschaften – organisiert über spezifische Hashtags (Wohn/Na 2011).

Für die journalistische Arbeit liefert dies interessante Einblicke. Einerseits kann ein zumeist journalistisch ungefiltertes Positionieren und Profilieren etwa von Politikern zu Themen in einer personalisierten Kommunikationsumgebung beobachtet und als Ressource für die journalistische Arbeit genutzt werden. Anderseits können Second-Screen-Nutzungen Auskunft geben über Partizipationspraktiken von Zuschauern und ihre potentiellen Einflussmöglichkeiten auf Diskursentwicklungen der medialen Öffentlichkeit (Klemm/Michel 2014; Thimm/Bürger 2012).

Darüber hinaus haben sich jüngst integrative Formen im Sinne des ,Social TV 3.0‘ ausgebildet, die auf eine strukturelle Konvergenz von Fernsehen und Social Media abzielen. Gemeint sind damit Formate, die zwar im produktionskulturellen Kontext des Fernsehens entstehen (Akteure, Finanzierung, Produktionsressourcen etc.), die allerdings in der Konzeption bereits für die Verbreitung in sozialen Netzwerken vorgesehen sind. Dabei richten sie sich nach Nutzungsgewohnheiten des Schauens von Inhalten und der Kommunikation über diese Inhalte auf derselben Social-Media-Plattform (zumeist über die App auf dem Smartphone). Ein in Deutschland signifikantes Beispiel hierfür ist das ARD/ZDF-Content-Netzwerk funk. Die mehr als 70 Formate mit den Schwerpunkten ,Orientierung‘ (z. B. Lifestyle), ,Unterhaltung‘ (z. B. Webserien) und ,Information‘ (z. B. Webdokumentationen) sind für eine exklusive Verbreitung in sozialen Medien wie Facebook und YouTube (z. B. die Reportagen von Y-Kollektiv) oder Snapchat (z. B. die Serie iam.serafina) konzipiert. Hier werden also serielle audiovisuelle Produktionen aus dem institutionell-kulturellen Kontext des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hergestellt, die jedoch exklusiv für die Veröffentlichung in sozialen Netzwerken konzeptioniert sind.

Die Formate für funk nivellieren die nach innen (d. h. auf Produktions- und Redaktionsorganisationen) sowie die nach außen (d. h. auf Nutzer) gerichteten Aspekte der Multiplattformproduktion (Bechmann Petersen 2006) konsequent im Sinne einer Angleichung an die Logik sozialer Medien. Richtunggebend sind dabei die kommunikationsspezifischen Rahmenbedingungen und Mechanismen der jeweiligen Social-Media-Anwendungen. Die Notwendigkeit für das Projekt funk erklärt das ZDF (2016) wie folgt: „Während neue, innovative Medienangebote auf Drittplattformen wie Facebook, YouTube und Snapchat aus dem Boden schießen, verliert das klassische, lineare Fernsehen in der jungen Zielgruppe immer weiter an Bedeutung. Mit funk reagieren ARD und ZDF auf diesen Wandel.“ Hier wird offensichtlich, dass sich das Referenzverhältnis von TV und Social Media strukturell umkehrt und Inhalte für soziale Medien kein Ergänzungsangebot mehr zum klassischen Rundfunk darstellen.

Forschungsstand:
Die Forschung zu Social TV beschäftigt sich vor allem mit den Nutzungsformen als Bestandteil der medialen Alltagskommunikation. Wie Klemm und Michel (2014: 5) vorgestellt haben, sind dabei eine ganze Reihe an verschiedenen Kategorien zu unterscheiden:

  1. Medien: One-Screen- versus Second-Screen-Nutzung
  2. Zugang: Öffentliche Kommunikation (bspw. auf Twitter), halb-öffentliche Kommunikation (etwa auf bestimmten Senderportalen) und geschlossene Kommunikation (u.a. in WhatsApp-Gruppen)
  3. Kommunikationsrichtung: Adressierung von Zuschauern durch Sender und Redaktionen oder umgekehrt, Kommunikation zwischen Zuschauern (Community-Strukturen)
  4. Organisationsgrad: Professionell-strategisch (etwa als redaktionelles Kommentieren), spontan und improvisiert (als freies Kommentieren) oder freies Kommentieren zu redaktionell vorbereiteten Inhalten und Aspekten (z. B. sendungsbezogene Hashtags oder sendereigene Plattformen)
  5. Inhalte/Funktionen: Reaktionen auf Diskussionen bspw. in Talkshows, Abstimmungen, Gewinnspiele, Celebrity-Chats etc.
  6. Zeitliche Differenzierung: Vorab-, Parallel- oder Anschlusskommunikation; temporär und termingebunden (bspw. zu einer Live-Sendung) oder dauerhaft (etwa als regelmäßige Diskussion u. a. in WhatsApp-Gruppen)

Zudem hat sich die Forschung mit Fragen zum Potential von Social TV zum Zweck der Zuschauerrückbindung an das Fernsehen befasst (Buschow et al. 2013; Busemann/Tippelt 2014) oder hat die Second-Screen-Nutzung zu Fernsehinhalten als Instrument der Zuschauerforschung und -messung untersucht (Deller 2011; Wohn/Na 2011; Franzen/Naumann/Dinter 2015).

Im Zuge der Weiterentwicklung von ,Social TV 3.0‘-Formen und den damit verbundenen Anpassungen in den strategischen Ausrichtungen von Sendern rücken zunehmend auch Fragen der veränderten Produktion und Distribution in den Blick. Lahey (2016) untersucht dazu die veränderte strategische Einbindung von User-Generated Content (UGC) in TV-Inhalte durch von Sendern eingesetzte ,audience engagement frames‘ zur verstärkten (und orchestrierten) Partizipation von Zuschauern. Auch Stollfuß (2018, 2019) analysiert jüngere Ausprägungen von Social TV mit Hilfe eines 4-Ebenen-Modells.

Dabei geht es um (1) eine vergleichende Betrachtung der strategischen Veränderungen in der ,Media Policy‘ von Senderverantwortlichen (z. B. in Strategie- und Strukturreformpapieren, Social-Media-Leitlinien usw.). Das betrifft vor allem die Diskussion um Veränderungen der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Umstrukturierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hin zu Public-Service-Medien und der damit verknüpften Probleme wegen der Einbindung kommerzieller Social-Media-Dienste.

Ferner beeinflusst die Ausrichtung an den Plattformbedingungen sozialer Medien (2) die Redaktions- und Produktionsprozesse, wenn sich Produktionsphasen verkürzen, zum Teil mit Tools und Technik improvisiert werden muss und der Produktionsprozess mitunter direkter mit den Nutzern abgestimmt werden soll (um ein Angebot z. B. auf Snapchat oder Facebook zu realisieren).

Auf der (3) inhaltlichen und formatspezifischen Ebene muss ebenfalls experimentiert werden, wenn etwa Genreformate (wie z. B. Scripted-Reality) für Snapchat, Reportagen für YouTube und Facebook oder Nachrichten für Instagram umzusetzen sind. Welche Hybridisierungsformen entstehen, welche neuen Formate bilden sich heraus, was wird von Nutzern angenommen und was nicht?

Mit den Veränderungen von Inhalten in ihrem exklusiven Social-Media-Umfeld sind auch (4) Adressierungsformen und ein angepasstes Angebotsspektrum verknüpft, um Nutzer verstärkt einzubeziehen. Die Einbindung und Mitspracherechte von Nutzern und strategische Kommunikationsframes beschäftigen gegenwärtig die Forschung zu neuen Formen von Social TV.

Literatur:

Altheide, David L.: Media Logic and Social Interaction. In: Symbolic Interaction, 10(1), 1987, S. 129-138.

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Technik der Elektronischen Medien

Definition:
Der Begriff ‚Technik der Elektronischen Medien‘ umfasst alle Geräte (Hardware) und die Algorithmik (Software), die benötigt werden, um dem Menschen als Nutzer nachrichtentechnischer Information audielle und visuelle Eindrücke zu vermitteln, die das akustische und visuelle Wahrnehmungsvermögen optimal befriedigen und frei von wahrnehmbaren Störungen sind. Eingebettet ist die visuelle und akustische Information in vielen Fällen in Anwendungen, beispielsweise → Software-Apps, welche eine Kommunikation mit einem Gegenüber ermöglichen und die Einbindung von Text unterstützen. Dabei ist es ein weiteres wichtiges Ziel, die benötigte Menge an Daten bzw. an benötigter Kapazität von Speicher- und Übertragungsmedien aus wirtschaftlichen Gründen so gering wie möglich zu halten.

Geschichte:
Das erste für die Nutzung durch die Öffentlichkeit bestimmte Elektronische Medium war der Hörfunk. In Deutschland startete dieser am 29. Oktober 1923 mit einer Übertragung aus dem Vox-Haus in Berlin. Das Fernsehen, zunächst in Schwarz-Weiß, kam in der NS-Zeit zwischen 1935 und 1944 nicht über einen propagandistisch untermauerten Versuchsbetrieb hinaus. In der BRD begann am 25. Dezember 1952 die offizielle Ausstrahlung eines → Fernsehprogramms. Am 25. August 1967 startete, zur Eröffnung der Funkausstellung in Berlin, das Farbfernsehen in der BRD im Format PAL. Im Anschluss an die Wiedervereinigung bestand eine wichtige Aufgabe der Fernsehanbieter in der Harmonisierung der Farbfernsehstandards, denn in den neuen fünf Bundesländern wurde Farbfernsehen im Standard SECAM ausgestrahlt. In der Nacht vom 14. auf den 15. Dezember 1990 wurde dort SECAM durch PAL ersetzt. PAL war der letzte Vertreter des analogen Fernsehens.

Es folgte die bis heute andauernde Ära des Digitalfernsehens. Per Satellit begann sie bereits im Juli 1996. Spektakulärer Start des ‚Antennenfernsehens‘ in Deutschland war dann die Inbetriebnahme von DVB-T am 24. Mai 2004. Mittlerweile sind alle ‚klassischen‘ TV-Verbreitungswege (Kabel, Satellit, terrestrische Sender) digitalisiert. Im Hörfunk existieren der analoge UKW-Hörfunk und der digitale Hörfunk DAB+ nebeneinander. Der Siegeszug des World Wide Web begann mit den Arbeiten von Timothy John Berners-Lee, der im Herbst 1990 einen ersten Web-Browser unter dem Namen WorldWideWeb (später Nexus) vorstellte.

Die Systematik der Technik der Elektronischen Medien in drei Stufen:

Stufe 1: Wichtige Grundlage der Technik der Elektronischen Medien ist die Analyse der Fähigkeit des Menschen, akustische und optische Reize wahrzunehmen und zu verarbeiten. Informationstheoretisch geht es hier um die Definition des für die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen Relevanten und Irrelevanten. Letzteres muss ihm nicht angeboten werden. Ziel dieser Analyse ist es, in Stufe 2 die zu übertragende oder zu speichernde Datenmenge auf das Unverzichtbare zu reduzieren und damit Aufwand und Kosten zu sparen. Im Bereich der Akustik spielt insbesondere der von Menschen wahrnehmbare Frequenzbereich, also die Spanne von den tiefsten bis zu den höchsten wahrnehmbaren Tönen, eine wichtige Rolle. Ebenfalls Bedeutung hat der Bereich zwischen den lautesten und den leisesten Tönen, die ein Mensch hört. Die genauere Betrachtung zeigt, dass hier zwischen verschiedenen Tönen Interaktionen stattfinden (‚Verdeckungs-Effekte‘), die für die Optimierung der Systeme der Elektronischen Medien zur Verringerung der erforderlichen Datenmenge genutzt werden können. So macht ein lauter Ton beispielsweise die Übertragung darauffolgender leiserer Töne unnötig, da diese vom Menschen ohnehin nicht wahrgenommen werden könnten.

Vergleichbares gibt es bei der visuellen Kommunikation. Hier geht es grundsätzlich darum, die Informationsdimensionen Detailwahrnehmung, Farbwahrnehmung und Wahrnehmung der Bewegung von Objekten zu charakterisieren und deren Abhängigkeiten voneinander zu ermitteln. Beispielsweise ist es sinnlos, uns Menschen Bilder von Objekten, die sich für uns in nicht vorhersehbarer Art bewegen, mit bester Farbqualität zur Verfügung zu stellen: Die vor unserem Gesicht herumfliegende Mücke sehen wir ohnehin nur als schwarzen Punkt.

Stufe 2: Nach der Analyse aus Schritt 1 ist es möglich, die Menge der bereitzustellenden Information so zu gestalten, dass das Ziel der Befriedigung der audiellen und visuellen Bedürfnisse mit möglichst geringem Aufwand erreicht wird. Hier kommt die sogenannte Quellencodierung ins Spiel: die Verringerung der Daten einer Quelle. Beispielsweise wird die von einer CD-Audio als Quelle ausgegebene Datenrate von 1,4 Mbit/s durch Quellencodierung mittels MP3 auf 128 kbit/s reduziert. Oder die von einer HDTV-Kamera abgegeben Datenrate von 1,5 Gbit/s wird mittels HEVC auf 5 Mbit/s vermindert. Im Rahmen der Quellencodierung spielt auch die Eliminierung überflüssiger Daten eine bedeutende Rolle (Redundanzreduktion). Erst der Einsatz der Quellencodierung macht es beispielsweise möglich, Videos über Internet-Zugänge zu streamen, deren Datenrate eingeschränkt ist.

Stufe 3: Die nach Quellencodierung verfügbaren Daten stehen zur Übertragung oder Speicherung zur Verfügung. Speichermedien wie beispielsweise die Blu-ray Disc und alle Übertragungswege (z. B. Internet, DAB+, DVB-T2) verändern diese Daten durch auftretende Fehler. Um zu verhindern, dass diese Fehler hör- oder sichtbar werden, wird Kanalcodierung eingesetzt, bei der den Daten ein sogenannter Vorwärts-Fehlerschutz hinzugefügt wird. Dieser ermöglicht es im Idealfall, auf der Seite des Empfangsgerätes, beispielweise des Smartphones, die Fehler zu korrigieren.

Die so geschützten Daten müssen nun auf den Übertragungsweg angepasst werden. Zum Beispiel wird für das Streaming über das Internet der Datenstrom aus Audio und Video in Datenpakete zerlegt, die nach den Regeln der Internet Engineering Task Force, einem internationalen Standardisierungsgremium, aufgebaut sein müssen. Bei der Übertragung per Funknetz, also im Mobilfunk, im → Radio oder z. B. per Satellit, werden die Daten einem Trägersignal aufmoduliert. Dadurch werden sie in den Frequenzbereich gehoben, in dem die Übertragung vorgesehen ist. Im einfachsten Fall besteht die Modulation darin, dass eine „Eins“ das Trägersignal ein- und eine „Null“ das Trägersignal ausschaltet. So lässt sich dann gleichzeitig ein Bit übertragen. Moderne Funksysteme können mittels komplexerer Modulation gleichzeitig 15 Bit übertragen.

Systembestandteile der Technik der Elektronischen Medien im Überblick

Das folgende Diagramm zeigt ein System in der Gesamtschau. In der Terminologie der Informationstechnik wird tatsächlich von dem Paar ‚Quelle/Sinke‘ gesprochen. Bei vielen Medien gibt es natürlich nicht nur eine Richtung der Datenübertragung, sondern sie existiert in beiden Richtungen – z. B. beim Telefonieren oder beim Surfen im Internet.

Abkürzungen:

DAB+:            Digital Audio Broadcasting +
DVB-S2:         Digital Video Broadcasting – Satellite, 2nd generation
DVB-T:           Digital Video Broadcasting – Terrestrial
HEVC:            High-Efficiency Video Coding

Literatur:

Reimers, Ulrich: DVB – Digitale Fernsehtechnik, 3. Auflage, Berlin [Springer] 2008.

Rindfleisch, Hans: Technik im Rundfunk, Norderstedt [Mensing] 1985.

Verlag

Wortherkunft: Das Substantiv stammt aus dem 16. Jahrhundert und basiert auf dem Verb ,verlegen‘, das wiederum mit ‚vorlegen‘ bzw. ,hinlegen‘ in Verbindung steht.

Der Begriff Verlag bezeichnet im weiteren Sinne ein Medienunternehmen, das Printprodukte herausgibt. Der vorliegende Beitrag basiert allerdings auf einem engeren Verständnis des Begriffes im Sinne von Zeitschriften- und Zeitungsverlagen, die periodisch erscheinende Druckwerke für ein disperses Publikum herausgeben, deren Inhalte von journalistischen Redaktionen erstellt werden.

Verlage sind gewinnorientiert arbeitende Organisationen, die die Strukturen und Prozesse bereitstellen, um regelmäßig erscheinende, aktuelle journalistische Printprodukte zuverlässig und nachhaltig auf den Markt bringen zu können. Im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit eines Verlages steht die Wertschöpfungskette von Medienunternehmen: Im Einzelnen sind dies die Herstellung und Beschaffung von Informationen, die zu einem Gesamtprodukt gebündelt, vervielfältigt, vertrieben und schließlich von der Leserschaft genutzt werden.

Darüber hinaus stellt ein Verlag die Unterstützungsprozesse bereit, die zur Herstellung journalistischer Printprodukte notwendig sind. Dazu gehören vor allem die Marktbeobachtung und Marktforschung, die kontinuierliche Weiterentwicklung der Unternehmensstrategie, die Entwicklung neuer Angebote sowie Marketing, Buchhaltung, Personalentwicklung, Unternehmensplanung und das Lieferantenmanagement.

Zu den Kernaufgaben eines Verlages gehört es, ein Geschäftsmodell zu etablieren, das die Erlöse generiert, die notwendig sind, um die Kosten des operativen Geschäfts zu decken, Investitionen zu finanzieren und die Renditeerwartungen der Anteilseigner zu befriedigen. Verlage agieren dabei wie viele andere Medienunternehmen auf einem zweiseitigen Markt: Auf dem Lesermarkt bieten sie journalistische Produkte an; auf dem Anzeigenmarkt wird die Aufmerksamkeit der Leser für diese Produkte vermarktet.

Etablierte Geschäftsmodelle von Verlagen generieren in der Regel auf beiden Märkten Erlöse, indem sie einerseits Einzelausgaben von Zeitungen und Zeitschriften verkaufen bzw. im Abonnement anbieten und andererseits Anzeigen von werbetreibenden Unternehmen gegen Entgelt in ihren Produkten abdrucken. Verbreitet sind auch Geschäftsmodelle, etwa bei Anzeigenblättern, die auf dem Lesermarkt Produkte kostenfrei anbieten und sich allein durch Anzeigenerlöse refinanzieren. Eher selten sind Zeitungen und Publikumszeitschriften, die sich allein aus Vertriebserlösen finanzieren. Ausgelöst durch Reichweitenverluste und eine Verschiebung von Media-Budgets aus dem Printmarkt in den Online-Bereich haben die Vertriebserlöse jedoch insbesondere bei Tageszeitungen in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen.

Erste Zeitungsverlage in Deutschland sind im 17. Jahrhundert entstanden – in enger Folge zur Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern. Aus dieser Gründungsepoche ergibt sich die typische – allerdings keineswegs zwingende – Kombination einer Druckerei mit einem Verlag. Die Grundstruktur des Verlages modernen Zuschnitts und das dominante Geschäftsmodell der Branche sind hingegen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden – als Rekombination aus technischen (Rotationsdruck), gesellschaftlichen (Massenpublika), rechtlichen (Pressefreiheit) und wirtschaftlichen (frei verfügbares Risikokapital) Inventionen.

Spezifische Rahmenbedingungen von Medienmärkten (vor allem eine starke Fixkostendegression in Kombination mit Netzwerkeffekten) begünstigen auch unter Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen Konzentrationstendenzen, die sich im Zuge der Digitalisierung weiter verstärkt haben. Ein Indikator dafür ist die kontinuierlich sinkende Zahl publizistischer Einheiten sowie die Dominanz weniger Verlagsgruppen sowohl auf dem Leser- als auch auf dem Anzeigenmarkt – selbst im Bereich der traditionell eher mittelständisch geprägten → Lokal- und Regionalzeitungsbranche.

Ein Verlag besteht typischerweise aus der Verlagsleitung, einer kaufmännischen Abteilung, der Anzeigenabteilung, der Vertriebsabteilung, der Logistik-Abteilung, der Redaktion und einer Druckerei. Die Redaktion nimmt dabei einer Sonderrolle ein, da der professionelle Orientierungshorizont der Journalisten in der Redaktion im Gegensatz zu allen anderen Abteilungen ein primär publizistischer und nicht wirtschaftlicher ist (siehe →  Redaktionsorganisation). Allerdings sind Verlage Tendenzbetriebe: Dies erlaubt es der Verlagsleitung, die publizistische Linie des Blattes zu bestimmen und räumt ihr eine privilegierte Stellung bei der Gestaltung von Arbeitsverhältnissen ein, um diese Linie durchzusetzen.

Im Zuge der Digitalisierung und Mediatisierung der Gesellschaft stehen Verlage und ihre tradierten Geschäftsmodelle unter hohem Innovationsdruck. Die über Jahrzehnte äußerst attraktive Ertragslage von Verlagen ermöglicht diesen einerseits Investitionen in neue Geschäftsfelder. Anderseits führt sie mitunter auch zu strategischer Inflexibilität. Viele Verlage haben inzwischen zahlreiche Angebote jenseits von Printtiteln aufgebaut, insbesondere im Online-Bereich. Daher firmieren sie häufig nicht mehr als Verlag, sondern als Medienhaus, um die Vielfalt ihrer Ausspielkanäle zu betonen (siehe auch → Mediensystem, → Ökonomie des Journalismus).

Literatur:

Altmeppen, Klaus-Dieter: Journalismus und Medien als Organisationen. Leistungen, Strukturen und Medienmanagement. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2006.

Birkner Thomas: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605 – 1914. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012.

Breyer-Mayländer, Thomas (Hrsg.): Vom Zeitungsverlag zum Medienhaus. Geschäftsmodelle in Zeiten der Medienkonvergenz. Wiesbaden [Gabler] 2015.

Gläser, Martin: Medienmanagement. 3. Auflage. München [Vahlen] 2014.

Hass, Berthold. H.: Geschäftsmodelle von Medienunternehmen. Ökonomische Grundlagen und Veränderungen durch neue Informations- und Kommunikationstechnik. Wiesbaden [Springer Fachmedien] 2013.

Von Rimscha, Bjørn; Siegert, Gabriele: Medienökonomie. Eine problemorientierte Einführung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2015.

Volontär*in

Wortherkunft: Stammt aus der französischen Militärsprache zu Beginn des 17. Jahrhunderts: Der Volontier/Volonteur (frz. volontaire = freiwillig) ist der freiwillig ohne Sold dienende Soldat; ab Mitte des 19. Jahrhunderts in zivile Bereiche übertragen, v. a. beruflich in den kaufmännischen Bereich oder eine Redaktion (DWDS).

Definition:

Eine Volontärin/ein Volontär ist eine Auszubildende/ein Auszubildender in einer Redaktion, die sowohl in Medien als auch in der Presseabteilung anderer Wirtschaftsbetriebe angesiedelt sein kann. In der Regel dauert die Ausbildung zwei Jahre und wird tariflich vergütet (DJV).

Geschichte:
Der Journalismus galt bis ins 20. Jahrhundert hinein als Begabungsberuf. Mit der Verberuflichung ab Mitte des 19. Jahrhunderts stiegen die Anforderungen an die Qualifikationen und Kompetenzen der → Journalisten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann eine Diskussion um die Theorie-Praxis-Ausbildung, die bis heute andauert. Die ersten Verleger- und Journalistenverbände stritten über die Frage, ob Journalisten völlig frei in der Praxis ausgebildet und zusätzlich an einer Hochschule Zeitungskunde studieren sollten (Mohm 1964). In einer Resolution beschlossen die Delegierten bei der Versammlung des Reichsverbandes der deutschen Presse im Mai 1913, dass die „praktische journalistische Berufsbildung […] gemeinsame Sache der Verleger und Journalisten“ und „nur im Zeitungsbetriebe selbst möglich“ sei (Mohm 1964: 44). Die Verbände sollten Ausbildungsmöglichkeiten erörtern und feststellen, „welche Zeitungen gewillt und geeignet sind, Volontäre aufzunehmen und zu schulen“ (ebd.). Gleichzeitig sollten auf die neu einzurichtenden Lehrstühle für Zeitungskunde Persönlichkeiten berufen werden, „denen Erfahrungen aus der Praxis zur Verfügung stehen“ (ebd.).

Die beiden Weltkriege unterbrachen die Debatte, die nach 1945 aber schnell wieder aufgenommen wurde. In deren Zentrum blieb die Uneinigkeit in der Frage der notwendigen Akademisierung in Form von Journalistik-Studiengängen an Universitäten und Hochschulen, deren Zahl ab den 1970er Jahren (Hömberg 2002;  Harnischmacher 2010) stark anstieg. Für das Volontariat wurden Grundsätze formuliert, die der Deutsche Journalistenverband DJV als unverbindliche „minimale Rahmenbedingungen“ betrachtete (DJV 2020). Rechtssicherheit brachte erst der 1990 in Kraft getretene Tarifvertrag, der 2016 überarbeitet wurde und frühestens ab Ende 2020 kündbar ist (BDZV 2016). Das Volontariat muss demnach in mindestens drei Ressorts oder Themenfeldern absolviert werden; ein → Ausbildungsredakteur trifft sich regelmäßig mit den Auszubildenden; außerdem sind im Ausbildungsplan auch außerbetriebliche Maßnahmen festzulegen, wie beispielsweise Seminare an Akademien.

Gegenwärtiger Zustand:
Die Zweigleisigkeit des akademischen und des berufspraktischen Weges in den Journalismus besteht bis heute. In Studiengänge wie die an den Universitäten Dortmund und Leipzig sind Volontariate integriert, in andere wiederum Pflichtpraktika, die allerdings ein Volontariat im Medienunternehmen (auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk) nicht ersetzen. Verlage (wie Springer, Burda, Gruner & Jahr) und private Rundfunkanstalten (wie RTL) betreiben Journalistenschulen; andere Träger (wie z. B. Kirchen, Verbände) finanzieren Akademien und Programme zur Aus- und Weiterbildung. Die großen Journalistenorganisationen DJV und dju geben Empfehlungen zu Volontariaten (Überblick in DJV 2020).

Der Abschluss des Ausbildungstarifvertrages war ein wichtiger Schritt zur weiteren Professionalisierung der Journalistenausbildung. Zwischen Verlagen und Volontären werden Verträge abgeschlossen, die Struktur, Ziele, Aufgaben und Inhalte der Ausbildung festschreiben (DJV-AG Bildung 2008, AG Volontariat Bayern 2018). Aber bis heute wird die herrschende Praxis in vielen Häusern kritisiert: Es bleibe häufig beim Learning by Doing, die verlagsinternen Schulungen seien mangelhaft und die Ausbildungsbeauftragten überfordert (Kaiser 1992). Auch Jahre später besteht die Kritik an mangelnder Betreuung, zu starker Praxisfokussierung und am Einsatz der Auszubildenden als volle Arbeitskräfte (Feyder 2000). Aktuell werden die Einstiegsmöglichkeiten in die Branche als „so gut wie seit Jahren nicht mehr“ bewertet (Schröder 2019: 12): Das Angebot hat sich vervielfacht und ausdifferenziert: „Rund 1400 Tageszeitungen (mit ihren Regionalredaktionen) bieten Volontariate an“ (Schröder 2019: 12). Zusätzlich zu Volontärsstellen bei Verlagen, öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunksendern sowie den über 65 Studiengängen konstatieren Experten ein „Überangebot an Ausbildungsmöglichkeiten“ (Schröder 2019: 13). Allerdings interessieren sich immer weniger junge Menschen für ein Volontariat, insbesondere bei Lokalzeitungen (Schneider 2019) – obwohl mittlerweile crossmediale Kompetenzen auf der Ausbildungsagenda stehen.

Forschungsstand:
Das Volontariat war und ist nie eigenständiger Forschungsgegenstand, sondern eingebettet in das Thema → Journalisten-Ausbildung (Altmeppen/Hömberg 2002; Harnischmacher 2010; Gossel/Konyen 2019; Dernbach 2019). Die Akademisierung in der Branche setzt sich fort: In der Mehrheit haben → Redakteure ein sozial-, geistes- oder kulturwissenschaftliches Studium abgeschlossen, seit Jahrzehnten steigt aber auch der Anteil der Absolventen im Studienfeld Journalistik, Medien- und Kommunikationswissenschaft, mit im Lehrplan verankerten praktischen Seminaren; gleichzeitig ist das Volontariat fester Teil der beruflichen  Laufbahn. Im Sammelband von Britta Gossel und Kathrin Konyen sind sowohl die Bilanzen der hochschulgebundenen als auch der Praxis-Ausbildung selbstkritisch positiv. Aber eine empirische Studie (Gossel 2019) zeigt, dass die Digitalisierung einerseits und die seit Jahren fortschreitende Selbstständigkeit neue Kompetenzen erfordern, vor allem technische im Umgang mit den digitalen Verbreitungskanälen und unternehmerische als freie Journalisten. Die Ausbildungseinrichtungen stellen sich darauf offensichtlich nur langsam ein. Angesichts des rasanten Wandels der Medien und des Journalismus wird sich dieses Dilemma so schnell nicht auflösen: Für die Ausbildungseinrichtungen bleibt weiter die Herausforderung bestehen, ob sie Volontäre „fit für den Markt“ machen und/oder sie zeitgemäß auf den Beruf und ihre Tätigkeit in ihrem Unternehmen vorbereiten (Gossel/Konyen 2019b).

Literatur:

Altmeppen, Klaus-Dieter; Walter Hömberg: Traditionelle Prämissen und neue Ausbildungsangebote. Kontinuitäten oder Fortschritte in der Journalistenausbildung? In: dies. (Hrsg.): Journalistenausbildung für eine veränderte Medienwelt. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2002, S. 7-13.

Arbeitskreis Volontariat Bayern:  Muster-Curriculum für die Ausbildung von Volontären und Volontärinnen in Bayern, 2018. https://volontariat-bayern.de/de/infos-rund-ums-volontariat [20.07.2020]

BDZV: Tarifvertrag über das Redaktionsvolontariat, 2016. https://www.bdzv.de/fileadmin/user_upload/Tarifvertrag_Volontariat_Tageszeitungen_2016.pdf [20.07.2020]

Dernbach, Beatrice: Der wissenschaftlich-analytische Blick auf die akademische Journalistenausbildung in Deutschland. In: Gossel, Britta M.; Kathrin Konyen (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2019, S. 71-79.

Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju): Volontariat im Journalismus. https://dju.verdi.de/junge-dju/aus-und-weiterbildung/++co++e8d4a1e2-df04-11e2-8244-525400438ccf [20.07.2020]

DJV: Journalist werden: Das Volontariat. 2020. https://www.djv.de/startseite/info/themen-wissen/aus-und-weiterbildung/volontariat.html [20.07.2020]

DJV: Journalistische Ausbildung im Redaktionsvolontariat. https://www.djv.de/fileadmin/user_upload/Der_DJV/DJV_Infobrosch%C3%BCren/DJV_INFO_Redaktionsvolontariat_Torstr..pdf [20.07.2020]

DJV-AG Bildung und Qualität: Musterausbildungsplan für Volontärinnen/Volontäre an Tageszeitungen. 2008. https://www.djv.de/startseite/info/themen-wissen/aus-und-weiterbildung/mustervertraege-ausbildungsplaene-und-vordrucke [04.08.2020]

DWDS: Volontär. https://www.dwds.de/wb/Volont%C3%A4r [20.07.2020]
Feyder, Manuela: Start-up im Team. In: Journalist, 12, 2000, S. 12-17.

Fleischer, Walburga: Schüler statt Volontäre. In: Journalist, 10, 2000, S. 58-59.

Gossel, Britta M.: Eine empirische Studie zur Journalistenausbildung aus Sicht junger Journalistinnen und Journalisten. In: Gossel, Britta M.; Kathrin Konyen (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2019, S. 7-68.

Gossel, Britta M.; Kathrin Konyen: Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2019a, S. 1-6.

Gossel, Britta M.; Konyen, Kathrin: Und nun? Quo Vadis Journalistenausbildung? In: dies. (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2019b, S. 203-207.

Harnischmacher, Michael (2010): Journalistenausbildung im Umbruch. Konstanz [UVK] 2010.

Hömberg, Walter: Expansion und Differenzierung. Journalismus und Journalistenausbildung in den vergangenen drei Jahrzehnten. In: Altmeppen, Klaus-Dieter; Walter Hömberg (Hrsg.): Journalistenausbildung für eine veränderte Medienwelt. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2002, S. 17-30.

Kaiser, Ulrike: Ausbildung nach dem Tarifvertrag: Hürden-Lauf. In: Journalist, 11, 1992, S. 10-17.

Mohm, Siegfried H.: Die Ausbildung des Journalisten-Nachwuchses in Deutschland. Nürnberg [Universität Dissertation] 1964.

Schneider, Annika: Zukunft des Zeitungsvolontariats: Bewerbermangel bei Lokalblättern, 2019. https://www.deutschlandfunk.de/zukunft-des-zeitungsvolontariats-bewerbermangel-bei.2907.de.html?dram:article_id=442307 (20.07.2020)

Schröder, Catalina: Die Chancen stehen gut.
Journalist 9, 2019, S. 12-19.

Web 2.0

Wortherkunft: Im Gegensatz zum World Wide Web, dem erst rückblickend so genannten ,Web 1.0‘, sollte die aus der Software-Vermarktung bekannte Nummerierung der Versionen einen qualitativen Sprung hin zum ,Web 2.0‘ suggerieren.

Definition:
Unter Web 2.0 werden alle Arten von nutzergenerierten Inhalten (user generated content, kurz UGC) online zusammengefasst. Dazu zählen die Technologien, die für die Kollaboration im Web notwendig sind, ebenso wie die zugehörigen Geschäftsmodelle. Es gibt keine eindeutige wissenschaftliche Definition. Weitere verwandte Begrifflichkeiten rund um das Web 2.0 lauten ,Social Web‘, ,Semantic Web‘, ,soziale Netzwerke‘ oder → ,soziale Medien‘ (unglückliche, aber sehr verbreitete Übersetzung von → ,Social Media‘) bis hin zu partizipativen oder kollaborativen Formaten online.

Programmiertechnisch ist das Web 2.0 gekennzeichnet durch Technologien wie JavaScript, JavaServer-Pages und PHP, AJAX, RSS und Web-Services auf XML-Basis (Behrendt 2008: 4ff.).

Geschichte:
Mit dem Ende der sogenannten Dotcom-Blase und der damit verbundenen Geschäftsmodelle suchte die Branche nach neuen Wegen im E-Business. Bis dahin basierten die meisten Online-Anwendungen auf dem World Wide Web, wie es 1989 von Tim Berners-Lee am CERN entwickelt worden ist und bis heute die Grundlage des Internets bildet. Es besteht aus weitgehend statischen HTML-Seiten, die durch Hyperlinks ( → Link) verbunden sind.

Das Web 2.0 stellte eine Rückbesinnung auf die von den Nutzern produzierten Inhalte dar, die damit zu ,Prosumern‘ werden. Lange vor der Erfindung des World Wide Web bildeten solche Inhalte in Instant-Messaging, Chats und Foren die ersten Anwendungen des Internets. Bekannt wurde der Begriff ,Web 2.0‘ durch Tim O’Reilly, den Gründer des gleichnamigen Verlages, und seinen Ende September 2005 veröffentlichten Artikel What is Web 2.0 (Behrendt 2008: 5). Erstmals nachgewiesen ist er bei Scott Dietzen, dem Technischen Direktor von BEA Systems (Knorr 2003: 90).

Zu den typischen Web-2.0-Anwendungen zählen Blogs, Wikis sowie Drittplattformen wie Facebook, Twitter, Instagram oder TikTok, medienspezifische Plattformen wie YouTube oder Soundcloud sowie Plattformen mit spezifischer Funktion wie Xing oder LinkedIn. Mit der Blogtechnologie, einem vereinfachten Content-Management-System (CMS) für chronologisch sortierte Einträge, wurde es für alle Menschen mit Internet-Zugang einfach und ohne HTML-Kenntnisse möglich, Inhalte im Web zu veröffentlichen und sich miteinander zu vernetzen. Das XML-Konzept erlaubt durch die Trennung von Inhalt, Struktur und Design, sogenannte Newsfeeds (RSS oder ATOM) zu abonnieren. Damit wurden regelmäßig aktualisierte Inhalte als Blog oder Podcast im Pull- statt Push-Prinzip möglich.

Das bekannteste Wiki-CMS ist dasjenige von Wikimedia, das hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia steht. Sie startete 2001 und zählt 2019 zu den fünf meistbesuchten Websites weltweit. Alle Beiträge werden kollaborativ von Nutzern mit abgestuften Rechten erarbeitet. Die Wikipedia liefert damit gleichzeitig ein Musterbeispiel für die Schwierigkeiten, die diese Arbeitsweise mit sich bringt: einen hohen Verschleiß an aktiven Nutzer/innen, sogenannte Edit-Wars um die Deutungshoheit für bestimmte Begriffe sowie das Phänomen der ,Sockenpuppen‘, Accounts, hinter denen sich Nutzer unter Pseudonym verbergen, die womöglich mehrfach auf der Plattform unterwegs sind.

Ebenfalls seit Mitte der Nullerjahre kamen Drittplattformen wie StudiVZ auf (das inzwischen bedeutungslos ist), und Anbieter wie die US-amerikanischen Unternehmen Facebook Inc., Twitter Inc. oder das chinesische Unternehmen Bytedance (TikTok) stiegen zu Global Playern auf. Datenschützer kritisieren das Geschäftsmodell, in dem die Nutzer quasi mit ihren Daten zahlen.

Gegenwärtiger Zustand:
Der Begriff Web 2.0 ist inzwischen durch Begriffe wie → ,Social Media‘ oder → ,soziale Netzwerke‘ abgelöst worden (Schmidt 2018: 16ff.). Die für Software-Updates typische Methode, Versionsnummern von 1.0 weiterzuzählen, hat durch den Begriff des Web 2.0 große Verbreitung erfahren. Überall, wo partizipative Formate statt statischer, senderorientierter Massenmedien entwickelt wurden, gab es Einsatzbeispiele für die Versionsangabe 2.0. Die Bandbreite reicht von ,TV 2.0‘ für Internet-Fernsehen über ,Politik 2.0‘ für E-Demokratie und E-Government bis hin zu ,Stasi 2.0‘ für die sogenannte Vorratsdatenspeicherung, also die automatisierte Erfassung und Speicherung von Nutzerdaten in großem Umfang. Ein aktuelles Beispiel (2019) ist eine Kampagne innerhalb der katholischen Kirche, die mehr Rechte und Mitsprachemöglichkeiten für Frauen in der Kirche fordert, unter dem Titel ,Maria 2.0‘.

Forschungsstand:
Für den Journalismus gewinnen die partizipativen Formate online zunehmend an Bedeutung. „In der intelligenten Einbindung des Publikums könnte die Zukunft des professionellen Journalismus liegen.“ Damit schließt Christoph Neuberger schon 2012 seinen Forschungsüberblick zum Bürgerjournalismus (Neuberger 2012: 76). Noch fehlt es an standardisierbaren Abläufen und Modellen für das Einbinden partizipativer Formate in journalistische Produkte, „die den klassischen Journalismus ergänzen, nicht ihn ersetzen sollen“ (Hooffacker 2018: 33).

Die Mediennutzungsforschung belegt eine zunehmende Bedeutung der sozialen Netzwerke. So heißt es in der ARD-ZDF-Online-Studie 2019: „Online-Communitys bzw. → Social Media werden von einem Viertel der Bevölkerung täglich genutzt. Gegenüber der E-Mail ist die Verwendung von Social Media für 59 Prozent der 14- bis 29-Jährigen tägliche Praxis, wohingegen nur ein Drittel der 30- bis 49-Jährigen täglich auf Social-Media-Angebote zugreift (31 %).“ (Beisch et al. 2019: 383). Dabei unterliegt die Nutzung der unterschiedlichen Plattformen einem raschen Wechsel.

Kritische Stimmen kommen aus dem Bereich der Medienpädagogik. Tilmann Sutter bezweifelt den Charakter des Web 2.0 als „Mitmachnetz“ (Sutter 2010: 56). Jan-Hinrik Schmidt sieht in seinem Standardwerk Social Media das partizipative und Vernetzungspotenzial des Internets als Abbild vernetzter Gesellschaften: „Wir leben in einer Gesellschaft der vernetzten Individualität. Das Internet, und die sozialen Medien im Speziellen, sind die perfekten Technologien für diese Form der Gesellschaft.“ (Schmidt 2018: 114).

Literatur:

Behrendt, Jens; Klaus Zeppenfeld. Web 2.0. Berlin/Heidelberg: [Springer] 2008.

Beisch, Natalie; Wolfgang Koch; Carmen Schäfer: ARD/ZDF-Onlinestudie 2019: Mediale Internetnutzung und Video-on-Demand gewinnen weiter an Bedeutung. In: Media-Perspektiven 9/2019. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/files/2019/0919_Beisch_Koch_Schaefer.pdf, 2019, S. 374-388.

Blumauer, Andreas; Tassilo Pellegrini: Social Semantic Web. Web 2.0 – Was nun? Berlin/Heidelberg: [Springer] 2009.

Hooffacker, Gabriele: Bürgerreporter: zwischen Partizipation und professioneller Redaktion. Formate des Bürgerjournalismus im Lokalfernsehen. In: Journalistik 3/2018, S. 22-35, https://journalistik.online/aufsatz/buergerreporter-zwischen-partizipation-und-professioneller-redaktion/ [01.12.2019]

Knorr, Eric: The Year Of Web Services. In: CIO, 15.12.2003, S. 90, https://books.google.de/books?id=1QwAAAAAMBAJ&lpg=PA90&hl=de&pg=PA90#v=onepage&q&f=false [30.11.2019]

Neuberger, Christoph: Bürgerjournalismus als Lösung? Empirische Ergebnisse zu den journalistischen Leistungen von Laienkommunikation. In: Jarren, Otfried; Matthias Künzler; Manuel Puppis (Hrsg.): Medienwandel oder Medienkrise? Folgen für Medienstrukturen und ihre Erforschung. Baden-Baden [Nomos] 2012, S. 53-76.

Schmidt, Jan-Hinrik: Social Media. 2. Auflage. Wiesbaden: [Springer VS] 2018.

Sutter, Tilmann: Medienkompetenz und Selbstsozialisation im Kontext Web 2.0. In: Herzig, Bardo (Hrsg.): Jahrbuch Medienpädagogik 8. Medienkompetenz und Web 2.0. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010.